Der kleine Pepe und die bösen Drei
„Wuff!“, bellte der Hund. „Wuff! Wuff!.“ Aufgeregt kläffend und mit wedelndem Schwanz rannte er um den kleinen Pepe herum. Etwas hatte angebissen. Ein kräftiger Ruck ging durch die Fischerleine und der Junge wäre beinahe in den Weiher gestürzt, hätte sich der Hund nicht noch im letzten Moment an seinem Hosenlatz festgebissen. Die Fischerleine bis zum Zerreißen gespannt musste Pepe ackern wie ein kleiner Ochse, bis es ihm endlich gelang, den widerspenstigen Fang aus dem Wasser zu zerren.
„Wuff!“, bellte da der Hund und fletschte seine Zähne. „Wuff! Wuff!“
Während Pepe seinen Fang begutachtete, trat plötzlich ein großer Mann an den Weiher. Lautlos war er aufgetaucht und stand einfach so da, eine breite, runde Gestalt im Zwielicht der Dämmerung. Weit und breit nannte man ihn nur den „Saubauern“, da er durch die Schweinezucht zu großem Reichtum gekommen war. Und tatsächlich war er auch selber dick und rund wie eins seiner Mastschweine, die er am sonntäglichen Markt mit krakeelender Stimme anzupreisen pflegte und noch dazu behaart und beschnäuzt wie ein Eber aus dem Wald. Manche Leute nannten ihn auch den alten „Fotzenhobel“, doch dies ist eine andere Geschichte.
Der Saubauer tupfte sich sein glänzendes Gesicht ab und watschelte auf Pepe zu. „Na, hast du deiner Großmutter einen fetten Fisch gefangen“, feixte er und äugte neugierig auf das tropfende Ding, das der kleine Junge da eben aus dem Wasser gezerrt hatte. „Heiliger Schweinehoden“, polterte er, als er es denn gesehen hatte und sein ohnehin schon rundes Gesicht wurde vor Erstaunen noch runder, „Nanu! Was ist denn das?“
Angelockt von den Rufen des fetten Bauern gesellte sich nun noch ein zweiter Mann zum Wasser, der schon zuvor verstohlen durch das Gebüsch gelinst hatte und sich nun mit seltsam staksendem Gang Pepe und dem Saubauern näherte. Der Mann war ein Angestellter des Saubauern, genauer gesagt der Pedell der so genannten „Sauakademie“, einer Institution, die der Saubauer ins Leben gerufen hatte, um junge aufstrebende Talente in der Kunst der Schweinemast zu unterrichten. Meist wurde der Pedell aber nur die „Gottesanbeterin“ genannt, da sein dreieckiges Gesicht, seine großen Facettenaugen sowie auch seine Körperform und seine Extremitäten verblüffende Ähnlichkeiten mit demselbigen Insekt aufwiesen. Es war stets mit seinen beiden großen geschwungenen Sicheln anzutreffen, die er äußerst geschickt bei der Kastration von jungen Ebern einzusetzen wusste und genau in der Art zu halten pflegte, wie es auch Gottesanbeterinnen mit ihren Fängen tun, wenn sie sich auf einem Stein auf die Lauer legen.
Jetzt sah auch der Pedell das Ding, das der kleine Pepe da eben aus dem Wasser gezerrt hatte. „Du meine Güte“, rief er und musste sich sogar kurz setzen, da ihm vor Schreck ganz blömerant wurde.
Just in diesem Moment trat noch eine dritte Gestalt an das Ufer. Es handelte sich dabei um die Großmutter von Pepe, die ein steinaltes und ausgesprochen hässliches Weib war, mit weißen Hexenhaaren und einer Haut so verschrumpelt wie ein vertrockneter Regenwurm. Mit penetrant lauter, krächzender bis kreischender Stimme, wie sie für ältere Frauen mit beginnender Taubheit typisch ist, begann sie nach ihrem Enkel zu rufen, dass er endlich nach Hause kommen sollte. Sie konnte sich nur sehr langsam vorwärts bewegen, da sie neben ihrer Taubheit auch noch schlecht sah und zudem auf einem Bein lahmte. Zudem erschwerte ihr ein gerade zu grotesk großer Buckel das Fortkommen. Ungeachtet aber ihrer altersbedingten Handicaps war sie aber ein lebenserfahrenes, weises, altes Weib, das schon weit in der Welt herumgekommen war und so manches erlebt hatte, woran jüngere Generationen nicht im Traum zu denken wagten. Der Saubauer und sein Pedell atmeten jedenfalls erleichtert auf, als sie die Großmutter näher kommen sahen. Vielleicht konnte ja sie Licht in die Angelegenheit bringen.
„Ei, du bist mir ein rechter Schnapphahn!“, rief sie aus und gab dem kleinen Pepe eins hinter die Löffel, als sie gesehen hatte, was er da eben aus dem Wasser gezerrt hatte. „Was hast du da gefangen? Lausbub!“
Das Ding, das Pepe da eben gefangen hatte, hatte es sich in seinen Armen mittlerweile sehr bequem gemacht. Er hatte es von dem Fischerhaken befreit und tätschelte ihm liebevoll den Kopf. Es hatte entfernte Ähnlichkeiten mit einem kleinen, fetten Krokodil, dazu rhabarberartige Flossen und eine platte Schnauze. Die Liebkosungen des kleinen Jungen schienen ihm sehr zu behagen, wie man an seinem zufriedenen Gurren und Schnurren hören konnte.
„Gut, dass Sie gekommen sind, verehrte Großmutter“, flüsterte der Saubauer. „Sehen Sie sich nur dieses garstige Ding an!“
Nachdem die Großmutter sich das Tier eingehend angesehen hatte, wurde ihr die Sache bald klar: „Das ist ein Leviathan. Im Volksmund auch Teufelsgecko genannt. Sehr selten. Scheint noch im Larvenstadium zu sein. Im Erwachsenenzustand ungeheuer fressgierig und böse. Am besten schlagen wir es schnell tot und werfen es zurück in seinen Pfuhl.“
„Eine ausgezeichnete Idee“, stimmte der Saubauer zu. „Mein Pedell und ich können das sogleich mit unserem Equipment erledigen“.
Dabei spann der gewiefte Saubauer bereits Pläne, wie er den Leviathan, hatten sie ihn erstmal geschlachtet, gewinnbringend verwerten konnte. Denn wenn das Tier wirklich so selten war, wie die Großmutter sagte, ließ sich damit sicherlich ein fetter Reichbach machen. Er konnte sich etwa gut vorstellen, das Fleisch zu einer wohlschmeckenden Pastete zu verarbeiten und als Delikatesse zu verkaufen. Die Zähne ließen sich womöglich zu einem Pulver zermahlen, das – vermengt mit dem Blut und Samen eines Ebers - als potenzsteigerndes Mittel an den Mann gebracht werden konnte und aus der ledrigen Haut des Ungeheuers ließe sich wohl eine schicke Handtasche fertigen, für die ein junges Fräulein zweifellos bereit wäre, einen stattlichen Preis zu entrichten.
Die zotige Großmutter gab dem Saubauern jedenfalls gerne ihre Zustimmung, denn sie wollte endlich nach Hause, damit sie von dem kleinen Pepe ihren täglichen Gute-Nacht-Kuss empfangen konnte.
Der Saubauer packte also den Leviathan am Schlafittchen und riss ihn dem Jungen aus den Händen. „Heeeee“, rief Pepe vorwurfsvoll, denn er wollte seinen neuen Freund unbedingt behalten, der viel besser war als sein langweiliger blöder Hund. Aber der Saubauer kümmerte sich nicht um das Geweine und Geplärre des Jungen. Auf einer kleinen, mobilen, ausklappbaren Schlachtbank wollten er und sein Pedell den Leviathan schlachten. Mit Tränen in den Augen blickte Pepe auf die Großmutter, aber von ihr war keine Hilfe zu erwarten, denn sie billigte das schändliche Vorgehen des Saubauern.
Auch der kleine Leviathan war gar nicht froh darüber, nicht mehr in den Armen Pepes strawanzen zu können. Er quakte missgelaunt. Dass ihn der Saubauer festschnallte, damit ihn der Pedell mit seinen scharfen, geschwungenen Sicheln abstechen konnte, gefiel ihm ganz und gar nicht und so biss er dem Saubauern kräftig in den Finger.
„Auweh“ schrie der Saubauer und versuchte den Leviathan abzuschütteln, doch dieser hatte, trotz seines jungen Alters bereits ein gut entwickeltes Gebiss und ein kräftiges Kiefer und ließ nicht so schnell locker. In seiner Not wirbelte ihn der fette Saubauer wie einen Kreisel im Kreis herum und klatschte ihn gegen einen Baum, doch der Leviathan zeigte sich davon gänzlich unbeeindruckt. KRACKS machte es da und ab war der Finger des Saubauern. Eine Fontäne schwarzen Blutes spritzte durch die Luft und besudelte ihn und seinen Pedell mit schleimigen Schlieren. Kreidebleich sank der Saubauer zu Boden und musste von dem Pedell mit einem Schnupftuch verarztet werden.
Aber noch bevor der Leviathan den Finger fertig verspeist hatte und zu dem kleinen Pepe zurückhuschen konnte, hatte ihm die Großmutter schon mit einer für ihr Alter erstaunlich flinken Blutgrätsche den Weg abgeschnitten und packte ihn am Schwanz. „So, Spitzbube, hab ich dich. Jetzt hast du genug Schabernack getrieben. Sie nur, wie du den guten Saubauern zugerichtet hast!“ zeterte das zotige Weib und verwies auf den voluminösen Bauern, der seufzend in seinem Blute lag. Durch dessen Malheur vorgewarnt hielt sie den Leviathan in einer besonderen Weise am Schwanz, sodass dessen Beißen und Schnappen ziellos in der Luft verpuffte. Jetzt – wo er hilflos herumzappelte – wollte sie ihm mit einem großen, flachen Stein den Schädel einschlagen. Aber bevor sie ihr Werk vollenden konnte, spritzte ihr der Leviathan plötzlich aus einer verborgenen Drüse in seinem After eine ätzende Flüssigkeit ins Gesicht, sodass sie geblendet und unter schlimmen Schmerzen zu Boden ging.
„Au! Au! Au!“ schrie die Großmutter in ihrer Pein, da ihr die Säure tief ins Fleisch fraß und ihr den Schädel bis auf den Knochen abnagte. Ihr Wehklagen mischte sich mit den mittlerweile zu einem Todesröcheln verhauchten Wimmern des Saubauern, der sich in einer immer größer werdenden Blutlache suhlte. Jetzt konnte der Leviathan endlich zurück in die Arme des kleinen Pepe huschen, der ihn ob seiner Rückkehr überglücklich küsste und herzte. Er brannte darauf nach Hause zurückzukehren und seinem neuen, lustigen Spielkameraden ein Nest unter seinem Bett zu bauen.
Doch bevor er weglaufen konnte, versperrte ihm plötzlich eine insektenhafte Gestalt in den Weg. Bedrohlich, mit den beiden geschwungenen Sicheln in den Händen und quecksilbrig hervorquellenden Augäpfeln, bäumte sich der Pedell vor Pepe und dem Leviathan auf. Er hatte seinem Herrn und Meister, dem Saubauern, versprochen, dass er seinen Tod rächen würde und war nun zum Äußersten bereit, gleichwohl er sich vor Angst fast in die Hosen machte. Hatte er doch mit ansehen müssen, wie übel der Leviathan den Saubauern und die Großmutter zugerichtet hatte. Aber fest entschlossen Blut mit Blut zu vergelten, blieb er vor den beiden stehen, störrisch wie ein Palmesel.
Da trat ihm der kleine Pepe kräftig in die Hoden, denn er war ein rechter Lausbub, sodass der Pedell winselnd zu Boden ging und sich zu seinen Spießgesellen in den Morast gesellte. Jetzt konnte Pepe mit dem Leviathan endlich nach Hause laufen und freute sich sehr darüber, dass er einen neuen Spielgefährten gefunden hatte und alles noch einmal gut ausgegangen war. Seinen langweiligen, blöden Hund aber ließ er zurück am Weiher, denn für ihn hatte er keine Verwendung mehr.