„Papa“, sagte der kleine Junge. „Papa. Papa. PAPA!“
„Jaaa…“, brummte der Vater, der widerwillig aus dem Schlaf erwachte, „Was ist denn, mein Sohn?“
„Papa“, sagte der kleine Junge noch einmal und seine Stimme klang kläglich. „Papa, Papa. Ich habe Angst.“
„Ach Sohn“, antwortete der Vater sanft, „Wovor fürchtest du dich denn?“
„Mir ist kalt und es ist dunkel“, rief der kleine Sohn aufgeregt. „Wo sind wir? Was wird mit uns passieren?“
Der Vater seufzte. Er ließ sich mit der Antwort viel Zeit. „Mein Sohn“, sagte er schließlich, „Zunächst einmal sind wir in einer Höhle. Deshalb ist es dunkel. Es ist kalt, weil draußen Winter ist und wir uns zudem recht hoch in den Bergen aufhalten. Das ist alles natürlich und nicht weiter schlimm. Du musst dir deshalb keine Sorgen zu machen. Was deine zweite Frage betrifft – was mit uns passieren wird – so besteht schon eher Grund zur Sorge. Ich wünschte du hättest mich nicht gefragt“. Der Vater nahm einen tiefen Atemzug: „Sohn - ich sage es dir ganz offen. Es sieht nicht gut für uns aus. Es ist gut möglich, dass wir in den nächsten 10 – 15 Minuten eines gewaltsamen, grausamen Todes sterben müssen.“
Der Sohn war erschrocken. „Aber Papa!“, jammerte er, „Papa. Papa. Papa!“
„Sohn“, sagte der Vater und nun klang seine Stimme ernst, bestimmt, „Manche Dinge kann man eben nicht ändern. Wir müssen alle einmal sterben, manche früher, manche später. Manchen sterben friedlich im Bett, manche werden brutal aus ihren Leben gerissen. Wir - und ersterer Fall trifft vor allem auf dich zu, mein Sohn – sterben nicht nur sehr jung, sondern dazu auch noch äußerst gewaltsam. Das ist schade, aber es ist eben so. Ich hätte auch gerne noch ein paar Jährchen gelebt. Nun lass mich bitte weiter meinen Todesschlaf schlafen.“
Der Vater drehte sich wieder weg und schloss die Augen. Der Sohn wollte sich jedoch nicht mit dieser Antwort zufrieden geben. Er begann zu quengeln. „Papa“, quäkte er, „Ich will nach Hause. Und wo ist eigentlich Mama?“
Der Vater seufzte abermals. Diesmal war das Seufzen bedeutend tiefer und gramerfüllter, als es noch zuvor gewesen war. Es klang wie eine Erschütterung auf den Tiefen des Meeresgrundes, ausgelöst durch einen gesunkenen Schiffsrumpf, der mit einem dumpfen Laut am Boden auftrifft und eine Wolke aus Sand und Morast in die Höhe schleudert.
„Sohn.“, sagte der Vater. „Mama ist bei Gott. Sie singt nun mit den Engeln.“
Der Sohn kapierte überhaupt nichts. Er fragte gleich weiter. Er war gerade in dem Alter, in dem Kinder zwar nichts kapieren, aber trotzdem alles wissen wollen.
„Papa“, fragte er, „Was ist das eigentlich für eine Höhle? Und warum hängen wir mit dem Kopf nach unten von der Decke?“
„Sohn.“ Der Vater klang plötzlich ungeduldig. „Wir sind wir in der Höhle des Schneemenschen. Er hat uns beim Schifahren überfallen und verschleppt. Wir hängen kopfüber von der Decke herab, weil er uns so aufgehängt hat. Ich habe eine blutende Platzwunde am Kopf und kann durch mein verquollenes Auge nur schlecht sehen. Wahrscheinlich hab ich auch ein paar gebrochene Wirbel und Rückenmarksverletzungen, denn ich kann meine ganze linke Körperhälfte nicht mehr bewegen. Mama hat der Schneemensch in die Tiefen seiner Höhle verschleppt und wahrscheinlich aufgefressen oder noch Schlimmeres mit ihr angestellt. Im Moment warten wir darauf, dass er zurückkommt und uns Ähnliches widerfährt.“
Jetzt war der Sohn erst recht neugierig geworden. Er fragte weiter: „Papa, was ist denn ein Schneemensch?“
„Ein Schneemensch“, antwortete der Vater und nur mehr mühsam konnte er einen Anflug von Ärger unterdrücken - er war nämlich überhaupt nicht in der Stimmung seinem Sohn zu dozieren, der in beispielloser Penetranz sein Ruhebedürfnis ignorierte.
„Ein Schneemensch“, so fuhr er gepresst fort, „ist ein zottiges Ungeheuer, das in den Bergen lebt, meistens oberhalb der Schneegrenze. Deshalb auch der Name Schneemensch. Wie wir sehen konnten, hat er einen aufrechten, menschenähnlichen Gang und ähnelt prähistorischen Uraffenmenschen, die früher auf der Erde lebten und wie du sie aus deinen Sachbüchern kennst. Außerdem verfügt er über wehrhafte Klauen und ein äußerst kräftiges Gebiss. Bisher wurden erst wenige Exemplare dieser Spezies gesichtet und deshalb ist auch wenig über sie bekannt.“
Für einen kurzen Augenblick war der Junge beschäftigt. Hinter seiner flachen Stirn arbeitete es. Seine kognitiven Fähigkeiten waren noch begrenzt und er brauchte eine Zeitlang, um das aufgenommene Wissen zu interpretieren und in seine bestehenden Wissensbestände zu integrieren.
„Papa“, sagte er schließlich „Weißt du noch damals in Griechenland? Als wir Urlaub auf dem Zypressenhügel gemacht haben und du und Mama Sirtaki getanzt habt? Meinst du wir hätten dieses Jahr wieder nach Griechenland ans Meer fahren sollen?“
„Sohn“, der Vater knirschte mit den Zähnen, „Wir wollten heuer in Tirol Schi fahren. Es war dein ausdrücklicher Wunsch.“
Der Sohn erinnerte sich. Er beschloss das Thema zu wechseln. Seine Stimme nahm wieder eine quengelnd bohrende Tonlage an:
„Papa! Mir rinnt das Blut in meinem Kopf zusammen. Können wir nicht endlich gehen?“
Der Vater wurde nun richtig wütend. „Junge“, sagte er und seine Stimme klang barsch, „Halt nun endlich deinen Mund. Kannst du nicht versuchen mit ein wenig Würde zu sterben?“
Der Sohn wollte gerade zu einer Antwort ansetzen als just in diesem Moment der Schneemensch auftauchte. Er war tatsächlich groß und zottig und hatte Ähnlichkeiten mit einem prähistorischen Riesenaffen. Er trug einen Tirolerhut und eine Lederhose, aus deren Gesäßtasche die Spitzen eines altrosafarbenen Taschentuchs baumelten. Auffällig an seiner Erscheinung war das Vorhandensein von nur einem Auge, das ähnlich wie bei einem Zyklopen oder Figuren aus japanischen Zeichentrickserien sehr groß ausgeprägt war und mit dem er Vater und Sohn treuherzig anguckte. Unübersehbar war auch das krumme Horn eines Bockes, das ihm über dem glotzenden Auge in elliptisch aufsteigender Form seiner behaarten Stirn entwuchs und – nicht zuletzt – jenes Ding, das aus seinem rechten Mundwinkel hing - halb verdeckt von dem verfilzten Rauschebart, der um sein breites Kinn rankte – und das eindeutig als das das bleiche, zerkaute Bein einer Frau identifiziert werden konnte.
„Papa! Papa!“, krähte der Junge aufgeregt, „Ist das der Schneemensch?“
Nun schien der Sohn mit seinen unreflektierten Fragen das Fass zum Überlaufen gebracht zu haben. Mit seiner ungelähmten Seite holte der Vater zum Schlag aus und ein lautes Klatschen erschallte in der Höhle.
„AUAUAUU“, jammerte der Sohn sogleich, während sich auf seiner Backe der rote Abdruck von des Vaters Hand abzuzeichnen begann.
Der Schneemensch verfolgte die väterliche Züchtigung interessiert und kaute weiter an dem wächsernen Stück Bein herum. Schließlich saugte er es wie eine lange Suppennudel auf, sodass es mit einem Schmatzen in seinem Rachen verschwand. Er sagte:
„UCKTUB URZOCK RUCHTUL BNUCK! ORCHTUM ZTACK SURTUR BTUCK!“
Es war schneemännisch. Es hieß so viel wie „Ich werde euch Menschen jetzt fressen.“
Dann verschwand er im Dunkel der Höhle, wo er klappernd mit irgendwelchen Gerätschaften hantierte und schließlich einen großen, rußgeschwärzten Kochtopf zum Vorschein brachte. Er hängte ihn über eine Feuerstelle und begann auf einem Feuerstein Funken zu schlagen, die er auf trockenes Stroh überspringen ließ. Konzentriert brütete über der Feuerstelle.
Der Sohn wimmerte immer noch wegen der Züchtigung. „Entschuldige, mein Sohn“, sagte der Vater, dem seine unbedachte Reaktion nun leid tat. „Das wird nicht wieder vorkommen.“
Mittlerweile hatte es der Schneemensch geschafft ein kleines Feuer zu erzeugen. Geschickt fächelte und pustete er in die Flammen, sodass bald sämige Rauchschwaden die Höhle erfüllten.
Der Sohn beruhigte sich wieder. „Papa, war das Mamas Bein, das der Schneemensch gefressen hat?“, fragte er, aber der Vater ignorierte ihn. Die Betrachtung des Schneemenschs nahm ihn sehr in Anspruch. Das Untier hatte nun begonnen ein schartiges Schlachtermesser zu wetzen. Es ähnelte einer überdimensionalen Machete, wie sie etwa auf Dschungelexpeditionen verwendet wird. (Dem geistigen Auge des Vaters entsprang kurz die bizarre Vision, wie sich der Schneemensch in khakifarbener Montur und mit Tropenhelm durch den Dschungel kämpfte und durch eine Lupe unentdeckte Tier- und Pflanzenarten erforschte).
Endlich hatte der Schneemensch sein Messer lange genug geschärft und wandte sich seinen Gefangenen zu.
„Gut, mein Sohn, jetzt ist es Zeit Abschied zu nehmen.“, sagte der Vater und atmete tief durch. „Schade, dass du so jung sterben musst. Ich hoffe du hattest ein erfülltes Leben. Und noch einmal Entschuldigung wegen der Ohrfeige.“ Er schloss die Augen in Erwartung des tödlichen Hiebes. Der Sohn quengelte irgendetwas.
Jedoch – sehr zur Überraschung aller Beteiligten - der Todesstoß blieb aus. Noch bevor die Machete nämlich Vater und Sohn zerfetzen konnte, ertönten von draußen raue Männerstimmen und Fußgetrappel. Der Schneemensch – durch die plötzliche Störung aus dem Konzept gebracht - hielt in der Bewegung inne und guckte verdutzt in Richtung Höhleneingang. Der Umriss von einer Gruppe von Männern tauchte dort auf. Es waren ungeschliffene, bärtige Männer mit schnapsglänzenden Augen und rauchenden Flinten, die in traditionelle Trachten gekleidet in die Höhle stürmten. Es waren die Tiroler Schützen, die gekommen waren, um Vater und Sohn zu retten. Angst spiegelte sich in dem großen Auge des Schneemenschs. Jäh ließ er das Messer fallen und flüchtete sich in den dunklen Stollengang der Höhle.
Die Schützen hatten die Lage sogleich im Griff. Ein paar blieben bei Vater und Sohn stehen und schnitten die Schnüre durch, an denen sie der Schneemensch aufgehängt hatte. Die anderen machten sich zur Verfolgung des Ungeheuers in den dunklen Gang auf.
Einer der Tiroler Schützen sagte etwas in seiner Landessprache. Auch wenn Vater und Sohn die rauen und polternden Laute nicht verstanden, waren sie dennoch sehr erleichtert. Sie waren gerettet.
Ein grimmig aussehender Schütze reichte dem Vater eine Flasche Schnaps zur Kräftigung. Dankbar nahm der Vater die Pulle und trank große Schlucke. Der Schnaps tat ihm gut. Er schenkte ihm nicht nur die nötige Entspannung, nach der sich sein geplagter Körper in dieser stressigen Situation sehnte, er heilte auch seine gebrochenen Rückenwirbel und Rückenmarksverletzungen, die er sich zuvor zugezogen hatte.
Erstaunt und erfreut über die wundersame Wirkung des Destillats lachte der Vater laut auf. Der Tiroler lachte ebenfalls und tätschelte dem Vater freundschaftlich den Rücken. Auch der Sohn lachte grundlos mit. Er war zwar noch zu jung für den Schnaps, durfte aber, während sie ins Tal gebracht wurden, mit einer der rauchenden Flinten spielen, worüber er sich sehr freute.
So verließen Vater und Sohn die Höhle des Wahnsinns. Sie waren noch einmal mit dem Schrecken davon gekommen. Urlaub in Tirol machten sie jedoch nie wieder.