Ode an die Erde

klippo

Erde, anmutige Mutter,

Friedlich ruhst du in einem Meer aus Sternen

Und hüllst dich in den schwarzen Samt

Des Kosmos.


 

In deinen Augen aus Quarz

Spiegelt sich

Die Reinheit und Schönheit der Welt,

Während sich dein kristallenes Blut

Durch basaltenes Adergeflecht wälzt

Und in Ozeanen sammelt,

Wo Fisch- und Vogelschreie sich mit dem

Gesang deines Herzschlages mischen.


 

Gütig und sanft bist du,

Doch tief in dir, fast vergessen,

Schwelt ein feuriger Kelch,

Der – einmal durch Unachtsamkeit gereizt -

Zu Temperament erwächst

Und seine archaische Wut ausschüttet.

Sie wird deine Kinder gewaltsam treffen,

Sie töten und vernichten

Bis sich ihre gekrümmten Seelen für immer

Von deinem Antlitz verflüchtigt haben.


 

Dann werden sie begreifen,

Was sie dir,

Ihrer Mutter,

Angetan haben.

Die Höhle des Wahnsinns

klippo

„Papa“, sagte der kleine Junge. „Papa. Papa. PAPA!“

„Jaaa…“, brummte der Vater, der widerwillig aus dem Schlaf erwachte, „Was ist denn, mein Sohn?“

„Papa“, sagte der kleine Junge noch einmal und seine Stimme klang kläglich. „Papa, Papa. Ich habe Angst.“

„Ach Sohn“, antwortete der Vater sanft, „Wovor fürchtest du dich denn?“

„Mir ist kalt und es ist dunkel“, rief der kleine Sohn aufgeregt. „Wo sind wir? Was wird mit uns passieren?“

Der Vater seufzte. Er ließ sich mit der Antwort viel Zeit. „Mein Sohn“, sagte er schließlich, „Zunächst einmal sind wir in einer Höhle. Deshalb ist es dunkel. Es ist kalt, weil draußen Winter ist und wir uns zudem recht hoch in den Bergen aufhalten. Das ist alles natürlich und nicht weiter schlimm. Du musst dir deshalb keine Sorgen zu machen. Was deine zweite Frage betrifft – was mit uns passieren wird – so besteht schon eher Grund zur Sorge. Ich wünschte du hättest mich nicht gefragt“. Der Vater nahm einen tiefen Atemzug: „Sohn - ich sage es dir ganz offen. Es sieht nicht gut für uns aus. Es ist gut möglich, dass wir in den nächsten 10 – 15 Minuten eines gewaltsamen, grausamen Todes sterben müssen.“

Der Sohn war erschrocken. „Aber Papa!“, jammerte er, „Papa. Papa. Papa!“

„Sohn“, sagte der Vater und nun klang seine Stimme ernst, bestimmt, „Manche Dinge kann man eben nicht ändern. Wir müssen alle einmal sterben, manche früher, manche später. Manchen sterben friedlich im Bett, manche werden brutal aus ihren Leben gerissen. Wir - und ersterer Fall trifft vor allem auf dich zu, mein Sohn – sterben nicht nur sehr jung, sondern dazu auch noch äußerst gewaltsam. Das ist schade, aber es ist eben so. Ich hätte auch gerne noch ein paar Jährchen gelebt. Nun lass mich bitte weiter meinen Todesschlaf schlafen.“

Der Vater drehte sich wieder weg und schloss die Augen. Der Sohn wollte sich jedoch nicht mit dieser Antwort zufrieden geben. Er begann zu quengeln. „Papa“, quäkte er, „Ich will nach Hause. Und wo ist eigentlich Mama?“

Der Vater seufzte abermals. Diesmal war das Seufzen bedeutend tiefer und gramerfüllter, als es noch zuvor gewesen war. Es klang wie eine Erschütterung auf den Tiefen des Meeresgrundes, ausgelöst durch einen gesunkenen Schiffsrumpf, der mit einem dumpfen Laut am Boden auftrifft und eine Wolke aus Sand und Morast in die Höhe schleudert.

„Sohn.“, sagte der Vater. „Mama ist bei Gott. Sie singt nun mit den Engeln.“

Der Sohn kapierte überhaupt nichts. Er fragte gleich weiter. Er war gerade in dem Alter, in dem Kinder zwar nichts kapieren, aber trotzdem alles wissen wollen.

„Papa“, fragte er, „Was ist das eigentlich für eine Höhle? Und warum hängen wir mit dem Kopf nach unten von der Decke?“

„Sohn.“ Der Vater klang plötzlich ungeduldig. „Wir sind wir in der Höhle des Schneemenschen. Er hat uns beim Schifahren überfallen und verschleppt. Wir hängen kopfüber von der Decke herab, weil er uns so aufgehängt hat. Ich habe eine blutende Platzwunde am Kopf und kann durch mein verquollenes Auge nur schlecht sehen. Wahrscheinlich hab ich auch ein paar gebrochene Wirbel und Rückenmarksverletzungen, denn ich kann meine ganze linke Körperhälfte nicht mehr bewegen. Mama hat der Schneemensch in die Tiefen seiner Höhle verschleppt und wahrscheinlich aufgefressen oder noch Schlimmeres mit ihr angestellt. Im Moment warten wir darauf, dass er zurückkommt und uns Ähnliches widerfährt.“

Jetzt war der Sohn erst recht neugierig geworden. Er fragte weiter: „Papa, was ist denn ein Schneemensch?“

„Ein Schneemensch“, antwortete der Vater und nur mehr mühsam konnte er einen Anflug von Ärger unterdrücken - er war nämlich überhaupt nicht in der Stimmung seinem Sohn zu dozieren, der in beispielloser Penetranz sein Ruhebedürfnis ignorierte.

„Ein Schneemensch“, so fuhr er gepresst fort, „ist ein zottiges Ungeheuer, das in den Bergen lebt, meistens oberhalb der Schneegrenze. Deshalb auch der Name Schneemensch. Wie wir sehen konnten, hat er einen aufrechten, menschenähnlichen Gang und ähnelt prähistorischen Uraffenmenschen, die früher auf der Erde lebten und wie du sie aus deinen Sachbüchern kennst. Außerdem verfügt er über wehrhafte Klauen und ein äußerst kräftiges Gebiss. Bisher wurden erst wenige Exemplare dieser Spezies gesichtet und deshalb ist auch wenig über sie bekannt.“

Für einen kurzen Augenblick war der Junge beschäftigt. Hinter seiner flachen Stirn arbeitete es. Seine kognitiven Fähigkeiten waren noch begrenzt und er brauchte eine Zeitlang, um das aufgenommene Wissen zu interpretieren und in seine bestehenden Wissensbestände zu integrieren.

„Papa“, sagte er schließlich „Weißt du noch damals in Griechenland? Als wir Urlaub auf dem Zypressenhügel gemacht haben und du und Mama Sirtaki getanzt habt? Meinst du wir hätten dieses Jahr wieder nach Griechenland ans Meer fahren sollen?“

„Sohn“, der Vater knirschte mit den Zähnen, „Wir wollten heuer in Tirol Schi fahren. Es war dein ausdrücklicher Wunsch.“

Der Sohn erinnerte sich. Er beschloss das Thema zu wechseln. Seine Stimme nahm wieder eine quengelnd bohrende Tonlage an:

„Papa! Mir rinnt das Blut in meinem Kopf zusammen. Können wir nicht endlich gehen?“

Der Vater wurde nun richtig wütend. „Junge“, sagte er und seine Stimme klang barsch, „Halt nun endlich deinen Mund. Kannst du nicht versuchen mit ein wenig Würde zu sterben?“

Der Sohn wollte gerade zu einer Antwort ansetzen als just in diesem Moment der Schneemensch auftauchte. Er war tatsächlich groß und zottig und hatte Ähnlichkeiten mit einem prähistorischen Riesenaffen. Er trug einen Tirolerhut und eine Lederhose, aus deren Gesäßtasche die Spitzen eines altrosafarbenen Taschentuchs baumelten. Auffällig an seiner Erscheinung war das Vorhandensein von nur einem Auge, das ähnlich wie bei einem Zyklopen oder Figuren aus japanischen Zeichentrickserien sehr groß ausgeprägt war und mit dem er Vater und Sohn treuherzig anguckte. Unübersehbar war auch das krumme Horn eines Bockes, das ihm über dem glotzenden Auge in elliptisch aufsteigender Form seiner behaarten Stirn entwuchs und – nicht zuletzt – jenes Ding, das aus seinem rechten Mundwinkel hing - halb verdeckt von dem verfilzten Rauschebart, der um sein breites Kinn rankte – und das eindeutig als das das bleiche, zerkaute Bein einer Frau identifiziert werden konnte.

„Papa! Papa!“, krähte der Junge aufgeregt, „Ist das der Schneemensch?“

Nun schien der Sohn mit seinen unreflektierten Fragen das Fass zum Überlaufen gebracht zu haben. Mit seiner ungelähmten Seite holte der Vater zum Schlag aus und ein lautes Klatschen erschallte in der Höhle.

„AUAUAUU“, jammerte der Sohn sogleich, während sich auf seiner Backe der rote Abdruck von des Vaters Hand abzuzeichnen begann.

Der Schneemensch verfolgte die väterliche Züchtigung interessiert und kaute weiter an dem wächsernen Stück Bein herum. Schließlich saugte er es wie eine lange Suppennudel auf, sodass es mit einem Schmatzen in seinem Rachen verschwand. Er sagte:

„UCKTUB URZOCK RUCHTUL BNUCK! ORCHTUM ZTACK SURTUR BTUCK!“

Es war schneemännisch. Es hieß so viel wie „Ich werde euch Menschen jetzt fressen.“

Dann verschwand er im Dunkel der Höhle, wo er klappernd mit irgendwelchen Gerätschaften hantierte und schließlich einen großen, rußgeschwärzten Kochtopf zum Vorschein brachte. Er hängte ihn über eine Feuerstelle und begann auf einem Feuerstein Funken zu schlagen, die er auf trockenes Stroh überspringen ließ. Konzentriert brütete über der Feuerstelle.

Der Sohn wimmerte immer noch wegen der Züchtigung. „Entschuldige, mein Sohn“, sagte der Vater, dem seine unbedachte Reaktion nun leid tat. „Das wird nicht wieder vorkommen.“

Mittlerweile hatte es der Schneemensch geschafft ein kleines Feuer zu erzeugen. Geschickt fächelte und pustete er in die Flammen, sodass bald sämige Rauchschwaden die Höhle erfüllten.

Der Sohn beruhigte sich wieder. „Papa, war das Mamas Bein, das der Schneemensch gefressen hat?“, fragte er, aber der Vater ignorierte ihn. Die Betrachtung des Schneemenschs nahm ihn sehr in Anspruch. Das Untier hatte nun begonnen ein schartiges Schlachtermesser zu wetzen. Es ähnelte einer überdimensionalen Machete, wie sie etwa auf Dschungelexpeditionen verwendet wird. (Dem geistigen Auge des Vaters entsprang kurz die bizarre Vision, wie sich der Schneemensch in khakifarbener Montur und mit Tropenhelm durch den Dschungel kämpfte und durch eine Lupe unentdeckte Tier- und Pflanzenarten erforschte).

Endlich hatte der Schneemensch sein Messer lange genug geschärft und wandte sich seinen Gefangenen zu.

„Gut, mein Sohn, jetzt ist es Zeit Abschied zu nehmen.“, sagte der Vater und atmete tief durch. „Schade, dass du so jung sterben musst. Ich hoffe du hattest ein erfülltes Leben. Und noch einmal Entschuldigung wegen der Ohrfeige.“ Er schloss die Augen in Erwartung des tödlichen Hiebes. Der Sohn quengelte irgendetwas.

Jedoch – sehr zur Überraschung aller Beteiligten - der Todesstoß blieb aus. Noch bevor die Machete nämlich Vater und Sohn zerfetzen konnte, ertönten von draußen raue Männerstimmen und Fußgetrappel. Der Schneemensch – durch die plötzliche Störung aus dem Konzept gebracht - hielt in der Bewegung inne und guckte verdutzt in Richtung Höhleneingang. Der Umriss von einer Gruppe von Männern tauchte dort auf. Es waren ungeschliffene, bärtige Männer mit schnapsglänzenden Augen und rauchenden Flinten, die in traditionelle Trachten gekleidet in die Höhle stürmten. Es waren die Tiroler Schützen, die gekommen waren, um Vater und Sohn zu retten. Angst spiegelte sich in dem großen Auge des Schneemenschs. Jäh ließ er das Messer fallen und flüchtete sich in den dunklen Stollengang der Höhle.

Die Schützen hatten die Lage sogleich im Griff. Ein paar blieben bei Vater und Sohn stehen und schnitten die Schnüre durch, an denen sie der Schneemensch aufgehängt hatte. Die anderen machten sich zur Verfolgung des Ungeheuers in den dunklen Gang auf.

Einer der Tiroler Schützen sagte etwas in seiner Landessprache. Auch wenn Vater und Sohn die rauen und polternden Laute nicht verstanden, waren sie dennoch sehr erleichtert. Sie waren gerettet.

Ein grimmig aussehender Schütze reichte dem Vater eine Flasche Schnaps zur Kräftigung. Dankbar nahm der Vater die Pulle und trank große Schlucke. Der Schnaps tat ihm gut. Er schenkte ihm nicht nur die nötige Entspannung, nach der sich sein geplagter Körper in dieser stressigen Situation sehnte, er heilte auch seine gebrochenen Rückenwirbel und Rückenmarksverletzungen, die er sich zuvor zugezogen hatte.

Erstaunt und erfreut über die wundersame Wirkung des Destillats lachte der Vater laut auf. Der Tiroler lachte ebenfalls und tätschelte dem Vater freundschaftlich den Rücken. Auch der Sohn lachte grundlos mit. Er war zwar noch zu jung für den Schnaps, durfte aber, während sie ins Tal gebracht wurden, mit einer der rauchenden Flinten spielen, worüber er sich sehr freute.

So verließen Vater und Sohn die Höhle des Wahnsinns. Sie waren noch einmal mit dem Schrecken davon gekommen. Urlaub in Tirol machten sie jedoch nie wieder.

Der liebestolle Satan

klippo

Mann, ist mir schlecht. Dunkelheit, Kälte, Laub. Ein Licht. Eine leuchtend gelbe Zisterne. Eine Straßenlaterne. Ich schwitze. Komme nur langsam vorwärts. Kichert da jemand? Schon möglich. Das hat mir gerade noch gefehlt. Es ist doch schon alles schwer genug. Jetzt über die Brücke. Wankend, torkelnd. Amboss, Hammer und Steigbügel. Wo ist der Gleichgewichtssinn? Dann wieder Kotzen. Wie lang dauert das denn noch? Ist das immer so weit? Kalter Schweiß. Die alte Gasse rauf. Sind das Menschen? Oder Schatten? Egal. Endlich bei der Haustür. Jetzt liege ich am Boden, röchelnd, kotzend. Liegenbleiben keine gute Idee, sagt das Großhirn. Also wieder auf. Verdammt. Der schwierige Teil kommt noch. Der Schlüssel muss ins Schloss. Wozu eigentlich so viele Schlüssel? Wenn keiner passt. Nein, der ist es nicht. Und der auch nicht. Und der schon gar nicht. Endlich das erlösende Klimpern. Ich bin drin. Aber nicht am Ziel. Noch mal ein schöner Schwall ins Stiegenhaus. Du meine Güte! Wie tief man nur sinken kann. Welch eruptives Stöhnen! Die Treppe rauf. Aufsperren war auch schon mal einfacher. Dejá vu. Jemand öffnet mir. Jetzt nur mehr ins Bett, rein in die erlösende Dunkelheit.

Sieben Stunden früher. Mann, ist das eine langweilige Fete. Gerald, der Depp, prahlt mit seinem Job bei der Hypo-Bank. Dass es so was noch gibt! Die Mädels sind knuspernde Mäuslein, reden über Stricken und Häkeln. Vor mir eine Flasche Rotwein. Billiges Gesöff, meint Gerald. Mir egal. Langeweile macht durstig. Die Party stinkt. Endlich geht’s weiter in die Stadt. Ich fühl mich jetzt richtig gut. Ein Bonmot jagt das nächste. So kommt’s mir jedenfalls vor. Ich führe die Truppe an. Ich bin der geborene Führer. Zu meiner Rechten Gerald, zu meiner Linken Greg, der schweigsame Rastamann. Hinter mir die Mädels im Gänsemarsch. Rotwein ist mein Zunder, Nikotin meine Inspiration. Es gärt gewaltig. Bin ich Gott? Ich denke ja. Gerald prahlt mit seinem Einkommen, Wohnung und Erdgasauto. Recht hat er. Gerald, du bist ein Hammer-Typ. Greg grinst aus seinem verfilzten Bart heraus. Sein Fahrrad ist schon ziemlich klapprig. Ob er sich kein besseres leisten kann? Greg, warum kaufst du dir kein ordentliches Rad? Greg steht da drüber. Das hätte ich mir eigentlich denken können. Er studiert Ingenieurswissenschaften. Da gratuliere ich ihm herzlich. Endlich mal ein ordentliches Studium. Seine Augen blitzen lustig.

Wir kommen zur Straße der Sünde. Der langweilige Teil der Fete bleibt an der Ache kleben, ich und Gerald natürlich rein ins Getümmel. Besoffene Halbstarke, verschwitzte Jung-Mädchen, mit Glassplittern besprengte Bürgersteige. Es stinkt nach Brunft und Hormone. Das gefällt mir. Die anderen versäumen was. Gerald prahlt mit seinen ersten Sauferlebnissen, die er hier erlebt hat. Jetzt geht er natürlich anders aus. Da kann man schon mal Billard spielen und Champagner trinken. Recht hat er, vollkommen recht. Dieser Gerald. Sein Geschwätz klingt wie Musik in meinen Ohren.

12 Stunden später. Ich muss zum Zug. Catrine, hat mich sehr gefreut, war ein sehr schöner Abend. Ja, mich auch. Küsschen rechts, Küsschen links. Gibst du mir noch den Wohnungsschlüssel? Na logo. Dann mal rein in die Taschen. Da ist er aber nicht. Und auf der Kommode liegt er auch nicht. Hab ihn wohl verloren, grinse ich. Panik glitzert in Catrines Augen. Das ist nicht lustig! Wo hast du ihn? Den brauch ich! Der wird schon irgendwo sein. Schauen wir halt mal auf dem Bett nach. Oder in der Küche. Oder im Klo. Catrine, ich muss jetzt wirklich auf den Zug. Nichts da, erst muss der Schlüssel her. Ok, das sehe ich ein. Wir suchen fieberhaft. Der verdammte Schlüssel taucht nicht auf. Catrine, ich kauf dir einen neuen Schlüssel, ok? Nein, das hilft jetzt auch nichts. Schau noch mal in deinen Taschen nach! Ich wühle zum 10.000 Mal in meinen Taschen. Nein, da ist er immer noch nicht. Schau doch mal im Stiegenhaus! Ja mach ich. Da kann ich dann gleich meine „Spuren“ beseitigen. Hast ihn vielleicht an der Uni verloren? Oder beim Morgenspaziergang? Ja, beides möglich. Ok, den Zug schaffe ich nicht mehr. Und der Schlüssel scheint wirklich wichtig zu sein. Da muss ich dann das ganze Schloss austauschen, jammert Catrine. Kein Problem, zahl ich alles. Von meinem selbst verdienten Geld. Aber jetzt geht’s erstmal zur Uni. Den Schlüssel suchen. Zurück zur Stätte des Grauens.

Neun Stunden früher. Hier riecht’s nach Marihuana. Ja, bitte gern. Die Leute schwitzen und tanzen. Vorne spielt eine Band. Es geht recht locker zu. Das mag ich. Hallo Mädchen, wie geht’s dir? Hast du mal ne Zigarette? Nein, hab ich nicht. Hast du eine? Natürlich nicht, sonst würde ich doch nicht fragen. Dann besorg welche! Ja mach ich. Ein glatzköpfiger tätowierter Riese reicht mir seine Schachtel. Er ist wirklich groß und trägt Kilt und Springerstiefel. Wie alle Riesen aber im Grunde eine gutmütige, herzensgute Kreatur. Dass ich gleich zwei aus seiner Packung nehme, quittiert er mit einem nervösen Grunzen. So, jetzt haben wir die Zigaretten. Hoppla, da ist ja noch jemand. Ob das ihr Freund ist? Egal. Wir rauchen. Sie hat prächtiges andalusisches Haar. Und, was machst du so? Ich schreibe gerade Dissertation. Ja total lässig, über was denn. Ich höre und vergesse. Hey, wie heißt ihr eigentlich? Moment, sagt nichts, ich weiß es eh: Du heißt Bianca und er heißt Stefan. Denn du siehst genau so aus, wie eine Bianca aussieht und er eben wie ein Stefan. Macht für mich perfekt Sinn. Hey, das gibt’s doch nicht. Das stimmt! Ich heiße wirklich Bianca und er heißt Stefan. Woher weißt du das? Sind wir uns schon mal begegnet? Das hat dir doch jemand gesteckt, oder? Da bin ich baff. War doch nur ins Blaue geraten. Sehr unwahrscheinlich. Habe ich übersinnliche Fähigkeiten? Kann schon sein. Aber Moment, das stimmt doch gar nicht. Doch, sagen Bianca und Stefan. Muss ich recherchieren. Eine Aufgabe ist geboren. Dann zeig mal deinen Ausweis, Baby. Habe ich nicht dabei. Sie lacht und dreht sich wie ein Kreisel. Hey, wie heißen die Typen da? Bianca und Stefan. Nein, das gibt’s nicht. Vielleicht weiß es ja der Biermann. Biermann, ich habe ein Problem, sei mein Vertrauter! Habe ich übersinnliche Fähigkeiten? Ich muss es wissen! Ich erzähle meine Geschichte. Der Biermann ziert sich. Gibt nur zögerlich Bescheid. Weiß nicht, ob er es mir sagen darf. Na klar, darfst du, du Depp! Ich beobachte ihn genau. Observiere sein feistes Bubengesicht. Klimpert da vielleicht eine Lüge zwischen den Wimpern? Ja, die heißen schon Bianca und Stefan. Autsch. Gibt’s das? Ach, ihr steckt doch alle unter einer Decke, schreie ich. Das beweist immer noch rein gar nichts! Oder es ist wahr. Ich habe übersinnliche Kräfte. Denn sie schaut einfach aus, wie eine Bianca aussieht. Und der Stefan, mit seiner falben Einheitsvisage, ist einfach so ein Stefan. Trotzdem ist da was faul. Alles ein Trick. Ich bin Wissenschaftler, Skeptiker. Galileo Galilei nichts dagegen. Außerdem habt ihr gelogen: Ihr kennt euch. Seid euch keineswegs gerade auf der Party begegnet. Habe ich genau gesehen. An der nonverbalen Kommunikation. Mir kann man nichts vormachen. Ich bin Galileo Galilei. Bianca und Stefan lachen. Aber das wird ihnen bald vergehen. Passt nur auf, ihr zwei Vögel! Also, was macht ihr eigentlich hier? Besetzt ihr auch die Uni? Stefan antwortet. Also sicher nicht. Die Protestbewegung ist voll für’n Arsch. Blockieren nur die Hörsäle und halten alles auf. Und erreichen rein gar nichts. Verdammt uncool so was. Was meinst du? Meine Empörung steigt ins Unermessliche. Das ist doch schon wieder eine Finte. Bleibe aber ganz cool. Ach, das ist schon ok so. Da geht’s ja um bessere Bildung und so. Bildung statt Ausbildung. Sowas halt. Das war gut. Gefällt ihnen. Ich habe die Prüfung bestanden. Stefan doziert mir: Er und Bianca sind sogar ganz vorne mit dabei. Sozusagen Herz und Niere der Bewegung. Jetzt habe ich ihr Vertrauen gewonnen. Aber es ist zu spät. Das Imperium schlägt zurück. Ich plustere mich auf: Wisst ihr, was eurer Bewegung fehlt? Ihr braucht mal wieder einen richtig starken Führer! So nen Mao Tse Tung. Oder besser Hitler. Da gab’s ein paar richtig gute Reformen. Das weiß ich, bin nämlich Nationalsozialist. Ein Drittes Reich muss wieder her. Und ihr seid meine neuen Hitlers 2009! So, das hat gesessen. Bianca und Stefan finden das gar nicht lustig. Ey, was geht denn mit dir ab? Was soll denn DER Scheiß? Bianca schnurt ab. Stefan ist bitterböse. Hey, war doch nur ein Jux. Das findest du lustig? Über sechs Millionen tote Menschen machst du Witze? Tu ich doch gar nicht. Nur über euch zwei. Ach, du machst Witze über uns? Jetzt hab ich’s vermasselt. So ein Schlamassel. Und dabei wollte ich doch nur geliebt werden!!!

Nicht unwesentlich später. Am nächsten Tag. Ich stapfe dieselbe blöde Treppe hinunter. Mann, hab ich Kopfweh. Also der Schlüssel. Hier liegt er mal nicht. Hier auch nicht. Und hier sowieso nicht. Vielleicht wissen ja die im Hörsaal was. Hey, wo ist denn mein Schlüssel? Also eigentlich Catrines Schlüssel. Hab ihn wohl gestern auf der Fete verloren. Ein belustigtes Schnauben. Verdammter Fatzke! Die Frau ist netter: Frag doch mal in der „Volksküche“ nach. Wenn was verloren geht, dann landet es dort. Ja gut, mach ich. Also wieder die Treppe rauf, die heute ganz klebrig ist. Bananen, Birnen und Nutella. Da hockt jemand mittendrin. Weißt du vielleicht wo mein Schlüssel ist? Ne, weiß er natürlich nicht. Er tippselt ein E-Mail. Ich soll mal zum Hausmeister schauen. Also wieder die Treppe runter zum Hausmeister. Mit brüchiger Stimme trage ich mein Anliegen vor. Der Hausmeister hält mich wohl für einen von „denen“. Will mir gleich eine Standpauke halten. Ziemlich uncool, der Mann. Meinen Schlüssel hat er auch nicht. Ich schnure ab.

Früher. 6:00 Morgens. Ich bin jetzt im Auge des Sturms. Im Herzen der Finsternis. Bzw. im Studenten-Kammerl. Wir hocken zusammen. Alle sind sie da: der Biermann, der glatzköpfige Riese, Greg und natürlich auch Bianca und Stefan. Dazu noch ein zotteliger Jüngling und eine blonde Schönheit. Mein Hirn läuft mittlerweile auf Reptilien-Modus. Bin in der Tiefsee angelangt. Ich ahne: Das ist jetzt der große Showdown. Bianca und Stefan ignorieren mich geflissentlich. Aber man duldet mich. Das freut mich. Muss mich halt jetzt benehmen. Sagt die Vernunft. Sonst schmeißen die mich raus. Es geht um die politische Agenda: Fehlendes Engagement der ÖH, kiffende Querulanten und drohende Razzien. Ich beteilige mich artig. Falle gar nicht weiter auf. Nur die blonde Schönheit lacht mich von drüben an. Bedeutet das was? Wenn ja, was? Keine Ahnung. Bin schon total weggetreten. Der Raum löst sich immer weiter auf. Jetzt muss es schnell gehen. Mir bleiben noch Sekunden. Hey Leute, lalle ich. Hört mir mal zu. Das ist ja alles schön und gut mit der Bewegung. Haben wir fein gemacht. Mit dem Protest und so. Aber gehen tut’s doch um viel mehr. Was wir brauchen, ist Musik… und Tanz… und Gesang… und wilden Wein… und lustige Hüte… und Liebe. Liebe, Leute! Mann, das ist es doch, worum es geht, LIEBE! Jetzt wird mir schlecht. Die Zeit ist um. Muss weg. Sorry, Jungs. Torkle aus dem Raum. Wo ist noch mal das Klo? Ach da drüben. Ganz schön milchig hier. Es brodelt arg. Schwappt schon in mir hoch. Ich küsse die Klobrille.

48 Stunden später. Da klingelt was. Ach das Handy. Hallo Catrine, was gibt’s denn? Ja bei mir auch alles wunderbar und bei dir? Was du nicht sagst. Der Maler hat ihn gefunden? Unten bei der Haustür? Da bin ich ja froh! Danke, heiliger Antonius. Echt super! Hätt’ ich nicht mehr geglaubt! Ja, machs auch gut. Ciaociao. Also noch ein Happy End. Und sie dreht sich doch. Oder etwa doch nicht?