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Hubsi, der kleine Lausbub

doma

Heute, liebe Kinder, möchte ich euch von einem ganz besonderen Lausbuben erzählen, und zwar vom kleinen Hubsi. Eigentlich hatten ihn seine gottesfürchtigen Eltern ja auf den Namen Hubertus taufen lassen, zu Ehren des Jagdpatrons, der gerade in unseren Breiten viel Unglück zu verhüten hat. Aber was ein rechter kleiner Strolch sein möchte, der kommt mit Hubertus nicht sehr weit. Also riefen ihn alle nur den kleinen Hubsi.

Auf den ersten Blick sah der kleine Hubsi so aus, als könne er kein Wässerchen trüben: In seinem drolligen Mondgesicht schimmerten rosige Pausbäcklein, wie sie nur den gesündesten, reschesten Bauernbuben eignen. Unter dem pfiffigen Hütlein, das fürwitzig auf Klein-Hubsis Köpfchen tanzte, lugte keck ein strohblonder Haarschopf hervor. Seine knusperigen Haxen waren stets braungebrannt und steckten in einer schneidigen Krachledernen, von der sie farblich nicht zu unterscheiden waren.

In Wahrheit aber hatte es der kleine Hubsi faustdick hinter den Ohren: Vom unentwegten Herumstrawanzen waren seine Strümpfe andauernd zerrissen, Knie und Ellbogen ständig von Schrammen übersät. Er konnte auf den Fingern pfeifen wie kein Zweiter und seine Hosentaschen waren schon ganz ausgebeult von all dem lustigen Krimskrams, den er ständig mit sich herumtrug: Knallfrösche und Laubfrösche, Heuhüpfer und Springmesser, Lakritz- und Dynamitstangen und was ein kleiner Schlawiner wie er sonst noch so alles braucht.

Ihr könnt euch sicher vorstellen, dass der kleine Hubsi nichts als Flausen im Kopf hatte und stets zu neuen Streichen aufgelegt war.
Ausgerechnet am Palmsonntag stach ihn wieder einmal der Hafer: Als die Turmuhr zur zehnten Stunde schlug, hüpfte der kleine Strizzi aus seinem Bett – müßig zu sagen, dass er wie jedes Jahr der Palmesel war – und flitzte hurtig zur Pfarrkirche hinüber, wo sich das ganze Dorf zum Festgottesdienst eingefunden hatte. Unbemerkt schob sich der kleine Hubsi ins Innere des überfüllten Gotteshauses und robbte bäuchlings unter den Bankreihen hindurch, bis nach vorne, wo die Buben saßen und die prächtigen, frisch geweihten Palmbuschen an der Kirchenmauer lehnten. Und wisst ihr, was der schlimme Finger als nächstes tat? Vermittels eines Bindfadens knüpfte der kleine Hubsi heimlich alle Palmstangen aneinander, natürlich nicht ohne dabei leise in sich hineinzukichern. Hei, war das ein Durcheinander, als die Buben nach dem Gottesdienst wieder nach ihren Palmbuschen langten! Da floss so manche Träne und so mancher Milchzahn kam seinem kleinen Besitzer vorzeitig abhanden.

Der kleine Hubsi aber nützte das allgemeine Durcheinander weidlich aus und konnte so manche flaumige Palmbrezel von fremden Buschen stibitzen. Während er schmausend in einer stillen Ecke saß und sich an den tumultartigen Szenen ergötzte, merkte der kleine Schwerenöter, wie ihn die Blase immer heftiger zu drücken begann. Kein Wunder, hatte er am Vorabend doch allzu kräftig der Ziegenmilch zugesprochen! Also beschloss der kleine Hubsi, sich einen lange gehegten Wunsch zu erfüllen und mitten in der Kirche eine Stange Wasser ins Eck zu stellen – und zwar, ich will es euch nicht verschweigen, geradewegs ins Taufbecken. Unglücklicherweise wurde er bei diesem nicht eben gottgefälligen Akt vom Herrn Pfarrer höchstpersönlich ertappt. „Du kleiner Tunichtgut“, sagte Hochwürden missbilligend, „wie kannst du nur dein Geschäftlein ins heilige Taufbecken verrichten?“ Doch da setzte der kleine Hubsi rasch sein verschmitztestes Lausbubengrinsen auf – und der Zorn des Pfarrers war im Nu verraucht.

Wenn ihr aber glaubt, dass dem kleinen Hubsi damit erst einmal die Lust auf weitere Streiche vergangen wäre, dann täuscht ihr euch gewaltig. Bereits am Montagmorgen rückte er zu neuen Schandtaten aus: Diesmal hatte er es auf den frischen Schmandkuchen abgesehen, der auf dem äußeren Fensterbrett des Pfarrhofes verführerisch vor sich hin dampfte. Ehe man sich’s versah, hatte der kleine Racker schon das Vordach erklommen, um mithilfe zweier an Schnüren befestigter Angelhaken das gesamte Backblech zu sich hinaufzuziehen. Doch es kam, wie es kommen musste: Das Blech kippte und die ganze süße Fracht landete mitten im Blumenbeet. Das wiederum konnte der stattlichen Pfarrersköchin nicht lange verborgen bleiben: Mit einem nassen Lappen bewaffnet stürzte sie ins Freie, bereit, den dreisten Übeltäter quer durch den Pfarrgarten zu jagen. „Du kleiner Schlingel“, sagte sie missbilligend, „man sollte dir den Hosenboden stramm ziehen.“ Doch da setzte der kleine Hubsi rasch sein verschmitztestes Lausbubengrinsen auf – und die alte Pfarrersköchin verspürte nur noch das Bedürfnis, das kernige Bürschlein an sich zu drücken.

Am Dienstag hatte sich der kleine Hubsi schon wieder ein neues Opfer für seine Lausbübereien auserkoren – und zwar den armen Pedellen, der im Dachboden des Schulgebäudes hauste. Wie die meisten Vertreter seiner Zunft war der Pedell ein einsamer, alkoholkranker Junggeselle von geradezu legendärer Schreckhaftigkeit. Ihr könnt euch vorstellen, wie dem gutherzigen Manne zumute war, als er mitten in der Nacht von einem lauten Klopfen an der Tür geweckt wurde. Dass ihm fast das Herz in die Hosen gerutscht wäre, als er, mit Zipfelmütze am Kopf und Kerze in der Hand, vor sein Schlafgemach trat – und über ein Bein stolperte, das irgendein ein Unsichtbarer ihm gestellt hatte. Dass ihn das nackte Grausen erfasste, als er ins Klassenzimmer trat und gerade noch ein geisterhaftes Kreischen vernehmen konnte, wie von langen Fingernägeln, die über eine Schiefertafel schleifen …
In seiner Furcht begann der Pedell zu keuchen wie ein altes Dampfross und nur mit Mühe konnte er sich bis zu dem schmucken Zirbenkästlein schleppen, in dem er seine Herztropfen aufzubewahren pflegte. Mit zitternden Fingern öffnete er das zierliche Fläschchen und stürzte den hochprozentigen Inhalt in einem Zug hinunter. Doch der kleine Hubsi – denn niemand anderer als dieses ausgekochte Schlitzohr steckte hinter all den Schurkereien – hatte die Herztropfen mit einem starken Brechmittel versetzt. Ui, das war vielleicht eine Aufregung, als der arme Pedell, von heftigen Magenkrämpfen geschüttelt, den Onkel Doktor aus dem Schlaf läuten musste! Und während sich der Schulwart noch auf dem Fußboden wand und das Eintreffen des Herrn Medizinalrates herbeiflehte, kam der kleine Hubsi aus seinem Versteck hervor, tanzte fröhlich um den Wehrlosen herum und drehte ihm eine lange Nase.
„Du kleiner Lauser“, sagte der Pedell missbilligend, „wie konntest du mir nur so etwas antun?“. Doch da setzte der kleine Hubsi rasch sein verschmitztestes Lausbubengrinsen auf – und der alte Pedell konnte nicht umhin, dem kreuzfidelen Rotzlöffel voller Sanftmut zuzuzwinkern.

Am Mittwoch trieb der kleine Hubsi sein Schindluder mit einigen Urlaubsgästen aus Paderborn, die sich zwecks Kuraufenthalts im örtlichen Heilbad einquartiert hatten. Während die Westfalen mittags zu Tische saßen, huschte der kesse kleine Pimpf in den Umkleideraum und streute kräftig Juckpulver in Badeanzüge und Schwimmhosen. Auweia, wie die alle herumhopsten und brüllten und sich die Kleider vom Leibe rissen – so einen Affentanz habt ihr weiß Gott noch nie gesehen! Es waren freilich auch ein paar Allergiker darunter. (Ich werde euch ein andermal erklären, was das ist). Der kleine Hubsi aber streckte den Kurgästen schamlos die Zunge hinaus, lachte über ihre krebsrot aufgeschwollenen Körper und schmähte sie als „Saupreiß’n“.
Ein besonders schmerbäuchiger Westfale wollte daraufhin den kleinen Spitzbuben am Schlafittchen packen und ihm kräftig das Fell gerben. „Du kleiner Lausebengel“, sagte er missbilligend, „jetzt werd ich dich mal tüchtig verkloppen, vertrimmen, verwamsen und verbimsen“. Doch da setzte der kleine Hubsi rasch sein verschmitztestes Lausbubengrinsen auf – und der teutonische Dickwanst konnte gar nicht mehr anders, als ihm väterlich den Kopf zu tätscheln.

Das nächste Schelmenstück leistete sich der kleine Hubsi am Donnerstag. Im nachbarlichen Gehöft hatte eine junge Hausmagd ein gesundes Mädchen entbunden, und wie es damals der Brauch war, strömten die Leute aus dem ganzen Dorf herbei, um den goldigen Säugling zu bewundern. Der kleine Hubsi aber führte etwas ganz anderes im Schilde: In einem unbeobachteten Moment nahm der unartige Lümmel das Neugeborene an sich und versteckte es wieselflink im Hühnerstall. An seiner Statt legte er ein winziges, flauschiges Küken in die Wiege. Na da war aber was los, als die arme Mutter nach ihrem Kindlein sehen wollte! Als die junge Frau endlich wieder aus ihrer Ohnmacht erwachte, stand der kleine Hubsi über ihr und zeigte mit dem Finger auf sie: „Angeschmiert! Angeschmiert!“
„Du kleiner Frechdachs“, sagte die junge Mutter missbilligend, „du hättest mich fast zu Tode erschreckt! Das war sehr ungezogen von dir!“ Doch da setzte der kleine Hubsi rasch sein verschmitztestes Lausbubengrinsen auf – und die Magd fühlte plötzlich den unwiderstehlichen Drang, dem süßen Fratz durchs widerspenstige Haar zu fahren.

Wie jede Woche zuckelte die alte Cäcilia auch diesen Freitag zur Friedhofskapelle, um für ihren verstorbenen Gatten Sebastian zu beten. Dieser Umstand war natürlich auch dem kleinen Hubsi nicht entgangen. Also verschanzte sich der listige Gauner im Beichtstuhl und sah zu, wie die gramgebeugte Greisin in der ersten Reihe Platz nahm. Als sie gerade zum dritten schmerzensreichen Rosenkranz ansetzen wollte, wurde die alte Gottesanbeterin plötzlich kreidebleich. Irgendjemand hatte ihren Namen gerufen! Und da war es schon wieder, ganz in der Nähe: „Cilli!“, rief die dumpfe Stimme, „Cilli, heast mi nid?“ – „W-W-Wǻst, bist du des eppa?“, stieß die Großmutter mit bebender Stimme hervor. „Ja, logisch“, sagte die Stimme beschwingt, „oder hǻt heit sist nu oana Sprechstund’?“ Vom Beichtstuhl her ertönte ein dröhnendes Lachen. „,Ǻber, ǻber, Wastl“, flüsterte die alte Dame mit tränenerstickter Stimme, „wia geht´s da nacher dǻ drob’n?“ – „Wos hoaßt drobn?“, antwortete die hohle Stimme, „drunten!“
– „Ja…, ǻber warum denn?“, fragte die Großmutter schluchzend. – „Ha! Wǻs glabst, mit wia vü ǻnane Weiber dass i beinand gwen bi?“, kam es eisig zurück. In Wirklichkeit war die Ausdrucksweise natürlich eine wesentlich zotigere, aber das möchte ich euren zarten Kinderohren nicht zumuten.
Als die Sanitäter den reglosen Körper behutsam auf die Bahre hoben, erblickte einer von ihnen den kleinen Hubsi, der feixend auf dem Altar hockte. „Du kleiner Filou“, sagte der Rotkreuzmann missbilligend, „ich wette, du hast etwas mit der Sache zu tun!“ Doch da setzte der kleine Hubsi rasch sein verschmitztestes Lausbubengrinsen auf – und der Sanitäter ließ den erhobenen Zeigefinger wieder sinken.

Ihr glaubt, dass der kleine Hubsi damit sein Streichpensum für diese Woche erfüllt hatte? Weit gefehlt! Samstag um die Mittagszeit kauerte der kleine Knilch bereits unter der Ausschank im Wirtshaus „Zum Lustigen Leviathan“, um vermittels einer durchtriebenen Bauchrednernummer zwei Stammtische gegeneinander aufzuhetzen.
Am ersten Tisch lagerten die Bauern und Knechte vom ältesten Erbhof im Dorf, einer sehniger, derber und untersetzter als der andere. Der zweite Stammtisch war jener der Schlosser, auch sie samt und sonders von grobschlächtiger Statur und aufbrausendem Wesen.
Als der kleine Hubsi – genauer gesagt sein pummeliges Bäuchlein – nun in die eine Richtung das schöne Wort „Saubauern“ und in die andere Richtung das nicht minder schöne Wort „Eisenbeißer“ entweichen ließ, blieb die gewünschte Wirkung nicht lange aus: Da flogen die Fäuste und die Maßkrüge, da wurde am Watschenbaum gerüttelt und zwar nicht zu knapp, da konnte man Blutgrätschen bewundern wie sonst nur im Abstiegskampf, da knirschten die Knochen so fröhlich wie das Korn in der Getreidemühle. Kurz: Es war ein echtes Blutbad. Einer der Bauern fing sich eine derartige Backpfeife ein, dass er glatt seinen Fotzenhobel verschluckte. Trotz eines mehrstündigen chirurgischen Eingriffs im Landeskrankenhaus konnte das Traditionsinstrument nie wieder aufgefunden werden.
Der kleine Hubsi aber schlenderte, die Hände in den Hosentaschen, über das rauchende Schlachtfeld und pfiff sich eins. Ein verstohlener Fußtritt da, ein gestohlener Geldbeutel dort – so hielt er die Blutsuppe am Köcheln.
Plötzlich baute sich eine bedrohliche Gestalt vor ihm auf – und zwar niemand Geringerer als der Wirt, der vor den Trümmern seiner Existenz stand und damit, wie ihr euch vielleicht denken könnt, keine große Freude hatte.
„Na warte, du Früchtchen“, sagte er missbilligend, „jetzt mache ich Lausersaft aus dir!“ Doch da setzte der kleine Hubsi rasch sein verschmitztestes Lausbubengrinsen auf – und der besänftigte Wirt konnte der Versuchung, ihm in die fleischigen Backen zu kneifen, nicht lange widerstehen.

Als ob all das noch nicht genug gewesen wäre, geriet der kleine Hubsi am Nachhauseweg auch noch mit dem elfjährigen Nachbarsbuben aneinander. Zahllose Knüffe und Püffe, mehrmaliges Brennnesseln, vier Rossbisse, drei Eisenbahner, zwei Ziegenbisse und einen Satz heiße Ohren später traf der kleine Hubsi zu Hause ein – mit blutender Nase und lautem Geheul.

Seine Familie hatte bereits den ganzen Tag auf ihn gewartet und empfing ihn mit gestrenger Miene und Heftpflaster.
„Aber, aber, du kleiner Dreckspatz“, sagte Sie missbilligend, „wo hast du dich bloß wieder herumgetrieben?“ Da setzte der kleine Hubsi rasch sein verschmitztestes Lausbubengrinsen auf – doch diesmal blieb es ohne Wirkung.
Wie immer wenn ihm zum Schmollen zumute war, zog sich der kleine Schelm nun unter den Küchentisch zurück, mit nachdrücklich vorgeschobener Unterlippe, dem internationalen Erkennungszeichen der beleidigten Leberwürste. Erst mit einem Säckchen Brausepulver, einigen sauren Drops und mehreren Zuckerstangen gelang es der Familie, den kleinen Hubsi wieder hervorzulocken.
„Na komm“, sagte Er versöhnlich, „ab ins Bett mit dir, Kleiner.“
„Trägst du mich?“, fragte der kleine Hubsi einschmeichelnd. „Bitte, bitte!“
– „Na gut, ausnahmsweise“, sagte Er, lud sich den kleinen Hubsi auf den Rücken und trug ihn ächzend die Stiege hinauf. „Aber schön langsam wirst du mir wirklich zu schwer.“ Oben angekommen, sangen die beiden dem kleinen Lausbuben noch ein Gutenachtlied vor und warteten mit ihm gemeinsam auf das Traummännlein.

Als der kleine Hubsi endlich eingeschlafen war, entfernten sie sich auf Zehenspitzen, schlichen behutsam in die Küche hinunter und gönnten sich zur Stärkung ein Glas Rotwein.
„Manchmal mache ich mir wirklich Sorgen um Papa“, sagte die Tochter seufzend. – „Ich auch“, meinte der Sohn zwischen zwei tiefen Schlucken, „mit seinen 47 Jahren sollte er langsam dem Flegelalter entwachsen sein.“

Das Wüstenherz

astra

Ein Wintermärchen

Die Winterdämmerung tauchte die blauen Steinhäuser von Jodhpur in flüssiges Gold. Widerwillig, doch fröstelnd lösten sich die Sonnenstrahlen von der erstarrten Landschaft, die sie den ganzen Tag mit sanfter Bestimmtheit ausgeleuchtet hatten. Dann schwammen die Wolken herbei.

Schneeflocken tänzelten von den Flügeln des Berges herab, um sich sachte auf Sandelholzbäumen, Textilfabriken, Schafspelzen und Menschennasen niederzulassen.

Der Raja saß auf der Dachterrasse des Mehrangarh-Forts und überlegte. In seinen Nanofilzmantel gehüllt, fror er außen nicht. Doch sein Herz war seit langer Zeit von Eisblumen bedeckt, die langsam, aber sicher jedes noch so kleine Fünklein Wärme darin in Frost verwandelten. Nichts, gar nichts vermochte seine unterkühlte Seele mehr aufzutauen. Und wenn sein Innerstes kalt war, warum sollte er dann etwas gegen den unerbittlich vorrückenden Polarwinter unternehmen, der die einst blühende Wüstenstadt in eine frostige Ödnis verwandelte.

Gewiss, er spielte bisweilen mit der Idee, ob es nicht besser wäre, langsam an eine Neugründung in Äquatornähe zu denken. So mancher Zänker würde sich vermutlich dagegen wehren, seine ach so heiß geliebte Heimaterde nur wegen einiger Minusgrade im Juli aufzugeben. Doch die meisten seiner Schäfchen würden ihm sicherlich in besser beheizte Gefilde folgen.

Der Mundschenk brachte seinem Herrn noch einen Becher Gewürzwein. Kardamom, Zimt und Ingwer schmolzen duftende Blasen in das klirrende Gusseisen der Nacht.

„Mein Gebieter, ein verschrumpelter Wicht aus dem Norden wünscht Eure Abendruhe zu stören“, sagte der Diener, „mit der Begründung, es handle sich um eine Angelegenheit von äußerster Dringlichkeit. Soll ich ihn vorlassen oder besser gleich in den Holo-Kerker werfen?“

Wenngleich er für gewöhnlich ein gestrenger Herrscher war, stand dem Raja der Sinn nach ein wenig Zerstreuung und er erteilte den Befehl, dem Besucher eine fünfzehnminütige Audienz zu gewähren.

Die Bezeichnung „Wicht“ war wohl nicht ganz zutreffend. Die Hünengestalt, die sich vor dem achteckigen Thron verneigte, war ein mongolischer Bogenschütze mit reich verzierten Reitkleidern aus Mammuthaar. Genauer: Eine mandeläugige Bogenschützin mit hüftlangen Zöpfen.

„Eure Majestät, gestatten Sie einer durchfrorenen Gesandten von Khubilai Khan dem XXI., Ihnen die Holo-Botschaft des Himmelssohns zu überbringen. Verschlusssache, versteht sich“, verkündete sie mit einer Stimme, die an zerberstende Eisberge erinnerte.

Der Raja deutete mit einem leichten Kopfnicken an, dass dem Gesuch der Mongolin stattgegeben wurde.

Ein kurzes Knistern drang aus dem Emitter, und dann schwebte der Kopf des Khans wie ein zu groß geratener Leuchtkäfer im nächtlichen Schneetreiben. Die Projektion hatte einen Blaustich und war nicht ganz streifenfrei – kein Wunder bei diesem alten Gerät aus der Vorkriegszeit der Nuller Jahre.

Die Gesandte drückte auf Play. „Seid gegrüßt, geschätzter Schwager Roa Rajputen“ erklang es schnarrend aus der Kehle des Khans, „ich wende mich an Euch, um Euch in einer Herzenssache von höchster Bedeutung um Rat und Beistand zu ersuchen. Wie Ihr sicher wisst, pflegen die Temperaturen in unseren Breiten jedes Jahr um ein Viertelgrad zu sinken. Ihre Majestät können rechnerisch leicht nachvollziehen, wie wenig Zeit uns noch bleibt, bis unsere Jurten gänzlich im Schneesturm versinken. Schon jetzt hungern unsere Untertanen, erfrieren unsere Yaks. Das Schlimmste: Meine Lieblingskonkubine droht mich wegen eines Tropenprinzen zu verlassen. Nun geht an unseren windgebeutelten Herdfeuern die Kunde, dass es in der Thar-Wüste vor den Toren Eurer Stadt einen Ort gebe, an dem mittels eines mächtigen Kleinods, genannt das Wüstenherz, welches etwa auf halber Strecke zwischen Jodhpur und Bahawalpur im Sande schlummere, Abhilfe geschaffen werden könne. Dieses wundersame Juwel sei nämlich dazu in der Lage,  einen Wärmezauber auf unsere gefrierende Welt herabzusenken. Falls Euch trotz Eures schmerzlichen Verlustes noch an einer Wendung zum Besseren gelegen ist, so nehmt meine Gesandte und zugleich beste Bogenschützin, schickt sie in die Wüste, auf dass sie mit dem Wüstenherz in ihrer Satteltasche zurückkehre.“

Der Raja schwieg. Sein Blick verlor sich im silbernen Reigen der Schneesterne.

„So möge es sein“, sagte er nach einer fünfzehnminütigen Kunstpause. „Die Gesandte kann sich nun in ein Gastquartier zurückziehen und ihr Magnetschwebeross am Solarspeicher andocken. Beim ersten Tageslicht breche sie auf und komme nicht wieder, bevor nicht das Wüstenherz in ihren Besitz gelangt ist.“

Ohne ein weiteres Wort schwebte die Schützin von dannen.

Dem Morgenhimmel stieg die Röte eines neuen Tages in die schlaftrunkenen Wangen. Irgendwo krähte ein heiserer Hahn. Der Wind bedachte die gefrorenen Häupter der Dornbüsche mit tausend Bürstenstrichen.

Eine Staubwolke am Horizont kündete vom ordnungsgemäßen Aufbruch der Mongolin. Iolani, wie sie von den ihren genannt wurde, war es gewohnt, allein durch frostgepeitschte Ebenen zu reiten und exzentrische Oligarchen mit Informationen zu versorgen. Nach dem endgültigen Zusammenbruch der globalen Kommunikationsnetzwerke hatte sie lange Jahre im neozaristischen Russland als Botschafterin des Khans gedient und mehr als nur einmal Staatsgeheimnisse höchstpersönlich durch die sibirische Einöde transportiert. Die Mission Wüstenherz war in ihren
Augen ein weiteres Hirngespinst größenwahnsinniger Lokaldespoten, ein sinnloses Aufbegehren gegen das unaufhaltsame Vorrücken der Gletscher. Unaufhaltsam, ja. Und dennoch von ihresgleichen in Gang gesetzt.

Die Sonne kletterte behände über das Firmament und ließ sich am Ende erschöpft auf einer Wanderdüne bei Birsilpur nieder. Iolani beschloss es der Sonne gleichzutun und schlug an einem ausgetrockneten Flusslauf ihr Lager auf.

Bengalfüchse schnüffelten auf der Suche nach der immer knapper werdenden Nahrung an jedem raureifbedeckten Stein. Staubwirbel wiegten sich im Abendwind. In der Ferne heulte eine hungrige Wölfin.

Iolani starrte in die eisblauen Flammen ihres Gasbrenners und dachte über ihre Mission nach. Sie würde nun wohl wochen- und monatelang durch die menschenleere Dünenlandschaft stromern, opiumsüchtigen Nomaden gegen ein saftiges Bakschisch Informationen abpressen, jeden Stein umdrehen, Wölfe erschießen und noch mehr grässlichen Instantschafsmilchtee trinken.

„So kann es sein, genauso gut kann es aber auch anders sein“, krächzte eine uralte Stimme, „und übrigens: Ich habe HUNGER!“ Iolani wandte sich um und blickte direkt ins runzelige Angesicht ihrer alten Bekannten aus Russland, der Baba Yaga. „Was in aller Welt machst du denn hier?“ fragte sie und warf der Hexe einen Sack mit Brot und Trockenfleisch zu. Das Weiblein mit dem goldenen Nasenring und der weißen Mähne verschlang den gesamten Sackinhalt in Schwindel erregendem Tempo, wischte sich Mund und Finger an Iolanis Seidenschal ab und antwortete: „Mein bengalischer Bruder Kumbhakarna hat von dir geträumt und mir brühwarm davon berichtet. Da dachte ich, du könntest meine Hilfe ganz gut gebrauchen.“ „In der Tat“, meinte Iolani, „wenn du mir einen Rat geben könntest, wie ich ohne lang im Sand herumzuwühlen geradewegs zum Wüstenherz gelange, wäre ich dir sehr verbunden, gute Baba.“

„Woher soll ich das wissen?“ entgegnete diese und machte sich über Iolanis Käsevorrat her, nicht ohne zuvor einen kräftigen Schluck Milchschnaps genommen zu haben.

Die beiden Frauen schwiegen eine Weile und starrten gemeinsam ins Feuer.
Dann schlug Baba Yaga vor, sie möge doch den alten Dschinn von Lunkaransa aufsuchen. Der wisse immer weiter, wenn es um unerfüllbare Wünsche ginge. „Ein gewieftes Bürschchen auf seine Art“, meinte die Alte. Dann fingerte sie ein Hühnerknöchelchen aus ihrer Tasche, drückte es Iolani in die Hand und grinste breit, sodass ihre schiefen Zähne aufs Lieblichste im Feuerschein glänzten. „Ruf mich, wenn du weitere Hilfe nötig hast. Bis die Tage!“ Sie schwang sich auf ihren Mörser und ruderte durchs rotviolette Wüstengewölk davon.

Ein neuer Tag webte Goldfäden ins granatapfelfarbene Haar der Schäfchenwolken.
Eine Echse verspeiste eine Gottesanbeterin und nahm ihren nur mäßig vorgewärmten Sonnenbadeplatz auf einem Sandstein ein.

Als Iolani am Horizont die weißen Flügeltore von Lunkaransa erblickte, nahm sie eine geheime Abzweigung Richtung Nordosten. Siebenhundert Dornbüsche später war sie bei der Höhle des Dschinns angelangt. Dieser saß vor dem Eingang auf einem Teppich, in die Lektüre von Rumis gesammelten Werken vertieft.

Die Bogenschützin räusperte sich uns sprach: „Verzeiht, edler Dschinn, dass ich Euch zu so früher Stunde das Tageslicht stehle. Doch ich komme in höchster Not zu Euch. Verratet mir bitte, wo das viel gerühmte Wüstenherz verborgen ist.“

Der Dschinn blickte auf. „Das ist einfach. Der Brunnen von Birsilpur träumte, er sei ein Loch im Sand. Doch als er aufwachte, sah er, dass er der Ozean war, in dem das Herz der Welt schlägt.“

„Könnt Ihr mir das ein wenig näher erklären?“ fragte Iolani. Keine Reaktion. Der Dschinn hatte seine Lektüre fortgesetzt und würdigte sie nun keines Blickes mehr.
„Das musst du schon selbst auseinanderklamüsern“, murmelte er in seinen Ziegenbart.

Also schwang sich Iolani wieder auf ihr Ross und ritt geschwind nach Birsilpur, wo vor dem Stadttor tatsächlich ein verwitterter Brunnen aus dem safranfarbenen Staub ragte. Er war ausgetrocknet. Von wegen Ozean.

„Vieless isst anderss, alss ess auf den erssten Blick erscheint“, sagte eine leise Stimme, die wie Sandpapier durch ihre Gehörgänge schliff.
„Wer bist du?“ frage Iolani.

„Dass wirsst du noch früh genug begreifen. Spring hinein, tauch hinab und ssieh sselbst“, raspelte die Stimme in Iolanis Mittelohr, „worauf wartesst du noch?“

Ohne sich mit einer genaueren Abwägung der möglicherweise fatalen Folgen eines solchen Unterfangens aufzuhalten, sprang Iolani in den Brunnen.

Der Treibsand schwappte über ihrem Kopf zusammen. Behutsam öffnete sie ihre zusammengekniffenen Augen und – sie konnte sehen! Unter ihr erstreckte sich eine wundersame Meereslandschaft, wie sie wohl noch nie ein Menschenauge erblickt hatte. Ein Ozean aus Sand, durchsichtig wie Kristallglas, in dessen bernsteinfarbener Strömung leuchtend grünes Seegras wogte. Schwerelos schwebte Iolani inmitten saphirfarbener Fische.

Und sie konnte atmen, ein wenig schwerer zwar als gewöhnlich, doch schien sich der Wüstenstaub in ihren Lungen in köstlichste Sommerluft zu verwandeln. Sommerluft, ja. Eine Wärme, die Iolani seit ihrer Kindheit nicht mehr verspürt hatte, durchströmte ihre frostgeplagten Glieder.

Sie blickte nach oben. Sanft kräuselte sich die Oberfläche des Sandmeers in der Morgenbrise. Ein Wüstenschiff hinterließ seine Spuren, die konzentrische Kreise in den körnigen Spiegel zeichneten. Über ihrem Kopf glitt eine Schlange hinweg.

„Wer bist du“, fragte Iolani ein zweites Mal. „Wass denksst du?“, fragte die Stimme, „du weißßt ess doch schon längsst!“
Iolani tauchte in kräftigen Zügen hinab und rief: „Du bist das Wüstenherz!“
„Na endlich“, antwortete dieses und fragte, „Und jetzst denksst du, ich würde dir sso mirnichtss, dirnichtss helfen?“
„Natürlich“, entgegnete Iolani, „in deiner unendlichen Weisheit und Güte hast du sicher Erbarmen mit den frierenden Menschenkindern. Im Namen meiner Mitgeschöpfe: Schenk uns deine Wärme!“
„Warum ssollte ich dass tun? Alss ihr die Atombomben abgeworfen habt, da habt ihr auch nicht meinen Beistand erbeten!“ Der Schrei des Wüstenherzens tobte wie ein Sandsturm durch Iolanis Nebenhöhlen.
„Dann hilf doch wenigstens den Tieren, wenn du schon kein Mitleid mit den Zweibeinern hast!“ brüllte Iolani.

Stille. Ein Schwarm Medusen glitt vorüber. Ein blutrotes Glühen durchpulste das Sandmeer. Wie verträumte Silberglöckchen klingelte der Sand.

„Na gut. Aussnahmssweisse“, verkündete das Wüstenherz schließlich, „aber beim nächssten Atomkrieg knipsse ich euch alle Lichter auss, nur dass ihr ess wisst!“

Das Pulsieren schwoll an. Vulkanische Hitze stieg vom Ozeanboden auf und schlug Iolani in sengenden Wogen entgegen. So schnell sie konnte, schwamm sie Richtung Oberfläche, doch der Lavastrom kam immer näher. Ihre Fußsohlen glühten.

Mit letzter Kraft umfasste sie das Hühnerknöchelchen in ihrer Tasche. Sekunden später umfassten knochige Finger ihr Handgelenk und zogen sie mit einem kräftigen Ruck durch den Brunnenschacht nach oben. Iolani verlor das Bewusstsein.

Alle Geschöpfe der Wüste waren herausgekommen, um die Sonne zu begrüßen. Gierig tranken die Silberfüchse aus Schmelzwassertümpeln.

Blühende Kakteen schlürften den Nektar des Mittagslichts.

„Nastrowje“, krächzte die Baba Yaga und hielt der benommenen Iolani einen Becher Milchschnaps entgegen, „lass uns trinken auf die Rettung der Welt! Und gib mir zu essen! Ich rieche Lammfleisch in deiner Tasche!“

Iolani warf der fidelen Hexe die Dose mir dem Notvorrat zu. Leichten Herzens fing sie das wohlige Sonnenlicht in der hohlen Hand auf.

„Der Raja wird Augen machen!“ rief sie und tanzte auf ihren verbrannten Fußsohlen auf den Wellen des Wüstenmeeres.

Und weil sie nicht gestorben sind, sonnen sie sich noch heute.

Reflexionen im Hungerturm

astra

Eine Destruktionsanalyse

Immer noch denken viele, Seifenblasen seien durchsichtig. So mancher Zeitgenosse vertritt nach wie vor die irrige Ansicht, ein derartiges Gebilde bestehe lediglich aus einem dünnen Wasserfilm, an dessen Innenseite Seifenteilchen angelagert seien. Ferner wähnen sie sich in dem Glauben, eine Seifenblase setze sich aus nichts anderem als einer dem Wasser zugewandten hydrophilen Carboxylat-Gruppe und einem dem Wasser abgewandten hydrophoben Alkylrest zusammen.

Dem ist ganz gewiss nicht so. Der geneigte Leser möge sich nun zurücklehnen und im warmen Licht der Wahrheit baden, das sich in Bälde über ihn ergießen wird.

Vermittels eines von mir selbst ersonnenen Dimensionalspektrographen begann ich am 3. Feber unter der gefälligen Obhut des Wassermanns eine ganz und gar sonderbare Reise. Hätte ich gewusst, in welch unerquickliche Lage ich durch ebendiese gelangen würde, so hätte ich mein Ansinnen höchstwahrscheinlich noch einmal überdacht, hätte womöglich die Suche nach dem Lapis Philosophicus fortgesetzt so wie alle anderen meines Fachs. Doch für Reue ist es nun zu spät.

Ich hatte also mein Instrumentarium geeicht, meinen Messkoffer gepackt, meine Kinder ein letztes Mal auf die Stirn geküsst und meiner geliebten Gattin einige abschließende Ermahnungen erteilt. Meine Dienstboten hatte ich angewiesen, im Falle meines vorzeitigen Ablebens ihrem Tagewerk wie gewohnt nachzugehen, so, als sei nichts geschehen. Dem Gutsverwalter hatte ich aufgetragen, meine Liegenschaften weiterhin mit fester Hand zu bewirtschaften, so, als sei ich niemals fort gegangen.

Ich schloss die Tür zu meinem Laboratorium und befeuerte den Brenner. Schlohweiße Flämmchen leckten am Glaskolben. Sachte tauchte ich die Drahtschlinge in die Lauge, blies leicht auf die schillernde Membran, woraufhin sich eine kürbisgroße Blase bildete, die ich behutsam in der bereitliegenden Schale aus allerfeinstem Meißener Porzellan auffing.

Geschwind erzeugte ich noch einige weitere Blasen – Prachtexemplare, kann ich im Nachhinein voll Stolz behaupten – und setzte sie obendrauf, sodass am Ende eine wohlgeformte Pyramide aus Seifenkugeln zur rußgeschwärzten Decke meiner Forschungsstätte hinaufragte.

Dieses war der erste Streich gewesen, und der zweite – ein Geniestreich, muss ich ganz ohne falsche Bescheidenheit feststellen – folgte sogleich. Nun war der alles entscheidende Zeitpunkt gekommen. Munter knisterte das Feuerchen in meinem Werkstattofen, ungeduldig brodelte die Reagenzflüssigkeit, in hochroter Erwartung glühte der Alembik. Derweil setzte ich mir den Spektrographen auf den Kopf, nicht ohne zuvor mein Monokel im Messkoffer verstaut zu haben.

Ein Körnchen Alabaster und eine Entendaune waren die letzten, doch entscheidenden Ingredienzien für den Sud, der mein Leben verändern sollte.

Die Schnelligkeit des Steins, die träge Leichtigkeit der Daune setzten die Mechanik des Apparats in Gang. Ich implodierte in einem Spiralstrom aus verflüssigter Raumzeit.

Ein schwarzes, ein rotes, ein weißes Nichts umfingen mich und schleuderten mich hinaus aus der Zentrifuge des Allbekannten.

Stille. Milchiges Dunkel.

Ein Donnerschlag warf mich in die rissige Haut meines Selbst zurück. Da war ich, da lag ich auf der taufeuchten Grasnarbe mit einem Dimensionssprungmuskelkater in den müden Gliedern. Über mir ein Firmament mit Gestirnen aus flüssigem Opal.

Rund um mich erstreckte sich ein  mundgeblasener Kosmos, regenbogenschillernd und konkav. Eine fragile kleine Welt im Innern einer seifigen Sphäre.

Eine Wiese, Bäume. Ein verfallenes Wasserschloss, dessen morsches Tor wie eine Hasenscharte aus dem Burggraben ragte.

Hunde kläfften. Ein Bächlein murmelte. Ein wässriger Vollmond war im Begriff hinterm Horizont zu versinken.

Mit ächzenden Knochen und wimmernden Gelenken richtete ich mich auf, zündete meine Stirnlampe an und ging langsamen Schritts, doch frohen Mutes auf das Schlösschen zu. Unterwegs nahm ich allerhand Bodenproben.

Schon bald vernahm ich Gelächter und Gefiedel, Fußgetrappel und Hofdamengekreisch. Hinter den bröckeligen Mauern schien trotz der fortgeschrittenen Stunde eine recht fidele Abendgesellschaft im Gange zu sein.

Als ich mich dem Palast näherte, schlug lautstark eine ganze Hundemeute an. Ich war es gewohnt, mich vom Unbekannten nicht so schnell abschrecken zu lassen und schritt beherzt voran.

„Losungswort!“, knurrte der Torwächter, mehr Bulldogge als Mensch. „Boandlkroama“, knurrte ich meinerseits, woraufhin er mir sogleich Durchlass gewährte.

Der Thronsaal war Potpourri aus Erhabenheit und Dekadenz, Kerzenschein und Schimmelpilz, Prunk und Spülicht. Weihrauchschwaden mischten sich mit
Parfümduft, Fleischdampf und Hundeschweiß. Goldene Kelche standen voll Hühnerknochen, Bratensatz und Burgunderwein. Seidenglänzende Hofdamen hatten ihre Unterröcke auf die Kristallluster gehängt und tanzten mit den Prinzlingen ein letztes Menuett. In der Mitte thronte der Monarch, mit Hermelinmantel, wirrem Haar und trübem Blick, vom bunten Treiben sichtlich ermüdet.

Nicht ohne eine Magnetresonanzmessung des Saales vorgenommen zu haben, durchquerte ich die angeheiterte Menge und verneigte mich vor dem Herrscher.
„Eure Majestät, ich brachte, was Ihr wünschtet“, sagte ich mit fester Stimme, denn vor Aristokraten hatte ich noch nie Respekt gehabt. Ich reichte ihm ein winziges, sorgsam verkorktes Reagenzgläschen mit einer rubinrot schimmernden Flüssigkeit.
Wortlos nahm der König es entgegen, entkorkte das Behältnis und schüttete dessen Inhalt in seinen Weinkelch. Mit großen Schlucken leerte er sein Trinkgefäß.

Alles ging nach Plan. Während der Mann auf dem Thron dachte, er hätte soeben einen Wundertrank zu sich genommen, der ihn in der seit Jahrhunderten andauernden Blutfehde mit dem benachbarten Königreich unbesiegbar machen würde, war ich mir, wie es einem Forscher von Weltrang gebührt, über die nachfolgenden Ereignisse vollkommen im klaren.

In einer formvollendeten Sinuskurve hob sich das Schädeldach des Monarchen nach oben. Die Mauern warfen Blasen und die tanzende Menge wölbte sich halbkreisförmig Richtung Decke. Während sich die Szenerie zunehmend verflüssigte, wuchs eine kristallene Wendeltreppe aus dem rechten Ohr des Königs hervor. Ohne zurückzuschauen stieg ich auf dieser nach oben, auf eine helle Öffnung zu.

Wieder schwamm ich durch ein Meer aus Nichts.
Ein Trommelwirbel trieb mich zurück in meine sterbliche Hülle. Von unten herauf fiel ich in mein Ich hinein und schnappte gierig nach Luft.

Diesmal lag ich bäuchlings auf dem Marmorboden im Foyer einer Oligarchenvilla, die lädierte Nase in der vergoldeten Fuge zwischen den Mosaiksteinchen. Ein Diener wieselte mit dem Staubwedel auf mich zu und reinigte mich und mein Gepäck von Kopf bis Fuß, nicht ohne mir zuvor auf die Beine geholfen zu haben. Schmerzhaft, doch zuvorkommend.

„Bringe er mich zu seinem Herrn“, sagte ich mit sanfter Bestimmtheit, woraufhin mich der Dienstbote durch lange Wandelgänge mit Meerblick in den Bernsteinsalon brachte.

Dort saß er auf seinem Samtsofa, der Oligarch, die Sitzfläche ob seiner Leibesfülle fast gänzlich für sich einnehmend, umringt von Grazien, deren spärliche Oberbekleidung selbst mir als Agnostiker die Schamesröte ins Gesicht trieb.

„Großer Vorsitzender, ich brachte, was Ihr wünschtet“, sagte ich zu ihm mit fester Stimme, denn vor dem inkarnierten Mammon hatte ich noch nie Ehrfurcht verspürt, und reichte ihm ein wachsversiegeltes Glasröhrchen mit einer goldenen Flüssigkeit. Der Vorsitzende öffnete es sogleich und schüttete den Inhalt in sein Wodkaglas, um dieses in einem Zug auszuschlürfen, in dem Glauben, es handle sich um einen Zaubertrank, der ihm ewige Jugend, unerschöpfliche Manneskraft und unendlichen Reichtum verleihen würde.

Dass dies zu banal war, um wahr zu sein, wurde ihm erst bewusst, als ihm bereits eine gläserne Leiter aus dem Scheitel wuchs, das Bernsteinzimmer zu honiggelbem Sirup zerschmolz und die Grazien wie Kerzenwachs zu Boden tropften.

Leichterdings kletterte ich nach oben, nicht ohne zuvor eine Luftprobe gezogen zu haben. Nun war ich beinahe am Ziel meiner Reise angelangt. Durch eine kreisrunde Luke gelangte ich in die Höhle der Kristalle, mit Wänden aus Chrysoberyll, mannshohen Stalagmiten aus Amethyst und baumgroßen Stalaktiten aus reinstem Diamant.

Inmitten der glitzernden Pracht saß sie, die Herrscherin des zerbrechlichsten aller Reiche, die Königin der Flüchtigkeit, die Fürstin der Membranwelten. Sie trug ein Kleid aus Silbergespinst und Sphärenklängen, das ebenmäßige Antlitz von jadefarbenen Haarflammen umrahmt. Ich warf mich zu Boden. Nicht aus Ergebenheit, denn überirdische Anmut hatte mich noch nie eingeschüchtert, doch ich kannte die Gepflogenheiten und außerdem hatte ich ein Ziel.

„Wer hätte das gedacht. Der kleine Alchimist hat den Weg zu mir gefunden“, hieß sie mich willkommen und bedeutete mir mit einem Wink ihrer durchscheinenden Hand, ich möge mich erheben.

„Euer Durchlaucht, ich fühle mich außerordentlich geehrt durch Eure strahlende Präsenz und äußere vor Furcht zitternd und dennoch ganz geradeheraus mein Anliegen, sofern Ihr es erlaubt.“

„Fahrt fort“, antwortete sie.

„Die Menschen meiner Welt haben das Staunen verlernt“, begann ich, „da unsereins es gewohnt ist auf fester Erde und hartem Pflaster stampfenden Schrittes durchs Leben zu wandeln, umgeben von bleiernen Mauern, drückenden Dächern und erstickenden Pflichten, hat sich eine gewisse Trägheit breit gemacht, hat die Seuche der Freudlosigkeit um sich gegriffen. Nun hoffte ich im hauchfeinen Reich der Membranen das Element des Frohsinns ob dessen Vergänglichkeit zu isolieren und meinen trübsinnigen Mitmenschen in Form eines Trankes zugänglich zu machen.

„Nur zu gerne gewähre ich dem kleinen Tränkemischer diesen bescheidenen Wunsch“, sagte die Königin sanft, „gerne erlaube ich ihm auch noch einen Blick auf alle weiteren Mikrokosmen in meinem Reiche“, sprach sie und … in diesem Moment platzte die kleine Welt.

Man fand mich auf dem Boden in einer Lache aus dampfender Seifenlauge, um mich herum das Treibgut meiner Streifzüge im Reich der Blasen.

Die Königskrone. Der Siegelring des Oligarchen. Das Diadem der Kristallfürstin.

Natürlich hätte mir klar sein müssen, dass niemand und schon gar nicht die Schergen seiner kaiserlichen Majestät mir glauben würden, ich hätte diese Gegenstände in einer anderen Welt als der unseren mit reinem Gewisssen einzig und allein für wissenschaftliche Zwecke entwendet. Somit wurde ich ohne den langen Umweg über Folterkeller und Tribunal an Ort und Stelle wegen Diebstahls höfischer Insignien zum Tod im Hungerturm verurteilt.

Dabei hatte ich doch nur an die Zukunft der alichimistischen Forschung gedacht und ausschließlich für den Fortschritt der höheren Erkenntnis jene kostbaren Objekte in vorübergehenden Gewahrsam genommen. Die Zeit ist wohl noch zu jung für ein Genie meines Formats.

Nun denn, gehabt Euch wohl, geneigter Leser, denn meine Tage im Hungerturm sind gezählt. Bevor ich von Kachexie und Lichtlosigkeit dahingerafft werde, möchte ich Euch noch eines mit auf den Weg gehen: Nehmt nicht für bare Münze, was man Euch glauben machen will. Trinkt in vollen Zügen aus dem Kelch der Heiterkeit. Wissen ist Umnachtung, Wirklichkeit ein Wolkenkucksheim.

Der kleine Pepe und die bösen Drei

klippo

„Wuff!“, bellte der Hund. „Wuff! Wuff!.“ Aufgeregt kläffend und mit wedelndem Schwanz rannte er um den kleinen Pepe herum. Etwas hatte angebissen. Ein kräftiger Ruck ging durch die Fischerleine und der Junge wäre beinahe in den Weiher gestürzt, hätte sich der Hund nicht noch im letzten Moment an seinem Hosenlatz festgebissen. Die Fischerleine bis zum Zerreißen gespannt musste Pepe ackern wie ein kleiner Ochse, bis es ihm endlich gelang, den widerspenstigen Fang aus dem Wasser zu zerren.

„Wuff!“, bellte da der Hund und fletschte seine Zähne. „Wuff! Wuff!“

Während Pepe seinen Fang begutachtete, trat plötzlich ein großer Mann an den Weiher. Lautlos war er aufgetaucht und stand einfach so da, eine breite, runde Gestalt im Zwielicht der Dämmerung. Weit und breit nannte man ihn nur den „Saubauern“, da er durch die Schweinezucht zu großem Reichtum gekommen war. Und tatsächlich war er auch selber dick und rund wie eins seiner Mastschweine, die er am sonntäglichen Markt mit krakeelender Stimme anzupreisen pflegte und noch dazu behaart und beschnäuzt wie ein Eber aus dem Wald. Manche Leute nannten ihn auch den alten „Fotzenhobel“, doch dies ist eine andere Geschichte.

Der Saubauer tupfte sich sein glänzendes Gesicht ab und watschelte auf Pepe zu. „Na, hast du deiner Großmutter einen fetten Fisch gefangen“, feixte er und äugte neugierig auf das tropfende Ding, das der kleine Junge da eben aus dem Wasser gezerrt hatte. „Heiliger Schweinehoden“, polterte er, als er es denn gesehen hatte und sein ohnehin schon rundes Gesicht wurde vor Erstaunen noch runder, „Nanu! Was ist denn das?“

Angelockt von den Rufen des fetten Bauern gesellte sich nun noch ein zweiter Mann zum Wasser, der schon zuvor verstohlen durch das Gebüsch gelinst hatte und sich nun mit seltsam staksendem Gang Pepe und dem Saubauern näherte. Der Mann war ein Angestellter des Saubauern, genauer gesagt der Pedell der so genannten „Sauakademie“, einer Institution, die der Saubauer ins Leben gerufen hatte, um junge aufstrebende Talente in der Kunst der Schweinemast zu unterrichten. Meist wurde der Pedell aber nur die „Gottesanbeterin“ genannt, da sein dreieckiges Gesicht, seine großen Facettenaugen sowie auch seine Körperform und seine Extremitäten verblüffende Ähnlichkeiten mit demselbigen Insekt aufwiesen. Es war  stets mit seinen beiden großen geschwungenen Sicheln anzutreffen, die er äußerst geschickt bei der Kastration von jungen Ebern einzusetzen wusste und genau in der Art zu halten pflegte, wie es auch Gottesanbeterinnen mit ihren Fängen tun, wenn sie sich auf einem Stein auf die Lauer legen.

Jetzt sah auch der Pedell das Ding, das der kleine Pepe da eben aus dem Wasser gezerrt hatte. „Du meine Güte“, rief er und musste sich sogar kurz setzen, da ihm vor Schreck ganz blömerant wurde.

Just in diesem Moment trat noch eine dritte Gestalt an das Ufer. Es handelte sich dabei um die Großmutter von Pepe, die ein steinaltes und ausgesprochen hässliches Weib war, mit weißen Hexenhaaren und einer Haut so verschrumpelt wie ein vertrockneter Regenwurm. Mit penetrant lauter, krächzender bis kreischender Stimme, wie sie für ältere Frauen mit beginnender Taubheit typisch ist, begann sie nach ihrem Enkel zu rufen, dass er endlich nach Hause kommen sollte. Sie konnte sich nur sehr langsam vorwärts bewegen, da sie neben ihrer Taubheit auch noch schlecht sah und zudem auf einem Bein lahmte. Zudem erschwerte ihr ein gerade zu grotesk großer Buckel das Fortkommen. Ungeachtet aber ihrer altersbedingten Handicaps war sie aber ein lebenserfahrenes, weises, altes Weib, das schon weit in der Welt herumgekommen war und so manches erlebt hatte, woran jüngere Generationen nicht im Traum zu denken wagten. Der Saubauer und sein Pedell atmeten jedenfalls erleichtert auf, als sie die Großmutter näher kommen sahen. Vielleicht konnte ja sie Licht in die Angelegenheit bringen.

„Ei, du bist mir ein rechter Schnapphahn!“, rief sie aus und gab dem kleinen Pepe eins hinter die Löffel, als sie gesehen hatte, was er da eben aus dem Wasser gezerrt hatte. „Was hast du da gefangen? Lausbub!“

Das Ding, das Pepe da eben gefangen hatte, hatte es sich in seinen Armen mittlerweile sehr bequem gemacht. Er hatte es von dem Fischerhaken befreit und tätschelte ihm liebevoll den Kopf. Es hatte entfernte Ähnlichkeiten mit einem kleinen, fetten Krokodil, dazu rhabarberartige Flossen und eine platte Schnauze. Die Liebkosungen des kleinen Jungen schienen ihm sehr zu behagen, wie man an seinem zufriedenen Gurren und Schnurren hören konnte.

„Gut, dass Sie gekommen sind, verehrte Großmutter“, flüsterte der Saubauer. „Sehen Sie sich nur dieses garstige Ding an!“

Nachdem die Großmutter sich das Tier eingehend angesehen hatte, wurde ihr die Sache bald klar: „Das ist ein Leviathan. Im Volksmund auch Teufelsgecko genannt. Sehr selten. Scheint noch im Larvenstadium zu sein. Im Erwachsenenzustand ungeheuer fressgierig und böse. Am besten schlagen wir es schnell tot und werfen es zurück in seinen Pfuhl.“

„Eine ausgezeichnete Idee“, stimmte der Saubauer zu. „Mein Pedell und ich können das sogleich mit unserem Equipment erledigen“.

Dabei spann der gewiefte Saubauer bereits Pläne, wie er den Leviathan, hatten sie ihn erstmal geschlachtet, gewinnbringend verwerten konnte. Denn wenn das Tier wirklich so selten war, wie die Großmutter sagte, ließ sich damit sicherlich ein fetter Reichbach machen. Er konnte sich etwa gut vorstellen, das Fleisch zu einer wohlschmeckenden Pastete zu verarbeiten und als Delikatesse zu verkaufen. Die Zähne ließen sich womöglich zu einem Pulver zermahlen, das – vermengt mit dem Blut und Samen eines Ebers - als potenzsteigerndes Mittel an den Mann gebracht werden konnte und aus der ledrigen Haut des Ungeheuers ließe sich wohl eine schicke Handtasche fertigen, für die ein junges Fräulein zweifellos bereit wäre, einen stattlichen Preis zu entrichten.

Die zotige Großmutter gab dem Saubauern jedenfalls gerne ihre Zustimmung, denn sie wollte endlich nach Hause, damit sie von dem kleinen Pepe ihren täglichen Gute-Nacht-Kuss empfangen konnte.

Der Saubauer packte also den Leviathan am Schlafittchen und riss ihn dem Jungen aus den Händen. „Heeeee“, rief Pepe vorwurfsvoll, denn er wollte seinen neuen Freund unbedingt behalten, der viel besser war als sein langweiliger blöder Hund. Aber der Saubauer kümmerte sich nicht um das Geweine und Geplärre des Jungen. Auf einer kleinen, mobilen, ausklappbaren Schlachtbank wollten er und sein Pedell den Leviathan schlachten. Mit Tränen in den Augen blickte Pepe auf die Großmutter, aber von ihr war keine Hilfe zu erwarten, denn sie billigte das schändliche Vorgehen des Saubauern.

Auch der kleine Leviathan war gar nicht froh darüber, nicht mehr in den Armen Pepes strawanzen zu können. Er quakte missgelaunt. Dass ihn der Saubauer festschnallte, damit ihn der Pedell mit seinen scharfen, geschwungenen Sicheln abstechen konnte, gefiel ihm ganz und gar nicht und so biss er dem Saubauern kräftig in den Finger.

„Auweh“ schrie der Saubauer und versuchte den Leviathan abzuschütteln, doch dieser hatte, trotz seines jungen Alters bereits ein gut entwickeltes Gebiss und ein kräftiges Kiefer und ließ nicht so schnell locker. In seiner Not wirbelte ihn der fette Saubauer wie einen Kreisel im Kreis herum und klatschte ihn gegen einen Baum, doch der Leviathan zeigte sich davon gänzlich unbeeindruckt. KRACKS machte es da und ab war der Finger des Saubauern. Eine Fontäne schwarzen Blutes spritzte durch die Luft und besudelte ihn und seinen Pedell mit schleimigen Schlieren. Kreidebleich sank der Saubauer zu Boden und musste von dem Pedell mit einem Schnupftuch verarztet werden.

Aber noch bevor der Leviathan den Finger fertig verspeist hatte und zu dem kleinen Pepe zurückhuschen konnte, hatte ihm die Großmutter schon mit einer für ihr Alter erstaunlich flinken Blutgrätsche den Weg abgeschnitten und packte ihn am Schwanz. „So, Spitzbube, hab ich dich. Jetzt hast du genug Schabernack getrieben. Sie nur, wie du den guten Saubauern zugerichtet hast!“ zeterte das zotige Weib und verwies auf den voluminösen Bauern, der seufzend in seinem Blute lag. Durch dessen Malheur vorgewarnt hielt sie den Leviathan in einer besonderen Weise am Schwanz, sodass dessen Beißen und Schnappen ziellos in der Luft verpuffte. Jetzt – wo er hilflos herumzappelte – wollte sie ihm mit einem großen, flachen Stein den Schädel einschlagen. Aber bevor sie ihr Werk vollenden konnte, spritzte ihr der Leviathan plötzlich aus einer verborgenen Drüse in seinem After eine ätzende Flüssigkeit ins Gesicht, sodass sie geblendet und unter schlimmen Schmerzen zu Boden ging.

„Au! Au! Au!“ schrie die Großmutter in ihrer Pein, da ihr die Säure tief ins Fleisch fraß und ihr den Schädel bis auf den Knochen abnagte. Ihr Wehklagen mischte sich mit den mittlerweile zu einem Todesröcheln verhauchten Wimmern des Saubauern, der sich in einer immer größer werdenden Blutlache suhlte. Jetzt konnte der Leviathan endlich zurück in die Arme des kleinen Pepe huschen, der ihn ob seiner Rückkehr überglücklich küsste und herzte. Er brannte darauf nach Hause zurückzukehren und seinem neuen, lustigen Spielkameraden ein Nest unter seinem Bett zu bauen.

Doch bevor er weglaufen konnte, versperrte ihm plötzlich eine insektenhafte Gestalt in den Weg. Bedrohlich, mit den beiden geschwungenen Sicheln in den Händen und quecksilbrig hervorquellenden Augäpfeln, bäumte sich der Pedell vor Pepe und dem Leviathan auf. Er hatte seinem Herrn und Meister, dem Saubauern, versprochen, dass er seinen Tod rächen würde und war nun zum Äußersten bereit, gleichwohl er sich vor Angst fast in die Hosen machte. Hatte er doch mit ansehen müssen, wie übel der Leviathan den Saubauern und die Großmutter zugerichtet hatte. Aber fest entschlossen Blut mit Blut zu vergelten, blieb er vor den beiden stehen, störrisch wie ein Palmesel.

Da trat ihm der kleine Pepe kräftig in die Hoden, denn er war ein rechter Lausbub, sodass der Pedell winselnd zu Boden ging und sich zu seinen Spießgesellen in den Morast gesellte. Jetzt konnte Pepe mit dem Leviathan endlich nach Hause laufen und freute sich sehr darüber, dass er einen neuen Spielgefährten gefunden hatte und alles noch einmal gut ausgegangen war. Seinen langweiligen, blöden Hund aber ließ er zurück am Weiher, denn für ihn hatte er keine Verwendung mehr.