Er saß schweigend auf seinem Hochstand und erschoss alle und alles.
Warum, konnte er nicht sagen. Vielleicht hatte er einmal Gründe dafür gehabt, möglicherweise waren es sogar gute Gründe gewesen – doch wenn, dann hatte er sie längst vergessen.
Es war nicht etwa so, dass er eine Blutfehde gegen irgendjemanden oder irgendetwas geführt hätte. Rache war ihm völlig fremd. An wem hätte er sich auch rächen sollen? Ihm hatte ja nie jemand etwas zu Leide getan. Wie denn auch? Wer und was auch immer an seinem Hochstand vorbeigekommen war, hatte er erschossen.
Er kannte keinen Auftraggeber und keine Belohnung. Womöglich hatte ihm einmal einer den Schießbefehl erteilt. Doch erinnern konnte er sich nicht daran. Wahrscheinlich hatte er ihn erschossen.
Er handelte weder aus einem edlen Antrieb noch aus niederen Motiven. Er war kein Triebtäter und kein Sammler. Nicht einmal an Trophäen war er interessiert - nur daran, alles zu töten, was ihm vor die Flinte kam.
Er mordete ohne jede Regung. Wenn sich sein Finger am Abzug krümmte, dann waren seine Gedanken so ruhig wie sein Atem, sein Atem so ruhig wie seine Hand. Er hasste seine Opfer nicht, aber er hatte auch kein Mitleid. Das Töten bereitete ihm nicht einmal besonderes Vergnügen. Es war einfach das Einzige, was er kannte.
Es war durchaus nicht auszuschließen, dass er einmal etwas anderes getan hatte, als zu töten. Doch wenn, dann konnte er sich nicht mehr daran erinnern. Und die, die sich unter Umständen hätten erinnern könne, die hatte er vermutlich längst erschossen.
Er erschoss sie ohne Unterschied – Greise und Rebhühner, Babys und Steinböcke, Frauen und Fasane, Männer und Marder, Arme und Aale, Reiche und Hirsche, Katze und Maus, Fuchs und Igel, Hasenscharte und Hundemeute, Förster und Wildschütz, Jäger und Gejagten, Max und Moritz, Tim und Struppi, Siegfried und Roy, Marianne und Michael, Philemon und Baucis, Pünktchen und Anton, Emil und die Detektive, Julia und die Geister, Ali Baba und die vierzig Räuber, Mario und Luigi, Adam und Eva.
Er tötete ohne jeden Sinn und Zweck. Der einzige Sinn war ihm das Töten selbst. Es war sein ein und auch sein alles. Ja man konnte mit Fug und Recht behaupten: Das Töten war sein Leben.
Eines Tages kam ihm nichts mehr vor den Gewehrlauf.
Er wartete und wartete, doch es geschah nichts. Er wachte Tag und Nacht, doch er versäumte nichts. Er blickte durch sein mundgeblasenes Fernrohr, doch es rührte sich nichts. Er horchte, doch er hörte nichts. Er säuberte die Linse seines Fernrohres mit einem weichen Tuch – ich glaube, es war grün – und blickte noch einmal hindurch. Nichts. Er säuberte seine Ohrmuschel mit einem Wattebausch, von dem ich mit einiger Sicherheit sagen kann, dass er weiß war. Noch immer nichts.
Endlich raschelte etwas im Gebüsch. Er fühlte fast so etwas wie Erleichterung. Hurtig lud er seine Büchse und feuerte munter drauf los.
Dann kletterte er flugs von seinem Hochstand, um nachzusehen, was er da wohl erlegt hatte. Er selbst nannte es „die Destruktionsanalyse durchführen“.
Am Fuße des Hochstands, halb unter der grinsenden Grasnarbe verborgen, lag das Opfer. Außer den Gräten war nicht mehr viel dran. Die Gesichtsfarbe war sehr ungesund, gewitztere Naturen als ich hätten wohl von einem knochenbleichen Teint gesprochen. Das Opfer trug einen korrekten schwarzen Zweireiher und einen Aktenkoffer und lag überdies in seinen letzten Atemzügen.
„Na, wer bist denn du?“, fragte er mit gewisser Neugier.
Das Opfer befand sich gerade im Todeskampf und antwortete daher mit leichtem Zögern: „Meine Freunde nennen mich Freund Hein. Meine bayerischen Freunde nennen mich Boandlkramer. Meine zum Pathos neigenden Freunde nennen mich den grimmigen Schnitter. Meine Vettern nennen mich Gevatter. Mein Arzt nennt mich Knochenmann. Esoteriker nennen mich den Ewigen Schlaf. Kinder nennen mich den Schwarzen Mann. Meine Frau nennt mich Baby. Du kannst du zu mir sagen. Hier, meine Karte.“
Der Tod zog eine marmorierte Visitenkarte aus seiner Anzugtasche und überreichte sie ihm. Auf der Karte stand in schwarzer Gravur: Tod. Alle Kassen.
„Was willst du denn von mir?“, fragt der andere nicht unfreundlich.
„Ich hatte den Auftrag, dich zu holen“, erklärte der Tod förmlich. Er zog das entsprechende Schreiben aus seiner Aktentasche. „Wenn der Herr hier bitte gegenzeichnen möchte …“
Auf dem vorgedruckten Formblatt stand: „Ich erkläre hiermit, meine Todesnachricht erhalten und zur Kenntnis genommen zu haben. Auf alle weiteren Rechtsansprüche verzichte ich. Der Unterfertigte“
Nachdem er das Formular abgestempelt und seinem Gegenüber eine Quittung samt Durchschrift ausgefolgt hatte, fuhr der Tod in amtlichem Tonfall fort: „Da du mit Ende letzten Quartals alle anderen Geschöpfe exterminiert hast und folglich das letzte aktenkundige Lebewesen in unserem Einzugsgebiet darstellst, war meine Abteilung der Meinung, dass man auch in deiner Sache zu einem ordnungsgemäßen Abschluss kommen sollte. Unglücklicherweise“, fuhr der Tod in einem Tonfall professionellen Bedauerns fort, „hast du mir die Ausübung meiner Tätigkeit im Allgemeinen und den Vollzug dieses Auftrages im Speziellen verunmöglicht, indem du so unkooperativ warst, mich zu erschießen. Die Stempelgebühr entfällt somit.“
Mit diesen Worten bettete er seinen Schädel auf den schwarzen Aktenkoffer und schloss seine nicht vorhandenen Augen.
„Ich werde jetzt sterben“, sagte der Tod.
„Na so was, ich wusste gar nicht, dass man den Tod töten kann“, meinte der andere mit einem Anflug von Unruhe.
„Ich auch nicht“, sagte der Tod leichthin. „Aber du hast es geschafft. Bisher hast du nur den Tod gebracht. Jetzt hast du den Tod umgebracht. Darf ich dir dazu meine Gratulation aussprechen?“
„Ich weiß nicht“, sagte der andere verlegen.
„Auf jeden Fall haben wir aus der ganzen Sache eines gelernt“, fuhr der Tod im Plauderton eines Sterbenden fort. „Irgendwann erwischt es jeden. Außer dich.“
„Wieso? Was ist denn mit mir?“, fragte der andere und kratzte sich verständnislos am Kopf.
„Sehr einfach“, sagte der Tod ungnädig. „Du hast den Tod erschossen. Wer soll dich jetzt noch holen?“
Da wurde dem anderen klar, was er angerichtet hatte. Nicht genug damit, dass er nun nicht mehr töten konnte und damit seine Lebensplanung völlig neu überdenken musste – nein, er konnte auch nicht mehr sterben.
„Aber … dann kann ich ja niemals sterben“, sagte er kleinlaut.
„Tja, das hättest du dir vorher überlegen sollen“, antwortete der Tod eisig. „Zuerst mir nichts dir nichts dem Tod den Garaus machen und dann jammern, wenn man nicht sterben kann – so geht es halt einfach nicht.“ Er schmollte und schwieg.
Der andere setzte sich auf einen großen Stein und grübelte ein wenig: „Ohne den Tod kann ich nicht töten – nicht einmal mich selbst“, dachte er. „Das ist mehr als ärgerlich. Andererseits … wenn ich sogar den Tod töten kann - bin ich dann nicht selbst der Tod?“
Diese letzte Frage hatte er laut gestellt. Doch der Tod antwortete nicht mehr. Er war bereits tot.
„Na gut“, sagte der andere (genau genommen war er jetzt nur noch der eine), „dann werde ich mich eben allein unterhalten.“
Aber er konnte sich nicht allein unterhalten. Auch wenn er die anderen nur gebraucht hatte, um sie zu töten – gebraucht hatte er sie.
„Na gut“, sagte er daraufhin zu sich selbst (zu wem hätte er es auch sonst sagen sollen?). „Immerhin bin ich der Tod des Todes. Und wer den Tod töten kann, für den gibt es auch sonst keine Grenzen.“
Aber genau das war sein Problem. Denn wenn es für ihn keine Grenzen gab, dann konnte es auch kein Ende für ihn geben. Niemals.
„Na gut“, sagte er ungehalten, „wenn das so ist, dann bin ich eben GOtt.“
Aber er war nicht GOtt, sondern nur eine arme Sau. Denn er konnte nur vernichten – und nichts aufbauen.
Und so sitzt er da bis heute. Allein – auf ewig. Sein Körper ist sein Hungerturm.