Das Glück liegt nah am Nichts

giulia

Der Sommer in San Francisco war ein grün angestrichener Winter.
 
Der Sommer in Marrakesch glich einer nie enden wollenden Siesta - bar jeglicher Vergnügungen-
da die Hitze nicht nur seinen Verstand zum Erliegen brachte.
Zum völligen Erliegen.
 
Samarkand schien endlos weit und Timbuktu irgendwie unwirklich.
 
Er hatte die Romantik all dieser Städte satt.
Gründlichst satt.
 
Er hatte sich alle Gesichter eingeprägt,
alle Gerüche der Gassen,
er hatte in sämtlichen Bars getanzt,
alle Mädchen geliebt
und sämtlichen Sonnenuntergängen zugeprostet.
 
Nun war nur noch ein Wunsch in ihm:
 
Unterwegs in Richtung Nichts zu sein.
 
Fernab aller Städte.
Fernab aller Menschen.
Weit weg zu sein.
So weit als möglich.
Allein zu sein.
Nichts zu hören -außer die eigenen Schritte.
Nichts zun fühlen - außer den eigenen Atem .
Und nichts zu planen-
außer das vollkommene Glück.
 
 
Wo das wohl war?
Im Süden?Im Osten?Norden oder Westen?
 
Im Norden, beschloss er.
 
Norden wie Norway
und Norway wie “NO WAY”.
Das klang daoch verheißungsvoll!
 
 
 
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Anfang 40 schien das perfekte Alter für diese Reise zu sein.
Er konnte endlich Dinge tun, die er sich nie getraut hatte,
durfte kindisch sein und erwachsen zugleich,
konnte J. Cash hören und Vivaldi.
Mal edel, mal wild.
 
Er durfte draußen sein bei Wind und Wetter,
er durfte in die Sonne blinzeln und laut gähnen.
 
Er brauchte sich nicht mehr zu waschen.
Er sah zu, wie sich der Dreck in die feinen Augenfältchen setzte und das Gesicht so von Tag zu Tag schöner machte.
 
All diese Freiheiten konnte man sich nehmen im Niemandsland Norden.
 
Er wollte wissen und spüren ob es wahr sei, dass das Glück seh nah am Nichts liegt…
 
 
 
 
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Eiskalter Abschied

giulia

Mit tausenden  salzigen Tränen hatte sie ihre zerbrochenen Ehe, ihre Hoffnungen und Illusionen unter den Schneemassen begraben.
So wie der Schnee sollte auch ihr Leben zerrinnen.
Freudlos, schmerzlos, elegant.
Zwar war der Tag ihrer Scheidung der 21. März -der Beginn des -Frühlings-
sie aber erteilte allem hoffnungsfrohen naiven Frühlingssprießen und Frühlingsregungen eine klare Absage.
 
Adieu Liebe!
Adieu Vertrauen!
Adieu Lust und Leidenschaft!
 
Kurz und gut:
Adieu Lebenslust!
 
Auf die Liebe hatte sie gerne mit einem Glas Wein angestoßen.
A tes amours!
A ta folie!
 
Ach ja, die Verrücktheit.
Die galt es auch zu vernichten!
 
Gott schütze mich vor der Verliebtheit!
Gott schütze mich vor den Irrungen und Wirrungen der Liebe!
So lauteten die Fürbitten , die  sie stündlich Richtung Himmel betete.
 
Bewahre mich vor der Versuchung, raunte sie der Mutter Gottes fast zärtlich ins Ohr.
 
Sich absolut und umfassend gegen die Liebe zu wehren, erschien ihr die ideale Strategie.
 
Alle schönen Erinnerungen schmerzten und der Schmerz glich einem Minenfeld.
 
Ein Blick auf ein Foto und ihr Körper verwandelte sich in Dynamit, brannte, schmerzte, explodierte.
 
Erinnerungen galt es auszumerzen- was immer das bedeutete.
 
Sie verbannte alle Fotoschachteln aus ihrer Wohnung, warf das Geschirr an die Wand und ließ alle Wände übertünchen.
 
Mit freudlosem Weiß.
 
Als könnte sie die mediterrane Leuchtkraft und Wärme ihrer alten Wände auf diese Art ersticken.
 
Weiß sollte alles sein.
 
Weiß und rein.
Weiß und fad.
Weiß wie der Schnee,
der eine weiche Decke des Vergessens über ihre Seele breiten möge.
 
Langsam schien sie eine imaginäre Wand um sich aufzubauen.
 
Unsichtbar für die anderen, aber eiskalt.
 
Und liebesfeindlich.
 
Sie spürte ihren Atem kühler werden….

mein liebster weilt in istanbul

giulia

mein liebster weilt in istanbul
 
mein liebster weilt und weilt…
 
derweil ich
 
wein
 
nach istanbul
 
viel tränen voller leid…
 
 
ach istanbul
 
ach buhlschaft mein…
 
ach all der liebe leid
 
 
mein liebster weilt in istanbul
 
mein liebster weilt und weilt
 
derweil
 
wein ich nach istanbul
 
die tränen voller leid
 
 
ach wein
 
ach leid
 
ach leidenschaft
 
ach istanbul
 
mei freid
 
 
 
mein liebster weilt in istanbul
 
mein liebster weilt und weilt….

Der Annihilator

doma

Er saß schweigend auf seinem Hochstand und erschoss alle und alles.
Warum, konnte er nicht sagen. Vielleicht hatte er einmal Gründe dafür gehabt, möglicherweise waren es sogar gute Gründe gewesen – doch wenn, dann hatte er sie längst vergessen.

Es war nicht etwa so, dass er eine Blutfehde gegen irgendjemanden oder irgendetwas geführt hätte. Rache war ihm völlig fremd. An wem hätte er sich auch rächen sollen? Ihm hatte ja nie jemand etwas zu Leide getan. Wie denn auch? Wer und was auch immer an seinem Hochstand vorbeigekommen war, hatte er erschossen.
Er kannte keinen Auftraggeber und keine Belohnung. Womöglich hatte ihm einmal einer den Schießbefehl erteilt. Doch erinnern konnte er sich nicht daran. Wahrscheinlich hatte er ihn erschossen.

Er handelte weder aus einem edlen Antrieb noch aus niederen Motiven. Er war kein Triebtäter und kein Sammler. Nicht einmal an Trophäen war er interessiert - nur daran, alles zu töten, was ihm vor die Flinte kam.

Er mordete ohne jede Regung. Wenn sich sein Finger am Abzug krümmte, dann waren seine Gedanken so ruhig wie sein Atem, sein Atem so ruhig wie seine Hand. Er hasste seine Opfer nicht, aber er hatte auch kein Mitleid. Das Töten bereitete ihm nicht einmal besonderes Vergnügen. Es war einfach das Einzige, was er kannte.

Es war durchaus nicht auszuschließen, dass er einmal etwas anderes getan hatte, als zu töten. Doch wenn, dann konnte er sich nicht mehr daran erinnern. Und die, die sich unter Umständen hätten erinnern könne, die hatte er vermutlich längst erschossen.

Er erschoss sie ohne Unterschied – Greise und Rebhühner, Babys und Steinböcke, Frauen und Fasane, Männer und Marder, Arme und Aale, Reiche und Hirsche, Katze und Maus, Fuchs und Igel, Hasenscharte und Hundemeute, Förster und Wildschütz, Jäger und Gejagten, Max und Moritz, Tim und Struppi, Siegfried und Roy, Marianne und Michael, Philemon und Baucis, Pünktchen und Anton, Emil und die Detektive, Julia und die Geister, Ali Baba und die vierzig Räuber, Mario und Luigi, Adam und Eva.

Er tötete ohne jeden Sinn und Zweck. Der einzige Sinn war ihm das Töten selbst. Es war sein ein und auch sein alles. Ja man konnte mit Fug und Recht behaupten: Das Töten war sein Leben.

Eines Tages kam ihm nichts mehr vor den Gewehrlauf.
Er wartete und wartete, doch es geschah nichts. Er wachte Tag und Nacht, doch er versäumte nichts. Er blickte durch sein mundgeblasenes Fernrohr, doch es rührte sich nichts. Er horchte, doch er hörte nichts. Er säuberte die Linse seines Fernrohres mit einem weichen Tuch – ich glaube, es war grün – und blickte noch einmal hindurch. Nichts. Er säuberte seine Ohrmuschel mit einem Wattebausch, von dem ich mit einiger Sicherheit sagen kann, dass er weiß war. Noch immer nichts.

Endlich raschelte etwas im Gebüsch. Er fühlte fast so etwas wie Erleichterung. Hurtig lud er seine Büchse und feuerte munter drauf los.
Dann kletterte er flugs von seinem Hochstand, um nachzusehen, was er da wohl erlegt hatte. Er selbst nannte es „die Destruktionsanalyse durchführen“.

Am Fuße des Hochstands, halb unter der grinsenden Grasnarbe verborgen, lag das Opfer. Außer den Gräten war nicht mehr viel dran. Die Gesichtsfarbe war sehr ungesund, gewitztere Naturen als ich hätten wohl von einem knochenbleichen Teint gesprochen. Das Opfer trug einen korrekten schwarzen Zweireiher und einen Aktenkoffer und lag überdies in seinen letzten Atemzügen.

„Na, wer bist denn du?“, fragte er mit gewisser Neugier.
Das Opfer befand sich gerade im Todeskampf und antwortete daher mit leichtem Zögern: „Meine Freunde nennen mich Freund Hein. Meine bayerischen Freunde nennen mich Boandlkramer. Meine zum Pathos neigenden Freunde nennen mich den grimmigen Schnitter. Meine Vettern nennen mich Gevatter. Mein Arzt nennt mich Knochenmann. Esoteriker nennen mich den Ewigen Schlaf. Kinder nennen mich den Schwarzen Mann. Meine Frau nennt mich Baby. Du kannst du zu mir sagen. Hier, meine Karte.“
Der Tod zog eine marmorierte Visitenkarte aus seiner Anzugtasche und überreichte sie ihm. Auf der Karte stand in schwarzer Gravur: Tod. Alle Kassen.

„Was willst du denn von mir?“, fragt der andere nicht unfreundlich.
„Ich hatte den Auftrag, dich zu holen“, erklärte der Tod förmlich. Er zog das entsprechende Schreiben aus seiner Aktentasche. „Wenn der Herr hier bitte gegenzeichnen möchte …“
Auf dem vorgedruckten Formblatt stand: „Ich erkläre hiermit, meine Todesnachricht erhalten und zur Kenntnis genommen zu haben. Auf alle weiteren Rechtsansprüche verzichte ich. Der Unterfertigte“

Nachdem er das Formular abgestempelt und seinem Gegenüber eine Quittung samt Durchschrift ausgefolgt hatte, fuhr der Tod in amtlichem Tonfall fort: „Da du mit Ende letzten Quartals alle anderen Geschöpfe exterminiert hast und folglich das letzte aktenkundige Lebewesen in unserem Einzugsgebiet darstellst, war meine Abteilung der Meinung, dass man auch in deiner Sache zu einem ordnungsgemäßen Abschluss kommen sollte. Unglücklicherweise“, fuhr der Tod in einem Tonfall professionellen Bedauerns fort, „hast du mir die Ausübung meiner Tätigkeit im Allgemeinen und den Vollzug dieses Auftrages im Speziellen verunmöglicht, indem du so unkooperativ warst, mich zu erschießen. Die Stempelgebühr entfällt somit.“
Mit diesen Worten bettete er seinen Schädel auf den schwarzen Aktenkoffer und schloss seine nicht vorhandenen Augen.

„Ich werde jetzt sterben“, sagte der Tod.
„Na so was, ich wusste gar nicht, dass man den Tod töten kann“, meinte der andere mit einem Anflug von Unruhe.
„Ich auch nicht“, sagte der Tod leichthin. „Aber du hast es geschafft. Bisher hast du nur den Tod gebracht. Jetzt hast du den Tod umgebracht. Darf ich dir dazu meine Gratulation aussprechen?“
„Ich weiß nicht“, sagte der andere verlegen.
„Auf jeden Fall haben wir aus der ganzen Sache eines gelernt“, fuhr der Tod im Plauderton eines Sterbenden fort. „Irgendwann erwischt es jeden. Außer dich.“
„Wieso? Was ist denn mit mir?“, fragte der andere und kratzte sich verständnislos am Kopf.
„Sehr einfach“, sagte der Tod ungnädig. „Du hast den Tod erschossen. Wer soll dich jetzt noch holen?“

Da wurde dem anderen klar, was er angerichtet hatte. Nicht genug damit, dass er nun nicht mehr töten konnte und damit seine Lebensplanung völlig neu überdenken musste – nein, er konnte auch nicht mehr sterben.

„Aber … dann kann ich ja niemals sterben“, sagte er kleinlaut.
„Tja, das hättest du dir vorher überlegen sollen“, antwortete der Tod eisig. „Zuerst mir nichts dir nichts dem Tod den Garaus machen und dann jammern, wenn man nicht sterben kann – so geht es halt einfach nicht.“ Er schmollte und schwieg.

Der andere setzte sich auf einen großen Stein und grübelte ein wenig: „Ohne den Tod kann ich nicht töten – nicht einmal mich selbst“, dachte er. „Das ist mehr als ärgerlich. Andererseits … wenn ich sogar den Tod töten kann - bin ich dann nicht selbst der Tod?“
Diese letzte Frage hatte er laut gestellt. Doch der Tod antwortete nicht mehr. Er war bereits tot.

„Na gut“, sagte der andere (genau genommen war er jetzt nur noch der eine), „dann werde ich mich eben allein unterhalten.“

Aber er konnte sich nicht allein unterhalten. Auch wenn er die anderen nur gebraucht hatte, um sie zu töten – gebraucht hatte er sie.

„Na gut“, sagte er daraufhin zu sich selbst (zu wem hätte er es auch sonst sagen sollen?). „Immerhin bin ich der Tod des Todes. Und wer den Tod töten kann, für den gibt es auch sonst keine Grenzen.“

Aber genau das war sein Problem. Denn wenn es für ihn keine Grenzen gab, dann konnte es auch kein Ende für ihn geben. Niemals.

„Na gut“, sagte er ungehalten, „wenn das so ist, dann bin ich eben GOtt.“
Aber er war nicht GOtt, sondern nur eine arme Sau. Denn er konnte nur vernichten – und nichts aufbauen.

Und so sitzt er da bis heute. Allein – auf ewig. Sein Körper ist sein Hungerturm.