Ein Wintermärchen
doma„Vor langer, langer Zeit, in einem Land gar nicht so fern von hier, herrschte ein mächtiger König. Die vielen Jahre auf dem Thron hatten seine Gestalt gebeugt, seinen langen Bart schlohweiß gefärbt und seine Augenbrauen in buschiges Gestrüpp verwandelt. Trotz seines hohen Alters war die Stimme des Königs noch immer ein dröhnender Donnerschlag und sein Verstand so scharf wie das beste Schwert in der höfischen Rüstkammer. Seine Untertanen verehrten ihn für seine Weisheit und Gerechtigkeit, fürchteten jedoch seine unerbittliche Strenge.
Unter den zahllosen Dienern am königlichen Hof waren auch zwei junge Burschen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Von diesen beiden möchte ich euch heute berichten:
Der eine war ein stattlicher Jüngling von zutiefst sittlicher Natur. Mutter und Vater hatte er nie gekannt, er war bei armen Zieheltern in einem kargen, aber reinlichen Kämmerlein aufgewachsen. Er dankte es ihnen mit grenzenloser Liebe und aufrichtiger Opferbereitschaft: Seit er dem Knabenalter entwachsen war, verdiente er sein täglich Brot ganz allein und trug jeden ersparten Groschen nach Hause zu den Alten. Mit Bescheidenheit, Fleiß und seinem gutmütigen Wesen hatte er es gar zu einer Anstellung bei Hofe und dort binnen weniger Jahre bis zum königlichen Mundschenken gebracht. Er arbeitete für zwei, bediente den König und seine Gäste zur vollsten Zufriedenheit und machte seinen greisen Zieheltern recht viel Freude.
Der andere aber war in allem sein Gegenstück, ein garstiger Geselle von durch und durch boshaftem Gemüt. Seine guten Eltern hatten ihn liebevoll aufgezogen und es ihm nie an etwas fehlen lassen. Doch, ach!, er dankte es ihnen schlecht: Gerade erst dem Flegelalter entwachsen, stahl er sich eines Nachts von zu Hause fort. Jeden ergaunerten Groschen steckte er fortan in die eigene Tasche. Mit Rachsucht, Hinterlist und Tücke hatte er es gar zu einer Anstellung bei Hofe und dort binnen weniger Jahre bis zum königlichen Vorkoster gebracht. Er war ein rechter Zänker und Ränkeschmied und obendrein faul wie Stroh, spie dem König und seinen Gästen ins Essen, ließ einen buckligen Gehilfen die ganze Arbeit verrichten und bescherte seinen gramgebeugten Eltern ein frühes Grab.
Kurzum, die beiden waren wie Tag und Nacht – und sie waren einander, wie ihr euch recht gut vorstellen könnt, von Anfang an spinnefeind. Dennoch ließ sich der Mundschenk niemals zu einem bösen Wort verleiten und trat dem Vorkoster stets mit der ausgesuchtesten Freundlichkeit und Höflichkeit gegenüber. Jener hingegen ließ keine Gelegenheit verstreichen, ohne dem Mundschenk eins auszuwischen und dem armen Kerl aufs Übelste mitzuspielen.
Doch soll ich euch verraten, was das Schlimmste an alledem war? Beide, der brave Mundschenk ebenso wie der böse Vorkoster, begehrten dasselbe Mägdlein.
Sie war ohne Zweifel die wonniglichste Maid im ganzen Königreich. Und hätt’ ich auch bis an mein Lebensende Zeit, ihre Schönheit in Worte zu fassen – niemals könnte es mir gelingen. Denn wovon sollte ich euch zuerst erzählen? Von ihrem langen schwarzen Haar, das ihr liebreiches Antlitz und ihre schlanken Schultern umspielte wie ein dunkel schimmernder Wasserfall? Von ihren tiefen, unergründlichen Augen, in denen sich der Weltenraum selbst zu spiegeln schien? Von ihren vollen, rosigen Lippen? Von ihrer Haut, die so weiß war wie Alabaster und so rein und unschuldig wie ihr ganzes Wesen? Wie könnte ich euch jemals die Anmut schildern, mit der sie durch die Straßen schwebte, leicht und sanft wie der duftende Sommerwind? Ich vermag es nicht. Daher müsst ihr mir wohl einfach Glauben schenken, wenn ich euch sage, dass sie selbst in ihren rauen, notdürftig zusammengeflickten Lumpen wie eine leibhaftige Prinzessin aussah.
Der Vater dieses ganz und gar liebreizenden Geschöpfs war ein ehrbarer, fleißiger Müller gewesen. Mit seinem nicht minder tüchtigen Weibe hatte er einst die alte Kornmühle am Waldesrand betrieben, so wie sein alter Vater vor ihm und vor diesem sein Großvater und davor sein Urgroßvater und so fort. Aber, ach!, welch grausames Los durchkreuzte das junge, bescheidene Glück! Eines unsel’gen Tages, die Tochter war noch ein winziges Wickelkind, glitt der Vater bei der Arbeit aus und wurde vom mitleidlosen Mühlrad zermalmt. Die Müllerin eilte ihm sogleich zu Hülfe, doch ihr wallendes Haar verfing sich im Mahlwerk und so musste auch sie elendiglich zugrunde gehen.
Das verwaiste Würmlein aber wurde in die Obhut seines Oheims gegeben, eines wohlhabenden Kaufmanns, dessen Reichtum nur noch von seinem Geiz und seiner Hartherzigkeit übertroffen wurde. Von Kindesbeinen an musste die Müllerstochter des Tages und des Nachts im Laden schuften, wo sie der alte Knauser und Kümmelspalter nur die niedrigsten Arbeiten verrichten ließ. Obschon sich die Bretter im Laden unter der Last der üppigsten Köstlichkeiten bogen und die Fässer vom süßesten Wein überschwappten, gab der Oheim dem Mädchen tagein tagaus nur Wasser und Brot zu essen. Doch all der schweren Arbeit und der bösen Worte zum Trotz wuchs das Mägdlein heran, und ihre Schönheit erblühte von Jahr zu Jahr in strahlenderen Farben.
Nun müsst ihr wissen, dass der Mundschenk und die Müllerstochter einander seit Kindertagen heiß und inniglich liebten, jedoch ohne sich ihre Liebe jemals eingestanden oder auch nur ein einzelnes Wort miteinander gewechselt zu haben. So warfen sie einander bloß sehnsuchtsvolle Blicke zu, wann immer der Mundschenk in den Laden kam, um den jungen Wein und das schäumende Bier zu prüfen, die für den Verzehr bei Hofe bestimmt waren. Und wenn ihm die schöne Müllerstochter einmal ein scheues Lächeln zuwarf, dann konnte der Mundschenk für Wochen daran zehren.
Doch auch der Vorkoster, dieser lüsterne Strolch, hatte ein wässriges Auge auf das süße Mädel geworfen. In ihrer Reinheit und Unschuld erkannte er den ungeheuerlichsten, gerade deshalb umso reizvolleren Gegensatz zu seinem eigenen, über alle Maßen verderbten Wesen.
Nun geschah es, dass der reiche Oheim einen folgenschweren Entschluss fasste: Das Mägdelein sollte so rasch als irgend möglich unter die Haube, oder, wie er es auszudrücken pflegte, an den Mann gebracht werden. Zwar graute dem knickerigen Krämer vor der zu leistenden Mitgift – doch die Vorstellung, die arme Müllerstochter ein für allemal aus dem Hause zu haben und nie mehr wieder für ihren Lebensunterhalt aufkommen zu müssen, schien dem alten Pfennigfuchser eine solche Ausgabe allemal wert.
Und so kam es denn, wie es kommen musste: Beide, Mundschenk und Vorkoster, hielten beim habgierigen Oheim um die Hand seiner schönen Ziehtochter an, noch dazu am selben Tag, zur selben Stunde gar. Nun stand er da, der alte Geizhals, und mochte bei bestem Willen zu keiner Entscheidung finden. Das arme Mädchen selbst danach zu fragen, welchem der Verehrer sie ihr Herz schenken wolle, wäre dem hartleibigen Oheim nie in den Sinn gekommen. Stattdessen wandte sich der Kaufmann unter eifrigem Katzbuckeln an den König, dem selbstredend auch die Rechtsprechung im Reiche oblag, und bat ihn um seinen weisen Ratschluss.
Der alte König besann sich kurz. Dann ließ er die beiden Galane zu sich kommen und sprach: „Derjenige von euch soll das Mägdlein zur Frau bekommen, der den anderen an Wagemut, Tatkraft und Geschicklichkeit zu übertreffen weiß.“ Die Entscheidung aber sollte in einem mannhaften Wettstreit fallen, für den niemand anderer als der König selbst drei Prüfungen ersonnen hatte. Ihr wollt nun sicher wissen, welcher Natur diese drei Prüfungen waren? Gemach, gemach, ich will es euch erzählen:
Als erstes maßen sich der Mundschenk und der Vorkoster im Bogenschießen. „Wem es gelingt, einem vorbeigaloppierenden Ross die Mähne vom Nacken zu schießen, der hat die erste Prüfung für sich entschieden“, verkündete der König. „Doch handelt es sich dabei nicht um irgendeinen dahergelaufenen Droschkengaul, sondern um den edelsten Vollblüter im gesamten Gestüt. Also Obacht: Sollte mein liebstes Pferdchen bei der Sache auch nur einen winzigen Tropfen Blutes vergießen, dann baumelt der Schütze morgen am Strick.“
Und so nahmen beide Schützen auf einer kleinen Anhöhe Aufstellung und spannten nebeneinander ihre Bögen. Der Mundschenk war frohen Mutes: Er war ein vortrefflicher Bogenschütze, hatte Augen wie ein Luchs und obendrein eine ruhige Hand. Er wusste, dass er die schwierige Aufgabe meistern konnte. Als er nun den feurigen Zossen mit fliehender Mähne und geblähten Nüstern unter sich vorbeifegen sah wie einen Wirbelwind, kniff er die Augen zusammen, legte an und spannte die Sehnen seines Leibes wie die seines Bogens, um so den gefiederten Pfeil kraftvoll in die Tiefe schnellen zu lassen.
Der Vorkoster dagegen war düsterster Laune und legte grimmig die Stirn in Falten: Er war der miserabelste Bogenschütze in allen vier Himmelsrichtungen, hatte die Augen einer Blindschleiche und litt unter zuckenden Gliedern. Er wusste, dass er das rasende Ross unweigerlich verfehlen oder aber versehentlich erschießen würde. Als er nun den treffsicheren Mundschenken anlegen sah, kniff der Unhold die Augen zusammen, ließ seinen Bogen sinken und trat seinem Widersacher heimlich auf den großen Zeh.
Der Mundschenk fuhr mit einem Schmerzensschrei zusammen, ließ die Sehne fahren und den Pfeil sausen. Aus der Tiefe ertönte ein lautes, wehklagendes Wiehern. Da lief es dem armen Mundschenken kalt über den Rücken, vermeinte er doch, er habe soeben den königlichen Klepper aufgespießt. Den Vorkoster aber überliefen wonnige Schauer, glaubte er doch, er habe just seinen Erzfeind an den Galgen gebracht.
Doch, o Wunder: Als nun der König mit seinem Gefolge zu den beiden Schützen stieß, schien er keineswegs erzürnt. Nein, auf seinem Ehrfurcht gebietenden Herrschergesicht lag ein Ausdruck tiefsten Ergötzens. „Du hast es vollbracht“, rief er dem Mundschenken von weitem zu. In seiner Hand schwenkte er einen glänzenden Haarschopf. „Du hast meinem Rösslein die Mähne geschoren wie der reinste Barbier und hast doch seine Haut nicht geritzt noch gestreift. Somit gebührt dir der Sieg in der ersten Prüfung.“
Der Mundschenk war darob sehr vergnügt, jauchzte und pfiff sich eins. In seinem stillen Kämmerlein träumte er von der schönen Müllerstochter und malte sich ihr gemeinsames Eheleben in den leuchtendsten Farben aus. Der Vorkoster aber war, wie ihr euch wohl alle denken könnt, fuchsteufelswild. In seinem stillen Kämmerlein zog er die entsetzlichsten Grimassen und stieß allerhand lästerliche Flüche gegen den Mundschenken aus.
„Als nächstes“, rief der König, „sollt ihr den schielenden Riesen erschlagen, der droben im Gebirge sein Unwesen treibt. Wer mir zum Beweis seinen abgehauenen Schädel bringt, der hat die zweite Prüfung gemeistert.“
Der Mundschenk schnürte sogleich sein Ränzlein und machte sich auf den langen, gefahrvollen Weg. Viele Tage und Nächte wanderte er über Stock und Stein, erklomm Grate und Gipfel und scheute weder Eis noch Schnee. Endlich erreichte er die felsige Schlucht, wo in bodenlosen Tiefen der schielende Riese hauste. Ringsumher lagen Gebeine und Schädel in langen Reihen. Ihr müsst nämlich wissen, dass der Riese ein fürchterlicher Menschenfresser war. Jedes Jahr zur Maienzeit pflegte er ein Dorf zu überfallen und sämtliche Bewohner in seine grässliche Höhle zu verschleppen. Dort spießte er die Unglücklichen auf lange Dornen, briet sie über dem offenen Feuer, schmauste sie als Suppe oder Brei oder verspeiste sie bei lebendigem Leibe.
Doch der Mundschenk kannte keine Furcht. Immer weiter drang er in die dustre Klamm vor, bis er schließlich vor der mächtigen Höhle des Riesen stand. Der Gestank von fauligem Fleisch hing wie ein Pesthauch in der Luft und man vermeinte noch immer das Heulen der Gemarterten zu hören. In diesem Augenblick wollte der Mundschenk beinahe verzagen und umkehren. Doch dann erinnerte er sich seines Mägdeleins, nahm allen Mut zusammen und trat vor. Mit fester Stimme rief er den Namen des Riesen, der, so ich mich recht entsinne, „Kaspar“ hieß. Der Mundschenk wusste recht wohl, dass den Riesen nichts auf der Welt so sehr erzürnte.
Und wirklich, das Ungeheuer kam sogleich aus seiner Höhle gestürzt. „Ei, was muss ich da hören?“, fragte es mit dröhnender, Furcht einflößender Stimme. „Ein Menschlein, das sich erdreistet, meinen Namen zu rufen!“ Der Riese senkte seinen gewaltigen Schädel und rollte mit seinen schielenden Augen, so dass sie in alle Richtungen auf einmal zu blicken schienen. „Wo steckst du nur, du Wicht?“
Der Mundschenk aber hatte in der Zwischenzeit einen kleinen Felsvorsprung erklommen. Von dort aus rief er den Riesen ein zweites Mal beim Namen, noch lauter als zuvor. Und was er im Geheimen erhofft hatte, trat wirklich ein: Die Wände der Schlucht warfen seinen Ruf als vielstimmiges Echo zurück.
Dies erzürnte den Riesen ungemein: Zum einen konnte er nicht sagen, woher der Ruf gekommen war. Zum anderen drang ihm sein verhasster Name nun von allen Seiten ans Ohr.
„Komm hervor und zeige dich!“, brüllte das Ungeheuer. Sein fauliger Atem fegte wie ein Sturmwind durch die Klamm.
Nun aber rief der Mundschenk den Namen des Riesen gleich mehrmals hintereinander. Das Echo schwoll zu einem regelrechten Chorgesang.
Der Riese wurde immer zorniger. „Wehe dir, du kleiner Teufel!“, schrie er, so laut, dass die Felswände erzitterten. „Oder seid ihr gar zu mehreren? Vielleicht ein ganzes Heer? Na wartet, ich werde euch schon finden, wie viele ihr auch sein mögt. Und dann werde ich einen nach dem anderen auffressen!“. Im Leib des Riesen grollte es dazu wie ein gewaltiger Felssturz. Soll ich euch verraten, wer diese schauerlichen Laute von sich gab? Es war niemand anderer als der knurrende Magen. Denn eines könnt ihr mir glauben: Die Gier des Riesen nach Menschenfleisch war schier unstillbar.
Der Mundschenk aber ließ sich von alledem nicht verdrießen und rief weiter unverzagt den Riesennamen. Da wurde der Riese von blindem Zorn erfasst. Er schielte fürchterlicher als jemals zuvor, drehte sich immer schneller um sich selbst und begann, mit unvorstellbaren Kräften auf seine unsichtbaren Gegner einzudreschen. Man hätte beinahe glauben können, er führe den Veitstanz auf. Am Ende war dem Riesen jedoch so schwindlig, dass er erschöpft zu Boden sank. Es dröhnte wie ein Erdbeben.
Der Mundschenk, nicht faul, tat einen gewaltigen Satz und sprang dem Riesen mitten ins Gesicht. Um ein Haar wäre er im weit aufgerissenen Mund gelandet, der aufragte wie eine Falltür, mit Zähnen groß wie Wackersteine und einer Zunge von der Größe eines Ferkels. Der keuchende Atem des Riesen hätte ihn beinahe in den Schlund hinabgesaugt, der sich unter ihm auftat wie ein gähnender Abgrund. Doch mit einem weiteren kühnen Sprung gelangte der Mundschenk auf die Stirn des Ungeheuers. Und ehe sich’s der Riese versah, hatte ihm der Mundschenk mittels seines Dolches beide Augen ausgestochen.
Das geblendete Ungetüm bäumte sich vor Schmerz und Wut so wild auf, dass der Mundschenk fast zu Tode gestürzt wäre. Im allerletzten Augenblick aber konnte er sich an einem langen Nasenhaar festhalten. Wie ein Seeräuber mit seinem Tau schwang er sich zur Seite, krallte sich im verfilzten Riesenbart fest und kletterte daran hinab wie an einer langen Strickleiter. So erreichte er schließlich die Brust des Ungeheuers und rammte diesem den ehernen Todesstoß ins Herz. Der letzte Schrei des Riesen war so jämmerlich und grauenvoll, dass ich euch davon gar nicht erzählen möchte. Sonst könnt ihr heute Nacht wieder kein Auge zu tun.
Wie dem auch sei: Nachdem das Ungetüm endlich sein Leben ausgehaucht hatte, trennte ihm der Mundschenk den Schädel vom Rumpfe, was ihn manche mühselige Stunde kostete. Der Schädel des Riesen war so groß wie ein ausgewachsener Ochse und viele Zentner schwer. Dennoch hüllte ihn der Mundschenk in einen gewaltigen Beutel und machte sich auf den Rückweg. Den Sack mit dem Schädel schleifte er Schritt für Schritt hinter sich her. Auch ohne das Haupt eines Riesen im Gepäck wäre der Heimweg beschwerlich genug gewesen – so aber hielt er für den armen Mundschenken nicht enden wollende Qualen bereit. Und wenn ihr mir nicht glaubt, dann köpft euch doch selber einen Riesen und versucht es. Dann werdet ihr ja sehen.
Der Mundschenk allerdings ließ den Mut niemals sinken. Die Liebe zur schönen Müllerstochter verlieh ihm geradezu übermenschliche Kräfte und machte ihn sämtliche Martern vergessen. Schließlich trennte ihn nur noch eine Tagesreise vom königlichen Hof.
Ihr wollt wissen, was inzwischen aus dem Vorkoster geworden war? Eine kluge Frage. Und auch die Antwort will ich euch nicht vorenthalten. Ob ihr es glaubt oder nicht: Der üble Halunke war dem Mundschenken die ganze Zeit über gefolgt und hatte ihn heimlich beobachtet. Beim Kampf gegen den Riesen hatte er sich natürlich feige verschanzt. Doch mochte er auch eine rechte Memme sein, ein Hasenfuß und Drückeberger, eines könnt ihr dem Vorkoster gewiss nicht absprechen: Er war ein gewieftes Bürschchen.
Als der Mundschenk ein letztes Mal sein Nachtlager aufschlug, um auf den wenigen verbliebenen Meilen zum Schloss recht frisch und munter zu sein, schritt der Vorkoster zur Untat: Auf leisen Sohlen schlich er mit ein paar gedungenen Schuften ins Lager, stahl dem dösenden Mundschenken den Beutel unterm Kopfe weg und schob ihm an seiner Statt einen anderen Sack unter, der dem ersten täuschend ähnlich sah.
Der Vorkoster ließ sich alsdann so nahe wie möglich ans königliche Schloss herankarren. Nur die letzten Schritte legte er zu Fuß zurück. Und so hielt er mitsamt dem gestohlenen Schädel triumphalen Einzug am Königshof.
Der Mundschenk dagegen kam erst am späten Abend im Schlosshof an, vollkommen erschöpft, aber glücklich. Stolz schleppte er seinen Beutel in den Thronsaal, wo zu seinem hellsten Erstaunen bereits der gesamte Hofstaat versammelt war. Auch der Vorkoster stand in der Menge und warf dem Mundschenken ein höhnisches Lächeln zu.
„Was willst du noch?“, rief der König mit donnernder Stimme.
„Ich bringe Euch den Schädel des schielenden Riesen, so wie Majestät befohlen haben“, sagte der Mundschenk ein wenig verwundert und verbeugte sich tief.
„So?“, meinte der König spöttisch, „dann lass uns deinen ruhmreichen Schädel doch sehen. Ich kann meine Neugier kaum noch zügeln.“
Mit einem mulmigen Gefühl löste der Mundschenk die Schnur vom Beutel. Ach!, wie groß waren seine Überraschung und sein Entsetzen, als statt eines riesigen Schädels nur ein Haufen Kichererbsen auf den Boden kullerte! Und wie laut waren Spott und Gelächter des versammelten Hofstaats, als man des wenig Furcht einflößenden Inhalts gewahr wurde!
„Oho“, rief der König belustigt, „da hast du uns ja etwas Schönes mitgebracht! Ich werde sogleich meinen Leibkoch rufen, auf dass er dir eine kräftige Erbsengrütze braue.“
Da konnte der Mundschenk seinem Grimm noch so empört Luft machen und den Vorkoster noch so oft einen schändlichen Dieb, einen abgefeimten Rosstäuscher oder ein gleisnerisches Lügenmaul heißen, es half ihm alles nichts. Am Ende musste er froh sein, dass der König nicht ihn, den Mundschenken, wegen Betruges in den Karzer sperrte.
Der nichtswürdige Vorkoster aber ergötzte sich weidlich am schandbaren Schauspiel. Schließlich hatte der König ihn zum Sieger der zweiten Prüfung ausgerufen.
Wenn ihr alle brav mitgezählt habt, dann verrate ich euch sicherlich kein Geheimnis, wenn ich euch sage, dass der Wettstreit nun in der dritten Prüfung entschieden werden musste.
„Zu guter Letzt“, sprach der alte König und zwirbelte seinen Rauschebart, „sollt ihr einen der sagenhaften Leuchtkäfer aus den Lustgärten des Maharadschas von Jodhpur heranschaffen. Wer von euch es vermag, seiner Angebeteten als erster eines dieser gleißenden Tierchen zu Füßen zu legen, der soll sie zur Gemahlin bekommen. Alsdann, macht hin und zaudert nicht!“
Noch ehe der nächste Morgen graute, machte sich der Mundschenk auf die weite, beschwerliche und von mannigfachen Gefahren erfüllte Reise in den Osten. Sein Weg führte ihn über tausend Brücken und Furten, durch die höchsten Gebirge und tiefsten Klausen, durch die gülden schimmernden Städte des Morgenlandes und die einsamen Steppen der Tiefebene, über die Bernstein- und die Seidenstraße, über verschlungene Wege und verborgene Pfade, die nie zuvor und niemals danach ein abendländischer Fuß betreten hat.
Wie viele Tage und wie viele Nächte verstrichen sein mögen, bis der Mundschenk endlich ans ferne, geheimnisvolle Ziel seiner einsamen Weltreise gelangte, vermag niemand zu sagen. Eines Morgens jedenfalls ritt er auf dem Rücken eines Elefanten in den gläsernen Palast des Maharadschas von Jodhpur ein, vor lauter Erschöpfung dem Tode näher als dem Leben.
Der greise Maharadscha war ein alter Freund des Königs, sie waren einander einst beim hunderttägigen Festschmaus am Hof des Kalifen von Radschastan begegnet. Aus diesem Grunde erklärte sich der Maharadscha sogleich bereit, seinem weit gereisten Gast einen der kostbaren Leuchtkäfer aus der hofeigenen Zucht zu übergeben. Obendrein ließ er dem Besucher die höchste Gastfreundschaft angedeihen: Auf dass der Mundschenk nach den Strapazen seiner Reise um die Welt wieder zu Kräften kommen möge, wurden auf Geheiß des Gastgebers fremdländisch duftende Spezereien und edle Gewürzweine auftragen. Der Maharadscha machte sich auch erbötig, die verlausten Lumpen des Gastes gegen Gewänder aus reinster Seide und wertvollstem Damast zu tauschen und ließ dem Mundschenken eine wolkenweiche Bettstatt aus Daunen und Kaschmir bereiten, in dem sich ihm die reizvollsten Gespielinnen des ganzen Reiches darboten.
Der Mundschenk aber schlug sämtliche Verlockungen aus. All seine Gedanken und all sein Sehnen galten ausschließlich der schönen Müllerstochter und dem Auftrag, den er zu erfüllen hatte, um sie endlich an den Traualtar zu führen.
Also machte er sich ohne weitere Umschweife auf den langen, langen Rückweg, welcher Mühsal und Gefahren der Anreise noch um ein Vielfaches übertreffen sollte. Den funkelnden Leuchtkäfer setzte der Mundschenk behutsam in ein kristallenes Glas, das er mit feinstem Samt auskleidete und sorgsam verschloss. Ihr müsst nämlich wissen, dass der Leuchtkäfer nicht nur das seltenste, sondern auch das empfindlichste und anspruchsvollste Lebewesen auf der ganzen weiten Welt ist. Jeden Tag musste der Mundschenk das glitzernde Krabbeltier mit frischem Safran und purem Goldstaub füttern, auf dass es nichts von seiner Strahlkraft einbüße.
Der Heimweg kostete den wackren Mundschenken drei Monde und führte ihn durch tausendundein gefahrvolles Abenteuer, durch Stromschnellen und sturmgepeitschte Meerengen, durch dunkle Wälder und brennenden Wüstensand. Er ritt auf Tigern und Wildpferden, auf Dromedaren und Krokodilen, auf Raubvögeln und Fliegenden Teppichen. Er zog mit Karawanen und Glücksrittern, wurde von grimmigen Räubern gejagt und von finsteren Beduinen entführt. Oft fand er weder Weg noch Steg, und mehr als einmal hätten ihn die Gelbsucht oder das tückische Sumpffieber fast zu Boden gestreckt. Und doch: Nachdem er zahllosen orientalischen Fabelwesen ins Auge geblickt, manch feurigen Lindwurm erlegt und am Ende gar einen verwünschten Kobold im Wetttanz besiegt hatte, näherte sich der Mundschenk endlich heimatlichen Gefilden.
Den kostbaren Käfer hatte er in all der Zeit niemals aus den Augen gelassen, weder am Tage noch des Nachts. Mit seinem eigenen Leib hatte er das winzige Tierchen vor unzähligen Gefahren geschirmt und vor jeglicher Unbill bewahrt. Nun trennte den Mundschenken und seine wertvolle Fracht nur noch ein Tagesmarsch vom Königshof. Bald schon, bald!, würde er sein Liebchen in die Arme schließen können, so wie er es in jeder einzelnen Nacht aufs Neue erträumte.
Kein Wunder, dass der Mundschenk ein fröhliches Liedchen auf den Lippen hatte, als er nun in jene staubige Straße einbog, die vom Gebirge hinab ins Tal und damit geradewegs ans Ziel seiner Reise führte. Er hatte just eine Meile hinter sich gebracht, als ihm an einer Weggabelung ein bärtiger Mönch auf einem klapprigen Maultier entgegen geritten kam. Der Einsiedler grüßte höflich und fragte den Mundschenken, wohin sein Weg ihn denn führe.
Froh, nach langen Tagen wieder einer menschlichen Seele zu begegnen, gab der Mundschenk bereitwillig Auskunft. „Wie müde musst du doch sein von deiner beschwerlichen Reise“, rief da der Einsiedler. Mit freundlichen Worten lud er den Mundschenken zu einem stärkenden Gastmahl ein. Dieser war erst unschlüssig, hatte er doch den Vorsatz gefasst, ohne weitere Rast bis zum königlichen Schloss zu reiten. Als der Einsiedler jedoch von süßem Wein, duftendem Brot und frisch geselchten Würsten erzählte, gewannen Hunger und Durst die Oberhand. Dankbar folgte der Mundschenk dem frommen Bruder in dessen bescheidene Klause.
Und wahrlich, der Einsiedler hatte nicht zu viel versprochen und tischte seinem Gast die schmackhaftesten Köstlichkeiten auf. Erschöpft und abgezehrt wie er war, tat sich der Mundschenk nach Herzenslust an den feinen Speisen gütlich und sprach auch dem Weine kräftig zu. Doch als er sich nach dem Mahle vom Tisch erheben wollte, um so rasch als möglich weiter zu reiten, wollte es ihm nicht recht gelingen. So sehr er sich auch abmühte, er konnte keinen Schritt mehr tun. Jegliche Kraft schien mit einem Mal aus seinem Leib zu entweichen und seine Augenlider wurden schwer wie Blei. Ehe er sich’s versah, hatte ihn der Schlaf übermannt.
Der Einsiedler aber warf den falschen Bart ab, entledigte sich seiner Kutte und riss das Glas mit dem wertvollen Leuchtkäfer an sich. In Wirklichkeit war der Einsiedler nämlich, die Hellsten unter euch werden es schon erraten haben, niemand Anderer als der Vorkoster!
Der ruchlose Bösewicht hatte nur so getan, als mache er sich ebenfalls auf die Reise nach Jodhpur. In Wahrheit hatte er sich nur ein paar Meilen vom heimatlichen Königreich entfernt, war ein wenig herumgestromert und hatte schließlich in einem verwaisten Kloster Quartier bezogen. Dort hatte er die Rückkehr des Mundschenks erwartet. Einem Raubritter gleich, hatte er sich Tag für Tag am Wegesrand auf die Lauer gelegt und Ausschau nach seinem Widersacher gehalten. Nachdem er den Mundschenken schließlich wie ein Wegelagerer abgefangen und in seinem Mönchskostüm mit verstellter Stimme beschwatzt hatte, hatte er dem armen Tropf Schlafpulver in den Wein gemischt.
Als er seinen verhassten Gegenspieler nun so wehrlos vor sich liegen sah, trug sich der Vorkoster kurz mit dem Gedanken, den Schlafenden zu erdolchen oder ihn vermittels eines Prügels zu erschlagen. Mit Mühe bändigte er jedoch seine Mordlust und beschloss, den Mundschenken am Leben zu lassen. Die Demütigung würde für seinen Gegner viel grausamer sein als der Tod.
Als der arme Mundschenk am nächsten Morgen mit Schwindel und schrecklichem Kopfschmerz erwachte, kannte seine Bestürzung keine Grenzen: Der glitzernde Leuchtkäfer, an dem sein ganzes Schicksal hing, war fort, an seiner Stelle hatte man ihm ein gewöhnliches Glühwürmchen ins Glas gesetzt! Während er die letzten Meilen im Sauseschritt zurücklegte, in der vergeblichen Hoffnung, den feigen Dieb noch einzuholen, verfluchte der Mundschenk seine eigene Leichtgläubigkeit. Tränen des Zorns und der schieren Hoffnungslosigkeit sprangen dem braven Manne aus den Augen, während er sich die letzen Stufen zum Schloss hinaufschleppte.
Im Thronsaal empfingen ihn die feixende Fratze des Vorkosters und die traurigen Augen seiner Angebeteten. Der abscheuliche Schuft wartete noch zu, bis der Mundschenk ganz nahe herangekommen war, so dass er sich an dessen Verzweiflung ausgiebig weiden konnte. Dann erst legte er der schönen Müllertochter den glitzernden Käfer zu Füßen.
Die Würfel waren gefallen: Der König erklärte den Vorkoster zum Sieger, worauf selbiger mit triumphierender Miene um die Hand des Mägdeleins anhielt. Der geizige Kaufmann willigte sogleich in die Eheschließung ein. Da weinte die schöne Müllerstochter bitterlich, denn ihr Herz gehörte dem Mundschenken und niemals würde es für einen Anderen schlagen. Doch kein Flehen und kein Klagen konnte das steinerne Herz des Oheims erweichen. Bereits in wenigen Tagen sollte die Hochzeit stattfinden.
In der folgenden Nacht konnte niemand ein Auge zu tun: Der verschlagene Vorkoster lag auf seinem neuen Himmelbett und dachte daran, wie er die schöne Müllerstochter an genau diesem Orte besitzen würde. Der alte Oheim lag auf seiner Truhe und zählte das Geld, das er sich von nun an ersparen würde. Die schöne Müllerstochter lag auf ihrer ärmlichen Pritsche und weinte in einem fort, bis ihr die Tränen den Dienst versagten. Auch der Mundschenk lag einsam auf seiner kalten Schlafstatt und beklagte so lange sein trauriges Geschick, bis er es nicht mehr ertragen konnte. In der schwärzesten Stunde, in der die Finsternis am vollkommensten ist, sprang er plötzlich von seinem Nachtlager auf. Er beschloss, sich augenblicklich zum Kämmerlein der schönen Müllerstochter aufzumachen und ihr endlich, endlich seine Gefühle zu gestehen.
Auf halbem Wege, mitten auf der alten Hängebrücke, die ein wolkenverhangener Mond in sein fahles Licht tauchte, kam ihm eine weiß gekleidete Gestalt entgegen. Fast wären die beiden aneinander vorbei gelaufen, doch im letzten Lichtstrahl trafen sich ihre Blicke. Der Mundschenk erkannte die lieben Augen sofort: Es war die schöne Müllerstochter. Mit bloßen Füßen, nur in ein flatterndes Nachthemd gehüllt, hatte sie sich aus dem Hause geschlichen, gerade im selben Augenblick wie der Mundschenk, um ihm endlich, endlich ihre Gefühle zu gestehen. Selbst dem murmelnden Fluss tief unter ihnen versagten die Worte, als sich die beiden nun in die Arme fielen, sich inniglich herzten und küssten und einander die ewige Liebe schworen. Bereits in der kommenden Nacht wollten der Mundschenk und die schöne Müllerstochter gemeinsam fliehen, um in einem fernen Land, wo Milch und Honig fließen, ihr Glück zu suchen.
Doch leider hatte einer ihr heimliches Liebesgeflüster belauscht – und dieser eine war niemand sonst als Fritzl, der böse Hofzwerg. Wie es ein unseliger Zufall so wollte, hatte der missgestaltete Schelm gerade eine arme Dirne erschlagen und ihren Leichnam mit einem Mühlstein um den Hals im Fluss versenkt, just zur selben Stunde, als der Mundschenk und sein Mägdlein auf der Brücke standen. Nun müsst ihr wissen, dass Fritzl der treueste Spießgeselle des Vorkosters war. Zusammen hatten die beiden Schufte bereits eine Unzahl an Missetaten verübt. Wen nimmt es da Wunder, dass der Hofnarr in Windeseile zum Vorkoster sauste und ihm vom Fluchtplan der Liebenden erzählte? Und wen kann es erstaunen, dass der Vorkoster, von Eifersucht und Hass zerfressen, einen blutigen Racheplan schmiedete?
Bis in die frühen Morgenstunden brütete der Spitzbube über seinem üblen Ansinnen, bevor das Auseinanderklamüsern endlich von Erfolg gekrönt war und der Vorkoster einen wahrhaft teuflischen Plan ausgeheckt hatte:
Noch vor dem ersten Hahnenschrei schlich er in die höfische Küche. Jenen Speisen, die dem König zum Morgenmahl vorgesetzt werden sollten und die er selbst als Vorkoster zu prüfen hatte, mischte er ein tödliches Gift bei. Fritzl, sein treuer Verbündeter, stand Schmiere.
Am Morgen krümmte sich der Vorkoster vor Schmerzen und wälzte sich in Krämpfen und Zuckungen hin und her, bis ihm der Schaum aus dem Munde troff. In Wahrheit hatte er natürlich keinen Bissen von der giftigen Mahlzeit genommen. Doch glückte ihm sein schreckliches Schauspiel so glaubhaft, dass der König den Hofalchimisten zu sich zitierte, auf dass jener die Speisen genau in Augenschein nehme. Dem kundigen Auge des Gelehrten konnte die enorme Giftmenge natürlich nicht lange verborgen bleiben, zumal der verschlagene Vorkoster dieses so sichtbar wie möglich ausgestreut hatte.
Alles verlief gerade so, wie es der Vorkoster in seinem raffinierten Plan ersonnen hatte: Der schlangenzüngige Fritzl, als Hofnarr ein mächtiger Einflüsterer des Königs, lenkte den Verdacht sogleich auf den Mundschenken: Dieser habe jederzeit Zugriff auf die Speisen seiner Majestät; obendrein hasse er den König, seit jener den Vorkoster zum Sieger des Wettstreits und das holde Mägdlein zu dessen Braut erkoren habe. Von blindwütiger Rachsucht getrieben, habe er, der Mundschenk einen, heimtückischen Giftmord geplant.
Der König glaubte den falschen Worten des Hanswursts. Er ließ den Mundschenken augenblicklich ergreifen und in schwere Ketten legen. Wie ihr euch denken könnt, stand auf versuchten Königsmord die schwerste Strafe von allen. Und so kam es, wie es kommen musste: Der Mundschenk wurde zum Tode verurteilt, der Richterspruch noch am selben Tage vollstreckt.
Alles Jammern und Flehen der weinenden Müllerstochter war umsonst. Zum Gaudium des Pöbels wurde der Mundschenk quer durch die Stadt getrieben, bis zum schaurigen Richtplatz, wo der arme Teufel erst gerädert, dann geröstet und anschließend gevierteilt wurde. Seine Pein, ich kann es euch leider nicht verschweigen, war unermesslich.
Im Augenblick seines Todes aber stieß der Mundschenk einen fürchterlichen Fluch aus: Er werde, so schwor der Gemarterte unter grauenvollem Röcheln, aus dem Reich der Toten zurückkehren, seine Liebste erretten und am gesamten Land grausame Rache üben.
Die Leute aber lachten bloß und spotteten ihn und spieen auf seinen Leichnam. Nur einige Weibspersonen sprachen von einem bösen Omen und warnten die Bürger vor ihrem Hochmut. Da schalt man sie für ihren Aberglauben, schmähte sie als Hexen und jagte sie unter lautem Gejohle aus dem Königreich.
Sechs Tage und sechs Nächte zogen ins Land, ohne dass sich etwas Besonderes ereignet hätte. Am siebten Tage aber, just an jenem Morgen, an dem die Vermählung zwischen dem Vorkoster und der schönen Müllerstochter vollzogen werden sollte, wurde es auf einmal bitterkalt. Aus heiterem Himmel begann es zu schneien, mitten in den strahlenden Sommer hinein. Und es wollte nicht mehr aufhören.
Da liefen die Leute voll Aufregung umher und wunderten sich sehr. Niemand konnte sich den plötzlichen Schneefall erklären. Die weißen Flocken fielen ohne Unterlass, immer schneller und immer dichter. So heftig schneite es, dass das Fuhrwerk mit dem Brautpaar am Wege stecken blieb und die schweren Kirchentüren nicht mehr zu öffnen waren. Man beschloss, die Hochzeit zu verschieben, bis es enden würde.
Doch es endete nicht. Nicht in der Nacht, nicht am nächsten Morgen und nicht am Morgen darauf. Es schneite und schneite. Immer größer wurden die Flocken, immer wilder und ausgelassener ihr Tanz. Irgendwann war das Schneetreiben so dicht, dass sich kaum noch einer aus dem Hause wagte. Längst war das Korn auf den Feldern erfroren, die gesamte Ernte vernichtet. Und es schneite immer weiter. Immer höher und höher häufte sich der Schnee. Straßen und Wege waren nur noch zu erahnen, sämtliche Pässe und Saumwege versperrt. Niemand konnte aus dem Königreich fliehen. Und mit jedem Tag wurde der Schneesturm schlimmer.
Bald schon häufte sich der Schnee bis zu den Fenstern und bald darauf bis zu den Giebeln. Straßen, Häuser und Kirchtürme, nach und nach musste alles versinken. Nicht einmal das königliche Schloss blieb verschont. Mochte der König auch die weisesten Gelehrten um sich scharen, sie wussten keinen Rat. Mochten sie noch so tief in ihre Kristallkugeln starren, sie sahen darin nur Weiß.
Unter der Schneelast barsten Türen und Fenster, Dächer und Wände. Die Menschen erfroren und erstickten, wurden erschlagen und erdrückt. Ob Mann oder Frau, Kind oder Greis, Hofnarr oder König, der Schnee kannte keinen Unterschied. Die weiße, lautlose Flut verschlang sie alle, mit Haut und Haar.
Nur der schönen Müllerstochter vermochten Schnee und Kälte nichts anzuhaben. Es war, als strahle aus ihrem Inneren eine verborgene Kraft, die sie wärmte. Obgleich sie Tag und Nacht weinte und seit dem Tod ihres Liebsten jeden Bissen verweigerte, war ihr Antlitz so bezaubernd und rosig wie nie.
Dies konnte auch dem schurkischen Vorkoster nicht entgehen. Mochte er auch dem Erfrierungstod nahe sein, seine Wolllust war ungebremst, ja unbändiger denn je: Mit knirschenden Schritten und ruckartigen Regungen stürzte er sich auf das Mägdlein, um es mit letzter Kraft zu schänden. Gierig tasteten seine Eisfinger über ihren warmen Leib, in seinem verfilzten Bart klirrten die Eiszapfen. Die schöne Müllerstochter aber stieß ihn angewidert von sich, so kraftvoll, dass der Vorkoster in hohem Bogen von der Bettstatt stürzte und am Boden in tausend Eisscherben zerschellte.
Als die schöne Müllerstochter in den Schnee hinaus trat, wusste sie, dass sie ganz allein auf der Welt war. Das stolze Königreich war versunken, nur sie war am Leben geblieben. Ihre Einsamkeit war vollkommen.
Alles ringsumher war wie Watte, weich und weiß, ohne Form und ohne Sinn. Und es schneite noch immer. Höher und höher stieg der Pegel der weißen See. Bald würde sie auch das Himmelszelt ausgefüllt haben.
Nur der höchste Turm von allen, an dem die Menschen seit Anbeginn des Reiches gebaut hatten, ragte noch aus der endlosen Weiße. Da beschloss das Mägdlein, ganz hinaufzusteigen. Über eine Wendeltreppe, die so lang war, dass ihr die Stufen niemals zählen könntet, gelangte die schöne Müllerstochter bis hinauf auf die Spitze des Turmes. Von dort aus stürzte sie sich in die gähnend weiße Tiefe, um ihrem betrüblichen Leben so ein jähes Ende zu setzen.
Aber, ach!, das Vorhaben scheiterte kläglich. Der weiche Schnee dämpfte den Todessturz und fing das Mägdlein auf wie ein sanftes Daunenbett.
Die schöne Müllerstochter aber weinte und schluchzte gar herzzerreißend. „Warum lässt du mich nicht sterben wie alle anderen?“, rief sie in den endlosen weißen Himmel hinauf. „Ich will doch nur bei meinem Geliebten sein.“
Kaum hatte sie diese Worte gesprochen, geschah etwas ganz und gar Unglaubliches: Die Schneeflocken verharrten im Fluge, blieben mitten in der Luft stehen und fügten sich dann zu einer Gestalt. Aber nicht zu irgendeiner Gestalt, sondern zu wohlbekannten Zügen. Im selben Augenblick formte sich der eisige Sturmwind zu einer Stimme. Aber nicht zu irgendeiner Stimme, sondern zur Stimme ihres Geliebten:
„Ich habe versprochen, dass ich zurückkehren werde und sieh’ an, ich bin zurückgekehrt, als Schnee und als Eis. Ich liebe dich noch immer, und du liebst mich. Das Feuer in deinem Herzen hat dich am Leben erhalten. Wir beide waren immer füreinander bestimmt, doch erst jetzt können wir wirklich zusammen sein.“
Noch im selben Augenblick sank die schöne Müllerstochter zu Boden und gab sich mit ihrer ganzen Liebe, in ihrem ganzen Glück dem Geliebten hin. Sie ließ sich in ihn fallen und er fiel auf sie. Er fiel auf ihr Gesicht und ihr Haar, hauchte zarte Eisblumen auf ihre Wangen und zauberte winzigkleine Eiskristalle in ihre langen Wimpern. Niemals zuvor war sie ihm so schön und so zerbrechlich erschienen wie in jenem Augenblick, als sich ihre Lider mit einem leisen Klimpern schlossen.
Wie eine warme, weiche Decke umfing er sie, umhüllte und umschmiegte er sie, bis sie vollkommen ineinander aufgegangen, bis sie: eins geworden waren.
Und wenn wir sie nicht aufwecken, dann sind die beiden noch heute glücklich vereint und träumen ihren gemeinsamen, ewigen Wintertraum.“