Schamlose Schänder der Schriftsprache

doma

(Aus: „Der Bücherwastl. Unabhängige Monatszeitschrift für den Schutz der deutschen Sprache und Heimat“, Ausgabe XI/2008.)

Schamlose Schänder der Schriftsprache
Lesung des Kufsteiner Schreibclubs gerät zum Veitstanz der Verworfenheit

Diesen 18. Oktober wird man in der Festungsstadt wohl noch lange Zeit in unglücklichster Erinnerung behalten – als jenen Schwarzen Samstag, an dem sich der „Kufsteiner Schreibclub“ erstmals dazu anschickte, an eine breitere Öffentlichkeit heran- und zugleich jede Form von Sittlichkeit und gutem Geschmack mit Füßen zu treten. Balthasar „Hausl“ Strillinger war für den Bücherwastl am Ort des literarischen Verbrechens – in der Kufsteiner Kulturfabrik.

„Schreibclub Kufstein“ – dieser klangvolle, urwüchsige Name hatte, der treue Rezensent will es nicht verschweigen, durchaus Hoffnungen erweckt. Hoffnungen auf einen ehrgeizigen Zirkel von jungen, aufstrebenden, heimatverbundenen Schriftstellern. Hoffnungen auf eine kühne, mannhafte Dichtkunst, die sich der eigenen Scholle nicht mehr schämen zu müssen glaubt. Eine Dichtkunst mithin, die der vielgeprüften deutschen Sprache endlich wieder frische, kraftvolle, vom rechten Geist durchwirkte Verse abzuringen vermag.

Die öffentlichen Anschläge, auf denen der Schreibclub für seine Lesung kräftig die Trommel rührte, schienen diese hochtrabenden Erwartungen nur noch zu bestätigen, mit ihren weihevollen Anklängen an den größten deutschen Dichterfürsten, an die griechische und römische Antike als geistige Wiege des Abendlandes – und nicht zuletzt an die gewaltige Festung, die seit vielen Jahrhunderten hoch über Kufstein thront.

Sollte es ein Zufall sein, dass die Wurzeln dieses Schreibclubs gerade hier lagen, in der Perle Tirols, in der trutzigen Festungsstadt, die so viele große Geister hervorgebracht hat? Wo Josef Madersperger, den unvergessenen Erfinder der Nähmaschine, manch funkelnder Geistesblitz ereilte? Wo der große deutsche Volkswirt Friedrich List den freiwilligen Heldentod suchte - und auch fand? Wo die wuchtige Heldenorgel (mit 4.000 Pfeifen zweifelsohne die größte Freiorgel der Welt) das geneigte Ohr mit ihrem gewaltigen Brausen erfüllt?

Kurzum: Sämtliche Umstände waren dazu angetan, die Vorfreude auf eine erhebende, wahrhaft majestätische Lesung dieser jungen literarischen Vereinigung stetig zu nähren, ja die Erwartungen geradezu ins Unermessliche zu steigern. Allein, jegliche Hoffnung sollte vom Kufsteiner Schreibclub binnen Minuten brutal niedergewalzt und im Keim erstickt werden…

Schon der erste Augenschein in der Kulturfabrik wollte gar nichts Gutes verheißen: Zwar hatte der bienenfleißige KuFa-Mann offenkundig weder Kosten noch Mühen gescheut und die Bühne in vorzüglicher Weise ausgestaltet; doch fühlte sich der unselige Schreibclub leider bemüßigt, dieselbe mit nicht weniger als acht ausgesucht hässlichen Lichtspendern zu verunstalten – von denen sich noch dazu sechs im Laufe der Lesung als vollkommen unnütz erweisen sollten.

Im Nachhinein erscheint es beileibe nicht mehr so großmütig und freigiebig, dass bei dieser als Lesung sich tarnenden Beleidigung auf Eintritt vollständig verzichtet wurde – schließlich hat das Publikum bereits durch seine bloße Anwesenheit die Zeche gezahlt. Freiwillige Spenden an den Schreibclub wären allerdings sehr wohl angebracht gewesen: Dann nämlich könnten sich die skrupellosen Drahtzieher dieses sauberen Vereins schleunigst einem anderen Betätigungsfeld zuwenden – und müssten mit ihren Hervorbringungen keine anständigen Bürger mehr belästigen. Wahlweise hätte man die Spenden auch am Ende dieses wahrhaft unvergesslichen Abends als Schmerzensgeld an die Zuhörer zurückzahlen können.

In der Rückschau verwundert es auch wenig, dass von den acht anwesenden „Autoren“ – der Rezensent sträubt sich im Grunde gegen diese Bezeichnung, da ihm Begriffe wie „Mittäter“ wesentlich passender erscheinen – keiner den Mumm aufbrachte, unter seinem oder ihrem richtigen Namen auf die Bühne zu treten. Stattdessen hatte der versammelte Schreibclub den (nachvollziehbaren) Entschluss getroffen, sich samt und sonders hinter Decknamen mit fragwürdigem Unterhaltungswert zu verschanzen, wohl um auf diese Weise die Vaterschaft für die eigenen literarischen Ausgeburten leichter verleugnen zu können.

Den unheilschwangeren Auftakt zum verhängnisvollen Reigen setzte ein gewisser „Buccan Faber“ mit einer Art von Verlautbarung oder Ankündigung, die sich gänzlich in der schier endlosen, überaus ermüdenden Wiederholung von neudeutschen Worthülsen wie „Laser“, „Power“ oder „Action“ erschöpfte – fremdstämmigen Hauptwörtern also, für die in unserem reichen Sprachschatz wesentlich klangvollere Entsprechungen wie „gebündelter Lichtstrahl“, „Tatkraft“ oder „Handlung“ bestehen. Inhaltlich blieb Fabers eintöniges Wortgefüge im Übrigen vollends unverständlich – wofür man, rückblickend betrachtet, noch dankbar sein sollte.

Nach diesem wahrhaft beklagenswerten Beginn mühten sich die folgenden Vortragenden nach Kräften, den von Faber vorgelegten Anspruch weiter zu unterschreiten. „Doma Mischanig“ kam dieser nicht eben einfachen Aufgabe als erster nach: Sein selbst ernanntes Gedicht „Das Famose Elixier“ entpuppte sich auf den ersten – und leider auch auf den zweiten und dritten – Blick als weitestgehend zusammenhanglose, sinnfreie Abfolge von bedauerlich schlichten, wahlweise gotteslästerlichen oder menschenfeindlichen Paarreimen. Erfreulicherweise ist dem Rezensenten von dieser galoppierenden Geschmacklosigkeit nur die letzte Zeile in Erinnerung geblieben. Selbige handelt, in wortgetreuer Wiedergabe, von einem „Riesenhaufen Dreck“, womit Herr Mischanig sein Werk selbst am präzisesten zusammenfasst und den Rezensenten von der Notwendigkeit entbindet, sich noch weiter damit auseinandersetzen zu müssen.

Ein weiteres Blutbad an der deutschen Sprache wurde unter dem inhaltlich durchaus angemessenen Titel „Eskalation, Eskalation“ angerichtet: Dahinter verbirgt sich ein bruchstückhaftes, ohne Zweifel vom zügellosen Rauschgiftgenuss befeuertes Gedicht, zu dem sich schon aufgrund seiner Kürze jeder weitere Kommentar erübrigt. Nur so viel sei angemerkt: Die Sprach-Schlächterin, die für diese literarische Missetat verantwortlich zeichnet, tritt unter dem selbst gewählten (!) Scheinnamen „Tina Trash“ in Erscheinung, eine – wie könnte es auch anders sein – aus dem Angloamerikanischen abgeleitete Schöpfung, deren deutsche Entsprechung näherungsweise „Christine Kehricht“ lautet. Damit sollte eigentlich alles gesagt sein.

Die Gnade, von seinem Verfasser so kurz und knapp gehalten zu werden wie das letztgenannte opus minor, wurde an diesem Abend leider nicht jedem dichterischen Versuch zuteil. „Klippo Kraftwerk“, allem Anschein nach Leithammel und zugleich oberster Malefizbube innerhalb des Schreibclubs, führte dies mit seiner ausufernden, alle moralischen Hemmungen weit hinter sich lassenden Gewaltphantasie „Der Metzger und seine Frau“ besonders abscheulich vor Augen. Die Fleischhauerei sollte im Übrigen nicht der letzte hochanständige Berufsstand bleiben, der an diesem Abend frech in den Kot gezerrt wurde. Nein, zu diesem Zeitpunkt war es bereits traurige Gewissheit: Diesen Schreibclub sticht der Hafer! Ruchlose literarische Halunken wie diese würden vor nichts, aber auch gar nichts zurückschrecken.

Hätte es dafür noch eines weiteren Beweises bedurft – „Astra Kinastra“ hätte ihn mit ihrer „Ode an den Schreibclub“ mühelos erbracht: Dem Rezensenten laufen noch in diesem Augenblick kalte Schauer der sittlichen Empörung über den Rücken, wenn er an diese eitle Selbstbespiegelung, an diese zu frechen Worten geronnene Anmaßung denkt, die in der frevelhaften Zeile „Schütze uns vor den Schützen“ gipfelt – aber leider nicht endet.

Dass dem Kufsteiner Schreibclub nicht einmal das eigene Vaterland heilig ist, ja dieses vielleicht sogar am allerwenigsten!, konnte zu diesem Zeitpunkt kaum noch überraschen – eben so wenig wie der blanke moralische Nihilismus, den „Giulia Essanija“ im selbsterklärenden Titel ihrer schändlichen Schmähschrift „Das Glück liegt nah am Nichts“ unverhohlen zum Ausdruck brachte. Dem abgeneigten Kritiker will dazu nur eines einfallen: nämlich nichts.

Wer allerdings geglaubt hatte, dass an dieser Stelle, buchstäblich am Boden des Nichts, der endgültige Tiefpunkt erreicht sein müsse, der wurde von einem rüpelhaften Radaubruder namens „Harry von Schwängel (Sohn)“ und seinem abstoßenden „Silvestergedicht“ rasch eines Besseren, will sagen: Schlechteren belehrt. Um die ungeheuerliche Unkeuschheit, Abgründigkeit und schiere Schamlosigkeit dieses verabscheuungswürdigen Konvoluts auch nur ansatzweise wiedergeben zu können, müsste der Rezensent wohl ein zweites Mal in den schlüpfrigen Sündenpfuhl von Schwängels verdrehter Gedankenwelt hinabtauchen – wovor Gott ihn behüten möge.

Gerade so, als hätten sie an diesem Abend nicht schon genug sprachlichen Schaden und literarisches Leid verursacht, war die Reihe nun abermals an „Faber“ und „Trash“. In seiner Dreistigkeit hatte das Duo nicht davor Halt gemacht, sich wechselseitig ein gebührliches dichterisches Denkmal setzen zu wollen. Dieses notwendigerweise recht bescheidene Unterfangen dürfte letzten Endes auch geglückt sein: So wird die Heldin der ersten Erzählung an Imbissständen in barbarische Raufhändel verwickelt und greift im Wüstensand zu bewusstseinserweiternden Suchtmitteln, während der Höhepunkt der zweiten Schilderung darin besteht, dass der Held den Inhalt seines Magens gegen eine Hauswand speit. Zumindest dem Rezensenten wollen diese sprachlichen Bilder als nicht unpassend erscheinen.

Dass nun mit der ebenfalls rückfällig gewordenen „Kinastra“ und ihrem Chaos und Zerstörung preisenden „Weltuntergang light“ endgültig die sprachliche und inhaltliche Apokalypse eintrat, erschien angesichts des bisher Erlittenen nur folgerichtig – bedeutete für den Kritiker jedoch keine Erlösung. Schließlich war seine Welt an diesem Abend schon viel früher zusammengebrochen.

Eine weitere, zu diesem Zeitpunkt nicht mehr für möglich gehaltene Steigerung seiner ohnehin schon so qualvollen Marter ereilte den Rezensenten, als die bis dahin dankenswerter Weise nicht weiter in Erscheinung getretene „Vici S.“ nun zu ihrem Lied „Das Baumhaus“ ansetzte. Dass sie sich dabei ausgerechnet des kernigen, an diesem Abend so schmerzlich vermissten Idioms des Tiroler Unterlandes bediente, machte die Angelegenheit in Wahrheit nur noch schlimmer: Denn wofür nützte diese abgefeimte Schurkin die hehre Mundart ihrer Heimat – wenn nicht für eine Kampfschrift der aufrührerischsten Sorte, für einen unzweideutigen Aufruf zu kindlichem Ungehorsam, freigeistiger Denkungsart und gesamtgesellschaftlicher Gesetzlosigkeit?

Nun muss die Sprache jedoch noch auf die schamloseste Schweinerei von allen kommen, auf jenen Gipfel der Sittlosigkeit, den sich der scheußliche Schreibclub mit voller Absicht bis zum bitteren Ende aufgespart hatte:
Die Rede ist von „Siggi Cruise“, einer zutiefst frivolen, durch und durch anrüchigen und über alle Maßen verwerflichen Fortsetzungsgeschichte, in der sich die geballte Nichtsnutzigkeit, Verderbtheit und kriminelle literarische Energie dieser verwilderten Burschen und durchtriebenen Mädel zu einem wahren Mahlstrom der Widerwärtigkeit vereinigt. Der Schreibclub – so jung und schon so verdorben!
Nicht genug damit, dass dieses erbärmliche Epos voreheliche Ausschweifungen verherrlicht, das ehrbare Gewerbe der Tiroler Maronibrater aufs Schändlichste verspottet und die niedrigste Gossensprache zum Höchsten der Gefühle erhebt. Nein! Sogar unser liebliches Alpbachtal entweihen diese erbärmlichen Schufte, indem sie es zur Stätte der uferlosesten, unsäglichsten Unzucht herabwürdigen, in einer derart unverfrorenen Art und Weise, dass es nicht nur dem Rezensenten, sondern jedem aufrechten Tiroler die Zornesröte ins Gesicht treiben sollte!

Doch was das Schlimmste daran war: Der überwiegende Teil des zahlreich erschienenen Publikums wandte sich von diesem Schauspiel nicht etwa mit Schaudern ab, um sich in ebenso stiller Entrüstung zu übergeben wie es der Verfasser dieser Zeilen in seinem dunklen Winkel tat. Ganz im Gegenteil: Der Pöbel, in punkto Verderbtheit durchaus auf Augenhöhe mit den Vortragenden, schien noch an den dreistesten Spitzbübereien des Schreibclubs Gefallen zu finden und gerade an den verruchtesten Ausführungen eine diebische Freude zu haben.

Das Tüpfelchen auf dem i wie „igitt!“, auf dem i wie „Irrsinn“, auf dem i wie „Ich kann nicht glauben, dass alle bis zum Schluss geblieben sind“ war ein schlichter Obstkorb: Prall gefüllt mit faulen Äpfeln und Bananen und noch viel verfaulteren Geschichten zum Mitnehmen – oder vielmehr zum Wegwerfen – führt er uns noch einmal in klarster Weise vor Augen, welchen Stellenwert der Kufsteiner Schreibclub, dieser Ausbund an schimpflichstem Schmierfinkentum, dieses lose Netzwerk mit losem Mundwerk, der deutschen Sprache im Allgemeinen und der holden Dichtkunst im Besonderen zumisst. Nämlich keinen sehr großen.

Da für die nähere Zukunft leider nicht ausgeschlossen werden kann, dass der Schreibclub, dieser Gottseibeiuns der heimischen Literaturlandschaft, in der einen oder anderen Form ein weiteres Mal aktenkundig wird, sei abschließend eine deutliche, dringliche Warnung ausgesprochen:

Deutsche Mutter, deutscher Vater – schütze deine Kinder vor diesen Strolchen!

Der Schreibclub kocht – Schlemmen aus dem dunkelbunten Zuber der Inspiration

klippo

 

Wie jedes Jahr lockte auch heuer wieder das traditionelle Wettkochen des Kufsteiner Schreibclubs zahlreiche Schaulustige und Leckermäuler an.

 

Harri von Schwängel (Sohn), frisch entborstet und entzottet, überraschte das Publikum nicht nur mit seinem adretten Auftreten, sondern auch mit einer feinzüngig auf den Punkt kandidelten Komposition der Haute Cuisine, bestehend aus pointiert abgeschmeckten Lauchspitzen in Sauce Vinaigrette, einem herzhaft gebratenenen Onglet à l’échalote im Rotweinsud und letztlich einer raffiniert mit Minzblättchen und Senfkörnern veredelten Quiche Lorraine. Das Publikum zeigte sich durchwegs überrascht über Schwängels Gekämmtheit, ja schien fast ein wenig brüskiert: Man hatte sich zumindest ein paar in Knoblauch und Olivenöl gegarte Maden erwartet.

 

Klippo Kraftwerk tauchte erst gar nicht auf, schickte aber als Vertretung seine zwei missratenen Vettern Klippo Kleingeld und Pippo Zanzani. Klippo Kleingeld, zweifellos ein scheußlicher Mensch, aber äußerst begabt als Küchenjunge, assistierte dem leidenschaftlich aufkochenden Zanzani mit geschäftiger Besonnenheit. Den Knalleffekt gab es dann, als der übergeschnappte Zirkusdirektor im wahrsten Sinn des Wortes die Bombe platzen ließ: Er stopfte seine Zirkuskanone mit den Gängen des Menüs und feuerte einen bunten Brei aus Crostini, Farfalle, Gamberoni, Prosciutto und Tiramisu direkt auf das Publikum ab. Eine Großzügigkeit, die ihm dieses mit begeistertem Schmatzen und lautstarken Kaugeräuschen dankte.   

 

Dann betrat Tina Trash mit einer Taube in der Hand das Podium und biss dem zerrupften Federvieh mit einem ungestümen Schnapp bei lebendigem Leib den Kopf ab. Unter den erschrockenen Blicken der Menge rupfte, entweidete und entflachste sie den überraschten Vogel in Windeseile, marinierte ihn mit Salz und Pfeffer und begann ihn über dem Feuer eines Lötkolbens knusprig zu rösten. Zwei Minuten später noch ein Klecks Ketchup und Mayo drauf und schon war das Stadthuhn wohlbekömmlich und verzehrbereit.

 

Weitaus aufwändiger ging es da schon bei Astra Kinastra zu: Sie hatte von jedem Tierkreiszeichen eines gesammelt und es mit dem dazugehörigen Weibchen bis in die siebte Generation fortgepflanzt, um dann jeweils den siebten Spross des siebten Sprosses in einem großen Zuber zu einem Eintopf zu verkochen. Einmal genossen würde das Ragout nicht nur ewiges Leben schenken, sondern auch die Balance im Weltall herstellen und im Sinne des Satori im buddhistischen Zen zum Allheilmittel allen Lebens im Universum werden. Leider war die Suppe versalzen und konnte die Kritiker daher nur mäßig überzeugen.

 

Als Nächster war Doma Mischanig an der Reihe, der - wie alle böhmischen Küchenmeister – zwar gut, aber auch unglaublich fettig kochte, womit er es sich vor allem mit den Damen im Publikum verscherzte, die das deftige Balkanessen fürchteten wie der Teufel das Weihwasser. Mischanig kümmerte dies wenig und er knallte den feisten Bürgersfrauen eine Wagenladung voll Butterkroketten in Graupelschmalzsoße vor den Latz. Zweifellos eine Provokation sondergleichen, die das Publikum mit lauten Buhrufen quittierte, was wiederum Mischanig dazu veranlasste mit einem süffisanten Kratzfuß eilig im nächsten Weltraumtaxi nach Alpha Centauri zu verschwinden.

 

Giulia Essanija, das kämpferische Weib, kochte Kuskus mit Hülsenfrüchten, darunter Linsen, Bohnen, pastellfarbene Pasten und frittierte Klopse aus Kichererbsen, die, gewürzt mit Knoblauch und Zwiebeln, ein feines Pendant zu dem knusprigen Safranlamm bildeten, das Essanija den Zuschauern in einem grün weißen Kleid aus Gurken und Joghurt kredenzte. Spätestens bei dem mit süßen Datteln gefüllten Reispudding kannte das begeisterte Publikum kein Halten mehr und ließ sich zu stehenden Ovationen mit nicht enden wollenden „Giulia, Giulia“-Sprechchören hinreißen.

 

Den großen Vogel schoss allerdings Buccan Faber ab: Er tanzte lediglich mit einer abgewetzten Dose Sardinen an, die er – wie er vollmundig erklärte – auf dem Weg zum Wettkochen einer Gruppe herumlungernder Bierpunks abgeluchst hatte. Die Fischlein flink auf einem Bierdeckel arrangiert und mit einem Viertel Zitrone, das er aus einem Sodaglas stibitzte, exquisit verfeinert, stellte Faber damit erneut seine Pfiffigkeit und seinen Mutterwitz unter Beweis. Dies würdigten auch die Juroren und kürten Faber verdienterweise zum diesjährigen Sieger des großen Schreibclub-Wettkochens.

Der Dorfschreck

tina

Oben, auf dem Zypressenhügel stand ein kleines Haus, umgeben von Pinien. Wieso dieser Hügel, der eigentlich mehr eine unscheinbare Erhebung war, Zypressenhügel hieß, lag daran, dass vor langer Zeit ein Bürgermeister einst aus der Italien-Sommerfrische eine junge Maid mitgenommen hatte, der zu Ehren er auf der größten Erhöhung im Dorf Zypressen pflanzen ließ, sodass sie ihre Heimat nicht allzu arg vermissen müsse.

Von Botanik verstand der gute Mann allerdings wenig und aus diesem Grund wuchsen dort nun seit Generationen kräftige, stachelige Pinien. Ob das ausschlaggebend dafür war, dass die südländische Angetraute des Dorfoberhauptes ein paar Jahre später mit dem Friedhofgärtner durchbrannte, konnte von den Bewohnern des Nestes nur erahnt werden.

Gemeinhin wurde der Hügel von den Menschen im Dorf ohnehin „Teufelsrücken“ genannt, weshalb obige Geschichte gar keine Rolle spielt für diese hier. Und im Gegensatz zum Pinien-Zypressen-Missverständnis gab es auch keine Unklarheiten, da sie eindeutig auf den Besitzer der windschiefen Bruchbude zurückzuführen war, einen schrecklich düsteren Geselle, einen Scherge der Finsternis, ein … ein wirklich unheimlicher Bursche eben.

Schon seit Jahren hauste er in dieser Baracke und noch nie hatte er sich im Dorf blicken lassen, nie tat er irgendetwas für das Wohl der Gemeinde, eines anderen, vermutlich auch nicht für sich selbst. Augenzeugenberichten zufolge ernährte er sich doch ausschließlich von dem, was um seine Hütte herum lag. Ein ekelhafter Gestank nach verdorbenem Gemüse und Wurzeln umgab seine Unterkunft, ein Dunst wie aus fäkalischen Überresten kam Sommers wie Winters aus seinem brüchigen Kamin und ließ die Bewohner des Dörfchens Luft schnappend und zeternd die Fenster schließen und die alten Jungfern auf ihrem Heimweg von der Sonntagsmesse entrüstet ihre altrosa Schals vor die keifenden Mäuler halten, während die kleinen Mädchen sich pikiert ihre Näschen zuhielten.

Im Sommer konnte man abends seinen Schatten sehen, wie er sich in ungelenken Bewegungen aus dem Haus stahl und hastig etwas vom Boden aufhob, um gleich wieder in seiner Bretterbude zu verschwinden. Im Winter kam er – wohl wegen der Zeitumstellung – etwas früher aus seinem Loch gekrochen, wie ein Schneemensch wandelte er umher, im Boden scharrend und knurrende Laute ausspuckend wie ein Tier.

Was er da oben wohl trieb, war einer der Hauptgesprächsthemen der Gemeinde. „Wohl kaum Gutes!“ krähte die Dorfälteste beim sonntäglichen Kaffeekränzchen der Kriegswitwen und betupfte sich eitel den fettig glänzenden Mund nach dem letzten Bissen Sahne-Torte. Eifrig nickend stimmte ihr jede der anwesenden Damen zu.

„Der brütet dort oben sicher über irgendeinem finsteren Plan!“, sagte die Frau des Metzgers beschwörend, während sie sich die Kuchenbrösel vom Wanst strich. „Oh Gott“, piepste die Kirchenorganistin furchtsam und ließ die Kaffeelöffel klirrend in die Tasse fallen, „er wird uns doch um Himmels willen nicht ausrauben wollen?“

„Wer weiß, meine Liebe, was dieser finstere Kerl für Machenschaften pflegt! Es ist an der Zeit, dass wir etwas gegen diesen schrecklichen Unhold unternehmen, der uns hier in Angst und Schrecken versetzt!“

Der Aussage der Dorfältesten laut applaudierend nahmen sich die alten Schrullen noch eine frische Stulle und legten fest, dem Finsterling endlich den Garaus zu machen und ihn aus dem Dorf zu vertreiben.

Gemeinsam marschierten sie mit vollgeschlagenenen Bäuchen vor den Bürgermeister, einen sanftmütigen, harmlosen Mann, der sich sonntags am liebsten seiner Kakteenaufzucht widmete. Gegen die wild durcheinander schreienden Furien hatte der Jungspund mit seinen 72 Lenzen keine Chance, und so gab er die Zwangsräumung der Hütte auf dem Teufelsrücken bekannt, nur um sich dann wieder in aller Ruhe seinem sonntäglichen Hobby widmen zu können.

Am nächsten Tag folgten die alten Schachteln den Männern des Räumungskommandos in sicherem Abstand, neugierig wie Spatzen und wild schnatternd wie ordinäre Stockenten watschelten sie ihnen auf Stöcken und Gehhilfen hinterher.

Endlich angekommen, hämmerte der Oberkommandant an die verbogene Holztür. Nach einer Weile näherten sich schlurfende Schritte und die Tür ging langsam quietschend auf. Die alten Weiber hielten vor Spannung den Atem an, der Oberkommandant stellte sich pfeilgerade hin und holte tief Luft.

Irritiert in die Sonne blinzelnd und über seine Hornbrille hinausschauend sagte das Männchen, dessen Gesicht, so schien es, zu mindestens 2/3 von wildem Bartwuchs bedeckt war, „Guten Morgen, was kann ich für Sie tun?“

Der Oberkommandant pumpte seinen mächtigen Oberkörper weiter auf – er war vor Reden immer schrecklich nervös – und es schwallte aus ihm hervor: „DiesistdasRäumungskommandodesHerrnBürgermeistersundder DorfgemeinschaftwirbittenSieumgehendihrHauszuverlassendawir     unssonstgezwungensehensiegewaltsamhinauszubefördern… (Er schnappte nach Luft) …HieristderBescheidvomDorfoberhaupt!“ und reichte dem verwirrt dreinblickenden Mann ein Dokument.

Der Bewohner der Hütte nahm das Blatt und überflog es. Dann blickte er über seine Brille wieder in das Gesicht des Oberkommandanten und musterte ihn interessiert: „Und worauf begründen sie diesen Rauswurf?“

Der Oberkommandant wurde rot und räusperte sich nervös. „Äh, Anordnung des Bürgermeisters, der eine Beschwerde seitens der Dorfältesten vorausging.“ und zeigte auf die sich in sicherer Entfernung verschanzte Weiber-Ansammlung.

„Beschwerde“, rief der bärtige Mann entrüstet, „was für eine Beschwerde bitteschön?“

Die Dorfälteste kreischte: „Wer weiß, was sie da drin so treiben!! Die Frau des Metzgers setzte lautstark ein: „Außerdem sieht man sie nur am Abend vor dem Haus herumlungern, im Dorf sind sie auch nie, das ist doch nicht normal, was wollen sie also hier??!“

Der Mann lächelte grimmig. „Ich arbeite gerade hier in meinem Labor an einem Heilmittel gegen angeborene Bronchitis, auf Basis des hier heimischen Bockshornklees, sehen sie doch, der wächst hier ums ganze Haus herum. Am Abend schließt er seine Blätter und entfaltet dadurch besondere Kräfte. Ich bin Doktor der Medizin und Biologie und versuche mich auf meine alten Tage an ganzheitlichen Heilverfahren. Wenn sie mich jetzt bitte entschuldigen würden, ich habe schließlich zu tun.“

Die Dorfbewohner starrten den langhaarigen Kerl an, der verärgert im Türrahmen stand und darauf wartete, dass sich die Truppe in Bewegung setzte.

Der Oberkommandant ergriff als Erster das Wort, da er aber für diese Gelegenheit keine Floskeln auswendig gelernt hatte, stotterte er nur etwas herum und ließ seine Entschuldigung unbeendet. Die alten Damen standen immer noch argwöhnisch im Hintergrund, sahen sich aber außerstande, noch etwas zu tun.

„Gut“, sagte die Dorfälteste verschnupft, „dann sollten wir uns jetzt aber unbedingt mal darum sorgen, dass der Kinderspielplatz geschlossen wird. Der Lärm und dieses ständige Geschrei macht mich wahnsinnig.“

Die übrigen Schrullen nickten zustimmend und trollten sich, so schnell es wegen der Gefahr des Oberschenkelhalsbruches ging, vorsichtig den Hügel hinunter.

 

Eskalation, Eskalation!

tina

„Eskalation!“ rief der Schaffner in die Nacht,
vor Schreck sind alle aufgewacht.
Auch ich öffnete die Waggontür,
der Boden tanzte unter mir.

Ich spitzte mein Ohr so scharf es ging,
während ich halb aus dem Abteil hing.
Die fette Schrulle von nebenan,
der Ohnmacht nah, hielt sie sich an,
an einen hagren Kerl der Bourgeoisie,
ihr Gewicht zwang ihn beinah in die Knie.

Zuckend vor Schreck fing mein Blick an zu kranken,
der Boden voll Blut – ich fühlte mich wanken.
Die Koffer, von arabesken Mustern gesäumt,
schlitternd auf Rot – ich dachte, mir träumt.

Da merkte ich, wie alle glotzten,
und ihrer Angst mit Blicken trotzten,
ich gaffte zurück, verstand ich doch nicht,
worin der Sinn lag, in dieser Geschicht.
Auf meiner Zunge schmeckte ich Metall,
dann wich es einem zuckrigen Knall.

Die Blätter rauschten kalt im Wind,
der Zug flog weiter, ganz geschwind.
Flackernd Rot, war was ich sah,
mir wurde gleichsam sonderbar,
da fiel es mir wie Schuppen von den Augen:
ich war ja tot, nur mocht ichs nicht glauben.

Der Besuch

klippo

Herr B. war gerade im Begriff seinen, von einem langen Arbeitstag muffig gewordenen Körper zu reinigen, als er das metallische Schellen seiner Türglocke vernahm. Nichts ahnend, welche Kette folgenschwerer Ereignisse dadurch ihren Anfang nehmen sollte, hielt er in seiner Tätigkeit inne.


Herr B. war ein kontemplativer Mensch, der meistens eine gewisse Zeit brauchte, um sich in einer Situation zu recht zu finden und seine Gedankenflut zu ordnen. Klarerweise fragte er sich zunächst, welchen Besuch er zu dieser fortgeschrittenen Stunde empfangen sollte, der ihm – und dies war der springende Punkt – nicht vorher angekündigt worden war. Er war fast ein wenig verärgert, da ihm keine plausible Erklärung für diese unerwartete Störung einfallen wollte. Ein Blick auf die Uhr sagte ihm außerdem, dass es bereits 21:26 war, also eine Uhrzeit, zu der er unangekündigte Besuche nicht mehr ohne weiteres gutheißen konnte, schon gar nicht wenn diese in den Feierabend eines langen und langweiligen Arbeitstages eindrangen und die Reinigung seines Körpers behinderten.


Herr B. verharrte also einen Augenblick, um durch Abwägen seiner verschiedenen Handlungsmöglichkeiten die richtige Entscheidung treffen zu können. Er hatte eigentlich keine große Lust zur Türe zu gehen, die Sprechanlage zu bedienen, die Eingangstür zu entriegeln, um dann zwischen Tür und Angel auszuharren und den Geräuschen der Schritte über die Treppe zu lauschen, bis sich - so wie er es sich ausmalte - jene nächtliche Gestalt schnaufend und prustend in den vierten Stock (denn in ebendiesen befand sich Herrn B.’s Appartment) geschleppt hatte und dann womöglich Einlass, Geld, Leben oder anderes von ihm verlangte. Zudem tobte draußen ein sintflutartiger Regen und die Straßen waren von Wind und Wetter durchweicht, sodass der Besucher sicherlich Morast und Nässe in das Haus von Herrn B. bringen, wenn nicht gar seinem Körper Schnupfen und Grippe einimpfen würde. Beiderlei stellte zweifellos eine wenig verlockende Aussicht dar.


Herr B. stand also bewegungslos und sinnend da und kräuselte dabei seine Finger leicht am Bund seiner Hose, was ein wenig den filigranen Unterwasserbewegungen einer Seeanemone in einem tropischen Gewässer glich. Dadurch erhoffte er sich eine Verstärkung seines Gedankenflusses, während er gebannt dem Strömen des heißen Wassers lauschte, das neben ihm das weiße Rund der Badewanne füllte. Von den bestehenden Möglichkeiten des zu erwartenden Personenkreises, der, offen gesagt, ziemlich dünn gesät war, so kam er schließlich zum Schluss, konnte es eigentlich nur Frau C., seine Geliebte sein, mit der er sich ab und zu traf, um sexuelle Handlungen zu vollziehen. Da sie sich sonst nicht viel zu sagen hatten, war dies jedoch eher selten der Fall. Selbst diese Möglichkeit erschien ihm jedoch höchst abwegig, und so beschloss er schließlich das Klingen einfach zu ignorieren. Mit einem jähen Ruck erwachte er aus seiner Erstarrung und schlüpfte, nachdem er sich seiner Kleider entledigt hatte, in die dampfende Wanne, die wunderbar heiß war und schön nach Fichten- und Sandelholz duftete.


Als sich langsam der stinkende Film von seinem Körper löste und süße Entspannung in seine Glieder kroch, freute sich Herr B. über die besonnene Entscheidung, die er schlussendlich getroffen hatte. Wer immer es gewesen war, er oder sie sollte zu einem günstigeren Zeitpunkt wiederkommen. Oder noch besser, die Person sollte es einfach aufgeben und gar nicht wiederkommen. Wahrscheinlich hatte jemand ohnedies woanders klingen wollen und nur versehentlich seinen Klingelknopf betätigt. Herr B. lebte nämlich in einem recht großen Haus mit einer Fülle von Mietern und es erschien ihm viel wahrscheinlicher, dass ein Besuch zu dieser Stunde für einen dieser Nachbarn bestimmt war.


Mittlerweile schien ihm das kurze Schrillen der Glocke gar schon so fern und vom Nebel der Vergangenheit verzehrt, dass er fast an seiner Existenz zu zweifeln begann. Ja, vielleicht war es nur eine Gaukelei seines eigenen müden Hirns gewesen, das durch das geräuschvolle Prasseln des Regens und das Getöse von der Straße solch ein Gespinst geknüpft hatte, so dachte er sich.


Doch in einem fernen, hinteren Winkel seines Gehirns wusste Herr B., dass, gleich welche Möglichkeiten er auch ersann und wie kunstvoll er sie sich zurechtlegte, der Besuch niemand anderem als ihm selbst galt, egal, ob sein, nach einem langen und langweiligen Arbeitstag stinkend gewordener Leib, es so wollte oder nicht. Es überraschte ihn also nicht sonderlich als es erneut LAUT und DEUTLICH an der Tür schellte.

Diesmal klingelte es aber nicht nur einmal, sondern gleich zwei-, drei-, vier-, fünfmal, sodass der metallische Laut penetrant durch die ganze Wohnung hallte, um Herrn B. ja von seiner Dringlichkeit zu überzeugen. Es war mittlerweile 21:46.


Herr B. wusste, dass er nun nicht mehr so leicht davonkommen würde. Es gab kein Entrinnen mehr. Genervt wälzte er sich aus der Wanne, trocknete sich hastig ab und warf einen weißen Bademantel über. Dabei schlenkerte sein schlaffer Penis wie ein Seepferdchen zwischen seinen Beinen hin und her, das sich fröhlich in einer Meeresströmung tummelt.


Da das Klingeln immer noch nicht aufgehört hatte, beeilte er sich zur Tür zu gelangen. Mittlerweile war er sich auch sicher, dass es nicht Frau C., seine gelegentliche Geliebte sein konnte, denn die hätte sich - wenn überhaupt - auf andere Weise angekündigt. Der nächtliche Besucher hatte es bereits auf irgendeine Weise geschafft in das Haus einzudringen, denn als Herr B. den Türöffner betätigte und dann anschließend die Wohnungstür einen Spalt weit öffnete, gewahrte er die schwarzen Umrisse einer Gestalt, die vor seiner Wohnung stand.


Es war eine Frau. Sie strahlte etwas aus, das Herrn B. augenblicklich faszinierte, was es genau war, konnte er sich jedoch selbst nicht erklären. Dies war in der Tat erstaunlich, denn Herr B., war nicht nur ein geistig recht unbeweglicher Mensch, auch was seine zwischenmenschlichen Beziehungen betraf, war er äußerst phlegmatisch und leidenschaftslos. Eigentlich machte er sich nicht viel aus Menschen. Bei dieser Frau war es jedoch anders: Sie war anmutig wie ein Pfau und kräftig wie ein Pferd. Lüstern glotzte Herr B. auf ihren schönen Körper.


Das Auffälligste an ihr war sicherlich ihr beträchtliches Haarvolumen, das sie, kunstvoll geflochten, hinter einem reich bestickten Seidenstoff verbarg. Dazu paffte sie lasziv an einer Zigarette und stieß von Zeit zu Zeit Schwälle massiver Rauchschwaden aus, sodass die Konturen ihrer (ohnehin recht überirdischen) Erscheinung zusätzlich in einem Bermudadreieck aus bleiernem Zigarettennebel verwischt wurden. Die tiefen, schwarzen Sonnenbrillen, die sie trotz der fortgeschrittenen Stunde trug, funkelten Herrn B. wie Insektenaugen an.


Endlich - nachdem sie sich lange genug an ihrer Zigarette delektiert hatte - begann sie zu sprechen (und ihre Stimme klang so unglaublich süß in Herrn B’s Ohren, wie Schokoflocken, die man über zart schmelzendes Pfirsich-Sorbet träufelt…): „Lieber Herr B.“, schnurrte sie, „Gestatten Sie, dass ich mich vorstelle, mein Name ist Frau M. Entschuldigen Sie bitte, dass ich Sie zu so später Stunde aufsuche, aber ich arbeite grundsätzlich nur nach Sonnenuntergang.“ Wie geheimnisvoll, dachte sich Herr B. Wer mochte sie wohl sein? Er freute sich wie ein Kätzchen über diesen unerwarteten und spannenden Besuch.


„Wissen Sie…“, Herr B. sah förmlich, wie es hinter ihrer Stirn arbeitete und sie nach einem Vorwand für ihren Besuch sann, „…lassen Sie mich eintreten, denn…“, ihr schien nichts einzufallen, „…ich bin Vertreterin… und zwar für äh…“, Sie blickte aus dem Fenster und fixierte die dicken Wasserfäden, die schier endlos vom Himmel fielen. Offensichtlich hatte sie sich nicht überlegt, was sie Herrn B. nun sagen sollte. Dies war ihr sichtlich unangenehm und ein peinliches Schweigen breitete sich aus. Herrn B. tat sie deshalb fast ein wenig leid.


Endlich ging ihr ein Knopf auf. „One Way Tickets! Ich bin Vertreterin für One Way-Tickets. Haben Sie davon gehört? Sie schauen doch sicher Fernsehen und lesen Zeitung? Verreisen sie gerne? (Herr B. verneinte jedes Mal, aber sie ging nicht darauf ein). Hören Sie mir zu…“ Der Groschen war gefallen und sie plapperte drauflos. Es war natürlich totaler Blödsinn. Herr B. wusste dies und sie wusste, dass Herr B. es wusste. Aber sie war erleichtert, dass ihr überhaupt noch etwas eingefallen war und jetzt musste sie Masche weiterspinnen. Doch jeder Anflug von Sorge, damit aufzulaufen, war unbegründet, denn Herr B. hätte ihren Besuch nie in Frage gestellt. Er hörte ihr aufmerksam zu und nickte hie und da, wenn es ihm notwendig erschien.


E war ohnedies nur Formsache. Er hätte sie auf jeden Fall in seine Wohnung gelassen. Irgendwann glaubte Frau M. ihren Vortrag lange genug ausgedehnt zu haben. „Ich darf doch reinkommen…?“, fragte sie und schon hatte sie sich an Herrn B. vorbei in seine Wohnung geschlängelt. Unter normalen Umständen wäre Herr B. sehr empört über solch eine Dreistigkeit gewesen wäre, aber in diesem Fall war ihm dieses freche Eindringen sehr recht: Herr B. hatte sich verliebt.


Innerlich wusste Herr B., dass nun sein Schicksal besiegelt war. Es war ihm eigentlich schon gleich nach dem Öffnen der Tür klar gewesen. Etwas Fürchterliches würde passieren. Wahrscheinlich würde er sterben. Trotzdem konnte er sich nicht sonderlich darüber aufregen. Ganz im Gegenteil, er war in gelöster Stimmung und beschloss das Spiel mitzuspielen.


„Darf ich Ihnen etwas anbieten, liebe Frau M.?“ fragte er, um seinen Pflichten als Gastgeber nachzukommen und freute sich insgeheim, wie gelassen und glatt die Worte über seine Lippen wanderten, „Tee, Kaffee oder ein Schlückchen Rotwein vielleicht? Können Sie mir noch etwas über die One Way Tickets erzählen? Wohin soll denn die Reise gehen?“. Er konnte sich ein leichtes Augenzwinkern nicht verkneifen. Sein Blick strahlte etwas Dümmlich-Verliebtes aus.


„Nein danke“, meinte Frau M., während sie ihren Mantel an die Garderobe hängte und seine Fragen galant ignorierte. Auch sie zwinkerte ihm zu, erleichtert, dass die Farce nun zu Ende war, und ergänzte milde: „Aber für Sie wäre es sicherlich zuträglich, wenn Sie noch etwas im Magen hätten. Ich werde Sie nun nämlich töten!“


Herr B. antwortete nicht darauf. Er beschloss gar nichts mehr zu sagen und sich vielmehr auf die Vorgänge zu konzentrieren, die die Zeitspanne seines, mittlerweile zu einem kleinen Restchen zusammengeschrumpften irdischen Dasein, ausmachen sollten. Frau M. legte gerade ihre Sonnenbrille und ihre Kopfbedeckung ab, wodurch ihr schuppiges Schlangenhaupt entblößt wurde. Frau M. oder Medusa - denn niemand anderes verbarg sich hinter der nächtlichen Erscheinung - jenes mythische Wesen, das ihre Opfer durch die Macht ihres Blickes versteinerte. Und um genau dies zu tun war sie hier aufgetaucht. Mit einem Lächeln wandte sie sich Herrn B. zu.


Auch Herr B. lächelte. Er wusste was nun passieren würde und er war sehr neugierig darauf, wie es wohl sein würde, versteinert zu werden. Und er lächelte weiter und würde es bis in alle Ewigkeit tun, als sich seine Glieder verhärteten und er sich in einen steinernen Monolithen verwandelte.

Wer kann das so genau wissen?

klippo

Boris war gerade beim Frühstücken, als er eine seltsame Stimme hörte, die ihn beim Namen rief. „Boris“, rief die Stimme. „Boris! Boris!“.

 

Boris, der an einem Marmeladebrot kaute, hielt inne. Er unterbrach den Kauvorgang und lauschte angestrengt. Es war 6 Uhr morgens und niemand außer ihm selbst befand sich in dem Raum. Misstrauisch ließ er seinen Blick über die Einrichtung schweifen. Der schmutzige Abwasch, der brummende Kühlschrank – alles schien in bester Ordnung. Seine Frau lag noch im Bett und schlief tief und fest. Leise hörte er die Vibrationen ihres näselnden Schnarchens aus dem Nebenraum.

 

Endlich schluckte er den halb zerkauten Bissen hinunter. Er hatte nahezu zwei Minuten mit geschärften Sinnen verharrt und es war nichts mehr zu hören gewesen. Vermutlich – so dachte er sich – war es das Beste sich wieder auf seine morgendlichen Tätigkeiten zu konzentrieren. Er schaltete das Radio ein. Sofort ertönte die angenehm vertraute Stimme des Moderators und füllte den Raum mit belanglosem Geplapper.

Boris fühlte sich erleichtert. Diese Geräusche waren real, so viel war sicher. Beruhigt fraß er einen Löffel Cerealien und zuckerte seinen Kaffee. Er ließ sich zurück in seinen Sessel sinken und begann sich eine neue Stulle zu schmieren.

 

Aber siehe da! Erneut ertönte ein feines Stimmchen und rief ihn beim Namen: „Boris! Boris!“ Und dann noch einmal – laut und deutlich, einer gewissen Dringlichkeit nicht entbehrend: „BORIS!“. Die Stimme hallte befremdlich über die morgendliche Frühstückstafel. Jetzt wurde Boris stutzig. Er drehte das Radio auf ein kaum hörbares Schnurren zurück und blickte sich eindringlich um.

Jetzt lastete die Stille ungleich schwerer und bedrückender auf dem unbelebten Raum. Alles wirkte normal – die Gegenstände waren dort, wo sie sein sollten und durch das Fenster fiel das  Licht der Morgensonne und erfüllte den Raum mit goldenem Glanz. Man hörte das Zwitschern der Vögel, die auf den Ästen der Bäume Platz genommen hatten und mit ihrem Singen den neuen Tags begrüßten. Hier in der Küche jedenfalls befand sich außer Boris niemand.

 

Dieser Umstand beunruhigte ihn zusehends. Er hatte noch nie Stimmen gehört, die auf keinen menschlichen Ursprung zurückzuführen waren und fühlte sich dadurch umso mehr verunsichert. Es gruselte ihn. Einen kurzen Moment überlegte er, ob er seine Frau wecken sollte, um mit ihr gemeinsam jenem (für ihn zweifellos) parapsychologischen Phänomen auf den Grund zu gehen, doch er verwarf diesen Gedanken schnell wieder. Dem Schnarchen seiner Frau nach zu urteilen, wäre diese nicht sehr erfreut über eine Weckung gewesen. Und - auch wenn er sich mit aller Kraft dagegen sträubte sich diese Möglichkeit einzuräumen - fürchtete er sich ein wenig davor diese Situation im Beisein seiner Frau zu bewältigen. Was wäre denn, wenn (nachdem sich seine Frau aus dem süßesten Schlummer gezerrt, schlaftrunken und übellaunig in der Küche eingefunden hätte) die Stimme nicht mehr ertönen würde. Vielleicht – Boris graute vor dem Gedanken, doch wer konnte das schon so genau wissen – existierte die Stimme ja nur in seinem Kopf.

 

Trotzdem begann er zu suchen. Zunächst schaute er aus dem Fenster, aber die Straße war leer. Dann begann er die Küche auf den Kopf zu stellen. Wahllos öffnete er Schubladen, klapperte mit Töpfen, steckte seinen Kopf in Kühlschrank und Backrohr und kramte in der Brotdose. Kaffeemaschine, Mikrowelle, elektrischer Dosenöffner – vielleicht verbarg sich die Stimme ja dort.

Und wieder ertönte das Stimmchen und neckte ihn: „BORIS! BORIS! Hier bin ich! Nein, HIER!“ Aus seinem Augenwinkel glaubte Boris ein kleines, flatterndes Etwas zu erkennen, das irrlichternd durch den Raum geisterte.

 

Jetzt wurde Boris wütend. Er wollte sich nicht mehr länger zum Narren halten lassen. Er packte den erstbesten Gegenstand, den er in die Finger bekam - es war ein Nudelholz - und hieb wild um sich, um die Stimme für immer zum Schweigen zu bringen. Glas zerbarst, Holz splitterte und zermatschte Lebensmittel spritzten an die Decke. Er wusste, dass dieses Verhalten jedes gesunden Menschenverstandes entbehrte, doch es war ihm egal. Was blieb ihm denn auch anderes übrig als mit Unvernunft zu reagieren? Der Situation war jedenfalls nicht mit Vernunft beizukommen.

 

In seiner Raserei verwandelte Boris die Küche in ein Trümmerfeld. Er zerschlug Teller und Tassen, zerhackte das kostbare Porzellan, riss Schränke und Regale um und schmetterte die Töpfe an die Wände. Dabei fiel ihm gar nicht darauf, ob das Stimmchen bereits verstummt war. Doch dies war auch nicht notwendig, da der Gefechtslärm ohnehin jeden anderen Laut erstickte. Dann rutschte Boris auf einem Klecks Butter aus, der sich am Boden festgeklebt hatte und schlug sich den Kopf hart am Rauchabzug an. Er stolperte und blieb auf dem Rücken liegen.

Seine Wut verrauchte jäh. Stattdessen fühlte er sich hilflos und gedemütigt. Er befand sich im Zentrum der Zerstörung – gebrochen, müde und unfähig sich zu bewegen -  wie ein dicker Käfer, der auf dem Rücken lag und sich nicht mehr aus eigener Kraft umdrehen konnte. So wie damals bei der Hochzeit seiner Eltern, als er sich in die Hosen gemacht hatte und die ganze lange Zeit in seinem eigenen Kot hatte ausharren müssen.

Und wieder hörte er ein leises Kichern.

 

Zugegeben, er hatte am Vortag Alkohol getrunken. Es war ein Liter Rotwein gewesen. Vielleicht auch zwei, wer konnte das schon so genau wissen. Und es waren auch ein paar Schnäpse im Spiel gewesen. Aber nur zwei oder drei. Zur Verdauung. Und um den Appetit anzuregen. Höchstens waren es vier oder fünf gewesen. Auf alle Fälle nicht mehr, was in einem gesunden medizinischen Maße nicht zu vertreten wäre. Und es war ein hochwertiges Destillat gewesen, keine gepanschte Schmuggelware.

Wahrscheinlich hatte er auch Opium konsumiert, doch sicherlich nur in homöopathischen Dosen. Und er war sich ziemlich sicher, dass er ein Stückchen Valium geschluckt hatte, aber nur um besser einschlafen zu können und um von dem Crystal Meth und PCP herunterzukommen, das er ein paar Stunden zuvor geschnupft hatte. Aber Moment – war er überhaupt schlafen gegangen? Boris konnte sich nicht mehr genau erinnern.

 

Von nebenan schwappte immer noch das näselnde Schnarchen seiner schlafenden Frau in den Raum. Vielleicht war es aber auch gar nicht seine Frau, von der dieses Geräusch stammte. Vielleicht war es nur das Rauschen des morgendlichen Windes, der sanft in den Blättern der Bäume wühlte. Wer konnte das so genau wissen?

Siggi Cruise

klippo

Siegesmund war kugelrund, doch kerngesund. Seine ihn über alles liebende Mutter hatte einen richtig süßen Pummelprinzen herangezogen. „Ordentlich aufessen, damit du auch so groß und stark wirst wie Vati!“ meinte sie dreimal am Tag, während ihr Sohn die monströsen Essensportionen in sich hineinschaufelte. Die Belohnung für den ratzeputz leer gegessenen Teller war jedes Mal ein dicker, mit Nougat überzogener Schokoladeriegel. Siegesmund nahm die süße Gabe mit seinen schwitzenden Händen dankend entgegen und ließ sich dabei behutsam seinen massigen Kopf tätscheln. Schokolade hatte seit jeher die strahlende Glückseligkeit eines frohlockenden Barockengels auf sein rosafarbenes, pausbackiges Teiggesicht gezaubert. Doch auch dann, wenn er sich nicht gerade ein Stück Schokolade auf der Zunge zergehen ließ und darauf wartete, dass die Zeit vergeht, strahlte sein Gesicht unentwegt. Schon von weitem glänzte seine überfettete Haut, die dem Vergleich mit speckigem Butterbrotpapier problemlos standhalten konnte, wie ein von der Sonne beschienener Parabolspiegel.

Da sein Kleidungsstil vermuten ließ, es mit einem Lumpensammler oder Landstreicher zu tun zu haben, war seine Reputation unter den Leuten nicht gerade hoch. Alle nannten ihn einfach nur Siggi. Nein, das trifft den Nagel nicht ganz auf den Kopf, denn eigentlich nannten ihn alle nur Maroni-Siggi. Ja, Siggi war Maronibrater in dritter Generation. Er hatte das Handwerk von seinen Eltern gelernt und die wiederum von ihren Eltern.
Da Siggi also aus einer wahrlichen Maronibraterdynastie entstammte, wurde ihm die große Ehre zuteil, den Status eines Maronibraters auf Lebenszeit führen zu dürfen, ohne auch nur einen einzigen Tag in der Maronibraterhochschule gesessen zu haben. Auf eine Verkürzung um ein halbes Jahr der ansonsten dreijährigen Maronibraterausbildung können, der Studienordnung nach, sonst nur an der University of Houston graduierte NASA-Astronauten hoffen.

In der dadurch gesparten Zeit perfektionierte Siggi seine Handgriffe im täglichen Umgang mit den Kunden. Es war ein heißer und schweißtreibender Berufalltag, aber das heimelige Gefühl, das der Duft seiner Maroni in den vom Weihnachtsstress geplagten Passanten auslöste, entschädigte ihn für die Entbehrungen.
Durch die tägliche Arbeit mit den glühenden Maroni waren seine Hände längst von einer dicken Hornhautschicht überzogen und hatten die Schmerzunempfindlichkeit von Hochofenarbeiterpranken angenommen. Doch dies beschränkte Siggi keineswegs in seiner Feinmotorik. Bei jeder Maronibraterolympiade hätte Siggi beste Chancen auf einen der vorderen Plätze gehabt. Denn Siggis großes Vorbild war Tom Cruise. Aber nicht dieser Sientologie-Tom Cruise, sondern der Tom Cruise aus dem legendären „Cocktail“-Hollywoodfilm. In gleicher Manier wirbelte Maroni-Siggi seine heißen Leckerlis spektakulär durch die Luft, um sie hierauf sicher mit den dafür vorgesehenen Papiertüten aufzufangen. Das gaffende Publikum war immer völlig aus dem Häuschen und bedachte jede seiner tollen Vorstellungen mit ohrenbetäubendem Applaus. Die Darbietungen wurden besser und besser und obwohl ihn manche Maronibraterkollegen wegen seiner unkonventionellen Art verlachten und verspotteten, eroberte sich Maroni-Siggi in kürzester Zeit den Titel eines Event-Maroni-Braters.

Dann war es soweit. Der Marketingchef der Silberquellen GmbH kam auf Siggi zu, um ihn als Event-Maroni-Brater für seine winterliche Hüttengaudi im Alpbachtal anzustellen. In Siggis Augen begannen die Dollarzeichen im Stakkato der übrigen Weihnachtsbeleuchtung hell aufzublinken.

„Das ist eine große Ehre“, meinte Siggis Mutter, während sie ihm beim Mittagsessen Rindsrouladen mit Püree auf den Teller schaufelte. „Mach uns stolz, Siggi!“
Siggi, der gerade am Essen kaute, nickte eifrig und strahlte bis über beide Backen. Sein breitschädeliger Kuhkopf dampfte vor Freude und brannte darauf, den Wünschen seiner Eltern zu entsprechen. Heute war sein großer Tag.
„Das Wichtigste aber ist“, fügte der Vater mit spitzem Blick hinzu, „ … dass du uns KEINE SCHANDE machst.“
Er hatte schon fertig gegessen und saß mit überkreuzten Beinen am Küchentisch und studierte die Zeitung. Jetzt lehnte er sich zurück und begann, sich seine Pfeife zu stopfen. Die Enden seines Schnurrbarts bewegten sich dabei leicht und wirkten ein wenig wie die Bartfäden eines Wels’.
Noch immer war der freudestrahlende Siggi nicht in der Lage, Worte zu formen, da sein Mund nach wie vor mit Essensbrei angefüllt war und so erwiderte er den Antrag seines Vaters erneut mit einem eifrigen Nicken. Zum Lohn hievte ihm die Mutter noch eine weitere Portion auf den Teller, die Siggi mit großem Appetit zu verzehren begann. Aber auf einmal – vielleicht lag es daran, dass es schon der siebte Teller war - wollten ihm die Rouladen und das Püree nicht mehr ganz so geschmeidig durch die Kehle schlüpfen.
„Hier, mein Sohn“, trompetete die Mutter und breitete auf dem Tisch ein großes Kleidungsstück aus. „Das wirst du heute tragen!“.
Es war die  „Maroni- Suit“, ein funkelnder Anzug, der in glamouröser Extravaganz den Kostümen von Elvis Presley in Las Vegas in nichts nachstand, aus weißem Polyester gefertigt und mit Dutzenden kleinen Swarovski-Kristallen gespickt, die sich – bei genauem Hinsehen - als überirdisch glitzernde Mini-Maroni entpuppten.
„Die hat uns ein Vermögen gekostet“, sagte die Mutter schnaufend, während sie das Ungetüm auf dem Küchentisch entfaltete. „Aber für unseren geliebten Pummelprinzen ist uns einfach nichts zu teuer! Denn heute ist dein großer Tag. UNSER großer Tag!“
Siggi nickte.

Am späten Nachmittag machten sich Vater, Mutter und Sohn ins Alpbachtal auf. Maroni samt Zubehör waren sorgsam im Kofferraum des Mitsubishis der Familie verstaut und warteten sehnsuchtsvoll darauf, dass Siggi mit ihnen seine spektakulären Kunststücke vollführen würde. Es war noch früh, doch man wollte zeitig vor Ort sein, um die dortigen Gegebenheiten genau zu studieren und alle denkbaren Eventualitäten aus der Welt zu schaffen.
Wie eine kleine, angekokelte Kastanie wand sich der Mitsubishi durch die verschlungenen Serpentinen des Alpbachtals und trotzte mit seinen Schneeketten der Rauheit des Winters, die das Land fest in ihren spröden Klauen hielt. Die Sicht war schlecht, denn es schneite heftig. Der Vater hatte die Scheibenwischer auf höchste Stufe eingeschaltet und zwirbelte nervös an seinem Schnurrbart. Angestrengt kniff er die Augen zusammen, um im weißen Gestöber etwas erkennen zu können. Die Mutter schien das nicht weiter zu stören: Sie saß auf dem Beifahrersitz und unterhielt sich laut mit ihrem Gatten, Siggi und manchmal auch mit sich selbst. Nach und nach ließ der Mitsubishi die Dörfer und Städtlein des Alptachtals hinter sich und drang immer tiefer in das verschneite Bergland ein.

Siggi sagte während der Fahrt gar nichts. Selbst wenn man ihn ansprach, schwieg er beharrlich. Er war schon immer ein stilles Kind gewesen und auch jetzt mit 29 sprach er nicht besonders viel. Aber wozu auch? Meistens gab es ohnehin nichts zu sagen. Und seine Leidenschaft galt ausschließlich dem Maronibraten – eine Tätigkeit, bei der Sprache nur eine untergeordnete Rolle spielte. Im Moment rührte seine Wortkargheit jedoch eher daher, dass er mit seinen Gedanken ganz woanders war. Immer wieder dachte er an sein großes Vorbild Tom Cruise und wie dieser in den verschiedenen Hollywood-Blockbustern die waghalsigsten Abenteuer meisterte. Auch dachte er an die bewundernden Blicke und feuchten Lippen, die auf der markigen Erscheinung des Schauspielers lasteten, wenn dieser in der erotischen Dunkelheit des Kinos auftauchte und knisterndes Getuschel und Popcorngeraschel in tobendes Beifallgetümmel übergehen ließ.
Heute sollten die Menschen IHM diese Reverenz erweisen, denn heute würde ER es sein, der Großes vollbrachte. Mit wohligem Entzücken stellte Siggi sich vor, wie ihm die Menschen zujubeln würden, hatte er sie erst mit seiner Kunst vertraut gemacht. Heute war er der Hauptdarsteller im Blockbuster seines Lebens. Heute war er SIGGI CRUISE.

Da tauchte die Hüttengaudi endlich vor ihnen auf. Sie befanden sich nun im hintersten Zipfel des Alpbachtals, der kaum noch befahrbar war und sich weit abgeschottet von der Zivilisation erstreckte. Wie ein hell erleuchteter Born der Gemütlichkeit und der Freude am Ende eines langen, schwarzen Schlundes leuchteten ihnen die strahlenden Fenster des Berghofs entgegen. Es war eine geräumige, freundliche Hütte und die Gaudi war bereits in Form von gedämpften Stimmen und Musik vernehmbar. Der Vater parkte den Wagen auf einem der wenigen noch freien Parkplätze. Man stieg aus, holte Maroni und Instrumente aus dem Kofferraum und stapfte durch den dicken Schnee zum Eingang.
Die Hütte war hell und laut und bereits vom Dunst vieler Menschen erfüllt. Sie saßen an den Bänken und zechten und lärmten. Der Hüttenwirt - ein kugelrundes Männlein mit roten Bäckchen und einer weißen Schürze – begrüßte sie freundlich. Er bezeichnete Siggi als „liabs Biawal“, fand lobende Worte für sein „bäriges Gwandl“ und stellte die Familie seinem Bruder, dem Marketingchef von Silberquelle, vor. Dieser entpuppte sich als jung gebliebener Möchtegern-Pimp, der es vom Land in die Stadt geschafft hatte. Gemeinsam ging man zum Buffet, um sich bei einem Gläschen Ananasschnaps und den hauseigenen Lachswürstchen zu erfrischen. Siggi blieb allein zurück.
„Und ich bin übrigens Alexa“, ergänzte da jemand. Ein kugelrundes Gesicht mit blonden Zöpfchen und prall gefülltem Dirndl tauchte vor Siggi auf. Interessiert betrachtete er das Wesen, das da so plötzlich in sein Leben geplatzt war und ihn mit seinem strahlenden Lächeln förmlich anleuchtete. Vor allem die Ausbuchtungen am prallen Dirndl erweckten Siggis uneingeschränktes Interesse.
„Ich bin die Tochter des Hüttenwirts“, sagte das Wesen und lächelte wie ein frisch lackiertes Kinderkarussellpferd. „Und du musst Maroni-Siggi sein. Ich habe ja schon so viel von dir gehört!“ Die letzten Worte, die sie aus ihrem pausbäckigen Mündlein flötete, zerrannen zu einem derartig piepsigen Hauchen, dass sich Siggi die Haare sträubten und wohlige Schauer über seinen Rücken jagten.
„Ich muss jetzt wieder weiter bedienen“, flüsterte sie. „Aber wir sehen uns doch später, oder?“ Siggi nickte. „Und dann … wenn du magst …“ – jetzt kam Alexa bedeutend nahe an Siggi heran und biss zärtlich in sein Ohrläppchen – „… kannst du mich ja an meiner KLITORIS kitzeln.“
Und schon verschwanden Zöpfchen und Rundungen wieder hinter einer Traube Menschen, die sich gerade in die Hütte gewühlt hatten und grölend nach Bier verlangten. Auf einen Schlag war der Laden gerammelt voll. Kaltes Schweinernes, vermischt mit Kren und Gurken, verschwand hinter hungrigen Kiefern und erfüllte den Raum mit drögen Kaugeräuschen. Jemand rempelte Siggi an und zog ihn in eine andere Richtung. Er war verwirrt. Vergeblich hielt er Ausschau nach den blonden Zöpfen. Irgendwo schrammelte jemand auf einer Gitarre herum und bierselige Stimmbänder schmetterten volkstümliche Arien. Die Hüttengaudi war im Anflug. Man konnte es fühlen.

DIESE HÜTTENGAUDI IST BÖSE. Unerwartet drang eine Stimme zu Siggi. Erstaunt blickte er sich um, konnte sie aber nicht zuordnen. Wer hatte das gesagt? Und schon wieder ertönte die unbekannte Stimme: DIESE HÜTTENGAUDI IST BÖSE. UNHEIL LIEGT IN DER LUFT. Wer spricht da, fragte sich Siggi verstört und ließ seinen Blick durch den Raum schweifen. Langsam wurde es unheimlich. Überall gab es lärmende Menschen, aber von ihnen war es keiner gewesen. Zuerst dachte er es wäre der besoffene Alm-Öhi gewesen, der direkt hinter ihm stand, aber der brabbelte nur zusammenhangloses Zeug in seinen silbergrauen Bart. Hatte er sich alles nur eingebildet? Existierte die Stimme nur in seinem Kopf? Aber da war sie schon wieder: DIESE HÜTTENGAUDI IST BÖSE. UNHEIL LIEGT IN DER LUFT. Und diesmal noch mit einem Zusatz: FLIEH! SOLANGE DU KANNST! ES IST DIE SCHNAKE, DIE ZU DIR SPRICHT. Und tatsächlich schwirrte gerade eines der langbeinigen Insekten um Siggis Ohren.
„KLATSCH!!“ Mit einem gezielten Zusammenschlagen seiner Hände hatte Siggi die vorlaute Schnake auf die Dicke einer Oblate zerquetscht. Er konnte im Moment keine Ablenkung gebrauchen und überhaupt, dachte er bei sich, ist nicht jede Hüttengaudi böse, ja, vielmehr noch die Luft von Weltuntergang verkündender Kulturlosigkeit erfüllt? Beschwört nicht jedes aus blechernen Boxen plärrende Liedgut, welches aus verkümmerten Synapsen von DJ Ötzi ausgewürgt und wiedergekäut wurde, das kulturelle Ende des Abendlandes herauf? Siggi beendete den für seine Verhältnisse unverhältnismäßig komplexen Gedankengang und besah sich seine Hand. Dort, wo er die Schnake erschlagen hatte, prangte ein kleiner, blutiger Fleck, an dem ein merkwürdig verkrüppeltes Bein hing. Vom restlichen Körper der Schnake fehlte jede Spur. Fast unmerklich begann seine Hand zu kribbeln und zu zucken. Siggi stülpte sein Wurstgesicht über seine fleischige Hand und besah sich mit steigendem Interesse das winzige Löchlein, welches sich unter dem Blutfleck aufgetan hatte. Langsam und zielstrebig bewegte sich ein kleines, dünnes Würmchen unter Siggis Schwarte. „Heilige Maroni“, dachte er bestürzt, hatte er doch glatt die plappernde Schnake unter seine Epidermis gewuchtet! Wieso bewegte sich dieses widerliche Insekt überhaupt noch? Ob er schnell ein, zwei Stamperl Insektizid unverdünnt zu sich nehmen sollte, um ihm endgültig den Garaus zu machen? Schneller, immer schneller zog sich die kleine Schnake ihren Weg, immer weiter seinen Arm entlang. Siggis Augen wurden immer größer und panischer. Die Schnake hatte beinah seine Schulter erreicht, da schien sie abzutauchen und im Inneren seines Körpers zu verschwinden. „Igitt!“ brüllte Siggi laut, doch sein Schrei wurde von dem Grölen der Menschenmassen übertönt, die gerade inbrünstig den Refrain zu „Resi, i hoi di midm Traktor o“ kreischten.

Siggi suchte verzweifelt seinen runden Wanst nach Spuren der Schnake ab, doch sie war offensichtlich tief in seinem Körper verschwunden. Er konnte nur hoffen, dass sich das Vieh bis in die Tiefen seines fleißigen Verdauungstraktes gewagt hatte und dort den scharfen Magensäuren seines Pansens zum Opfer gefallen war.
Aber er hatte auch keine Zeit mehr, sich länger diesem Problem zu widmen. Der Hüttenwirt war neben Siggi getreten, und deutete durch die wummernden Bässe eines mallorcatauglich remixten Roberto-Blanco-Schlagers hindurch auf Siggis Eltern, die neben dem Marketing-Chef bereits Siggis Maroni-Brat-Equipment aufgebaut hatten. Seltsamerweise war aber Siggis Vater damit beschäftigt, den großen Jutesack mit Siggis selbstgezüchteten Spezialmaroni wieder aus der Hütte zu tragen. „Den brauchst du nicht“, sagte der Marketingchef und setzte sein breitestes Grinsen auf, „wir haben hier unsere eigenen, ganz speziellen Maroni.“ Das verwunderte Siggi, denn bei den vielen Events, die er nun mit seinen Maroni-Brat-Künsten veredelt hatte, hatte noch nie ein Veranstalter eigene Maroni beigesteuert. Etwas war faul.

Schon schleppte der Hüttenwirt von einer kleinen Tür her ein bauchiges Holzfass an, das bis zum Rand mit Maroni gefüllt war. Es waren die schönsten, prallsten und braunsten Maroni, die Siggi je gesehen hatte. Mit Wonne begann Siggi, die Maroni zu braten. Es knisterte und brutzelte, die Maroni sprangen regelrecht in Siggis großer, blecherner Maronibraterpfanne herum (und dann und wann glaubte Siggi sogar, ein leises Kinderlachen zu hören). Die Gäste waren beeindruckt, die Nachfrage war groß. Noch nie war Siggi so erfolgreich gewesen. Aber es betrübte ihn, dass er nicht wusste, ob das an seinen Maroni-Brat-Fähigkeiten lag, an seinem Elvis-Anzug, oder am unglaublichen Wohlgeschmack dieser geheimnisvollen Maroni.

Plötzlich spürte er ein Kitzeln in seinem Nacken – er wusste sofort: dieses Kitzeln konnte nur von einem blonden Zöpflein stammen. Alexa! Siggi hätte es beinahe laut ausgerufen. Rasch drehte er sich um, nur um zu sehen, wie Alexa schon wieder dabei war, durch eine niedrige alte Holztür zu verschwinden. Auf der Schwelle drehte sie sich noch einmal um, und zog flink das blauweiße Dirndl-Röcklein, das sich wie ein Gebirgsbach um ihre fülligen Hüften wand, hoch, nur so weit, dass Siggi ihr kleines Möschen sehen konnte. Sie trug keinen Schlüpfer. Siggi, der bereits den ganzen Abend immer wieder an Alexas Angebot denken hatte müssen, wurde rasend. Er musste diese Frau haben, und zwar jetzt. Ohne einen weiteren Gedanken an die Maroni zu verschwenden, die weiter munter in ihrer Pfanne brutzelten, ließ Siggi seine Eltern links liegen und lief in Richtung der kleinen, hölzernen Tür. Aus dem Augenwinkel konnte er noch sehen, wie der Hüttenwirt und sein Bruder beide laut lachten.

Hinter der Tür erwartete Siggi so etwas wie eine andere Welt. Fernab der billigen Showband, der hölzernen Klapp-Bierbänke und der johlenden Massen war er in jenen Teil der Berghütte geraten, der noch unberührt von jeder Touristisierung geblieben war. Ein eisig kalter Wind trug dumpf die letzten Klänge der Musik zu ihm herüber, es roch nach Räucherspeck und altem Fichtenholz. Am oberen Ende einer schmalen, brüchigen Holztreppe sah Siggi noch das Zipfelchen von Alexas Röcklein verschwinden.

Die Holztreppe ächzte schwer, als Siggi stöhnend die Treppe erklomm. Oben angekommen, fand er sich in einer Art Heuschober. Allerlei seltsames altes Bauerngerät stand in den schattigen Ecken und staubte vor sich hin. In der Mitte des Raumes war ein großer Berg Heu, vor dem breitbeinig Alexa stand. Sie ließ den Rock von ihren speckigen Hüften gleiten. Wie angewurzelt stand Siggi da.

„Was ist? Willst du etwa nicht?“ hauchte ihm Alexa zu. Wie von ihrer haarigen Scham hypnotisiert, näherte sich Siggi der lüstern lachenden Hüttentochter. Zum Glück bestand Siggis weißer Anzug aus einem Stretch-Material – es hatte sich nämlich schon ein bescheidenes kleines Zelt aufgespannt. Alexa lächelte freudig über diesen Anblick. Mit ihren wurstigen, aber erstaunlich flinken Händen ließ sie den Reißverschluss auf Siggis runder Vorderseite bis ganz nach unten gleiten. Dann packte sie kräftig zu und begann, Siggis kleinen Zinnsoldaten zu massieren. Vor Siggis Augen begann sich alles zu drehen. Immer schneller und schneller rubbelte Alexa Siggis Lusthobel, bis Siggi schließlich nicht mehr anders konnte: er packte Alexa, stürzte sie auf den Heuberg, und sich auf sie. Nach wenigen ungeschlachten Stößen, die Siggi gerade noch so in Alexas nassfeuchtes Loch machen konnte, platzte er schließlich. Gefühlte drei Liter seines braunen Liebessaftes (die ungewöhnliche Färbung verdankte er seinem berufsbedingt heftigen Maronikonsum) spritzte er in sie hinein, in sieben, acht sich heftig durch seinen Körper ziehenden Wallungen.

Erschöpft lag er neben ihr. Er wollte ihr ein sanftes Küsschen auf die Backe drücken, doch Alexa stand zügig auf. Er wollte es ihr gleich tun, konnte aber nicht einmal seinen Kopf heben, so erschöpft war er. Alexa machte weder Anstände, sich zu ihm umzudrehen um ihm ein liebes Wort zu widmen, noch, sich den blauweißen Rock wieder anzuziehen, der da immer noch zerknittert am Boden lag. Siggi wollte sich am Sack kratzen, doch es gelang ihm nicht. Er war gelähmt.

Nicht nur das: er war auch dünner geworden. Wo ihm zuvor sein rundes Bäuchlein den Blick auf seine Kronjuwelen versperrt hatte, war nun freie Sicht. Wie aus einem kaputten Ballon schien die Luft aus ihm zu entweichen. Doch nicht nur das: im selben Maße, wie Siggi schrumpfte, schien Alexa immer praller und praller zu werden. Es fiel ihr richtig schwer, sich auf den Rand des großen Holzzubers zu stellen, der Siggi erst jetzt so richtig aufgefallen war. Ächzend und stöhnend nahm sie mit breit gespreizten Beinchen ihre Position über dem hölzernen Gefäß ein. „Was ist mit mir?“ rief Siggi entsetzt.
Alexa begann indes zu pressen. Ihr fleischiges Gesicht verzerrte sich zu einer grausigen Grimasse und wurde kirschrot, während Schauer durch ihren ganzen Körper liefen. Ein Zittern lief durch ihre Labien, dann noch eines, schließlich schob sich etwas aus der Tiefe von Alexas Vagina heraus. Plopp machte es und purzelte in den Zuber.

Eine Marone.

Plopp. Plopp plopp. Plopp-plopp-plopp-plopp. Noch eine. Noch eine. Die Maronen begannen regelrecht aus Alexa herauszuregnen. Pffffrrrrt. Wie ein Maschinengewehr. Alexa begann, panisch zu kreischen wie eine Harpyie. Iiiiiieeeeeeee.

Maroni-Siggi lag noch immer völlig verausgabt am Boden und konnte kein Glied rühren. Mit stummem Entsetzen musste er mit ansehen, wie Alexa sich immer weiter aufblähte. Keine Frage, ihre Rundungen waren auch früher schon eindrucksvoll gewesen. Doch das hier hatte eine neue Qualität: Alexa näherte sie sich jetzt unaufhaltsam der Kugelgestalt. Die Maroni entsprossen ihrem gebärfreudigen Becken in einem immer rasanteren Stakkato – doch leider nicht schnell genug. Und so kam es, wie es kommen musste. Alexa platzte.

Begleitet von einem fürchterlichen Schmerzensschrei, den Siggi sein Lebtag nicht mehr vergessen würde, zerstob die dralle Wirtstochter zu einer Wolke aus Zöpfchen, Blut und Esskastanien.
Die schreckliche Explosion weckte Siggi endlich aus seinem Erschöpfungszustand. Mühsam rappelte er sich auf und trat vollkommen bleich und verstört an den Rand des Zubers. Und wirklich, durch dichte Tränenschleier erkannte er die traurige Wahrheit: Von der wunderschönen Alexa war nichts anderes übrig geblieben als ein gewaltiger Maroniberg.       

Normalerweise wäre dem Kastanienliebhaber bei einem solchen Anblick das Herz übergegangen – doch nun fühlte es sich so an, als wollte es in seiner Brust zerspringen. In einer Brust, die kaum noch wiederzuerkennen war …
Denn, ach!, auch Siggi selbst hatte sich verändert. Vielleicht nicht ganz so gründlich wie die liebliche Alexa – doch auch in seinem Fall waren die Figurprobleme unübersehbar. Vom feisten Wonneproppen von einst waren nur noch Haut und Knochen übrig. Der funkelnde Maronibrater-Anzug hing schlaff an seinem dürren Gestell, Ärmel und Hosenbeine schlotterten erbärmlich. Was würde Mutter sagen, wenn sie ihren kleinen Pummelprinzen in diesem Zustand erblickte? Wie sollte er ihr je erklären, was geschehen war? Sollte er ihr vielleicht sagen: Hallo Mutter, ich hatte ungeschützten Geschlechtsverkehr mit der Tochter meines neuen Arbeitgebers. Nach einer Blitzschwangerschaft hat sie einen Zuber voller Maroni auf die Welt gebracht. Leider ist sie dabei geplatzt. Dafür bin ich völlig zusammengeschrumpelt. Ach ja, und bevor ich’s vergesse: Ich trage seit heute eine sprechende Schnake in meinem Körper.“

 „Augenblick“, dachte Siggi, als er diesen für seine Verhältnisse unverhältnismäßig komplexen Gedankengang beendet hatte, „die Schnake!“ Der Maronibrater kratzte sich nachdenklich an seinem nunmehr hageren Schädel. Was mochte aus dem kleinen Schädling wohl geworden sein? Ob er ihn mitsamt seinem Bauch losgeworden war?
„KEINE ANGST. ICH BIN HIER.“
Siggi zuckte zusammen. Er erkannte die Stimme der Schnake sofort wieder. Nur klang sie diesmal noch viel näher als zuvor in der Gaststube. Ganz so, als komme sie aus ihm selbst.
„Wo … wo bist du?“, stammelte Siggi. Angstvoll suchte er seinen knochigen Körper nach etwaigen Spuren des Insekts ab. Arme, Beine, Hüfte, Bauch, …
„KALT, GANZ KALT“, sagte die Schnake und lachte ohrenbetäubend.
„Schluss mit dem Versteckspiel“, rief Siggi, „wo zur Hölle steckst du?“
„IN DEINEM GEHIRN.“
„Was?“, schrie der Maronibrater und schnappte panisch nach Luft. „Was treibst du denn da oben?“

„NUN“, erläuterte die Schnake mit dröhnender Stimme, „OBWOHL DU MICH TAKTLOSERWEISE IN DEINEN EIGENEN KÖRPER HINEINGEPRÜGELT HAST, WOLLTE ICH DICH NOCH EIN ALLERLETZTES MAL VOR DER BÖSEN HÜTTENGAUDI MIT ALEXA WARNEN. UND DA DACHTE ICH MIR, ICH SOLLTE VIELLEICHT EHER DEIN GEHIRN AUFSUCHEN ALS DEINE HARNRÖHRE ODER DEN MAGEN-DARM-TRAKT. OBWOHL“, die Schnake seufzte verbittert, „DER UNTERSCHIED WÄRE VIELLEICHT GAR NICHT SO GROSS GEWESEN …“
„Jetzt reicht es mir aber“, rief Siggi resolut, „in meinem eigenen Kopf lasse ich mich nicht beleidigen. Geh da sofort wieder raus!“
„DAS WÜRDE ICH JA GERN“, seufzte die Schnake, „ABER LEIDER SITZE ICH FEST.“
„Dann werde dich herausschneiden!“, rief Siggi zornig und kramte in den Anzugtaschen nach seinem Maronimesser.
„BEVOR DU ETWAS UNÜBERLEGTES TUST, MUSS ICH DICH AUF EINE KLEINIGKEIT AUFMERKSAM MACHEN“, sagte die Schnake ernst, „UM EIN PAAR GRAUE ZELLEN ZU FINDEN, MUSSTE ICH LEIDER SO WEIT IN DEIN GEHIRN VORDRINGEN, DASS MAN MICH NIE MEHR HERAUSOPERIEREN KANN, OHNE IRREPERABLE SCHÄDEN AN DEINER HIRNRINDE ANZURICHTEN. OBWOHL: IRREPERABEL …“
„Jetzt habe ich aber genug von deinen Frechheiten“, brüllte Maroni-Siggi, „wenn du glaubst, dass du dich einfach so in meinem Gehirn einnisten kannst —
„JA, GLAUBST DU DENN, ICH HABE MIR DAS AUSGESUCHT?“, unterbrach die Schnake wütend, „MEINST DU ETWA, ICH BIN GERNE HIER DRIN? DA WÜSSTE ICH WEISS GOTT LOHNENDERE ZIELE. FÜR EINEN KRITISCHEN INTELLEKTUELLEN WIE MICH IST DIESE ÖDNIS JA KAUM AUSZUHALTEN!“
Siggi schniefte beleidigt und schwieg.
Doch die Schnake legte noch eins drauf. „VERDAMMT WENIG LOS HIER OBEN“, spottete sie, „SO WEIT ICH DAS BEURTEILEN KANN, DENKST DU DEN GANZEN TAG NUR AN ZWEI DINGE: ESSEN UND MARONIBRATEN. UND WIE EBEN ZU ERLEBEN WAR, SCHEINEN SICH SOGAR DEINE SEXUALPRAKTIKEN UM ESSKASTANIEN ZU DREHEN.“ Die Schnake rümpfte verächtlich die Nase.
„Dafür kann ich nichts“, stotterte Siggi, jeden Blickkontakt mit Alexas essbaren Überresten vermeidend. „Die Maroni sind plötzlich aus ihr … hervorgebrochen. Ich kann es mir selbst nicht recht erklären.“

„DANN WERDE ICH ES DIR ERKLÄREN“, brummte die Gehirnschnake besserwisserisch, „ALSO: DIE ADRETTE ALEXA VERFÜGTE ÜBER EINE SELTENE GABE – NACH JEDER KOPULATION MIT EINEM MARONIBRATER KONNTE SIE PROMPT EIN PAAR PFUND UNGLAUBLICH WOHLSCHMECKENDER EDELKASTANIEN IN DIE WELT SETZEN. VERSTEHST DU JETZT ENDLICH? DIE MARONI SIND IHRE KINDER.“
„Aber … warum wollte sie gerade mich als Kindsvater?“, fragte Siggi kläglich.
„NUN“, erläuterte die Schnake, „DU BIST BEILEIBE NICHT DER ERSTE. ALLE BERÜHMTEN MARONIBRATER DER WELT HABEN MIT ALEXA IHR ERBGUT GEKREUZT. SIE HAT MIT JEDEM VON DIESEN KAPAZUNDERN CASTANIDEN NACHWUCHS GEZEUGT – MIT DEM KASTANIENKÜNSTLER MARIO MARONESI, MIT DEM AMERIKANISCHEN MARONIVIRTUOSEN CODY CHESTNUTT, MIT ALLEN. HAST DU DICH NIE GEWUNDERT, WAS AUS IHNEN GEWORDEN IST? SIE ALLE WURDEN UNTER IRGENDEINEM VORWAND AUF DIESE HÜTTE GELOCKT UND DORT SO LANGE ALS WILLENLOSE SEXSKLAVEN GEHALTEN, BIS SIE VÖLLIG VERBRAUCHT WAREN. DANACH WURDEN SIE VON DEN EIGENTLICHEN DRAHTZIEHERN, NÄMLICH DEM SKRUPELLOSEN HÜTTENWIRT UND SEINEM UNZURECHNUNGSFÄHIGEN BRUDER, IN DEN BODENLOSEN SCHLUCHTEN DES ALPBACHTALES VERSENKT. UND NUN“, die Schnake machte eine dramatische Pause, „WOLLTEN SIE SICH DEN BESTEN MARONIBRATER VON ALLEN SCHNAPPEN: DICH! ABER DEIN BEITRAG WAR WOHL ETWAS ZUVIEL DES GUTEN …“

„Aber … wozu das alles?“, keuchte Maroni-Siggi atemlos.
„MIT DEN UNWIDERSTEHLICHEN SELBST GEZEUGTEN MARONI VERFOLGEN DIE ABGEFEIMTEN SCHURKEN EINEN TEUFLISCHEN PLAN: SIE WITTERN NICHT NUR DAS GROSSE GELD, SONDERN WOLLEN DIE MENSCHEN AUCH SÜCHTIG MACHEN, SIE SCHLEICHEND UNTERJOCHEN UND LETZEN ENDES … DIE WELTHERRSCHAFT AN SICH REISSEN!“
Diese letzten Worte hatte die Schnake regelrecht geschrieen.
„Oh Mann“, sagte Siggi kopfschüttelnd, „so etwas vollkommen Verblödetes habe ich ja mein Lebtag noch nie gehört. Ist das alles nicht sehr weit hergeholt?“
„ICH HABE MIR DIESE BIZARRE GESCHICHTE JA NICHT AUSGEDACHT“, zischte die Schnake gereizt, „BEDANK DICH BEI HARRY VON SCHWÄNGEL, SOHN.“
„Bei wem?“
„ACH VERGISS ES“, versetzte die Schnake schnippisch, „DAS WAR NUR EIN KLEINER IRONISCHER SEITENHIEB AUF DER METAEBENE.“
„Hä?“, machte Siggi.
„O GOTT, WO BIN ICH HIER BLOSS GELANDET?“, jammerte die Schnake. „ICH STECKE AUF IMMER UND EWIG IM KLEINHIRN EINES UNGESCHLACHTEN MARONIBRATERS – UND DAS ALLES NUR, WEIL ICH IHN VOR DER GRÖSSTEN DUMMHEIT SEINES LEBENS BEWAHREN WOLLTE. DOCH SOGAR DAFÜR BIN ICH ZU SPÄT GEKOMMEN.“ Das Insekt stieß ein wütendes Fauchen aus. „WARUM MUSSTEST DU SIE AUCH SOFORT BESTEIGEN?“

„Ich bin halt ein echter Tiroler“, verteidigte sich Siggi achselzuckend, „und halte mich an den alten Sinnspruch von Luis Trenker: Gonz egal, ob’s a Berg oder a Madl is’ – auffi muass i, des is gwiss!“
„DAS IST GAR NICHT VON LUIS TRENKER“, sagte die Schnake genervt, „DAS HAST DU IRGENDWO IM FERNSEHEN AUFGESCHNAPPT. DU BIST EIN IDIOT! ABER ABGESEHEN DAVON BIST DU AUCH EIN MÖRDER. DU HAST ALEXA GETÖTET. WIE WILLST DU DAS IHREM VATER UND IHREM ONKEL ERKLÄREN? UND WIE WILLST DU AUS DIESER GANZEN SACHE LEBEND HERAUSKOMMEN?“
„Keine Ahnung“, sagte Siggi betroffen. Schlagartig wurde ihm klar, dass er in höchster Lebensgefahr schwebte. „Kannst … du mir nicht helfen?“, stotterte er kleinlaut.
„ERZÄHL IHNEN EINFACH, DASS ALEXA VOR LUST EXPLODIERT IST!“, rief die Schnake sarkastisch und quittierte ihren eigenen Gag mit einem trompetenden Lachen.
„Wie witzig“, knurrte Siggi grimmig. „Übrigens: Könnest du bitte damit aufhören, dauernd in Großbuchstaben zu sprechen? Das ist sehr unhöflich. Außerdem bekomme ich Kopfweh davon.“
„WO NICHTS IST, KANN AUCH NICHTS WEHTUN“, meinte die Gehirnschnake in unverminderter Lautstärke. 
Siggi seufzte resignativ. Ihm wurde plötzlich die allumfassende Ausweglosigkeit seiner Lage bewusst. Alexas geisteskranker Vater und ihr nicht minder wahnsinniger Onkel würden das Verschwinden ihres drallen „Dirndais“ bald bemerken. Und dann war es um ihn, Maroni-Siggi, geschehen. An Flucht war nicht zu denken. Die einsame Hütte war mittlerweile vollkommen eingeschneit. Der Schneepflug würde vermutlich Tage brauchen, um aus dem Tal bis hierher vorzustoßen.

In seiner Verzweiflung tat Siggi das, was jeder gute Maronibrater in seiner Lage getan hätte: Er beschloss, zu hartem Alkohol zu greifen.
Ohne auf die ständigen Störgeräusche der Schnake zu achten, ließ Siggi den verwüsteten Heuboden hinter sich. Er schlich auf Zehnspitzen zur Tür, öffnete sie lautlos und mischte sich unauffällig unter die tanzende, saufende und grölende Meute.
Der drückende Dunst von Alkohol und Sexualhormonen lastete auf der gnadenlos überfüllten und überheizten Gaststube, von der hässlichen Hüttendecke tropfte der Schweiß. Möglichst dezent schlug sich Siggi bis zum Tresen durch, quer durch die partywütige Menge, die zum Äußersten entschlossen schien.
Der Maronibrater vertraute darauf, dass man ihn aufgrund seiner drastisch reduzierten Körperfülle nicht gleich erkennen würde. Trotzdem wich er instinktiv dem Blick des Hüttenwirtes aus, der hinter der belagerten Theke hin und her flitzte und rasant mit Obstler-Stamperln und Cola-Mixgetränken hantierte. Siggi wartete auf einen günstigen Moment – die Menge wogte gerade im Takt von „Zehn nackte Frisösen“ – und stibitzte unbemerkt eine staubige Flasche mit Vogelbeerschnaps unter der Buddel hervor. Er verbarg sie in seiner geräumigen „Maroni-Suit“ und zog sich dann unbeobachtet in eine kleine Vorratskammer zurück, die direkt an den Ausschank grenzte.

Erschöpft ließ sich Siggi hinter ein Regal voll Dauerwurst und „Feigling“-Kartons fallen und nahm erstmal einen tiefen Schluck aus der Pulle. Und dann noch zwei. Sofort fühlte er sich ruhiger. Er atmete tief durch. Hier, hinter der Dämpfung einer schweren Holztür, waren die penetranten Eini-außi-Rhythmen aus dem Schankraum nicht viel lauter als das Pochen seines eigenen Herzens. Die Geborgenheit und behagliche Stille der dämmrigen Speisekammer machte Siggi beinahe schläfrig.

„Hilf mir!“
Der Schrei traf Siggi so unvermittelt, dass ihm fast die Flasche entglitten wäre.
„Halt’s Maul, Schnake!“, rief er zornig, „musst du mich so erschrecken?“
„ICH WAR DAS NICHT“, sagte die Schnake ungehalten. „ICH HABE ES AUFGEGEBEN, MIT DIR EINE ZIVILISIERTE KONVERSATION FÜHREN ZU WOLLEN.“
Siggi kratzte sich ratlos am Kinn. War er wirklich schon so betrunken? Hatte er sich den Hilferuf nur eingebildet? Drehte er langsam durch?

„So hilf mir doch!“
Siggi fuhr zusammen. Diesmal hatte er den seltsam hohl klingenden Ruf ganz deutlich vernommen. Aber wer hatte da gerufen? Hatte er, Siggi, plötzlich noch eine zweite Stimme in seinem Kopf? Diese Möglichkeit schien dem Maronibrater äußerst bedenklich.  
„Ich bin hier unten!“
Siggi blickte an sich herab. Er erstarrte. Kein Zweifel: Der Hilferuf war aus der Schnapsflasche gekommen!
„Wer … wer bist du?“, rief Siggi mit belegter Stimme in den schmalen Flaschenhals hinein. „Und was machst du da unten?“
„Ich bin es. Tommy!“, klang es aus der Flasche zurück, „Ich bin hier drin gefangen. Ich flehe dich an, lass mich raus!“

„Unglaublich“, dachte Siggi aufgeregt und begann vor freudigem Schrecken zu zittern. Tom Cruise! Sein großer Held, sein leuchtendes Vorbild steckte in dieser Flasche! Das war die Rettung …
„Tommy“, brüllte er in die Flasche hinein, „wie schön, dass du hier bist. Weißt du, ich stecke furchtbar in der Klemme. Du musst mich hier raushauen!“
„Was auch immer es ist, ich kann dir helfen“, sagte die Stimme aus der Tiefe der Buddel, „aber zuerst musst du mich hier raushauen. Ich stecke nämlich auch in der Klemme.“       
„Halt aus Tommy“, rief Siggi heldenhaft, „ich werde dich befreien!“ Er holte weit aus, um die Flasche mit einer kraftvollen Bewegung am Boden zu zerschmettern.
„Hey, Moment, was hast du vor?“, tönte es erschrocken aus der Schnapsflasche. „Nicht! Das wäre mein Tod!“
„Aber was soll ich denn sonst tun?“, fragte Siggi hilflos und ließ die Buddel sinken.
„Du musst einfach nur an der Flasche reiben“, sagte die Stimme, „dann bin ich frei!“
„TU’S NICHT!“, schrie die Schnake warnend dazwischen, „AN DER SACHE IST WAS FAUL!“
„Aber da drinnen ist Tom Cruise!“, rief Siggi aufgebracht, „ich muss ihn befreien!“
„BITTE, GLAUB MIR WENIGSTENS DIESMAL“, sagte die Schnake langsam und eindringlich, „DA STIMMT ETWAS NICHT! WARUM SOLLTE TOM CRUISE IM HINTERSTEN ALPBACHTAL IN EINER FLASCHE MIT VOGELBEERSCHNAPS SITZEN?“
„Weil man ihn dort hineingesperrt hat“, antwortete Siggi mit unverwüstlicher Logik und begann, vorsichtig an der Flasche zu reiben.

Die Wirkung war enorm. Mit einem lauten Klirren zersprang die Schnapsflasche in tausend Scherben. Aus den Trümmern drang augenblicklich dichter grüner Nebel hervor, der den ganzen Raum erfüllte und das Atmen unmöglich machte.
Als sich die Schleier langsam wieder senkten, wurden die Konturen eines Mannes sichtbar – mit nacktem Oberkörper, langen blonden Engelslocken und fürchterlichen Schlaghosen.
„NA SERVUS“, sagte die Schnake leise.

Der Flaschengeist hustete ein wenig, klopfte sich den Staub aus seinen weißen Beinkleidern und sah sich ein wenig verwirrt um.
Maroni-Siggi betrachtete die bizarre Erscheinung mit sprachlosem Grauen. „Das … das ist ja gar nicht Tom Cruise“, brachte er nach einer Weile mühsam heraus.
„DU MERKST ABER AUCH ALLES“, sagte die Schnake in schneidendem Tonfall, „ABER WEIßT DU AUCH, WER DAS WIRKLICH IST?“
Siggi schüttelte stumm den Kopf.
„DAS IST TOMMY“, erklärte die Schnake oberlehrerhaft, „DER BLINDE, TAUBE UND STUMME FLIPPERSPIELER AUS DER GLEICHNAMIGEN ROCKOPER VON THE WHO.“
„Nie gehört“, murmelte Siggi. 
Die Schnake holte tief Luft und begann ohne Vorwarnung zu singen, entsetzlich laut und falsch: „TOMMY, TOMMY, CAN YOU HEAR ME?“
„Hör auf!“ Siggi hielt sich entsetzt die Ohren zu. „Lass’ mich mit deinem Hippie-Müll zufrieden!“
„DIESE KULTURLOSIGKEIT ÜBERRASCHT MICH WENIG“, erwiderte die Schnake sardonisch, „TJA, WENN MAN NUR MIT DEN FIDELEN MÖLLTALERN SOZIALISIERT WURDE …“
 
Siggi wollte etwas erwidern, doch in diesem Augenblick hatte Tommy ihn erspäht. Mit federndem Schritt trat er vor Siggi hin und starrte mit unverhohlener Bewunderung auf dessen glitzernden Maronibrater-Anzug.
„Furchtbar schicke Schale, Mann. Wirklich dufte. Nur etwas weit um die Hüften!“

Siggi glotzte den fremden Mann verständnislos an. „Ich dachte, du bist blind, taub und stumm?“, fragte er konsterniert.
„Ach wo“, meinte Tommy mit einer wegwerfenden Geste, „das hab’ ich nur behauptet, um den Backfischen leichter an die Wäsche zu kommen. Als Österreicher kennst du vielleicht dieses alte Lied …“ – Tommy stimmte unvermittelt eine rührselige Heurigenmelodie an - „… Krüppel, ham so was Rührendes, Krüppel, ham was Verführendes …“

„Wie bist du überhaupt in die Flasche gekommen?“, unterbrach Siggi eilig. Ihm schwirrte der Kopf.
„Darüber will ich nicht lange palavern“, sagte Tommy und fuhr sich verlegen durch die blonden Locken, „nur so viel: Skiferien in den Alpen. Ein feucht-fröhlicher Budenzauber. Eine flotte Biene. Eine verlorene Wette.“
„Schlimme Sache“, meinte Siggi mitleidig. „Aber mich hat’s auch ganz schön erwischt.“ In knappen Worten erzählte er Tommy die ganze Geschichte. „Und darum brauche ich dringend deine Hilfe“, schloss er. „ Du hast doch besondere Kräfte, oder?“

„Leider nein“, Tommy schüttelte bedauernd den Kopf. Dann hellte sich seine Miene plötzlich auf. „Moment: Ich kann verdammt gut flippern!“
Die Enttäuschung stand Siggi ins Gesicht geschrieben. „Ist das alles?“
Tommy nickte. 
„A-aber, warum hast du dann gesagt, du könntest mir helfen?“, fragte der Maronibrater kläglich.
„Warum wohl? Damit du mich rausholst“, meinte Tommy unverblümt. Als er die Tränen in Siggis Augen sah, legte er ihm freundschaftlich den Arm um die Schulter. „Keine Sorge, altes Haus“, sagte er kumpelhaft. „Wir werden’s den Ganoven schon zeigen. Aber vorher“, Tommy senkte verschwörerisch die Stimme, „geh’n wir zwei Hübschen auf Aufrisstour!“ Er knuffte den Maronibrater in die Seite. „Zwei Goldjungs wie wir werden bestimmt nicht lang allein bleiben, was?“ Er zwinkerte Siegesmund aufmunternd zu. 

„Ich kann nicht“, jammerte Siggi verzweifelt, „sie werden mich töten.“
„Das kann warten“, sagte Tommy leichthin, „im Gegensatz zu mir.“ Er ließ lasziv die Hüften kreisen. „Ich war seit 1969 da drin – jetzt bin ich spitz wie Nachbars Lumpi. Also los!“ Er streckte Siggi die Hand entgegen. „Zuerst baggern wir – dann helf’ ich dir! Abgemacht?“
„Nun gut“, sagte Siggi mit einem resignativen Stoßseufzer. Er schlug kraftlos ein.
„Na prima!“, rief Tommy begeistert und klatschte in die Hände. Dann packte er den wehrlosen Maronibrater an der Schulter und schleifte ihn mit sich. „Ob Flippern bei den Puppen immer noch so zieht wie in den Sechzigern?“, fragte er und stieß mit einer schwungvollen Bewegung die Tür zur Gaststube auf.
„MIT SICHERHEIT“, ätzte das Insekt in Siggis Hirn.  

Während er benommen in den Schankraum hinaustorkelte, zog Maroni-Siggi kurz Bilanz. Also: Er hatte eine zynische Schnake im Kopf, in Kürze zwei irre Verbrecher auf den Fersen – und als einzigen Gefährten einen triebgesteuerten, unterstandslosen Flaschengeist, der nichts, aber auch gar nichts konnte. Außer verdammt gut flippern.

„Das ist das Ende“, dachte Siggi, während ihm der lärmende Après-Ski-Hit „Lieschen, Lieschen“ entgegenwehte, „schlimmer kann es nicht mehr kommen.“
Doch da sollte er sich gründlich täuschen …

Der kunstholzgeflieste Hüttenboden war von Alpendodelblutlachen bedeckt. Das schneefräsenhafte Schmalztopfwummern lieferte nun den Soundtrack für einen der letzten Ausläufer einer todbringenden extraterrestrischen Invasion, die während Siggis kurzer Abwesenheit das Alpbachtal erreicht hatte.

Er ging im Kopf nochmals die Liste seiner existentiellen Fragen durch und stellte fest, dass jetzt schon wieder alles anders und überhaupt total verwirrend war. „LASS MICH DOCH KURZ EINSPRINGEN, SONST KOMMEN WIR MIT DIESER GESCHICHTE NIE AUF EINEN GRÜNEN ZWEIG“, hakte die Schnake nach, „NUN DIE ZUSAMMENFASSUNG VON SUSI: ALEXA IST IMMER NOCH TOT, DIE AUSSERIRDISCHEN HABEN DICH VOR ZWEI MORDGEILEN PSYCHOS GERETTET UND JEDE MENGE STROHKÖPFE VAPORISIERT. DOCH WENN SIE NACH IQ VORGEHEN, DANN SOLLTEST DU JETZT AUFPASSEN.“
Siggi kannte sich gar nicht mehr aus. Dass der smaragdhäutige Hüne in der Ecke mit seinem Lasergewehr nichts Gutes im Sinn hatte, war ihm jedoch klar.
Tom war ein wenig reaktionsschneller und versuchte gerade mit einer grüngepanzerten Gottesanbeterin anzubandeln, deren untertassengroße Augen lüstern glitzerten.

Siggis hageres Gestell durchfuhren starkstromgeladene Zuckungen. Seine Pupillen weiteten sich panisch, seine Nüstern bebten vom nervösen Schnaufen. Der Schalter in seinem Kopf war umgelegt. Sein Überlebensinstinkt war  nach langem Winterschlaf aufgewacht.
Das Portal zur Freiheit, die morsche Holzhüttentür schien gar nicht so unerreichbar zu sein. Zudem beobachtete er aus seinen Augenwinkeln, wie sich die ausserirdische Fraktion am kalten Glühwein gütlich tat. Er witterte seine Chance wie ein Lawinenspürhund ein versenktes Stück Blutwurst.
Was Siggi in seiner misslichen Lage dann noch zugute kam, war sein funkelndes Performanceoutfit, das unter den nicht weniger auffallenden Alienhäuten wertvolle Camouflagedienste leistete.
„SIGGI CRUISE, AUF WAS WARTEST DU DENN NOCH!?“, bekräftigte ihn sein Verstand oder auch die Schnake.
Showdown. Wild entschlossen verstaute er seine Maronibraterutensilien in seinem Anzug, von dem er einen Ärmel abriss und um die verschwitzte Stirn band. Seine Zange, die unter normalen Umständen seine kleinen braunen Köstlichkeiten drehte und wendete, rammte er in den Gottesanbeterin´schen Brustkorb und eilte, mit Tommy im Schwitzkasten, nach draussen ins winterliche Schneegestöber und verschwand in der Finsternis des angrenzenden Waldes.
Die Geschichte endet hier mehr oder weniger. Von Siggi und Tommy hat man nie wieder etwas gesehen oder gehört. Wobei das so auch nicht ganz seine Richtigkeit hat.
Jäger und Waldschrate haben ihre Spuren verfolgt und feststellen können, dass die beiden ungefähr ein dreiviertel Jahr im Alpbachtal umhergeirrt sind und sich von den eigentlich für die Wildtiere vorgesehenen Kastanien ernährt haben. Erst im darauffolgenden Herbst hätten sie es erst wieder in die Nähe des Inntales geschafft, wo sie von einer Kolonie hippiebesetzter VW-Busse dazu überredet wurden, sich mit ihnen auf die Jagd nach spitzkegeligen Kahlköpfen zu machen. So kamen sie also ins Alpbachtal zurück , wo sie wahrscheinlich immer noch ihr zugedröhntes Dasein fristen, Tommy, das Rockopernstarlett, die beinamputierte Schnake und Siggi Cruise, einst der beste Maronibrater der Welt.

Die Frühlingsmeteormorphose

klippo

 

Vom roten Glühen der Blumen durchwirkt, breitete sich der Park dem lustwandelnden Volk wie ein farbenfroher Teppich aus. Es war heiß. Wie eine Spinne kroch die Hitze hinter den Bergen hervor und hüllte das Land in ein Netz aus unsichtbaren Fäden. Den Flieder freute es und er tränkte die Luft mit seinem violetten Duft.  

 

Die Menschen tummelten sich in Scharen auf dem Gelände des großen Parks. Allen voran der pralle Maigott, der breitbeinig auf seiner Bank saß und mit seinem Volk Hofstaat hielt. Keck forderte er die vorübergehenden Passanten auf, ihm Zigaretten zu schenken und trank dazu warmes Bier aus Dosen. Kinderkreischen, das vom Spielplatz herüberwehte, mischte sich in sein raues Lachen.

 

Während Vater und Mutter sich in nichts sagende Gespräche vertieften, streifte ihre kleine Tochter durch das Drachenblutwäldchen, wo sie sich bestens mit den dort lebenden Gespenstern unterhielt. Ein weißer Fremdling tauchte auf, grüßte das Mädchen und die Gespenster freundlich und setzte sich in die Laube. Er merkte nicht, dass er dabei aufmerksam von den beiden Weiblein beobachtet wurde, die am Weiher mit der Fütterung von Enten beschäftigt waren. Während sich die Wasservögel gierig um die Krumen balgten und der Weiherspiegel zu einem glitzernden Tumult zerbarst, tuschelten sie verstohlen miteinander. Dann gab es noch einen alten Lüstling, der sich mitten auf der Wiese mit zwei Studentinnen vergnügte, die er zum Zwecke der Vielweiberei aufgegabelt hatte. Da er dumm, hässlich und ordinär war, kam er gut bei Frauen an.

 

Der weiße Fremdling saß noch immer in der Laube, während der Maigott zornig nach mehr Bier verlangte und seine Untertanen mit leeren Dosen bewarf. Die beiden Studentinnen lauschten mit großen Augen dem geistlosen Monolog des geilen, alten Ziegenbocks. Dem aufmerksamen Beobachter entging nicht, dass ganz hinten, wo schon verwildertes Gestrüpp begann, ein weißlich verquollener Zwerg aufgetaucht war und um das mit Efeu berankte Steinkreuz strich. Fast nicht erkennbar, da im grünlichen Buschflimmern verborgen, blickte er immer wieder auf seine goldene Taschenuhr.

 

Indes knabberten zwei niedliche Streifenhörnchen ohne Unterlass an den winzigen Nüsschen, die der nasskalte Herbst ihnen dereinst beschert hatte. Krachend barsten die harten Schalen, während die Nagetiere das weiche Innere behände in ihre aufgeblähten Backen stopften. Die kleinen Würmlein, die dabei ihre Hinterpfoten umschmiegten, während sie durchs lockere Erdreich glitten, schienen die beiden pelzigen Kameraden nicht im Geringsten zu stören.

 

Doch zurück zu dem verquollenen Zwerg: dieser hatte nun begonnen, im Rhythmus des Quellwassers „Ich komm’ zu spät“ zu murmeln, und auf ein dumpfes Erdloch zuzuhasten. Hastig, hastig, so eilte er. Das kleine Mädchen aus dem Drachenblutwäldchen wollte ihm folgen, doch der Maigott warnte sie: es gibt kein Zurück aus diesem Erdloch für Menschen – nur Zwerge können es unbeschadet überstehen. Aha, dachte sich das Mädchen und widmete sich lieber seinem großen Zeh. Doch zurück zum Lüstling.

 

Die Vollweibversion  von Studentin wagte aus den Augenwinkeln heraus einen verstohlenen Blick auf den Zustand der “Godnessness” des sexgeilen Alten.
Allein dort, wo sie den Sitz des allein selig machenden Himmelspförtleins vermutete, wölbte sich zu ihrem Erstaunen -NICHTS!
Geübt glitt ihre samtweiche Hand zum vermeintlichen Paradiesgärtlein, doch oh Schreck, weder göttliche Mamba nebst Anhängsel war auch nur im Entferntesten tastbar und spürbar …
Was, wenn der er keinerlei himmlische Vergnügungen bot?
Bei seiner Prächtigkeit!
Er rauchte.
Das war`s!
Sie biss ihm ins linke Ohrläppchen, flüsterte leise Anzüglichstes in sein Öhrchen und staunte nicht schlecht, als sich das Öhrchen langsam verhärtete und schließlich lautlos zerplatzte.
Ein wohliges Gefühl durchpulste sie und ebbte erst Tage später langsam ab.

 

„Ecila!“, riefen die farblosen Erzeuger des kleinen Mädchens, „so komm doch! Das Zen-Picknick beginnt in drei Minuten fünfundvierzig Sekunden!“ Doch diese war nach eingehender Betrachtung ihres drachenblutpollenbestäubten Zehs zu dem Schluss gelangt, sie könne in Anbetracht ihrer liliputhaften Fußfingerlänge wohl gerade noch als Angehörige des munteren Stollenvölkchens durchgehen. Somit schien einem Erkundungsgang im Zwergentunnel nichts mehr im Wege zu stehen. Nichts ernstlich Erschreckendes jedenfalls im Vergleich zu dem Fadesse-induzierten Übertritt ins Reich der irdischen Untoten, der ihr im Beisein ihrer betongrauen Erziehungsberechtigten unweigerlich drohte.

 

Der würzigwarme Hauch pulsierender Goldadern wehte aus dem sepiafarbenen Schlund empor. Weit unten meinte sie das lichtblaue Klirren von Saphiren zu vernehmen. Vorsichtig setzte sie ihre zarten Füßchen auf das Wendeltreppchen, das sich pfeilgerade nach unten ins Innere des Bergbauches wand. Dort verschwand das Spiralgehäuse alsbald in der samtenen Nacht der Gesteinsschichten. Windung um Windung huschte Ecila hinunter. Grünlich grinsende Grottenolme erhellten ihr den einsamen Abstieg. Am Ende gelangte sie zu einer Tresortür aus verrostetem Gusseisen, die wider Erwarten lautlos aufschwang, als das Zwergenmädchen sanft dagegen drückte. Mit einem Mal wurde ihr klar, dass sie wusste, was hinter dieser Tür lag.

 

„Da liegt also der Hase im Pfeffer“, murmelte Ecila, während sie sich klopfenden Herzens durch die rostige Tresortür zwängte. „Ich hätte es von Anfang an wissen müssen. Die Zwerge sind in Wahrheit verkleidete Chinesen! Und dies hier ist nichts anderes als der verborgene, mythenumrankte Eingang zu … Chinatown!“

Und tatsächlich: Als sie auf der anderen Seite wieder aus dem Tresortunnel kletterte, fand sich Ecila auf einer geschäftigen Hauptstraße mitten im Chinese Quarter von San Francisco wieder. Aus dem Fehlen motorisierten Verkehrs, der vorsintflutlichen Straßenbeleuchtung und der unzeitgemäßen Gewandung der vorbeihuschenden Passanten schloss sie, dass sie zugleich auch einen Zeitsprung ins späte 19. Jahrhundert getan hatte.  

 

Von kindlicher Neugier und körpereigenen Halluzinogenen befeuert, ließ das Mädchen die pulsierende Hauptverkehrsader hinter sich und tauchte in das betörende Labyrinth der Seitenstraßen ein. Mit traumwandlerischer Sicherheit bewegte sie sich durch das spinnennetzartige Gewirr aus verwinkelten Gässchen und sinistren, schmutzstarrenden Schleichwegen. Schäbige Pagoden, dampfende Wäschereien, düstere Opiumhöhlen und grimmige Chinamänner auf verbotenen Missionen säumten ihren Weg. Zum Glück konnte Ecila die fremdartigen Schriftzeichen, die auf Straßenschildern und Geschäften prangten, problemlos lesen, so dass sie sich niemals verirrte.

 

Nach einer Weile steuerte das Mädchen auf einen kleinen chinesischen Gemischtwarenladen zu, dessen Eingang hinter einem schimmernden Perlenvorhang nahezu perfekt verborgen war. Die tausend Düfte des Fernen Ostens wehten Ecila aus dem von Petroleumlampen in flackerndes Halbdunkel getauchten Raum entgegen. Hinter der Theke hockte ein uralter, vollständig verwitterter Chinese. Sein weißer, verfilzter Bart war so lang, dass er ihn wie einen Turban um seinen Kopf und wie einen Wickelrock um seinen knochigen Leib gewunden hatte. Nur seine nackten Greisenfüße lugten unter dem dichten Bartkleid hervor. Der Mann verströmte eine Aura äonenalter Autorität. Ecila trat vorsichtig auf ihn zu.   

 

 „Meine untertänigste Verehrung, weiser Li“, sage sie in bestem Kantonesisch, „ich möchte gerne einen Lampion kaufen.“. Doch der alte Chinamann sprach leider nur Unterinntaler Mundart und konnte die höflichen Worte des kleinen Mädchens nicht verstehen.

Also zog Ecila einen Beutel mit kostbaren chinesischen Silbermünzen hervor und ließ sie wirkungsvoll auf die Theke prasseln. Dies wiederum schien den alten Mann sehr zu erzürnen, denn er brach er in wüste Beschimpfungen aus, wobei aus seinem unkontrollierten Redeschwall immer wieder das – Ecila völlig unbekannte – Wort „Saupreißn“ hervorstach.

Widerwillig führte er Ecila, die er augenscheinlich für eine normale Touristin hielt, zu einer Wühlkiste mit pseudochinesischem Ramsch. Er griff scheinbar wahllos hinein und drückte dem Mädchen einen abgelebten Glückskeks in die Hand.

 

Erwartungsfroh biss Ecila in das steinharte Hohlgebäck. Doch statt eines Zettelchens mit Glücksverheißungen sprang ihre eine große schwarze Spinne entgegen! Ehe man sich’s versah, sprang sie dem Mädchen in die hohle Hand und verbiss sich in seinen Pulsadern. Ecila versuchte, das Untier abzuschütteln, doch es war zwecklos.

Sie spürte, wie ihr rechter Arm immer schwerer und gefühlloser wurde, zugleich starrer und kälter. Das Blut gefror ihr in den Adern – in jeder Hinsicht: Mit atemlosem Entsetzen musste Ecila zusehen, wie sich ihr Arm langsam verfärbte und verformte. Kein Zweifel: Ihr wuchsen eisgraue Kristalle aus der Hand!

 

„Wie geschieht mir?“, rief sie der Spinne voller Verzweiflung zu, „was hast du nur mit mir gemacht?“ Auch ihre Stimme klang plötzlich kristallin und zerbrechlich.  

„Du brauchst keine Angst zu haben“, erläuterte die Spinne, während sie weiterhin ihr heimtückisches Serum in Ecilas Blutkreislauf injizierte, „ich bin gerade dabei, dich zu deiner mineralischen Grundstruktur zurückzuführen. Freu dich, du bist nun frei formbar!“

 

„Was … was soll aus mir werden?“, presste Ecila hervor. Sie konnte kaum noch sprechen.

„Nun“, sagte sie Spinne nicht ohne Stolz, „ich besitze eine seltene Fähigkeit: Ich kann Menschen in ihr eigenes Anagramm verwandeln.“ Ihre vielen Augen glänzten vor Verzückung. „Neulich hat mich zum Beispiel der bekannte Fernsehunterhalter OTTO aufgesucht. Nach dem siebten ‚7 Zwerge’-Film war er in ein tiefe Depressionen verfallen und wollte sich das Leben nehmen. Also habe ich ihn in TOTO verwandelt, den niedlichen Hund aus dem Zauberer von Oz. Jetzt kann er seinem großen Idol Judy Garland endlich ganz nahe sein – für immer! Oder die arme ANNA: Sie war immer ein blasses Mauerblümchen, verlacht und verachtet. Ich aber habe sie in NANA verwandelt, die Mondgöttin der Sumerer und strahlende Gebieterin über den weiblichen Eros. Und so kann ich auch dich, liebe ECILA, in das verwandeln, was du dir schon immer gewünscht hast.“

Liebevoll betrachtete die Spinne den unförmigen Kristallbrocken, der mittlerweile vor ihr lag und fuhr mit sanfter Spinnenstimme fort: „Bisher warst du ein kleines Mädchen aus einem todlangweiligen Elternhaus. Doch ich weiß, was du wirklich möchtest: Du willst aufregende Abenteuer bestehen, fremde, seltsame Welten sehen, du willst in Gegenden vorstoßen, die niemand vor dir betreten hat. Nun gut, ich werde dir diesen Herzenswunsch erfüllen. Ich verwandle dich in … LEICA, die erste Hündin im Weltall.“

 

„Oh nein!“, wollte Ecila ausrufen, doch sie hatte keine Stimme mehr. Sie wollte die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, doch sie hatte keine Hände mehr. Aber nachdenken konnte sie noch: Während ihre Körpermasse langsam zu mutieren begann, durchzuckte sie eine schreckliche Überlegung. Buchstabierte man „Laika“, das erste Lebewesen im Weltall, nicht L-A-I-K-A? Und war das, was man L-E-I-C-A schrieb, nicht etwas ganz, ganz anderes?

Auch die Spinne erkannte nun ihren fatalen Fehler – doch es war schon zu spät. Ecila befand sich bereits im Endstadium ihrer schmerzhaften Transformation – und verlor das Bewusstsein.

 

Als sie wieder erwachte, schwebte Leica mitten im Orbit. Tausende und abertausende Kilometer unter ihr lag der blaue Planet. Ein wahrhaft atemberaubender Anblick.

„Das muss ich mir näher ansehen“, bellte Leica aufgeregt. Praktischerweise trug sie statt normalen Hundeaugen starke Teleobjektive, die sie bei Bedarf nahezu beliebig weit ausfahren konnte. Mit ihren Augenbrauen konnte sie mühelos die Belichtungszeit einstellen, über die flauschigen Hundeohren ließ sich der Weißabgleich regeln. Und unter Leicas dichten Rückenfell befand sich eine große Klappe zum Einlegen des Films.

Euphorisch ließ Leica ihre Objektivaugen über die Erde gleiten. Nachdem sie sich eine Weile umgesehen hatte, beschloss sie, einen genaueren Blick auf ihre Heimatstadt zu werfen. Also zoomte sie sich immer näher heran, bis sie sogar die kleinsten Details erkennen konnte.

 

Auf den ersten Blick schien alles unverändert: der Park, der Weiher, der Flieder, der pralle Maigott und seine Gespielinnen; und Ecilas Eltern, die in nichts sagende Gespräche vertieft waren. Doch auf einmal war alles anders. Leica wollte ihren hoch auflösenden Kameraaugen nicht trauen, als sie es sah …

 

Das Herz schlug ihr bis zum Hals und sie war vorübergehend wie erstarrt. Hitze bemächtigte sich ihres quadratisch befellten Körper und sie begann leicht fiebrig zu schwanken. Vollkommen auf den kleinen Fleck konzentriert, der sich ihr in weiter Ferne darbot, fuhr sie zittrig ihren Zoom so weit aus, dass er jede noch so kleine Veränderung des Szenarios einfing.

 

Langsam dämmerte ihr, dass sie weder hallizunierte noch einen Objektivfehler hatte. Es gab keine andere Möglichkeit als das es sich um…. nein, das konnte nicht sein! Und doch konnte sie jede Möglichkeit, dass es sich um etwas anderes handelte als das, was sie hier nicht wahrhaben wollte, ausschließen. Als sie ihre letzten Hoffnungen zu Grabe trug, wurde ihr schwummrig zumute und sie fühlte einen leichten Würgereiz, bis es schließlich aus ihr herausbrach: „OH MEIN GOTT! Das ist…“ SWUUUUUUUUUSCH!!!!!!!! Leica verlor nicht nur augenblicklich ihren Orientierungssinn, sondern wurde auch von einem blitzenden Strahl erfasst und in tausend Stücke gerissen

Ihr war völlig entgangen, dass sich hinter ihr ein Raumschiff von monströser Größe aufgeblasen hatte, so sehr war sie auf die – in einem größeren Kontext – nichtigen Vorgänge auf dem Erdplaneten konzentriert gewesen.

Schon allein das war ein Verstoß gegen die kosmischen Regeln von Alpha-Hippelius III., von denen allein schon die ersten drei besagten, dass man immer einen seiner Köpfe nach hinten richten müsse, um nahende Gefahren wenn schon nicht abwehren, so zumindest mit Würde und offenen Augen hinnehmen zu können. (Zu dumm, dass diese Auflagen für Erdenbewohner sowie Telehunde und ähnliche transformierte Geschöpfe von unzureichender Gültigkeit waren. Sie besaßen ja, wenn überhaupt, meist nur einen Kopf. Außerdem erstreckte sich der Bekanntheitsgrad dieser Regeln auf Erden ohnehin nur auf einen äußerst bescheidenen Kreis von ein paar Nerds. Woher sollte also Leica diese kennen? Nun gut, tot ist tot, aber man soll ihr zumindest nicht unangemessenerweise anlasten, sie hätte ihr Dahinscheiden selbst verschuldet. Soviel dazu.)

Das Raumschiff, entstanden aus einem winzigen Mondstaubkorn, welches Leicas Linse verdreckte, hatte innerhalb von Nanosekunden Leicas Transformationsfähigkeit verinnerlicht und eine rasante Metamorphose hingelegt, die sogar die sagenhafte Entwicklung des legendären Pneumus-Centauri ziemlich alt aussehen ließ.

Zuvor in einem säkularisierten Mikrodennebel verborgen, erstrahlte das Schiff nun wie ein neuer Himmelskörper in hellstem Lichte. Schlagartig öffnete sich eine Luke und eine androgyne Computerstimme erhob sich über das Geschehen. Sie schnarrte: „Laser – Action – Power…“

 

Mit diesen Worten fiel der Vorhang und das durchaus dimmbare Kinosaallicht blendete in seiner stärksten Einstellung auf die Audienz herab. Ob das innovative Element des gerade bestaunten Filmes durch die jetzt zusammengekniffenen Augen der Preview-Seher richtig aufgenommen und verstanden wurde, sollten die anschließenden Minuten klären. Die Horde Cineasten machte sich hierzu murmelnd daran, die Feedbackfragebögen auszufüllen und nebenbei die letzten Popcornbrösel aus ihren Fünflitereimern zu filtern.

Langsam drängte ich mich durch die Leute und versuchte nicht überheblich zu wirken. Ich, der ich es ja wusste, welcher Clou mir mit diesem Film gelungen ist, wollte nicht die Möglichkeit einer hundertprozentigen Liebeserklärung meines Publikums durch allzu arrogantes Auftreten riskieren.

So zelebrierte ich mich zunächst lediglich innerlich, indem ich mir mögliche zukünftige Traumkritiken in den einschlägigen Kinozeitschriften vorstellte. Ja, ich habe es geschafft. Ich habe einen Kultfilm erschaffen, den man als gebildeter Mensch auch noch in zwanzig Jahren unbedingt gesehen haben muss. Herrlich farbige Bildkompositionen entlang eines überzeugenden Erzählstrangs, flankiert von Grammy-verdächtigem Sound und aufgepeppt durch rasante Schnitte. Jawohl!

Bis alle Bögen eingesammelt waren, konnte ich es dann doch nicht mehr abwarten. Während meines Streifzuges durch die mich bald feiernde Masse, musste ich einfach einigen Fans über die Schultern schauen. Wieso sollte ich auch keine vorgestreckten schmeichelnden Lobgesänge oder nette Gratulationen zum gelungenen Werk erhaschen. Was war schon falsch daran?

Mit einem Lächeln überspielte ich erste von mir identifizierte Wörter, welche ich in die Kategorie „Keine Ahnung von Filmkunst“ packte. Weitere laienhafte, mir unverständlich negative Ausdrücke tat ich noch ab, indem ich mir dachte, was es die Eiche interessiert, wenn sie von der Wildsau angepinkelt wird. Aber als dann so ein ignoranter Kerl eine schlechte Rollenbesetzung erkannt zu haben glaubte, wurde ich doch etwas mürrisch, da niemand geringerer als ich es war, der die Hauptrolle spielte. Ich äußerte meinen Missmut indem ich ihm seinen Kugelschreiber aus der Hand riss und mit einem höhnischen Lachen vor seinen Augen zerbrach. In meinem Eifer schnappte ich sogleich nach dem nächsten Zettel, auf welchem mir ebenfalls Ausführungen derart missfielen, dass sie mich zu einer wütend artikulierten Stellungnahme veranlassten. Das Geschriebene auf dem dritten Zettel war dann jedenfalls lediglich nur so viel wert, selbigen wütend in kleine Stücke zu zerreißen und das Konfetti über den Kopf der Verfasserin zu streuen. Befragungsbogen Nummer vier formte ich durch Eindrehen kurzerhand zu einem Anzündholz, welches ich sogleich in Flammen aufgehen lies. Hiermit joggte ich dann, einem olympischen Fackelläufer gleich, zu den restlichen eingesammelten Fragebögen und entzündetes auch diese. Das Papier loderte auf und während die Kinobesucher fluchtartig versuchten den Kinosaal zu verlassen, tanzte ich wild schreiend in bester Rumpelstilzchenmanier um das Feuerchen…

 

Heute trifft die Bezeichnung Filmemacher auf mich nicht mehr zu. Heute versuche ich mein Glück mit der Aufzucht von Koi-Karpfen. Bei der internationalen Fischmesse nächste Woche stelle ich meine Züchtungen der Jury vor. Ich bin mir absolut sicher, diesmal habe ich Erfolg!

Gunnar

doma

„Teufelswurz! Wo bleibt die verfluchte Teufelswurz?“, schnaubte Roderich erbost und kaute nervös auf seinen schwarz lackierten Fingernägeln herum. Sein Groll war wahrhaftig – und durchaus verständlich: Für ein anständiges heidnisches Experiment waren ein oder zwei Löffelchen getrockneter Teufelswurz nun einmal unabdingbar. Sonst konnte man sich gleich brausen gehen. Die Teufelswurz war schließlich der unangefochtene Superstar unter den unheiligen Heilkräutern, so etwas wie der Michael Jordan des Okkultismus. Nicht ohne Grund war sie dem abergläubischen Volksmund unter einer Vielzahl geheimnisvoller Namen bekannt: Isenkraut, Wundkraut, Stahlkraut, Eisenhart, Mönchskappe, blauer Sturmhut, Richardskraut, Taubenkraut, Katzenblutkraut, Sagenkraut, Wunschkraut, Traumkraut, Druidenkraut, Venusader, Träne der Isis …

„Wo steckt dieses vermaledeite Kraut?“, wiederholte Roderich lauter und begann, ungeduldig an seinem langen, nachtschwarzen, mit allerlei verhängnisvollen Runen bestickten Umhang herumzuzupfen.
Der promovierte Hexenmeister – im Zivilberuf Sänger der gefürchteten Mittelalter-Metal-Band „Pechnase“ – hatte sich mit einem Dutzend nicht weniger düsterer Spießgesellen am Rande eines gigantischen Zubers versammelt. Der Zuber, übrigens eine Leihgabe der befreundeten Druiden-Metal-Band „Hahnenfuß“, wurde von unten her mit einem kleinen Holzofen beheizt und füllte den kleinen, schmutzigen Raum im Backstage-Bereich des Openair-Festivals in Wacken fast vollständig aus.

Im Zuber brodelte eine brackig-braune Brühe, die so genannte „Ursuppe“. Sie war das wenig erquickliche Ergebnis allerlei übler Ingredienzien, die im Laufe eines ausgedehnten schwarzmagischen Rituals im Zuber gelandet waren – darunter zwei tote Schleiereulen, ein Kahler Krempling, drei Unzen ranzigen bayerischen Bärenfetts, sechs Tollkirschen, dreizehn Knollenblätterpilze, siebenzig Gramm reinstes Opium und einige Krügerl mit Körpersäften jedweder Herkunft.

Die leichenblass geschminkte Magierin Uriella – einschlägig bekannt als Frontfrau der Gruftmetal-Band „Uriella und der Unkenpfuhl“ – rührte das satanische Süppchen mit einem riesigen Kochlöffel aus Elfenbein geduldig um und schmeckte es dann und wann mit aromatischen Kräutern und einigen garantiert unchristlichen Gebeten ab.

Endlich kam, atemlos keuchend, ein finsterer Gehilfe herbeigelaufen, der auf hier nicht näher zu beschreibenden, jedenfalls aber äußerst abseitigen Wegen an ein Beutelchen feinster Teufelswurz gelangt war. „Der Hölle sei’s gedankt!“, rief Roderich zufrieden aus. „Nun können wir unser gottloses Werk vollenden“. Unter einer Litanei von lästerlichen Flüchen zerbröselte er das Unheilkraut zwischen seinen knochig-bleichen Fingern und ließ es, einem winzigen Sandsturm gleich, ins Innere des gigantischen Zubers entschweben.

Noch im selben Augenblick begann der ganze Zuber – oder, wie man in der Schwarzen Szene gerne sagt, der „Bottich“ – unheilvoll zu beben. In der diabolischen Ursuppe rumorte es auf einmal heftig, fette weiße Blasen und übel riechende Dämpfe steigen aus ihren Untiefen empor. „Es ist vollbracht!“, stieß Roderich beschwörend hervor. „Diese infernalische Kraftbrühe wird uns zu uneingeschränkten Herrschern über Zeit und Raum erheben! Unsere Bosheit wird von nun an an keine irdischen Grenzen mehr gebunden sein. Wir werden uns ruchlos und ohne jede Scham über alle natürlichen Gesetze stellen und sie so lange verdrehen und verfälschen, bis die ganze verdammte Welt auf dem Kopf steht! Also, wer möchte anfangen?“

Tiefes Schweigen senkte sich abrupt über den dusteren Raum. Einige der versammelten Neo-Heiden blickten betreten zu Boden. Andere verwandten plötzlich ihre gesamte Konzentration darauf, Löcher in die Luft zu starren. Auch Däumchendrehen, Kratzen, Nasenbohren und andere nervöse Zwangshandlungen erfreuten sich plötzlich größter Beliebtheit. Alle Anwesenden schienen im Ziel vereint, dem bohrenden Blick des Hexenmeisters zu entgehen.

„Was ist auf einmal in euch gefahren, ihr Hasenfüße?“, fragte Roderich fassungslos und fuhr sich aufgebracht durchs lange wirre Haar. „Was seid ihr bloß für jämmerliche Waschlappen?! Bringt denn wirklich niemand von euch den Mumm auf, sich als Versuchska—, ich meine natürlich als … freiwilliger Proband in den Dienst der bösen Sache zu stellen?“
– „Na ja … die ganze Chose könnte doch recht gefahrvoll werden“, murmelte endlich einer der Schwarzen Jünger kleinlaut. „Richtig“, pflichtete ihm ein zweiter Zauberlehrling verlegen bei, „mit Zeit und Raum und all solchen Sachen sollte man kein Schindluder treiben. Nicht auszudenken, was da alles schief gehen könnte …“
– „Ja, was hattet ihr denn erwartet?“, zischte der Hexenmeister ungläubig. „Schwarze Magie ist nun mal keine Kinderjause!“ Zornig fixierte er die lichtscheue Truppe, die da mit gesenkten Köpfen vor ihm stand.

Sein Blick blieb an der dezent schamanenartigen Gestalt von Uriella hängen, die mit ihrer schweren Knochenkette unruhig vor sich klimperte. „Warum meldest du dich eigentlich nicht?“
– „Ich?“ Uriellas ohnehin recht bedenkliche Gesichtsfarbe wurde augenblicklich so ungesund, dass neben ihr selbst die stolzesten Wasserleichen neidvoll erblasst wären. „Du beliebst wohl zu scherzen. Haha.“ Sie lachte humorlos. „Was für ein ausgefallener Gedanke …“
– „Aber ganz und gar nicht“, entgegnete der Hexenmeister jovial, „du bringst doch alle erforderlichen Charakterschwächen mit. Außerdem sind innerhalb des organisierten Okkultismus leider noch immer viel zu wenige Führungspositionen mit Frauen besetzt. Das hier ist deine große Chance, dich sowohl beruflich als auch menschlich weiterzuentwickeln!“
– „Na das ist wieder mal typisch für euch magische Machos“, fauchte Uriella verächtlich. Ihre dunklen Augen blitzten zornig aus dem fahlen Antlitz hervor. „Kaum wird es den Herren Teufelsanbetern zu brenzlig, wollt ihr auf einmal uns Zauberinnen vorausschicken. Ihr, ihr … luziferischen Leichtmatrosen, ihr! Übrigens …“, sagte sie dann in verändertem Tonfall und musterte Roderich durchdringend, „… warum kostest du die Suppe denn nicht einfach selbst?“

„Ja, genau!“ Aus den Reihen der Zauberlehrlinge kamen spontaner Szenenapplaus und zustimmendes Gejohle: „Lasst doch den Wunderwuzzi ran!“, „Teufelswerk ist Chefsache!“, „O-ber-motz!, O-ber-motz!“, „Gib’ Gummi, Druide!“, „Wir woll’n den Magier sehen, wir woll’n den Magier seh’n, wir woll’n den Magier saufen seh’n!“

Der Hexenmeister fühlte sich zusehends ins Eck getrieben. Dieser Gruppenzwang war ja nachgerade höllisch … Hektisch begann er seinen Rauschebart zu zwirbeln – er brauchte eine gute Idee und zwar rasch.

„Ich … ich würde ja gerne mit schlechtem Beispiel voran gehen“, stotterte er nach einer Weile mit gequältem Lächeln, „aber als, äh, nachtaktiver Feminist der ersten Stunde bin ich der Überzeugung, dass bei gleichen Qualifikationen die Frau den Vortritt haben sollte.“ Uriella strafte ihn mit einem Blick, aus dem Todesverachtung und Tötungsbereitschaft gleichermaßen sprachen. „Au … außerdem“, fuhr Roderich dennoch mit zitternder Stimme fort, „muss ja irgendwer das ganze Experiment … überwachen. Und mit meinen reichhaltigen Berufserfahrungen als Schwarzkünstler, Nigromant, Eskamoteur und Zeremonienmeister bin ich sicherlich …“ Der Hexenmeister verstummte. Das missbilligende Schweigen der Versammlung schien ihm so ohrenbetäubend, dass er kaum dagegen anzureden vermochte. Er konnte förmlich spüren, wie ihm die Kontrolle über die Schwarze Schar langsam aus den ringbewehrten Händen glitt. Verzweifelt suchte er nach einem Ausweg, nach einem rettenden Zauberwort, auf das ein Hexer in Krisensituationen wie diesen zurückgreifen konnte. Und plötzlich fiel ihm wirklich eines ein: Führungsqualität!

Der Hexenmeister besann sich blitzartig des zweisemestrigen „Aufbaulehrgangs für Geheimbünde, Druidenzirkel und andere Non-Profit-Organisationen“, den er an der Donauuniversität in Krems absolviert und des wichtigsten Lehrsatzes, den er dabei gelernt hatte: „Wenn man dich in die Enge treibt, so wende dich immer gegen einen abwesenden Dritten – am besten gegen jemanden, der sich nicht wehren kann.“

Also sprach der Hexenmeister: „Bringt mir Gunnar!“

– „Gunnar?“, fragten die Zauberlehrlinge verständnislos. „Was den für’n Gunnar?“
– „Na Gunnar, den Roadie natürlich!“, rief Roderich triumphierend und fühlte, wie er seine mephistophelische Autorität augenblicklich wiedergewann. „Wofür haben wir ihn denn?“
Der Vorschlag stieß bei den Schwarzen Jüngern sofort auf einhellige Zustimmung. Unter furchterregenden „Gun-nar! Gun-nar!“-Schlachtgesängen machten sie sich davon, nur um bald darauf triumphierend in die Zauberküche zurückzukehren – zusammen mit Gunnar, dem Roadie.
„Hallöchen“, sagte Gunnar.

Gunnar, der Roadie, war auf den ersten Blick eine durchaus Furcht einflößende Erscheinung: ein beleibter, bierfassbreiter Bursche mit schulterlangem, verfilztem Haar, einem mächtigen Vollbart und einer Brustbehaarung von geradezu Ehrfurcht gebietender Dichte, übertroffen nur noch von den sittenwidrigen Tätowierungen, die sich, einem grimmigen Ausschlag gleich, über seinen kraftstrotzenden Leib zogen. Letzteren hatte Gunnar an diesem schicksalsschweren Tag – so wie an jedem anderen Tag und vermutlich auch nachts – in ein zweifelhaftes Ensemble aus Lederhose und Jeansgilet gewuchtet, mit knalligen Aufnähern von längst verblichenen Hardrockbands am Rücken.

Mochte Gunnar rein äußerlich also einem vergeblich domestizierten Höhlenbären gleichen und auch über entsprechende Kräfte verfügen, so war er vom Charakter her eher das Gegenteil – ein harmloser, friedvoller und gutmütiger Geselle von überaus mildem Wesen und geradezu engelsgleicher Geduld.

Das ehrbare wie traditionsreiche Handwerk des Roadies übte Gunnar bereits in vierter Generation aus. Sein Urgroßvater Giselbrand hatte mit einigem Stolz den Titel eines „K. u. k. Ober-Hauptbühnenoperateurs“ getragen und seinerzeit auf Wunsch des greisen, bereits fast ertaubten Kaisers Franz Joseph die erste Verstärkeranlage im Redoutensaal der Wiener Hofburg installiert. Sein Großvater Gaudenz wiederum war Bühnentechniker einer freisinnigen Swing- und Dixielandband im Berlin der 20er und frühen 30er Jahre gewesen: Nach der Machtergreifung der Nazis hatte er sein Gewerbe jedoch aufgeben müssen, da er sich als überzeugter Antifaschist unter den stramm rechten NS-„Aufbauhelfern“ zunehmend isoliert und bedroht fühlte. Gunnars Vater Golo hatte als Roadie einige reichlich obskure Psychedelic- und Garagen-Rock-Combos auf ihren Trips – aber auch auf ihren Konzertreisen – begleitet. Später hatte er dann in Bielefeld die erste Roadie-Schule ganz Europas ins Leben gerufen. Gunnars Mutter Gloria schließlich war die erste überregional bekannte Roadie in diesem von kabelschwingenden Machos dominierten Gewerbe und verdiente sich ihre Sporen bei vorbestraften Girlgroups und verfassungswidrigen Punkformationen.

So waren die Geheimnisse des Roadie-Handwerks über die Generationen hinweg weitervererbt worden, bis hin zu Gunnar, der die stolze Familientradition mit Freude weitergeführt hatte – und sie gerne noch ein wenig weitergeführt hätte …

„Grüß dich, Gunnar“, sagte der Hexenmeister lächelnd und schlang seinen spindeldürren Arm jovial um den Stiernacken des Roadies. Mit der anderen Hand deutete er auf den munter vor sich hin blubbernden Zuber, aus dem sich schwere schwefelige Schwaden in die Lüfte erhoben. „Wir zelebrieren gerade ein riskantes heidnisches Experiment mit unbekanntem Ausgang.“ – „Okay“, sagte Gunnar. – „Wir möchten Raum und Zeit krümmen und uns auf diese Weise die ganze Erde Untertan machen.“ – „Ach so“, sagte Gunnar und kratzte sich am Hintern. – „Und dazu benötigen wird dich als unabhängige Testperson.“ – „Von mir aus“, meinte Gunnar achselzuckend. „Wo soll ich anfangen?“

Gunnar fühlte sich völlig entspannt. So leicht konnte ihn nichts mehr aus der Ruhe bringen. Er war schließlich Roadie! Er hatte viel gesehen – mehr als eines einfachen Mannes Augen eigentlich erblicken sollten. Er hatte vieles erlebt – mehr als die Seele eines Mannes für gewöhnlich ertragen kann. Und er hatte noch viel mehr am eigenen Leib mitgemacht – mehr als man einem einzigen menschlichen Körper vernünftigerweise zumuten sollte, selbst einem so wuchtigen wie dem seinen: Ausrastende Rockstars hatten ihn verprügelt und mit Bier übergossen; übermütige Fans hatten ihn mit Bier übergossen und verprügelt; von der Bühne fliegende Instrumente hatten ihn ebenso erwischt wie auf die Bühne fliegende Becher, Gläser, Flaschen, Schlüssel, Telefone und Waschbecken; tonnenschwere Trucks und bullige Bandbusse hatten ihn überrollt; einstürzende Bühnen und Partyzelte hatten ihn erschlagen; ungebändigte Verstärkerkabel hatten ihn umschlungen und beinahe erdrosselt; unzählige Stromschläge hatten ihn gebeutelt; bei der berühmt-berüchtigten Open-Air-Sause „Wagner versus Wahnsinnsmetal“ hatte ihn einmal sogar der Blitz gestreift (daher auch sein Spitzname „Der Blitzableiter von Bayreuth“); mehrere Male wäre er fast im Schlamm ertrunken, noch öfter im eigenen Erbrochenen; auch obskure Experimente mit exotischen Suchtmitteln waren ihm keineswegs fremd. Kurz: Er war einiges gewöhnt.

Daher zuckte Gunnar nicht einmal mit der geröteten Wimper, als ihn Roderich nun lapidar dazu aufforderte, doch bitte in den Bottich zu klettern. – „Nackt oder bekleidet?“, fragte er nur. – „Lass deine Kluft lieber an“, meinte der Hexenmeister vorsichtig, „die Suppe ist gut gewürzt.“
Ohne lang zu fackeln, schwang sich Gunnar in den Zuber und ließ sich, einer überdimensionalen Knackwurst gleich, in die warme, dampfende, stinkende Brühe gleiten, so als hätte er sein Lebtag lang nichts anderes getan. Tatsächlich hatte er einmal die populäre Kannibalen-Metal-Combo „Frischfleisch“ auf einer ihrer legendären Tourneen begleitet und dabei im Rahmen der Bühnenshow einen zentralen Part in einem Kupferkessel bekleidet (wenn auch unbekleidet). Von diesen praktischen Erfahrungen profitierte er nun.

„Gratuliere Gunnar, du bist wirklich ein hart gesottener Bursche“, scherzte Roderich und zwinkerte dem in der Ursuppe köchelnden Roadie noch einmal aufmunternd zu. Dann fassten sich der Hexenmeister, Uriella und die Schwarzen Jünger an den Händen und begannen mit geschlossenen Augen in einer Art von dämonischem Reigen um den Zuber herumzutanzen. Gleichzeitig stimmten sie einen fremdartigen, hypnotisch-polyphonen Singsang von unbeschreiblicher Düsternis an. Gunnar, der das eigentümliche Prozedere aus der Zuber-Perspektive heraus verfolgte, konnte spüren, wie ihn der unheimliche, zugleich betörende Rhythmus von Bewegung und Musik sanft erfasste und ihn langsam in einen tranceartigen Dämmerzustand hinüber gleiten ließ. Die betäubenden Dämpfe aus dem Zuber taten ein Übriges: Als die dreizehn Anti-Apostel zum krönenden Abschluss ihres Rituals das Vaterunser verkehrt herum aufsagten, war Gunnar bereits auf einer höheren Wahrnehmungs- und Erkenntnisebene angelangt.

Wie von sehr, sehr weit weg hörte er die Stimme des Hexenmeisters, der nun an den Rand des Zubers trat und ihm mit zeremonieller Geste eine goldene Schöpfkelle in die Hand drückte. „Das Elixier muss deinen Körper nun von innen und von außen gleichzeitig durchdringen“, erläuterte Roderich mit feierlichem Ernst. „Hör mir also gut zu und folge genauestens meinen Anweisungen: Als erstes wirst du nun einen kleinen Schluck von der Ursuppe trinken – sie aber im Mund behalten. Dann wirst du in den Bottich hinabtauchen, bis du vollständig unter Wasser bist. Erst dort wirst du hinunterschlucken – und danach sofort wieder auftauchen. Hast du verstanden? Du darfst nur unter Wasser schlucken! Keinen Augenblick früher oder später, unter gar keinen Umständen! Sonst kann das größte Unheil passieren. Also, bist du bereit?“

Gunnar hatte das Gesagte aufgrund des lauten Blubberns im Bottich, seiner berufsbedingten Schwerhörigkeit und seines leicht entrückten Geisteszustandes nur bruchstückhaft verstanden – aber als echter Roadie kannte er kein Nein. Also nickte er.

Und schon tauchte er die lange, elegant geschwungene Kelle in den unergründlichen Sud, in dem er selbst schwamm, und führte sie furchtlos an den Mund. Die Ursuppe schmeckte noch erbärmlicher, als es Konsistenz und Geruch nahe legten, aber selbst das focht Gunnar nicht an. Als Roadie war er mit Kräuterschnaps, Magenbitter und allerlei billigem Fusel groß geworden – er verfügte also über einen echten Saumagen. Natürlich tat er auch weiterhin, wie ihm geheißen, und tauchte nun selbst in die undurchsichtige Brühe hinab.

Unter Wasser bot sich ein unerwartet beschauliches Bild: Im gedämpften Licht, das von oben her durch die Wasseroberfläche drang, schimmerte die Ursuppe in einem milden, trüben Grün. Die weißen Bläschen stiegen empor wie Perlen an einer Kette. Ihr Gurgeln klang hier unten so beruhigend und vertraut wie das sanfte Murmeln eines Bächleins. Die ganze Stimmung und Szenerie war so friedlich und einlullend, dass sich Gunnar gedankenlos bis auf den Boden des Zubers hinabsinken ließ – wo er augenblicklich einschlief. Er wachte erst wieder auf, weil er keine Luft mehr bekam. In plötzlicher Panik ruderte und strampelte er wie wild, stieß sich nach oben ab und durchbrach mit letzter Kraft den erlösenden Wasserspiegel. Erst als er droben nach Luft schnappen wollte, bemerkte er, dass er unter Wasser etwas Wichtiges vergessen hatte – nämlich die Ursuppe zu schlucken.

Auch der Hexenmeister hatte es sofort bemerkt: „Unglückseliger“, rief er schrill und bis ins Mark erbleicht, „spei’ sie sofort wieder aus!“ Er schrie so laut, dass der Roadie trotz seiner umnebelten Sinne zusammenzuckte – und vor Schreck die Suppe verschluckte.
„In drei Teufels Namen“, brüllte da der Hexenmeister, außer sich vor Furcht und Zorn, „jetzt hast du es sogar noch schlimmer gemacht! Hast du auch nur die leiseste Ahnung davon, was nun mit dir geschehen wird?“ – „Nö“, sagte Gunnar wahrheitsgemäß. „Schätze, ich werd’ mich einfach überraschen lassen.“
– „Schweig, du Narr!“, stieß Roderich unter wildem Gestikulieren hervor. „Verstehst du denn noch immer nicht? Du bist verloren! Statt das Elixier für dich zu nützen, wird das Elixier nun dich benützen! Statt seine Kräfte zu kontrollieren, kontrolliert es die deinen! Du bist nichts anderes mehr als ein wehrloser Spielball von Zeit und Raum!“
– „Auweia“, sagte Gunnar betreten.
– „All das ist selbstverständlich auch mit unerträglichen körperlichen Schmerzen verbunden“, ergänzte der Hexenmeister mit düsterer Miene. „Kannst du sie schon spüren?“
– „Nicht wirklich“, sagte Gunnar leichthin.

Und tatsächlich – bis auf seine Benommenheit fühlte sich der Roadie blendend. „Mir dreht sich bloß alles“, dachte er gleich darauf verwundert, „seltsam, mir ist nämlich überhaupt nicht schwindlig.“ Es dauerte eine Weile, bis Gunnar herausfand, woran das lag: Ihm drehte sich alles –weil er selbst sich drehte!

Wie ein menschlicher Kreisel drehte sich Gunnar um die eigene Achse, immer schneller und schneller – das Wasser spritzte nur so aus dem Zuber hervor. Und in immer kürzeren Abständen sausten die Bilder am kreisenden Roadie vorbei: Roderichs zum Schrei verzerrtes Gesicht, Uriellas vor Schrecken geweitete Augen, die ungläubig staunenden Mienen der Jünger, die hölzernen Planken des Zauberzubers, der Kochlöffel, der Suppenschöpfer, …

Plötzlich begann sich auch die Ursuppe selbst zu drehen – allerdings in die entgegengesetzte Richtung, so dass Gunnars eigene Kreisbewegung wieder zum Stillstand kam. Ein riesiger Strudel formte sich nun rund um den Roadie und begann ihn mit unwiderstehlicher Gewalt in die Tiefe zu reißen. Gunnar versuchte gar nicht erst, der titanischen Sogwirkung standzuhalten – als Roadie wusste er, dass man manche Dinge einfach nicht ändern kann. In Jesus-Christus-Pose stand er da und ließ sich wortlos in den schlürfenden Schlund hinabziehen. Die aufgepeitschten Wassermassen schwappten mitleidlos über ihm zusammen.

Als Gunnar die Augen aufschlug, war er im Himmel – also auf einem Metalfestival.

Alles kam ihm bekannt vor: der höllische Lärm, der Schweiß, die strengen Ausdünstungen einer Menschenmasse, die lange Tage fernab von fließendem Wasser und anderen zivilisatorischen Errungenschaften verbracht hatte; hemmungsloses Gegröle und unverständliche Urlaute; primitive Behausungen, die jeder Bequemlichkeit spotteten; Männer mit langen, verfilzten Bärten und ungepflegtem Haar, mit wild wuchernder Körperbehaarung und archaischer Kriegsbemalung, bekleidet mit Fell und Leder, manche mit aufgerissenen Tiergebissen als Helm, andere mit Totenköpfen und heidnischen Symbolen um den Hals; Frauen mit Kreide-bleichen Gesichtern, mit ekstatisch entblößten Brüsten und kunstvoll eingeflochtenen Knöchelchen im Haar; Menschen, die ihre Notdurft verrichten, wo immer es ihnen gerade beliebte, nicht selten im Kollektiv ….
Ein typisches Metalfestival eben.

Für Gunnar war all das wirklich nichts Neues. So einen Schlagzeuger, der auf hohlen Schädeln einen hypnotischen Rhythmus trommelte, hatte er beispielsweise schon in den frühen 90ern gesehen, bei der in Fachkreisen unvergessenen Paläo-Metal-Band „Hansi und die Höhlenbären“. Menschen, die um ein Feuer herumtanzten, war Gunnar ebenfalls gewohnt – als Spezialist fand er die hier gezeigten Pyroeffekte sogar ziemlich lahm; und auch animalischen Sex, wie er in seiner Umgebung gerade rudelweise praktiziert wurde, hatte er im Backstage-Bereich oft genug miterlebt; von wüsten Schlägereien und dem exzessiven Konsum geheimnisvoller Kräuter ganz zu schweigen.
Nein, nichts deutete darauf hin, dass Gunnar mitten in einem Neandertaler-Clan gelandet war.

Der Rest der Story ist schnell erzählt: Irgendwann merkt Gunnar natürlich doch, dass er in der Urzeit gelandet ist – und nimmt diese Tatsache weitgehend emotionslos zur Kenntnis. Er ist schließlich Roadie. Und als solcher beherzigt er klarerweise auch die alte Roadie-Weisheit, wonach man immer das Beste aus einer Situation machen soll – gerade mit begrenzten Mitteln. Also führt Gunnar den Neandertalern seinen wilden Tätowierungen vor, seine teuren Lederstiefel und seine bärige Brustbehaarung. Er zeigt ihnen sein Zippo-Feuerzeug und seinen Siegelring mit dem fein gearbeiteten Totenschädel-Motiv. Er beeindruckt die Frauen, indem er mit Pfefferspray ein Mammut und sogar einen Säbelzahntiger zur Strecke bringt. Mit dem Dosenbier, das er glücklicherweise immer in seinem Jeansgilet mit sich führt, verhilft er dem ganzen Stamm zum ersten und einzigen alkoholischen Rausch. In kurzer Zeit schwingt er sich zum Medizinmann, politischen Führer und spirituellen Oberhaupt der Neandertaler auf.

Am Ende verwirklicht Gunnar seinen großen Traum – den Traum eines jeden Roadies: Er gründet seine eigene Band und bringt sie groß heraus. Mit seiner Kapelle – die als erste Metalband aller Zeiten in die Ur- und Frühgeschichte eingeht – absolviert er eine umjubelte Welttournee in allen damals bekannten und bewohnten Teilen unseres Planeten. Die Kritiker feiern ihn als unumstrittenen „König des Jäger- und Sammler-Metal“. Er erlebt wüste sexuelle Abenteuer, raucht viel gutes und manchmal auch weniger gutes Kraut, wendet sich irgendwann von seinem ausschweifenden polygamen Lebenswandel ab und zieht mit der Frau seines Lebens aufs Land (wohin auch sonst), um mit ihr eine Reihe dicht behaarter Nachkommen zu zeugen. Der Rest ist Geschichte.

Rudi, benimm dich! Oder: Keine Rückkehr des Tanzlehrers

doma

Ja, ich gestehe: Ich habe schon länger mit dem Gedanken gespielt, einen Tanzlehrer zu töten. Dass es gestern endlich dazu gekommen ist, hat keine besondere Bedeutung. Irgendwann wäre es ohnehin geschehen. Manche Dinge passieren einfach, früher oder später.

Dass es ausgerechnet den armen Thomas Schäfer-Elmayer erwischt hat, tut ebenfalls nicht viel zur Sache. Genau so gut hätte es jeden anderen von ihnen treffen können. Nun gut, ich gebe zu, er hatte einen Prominentenbonus. Hätte ich nur irgendeinen öligen Walzerheini aus Oberniedersimpelhofen unter die Erde gebracht, würde mir im Moment sicher nicht so viel mediale Aufmerksamkeit zuteil. Aber prinzipiell hatte der nette Herr Elmayer einfach Pech. Am gesamten Berufsstand der Tanz- und Benimmlehrer musste ein Exempel statuiert werden. Und er war das Exempel.

Auf die Öffentlichkeit mag meine Tat wie der heimtückische Mordanschlag eines Geisteskranken wirken. Aber glauben Sie mir: Ich bin im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte und so zurechnungsfähig, wie einer nur sein kann. Und ich hatte meine Gründe. Das kriminalpsychologische Gutachten wird Ihnen das eindrucksvoll bestätigen.

Wenn die Seelenklempner etwas von ihrem Job verstehen, werden sie aber auch herausfinden, dass ich innerlich beschädigt bin. Tief beschädigt. Und wie bei den meisten inneren Schäden liegt auch bei meinem die Wurzel in der Kindheit.

Als Bub war ich ein Lauser und Raufbold, wie er im Buche steht. Meinen ersten Spitznamen hatte ich von Tante Berta aus der Kinderkrippe: „Rotzpippn“. Und dabei war ich damals noch gar nicht in den Flegeljahren. Kurz gesagt: Ich war ein schwieriges Kind.
Und meine Eltern waren vollkommen überfordert. Sie hatten immer von einem stromlinienförmigen Mustersohn geträumt, einem, den man überall hin mitnehmen und bei jeder Gelegenheit aus der Tasche ziehen und vorführen kann. Einem, bei dem selbst wildfremde Passanten den unwiderstehlichen Drang verspüren, ihm den Kopf zu tätscheln oder ihn in sein pausbäckiges Gesichtlein zu kneifen. Meine Eltern wollten nicht mehr und nicht weniger als das, was halt normalerweise herauskommt, wenn man einen eitlen, karrierebewussten Kommunikationsberater mit einer ebenso oberflächlichen, geltungssüchtigen Innenraumgestalterin kreuzt: eine Mensch gewordene Cocktailparty aus dem Instant-Beutel, einen kleinen Aufsteiger, einen geborenen Siegertypen.
Leider habe ich ihren ausgeklügelten Zuchtplan völlig über den Haufen geworfen – und wurde stattdessen ein eigensinniges kleines Ungeheuer.

Sicher keine leichte Situation für zwei rückgratlose Cabriofahrer wie meine Eltern, die sich eigentlich nur einen kleinen, unkomplizierten Sonnenschein zulegen wollten, weil er so gut zum neuen Sofa gepasst und den hässlichen Leerraum zwischen Glastischen und Minibar einigermaßen effizient ausgefüllt hätte. Ich kann mir gut vorstellen, wie den beiden zumute war, als sie erkannten, was für einen widerborstigen Zwerg sie sich da ins Haus geholt hatten. Ein herzeigbarer Sohn ist so etwas wie eine rare Vinyl-Platte, die man sich an die Wand hängt, um Gäste zu beeindrucken. Eigentlich unschlagbar. Dumm ist nur, wenn die Platte ein paar hässliche Kratzer hat.

Wie gesagt, ich kann mich durchaus in die Lage meiner Eltern hineinversetzen. Sie müssen schwer gelitten haben, als sich das kalorienarme Lifestyle-Menü, das sie bestellt hatten, plötzlich als schwer verdaulicher Brocken entpuppte.
Aber gab ihnen diese Enttäuschung das Recht, mir meine Freiheit aus den Händen zu nehmen, meinen unruhigen Geist gewaltsam zu domestizieren und mich völlig umzuprogrammieren? Denn genau das war ihre Reaktion, der Plan B, den sie sich für mein Leben zurechtgelegt hatten. Und das Werkzeug dazu waren die Tanzlehrer.

Natürlich nicht sie allein. Ich hatte es neben den hauptberuflichen Hupfdohlen auch mit ganzen Heerscharen von Benimmlehrern, Privaterziehern und Society-Profis zu tun. Aber diese Knigge-Knechte waren letztlich alle vom selben Schlag: Schmierig wie die ranzige Pomade, die ihnen vom Scheitel tropfte, aufpoliert und gelackt wie ihre eleganten Halbschuhe und so glatt wie das gesellschaftliche Parkett, auf dem sie sich so gekonnt zu bewegen wussten.
Jede freie Minute verbrachte ich von nun an in der scheinbar so sanften und höflichen, aber gerade dadurch umso erbarmungsloseren Gewalt dieser wohlerzogenen Folterknechte. Und sie setzten vom ersten Augenblick meiner Zwangsausbildung bis zum letzten alles daran, mir meine Spitzbübereien vollständig auszutreiben, mir meine Flausen mit Putz und Stängel aus dem Kopf zu reißen, mich Schritt für Schritt gleichzuschalten und meinen zähen Willen zu brechen. Die Tanzfläche, ein Bootcamp.

Sie brachten mir bei, wie man richtig lebt, wie man richtig tanzt, wie man sich richtig kleidet, wie man richtig isst, wie man richtig spricht, wie man richtig sitzt, wie man richtig steht, wie man richtig geht, wie man richtig atmet, wie man das Kunststück vollbringt, jemandem Honig ums Maul zu schmieren, während man gleichzeitig an der gegenüberliegenden Körperöffnung um Einlass bittet – und wie man sich unauffällig übergibt, wenn einem das alles zu viel wird.

Und was das Schlimmste ist: Sie hätten es fast geschafft. Manchmal ertappte ich mich schon dabei, wie ich in ihren Kategorien zu denken begann. Viel hätte wohl nicht mehr gefehlt und ich hätte plötzlich selbst daran geglaubt, dass der ganze soziale Drill, die ganzen willkürlichen Benimmregeln und gesellschaftlichen Codes irgendeine tiefere Bedeutung hätten, irgendwie sogar richtig und wichtig seien. Ich war kurz davor, die unfassbare Oberflächlichkeit, abgrundtiefe Lächerlichkeit und bodenlose Bedeutungslosigkeit dieser ganzen anerzogenen Verhaltensmuster und so genannten „feinen Manieren“ nicht mehr zu hinterfragen. Ich fing beinahe an, in der ganzen Sache einen Sinn zu sehen – und was noch viel schlimmer ist – Spaß daran zu haben. Fast hätten die Gehirnwäsche und Bussi-Bussi-Propaganda meiner Erzieher bei mir verfangen, fast hätte ich ihre rosarote Brille gegen mein wirkliches Leben eingetauscht. Aber nur fast.

Irgendwo tief in mir gab es noch eine klitzekleine Stelle, die vom jahrelangen Prosecco-Missbrauch, Smalltalk-Terror und hohlem Society-Gesülze keine bleibenden Schäden davongetragen hatte, ein kleines gallisches Dorf, das unerbittlichen Widerstand gegen die so genannte „Zivilisation“ leistete, eine winzige Zelle im Gehirn, die noch nicht vollständig mit heißer Luft gefüllt war. Dafür hatte sie sich leider nach und nach mit etwas anderem aufgeladen: Mit unerbittlichem Hass.

Von der ersten Keimzelle aus breitete sich der Hass langsam, aber unaufhaltsam in mir aus, wie eine schleichende Seuche – bis ich eines Tages, Jahre nach dem Ende des letzten Umerziehungslagers, mit dem unstillbaren Bedürfnis aufwachte, Rache zu nehmen. Mir schwebte ein ganz einfaches Tauschgeschäft vor: Meine verlorene Kindheit gegen das Leben eines Tanzlehrers.

Den grundsätzlichen Mordgedanken hatte ich also gefasst. Aber wie sollte ich es anstellen? Ein Bombenattentat erschien mir grundsätzlich nicht unattraktiv. Aber die Gefahr, dass dabei Zivilisten – also Nicht-Tanzlehrer – zu Schaden kommen könnten, brachte mich rasch wieder von dieser Idee ab. Auch die Vorstellung, einem Tanzlehrer einen giftigen Skorpion in die Lackschuhe zu stecken, hatte durchaus ihren Reiz. Die konkrete Umsetzung erschien mir dann allerdings zu kompliziert – und letzten Endes auch zu eklig. Nein, meine Tat musste, dem noblen Ziel entsprechend, zumindest einigermaßen stilvoll und elegant über die Bühne gehen. Also traf ich den Entschluss, meinen Gegner mit den eigenen Waffen zu schlagen.

Mein Plan war ebenso schenial wie subversiv: Ich räumte mein gesamtes Bankkonto leer, quartierte mich für einige Wochen im Wiener Nobelhotel „Bristol“ ein – und besuchte die exklusive „Meisterklasse für gehobenen Gesellschaftstanz und gutes Benehmen“ in der berühmten Tanzschule Elmayer.
Einschlägige Vorkenntnisse brachte ich aufgrund der jahrelangen nachmittäglichen Internierung in Tanzkursen, Benimmseminaren und Sonntagsschulen mehr als genug mit. Ob Linkswalzer, Slowfox oder zünftige Polkas, ob feines Dinieren oder lockere Konversation, ich hatte alles im Repertoire. Besonders meine überragenden Fähigkeiten in den Kernfächern des unverbindlichen Plauderns und professionellen Einschleimens brachten mir schon bald den tiefsten Respekt von Tanzschulbesitzer Thomas Schäfer-Elmayer ein. Ich wurde zu seinem Lieblingsschüler, zu seinem vorbildlichsten Zögling, ja, der Tanzlehrer begann fast so etwas wie väterliche Gefühle für mich zu entwickeln. Und genau das war mein Ziel.

Irgendwann hatte ich ihn dann genau dort, wo ich ihn wollte: Am Abend nach der abschließenden Benimmprüfung – die ich selbstverständlich mit ausgezeichnetem Erfolg gemeistert hatte – nahm mich Thomas Schäfer-Elmayer beiseite. „Rudolph“, sagte er in feierlichem Tonfall, „Sie sind in den letzten Wochen fast so etwas wie ein Sohn für mich geworden. Daher wird Ihnen nun die größte Ehre zuteil, die ich je einem meiner Zöglinge habe angedeihen lassen: Sie dürfen an einem Abendessen im Kreise meiner Familie und meiner engsten Freunde teilhaben. Ein perfekter Galan wie Sie wird unser kleines Diner mit Sicherheit bereichern.“ Mit gespielter Dankbarkeit und geheuchelter Rührung – das war geradezu meine Paradedisziplin – nahm ich sein großzügiges Angebot an. Und lachte mir dabei heimlich ins Fäustchen.

Am Abend des großen Galadiners im Hause Elmayer hatte der Himmel all seine Schleusen geöffnet. Eisregen prasselte in großen Tropfen auf die Wienerstadt herab. Da ich absichtlich keinen Regenschirm bei mir trug, war ich bereits einigermaßen durchnässt, als ich die elegante Jugendstilvilla im Zentrum von Döbling erreichte. Ich hatte mich bewusst ein wenig verspätet. Die anderen Gäste waren bereits eingetroffen, ihre Jaguars, Bentleys und anderen Luxuskarossen reihten sich vor dem Elmayer’schen Anwesen aneinander. Ich lehnte mein altes Damenfahrrad gegen einen Aston Martin und durchmaß ohne große Eile die perfekt gepflegten Gartenanlagen.

Nachdem ich den Klopfer in Gestalt eines goldenen Löwenkopfes betätigt hatte, öffnete ein Lakai in schwarzer Livree die prunkvolle Doppelflügeltür. „Sie wünschen?“, fragte er im näselnden Tonfall eines altösterreichischen Hofbeamten und maß mich mit kaum verhohlener Geringschätzung. Was ihn an meiner triefenden Gesamterscheinung am meisten störte, war schwer zu sagen: Waren es die feuchten Flecken auf meiner deutlich zu kurzen Hose, die weißen Tennissocken, die darunter hervorlugten, die braunen Schlammspritzer, mit denen mein viel zu weiter Frack gesprenkelt war, oder doch die dicken Wassertropfen, die an der Krempe meines verbeulten Zylinders hingen?

„Ich bin zum Abendessen verabredet“, sagte ich entspannt, während ich den roten Teppich vor der Eingangstür als Fußabstreifer nutzte. „A so?“, meinte der Lakai spöttisch. „No, wenn des so is, dann wern S’ ja auch eine Einladung bei Ihnen tragen, ned woahr?“ Nachdem ich zu seiner Überraschung tatsächlich einen zerknitterten Zettel aus meiner mit allerlei Krimskrams vollgestopften Hosentasche zu Tage gefördert hatte, ließ mich der Diener mit allen Anzeichen von Widerwillen eintreten. Seine Bitte, ich möge doch wenigstens meine, wie er es ausdrückte, „nässende Kopfbedeckung“ an der Garderobe abgeben, ignorierte ich geflissentlich. Ohne den munter vor sich hin tropfenden Zylinder vom Kopf zu nehmen, gelangte ich in eine luxuriöse Vorhalle und trat von dort in den mit Marmor und Edelholz ausgekleideten Salon ein.

Eine süßliche Wolke aus teurem Parfum und zwangloser Unterhaltung schlug mir entgegen. Das Champagnisieren war bereits in vollem Gange. Damen in wallenden Abendkleidern und Herren in feinem Zwirn standen oder tänzelten um kleine Tischchen herum, bildeten plaudernde Grüppchen, schlürften Champagner und Prosecco aus langen Sektflöten und prosteten einander kichernd zu. Wer gerade nicht damit beschäftigt war, launige Bemerkungen wie „Stößchen!“ oder „Sehr zum Wohle“ von sich zu geben, zupfte mit spitzen Fingern Lachsbrötchen und andere Horsd’oeuvres von den Silbertabletten, die von hübschen Serviermädchen und zuvorkommenden Butlern geschickt durch den Salon balanciert wurden.

Als die versammelte Gesellschaft meiner angesichtig wurde, war es, als hätte jemand einen Schalter umgelegt. Das Gläserklirren verstummte, der Smalltalk verebbte und jegliche Bewegung schien auf einmal wie eingefroren. Alle Blicke richteten sich auf die tropfende Gestalt mit dem eingedellten Zylinder, die da plötzlich mitten im Raum stand.

„Servus“, sagte ich beiläufig und steuerte, ohne die Anwesenden eines weiteren Blickes zu würdigen, auf eine der Servierdamen zu. „Jetzt gieße ich mir erstmal einen hinter die Binde“, erklärte ich der verdutzten Dame, angelte mir zwei Champagnergläser von ihrem Tablett und kippte sie nacheinander hinunter, ohne abzusetzen. Genießerisch wischte ich mir mit dem Handrücken über den Mund, als hätte ich gerade einen kräftigen Schluck aus einem Weißbierhumpen genommen. „Heißen Dank“, sagte ich dann und drückte die leeren Gläser einem wildfremden Gast in die Hand. Meine nassen Schuhe quietschten und quatschten bei jedem Schritt und zogen eine graubraune Spur quer über den blank polierten Parkettboden.

Wie die gesamte Gästeschar hatte auch der Hausherr meinen Auftritt mit sprachlosem Entsetzen verfolgt. Doch nun löste sich Thomas Schäfer-Elmayer aus seiner Erstarrung und schlüpfte blitzartig in die Rolle des perfekten Gastgebers. Mit ein paar schnellen Schritten war er bei mir. „Wie schön, dass Sie hier sind, mein lieber Rudolph“, rief er herzlich und schüttelte mir vorschriftsgemäß die Hand. „Und dass Sie uns alle gleich mit einer derart perfekt choreographierten Showeinlage überrascht haben.“ Er zwinkerte mir verschwörerisch zu. – „Ich habe keine Ahnung, wovon Sie reden“, antwortete ich und bemühte mich, dabei möglichst ernst und verständnislos zu klingen.

Thomas Schäfer-Elmayer lächelte mir gütig zu. „Wie Sie sehen, meine Damen und Herren“, wandte er sich dann in die Runde, „ist unser Herr Rudolph ein Mann mit vielen Gaben. Mit seinem sprühenden Esprit, seinem entwaffnenden Charme und seinen eben offenbarten schauspielerischen Talenten ist dieser Tausendsassa ein Gewinn für jede Abendgesellschaft.“
Ein Aufatmen ging durch die Gästeschar, die bedrückende Stille machte befreitem Gelächter Platz.

Diesen Augenblick der Entspannung nützte Thomas Schäfer-Elmayer, um mich kurz beiseite zu nehmen: „Dieser Scherz ist Ihnen gelungen“, meinte er mit väterlicher Milde, „aber dürfte ich Sie nun dennoch darum bitten, abzulegen?“ Sichtbar angewidert deutete er auf meinen abgewetzten Zylinder. „Wo haben Sie diese alte Kreissäge überhaupt aufgetrieben?“ – „Diesen Zylinder habe ich auf der Weg zur U-Bahn einem obdachlosen Ziehharmonikaspieler gestohlen“, antwortete ich wahrheitsgemäß und so laut, dass es alle Anwesenden hören konnten.
„Was Sie nicht sagen“, meinte der Tanzlehrer mit gespieltem Ernst. „Einem Obdachlosen, wie? Sie sind mir aber ein Schelm. Köstlich, köstlich“. – „Sie glauben mir nicht?“, rief ich empört. „Sehen Sie her.“

Im Stile eines pitschnassen Köters oder eines Headbangers auf einem „Maiden“-Konzert begann ich meinen Kopf hin und her zu beuteln. Wie ein dreckiger Sprühregen aus einem dysfunktionalen Rasensprenkler ergossen sich die öligen Wassertropfen von der Krempe meines Zylinders über die Umstehenden, begleitet von einem wahren Sturzbach aus Zehn-Cent-Stücken und anderen Münzen, die mit lautem Geprassel aus dem Zylinder hervorrieselten und sich kullernd im ganzen Raum verteilten.

Der Hausherr und seine Gäste sahen mich bestürzt an. „Eine solche Huterfahrung habe ich ja mein Lebtag noch nicht gemacht“, zischte eine ältere Dame missbilligend, während ich über den Boden robbte, um die Münzen wieder einzusammeln. Als ich ebendiese Dame mit ausgesuchter Höflichkeit darum bat, kurz ihre Abendrobe lüften zu dürfen, um den darunter liegenden Boden in Augenschein zu nehmen, schritt der Tanzlehrer ein.

„Kompliment, Sie fallen nicht aus der Rolle“, meinte Schäfer-Elmayer, der nach wie vor einigermaßen gefasst wirkte, „dennoch wäre ich Ihnen sehr verbunden, wenn Sie sich jetzt wie ein echter Gentleman kurz vom Boden erheben könnten.“ Als ich keine Anstalten machte, seiner Aufforderung Folge zu leisten, winkte der Tanzlehrer einen kräftigen Domestiken herbei, der mir mit einer gleichermaßen kraft- wie würdevollen Bewegung auf die Beine half und mir nach einem weiteren Zeichen von Schäfer-Elmayer mit sanfter Gewalt den Zylinder entwand. „Wenn Sie das bitte entsorgen könnten“, wisperte ihm der Tanzlehrer gedämpft zu, worauf sich der Lakai ebenso gravitätisch und lautlos zurückzog, wie er gekommen war, meinen Zylinder wie einen Topf voll übelriechender Kohlsuppe mit weit ausgestreckten Armen vor sich hertragend.

„Und Sie, mein Lieber“, meinte Schäfer-Elmayer dann in meine Richtung, „könnten sich vielleicht noch ein wenig frisch machen, bevor ich Sie den anderen Gästen vorstelle.“ Er deutete auf meine feucht schimmernden, vom Zylinder platt gewalzten Haare, die mir in unansehnlichen Strähnen ins Gesicht hingen.
– „Wenn ich mir den Altersschnitt hier drinnen ansehe“, antwortete ich verächtlich und deutete auf einige gesetztere Damen und Herren in der Runde, „dann fühle ich mich frisch genug. Aber was anderes, guter Mann“, fuhr ich in völlig verändertem Tonfall fort und legte Schäfer-Elmayer kumpelhaft den Arm um den Hals, „wo bekommt man denn bei Ihnen was Anständiges zu spachteln? Ein kleines Hüngerchen hätte ich nämlich schon mitgebracht.“
– „Nun …“, meinte Schäfer-Elmayer gedehnt, während er sich eilig aus meiner Umarmung herauswand, „das Souper wird bald aufgetragen. Warum bedienen Sie sich einstweilen nicht einfach bei unseren köstlichen Amuse Geules?“ Mit einem anmutigen Fingerschnippen deutete er einer Servierdame, die prompt mit einem Silberteller voll Kaviarbrötchen, Spießchen und Rohköstchen herbeigeschwebt kam, während sich Elmayer auf ebenso leisen Sohlen entfernte. Offensichtlich glaubte der Tanzlehrer, mich auf kulinarischem Wege eine Weile ruhig stellen zu können.

Ich beäugte die mundgerechten Häppchen mit allen Anzeichen von Misstrauen. „Was’n das für Zeug?“, fragte ich lauernd, ohne etwas anzurühren. – „Ein kleiner Gruß aus der Küche“, replizierte das Serviermädchen artig, „leichte Gaumenfreuden zum Aperitif.“
– „Na, woll’n mal sehen“, murmelte ich barsch, griff widerwillig nach einem Käsespießchen mit Traube und schob es mir samt Zahnstocher in den Mund. Eine Weile kaute ich mit deutlich vernehmbarem Krachen auf dieser ungewöhnlichen Mischung herum, bevor ich den Brei aus Speiseresten und Sägemehl angewidert in ein Taschentuch spuckte. „Den Gaumen möchte ich sehen, der sich über so was freut“, schnauzte ich die arme Bedienstete an, die das ungustiöse Schauspiel mit weit aufgerissenen Augen verfolgt hatte. Dann rollte ich mein gefülltes Sacktuch zusammen, verschnürte es kunstvoll und stellte es neben die anderen Köstlichkeiten aufs Tablett zurück. „Gruß in die Küche“, rief ich grinsend, während die Servierdame fluchtartig das Weite suchte.

Da sich Thomas Schäfer-Elmayer gerade einem weit entfernt stehenden Grüppchen zugewandt hatte, sah ich mich dazu gezwungen, mich bei den anderen Besuchern auf eigene Faust vorzustellen. Mit einem Gläschen Schaumwein in jeder Hand steuerte ich wahllos einen der Stehtische an und gesellte mich zu den dort versammelten Gästen. „Grüß euch, ich bin der Rudi“, sagte ich in möglichst unbedarftem Tonfall, schlürfte lautstark ein Glas Schampus hinunter und streckte dann dem nächstbesten Gast in unsagbar penetranter Weise die frei gewordene Hand entgegen. Der betreffende Herr, allem Anschein nach ein Grandseigneur alter Schule, wirkte zwar peinlich berührt, war aber dennoch zum Schütteln meiner ungewaschenen Pranke bereit. Ich aber zog im letzten Augenblick meine Hand zurück – und fuhr mir stattdessen genießerisch durchs Haar, ein patentierter Move, den ich schon seit Volksschulzeiten nicht mehr eingesetzt hatte. „Ha, ha, reingefallen“, kicherte ich, um größtmögliche Infantilität bemüht, und drehte dem entsetzten Herrn eine lange Nase, als sei ich einer Wilhelm-Busch-Geschichte entsprungen. Thomas Schäfer-Elmayer blickte vom anderen Ende des Salons alarmiert zu uns herüber.

Ich, nicht faul, machte mich gleich ans nächste Grüppchen heran, eine Runde distinguierter Damen jenseits der 50, die plaudernd in einem Halbkreis standen. Mit einem großen Sprung platzte ich, einem Laubfrosch nicht unähnlich, mitten in die Gruppe hinein. „Hoch mit den Gläsern, Mädels“, krähte ich fröhlich und fuchtelte unkontrolliert mit meiner Sektflöte herum. Die feinen Ladys zuckten erschrocken zusammen und wandten sich dann pikiert von mir ab. „Um Himmels willen, hat der Mensch denn gar keine Manieren?“, entfuhr es einer von ihnen. „Allein wie er herumläuft! Sie, sind ja immer noch völlig nass!“ – „Darum trinke ich ja Henkel trocken“, gab ich glucksend zurück und brach über meinen eigenen Kalauer in schallendes Gelächter aus. Die Damen schwiegen eisig.

„Na gut, wenn Sie meinen …“. Mit gespieltem Schmollen stellte ich mein halbvolles Sektglas am Tischlein ab, packte meine durchweichte Krawatte und begann, sie in das Gläschen auszuwringen. „So, Sie sind Sie jetzt zufrieden?“, fragte ich gehässig und genehmigte mir einen kräftigen Schluck von der trüben Brühe.
„Mein Gott“, stieß eine der Frauen tonlos hervor. Ihre noble Blässe war noch um einiges nobler geworden. Eine zweite Dame bedeckte ihre Augen, um meinen Anblick nicht länger ertragen zu müssen. Alle schienen ernsthaft gegen eine Ohnmacht – oder gegen den Brechreiz – anzukämpfen.

„Wenn Ihnen das auch nicht passt, dann leihen Sie mir wenigstens den hier“, raunzte ich ungnädig und zeigte auf einen edlen Zwergpudel mit wollig-weißen Locken, der aus dem Handtäschchen einer Dame hervorlugte. „So ein lebendes Frotteetuch wollte ich schon immer mal ausprobieren.“ – „Unterstehen Sie sich!“, kreischte Frauchen empört. „Wenn Sie meiner kleinen Eufemia auch nur ein Haar krümmen …“ Sie ballte drohend ihre behandschuhte Faust.
– „Na, na, na“, sagte ich beschwichtigend, „dann lassen Sie Ihre Fußhupe halt stecken. Jetzt wollen wir erst mal einen heben.“ Ungerührt reckte ich mein Glas. „Und jetzt alle gemeinsam: Drei-zwo-eins: Zur Mitte, zur Titte, zum Sack, ZACK-ZACK!“

Das nicht eben lyrische „ZACK-ZACK“ hatte ich bewusst so laut gebrüllt, dass es der ganze Saal – also auch Schäfer-Elmayer – gehört haben musste. Und tatsächlich kam der Tanzlehrer nun quer durch den Raum auf mich zugestürmt. Ein leichter Anflug von Zornesröte lag auf seinem gepuderten Antlitz. „Rudolph“, presste er mühsam beherrscht hervor, „hätten Sie wohl die Ehre, einen Augenblick mit mir zu kommen?“ – „Klar, wieso nicht?“, entgegnete ich freundlich. „Obwohl ich es, mit Verlaub, nicht sehr höflich von Ihnen finde, dass Sie mich mitten aus einer so angeregten Konversation herausreiß—“. – „Kommen Sie, verdammt noch mal!“, fauchte Schäfer-Elmayer – so laut und aggressiv, dass ihm die umstehenden Gäste erschrockene Blicke zuwarfen. Einige begannen zu tuscheln.

Der Tanzlehrer, dem sein kleiner Auszucker sichtlich peinlich war, schaltete prompt auf Strahlemann zurück und pappte sich sein gewinnendstes Dr.-Best-Lächeln aufs Gesicht. Freundschaftlich hakte er sich bei mir unter und geleitete mich mit sanftem Zwang in eine ruhigere Ecke des Salons. „Ich weiß nicht, wie lange Sie ihr kleines Spielchen noch weitertreiben wollen“, stieß er leise zwischen zusammengepressten Grinsezähnen hervor, während ich neben ihm her zuckelte wie sein abgehalfterter Zwillingsbruder. „Aber wenn Sie glauben, dass ich Sie einfach expedieren werde, dann haben Sie sich geschnitten. Diese Schmach werden Sie mir nicht zufügen! Ein Thomas Schäfer-Elmayer wirft keine Gäste hinaus. Wer in der Casa Elmayeri zu Gast ist, der benimmt sich! Ob er will oder nicht. Dieses eherne Gesetz werden auch Sie nicht zu Fall bringen. Ab jetzt behalte ich Sie in meiner Nähe.“ Sein Griff schloss sich fester um meinen Arm. „Da vorne steht meine Gattin“, wisperte er. „Ich werde Sie nun bekannt machen. Und ich gehe davon aus, dass Sie wissen, was Sie zu tun haben.“ – „Seien Sie unbesorgt“, sagte ich lächelnd.

Wir näherten uns einer eleganten Dame in den besten Jahren, die in einem ausgesprochen aparten schwarzen Abendkleid an der Tür zum Speisezimmer stand. „Traute Agathe“, säuselte der Tanzlehrer mit seinem sonoren Bariton, „darf ich dir einen besonders lieben Gast vorstellen? Das ist Herr Rudolph, mein vorbildlichster Zögling. Rudolph, das ist meine liebe Ehefrau Agathe.“ – „Aha“, sagte ich teilnahmslos. Elmayer stieß mich unauffällig in die Seite. „Na gut, dann halt: Angenehm“, maulte ich lustlos und hielt der Dame des Hauses meine schlaffen Griffel entgegen. „Doch nicht so“, raunte mir der Tanzlehrer ins Ohr, „machen Sie gefälligst einen ordentlichen Diener“. – „Wieso ich?“, fragte ich so laut, dass es auch Agathe nicht überhören konnte, „soll sie doch erst einen Knicks machen.“ – „Sie wissen genau, dass man einen Knicks nur vor höhergestellten Persönlichkeiten macht“, zischte Schäfer-Elmayer, „also los, bewegen Sie endlich Ihre Birne nach unten.“ – „Ich kann nicht, ich habe es doch im Kreuz“, jammerte ich und warf der Dame des Hauses Mitleid heischende Blicke zu.

Der Tanzlehrer schnaubte empört, doch seine Gemahlin tätschelte ihm beruhigend die Schulter. „Sei nicht streng mit dem jungen Mann“, sagte sie huldvoll, „ich werde mich für heute auch mit einem Handkuss zufrieden geben.“ Mit einer graziösen Bewegung streckte sie mir ihre schlanke Hand entgegen. Ich betrachtete die mit Ringen und Armreifen bewehrte Extremität wie einen extraterrestrischen Tentakel und machte keine Anstalten, sie zu ergreifen, geschweige denn, dem Kussauftrag nachzukommen. „Nun machen Sie schon“, fuhr mich der Tanzlehrer unterdrückt an, „Sie haben es doch gehört.“

Ich seufzte schicksalsergeben. „Na dann mal her mit der Pfote“, murmelte ich und zog den ausgestreckten Arm unsanft in meine Richtung. „Ich hoffe, Sie halten etwas auf Hygiene“. Mit diesen charmanten Worten ließ ich meine geschürzten Lippen ungestüm auf Agathes Handrücken prallen. Und in dieser Stellung verharrte ich. Die Sekunden verflogen nur so. Nach einiger Zeit hörte ich, wie Schäfer-Elmayer sich räusperte. „Äh, Sie dürfen jetzt wieder loslassen“, flüsterte er. Ich aber dachte nicht daran. Ich konnte spüren, wie Agathens Hand unter meinen Lippen immer unruhiger wurde und versuchte, meinen Kussmund abzuschütteln. Doch ich hatte mich bereits festgesaugt wie ein Aal. Erst als mir Schäfer-Elmayer unsanft auf die Zehen trat, ließ ich von seiner Frau ab.

Agathe, die ihrer Rolle als souveräner Gastgeberin mit bewundernswerter Geduld treu blieb, tat, als sei nichts geschehen. „Ich habe schon viel von Ihnen gehört“, sagte sie freundlich, und massierte verstohlen das kreisrunde Kussmahl auf ihrem Handrücken. „Mein Gatte hat so oft von Ihnen erzählt.“ – „Tatsächlich?“, gab ich ruppig zurück. „Ich habe von Ihnen noch nie etwas gehört. Ihr Gatte hat Sie kein einziges Mal erwähnt.“
– „Thomas, ist das wahr?“, rief Agathe empört und maß ihren Gemahl mit einem strafenden Blick. – „Was für ein Unfug“, antwortete der Tanzlehrer aufbrausend, „du weißt doch ganz genau, dass ich bei jeder Gelegenheit in den höchsten Töne von dir —“. – „Du brauchst gar nicht laut mit mir zu werden, Thomas“, unterbrach Agathe schnippisch, „wir können dich alle sehr gut verstehen.“
– „Wissen Sie“, schaltete ich mich wieder ein, „manches Mal hatte ich bei den Kursen den Eindruck, dass Ihr Gatte im Allgemeinen kein gesteigertes Interesse an Frauen —“. – „Jetzt reicht’s mir aber“, fuhr mir Schäfer-Elmayer zornig über den Mund, „Sie werden sich auf der Stelle bei meiner Gattin entschuldigen.“ – „Wieso?“, fragte ich achselzuckend, „ich habe doch Sie beleidigt, Herr Elmayer“.

Gegen jede Etikette verstoßend, packte mich der Tanzlehrer an der Schulter, und holte mit der anderen Hand zum Schlag aus. Im letzten Moment besann er sich seiner guten Manieren, ließ den Arm wieder sinken und zupfte sich den verschobenen Kragen zurecht. Er atmete tief durch.
„Nun gut“, sagte er dann und bemühte sich, einigermaßen versöhnlich zu klingen, „ich werde diesen kleinen … Fauxpas noch einmal vergessen. Aber nur, wenn Sie sich augenblicklich am Riemen reißen und sich endlich benehmen wie ein Mann von Welt.“
– „Wenn Sie auf so was abgehen, okay“, erwiderte ich kulant. „Womit soll ich anfangen?“

– „Nun, als erstes könnten Sie der Dame des Hauses ein kleines Kompliment machen“, erklärte Schäfer-Elmayer, „so wie es sich in einem bürgerlichen Haushalt geziemt.“
– „Ich kann es ja mal versuchen“, sagte ich und begann Agathe langsam von Kopf bis Fuß zu mustern, wie ein Schneider, der Maß nimmt. „Hmm, gar nicht so einfach“, murmelte ich nach einer Weile und legte die Stirn in Falten. „Nun, Agathe“, sagte ich dann höflich, „zu Ihrer oberen Körperhälfte will mir im Moment nichts Rechtes einfallen. Und zu Ihren Beinen möchte ich mich in der Öffentlichkeit nicht äußern“. Ich legte eine kunstvolle Pause ein und sah dem Ehepaar Elmayer beim Erbleichen zu. „Aber“, fuhr ich dann feierlich fort, „was mir saumäßig imponiert, ist, dass Sie ungeachtet ihres schon etwas gesetzteren Alters – als Kavalier weiß ich, dass man eine Dame nicht nach Ihrem Geburtsdatum fragt, aber mit den Fünfziger Jahren dürfte ich wohl nicht so weit daneben liegen – dass Sie also trotz ihrer fortgeschrittenen Jahre immer noch einen derart prächtigen Knackarsch vorweisen können. Ich darf die Gelegenheit nützen, Ihnen dazu in aller Form zu gratulieren.“

Agathe und ihr Gatte waren sprachlos. Daher konnte ich unverdrossen fortfahren: „Erlauben Sie mir eine Frage, liebe Agathe“, sagte ich galant, „ist bei Ihnen eigentlich alles Natur? Oder hat an der einen oder anderen Stelle doch der liebe Onkel Doktor nachgeholfen? Keine Sorge, mir gegenüber können Sie ganz unbefangen sein. Ich kann ein Geheimnis für mich behalten.“ Ich vollführte eine Geste, als ob ich mir die Lippen zunähen würde.

Die Elmayers standen immer noch da wie vom Donner gerührt. „Ah, bevor ich es vergesse“, rief ich, um das unangenehme Schweigen zu durchbrechen, „ich habe Ihnen ein kleines Präsent mitgebracht.“ Ich begann, in meinen ausgebeulten Fracktaschen herum zu wühlen. „Wo habe ich sie bloß …“, brummte ich, während ich gebrauchte Taschentücher, leeres Kaugummipapier und ausgelutschte Apfelsinenkerne über den Boden verstreute. „Ah, da ist sie ja!“ Würdevoll zog ich eine durchaus lädierte Schachtel Pralinen aus der Tasche und brachte sie Frau Elmayer mit einigem Stolz dar. Agathe würdigte die armselige Ansammlung keines Blickes, schien aber etwas erwidern zu wollen.

„Nein, nein“, schnitt ich ihr großzügig das Wort ab, „Sie brauchen mir nicht zu danken. Ich musste mich für diese kleine Leckerei nicht in Unkosten stürzen. Sie stammt aus dem SW-Feinkostladen. S wie Schlecker, W wie Wühlkiste. Sie wissen schon: Verfallsdatum abgelaufen, Ware in Ordnung. Da musste ich gleich an Sie denken.“ – „Wie schön“, sagte die Gastgeberin indigniert.

– „Sie müssen verzeihen, dass ich bereits zugegriffen habe“, erläuterte ich unter Hinweis auf die halb leere Packung, „aber bei Süßem kann ich einfach nicht widerstehen. Ich bin nun mal eine rechte Naschkatze. Aber probieren Sie doch selbst.“ Ungeschickt fingerte ich eine leicht deformierte Schokokugel hervor und ließ das traurige Konfekt vor Agathes Nase tanzen. „Mund auf, Augen zu“, flüsterte ich verführerisch. – „Eher sterbe ich“, sagte Agathe ausdruckslos.
– „Ich könnte auch für dieses Zuckerwerk sterben“, sagte ich verträumt und begann die Pralinen genussvoll in mich hineinzustopfen. „Mmm, die sind aber wirklich schmackhaft …“.
Ungustiös mampfend trat ich auf Schäfer-Elmayer zu, der noch immer neben seiner Frau stand wie zur Salzsäule erstarrt. „Hauen Sie rein, alter Junge“, sagte ich freundschaftlich und wischte mir über den schokoladeverschmierten Mund, „was Besseres werden Sie in diesem Haus nicht kriegen.“

In diesem Moment fuhr wieder Leben in den Tanzlehrer. Mit einem unerwarteten rechten Haken schlug er mir die Pralinenschachtel aus der Hand – seine Augen funkelten vor Zorn und grimmiger Entschlossenheit.
„Ein Schäfer-Elmayer muss sich so etwas nicht bieten lassen“, knurrte er bedrohlich. „Nicht von einem armseligen Anarcho-Früchtchen wie Ihnen. Ich sitze am längeren Ast – und am höheren. Agathe!“ Seine Gattin, immer noch leicht weggetreten, schlug erschrocken die Hacken zusammen. „Lass’ sofort die Suppe auftragen. Wir fahren programmgemäß fort.“
Auch Frau Elmayer schien auf einmal wieder von gesellschaftlicher Energie durchpulst. Ohne mich eines weiteren Blickes zu würdigen, klatschte sie ein paar Mal in die Hände, bis sich das Personal um sie geschart hatte und begann, im Kommandoton Anweisungen auszugeben.

Der Tanzlehrer wandte sich derweil wieder an mich. „Machen Sie ruhig so weiter“, flüsterte er mir in einem Tonfall großbürgerlicher Herablassung ins ungewaschene Ohr. „Wenn Sie glauben, damit irgendetwas bezwecken zu können, bitte. Doch wenn Sie das tun, müssen Sie eine Kleinigkeit einkalkulieren“, seine Stimme klang plötzlich klirrend kalt, „nämlich, dass ich Sie vernichten werde. Sie wissen, ich bin ein Mann von Welt. Ich habe Beziehungen, Kontakte, Netzwerke, von denen Sie nicht einmal etwas ahnen. Wie sollten Sie auch? Sie sind ja nicht gesellschaftsfähig. Also glauben Sie mir: Ich könnte Sie im Handumdrehen sooo klein machen, mit Zylinderhut. Anders formuliert: Wenn Sie mein Haus heute Abend in Unfrieden verlassen, werden Sie in diesem Land nie wieder einen Fuß auf den Boden bekommen.“ Bei diesen Worten betrachtete er voll Abscheu meine Bergschuh-ähnlichen Quadratlatschen. „Ist Ihnen klar, was das heißt?“, fragte er mit durchdringender Stimme – „Absolut“, erwiderte ich. – „Und werden Sie sich dementsprechend verhalten?“ – „Das werde ich“, sagte ich ruhig.

Die Züge des Tanzlehrers entspannten sich. „Wusste ich doch, dass ich Sie zur Räson bringen würde. Ich bin schließlich noch mit jedem fertig geworden.“ Er grinste selbstzufrieden, im vollen Bewusstsein seiner Überlegenheit.
Ich räusperte mich zögernd. „Kann ich … irgendetwas tun, um Ihnen meine wahren Absichten deutlich zu machen?“, fragte ich hilfsbereit.
„Oh, aber gerne“, sagte Schäfer-Elmayer erfreut, „ich hätte da eine spannende Aufgabe für Sie.“ Der Tanzlehrer fasste mich an der Hand und zog mich zu einer buckligen alten Dame mit fingerdicken Brillengläsern und altmodischem Haardutt, die leicht orientierungslos durch den Saal wanderte. „Mutter“, sagte Elmayer laut und beugte sich zu der verhutzelten Frau hinunter, „dieser galante junge Herr“, er wies in meine Richtung, „wird dich nun zu deinem Platz im Speisesaal geleiten. Da freust du dich, gelt?“ – „Wie schön“, krächzte Oma Elmayer und winkte mir mit ihrem Krückstock freundlich zu.

„Ich verlasse mich auf Sie“, sagte Elmayer leise zu mir, warf mir einen letzten strengen Blick zu und enteilte dann in den Speisesaal, um die Vorbereitungen zu überwachen.

Vorschriftsmäßig bot ich der alten Vettel den Arm und ließ sie bei mir unterhaken. Ich führte sie artig in den Speisesaal – eine mächtige holzvertäfelte Jagdstube mit allerlei prächtigen Trophäen an der Wand – hielt ihr ritterlich die Tür auf und geleitete sie als perfekter Kavalier bis zu ihrem Sitzplatz. Die anderen Gäste, sie saßen bereits auf ihren Plätzen, warfen mir anerkennende Blicke zu. „Wunderbar haben Sie das gemacht“, lobte mich die alte Dame selbst und tätschelte mir mit ihren knorrigen Fingern den Handrücken. „Wenn Sie mir jetzt noch aus dem Mantel helfen würden …?“ Sie deutete auf den schweren Fuchspelz samt Pfote und Kopf, der ihr über die schmächtigen Schultern baumelte. – „Aber selbstverständlich“, meinte ich zuvorkommend und pflückte ihr das Kleidungsstück sanft vom gebeugten Körper. „Tausend Dank, Sie Engel“, sagte Großmütterchen und fuhr mir liebevoll durchs Haar, „wenn Sie ihn bitte dort drüben aufhängen würden.“
– „Sicher nicht“, sagte ich laut und vernehmlich.

Oma Elmayer blickte mich fassungslos an. „Was haben Sie da gerade gesagt?“, quäkte sie.
- „Ich habe gesagt, dass ich Ihren Mantel nicht aufhängen werde“, wiederholte ich gut gelaunt.
- „Aber wieso denn nicht?“, fragte die alte Dame konsterniert.
- „Weil ich ihn selber tragen werde“, erklärte ich fröhlich, während ich in den viel zu engen Pelzmantel schlüpfte, „ich wollte immer schon wissen wie es ist, ein totes Tier um den Hals zu tragen.“
- „Aber …“, japste Oma Elmayer.
- „Bereits in der Steinzeit haben Menschen Tierhäute getragen“, dozierte ich und fing an, den Mantel sorgfältig zuzuknöpfen, „Sie können sich ja sicher noch daran erinnern …“.
- „Was erlauben Sie sich“, kreischte die Alte und begann, hysterisch an der Fuchspfote zu zerren, „geben Sie ihn mir sofort zurück!“ Sie trommelte mit ihren knochigen Fäusten auf meinen Rücken ein. Von meinen Schmerzensschreien angelockt, stürzte Thomas Schäfer-Elmayer herbei.

„Sind Sie wahnsinnig geworden?“, fuhr er mich beinahe lautlos, aber umso furchteinflößender an, „verlassen Sie sofort Mutters Mantel – oder ich vergreife mich an Ihnen!“ Er packte mich brutal (wenn auch möglichst unauffällig) am Schlafittchen, schüttelte mich aus dem Pelz und zwang mich durch seinen eisernen Griff mit sich.
– „Meine Geduld ist ein für allemal zu Ende“, raunte er mir mit tödlichem Ernst in der Stimme zu, „Sie wollen es also auf die ganz harte Tour. Die können Sie haben, mein Lieber. Das Nachspiel wird für Sie … unaussprechlich sein. Aber eines schwöre ich Ihnen: Ich werde dieses Abendessen zu Ende führen – mit Ihnen an meiner Seite – und wenn es das Letzte ist, was ich tue.“
– „Dann sind wir uns ja einig“, keuchte ich.

Das große Galadiner verbrachte ich eingeklemmt zwischen Thomas Schäfer-Elmayer und Admiral von Clausewitz, einem grimmigen Weltkriegsveteranen und passionierten Jäger. Er trug einen altdeutschen Vornamen, zahlreiche Orden auf der Heldenbrust und einen monströsen Kaiser-Wilhelm-Bart im kantigen Feldherrengesicht.

Während der Frittatensuppe würdigte mich keiner der beiden Herren eines Blickes, geschweige denn eines Wortes. Auch ich verhielt mich ruhig – aus gutem Grund. Denn bei jedem Verstoß gegen die richtige Esstechnik – etwa beim geräuschvollen Versuch, die Frittaten wie Spaghetti in den Mund zu saugen – und wann immer ich etwas sagen wollte, durchzuckte mich sofort ein heftiger Schlag. Offensichtlich verbarg der Tanzlehrer unterm Tisch einen kleinen Elektroschocker, der ihn in die Lage versetzte, mich nach Belieben mit Stromstößen zu foltern.

Eine Zeitlang konnte mich Elmayer auf diese unmenschliche Weise im Zaum halten. Doch vor dem Hauptgang hatte ich mich bereits so an die pulsierenden Schmerzen gewöhnt, dass an neuen Schabernack zu denken war.

Admiral von Clausewitz war gerade dabei, dem Hausherren einige Schnurren aus längst vergangenen Jägerszeiten zu erzählen: „Seh’n Sie diesen kapitalen Sechzehnender?“, von Clausewitz deutete auf eine der zahllosen Trophäen an der Wand, „so ’nen Prachtkerl hatte ich anno Zwoundvierzig selbst vor der Flinte.“ – „Ob das nicht eher ein Russe war?“, fragte ich und klopfte dem Admiral jovial auf die Schulter. „Schließlich … Au!“ Mit einem kraftvollen Stromstoß brachte mich Elmayer zum Schweigen.
„Nu denn“, fuhr von Clausewitz nach einer Weile sichtlich verärgert fort, „’s war wirklich’n kolossaler Bursche. Da dacht’ ich mir, was so’n echter Waidmann ist, der hält immer feste druff. Und so …“ – „… sind Sie zum Eisernen Kreuz gekommen“, führte ich den Satz zu Ende. Dann setzte mich ein besonders langer und heftiger Schlag bis zur Hauptspeise außer Gefecht.

Vor meinen Augen tanzten bunte Schleier. Dennoch konnte ich die immer dickere Zornesader auf der Stirn des Admirals erkennen – und nahm mit noch größerer Genugtuung wahr, dass auch Schäfer-Elmayer bereits äußerst angeschlagen wirkte …

Um wieder zu Kräften zu kommen, sprach ich zwischen den Gängen in verstärktem Maße dem Rotwein zu. Zum Zeitpunkt, als sich der Admiral über seinen aristokratischen Stammbaum zu verbreitern begann, war ich schon wieder voll auf der Höhe.
„… und meine Großtante Amalie“, sagte von Clausewitz gerade, „heiratete 1848 den Freiherrn —“. „Kennen Sie den schon?“, unterbrach ich vorwitzig. „Wie nennt man das Vergehen, wenn ein Mann seine eigene Schwester ehelicht? Na? … Fürstenhochzeit!“ Über dieses zündende Bonmot brach ich in brüllendes Gelächter aus und klopfte mir prustend auf die Schenkel, bis ich von einer Kaskade von E-Schocks gestoppt wurde.

Mittlerweile war die halbe Tafel auf unsere wüste Auseinandersetzung aufmerksam geworden und harrte mit Spannung der Dinge, die da noch kommen mochten. Thomas Schäfer-Elmayer sah aus, als wolle er augenblicklich im Boden versinken. Dieser Anblick gab mir neue Kraft.

„Einen hätte ich noch“, wandte ich mich an Admiral von Clausewitz: „Sagt ein Graf zum anderen: ‚Sie, stimmt es, dass Ihr Bruder jetzt um seine eigene Tochter buhlt?’. Drauf der andere: „Lassen Sie gefälligst meine Mutter aus dem Spiel!“. So weit es meine Kräfte noch zuließen, lachte ich.
Von Clausewitz aber sprang wutentbrannt auf: „Das Maß ist voll“, rief er mit seiner donnernden Kommandostimme, „ich verlasse auf der Stelle dieses Tollhaus!“ Mit einem Ruck riss er sich die manierlich umgebundene Serviette vom Leib, warf sie Schäfer-Elmayer ins Gesicht und stürmte in Rage aus dem Speisesaal. „Sie sehen mich niemals wieder!“, rief er dem Hausherren noch zu. Dann fiel die Tür so heftig ins Schloss, dass der ganze Esstisch erzitterte.

Im Speisesaal herrschte betretenes Schweigen. Man hörte nur, wie Schäfer-Elmayer verzweifelt nach Luft schnappte. Doch bald gesellte sich zum röchelnden Atmen des Tanzlehrers ein völlig anderes, schmatzendes Geräusch:
Ich hatte mich tief über den Tisch gebeugt, das Gesicht ganz nah am Teller und begann, das gebratene Selchfleisch in mich hineinzuschlingen wie ein Pferd – ohne Besteck, dafür mit einem geradezu animalischen Gusto. Dazu trank ich Rotwein aus der Flasche. Während ich der Tischgesellschaft zuprostete, sagte ich mit vollem Mund Trinksprüche auf:

„Es trinkt der Mensch,
es säuft das Pferd,
bei mir, da ist es umgekehrt!“

Von Schäfer-Elmayer kam nur noch ein leises Wimmern. Heftige Weinkrämpfe schüttelten seine merklich gealterte Gestalt. Ich empfand fast so etwas wie Mitleid für ihn.
„Los, alter Knabe, jetzt saufen wir“, lallte ich und presste dem Tanzlehrer die Weinflasche an die farblosen Lippen. Doch Elmayer schien wie gelähmt. Der Rotwein rann ihm aus den schlaffen Mundwinkeln über das Kinn und tauchte sein blütenweißes Hemd in eine blutrote Farbe.
„Nun, seien Sie doch nicht so miesepetrig“, forderte ich den Tanzlehrer unwirsch auf und zwang ihn zu einem weiteren Schluck, „denken Sie immer daran:

Hast Du Wein in deiner Blutbahn,
kannst Du balzen wie ein Truthahn!

Also, lassen Sie sich gefälligst nicht so hängen!“ Ich begann, Schäfer-Elmayer heftig hin- und herzuschütteln. „Was sollen denn die Damen von Ihnen denken? Sehen Sie doch, wie viele wunderschöne Frauen heute Abend gekommen sind – und gerade Sie als Gastgeber müssen sich so daneben benehmen. Mit Ihnen kann man wirklich nirgendwo hingehen. Ich bin maßlos ent— … hallo!”

Augenblicklich ließ ich das Beuteln sein und nahm den Tanzlehrer mit verschwörerischem Lächeln beiseite. „Sehen Sie die Kleine da drüben?“ Ich zeigte auf eine reizvolle junge Dame mit rehbraunen Augen, die uns schräg gegenüber saß und deren kohlrabenschwarzes Haar aufs Wunderbarste mit ihrem schreckensbleichen Gesicht kontrastierte. „Der würde ich sofort aus dem Mantel helfen.“ Ich zwinkerte dem Mädchen zu wie ein schmieriger Macker auf dem Kietz. Dann knuffte ich den Tanzlehrer kumpelhaft in die Seite. „Bei der Kleinen würde ich gerne mal einen wegstecken“, flüsterte ich in aller gebotenen Geilheit.
Elmayer hob langsam die Augen und sah mich indigniert an: „Das ist meine Tochter.“

– „Na, umso besser“, rief ich fröhlich, „das macht die Sache bedeutend einfacher. Ich hätte mir Folgendes vorgestellt: So bald ich sie klargemacht habe, ziehe ich bei Ihrer Jüngsten ein und führe sie ehebaldigst zum Traualtar. Wahrscheinlich übernehme ich sogar ihren Familiennamen. Dann werde ich endlich zur Familie Elmayer gehören!“
– „Niemals“, schrie der Tanzlehrer mit zitternder Stimme. „Das werde ich nicht zulassen, Sie, Sie …“, er suchte mit letzter Kraft nach dem schlimmsten Kraftausdruck, den er finden konnte, „Sie … Arschkeks, Sie!“
– „Aber Thooomas, doch nicht vor den Kindern!“, kreischte Agathe schrill. Dann fiel sie hinterrücks in Ohnmacht.
„Aber Thomas“, wiederholte ich in vorwurfsvollem Ton, „wie können Sie vor Ihren Kindern nur so etwas sagen?“
Aber Thomas antwortete nicht mehr.

Ob er noch mitbekommen hat, wie ich mich beim Dessert quer über den säuberlich gedeckten Tisch übergab? Das vermag ich nicht zu beurteilen. Sicher ist, dass der Anblick meiner Magensäure, wie sie sich durch die teure Tischdecke fraß und das jahrhundertealte Edelholz beizte, einen Kenner wie ihn nicht kalt gelassen hätte.

Sicher ist auch, dass es für ihn keine Rettung mehr gab. Selbst wenn ich nicht mehr mit dreckigen Herrenwitzen für einiges Aufsehen gesorgt, nicht mehr in die Bowle uriniert und abschließend keinen Analverkehr mit einem ausgestopften Reh simuliert hätte, wäre es um den armen Tanzlehrer unweigerlich geschehen gewesen.

Auch so dauerte es eine ganze Weile, bis die anderen Gäste bemerkten, was geschehen war. Immerhin saß Thomas Schäfer-Elmayer genauso in seinem Sessel wie immer. Als er sich in der Konversation etwas zurückhaltender zeigte als sonst, dachte man zunächst an eine Ohnmacht – so etwas gehörte in diesen Kreisen schließlich zum guten Ton. Erst als das Riechsalz seine Wirkung verfehlte, schöpfte man einen schrecklichen Verdacht.

Die Ärzte benötigten eine Reihe aufwändiger Spezialuntersuchungen, um festzustellen, dass es sich in diesem Fall nicht um die übliche, kerzengerade Haltung des Tanzlehrers handelte – sondern um die Leichenstarre; dass sein Gesicht nicht die übliche noble Blässe trug – sondern das fahle Weiß des Todes. Die Diagnose der Mediziner: Tod durch Fremdschämen.

Von der Polizei ließ ich mich widerstandslos abführen. Als gelernter Gentleman wusste ich, wie ich mich zu benehmen hatte. Mein umfassendes Geständnis war ein Meisterstück gehobener Konversation. Mit meinem sprühenden Esprit und meinem herben Charme werde ich auch in den Strafanstalten den Mittelpunkt jeder Party bilden.

Ich weiß: Meine Strafe wird die höchste sein.
Doch ich bereue nichts.