An eine Öse

klippo

 Personen:

Kommissar Hempel
Kommissar Waschek
Max Öse
Greta Öse
Freddy von der Spezialeinheit
Zwei Polizeihelfer
Eine dunkle Gestalt
Eine weitere dunkle Gestalt
Bierpunk Schnorri
Bierpunk Rotti
Bierpunk Buffi
Polizeihund Kleiner Kläffer
Fufi, der Hund der Bierpunks

 

 1. Akt

(Ein Wachzimmer. Kommissar Hempel sitzt an einem Schreibtisch und ist mit Büroarbeit beschäftigt. Er ist klein und dick und hat ein rundes Kindergesicht. Seine weißen Haare sind gepflegt und seine Oberlippe ziert ein sorgfältig gestutzter Bart. Er trägt eine Brille. Im Hintergrund steht Kommissar Waschek und kaut an einem Pfirsich. Waschek ist ein hünenhafter Mann, mit breiten Schultern und Stiernacken. Er hat kurz geschorene Haare und auf seinem Gesicht liegt ein permanent grimmiger Ausdruck. Plötzlich geht die Tür auf und ein Mann kommt herein. Er ist noch recht jung und hat zerzauste Haare. Er wirkt aufgeregt)
Max (keuchend): Herr Kommissar! Ich bin so schnell gekommen wie ich konnte.
Hempel (schaut von seiner Büroarbeit auf): Ah, Herr Öse! Ich bin froh, dass Sie da sind. Mein Name ist Hempel. Ich und mein Kollege Waschek (deutet auf den zweiten Polizisten im Hintergrund) sind die beiden ermittelnden Kommissare im Fall von ihrer verschwundenen Frau, Greta Öse. Setzen Sie sich doch!
Max (Setzt sich auf den Stuhl, den Hempel ihm anbietet. Aufgeregt): Haben Sie etwas herausgefunden?
Hempel (ernst): Nein. Nach wie vor fehlt von ihr jede Spur. Ich muss Ihnen leider gestehen, dass wir beim derzeitigen Stand der Ermittlungen auch einen kriminellen Tatbestand nicht ausschließen können, ja ein derartiges Szenario wird sogar immer wahrscheinlicher. Wir müssen wohl oder übel davon ausgehen, dass Ihre Frau einem Verbrechen zum Opfer gefallen ist.
Max (erschrocken): Oh mein Gott!
Hempel: Insofern… (er setzt zögerlich fort und betrachtet seine Fingernägel. Sein rundes Gesicht nimmt einen nachdenklichen Ausdruck an) Insofern hat sich die Sachlage für uns alle entscheidend verändert. Herr Öse, ich weiß nicht, wie ich es Ihnen am besten sagen soll, deshalb sage ich es Ihnen einfach gerade heraus: Wir glauben, dass Sie etwas mit dem Verschwinden Ihrer Frau zu tun haben könnten. Oder mit anderen Worten: Herr Öse, Sie stehen unter Mordverdacht!
Max (entsetzt): Wie bitte? Sie glauben doch nicht im Ernst ich hätte etwas mit dem Verschwinden meiner Frau zu tun?
Hempel: Sie haben mir nicht richtig zugehört, Herr Öse. Wir sprechen in diesem Fall nicht mehr von „Verschwinden“, sondern von „Mord“ und genau dies ist der springende Punkt, von dem wir im Moment ausgehen. Im Zuge unserer Ermittlungen bleibt uns leider keine andere Möglichkeit als diese Variante in Erwägung zu ziehen.
Max (aufgebracht): Das ist eine Frechheit! Ich stehe die schlimmsten Ängste um meine Frau aus und Ihnen fällt nichts Besseres ein als mich des Mordes zu bezichtigen, wahrscheinlich… (er stockt einen Moment, unschlüssig, ob er den Gedanken aussprechen soll, tut es dann aber doch) wahrscheinlich weil Sie bei Ihren Ermittlungen auf der Stelle treten!
Hempel (steht auf und beginnt auf und ab zu schlendern): Herr Öse, Herr Öse, Herr Öse, was soll ich nur mit Ihnen machen? Das ist ein äußerst frecher Vorwurf, den Sie hier gegen uns erheben. Sie müssen wissen, dass ich und mein Kollege (deutet noch einmal auf Waschek, der immer noch kauend im Hintergrund steht und grimmig dreinblickt) unsere Fälle in beispielloser Effizienz lösen. Dennoch kann ich Ihre überhitzte Reaktion verstehen, nicht zuletzt da es im strengen Popperschen Sinne gar keine absolute Wahrheit geben kann. Was aber gleichzeitig bedeutet – geht man von Ihrem Standpunkt aus - dass Sie damit nicht Recht haben können. Und wenn nicht Sie Recht haben, bedeutet das logischerweise, dass nur wir Recht haben können. Können Sie mir folgen, Herr Öse? (Der Polizist schaut Max durchdringend an) Und im Übrigen, würden Sie einen potentiellen Mörder frei herumlaufen lassen?
Max: (ringt entsetzt nach Luft) Nein – das heißt in meinem Fall ja – jetzt haben Sie mich total durcheinander gebracht.
Hempel: Herr Öse, offenbar verstehen Sie überhaupt nichts von Poppers Kritischem Rationalismus.
Max (trotzig): Das muss ich auch nicht. Und noch dazu bin ich unschuldig!
(Waschek schält sich plötzlich aus der Dunkelheit. Seine Gestik ist männlich und brutal. Aus seinem Mund tropft Pfirsichsaft, während er die letzten Bissen der Frucht verschlingt. Mit einem lauten PLÖNG wirft er den Kern in eine blecherne Abfalltonne. Hempel verzieht sich ein paar Schritte nach hinten)
Waschek: Schluss mit dem Spektakel! Geben Sie endlich zu, dass Sie Ihre Frau ermordet haben!
Max (erschrocken): Das glauben Sie doch wohl selbst nicht! Wir haben gerade erst geheiratet und…
Waschek: (fällt ihm ins Wort): Aha! Verheiratet waren Sie also! (Triumphierend) Jetzt kommen wir der Sache schon näher! Sie haben sie getötet, damit Sie nicht ihr restliches Leben mit ihr verbringen müssen. Ein feiner Plan, aber damit werden Sie nicht durchkommen!
Max (empört): Das ist absurd!
Waschek: (knurrend) Sie mögen das vielleicht „absurd“ nennen. Wir in der Polizeisprache nennen, das „ein Motiv“.
Max: (seine Stimme erhebend) Jetzt reicht es mir aber! Ich bin unschuldig!
(Hempel tritt aus dem Hintergrund hervor. Er hat sich eine Zigarette angezündet und raucht genussvoll. Verharrt einen Moment Rauch ausstoßend und bietet Max eine Zigarette aus seinem Päckchen an, der aber ablehnt. Spricht ruhig und geordnet)
Hempel: Aber Herr Öse! Nun beruhigen Sie sich doch. Max. Keine Panik. Ich darf Sie doch Max nennen, oder? (Max nickt) Gut. Max. Wir wissen, dass Sie eine schwere Zeit durchmachen. Ihre Frau ist mittlerweile seit drei Wochen verschwunden und wir konnten sie trotz unserer intensiven Ermittlungsarbeit nicht finden. Das schmerzt auch uns, glauben Sie mir. Wenn Sie nicht schon geheiratet hätten, würde ich sagen ihre Frau hätte Muffensausen bekommen oder wäre mit einem anderen Mann durchgebrannt. (Schmunzelt) Aber so… (schüttelt den Kopf) So führen alle Wege nach Rom. Haha. (Lacht kurz) Aber keine Sorge, Max, wir wollen uns nicht im Kreis drehen. Jedoch, gibt es da ja vielleicht irgendetwas, das Sie uns erzählen möchten oder was Sie vielleicht vergessen haben uns zu erzählen? (Zwinkert Max zu)
Max (beruhigt sich wieder): Ich wüsste nicht was. Und im Übrigen gibt es keinen triftigen Grund gleich von einem Verbrechen auszugehen.
Hempel: Max, ich warne Sie, Sie sind schon wieder ziemlich vorlaut. Wenn Sie schon so neunmalklug sind, dann bedenken Sie allerdings gleichermaßen, dass es auch keinen triftigen Grund gibt NICHT von einem Verbrechen auszugehen, nicht zuletzt weil es für ein Verbrechen immer einen triftigen Grund gibt! (Spricht schnell) Denn sollte es tatsächlich einmal keinen triftigen Grund geben, ist das Nicht-Vorhandensein eines Grundes für den Verbrecher für gewöhnlich triftig genug! (Hempel nähert sich Max bis auf wenige Zentimeter. Er spricht zu ihm mit gedämpfter Stimme) Max, seien Sie kein Idiot! Wenn Sie gleich gestehen und auf Totschlag plädieren, kommen Sie vielleicht mit 15 bis 20 Jahren davon. Vielleicht auch 13 Jahre bei guter Führung. Wir wollen Ihnen helfen, Max. Aber ich rate Ihnen sich zusammenzureißen. Mein Kollege da hinten (deutet flüchtig auf Waschek, der breitbeinig hinter ihm steht) ist bei weitem nicht so geduldig wie ich. (Geht wieder auf normale Distanz. Wieder laut) Max, erzählen Sie uns doch bitte noch einmal, was sich an jenem Tag vor drei Wochen, an dem sie Ihre Frau das letzte Mal gesehen haben, zugetragen hat!
Max (seufzend): Das habe ich doch bereits zu Protokoll gegeben. Aber gut. Der Tag, an dem ich das letzte Mal mit Greta zusammen war (seufzt schwer), war im Grunde (zögert kurz) ganz normal. Zuerst war sie noch da, dann war sie plötzlich weg. (Plötzlich sehr weinerlich) Ich weiß nicht, was ich sonst noch dazu sagen soll. Natürlich bin ich sie suchen gegangen, aber ich konnte sie nirgends finden. Ich habe ihre Freundinnen und Verwandten angerufen, aber niemand hat von ihr etwas gehört. (Max beginnt leise zu schluchzen und begräbt sein Gesicht in den Händen. Die beiden Kommissare schauen sich an und Hempel gibt Waschek ein Zeichen. Waschek geht zu einem Ordner und entnimmt daraus ein Blatt Papier. Er reicht es Hempel, der sich neben Max hinsetzt und ihm brüderlich den Rücken tätschelt. In der Hand hält er das Blatt Papier)
Hempel: Max! Machen Sie sich keine Sorgen. Wir werden Ihre Frau finden! (Leise zu Waschek) Vielleicht ist sie dann sogar noch am Leben. (Wieder zu Max) Max, bitte unterschreiben Sie hier Ihre Aussage! (Er reicht Max das Blatt Papier und einen Schreibstift. Max, mit tränenverquollenen Augen, nimmt den Stift und das Papier. Er überfliegt das Blatt und setzt an zu unterschreiben. Im letzten Moment zieht er den Schreibstift zurück)
Max: Moment! Was steht hier eigentlich? (Liest das Kleingedruckte laut) Ich gestehe, dass ich meine Frau ermordet habe, aus Mordlust und Bosheit? Sind Sie verrückt? (Steht empört auf) Sie haben versucht mir ein Geständnis unterzujubeln!
Hempel: (Verlegen, zieht das Blatt Papier schnell zurück) Da habe ich mich wohl im Formular geirrt! Tut mir leid! (Verstohlen zu Waschek) Sie wissen gar nicht wie oft das funktioniert… (Wieder zu Max) Hier ist das richtige Formular! Beruhigen Sie sich wieder, diesmal ist es wirklich korrekt, ich schwöre es! (Fröhlich) Reine Bürokratie müssen Sie wissen, aber eine Unterschrift hier, ein Kreuzchen da und schon hat alles seine Ordnung! (Er reicht Max ein neues Formular, welches dieser skeptisch mustert. Es scheint korrekt zu sein, denn er nickt und unterschreibt anschließend. Der Polizist nimmt das richtige Formular und liest es. Plötzlich zuckt er zusammen.)
Hempel: Ja heilige Maria Mutter Gottes! Wollen Sie uns verarschen, Max?
Max: (ehrlich erstaunt) Was ist denn? Ich habe meine Aussage unterschrieben, wie Sie gesagt haben!
Hempel (eisig): Max, ich war wirklich geduldig mit Ihnen, aber jetzt werde ich ebenfalls richtig wütend. Sie sind nicht in der Stellung sich Scherze zu erlauben. Sehen Sie sich das an, Waschek!
Waschek: Was gibt’s denn Hempel?  (nähert sich Hempel von hinten und guckt über den Rand des Formulars. Zuckt zusammen): Ja ist das denn zu glauben? Der Schuft macht sich über uns lustig! (Ringt nach Luft und schreit) MÖSE!
Max: (ist verdutzt, liest das Formular noch einmal): Wie bitte? Möse? Was reden Sie da? Das ist mein Name! Max Öse! Abgekürzt M-Punkt-Öse!
Waschek (schnaubend): Sehr witzig! Möse! Jetzt ist endgültig Schluss mit dem Spektakel! (Er drückt auf eine Klingel und zwei starke Polizisten betreten den Raum. Er deutet auf Max) Ralf! Bernd! Tut mir den Gefallen und schafft diesen Mörder weg! Werft ihn in irgendein dunkles, feuchtes Loch! (Die beiden Polizisten  packen Max und zerren ihn aus dem Raum. Max schreit und strampelt aus Leibeskräften, während er abgeführt wird)
Max: Nein! Das könnt ihr nicht mit mir machen! Nein!
Hempel (Zündet sich eine neue Zigarette an. Schulmeisterhaft zu Max): Das haben Sie sich selbst zuzuschreiben! Ich hab Ihnen doch gesagt, dass Sie sich ein wenig kooperativer zeigen hätten sollen! (Max und die Polizisten passieren den Bühnenrand und die Schreie verebben langsam. Die Kommissare wenden sich einander zu)
Hempel: Ausgezeichnet. Der Fall ist so gut wie gelöst. Es ist nur mehr eine Frage der Zeit bis er die Nerven verliert und gesteht. Zu Außenstehenden ab jetzt nur mehr in Geheimsprache über diesen Fall. Wir spielen Blinde Kuh (zwinkert auffällig), verstehst du? Also, was meinst du, Operation „Blinde Kuh“ (zwinkert noch einmal auffällig) läuft doch wie am Schnürchen?
Waschek: Jaja, ich hab’s kapiert.
Hempel: Tja… (reckt und streckt sich ausgiebig) Wir müssen noch einen Bericht schreiben. Du weißt schon, über den Verlauf der Ermittlungen! (Macht bei „Ermittlungen“ ein zweideutiges Zeichen mit der Hand. Die beiden schauen sich an und beginnen zu lachen)
Waschek: Haha. Der war gut. Was machen wir diesmal? Gehen wir spazieren?
Hempel: Ja. Wir könnten einmal wieder den Bierpunks ein wenig Feuer unter dem Hintern machen, was hältst du davon?
Waschek: Sehr fein! Das wird ein Spaß! Wie spät ist es? Ach, schon zehn? Dann gehen wir gleich!
Hempel: Gut. Aber wir nehmen kleinen Kläffer mit. Man weiß ja nie. Komm, kleiner Kläffer! (Er pfeift und ein Polizeihund kommt kläffend in den Raum. Soll von einem Menschen in Hundekostüm gespielt werden)
Kleiner Kläffer: Wauwau. (Vorhang)

2. Akt

(Vor der Polizeistation. Ein Mann steht am Fuße der Treppe und trinkt Kaffee aus einem Pappbecher. Er ist groß, dünn und trägt einen farblosen Mantel. Er raucht eine Pfeife. Kleiner Kläffer, Hempel und Waschek kommen aus dem Gebäude)
Hempel (zu Waschek): Schauen Sie, da ist Freddy von der Spezialeinheit! (Zu Freddy) Hallo Freddy. Heute in zivil?
Freddy (fröhlich): Hallo Jungs! Ich bin zivil aus Gründen der Sicherheit, denn die Sicherheit hat höchste Priorität, wie ihr wisst. Und meine Einsätze sind höchst spezial. Wie läuft’s mit eurem Fall, Jungs?
Hempel: Operation „Blinde Kuh“ hat begonnen. Der Stier stößt gerade seine Hörner ab.
Freddy: Wie bitte? Was sagst du da?
Hempel: Du hast mich schon verstanden, Freddy. Der Stier stößt seine Hörner ab. Die Frage ist nun,  was macht die Kuh? (Zwinkert angestrengt)
Freddy (fällt aus allen Wolken): Achso, du meinst das Losungswort! Mein lieber Hempel, ich bin informiert, vor mir kannst du mit der Geheimniskrämerei ruhig aufhören.
Hempel (ungeduldig): Du hast selbst gesagt, dass die Sicherheit höchste Priorität hat! Also, raus mit der Sprache, aber schnell! Was macht die Kuh?
Freddy (beschwichtigend): Ist ja gut, Hempel! Das hab ich zwar nie gesagt, aber wenn du es unbedingt hören willst: Die Kuh kalbt im September. Sei um Himmels Willen nicht immer so paranoid.
Hempel (mürrisch): Man kann nie wissen. Nimm mir das nicht übel. Aber um auf deine Frage zurückzukommen: Unsere Fall läuft ausgezeichnet. Wir müssen nur noch die Ermittlungen abschließen.
Freddy (fröhlich): Ich wusste es! Ausgezeichnete Arbeit, wie immer. Ihr seid meine Jungs! Übrigens kennt ihr schon den? Ein Päderast, ein Chinamann und ein Fliegenpilz sitzen in der Dachrinne und stricken. Plötzlich kommt eine Birne vorbei geflogen. Sagt der Fliegenpilz zu der Birne: „Hey - Birnen können doch gar nicht fliegen.“ Sagt die Birne: „Wieso, ich bin doch die Birne Maja.“
Waschek (lacht prustend): Haha, zum Totlachen. Ich liebe Witze mit Birnen!
Hempel (lacht nicht): Sehr amüsant, Freddy. Wie immer. Jetzt müssen wir aber wirklich los.
Waschek: Ja, wir wollen den Bierpunks ein bisschen Feuer unter dem Hintern machen.
Hempel: Wiedersehen, Freddy. Und vergiss nicht: Die Kuh kalbt im September!
Freddy: Keine Sorge! Wiedersehen, Jungs. Seid vorsichtig!
Hempel: Ach, uns passiert schon nichts, wir haben ja kleiner Kläffer mit. Komm, kleiner Kläffer!
Kleiner Kläffer: Wauwau. (Hempel, Waschek und Kleiner Kläffer verlassen das Bild. Vorhang)

(Dunkelheit. Ein dunkles, feuchtes Loch, das in der Mitte durch eine Wand geteilt ist. In der einen Hälfte sitzt Max auf einer schmalen Pritsche und brütet vor sich hin. In der anderen Hälfte unterhalten sich zwei düstere Gestalten miteinander. Die beiden Räume sind durch ein schmales Schiebefenster miteinander verbunden)
Düstere Gestalt: Sie wissen, was sie zu tun haben, oder?
Dunkle Gestalt: Aber klar doch, Mann!
Düstere Gestalt: Sind Sie ganz sicher? Ein Versagen könnte irreparable Konsequenzen haben.
Dunkle Gestalt: Ganz ruhig, Mann, ich kenn mich aus. Ich bin der geborene Schauspieler.
Düstere Gestalt: Was reden Sie da? Hier ist ihr Text. Wenn Sie es gut machen, sind Sie in ein paar Wochen raus.
Dunkle Gestalt: Wunderbar. Lassen Sie mich nur machen.
Max (im anderen Raum, in elegischer Stimmung. Plötzlich ertönt eine Stimme aus der Nachbarzelle. Es ist die dunkle Gestalt im Nebenraum, die durch das kleine Schiebefenster spricht)
Dunkle Gestalt: Psssst. Ist hier jemand?
Max (blickt sich erstaunt um): Ja ich bin hier, wer ist dort?
Dunkle Gestalt (mit gespielter Dramatik): Ich bin’s, der Gefangene aus der der Nachbarzelle. Werden Sie hier auch fest gehalten?
Max (aufgeregt): Ja! Und dabei handelt es sich um ein großes Unrecht!
Dunkle Gestalt (mit brüchiger Stimme): Oh, wie gut es ist nach all den Jahren wieder eine menschliche Stimme zu hören. Ich sitze hier schon seit Ewigkeiten.
Max: Das ist ja furchtbar! Wie kam es dazu?
Dunkle Gestalt (seufzt): Ich habe Fehler gemacht. Wenn ich mehr mit den Beamten kooperiert hätte, wäre es um Einiges besser für mich gelaufen. Ich rate Ihnen, mein Sohn, spielen sie nur nicht den Trotzkopf, denn sonst lassen sie Sie hier unten verrotten!
Max (erschrocken): Aber ich bin unschuldig! Gibt es denn gar keine Gerechtigkeit mehr?
Dunkle Gestalt: Wohl kaum. Manchmal wünsche ich, ich könnte die Zeit noch einmal zurückdrehen. Jetzt ist alles zu spät.
Max: Was würden Sie anders machen?
Dunkle Gestalt: Ich würde einfach alles unterschreiben, was Sie mir vor die Nase halten, das ist der einzige Weg. Ansonsten gehen allein schon für die Dauer der Bürokratie ein paar Jahrzehnte drauf! Wenn sie mitspielen geht alles viel schneller und nach ein paar Jahren und bei guter Führung sind Sie wieder raus. (Düster) Aber ich habe das nicht getan und jetzt haben sie mich wohl hier vergessen.
Max (überrascht): Was Sie nicht sagen!
Dunkle Gestalt (aufgeregt): Oh, es kommt jemand! Ich muss aufhören. Nützen Sie Ihre Chancen, solange Sie sie haben!
Max: Warten Sie! Gehen Sie nicht weg!
Dunkle Gestalt (zu düsterer Gestalt): Na, wie war ich? (Max bleibt alleine im Dunkeln zurück. Vorhang)

(Eine heruntergekommene Wohnwagensiedlung. Zeitungen flattern über den Boden. Eine Gruppe von Bierpunks sitzt am Boden und trinkt Bier. Es sind zwei Männer und eine Frau in versifften Lederklamotten, mit Nieten, Hundehalsbändern, durchlöcherten Ohren und bunt gefärbten Haaren. Neben ihnen liegt ein Hund und schläft. Wie Polizeihund Kleiner Kläffer soll er von einem Menschen in Kostüm gespielt werden. Die beiden Kommissare und kleiner Kläffer treten auf. Waschek spricht durch ein großes Polizeimegafon)
Waschek: Hey, ihr Bierpunks! Still gestanden und die Ohren gespitzt! Hier spricht die Polizei. Wir sind gekommen, um euch zu verhören! (Vom  lauten Ton des Megafons  erschrocken, schauen die Bierpunks auf)
Hempel (leise zu Waschek): Sehr gut, Waschek. Die Überraschung ist auf unserer Seite. (Er und sein Kollege nähern sich den Bierpunks bis sie dicht vor ihnen stehen. Jetzt laut zu den Punks) Ihr habt gehört, was der Kollege gesagt hat. Wir werden euch ein paar Fragen stellen. Wenn ihr kooperativ seid, dann wird euch womöglich nicht viel passieren. Leistet ihr jedoch Widerstand, sind wir gezwungen von unseren Schlagstöcken und Pfeffersprays Gebrauch zu machen. Eventuell werden wir auch unseren extrascharfen Polizeihund auf euch loslassen. (Er verweist auf Kleiner Kläffer, der einmal laut bellt) Also, Bierpunks, überlegt es euch gut! (Die Bierpunks schauen erschrocken und sagen kein Wort) Habt ihr diese Frau schon einmal gesehen? (Hempel zeigt den Bierpunks ein Foto. Es handelt sich dabei um ein Abbild von Greta Öse, Max Öses verschwundener Frau. Die Punks - Schnorri, Rotti und Buffi –- schauen sich neugierig das Foto an)
Schnorri (mit leichtem Zungenschlag zu den anderen Punks): Die Polizei ist hier.
Rotti: Ja, ich seh’s. (lallend zu Hempel) Hast du mal ne Mark? Für Bier und Hundefutter. Ein paar Euros wären auch OK.
Buffi: (zu den anderen Punks) Eyy, kann einer von euch endlich mal das Klo putzen? Ich hab keine Lust mich ständig auf Kotze zu setzen!
Rotti: Apropos! Wir haben kein Bier mehr. Ich geh mal eins holen. (Steht auf wankt aus dem Bild. Wendet sich dabei den beiden Polizisten zu). Wollt ihr Jungs vielleicht auch ein Bier? (Verschwindet)
Hempel (aufgeregt zu Waschek): Waschek, sie kooperieren nicht! Wir müssen etwas unternehmen!
Waschek: (zieht eine Pfeife aus der Tasche und bläst hinein. Der schrille Ton hallt unangenehm laut über das Setting. Die Bierpunks halten sich erschrocken die Ohren zu. Er ist wütend) Schluss mit dem Spektakel! Wir sind nicht zum Spaß hier! Ich verlange Disziplin und Respekt! (Durch den Lärm wacht der Hund der Bierpunks auf. Er hebt müde sein Ohr und hustet leise)
Buffi (vorwurfsvoll): Oh seht nur, jetzt haben sie Fufi aufgeweckt.
Schnorri: Oh nein, der arme Fufi. Dabei hat er so friedlich geschlafen.
Buffi (sehr betrunken, wütend): Da, seht, was ihr angerichtet habt! (Hempel und Waschek schauen verdutzt. Der Polizeihund Kleiner Kläffer nähert sich Fufi misstrauisch und beginnt spielerisch nach ihm zu schnappen)
Buffi (zu kleiner Kläffer): Oh nein, lass den guten Fufi in Ruhe. Fufi hat zum Frühstück zwei Bier bekommen und ist jetzt müde
Hempel (zu Waschek): Heilige Maria Mutter Gottes, haben Sie das gehört? Sie geben dem armen Tier Alkohol. Und sie zeigen keinerlei Disziplin und Respekt vor dem Gesetz! Grund genug sie alle miteinander wegzusperren bis sie schwarz werden!
(Fufi gibt einen kläglichen Laut von sich und erhebt sich schwankend. Die Annäherungsversuche von Kleiner Kläffer ignorierend stakst er auf seinen dünnen Beinchen auf Hempel und Waschek zu und bleibt vor ihnen stehen. Mit einem würgenden Geräusch ergießt sich ein grüner Schwall aus seinem Maul auf die Schuhe der Kommissare. Dann dreht er sich um und trottet zurück zu den Punks, wo er wieder seine Schlafposition einnimmt. Kleiner Kläffer bellt aufgeregt und schnüffelt an den besudelten Schuhen)
Waschek: (rot vor Zorn) Ist das denn die Möglichkeit? Das Vieh kotzt auf uns!
Hempel: (schrill) Jetzt sind sie zu weit gegangen. Niemand schändet ungestraft die Schuhe einer Ordnungsmacht. (Zu Waschek) Was stehen Sie noch so unbeweglich herum? Ziehen Sie die Attentäter zur Rechenschaft!
(Waschek zieht seinen Schlagstock und nähert sich den beiden immer noch am Boden sitzenden und Bier trinkenden Punks. Er holt aus und schlägt Schnorri wuchtig auf den Arm)
Schnorri: (schreit vor Schmerz) Auweh! Was soll das? Das hat richtig wehgetan! (Dann leiser, aber dennoch deutlich hörbar) Scheißbulle!
Hempel: (aufgeregt): Da, da, da! Haben Sie das gehört, Waschek? Er hat es schon wieder getan! Sie respektieren einfach nicht unsere Autorität! Bestrafen Sie sie – alle beide! Und sparen Sie nicht mit dem Pfefferspray!
Waschek: Aber mit größtem Vergnügen, mein lieber Hempel!
(Er holt wieder mit seinem Schlagstock aus. Mit der anderen Hand zieht er eine kleine Sprühdose aus den Taschen seiner Uniform. Schnorri und Buffi  heben schützend ihre Arme vors Gesicht und kauern sich aneinander. Kurz bevor der Polizist jedoch eine neuen Schlag landen kann, trifft ihn plötzlich eine Bierdose, die von der Seite auf die Bühne fliegt. Er hält jäh in der Bewegung inne)
Waschek: (verdutzt) Nanu – was war das denn? Etwas hat mich getroffen!
Hempel: (erregt) Egal, nun machen Sie schon weiter! Züchtigen Sie die Unruhestifter!
(Da fliegen mit einem Mal von allen Seiten weitere Bierdosen auf die Bühne. Teils treffen sie die Polizisten, teils zischen sie knapp an ihnen vorbei. Die Schüssen scheinen aus den umliegenden Wohnwägen zu kommen. Gleichzeitig ertönen Rufe wie „Scheißbullen“, „Keine Macht dem Staat“, „Fickt euch, ihr Faschistenschweine“. Hempel und Maschek weichen erschrocken zurück. Kleiner Kläffer und Fufi bellen aufgeregt. Die beiden Punks kauern sich aneinander)
Hempel (ängstlich): Sie leisten Widerstand! Das Pack wagt es tatsächlich Widerstand zu leisten!
Waschek: Ach was. Das sind doch nur Dosen, noch dazu leere Dosen. Alles halb so wild.
Hempel (panisch): Sie haben eine Ahnung! Sie werden uns mit ihren Geschossen steinigen! (Er wird von einer Dose direkt auf die Nase getroffen und bricht jammernd zusammen. Der Dosenbeschuss geht stetig weiter)
Waschek (ungehalten): Blödsinn, alles Blödsinn! Und jetzt ist endgültig Schluss mit dem Spektakel! (Er zieht seine Dienstwaffe und feuert wild auf die umliegenden Wohnwagen. Das Bombardement verebbt. Ruft laut mit drohend erhobener Pistole) Und nun kommt raus aus euren Löchern! Stellt euch in einer Reihe auf und lasst schön die Hände oben. Ihr seid alle verhaftet! Und ihr (mit einem Seitenblick auf Schnorri und Buffi, die immer noch sich ängstlich umklammernd am Boden sitzen) steht auf, aber ganz langsam, ich behalte euch im Auge! (Die beiden Bierpunks erheben sich ängstlich)
Hempel (beruhigt sich. Richtet sich wieder auf und schnäuzt sich): Sehr gut, Waschek! Sie haben in einer brenzligen Situation das einzig Richtige getan! Ich arbeite gerne mit Ihnen zusammen!
(Die Polizisten beginnen Schnorri und Buffi grob nach Waffen zu untersuchen. Kleiner Kläffer läuft schwanzwedelnd um sie herum. Fufi winselt kläglich. Plötzlich kommt Rotti mit einer neuen Palette Bier zurück. Offensichtlich  hat er die Zuspitzung der Situation nicht mehr mitbekommen, denn er drückt Schnorri  und Buffi eine neue Dose in die Hand. Auch die beiden Polizisten bekommen ein Bier sowie Polizeihund Kleiner Kläffer und Fufi, der Hund der Bierpunks, das er ihnen mit einem Knacken öffnet und in einen Hundenapf einschenkt. Die Polizisten sind perplex. Er lallt laut):  So, dann wollen wir mal, Jungs! Wohl bekomm’s!
(Er prostet die Polizisten an. Die beiden wirken aus dem Konzept gebracht. Zögerlich trinken sie einen Schluck aus der Dose. Vorhang)

3. Akt

(In der Gefängniszelle. Max knüpft sich aus einem Kabel eine Schlinge, die er an einem Haken über sich befestigt. Darunter platziert er einen Hocker und setzt sich darauf. Währenddessen schreibt er auf ein Blatt Papier)
Dunkle Gestalt (aus Nachbarzelle): Psssst! Psssst! (Max schaut kurz auf, schreibt aber unbeeindruckt weiter)
Dunkle Gestalt: Psssst! Ich bin’s wieder, der Zellennachbar!
Max (ohne aufzuschauen): Ja? Was gibt’s denn noch?
Dunkle Gestalt (reuig): Ich muss Ihnen etwas gestehen! Mein Text vorhin war komplett erfunden. Sie haben mir versprochen mich früher raus zu lassen, wenn ich Sie zu einem Geständnis verleiten kann. Tun sie aber nichts dergleichen, das wäre äußerst fatal!
Max (kühl): Das dachte ich mir bereits. Aber für mich spielt das alles keine Rolle mehr, denn ich habe beschlossen mein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen.
Dunkle Gestalt: Ach, was haben Sie denn vor? Wollen Sie ausbrechen? (lacht)
Max: So ist’s. Könnten Sie mich jetzt bitte in Ruhe lassen, denn wie Sie vielleicht gemerkt haben, bin ich gerade dabei etwas zu schreiben.
Dunkle Gestalt (neugierig): Was schreiben Sie denn? Darf man das vielleicht auch lesen? Sie sind doch nicht etwa ein Dichter?
Max (ein wenig geschmeichelt): Nicht direkt und eigentlich ist es nicht für die Öffentlichkeit bestimmt, aber ich bin tatsächlich gerade dabei ein Gedicht zu schreiben. Nur so kann ich nämlich die Gefühle ausdrücken, die in mir toben.
Dunkle Gestalt: Oh, wie toll! Lassen Sie doch mal was hören!
Max: Ach, ich weiß nicht so recht…
Dunkle Gestalt: Nun kommen Sie schon! Ich bin kein anspruchsvolles Publikum. Glauben Sie mir, es kann ziemlich langweilig hier unten werden.
Max (lässt sich hinreißen): Na gut, was soll’s… Das Gedicht handelt von meiner verlorenen Liebe Greta. Obwohl sie gegangen ist, möchte ich ihr diese kleine Dichtung widmen. (Die dunkle Gestalt gibt einen Laut der Rührung von sich) Es trägt den Titel „An eine Öse“! Also, dann hören Sie einmal gut zu! (Räuspert sich und beginnt zu rezitieren)

An eine Öse

Greta, zarteste Blume von allen,
Wie gerne küsste ich deine arabesken Lippen und
Schwamm im Azurblau deiner Augen.
In den Winden deines Wimpernschlages umsegelte ich so manche Küste.

Deine Hände sprachen Bände, wenn es galt ein Haus zu bauen und
Mich an deinen Tisch zu setzen.
Du kochtest süße Speisen aus meinem Herzkranzapfel und
Würztest sie mit dem Ingwer, der in meinem Zwerchfell wuchs.

Stets suchte ich das Geheimnis deiner Hüften zu lüften,
Kelterte den Honig deiner Lenden und
pflückte deines Schoßes Hyazinthe.
Greta, meine Öse,
Nur zu gerne gab ich mir vor dir die Blöße und
Streifte durch den Garten meiner Lüste auf der Suche nach deines reifen Apfels Po.

Greta, prächtigste Blüte von allen,
Bitter schmeckt die Frucht der Wirklichkeit.
Du gingst an einen fernen Ort,
Wenn die Nacht vorüber ist
Bin ich schon lange fort.

(Max verstummt und senkt traurig den Kopf. Aus der Nachbarzelle dringt Klatschen)
Dunkle Gestalt (ergriffen): Das war vielleicht ergreifend. Darüber wird sich ihre liebe Greta sicher sehr freuen!
Max (mürrisch): Vermutlich. (Plötzlich ertönt das Geräusch von Schritten. Männer kommen eine Treppe herab und betreten den Kerkerraum)
Dunkle Gestalt: Ohje, da kommt jemand! Ich muss weg! Alles Gute für Sie, Herr Dichter!
Max: Jaja, danke. (Das Geräusch von Schlüsseln, die eine Tür aufschließen, ist hörbar. Die beiden ermittelnden Polizisten und Kleiner Kläffer betreten Max Zelle. Sie sind offenbar sehr betrunken, denn sie wanken und artikulieren undeutlich. In der Hand halten sie eine Bierdose, aus der sie von Zeit zu Zeit trinken. Kleiner Kläffer jault kurz und legt sich in eine Ecke, um zu schlafen).
Hempel: Mein lieber Max, wir sind zurück. Wie geht es Ihnen denn?
Max: Sparen Sie sich ihre Floskeln! Was ist bei den Ermittlungen herausgekommen?
Hempel: (lallend) Im Laufe unserer vielschichtigen und komplexen Ermittlungen sind wir zu einer Reihe… (sucht nach den richtigen Worten) vielschichtiger und komplexer Erkenntnisse gelangt. (Nähert sich Max mit seinem Gesicht und sagt mit gedämpfter Stimme) Ich würde Ihnen ja gerne sagen, was wir herausgefunden haben, aber ich darf leider nicht - ist nämlich alles TOP-SECRET!
Max: Igitt, Sie stinken nach Alkohol!
Waschek: (ebenfalls betrunken, hat sich aber noch besser unter Kontrolle) Das tut nichts zur Sache. (Deutet auf den Hocker und das zu einem Strick geflochtene Kabel) Was soll das hier überhaupt werden?
Max: Nichts Besonderes. Eine kleine Gymnastikübung.
Waschek: Blödsinn, alles Blödsinn! (Zu Hempel) Sehen Sie nicht, was der Schuft vorhat? Umbringen will er sich und sich so seiner rechtmäßigen Strafe entziehen!
Hempel (bestürzt): Seiner rechtmäßigen Hinrichtung meinen Sie wohl! Denn… (wendet sich Max zu und deutet fahrig mit seinem Zeigefinger auf ihn) Max Öse, ich verurteile Sie hiermit zum Tode!
Max: (erschrocken) Wie bitte? Wie soll das gehen? Ohne Beweise, Gerichtsverhandlung, Richter, Geschworene, Zeugen? Dazu haben Sie kein Recht!
Hempel (lallend): Was Sie nicht sagen! (Torkelt ein paar Schritte durch den Raum, laut) Dazu habe ich alles Recht der Welt! Nicht wahr? (Plötzlich guckt Freddy von der Spezialeinheit  in den Raum. In der Hand hält er seine Pfeife)
Freddy (fröhlich): Das kann ich nur bestätigen! Macht weiter so, Jungs! Gute Arbeit! (Hebt bekräftigend seinen Daumen und verschwindet wieder)
Max (angstvoll): Nein! Ich verlange einen Prozess, einen Richter, Zeugen, Geschworene…
Waschek (unterbricht ihn): Was regen Sie sich eigentlich so auf? Ich denke Sie wollten sich ohnehin umbringen?
Max: (zögerlich)  Ja, schon… Aber doch nicht heute… Morgen oder Übermorgen vielleicht.
Hempel: Was du heute kannst besorgen, verschiebe nicht auf morgen! Los, exekutieren wir diesen Mann! (Die Polizisten packen Max und stellen ihn auf den Hocker. Einer fesselte ihn, während der andere ihm die von ihm selbst gefertigte Schlinge um den Hals legt)
Max (strampelnd, schreiend): Nein! Ich verlange Gerechtigkeit! Ihr Schweine!
Hempel: Ich habe Ihnen gleich gesagt, Sie hätten sich kooperativer zeigen sollen. Wir sind die Gerechtigkeit  Jetzt ist es zu spät!
Max (außer sich): Ihr gemeinen Schufte, dann bringt mich eben um! Mir ist sowieso alles egal! Aber eins sage ich euch, eines Tages werdet ihr auch vor einem Gericht stehen und es wird ein höheres als dieses hier sein und dann nützen euch eure lächerlichen Uniformen und Knüppel gar nichts mehr! Und ich werde der Henker sein, der euch höchstpersönlich baumeln lässt! (schreit nach oben) Greta! Ich komme! Tut mir leid, dass ich dich umgebracht habe! (Die Kommissare halten bei dieser Aussage inne. Zu Max)
Waschek: Was haben Sie gerade gesagt? Tut mir leid, dass ich dich umgebracht habe?
Max (schaut wie jemand, der bei etwas Peinlichem ertappt wurde. Sehr aufgewühlt): Ja! Aber es war ein Unfall. Wir haben gestritten und ich musste sie ein wenig zu würgen, damit sie endlich ihre Klappe hält, aber je länger ich sie würgte, umso weniger konnte ich damit aufhören und umso mehr gefiel mir der Ausdruck auf ihren großen, geweiteten Augen, die so wunderbar schimmerten und dann war es schon zu spät. (Er schnauft heftig, während er spricht) Nachher hat es mir natürlich herzlich leid getan, aber was sollte ich da noch machen? Zunächst musste ich die Leiche irgendwohin verstecken. Ich bin also mit ihr in den Wald gefahren und habe mit einem Spaten ein tiefes Loch gegraben. (Die Polizisten sind sehr überrascht) Aber keine Sorge, ich habe alles auf einer Karte eingezeichnet. Hier, hier, nehmen Sie! Nehmen Sie nur, nehmen Sie nur! (Fischt mit seinem Mund ein zusammengefaltetes Stück Papier aus seiner Brusttasche und wirft es den beiden Polizisten zu)
Waschek (kopfschüttelnd, zu Hempel, der wie versteinert auf die Karte blickt): Wer hätte das gedacht? Ich jedenfalls nicht! Aber jetzt, wo er gestanden hat, können wir ihn ja guten Gewissens aufhängen!
Max (aufgeregt): Vielleicht sollten Sie mal nach der Leiche sehen. Ohja, ich mache mir nämlich schon Sorgen um meine liebe Greta, schauen Sie bei ihr vorbei! Wilde Tiere könnten Sie wieder ausgegraben haben. Wahrscheinlich kann man sie schon riechen, es ist ja schon fast drei Wochen her.
Hempel (noch immer auf die Karte starrend): Ohje, mein lieber Waschek, ich fühl mich plötzlich gar nicht mehr wohl. (Rülpst) Ich fürchte gleich kommt es zu einer Eskalation!
Waschek: Setzen Sie sich lieber, Sie sind ja ganz weiß um die Nase! Ich habe Ihnen ja gesagt, dass Sie nicht so viel Bier trinken hätten sollen!
Hempel (sagt nichts, stattdessen kotzt er einen grünen Schwall mitten auf die Bühne. Fällt auf den Boden und würgt leise wimmernd weiter)
Waschek: Aber Hempel! Nun reißen Sie sich aber mal zusammen! Sie sauen ja hier alles voll! Hier nehmen Sie das! (Nimmt ihm seine Mütze ab und gibt Sie ihm als Gefäß. Hempel erbricht dankbar hinein)
Waschek: Und jetzt wieder zu Ihnen! Das ist wirklich ein starkes Stück! Sie haben also tatsächlich ihre Frau auf dem Gewissen! Und Sie haben wirklich geglaubt, dass Sie damit durchkommen?
Max (trotzig): Selbstverständlich!
Waschek: Wenn Sie sich da nicht täuschen! Jetzt kommt die wohlverdiente Strafe für Ihre Missetaten! Sehen Sie nur, was Sie meinem braven Kollegen angetan haben! (Geht zu dem Hocker, auf dem Max steht und will ihn wegstoßen. Kurz bevor er den Stoß ausführen kann, ertönt plötzlich eine geisterhafte Stimme)
Geisterhafte Stimme: Haltet ein, haltet ein! Oh, ihr Menschen haltet ein!
Waschek (blickt sich hektisch um): Wer spricht da? Waren Sie das, Herr Kollege? (Hempel, der immer noch am Boden liegt und sich erbricht, schüttelt den Kopf. Von oben schwebt eine geisterhafte, weiße Frau auf die Bühne herab. Es ist der Geist von Greta Öse, der erscheint)
Greta Öse: Oh, ihr Menschen, ich sage euch, haltet ein!
Max (aufgeregt): Greta! Bist du das?
Greta Öse (sanft): Ja, ich bin’s, mein lieber Max.
Max: Aber wie ist das möglich? Ich dachte du wärst tot?
Greta Öse: Das bin ich auch. Ich komme gleich zu dir, Max! Lass mich das hier vorher nur noch erledigen. (Wütend zu den beiden Polizisten) Ich muss mich noch um diese beiden Wüstlinge kümmern, die meinem lieben Max etwas zu leide tun wollen!
Waschek (erschrocken): Wer sind Sie? Wie sind Sie hier hereingekommen? Weisen Sie sich auf der Stelle aus!
Greta Öse: Ich bin Greta Öse, Maxens verstorbene Frau. Ich bin gar nicht hereinkommen, ich bin erschienen. Ausweisen kann ich mich leider nicht, da ich unter meinem weißen Gewand gänzlich nackt bin.
Waschek (schroff): Das ist schlecht für Sie. Nur zu gut, dass wir gerade beschäftigt sind, denn sonst würden wir Sie erstmal gründlich verhören. Und jetzt verschwinden Sie auf der Stelle, wer immer Sie auch sind, sie stören eine streng vertrauliche Polizeioperation!
Greta Öse: Nie und nimmer werdet ich zulassen, dass ihr meinem lieben Max etwas zu leide tut! (Schwebt langsam auf den Polizisten zu. Dieser bekommt es mit der Angst zu tun und zieht seine Waffe)
Waschek: Stopp! Kommen Sie nicht näher oder ich muss von meiner Dienstwaffe Gebrauch machen. Und hören Sie um Himmels Willen auf zu schweben!
Greta Öse: Nichts dergleichen werde ich tun. Es ist Zeit, dass ihr Bösewichter eure rechtmäßige Strafe erhaltet!
Waschek: Ist das eine Drohung? Was fällt Ihnen ein einem Ordnungshüter zu drohen? Einen Schritt weiter oder ich schieße! (Beginnt wild auf den Geist von Greta Öse zu schießen, doch die Kugeln können ihr klarerweise nichts anhaben. Schließlich ist das Magazin leer geschossen und nur mehr das nutzlose Klicken der Trommel ist zu hören. Greta Öses Geist kommt dicht vor dem Polizisten zu stehen. Dieser drängt sich panisch zitternd an die Wand)
Greta Öse: Schluss damit! Ab in den Kot zu deinesgleichen, wo du hingehörst! (Packt Waschek am Kragen und wirft ihn mit erstaunlicher Kraft in die breite Lache aus Erbrochenen, die sein Kollege dort hingespieen hat)
Greta Öse: Und hier bleibt ihr nun erstmal sitzen! Und ich will keinen Mucks hören oder es soll euch schlecht ergehen! Habt ihr mich verstanden? (Die beiden Polizisten nicken furchtsam und kauern sich aneinander)
Max (erfreut): Greta! Du hast mich gerettet! Ich bin so froh dich zu sehen.
Greta Öse: Max. Es ist auch schön dich zu sehen! Dennoch bin ich nicht nur gekommen, um dich zu retten. (Zögert kurz) Vielmehr, um dich zur Rechenschaft zu ziehen.
Max (überrascht): Greta! Ja, tu das. Aber vorher binde mich los!
Greta Öse: Max, ich bin böse mit dir. Du hast mich erwürgt und meinen Körper im Wald vergraben.
Max (erinnert sich): Aber Greta! Ich habe dir vor unserer Heirat gesagt, dass ich jähzornig bin! Und es hat mir nachher aufrichtig leid getan!
Greta Öse: Nein Max, diesmal kommst du mit einer Entschuldigung nicht so leicht davon. Du bist wirklich zu weit gegangen.
Max (wütend): Greta, was soll das? Bind mich auf der Stelle los oder ich werde richtig wütend!
Greta Öse: Nein Max, du musst endlich lernen aus deinem Verhalten die Konsequenzen zu ziehen. Und deshalb… (nähert sich dem Hocker auf dem Max steht) … deshalb werde ich dich jetzt bestrafen!
Max (in Todesangst): Greta! Nein! (Der Geist von Greta Öse wirft mit einem kräftigen Stoß den Hocker um. Max fällt nach unten und die Schlinge zieht sich um seinen Hals. Er wird rot im Gesicht und gibt röchelnde Laute von sich)
Greta Öse (zufrieden): So Max, jetzt siehst du wie es sich anfühlt, wenn man stranguliert wird!
Max: (röchelnd): Greta! Nein! Bitte! (Greta bleibt unbeweglich stehen. Schließlich hört Max auf zu strampeln und stirbt. Greta kappt das Seil und Max sackt leblos auf den Boden. Vorhang)

(Die Bühne erstrahlt in einem merkwürdigen Licht, das von oben herab kommt. Am Boden sitzen die beiden Polizisten immer noch in dem Erbrochenen, daneben liegt der leblose Körper von Max. Gleichzeitig schwebt ein zweiter Max in einem weißen Nachthemd in der Luft. Er blickt sich erstaunt um. Neben ihm in der Luft schwebt Greta)
Max: Was ist mit mir passiert? Wo bin ich?
Greta Öse (fröhlich): Du bist tot, Max. Willkommen in der Geisterwelt!
Max (ungläubig): Ich bin tot? Wie kann das sein? Ich fühle mich so… (denkt nach) so… ja wie fühle ich mich denn?
Greta Öse (wissend): Du fühlst dich von aller irdischer Last befreit!
Max (sein Gesicht hellt sich auf): Du hast recht! Ich fühle mich großartig! So frei und leicht! (Fliegt enthusiastisch eine Runde über die Bühne. Kommt schließlich wieder bei Greta zu stehen)
Max: Greta, tut mir leid, dass ich dich umgebracht habe.
Greta Öse: Ach Max. Mir tut es auch leid. Aber Schwamm drüber. Wir sind nun an einem besseren Ort.
Max (froh. Blickt ins Licht): Ja du hast recht. Hier gibt es keine Polizisten und Gesetze und Akten. Auch keine Kotze und Bierdosen!
Greta Öse: Ja, hier gibt es andere Dinge, bessere Dinge! Ich werde dir alles zeigen! (Sie schmiegt sich an Max und küsst ihn) Komm! (Nimmt Max an der Hand und sie fliegen nach oben. Vorhang)

Ein Mann

klippo

Ein Mann – nennen wir ihn Andre – geht die Straße entlang. Es ist eine Allee, prächtig anzusehen und gesäumt von riesigen Kastanienbäumen, die an den Seitenrändern weit verzweigt in den Himmel ragen. In der Ferne quietschen Reifen und das Chrom von Karosserien blitzt durch die Luft.

Der Mann, der die Straße entlang geht, trägt ein weißes Hemd und weite Hosen ohne Gürtel, die durch Hosenträger an seinen Leib gehalten werden. In der Hand hält er einen Koffer, den er von Zeit zu Zeit durch die Luft schlenkern lässt. Der Mann oder Andre – denn ihn so zu nennen haben wir eine Übereinkunft getroffen – ist guter Laune, denn er wird heute verreisen. Er weiß nicht, dass er nur mehr zehn Minuten zu leben hat.

„Stopp!“, schreit plötzlich eine Stimme. Andre dreht sich um und sieht, dass hinter ihm ein Polizist steht und warnend die Hand hebt.

„Stopp!“, ruft der Polizist abermals, „Würden Sie mir bitte verraten, wohin Sie es so eilig haben?“ Er mustert Andre streng. Dabei blinzelt er immer wieder in die Sonne, die ihm direkt durch die Kastanienblätter in die Augen scheint und wölbt seine Handfläche schützend über dem Nasenrücken.

„Ich gehe zum Bahnhof“, sagt Andre fröhlich. „Ich habe nämlich vor zu verreisen!“

„Das ist gut für Sie, sehr gut für Sie“, entgegnet der Polizist. Er schnauft heftig beim Reden und blinzelt in das grelle Licht. Die sich anbahnende Hitze macht ihm zu schaffen. Kein Wunder, denn er ist bei Gott nicht mehr der Jüngste. Weißes Gestrüpp sprießt ihm wie Löwenzahnsamen aus seinem Gesicht und wuchert wild nach allen Seiten hinfort.

„Gehen Sie nun weiter“, sagt der Polizist und atmet schwer, „Immer gerade aus, die Allee hinunter. Nach einem Weilchen kommen Sie zu dem Platz auf dem sich der Bahnhof befindet.“

„Danke“, sagt Andre, „Ich weiß aber ohnehin, wo sich der Bahnhof befindet. Ich habe mich auf meine Reise vorbereitet.“

„Ausgezeichnet“ entgegnet der Polizist schnaufend, „Sie sind ein sorgfältiger Mann. Das gefällt mir. Ich werde Sie nicht weiter aufhalten. Schauen Sie vor ihrer Abreise nur noch in dem Geschäft an der Ecke vorbei. Hier haben Sie einen Gutschein!“ Er reicht Andre ein kandisfarbenes Blättchen Papier. Währenddessen schwillt das weiße Gestrüpp in seinem Gesicht immer weiter an und beginnt ins Ungeheuerliche zu wachsen. Die Nieten seiner Uniform platzen wie reife Fruchtkapseln und es zwirbelt ihm die Polizeimütze vom Kopf. Andre nimmt den Gutschein, bedankt sich ein weiteres Mal und geht weiter.

Nur kurz werde ich das Geschäft aufsuchen, denkt er sich, denn ich will meinen Zug nicht versäumen. Andre ahnt nicht, dass er nur noch acht Minuten zu leben hat.

Am Ende der Allee taucht das Geschäft auf. Schaufenster erstrahlen blank geputzt, dahinter schimmern rote, blaue, gelbe und grüne Süßigkeiten wie kostbares Geschmeide und Zuckerkrokant glitzert. Frisch gegossene Schokolade schäkert in süßer Bräune.

Als Andre die Tür öffnet, schellt die Ladenglocke schrill. An der Theke steht ein kleiner Mann mit Brille und silbrigen Haaren. Er blickt Andre böse an.

„Man hat mir das hier gegeben“, sagt Andre und reicht dem Ladeninhaber den kandisfarbenen Zettel. Der Besitzer ergreift ihn und beäugt ihn misstrauisch mit seinen kleinen Geieraugen. Man merkt sofort an ihrem missbilligenden Funkeln, dass er sich nicht über dieses Stück Papiers zu freuen scheint. Er zerreißt es mit einer mürrischen Bewegung und meint: „In Ordnung. Suchen Sie sich einen Artikel Ihrer Wahl aus! Aber fassen Sie nicht zu viel an!“

Ratlos blickt sich Andre in dem Geschäft um. Er weiß nicht nur nicht, was er nehmen soll, es ist ihm auch einerlei. Er hat sich nie viel aus Süßigkeiten gemacht. Sein Blick schweift über die Regale. Hie und da nimmt er ein glänzendes Stück Zucker- oder Schokolade in die Hand und blickt es für eine Sekunde an. Stets folgen ihm dabei die misstrauischen Geieraugen des Geschäftsinhabers, der ihn voll unverhohlener Abneigung anblickt. Um ihn besser kontrollieren zu können, reckt er nach und nach immer weiter seinen langen, kahlen Hals nach vorne, bis er ihn schließlich soweit vorgestreckt hat, dass er dicht hinter Andre durch den Raum mitwandern kann. Verstohlen nähert er sich Andres Nacken, um ihm so heimlich über die Schulter gucken zu können.

„Ich werde DAS hier nehmen“, sagt Andre kurz entschlossen und greift nach einem Objekt direkt vor ihm. Er dreht sich abrupt um und wendet sich wieder der Schokoladentheke zu. Noch im selben Moment schnellt der Kopf des Besitzers in dessen Nacken zurück und der Hals schrumpft wieder auf seine ursprüngliche Länge.

„Eine ausgezeichnete Wahl!“, ruft er und tut so, als ob nichts gewesen wäre. Seine Augen blitzen hasserfüllt. Mit seinen scharfen Krallen bedient er umständlich die Kasse. „Soll ich es Ihnen einpacken?“, fragt er sogar noch mit falscher Höflichkeit, während ihm ein spitzer Schnabel aus dem Gesicht wächst.

„Nein danke!“ Andre winkt ab. „Ich habe es nämlich ziemlich eilig. Ich muss meinen Zug erwischen!“ Er packt das von ihm erwählte Objekt und wirft es in seinen Koffer. Hastig verlässt er den Laden. Hinter ihm krächzt es und aus den Augenwinkeln sieht Andre noch wie Federn durch die Luft wirbeln und sich zwei große, schwarze Schwingen aus dem Gewand des Schokoladengeschäftbesitzers schälen. Gerne hätte er das seltsame Schauspiel noch weiter beobachtet, doch dafür bleibt keine Zeit. Andre muss seinen Zug erwischen. Er ahnt immer noch nicht, dass er nur mehr fünf Minuten zu leben hat.

Die Sonne blendet ihn als er ins Freie tritt. Die Kastanienbäume wiegen sich erhaben in ihrem gleißenden Licht. Es ist jetzt richtig heiß geworden. Schnellen Schrittes geht Andre die Straße hinunter. Er hat es sehr eilig und ist froh, als sich die grünen Blattkronen der Bäume endlich lichten und er den Bahnhof erreicht. Der Platz davor ist ganz mit Leuten angefüllt. Andre wirft sich in die Menschenfluten und zwängt sich durch die vielen Leiber, die plötzlich vor ihm auftauchen und wie eine Wand aus Wasser vor ihm wogen. Im Gewühl der Körper ist es laut und hektisch. Stimmen fließen durcheinander und ähneln in ihrer Beschaffenheit dem Brausen eines Flusses. Aber Andre lässt sich nicht aufhalten und rudert wild mit den Armen, um so das das Bahnhofsgebäude am anderen Ende des Platzes zu erreichen. Er weiß, dass er sich verspätet hat und der Zug jede Sekunde abfahren kann.

Endlich erreicht er die Bahnhofshalle und sein Blick fällt sofort auf die Anzeigetafel mit den abfahrenden Zügen. Er atmet tief durch, als er erkennt, dass es nun um Sekunden geht. Sein Zug geht auf Bahnsteig zwei und ihm bleiben exakt noch sieben Sekunden um ihn zu erreichen. Noch immer strömen von allen Seiten Menschenmassen in den Raum und versuchen ihn mit ihren Leibern hinfort zu spülen. Schweiß perlt auf Andres Schläfen und verklebt sein Haar. Er weiß, dass er sich in einer schwierigen Situation befindet, in der er seine ganze Kraft und Geschicklichkeit aufbieten muss, um sie zu bewältigen.

Den Koffer fest umklammernd, stürzt er dem richtigen Ausgang entgegen. Immer wieder streifen ihn die schweren Körper der Passanten und drohen ihn aus dem Gleichgewicht zu bringen. Ein Blick auf die Uhr sagt ihm, dass noch drei Sekunden bis zur Abfahrt verbleiben. Da ertönt auch schon das Signal des abfahrenden Zuges wie ein grausamer Folterlaut, der sich unbarmherzig und kaum durch die Luft abgeschwächt in die Windungen seiner Gehörmuschel frisst, an Hammer, Amboss, Steigbügel vorbeischrammt, und sich in das Schneckengehäuse seines gärenden Hirnes bohrt, um dort als feurig schillerndes Ejakulat zu zerplatzen. Es bleiben noch zwei Sekunden. Dann ist es nur noch eine. Jetzt ist alles vorbei. Eine Hand ergreift Andre und zieht ihn im letzten Augenblick in einer Wolke aus Dampf und Rauch in das Innere des Wagons. Sogleich schließt sich die Türe dahinter und der Zug beginnt zu rollen. Was ist passiert, denkt sich Andre verwirrt, als er mit pochenden Herzen auf einen der Sitze fällt und in Schwärze versinkt. Nun sind es nur mehr zwei Minuten, die er noch zu leben hat.

Als er die Augen wieder öffnet, sieht er zunächst lediglich das fließende Grün und Blau der vorbeiziehenden Landschaft und des azurfarbenen Himmels außerhalb des Zugfensters. Um ihn herum rascheln Zeitungen, Stimmen murmeln gedämpft und ab und zu ertönt die quäkende Stimme eines kleinen Kindes. Es riecht nach reisenden Menschen. Andre atmet erleichtert auf.

„Das war ziemlich knapp!“, sagt die alte Dame, die ihm gegenüber sitzt und lacht. Andre erkennt, dass sie es war, die ihn im letzten Moment in den Zug gezogen hatte. Ihre faltige Haut ist stark gepudert und geschminkt und sie trägt ein buntes Kleid mit Blumenmuster. Dazu verströmt sie einen starken Maiglöckchenduft. Andre bedankt sich höflich bei ihr für ihre Hilfe.

Er öffnet seinen Koffer und beginnt die Zeitungen zu lesen, die er sich zu diesem Zweck eingepackt hat. Während er das zerknitterte Papier glättet und die letzten Tropfen Schweiß von seiner Stirn verdampfen, sieht er, eingebettet in Socken und Unterwäsche, das kandisfarbene Säckchen aus dem Süßigkeitengeschäft. Er erinnert sich, wie er, wenige Minuten zuvor, es in aller Eile von einem Greifvogel, der sich als Süßigkeitenverkäufer getarnt hatte, erworben hat. Plötzlich ist er froh es bei sich zu haben und pellt freudig das Stück Schokolade aus dem glitzernden Silberpapier und steckt es sich in den Mund. Während es auf seiner Zunge zergeht, beginnt er zu lesen. Wieder wird alles dunkel um Andre, denn ein Mantel aus Schokolade legt sich über seine Umgebung und verwischt die Konturen des Zugwagons zu einem undurchsichtigen Braun, während alle Geräusche zu einem grauen Flüstern verschmelzen. Andre hat noch eine Minute zu leben.

Ein Geräusch reißt ihn aus seinem Schlummer. Der Schaffner hat das Abteil betreten und verlangt nach den Fahrkarten. Vom Schokoladenschlaf betäubt und mit zuckrig verklebten Augen tastet Andre nach seiner Fahrkarte. Er hat sie bereits am Vortag gekauft und sicher in seiner Brusttasche verwahrt. Das Stück Karton fühlt sich beruhigend an.

Der Schaffner ist sehr groß und von außerordentlich starkem Wuchs. Seine langen Arme sind mit schwarzem Fell bedeckt, das in Fransen aus den Ärmeln seiner Berufsbekleidung fällt. Auch aus seinem Gesicht wachsen Haare. Sein Schädel ist breit und bietet Raum für riesige Nüsternhöhlen und glanzlos starrende Augen. Bei jedem Passagier, dem er die Karte löst, grunzt er zufrieden.

Wann immer der Schaffner eine Karte entwertet, beginnt sich der betreffende Passagier zu verwandeln. Schon ist er bei der alten, gepuderten Dame, die Andre gegenüber sitzt, angelangt und fragt nach ihrer Fahrkarte. Andre sieht, wie sie, noch während die Kartenkontrolle von statten geht, von einer wunderlichen Deformierung erfasst wird. Ihre Züge verzweigen sich und die Haut wird braun und gesprenkelt, strafft sich ein wenig und plötzlich sitzt da, wo noch eben die alte Dame saß, eine erdfarbene Kröte. Noch immer gepudert, parfümiert und in geblümelten Kleid, quakt sie zufrieden und lächelt Andre aus ihrem zahnlosen Mund an. Ein lautes Quietschen lässt ihn erschrocken zusammenzucken, als ein Wildschweinfrischling in wilder Hatz durch den Gang jagt. Gleich darauf erschallt ein dumpfes Klatschen. Dem Anschein nach hat eine Henne ihr Ei fallen lassen.

Dann wendet sich der Schaffner Andre zu und will seine Karte sehen. Andre will protestieren, ist aber immer noch viel zu müde dazu. Noch bevor er etwas tun kann, brummt auch ihn der Schaffner zufrieden an und zwickt mit seiner Zange in die Fahrkarte. Andre spürt augenblicklich wie ein starker Ruck durch seinen Körper geht und sich seine Glieder zusammenziehen und zu einer neuen, bislang unbekannten Form verdichten. Flossen brechen aus glitschigen Flanken und lassen Andre die Gestalt eines Aals annehmen. Erschrocken flutscht er zu Boden und blickt sich aus seinen blinden Aalaugen um. Auf einmal erscheint alles ungeheuer groß. Große, fellige Tiere blöken auf den Bänken. Ein Oktopus schiebt gerade das Proviantwägelchen durch den Raum und verteilt Nüsse und Sandwiches. Andre muss schnell zur Seite flutschen, um nicht von den schweren Eisenrädern des Wagens zerstückelt zu werden.

Er ist irritiert und empört. „Ich will hier raus“, schreit er.

„Das lässt sich einrichten“, brummt eine tiefe Stimme. „Jetzt sofort?“

„Ja.“

Der Schaffner packt Andre an seinem Schwanz und wirbelt ihn durch die Luft. Dann schleudert er ihn aus einem geöffneten Zugfenster. Durch den Schwung immens beschleunigt schnellt Andre nach oben, dem Licht der Sonne entgegen. Einen Moment spürt er wie Erde, Licht und Luft miteinander verschmelzen. Dann allerdings findet sein Flug ein jähes Ende und scharfe Schmerzen graben sich in seinen Leib. Ein Schwarm von Krähen, der den Zug auf Suche nach Nahrung umkreist, hat zu seinem Unglück seinen Körper gestreift.

Immer wieder wirbeln sie ihn in die Höhe und hacken mit ihren spitzen Schnäbeln und Krallen auf ihn ein, während er hilflos in der Luft herumzappelt. Er ist bereits lange tot, als er am Boden auftrifft und dort zerschmettert liegen bleibt.

Der Waldmensch

klippo

 

Zwei Jahre nach den Ereignissen in Prag verschwand der Schriftsteller Harri von Schwängel spurlos im Dschungel von Yucatan. Augenzeugen berichten von einem überstürzten Aufbruch, einem Schwängel, der wirr und zerzaust die Zivilisation verließ und dabei laut mit sich selber sprach. Ein pelziges Männchen soll ihm dabei auf den Schultern gesessen und ins Ohr geflüstert haben, aber Beweise gab es dafür natürlich keine. Fest steht jedenfalls, dass Schwängel für die nächsten 25 Jahre wie vom Erdboden verschluckt war. Niemand wusste, was den einstmals so geselligen Zeitgenossen dazu bewogen hatte der bewohnten Welt den Rücken zu kehren. Eine Zeitlang schlug der Fall noch Wellen und eine Gruppe Weggefährten, die Schwängel aus seiner Zeit in Prag kannten, begannen Nachforschungen über seinen Verbleib anzustellen. Aber alle Versuche Licht in die Angelegenheit zu bringen, verloren sich früher später im Dunkeln, oft noch lange Zeit bevor Schwängel in die mittelamerikanische Halbinsel aufgebrochen war. Es war nur menschlich, dass die Detektivarbeit bald wieder eingestellt wurde. Man fand sich damit ab, dass Schwängel – wenn nicht schon längst verstorben - offenbar für die Welt verloren war. Nach ein paar Jahren hatte man ihn fast vergessen. Der Großteil seiner Werke moderte im Dachboden eines Pragers Studentenlokals vor sich hin und wurde nach und nach durch Mottenfraß vernichtet.

 

Ein letztes Mal – so weiß man – tauchte Schwängel noch in der Nähe des Dorfes auf, wo man ihn zuletzt bei seinem Eintritt in den Dschungel gesichtet hatte. Es war ein paar Monate nach seinem Verschwinden, als eine Gruppe von Kindern, die an den Ausläufern des Waldes spielten, die verfilzte Silhouette eines großen Mannes sichtete, der dort zwischen den Bäumen hervorgetreten war. Schwängel musste einen wüsten Anblick geboten haben: Wild rankendes Haar und Bart, die Haut von Pflanzensaft gelb verklebt, das Gesicht grimmig gedrungen, die Kiefer verhärtet und nur spärlich von Tierhäuten bekleidet – so stand er eine Weile regungslos im düsteren Abendflimmern. Kein Wunder, dass die Kinder schreiend davon stoben und sich in die Arme ihrer Mütter flüchteten. Als sich kurz darauf ein paar besorgte Erwachsene zum dämmrigen Waldrand begaben, wo die Kinder die Gestalt gesichtet hatten, war sie längst verschwunden. Ob die Erscheinung nun das Produkt einer lebhaften Kinderfantasie gewesen war oder nicht – in der selben Nacht starben im Dorf fünf Ziegen an einem seltsamen Fieber und am nächsten Tag folgten ihnen noch zwei Kühe und drei Hühner. Besorgnis und Ärger machte sich unter den Dorfbewohnern breit, die das Tiersterben eindeutig auf den bösartigen Einfluss Schwängels zurückführten. Man fühlte sich geneckt und bedroht und glaubte, dass Schwängel in den umliegenden Wäldern seinen Schabernack trieb.

 

Um dem einen Riegel vorzuschieben, rottete sich eine Gruppe schwitzender Männer zusammen und rüstete eine Expedition aus, die den streunenden Schwängel aufspüren und - wenn nicht anders möglich – erlegen sollte. Mit Buschmessern, Schrotflinten und Fangeisen ausgestattet, machten sich die Männer auf. Angeführt wurden sie dabei von dem fanatischen Pater José Ruben Estevez, der Experte war in exorzistischen Belangen und in Schwängel eindeutig teuflische Einflüsse identifiziert zu haben glaubte. José Ruben Estevez warf gerne mit kantigen Worten um sich und ging sogar soweit, dass er ankündigte Schwängels Tatzen und Zunge zur Mahnung an einen Stand vor die Kirche zu nageln. Vom Zuspruch der Dorfbewohner bekräftigt,  begab sich der Trupp am nächsten Tag in den Dschungel. Man war vorsichtig, denn man wollte Schwängel nicht unterschätzen. Jemandem, der bereits seit Monaten allein im Dschungel überlebte, gebührte ein gewisser Respekt, auch wenn er nur ein Europäer war. Dennoch glaubte man gegen den einzelnen Streuner ein leichtes Spiel zu haben, war er doch allein und unbewaffnet.

Zwei Tage später spülte ein Lauf des Rio Mopan, der mit seinen Seitenarmen das Dorf mäandrierte, die von Piranhas angeknabberten Leichen der Männer aus dem Dschungel. Der Anführer der Truppe, José Ruben Estevez war nicht dabei; er erschien ein paar Tage später, lebendig zwar, aber verwirrt und zitternd und am ganzen Körper von Moskitostichen übersät. Seine Sprachfähigkeit war stark eingeschränkt, sodass er bis auf ein zusammenhangloses Brabbeln nicht von den Geschehnissen im Dschungel berichten konnte. Er starb zwei Monate später in einer belizianischen Irrenanstalt.

 

So begannen sich die Legenden um Harri von Schwängel zu ranken und trieben ihre krausen Blüten in den Köpfen der Menschen. Man war sich ziemlich sicher, dass Schwängel – oder el diablo del bosque wie man ihn jetzt auch nannte - mit dem Teufel im Bunde sei oder zumindest der Sohn eines ziemlich fähigen Hexenmeisters war, der ihn in schwarzmagischen Künsten unterrichtet hatte. Nach ein paar Jahren hatte sich Schwängel mühelos in den Fundus der vielfältigen indigenen Mythen und Märchen des Landes eingefügt und wurde zu einer beliebten Spukgestalt, über die man viele Geschichten zu erzählen wusste. Der Waldmensch oder Waldteufel übte eine dermaßen starke Faszination auf die Menschen aus, dass sich sein Mythos im Laufe der Zeit immer weiter auf dem lateinamerikanischen Kontinent verbreitete. Durch Mundpropaganda von einem Dorf zum nächsten getragen und genährt durch abergläubische Fantasie und vermeintliche Sichtungen, erreichte er auch die großen Hafenstädte des Kontinents und gelangte so über den Seeweg wieder nach Europa.

 

Es waren mittlerweile 20 Jahre seit dem Verschwinden Schwängels vergangen, als in der Donaumonarchie verschiedene gebildete Kreise auf ihn aufmerksam wurden und sich für seinen Fall wieder zu interessieren begannen. Ihnen allen voran stand der Ethnologe und Reiseschriftsteller Doma Mischanig, der die Causa Schwängel intensiv zu studieren begann. Nachdem er dessen Vita weitgehend rekonstruiert hatte, machte er sich zu den einstigen Wirkungsorten des Verschollenen auf, in der Hoffnung durch Befragungen von Zeitzeugen zu neuen Aufschlüssen zu gelangen. Von den wenigen Freunden und Weggefährten Schwängels, die Mischanig ausfindig machen konnte und die überhaupt dazu bereit waren sich zu der Sache zu äußern, gab es bedauerlicherweise nur wenig bis gar nichts zu holen. Die Sache blieb nebulös. Schwängels einstige Lehrerin und Mäzenin Paula Pelzig hatte sich kurz nach seinem Verschwinden das Leben genommen und war somit als Ansprechpartnerin nicht mehr verfügbar. All dies aber nährte erst Recht Mischanigs Interesse an dem Fall und entwickelte sich immer mehr zu einer Obsession. Diese trieb ihn dazu an weiterzumachen und nicht dort aufzugeben, wo andere bereits vor ihm gescheitert waren. Durch das geschickte Spiel mit dem wissenschaftlichen und politischen Zeitgeist schaffte er es den Fall Schwängel wieder dermaßen populär zu machen, dass er Sponsorengelder auftreiben und eine neue Expedition ausrüsten konnte. Diese sollte nach Südamerika aufbrechen und das Rätsel endlich lösen.

 

Nach mehrmonatiger Vorbereitungszeit schiffte man sich also nach Belize ein. Geplant war nach ein paar Tagen Aufenthalt in der Hafenstadt Belize City weiter in die zentralamerikanische Halbinsel vorzudringen, um vom Dschungeldorf aus die Expedition zu starten. Doma Mischanig oblag klarerweise die Führung der Truppe. Ihn trieb sein glühender Forschergeist, befeuert von der Liebe die Wahrheit der Dinge zu erschauen. Er wollte Schwängel finden, koste es was es wolle.

Mit seinem langen weißen Haar und dichten Bartgestrüpp war Mischanig zweifellos der älteste der Expeditionsteilnehmer. Sein Anspruch auf die Führung wurde widerspruchslos akzeptiert und fußte nicht zuletzt auf der großen Kompetenz und Erfahrung, die der weit gereiste Mischanig mit sich brachte: Er war bestens mit den Verhältnissen des Landes vertraut und sprach alle möglichen Sprachen, darunter fließend Spanisch, was für das Fortkommen der Expedition sehr nützlich war.

Höchst unklar blieb allerdings, was eigentlich Mischanigs Muttersprache sei, denn darauf angesprochen reagierte er meist ausweichend bis mürrisch. Man vermutete schließlich er käme aus einer abgelegenen Gegend im Kaukasus, wo eine dunkle, konsonantenreich Sprache gesprochen wurde, in die er bisweilen verfiel, wenn er gedankenverloren etwas vor sich hin murmelte oder sich unbeobachtet glaubte. Seine spektakulären Reiseromane, durch die er in den letzten Jahrzehnten Weltruhm erlangt hatte, schrieb er ausschließlich auf Russisch. Die Expedition in den Dschungel Yucatans sollte nun der Höhepunkt in seinem Schaffen werden – so hatte Mischanig das Projekt auf verschiedenen Pressekonferenzen angekündigt. Böse Zungen ätzten allerdings, dass Mischanig vor allem neue Geldquellen anzapfen wollte, um sich dadurch seine kostspielige Reiseschriftstellerei weiter finanzieren zu können. Diese Vermutungen gingen sogar soweit, dass manche mutmaßten, er wolle Schwängel nur fangen, um ihn an den Kuriositätenzirkus von Pippo Zanzani nach Böhmen zu verkaufen. Ob dies der Wahrheit entsprach, ließ sich aber nicht ohne weiteres belegen und wurde von Mischanig ebenso stoisch ignoriert wie die Frage nach seiner Herkunft.

 

Die anderen Expeditionsteilnehmer, die sich Mischanig angeschlossen hatten, trieben wohl gänzlich andere Beweggründe in den Dschungel. Da gab es Giulia Essanija, eine israelische Söldnerin, auch genannt das „kämpferische Weib“, die Langeweile nicht ertragen konnte und die Suche nach Abenteuern in die Wildnis lockte; Buccan Faber, der zynische Dandy, war seines dekadenten Lebens überdrüssig und sehnte sich nach neuem künstlerischen Ausdruck; Astra Kinastra, eine afrikanische Poetin, liebte die Natur und wollte diese mit allen Sinnen erfassen; und schließlich war da noch Tina Trash, eine toxisch tätowierte Sphinx aus Texas mit einer Leidenschaft für das Extreme - über sie wusste eigentlich niemand etwas Genaueres.

Sie alle aber einte ihre Fähigkeit zum Ausdruck und zur Fantasie – welch Ironie, dass sie sich ausgerechnet aufmachten einen gefallenen Schriftsteller zu fangen, den die Abgründe seines Lebens in ein wildes Dschungeltier verwandelt hatten.

 

So fand man sich eines Morgens im Hafen von Belize City ein. Angeregt vom bunten Glitzern der erwachenden Stadt und berauscht von den vielen Gerüchen und Düften, die ihr innewohnten, war man froh der schwankenden Enge des Schiffs endlich entfliehen zu können. Eine Mischung aus weißen Abkömmlingen Spaniens, Mestizen, Kreolen und Libanesen bevölkerte das Stadtbild und bewarf die Neuankömmlinge mit neugierigen Blicken. Man schälte sich durch die Straßen, vorbei am bröckelnden Patina der britischen Kolonialherrschaft und gelangte in den Stadtkern, wo Mischanig für die ersten Nächte ein Hotel gebucht hatte. Sogleich überraschte sie das fremde Land mit einem denkwürdigen Schauspiel: Ein indianischer Schamane, der von einer dichten Menschenmenge umgeben war, rieb sich ein Fell und Knochen an seinem Leib und brachte es so fertig, begleitet von einem Gesang aus Zaubersprüchen, die Gestalt einer Raubkatze anzunehmen. Plötzlich sah sich die Menge mit einem zähnefletschenden Jaguar konfrontiert und wich erschrocken zurück, während dieser mit ein paar eleganten Sätzen in eine Seitengasse huschte. Gerne hätte die Truppe das Spektakel noch länger beobachtet, doch Mischanig drängte zum Aufbruch.

 

Zwei Stunden später saß man in einem schattigen Cafe und schlürfte weißen Rum mit Limonensaft. Ein Frühstück aus Tortillas mit Gemüse war bestellt. Die Stimmung war gut. Nur Buccan Faber musste von Anfang an aus der Reihe tanzen. Sein schalkhafter Charakter gebot es ihm bei jeder erdenklichen Gelegenheit gegen den guten Geschmack und die Sitten zu verstoßen. So bot er einem kreolischen Freudenmädchen, das sich der Gruppe scheu näherte und ihren Körper feilbot, 100 amerikanische Dollar, wenn sie es fertig brächte den schwarz verrußten Aschenbecher rein zu lecken. Zum Glück wurde dieser bösartige Zynismus von Mischanig sofort unterbunden und Faber zurechtgewiesen. Durch die Ermahnung Mischanigs sehr verdrossen, sah sich Faber in seinem Schalk  nur noch weiter herausgefordert und verfiel dazu in eine tiefe, manische Psychose: Beim anschließenden Abendessen fraß er nicht nur für vier, sondern trank auch unglaubliche Mengen schwerer, hochprozentiger Alkoholika. Bald war er so betrunken, dass er kaum noch sitzen konnte, was aber von der Gruppe nicht sonderlich beachtet wurde und ihn noch weiter kränkte.

Schließlich, als sie nach dem Essen durch das nächtliche Belize flanierten, erreichte Fabers Manie ihren verderblichen Höhepunkt: Sie passierten einen der traditionellen Schlangenkämpfe, die zu dieser Jahreszeit häufig auf offener Straße veranstaltet wurden, und Faber kündigte an, er würde eine der hochgiftigen Schlangen, die normalerweise auf ein anderes giftiges Tier losgelassen wurden, mit der bloßen Faust einfangen. Durch seine großkotziges Prahlerei hatte er schon bald eine beträchtliche Menschenmenge angelockt, die eine hübsche Anzahl an Wetten über den Ausgang des Vorhabens abzuschließen begann, was wiederum von Faber freudig aufgenommen wurde. Endlich wurde ihm die Aufmerksamkeit zuteil, nach der er sich so sehnte! Alle Versuche seiner Weggefährten ihn von dem dummen und lebensmüden Plan abzubringen, schlugen fehl. Nur Mischanig, der die Autorität gehabt hätte Fabers Dummheit zu unterbinden, schwieg beharrlich. Mittlerweile hatte er dessen Zicken satt. Es war an der Zeit, dass Faber seine Lektion lernte und wenn er diese mit seinem Leben bezahlen musste.

Unter den Anfeuerungsrufen der johlenden Menge begab sich Faber also in den Schlangenkreis, wo sich eine giftige Tropennatter bereits bedrohlich aufringelte und auf ihn losgelassen wurde. Ein einziger Biss, so raunte es durch die Menge, reiche für gewöhnlich aus, um einen erwachsenen Mann für immer zu lähmen. Zwei – so sagte man - reichten mit Leichtigkeit aus um einen Mensch unter die Erde zu bringen. Angestachelt vom Lärm des tobenden Mobs biss die Schlange Faber sogleich kräftig in Wade und  Unterarm. Der benebelte Faber steckte die Bisse zunächst ohne einen Mucks weg und fingerte weiter nach dem gereizten Reptil. Nachdem er noch einen dritten Biss in die Nierengegend abbekommen hatte, gelang es ihm das Tier mit der bloßen Faust, wie er es angekündigt hatte, zu bändigen, doch zu diesem Zeitpunkt versagte ihm sein Körper bereits den Dienst und er klatschte mit einem hohlen Geräusch auf das Pflaster.

 

Am nächsten Tag erwachte Faber in einem großen Zuber und war, nachdem er die Ereignisse des gestrigen Abends weitgehend rekonstruiert hatte, angenehm überrascht, dass er noch am Leben war. Heftiger Kopfschmerz und Lähmungserscheinungen plagten ihn zwar, aber ansonsten schien er durchwegs lebendig. Erstaunt stellte er fest, dass jemand seine Schlangenbisse verbunden und geschickt durch Brandwunden verödet hatte. Wie er später erfuhr, war dies das Werk von Tina Trash, die ihm durch ihr beherztes Vorgehen das Leben gerettet hatte. Rasch hatte sie das Gift aus den Wunden gesaugt und mit einem Feuerzeug ausgebrannt. Ein ausgesprochener Glücksfall, denn ohne ihr schnelles Einschreiten wäre es um Faber zweifellos geschehen gewesen.

Nicht, dass Buccan Faber irgendetwas aus dieser Sache gelernt hätte. Aber es war selbst jemandem von seinem Naturell klar, dass er fortan in Trashs Schuld stand.

 

Noch am selben Tag verließ die Gruppe Belize City und brach in das Landesinnere auf. Das Dorf am Rande des Dschungels, das den Ausgangspunkt für die eigentliche Expedition bildete, lag mehrere Tagesreisen entfernt. Sie verließen die sumpfige und von Mangroven bewachsene Küstenregion und wanderten Richtung Südwesten. Schon bald erreichten sie die Hauptstadt Belmopan, wo sie eine Nacht verbrachten. Je weiter sie ins Festland vordrangen umso mehr wich die sumpfige Küstenvegetation einer robusten Kiefernsavanne, die mit straff getäfelten Blättern die tropische Wärme und Feuchtigkeit in sich aufsog und in kräftiges Grün verwandelte. Sie passierten Plantagen und Felder, auf denen die Menschen Reis, Bohnen, Mais, Maniok und Bananen anbauten und übernachteten erstmals unter freiem Himmel. Auf einer mennonitischen Milchfarm, mit dessen Besitzer sich Mischanig in beachtlichem Deutsch unterhielt, erwarben sie Lamas, Lämmer, Kälber und Schweine, die fortan die Expedition begleiteten – teils als Lasttiere, teils als Fleisch und Milchlieferanten, die sie in den entlegeneren Gegenden über die Runden bringen sollten. Für sich selbst erstand Mischanig einen stattlichen Schimmel, mit dem er fortan die Spitze der Expedition anführte.

Immer weiter entfernte man sich von den besiedelten Gebieten des Landes und erreichte schließlich die ersten Ausläufer der Maya Mountains. Hier wurde es wieder feuchter, denn zahlreiche kleine Flüsse und Ströme entsprangen dem Gebirge und verdichteten sich zu strammen Läufen, die wiederum den Rio Macal und den Rio Mopan mit ihrem Wasser speisten. Der Dschungel rückte immer näher. Er flankierte die Straßen und Dörfer und umfing die Reisenden mit seinem grün dampfenden Odem. Dann erreichten sie endlich das abgelegene Dorf, in dessen Umgebung Harri von Schwängel vor rund 20 Jahren das letzte Mal gesehen worden war.

 

Die Expedition sorgte für großes Aufsehen, offenbar war man Fremdlinge hier nicht gewöhnt. Eine Gruppe Gassenkinder begrüßte die Ankömmlinge neugierig und ließ sich von Mischanig Süßigkeiten schenken, der diese selbstverständlich aus seinem weißen Rauschebart zauberte. Die erwachsenen Dorfbewohner hingegen empfingen sie weitaus weniger freundlich - misstrauisch beäugten sie die Gruppe wohin auch immer sie ging. Man war Fremdlinge nicht nur nicht gewöhnt, man schätzte sie auch nicht besonders. Seit dem Auftauchen Schwängels brachte man ihnen ein tiefes Misstrauen entgegen.

Dem ungeachtet quartierte sich die Expedition in der einzigen Schenke des Dorfs ein, wo die letzten Vorbereitungen für den Aufbruch in den Dschungel getroffen werden sollten. Seltsamerweise verschwand Doma Mischanig noch am selben Abend spurlos und ließ seine Gefährten ohne eine Nachricht zurück. Man wunderte sich, nahm aber die Situation gelassen hin. Warum auch nicht: Das Hotel – wenn auch schäbig und mit seinen zerschlissenen Netzen nur unzulänglich vor Mosquitoangriffen geschützt – war für die nächsten fünf Tage gebucht und Verpflegung war vorhanden. Tatsächlich tauchte Mischanig bis zum fünften Tag nicht wieder auf und ließ die Gruppe führerlos, die sich die Wartezeit aber gekonnt mit Müßiggang und Entspannung zu vertreiben wusste. Während Astra Kinastra meist am schattigen Dorfbrunnen saß und in ein Büchlein kritzelte, machte Giulia Essanija Klimmzüge an einem der Äste des großen Affenbrotbaumes, der ganz in der Nähe wuchs, und ließ sich dabei von den ehrfürchtig glotzenden Dorfbewohnern begaffen. Buccan Faber spielte mit zwei hundertjährigen Greisen französisches Tarock und Tina Trash schien in ein Gespräch mit einem Tukan vertieft.

 

Am fünften Tag kehrte Mischanig endlich zurück – nicht ohne eine Überraschung mitzubringen: Zwei Gestalten befanden sich in seinem Schlepptau, die sich als neue Mitglieder der Expedition vorstellten. Zum einen handelte es sich dabei um den stoppelbärtigen Klippo Kleingeld, der - in verschlissener Ledermontur und zweifellos höchst zwielichtig - einer der zahlreichen verkommenen Vetter des weitaus bekannteren Klippo Kraftwerk sein musste. Zum anderen war da noch ein indianischer Jäger namens Hun Hunapu, martialisch tätowiert und mit einer riesigen Harpune bewaffnet. Die beiden Neuzugänge wurden von Mischanig der erstaunten Gruppe in aller Ernsthaftigkeit vorgestellt, mit den nachdrücklichen Worten, dass sie die Expedition begleiten und durch ihre Kompetenzen unterstützen würden. Niemand war darüber sehr begeistert, ja man fühlte sich sogar ein wenig übergangen. Man hatte sich im Vorfeld kennen gelernt und gut miteinander arrangiert. Nun fühlte man sich in der Gruppenchemie gestört. Aber Mischanigs Entscheidung galt es zu akzeptieren, denn alle wussten: Es war seine Expedition, er hatte das Geld und somit auch das Sagen.

Alle stellten sich auf eine langwierige Suche ein. Niemand rechnete damit, dass die Expedition bereits am ersten Tag auf Harri von Schwängel treffen würde. Wer hätte denn auch ahnen können, dass Schwängel nur ein paar Kilometer vom Dorf entfernt auf einem Hügel saß?

 

Erst jetzt, kurz vor dem Aufbruch, brach das Lampenfieber, das während der Anreise noch spielend verdrängt werden hatte können, aus den einzelnen Expeditionsteilnehmern heraus. Eingequetscht wie das Pulver in eine Patronenhülse zündete sich in ihren adrenalingeschwängerten Schädeln die Angst und nährte sich vom Wissen um die Unberechenbarkeit und irrwitzige Waghalsigkeit ihres Vorhabens. Die Neuzugänge bildeten dabei einen zusätzlichen Unsicherheitsfaktor, der den alteingesessenen Expeditionsmitgliedern Unbehagen bereitete. Es war klar, dass Kleingeld und Hunapu aus einem anderen Holz geschnitzt waren. Zweifellos waren sie zwei Halunken der abgebrühtesten Sorte, denen nichts heilig war, mit vernarbten Körpern und nikotinverfärbten Zähnen. Was hatte sich Mischanig nur dabei gedacht?

 

Nur Mischanig blieb vollkommen ruhig. Sein weißer Bart glühte verheißungsvoll im Dunkel des nahenden Tages. Ein paar Glühwürmchen hatten sich darin verfangen und hüllten ihn in ein befremdliches Licht. Beim ersten Hahnenschrei sattelten sie die Tiere und brachen auf. Sofort, als sie den Wald betraten, spürten sie, wie sie die gesicherte Welt, die sie kannten und der die Menschen ihre Gesetze auftrutzt hatten, hinter sich ließen und sie in eine ältere, archaische Welt eintauchten, die ihren eigenen Regeln unterlag und in der die Errungenschaften des Menschen nichts wert waren. Buccan Faber zuckte zusammen, als er eine Schlange streifte, die er im trüben Morgenlicht für eine Liane gehalten hatte. Manchmal sahen sie den Glanz von Augenpaaren, das Blitzen spitzer Zähnchen oder ein gesprenkeltes Häutchen, das an ihnen vorbeisurrte. Das Rascheln, Murmeln und Quaken im Dickicht kündete vom frivolen Leben, von dem der Dschungel erfüllt war und das seine Besucher schnatternd willkommen hieß.

In der allgemeinen Anspannung bewies Mischanig einmal mehr, dass er ein würdiger Anführer war. Auf seinem prächtigen Schimmel ritt er der Gruppe voran. Den Bart noch immer von den Glühwürmchen beleuchtet, schwang er die Machete wie ein feenhafter Ritter.

 

Endlich wurde es hell und der Wald gab seine Farben und Formen an die Besucher preis. Durch das Licht ermuntert, schöpfte die Gruppe neuen Mut und die Anspannung wich von ihr wie die Nacht aus den Blättern. Zu Mittag gab es die erste Rast. Die Truppe hielt auf einer kleinen Lichtung in der Nähe eines Wasserlaufs, dessen Murmeln durch die bemoosten Bäume zu ihnen herüber drang und einen feinen, wässrigen Hauch auf ihre erhitzten Leiber wehte. Erleichtert ließ man sich auf der Lichtung nieder. Der Indianer Hun Hunapu hatte Perlhühner erlegt und gebot diese in einem großen Kessel für die Gruppe zu kochen. Zur großen Freude aller verkündete Mischanig, dass sie die heißesten Stunden des Tages abwarten und erst im Laufe des Nachmittags weiterwandern würden.

Nach dem Essen lag die Expedition müde im Schatten. Lediglich Astra Kinastra, die von der Tier- und Pflanzenwelt des Dschungels ganz hingerissen war, entfernte sich einige Schritte vom Lagerplatz, um einen kleinen Spaziergang zu machen. Angelockt vom kühlen Rauschen des Bächleins und wanderte sie am Ufer entlang. Sie erreichte eine Furt und ließ sich auf einem der platten Steine nieder, um sich ihre langen, gedrechselten Zöpfe in das Wasser zu tunken. Von der Mittagshitze schläfrig geworden, nickte sie einen Moment auf dem Stein ein. Doch ihr Schlummer währte nicht lange, denn schon wenige Minuten später ließ sie ein lautes Rascheln wieder hochschrecken. Blinzelnd blickte sie auf das Gebüsch, das sich am jenseitigen Ufer erstreckte und rieb sich ungläubig die Augen, nicht wissend, ob sie wach war oder träumte: Wenige Meter von ihr entfernt war gerade Harri von Schwängel aus dem Dickicht getreten.

 

Verblüfft blickte Kinastra auf Schwängel, der gemächlich zum Wasser wanderte und an einer seichten Stelle zur Tränke ging. Träumte sie? War es denn möglich? Aber es bestand kein Zweifel: Der zottige Mann, der eben vor ihr aufgetaucht war, war eindeutig Schwängel. Fellig, borstig und unfrisiert, ein Quäntchen noch mehr verwittert und verwuchert als bei seiner Sichtung vor rund 20 Jahren, sofern dies überhaupt möglich war, aber im Großen und Ganzen nicht wesentlich verändert und auch dem Erscheinungsbild seiner Studentenzeit nicht übermäßig unähnlich, das sich Kinastra im Vorfeld der Expedition gut eingeprägt hatte. Fasziniert betrachtete sie Schwängel, wie er das Flusswasser soff. Wie gierig er es trank!

 

Kinastra wusste, dass sie handeln musste, schließlich bestand das Ziel der Expedition darin den Waldmenschen zu fangen. Wahrscheinlich wäre es das Klügste Alarm zu schlagen und die anderen auf das Auftauchen Schwängels aufmerksam zu machen, dachte sie sich, aber seltsamerweise brachte sie genau dies nicht übers Herz. Der frei lebende Waldmensch, der noch immer mit voller Inbrunst das Wasser soff, berührte sie tief in ihrem Herzen. Schwängel schien ihr das Symbol des perfekten Menschen, die Fleischwerdung einer reinen Seele, die zurück zur Natur gefunden hatte. Sie konnte ihren Blick gar nicht mehr von Schwängel abwenden, ja sein Anblick löste in ihr ein noch nie da gewesenes Entzücken aus. Schnell griff sie nach ihrem Büchlein, das sie stets bei sich trug, schlug eine leere Seite auf und begann fieberhaft Verse hinein zu schreiben. Sie fühlte wie eine Flamme heißer, schöpferischer Energie in ihr empor brandete. Die Jamben flossen nur so aus ihr heraus und das Enjambement strich sich zart wie Honig. Zweifellos befand sie sich in einem unglaublichen Schaffensrausch. Das Gedicht, das sie zu schreiben begonnen hatte, sollte später unter dem Namen Ode an den Waldmenschen in die Literaturgeschichte eingehen.

 

Harri von Schwängel kümmerte dies alles herzlich wenig. Er musste Kinastra längst bemerkt haben, schenkte ihr aber keinerlei Beachtung. Als er endlich fertig getrunken hatte, fläzte er sich in den weichen Schlinggewächse am Ufer und hielt sich seinen wasserschweren Bauch. Kurz schlief er sogar ein. Dies grenzte schon an einer beispiellosen Dreistigkeit, wenn man bedenkt, dass seine Häscher nur ein paar Meter entfernt von ihm lagerten.

 

Da sah Kinastra wie Schwängel plötzlich die Ohren spitzte. Ein elektrifiziertes Zucken ging durch seinen Körper und er blähte die Nüstern. Offenbar hatte er etwas gewittert. Und tatsächlich trat in diesem Moment ein scheckiges Waldschwein aus dem Dickicht und begann mit seinem Rüsselchen scheu nach Essbarem zu wühlen. Einmal schnupperte es kurz misstrauisch, doch es schien die Gefahr, in der es schwebte, nicht zu bemerken. Schwängel hingegen, den sein Leben im Dschungel zu einem geschickten Jäger gemacht hatte, blieb ganz bewegungslos liegen und machte keinen Mucks. So äste das Schwein weiter, nicht wissend dass es sich in höchster Gefahr befand. Begeistert hielt Kinastra die neuen Entwicklungen am Papier fest. Nicht zu glauben, welch unerschöpfliche Quelle der Inspiration ihr das Schicksal beschert hatte.

Das Waldschwein hatte sich Schwängel nun bis auf wenige Meter genähert. Da sprang er plötzlich wie von einer Tarantel gestochen auf und streckte das Tier mit einem Prankenhieb nieder. Ein Biss in den Hals genügte und es war tot. Des Schweinchens schrilles Trompeten, das zunächst noch durch den Hain hallte, erstarb zu einem kläglichen Schnarchen. Mit vor Konzentration blutrotem Kopf näherte sich Kinastra nun dem dramaturgischen Höhepunkt ihres Gedichts. Zweifellos stellte die Ode an den Waldmenschen ihr bislang größtes Werk dar. Und es stand kurz vor seiner Vollendung.

 

In diesem Moment trat Klippo Kleingeld auf die Lichtung. In der Hand hielt er eine doppelläufige Flinte. Nichts Gutes ahnend wollte ihn Kinastra aufhalten, aber da war es schon zu spät. „Stirb, Schwängel!“, schrie Kleingeld und feuerte einen Schuss auf den Waldmenschen ab. Von der Macht des Rückstosses überwältigt, warf es Kleingeld in eine schlammige Pfütze und ein Schwarm Rebhühner stob gackernd über ihn hinweg. Schwängel indessen verfehlte der Schuss nur um Haaresbreite und zerfetzte sein linkes Ohrläppchen. Verdutzt griff er sich an die Wunde. Dann packte er das tote Schwein und floh eilig in den Wald.

Langsam stand Astra Kinastra auf und näherte sich Kleingeld, der noch immer in einer Pfütze lag. Sie war weiß vor Zorn. Das dümmlich brutale Endringen Kleingelds hatte nicht nur Schwängel vertrieben, sondern auch die schöpferische Flamme, die in ihr so unerhofft aufgestiegen war, gewaltsam erstickt und so die Fertigstellung ihres bedeutendsten Werkes verhindert. Kinastra wusste genau, wie kostbar Momente der schöpferischen Erleuchtung waren und wie selten sie dem Dichter zuteil wurden. Manchmal kamen sie nie wieder. Vor Wut zitternd war sie kurz davor wie eine Furie über Kleingeld herzufallen. Dieser schien von all dem nichts zu bemerken und streckte ihr treuherzig die Hand entgehen.

„Ab in den Kot zu deinesgleichen!“, schrie die wütende Poetin und gab ihm einen derben Stoß, der ihn tief in den Morast schlittern ließ. Dann rannte sie schluchzend davon.

 

Vom Kampfeslärm angelockt gesellten sich die restlichen Expeditionsmitglieder an die Furt. Mischanig war nicht glücklich über den Verlauf der Dinge. Er schalt Kinastra, dass sie ihn nicht über das Auftauchen Schwängels benachrichtigt hatte und verfluchte Kleingeld, der Schwängel beinahe ermordet hätte. Er bläute ihnen beiden ein, dass das Ziel der Expedition einzig und allein darin bestand Schwängel zu fangen und zwar in körperlich intaktem Zustand. Sollten sie dies nicht begreifen, müssten sie Expedition augenblicklich verlassen. Dann machten sie sich zur Verfolgung auf. Es gab keine Zeit zu verlieren. Schwängel konnte noch nicht weit sein und das Blut am Boden bildete eine leicht zu verfolgende Spur. Unerbittlich hetzte Mischanig sein Pferd durch den Dschungel, hinter ihm hastete ihm die Gruppe hinterher, die nur mit Mühe mit dem Rasenden Schritt halten konnte. Sie teilten sich auf um Schwängel den Weg abzuschneiden, aber gerade als sie glaubten den Waldmenschen eingekreist und gefasst zu haben, fanden sie nur das tote Schwein, das er zuvor am Fluss erlegt hatte. Von Schwängel selbst aber fehlte jede Spur. Mischanig fluchte Gift und Galle, dass er sich auf derartig plumpe Weise hatte täuschen lassen.

In den nächsten Monaten streiften sie ruhelos durch den Dschungel. Mischanig trieb die Gruppe unbarmherzig an. Er ließ sie jeden Stein umdrehen und in jedem Dickicht stochern. Dennoch blieb der Waldmensch unauffindbar. Im Mai setzte dann die Regenzeit ein und das Klima wurde unerträglich. Zermürbt von der unerträglichen Schwüle und den heißen Schauern, die ununterbrochen vom Himmel peitschten, begannen die Expeditionsteilnehmer zusehends zu ermüden. Weitaus schlimmer war, dass sie immer mehr ihre Motivation verloren. War man anfangs durch die Begegnung an der Furt noch zuversichtlich gewesen den Waldmenschen früher oder später zu fassen, begann man nun an einem erfolgreichen Ausgang der Expedition zu zweifeln.

 

Nur Mischanig blieb fest entschlossen. Er wirkte manisch, verbissen, besessen und wurde seinen Gefährten immer unheimlicher. Das Rätselhafte, das seine Person umgab, steigerte sich noch und erreichte ungeahnte Auswüchse, als sie einen der vielen Wasserläufe erreichten, die den Dschungel durchzogen und durch der durch den ständigen Regen zu einem reißenden Strom angeschwollen war. Beim Versuch den Fluss zu überqueren, stürzte Mischanig in das braune Wasser und wurde mitsamt seinem Pferd im schlammigen Gewühl hinfort gerissen. Alle waren überzeugt, dass dies das Ende des großen Doma Mischanigs war. Man bedauerte seinen Tod, war aber gleichzeitig froh, dass die wahnsinnige Jagd endlich vorüber war. Doch Mischanig belehrte sie eines Besseren, als er schon kurze Zeit später wieder auf seinem Schimmel zwischen den Bäumen hervorgallopierte, unverletzt und vom Vorfall nicht sonderlich beeindruckt. Diese Robustheit ging nicht mehr mit rechten Dingen zu, da war man sich sicher. Mischanig schien über Kräfte zu verfügen, von denen seine Gefährten bislang nichts geahnt hatten und abergläubische Stimmen munkelten gar er sei unsterblich. Am selbigen Tag noch verschwanden Hunapu und Kleingeld auf Nimmerwiedersehen und stahlen einen beträchtlichen Teil der Ausrüstung und der Vorräte.

Durch den Verlust entschieden geschwächt, hielten es die verbliebenen Expeditionsteilnehmer für angebracht eine Krisensitzung abzuhalten. Faber, Essanija und Kinastra waren sich einig, dass die Suche abgebrochen werden musste und wollten Mischanig zur Umkehr überreden. Sie waren am Ende ihrer Kräfte angelangt und wussten, dass es jetzt nur noch um das nackte Überleben ging. Aber Mischanig wollte noch immer nichts davon wissen. Erbost über ihre menschliche Schwäche warf er ihnen Meuterei vor und am Ende trennte sich die Gruppe im Streit. Das Letzte, was sie von ihrem einstigen Anführer sahen, war, wie er auf seinem Schimmel unter lauten Flüchen in den Wald sprengte.

Faber, Essanija und Kinastra kehrten schließlich nach Monaten der Strapazen und Entbehrungen in die Zivilisation zurück. Völlig entkräftet trieben sie eines Tages auf einem selbstgebauten Floss aus dem Dschungel. Sie kehrten gemeinsam nach Europa zurück, gingen aber fortan getrennte Wege. An den Folgen der gescheiterten Expedition laborierten sie noch lange.

 

Mischanig hingegen blieb im Dschungel. Er soll Schwängel sogar gefunden haben, doch darüber ist nur wenig bekannt. Fest steht, dass Mischanig seither als verschollen galt. In den Dörfern am Rande des Dschungels erzählt man sich seither gerne von einem weißlich glühenden Reiter, der manchmal in der Dämmerung am Waldrand auftaucht und dort eine Weile schweigend verharrt. Irgendwann löst er sich dann jäh aus seiner Erstarrung und prescht wild schreiend in das Dickicht. So erzählen es sich die Dorfbewohner heute und erschrecken damit ihre Kinder. Inwieweit diese Schilderungen der Wahrheit entsprechen, lässt sich natürlich nicht ohne weiteres prüfen. Das Verschwinden von Doma Mischanig, dem berühmten Reiseschriftsteller, der mit seinen spektakulären Dokumentationen für Furore gesorgt hatte, gab jedenfalls dem wissenschaftlichen Diskurs in Europa ein weiteres Rätsel auf. Und der lateinamerikanische Kontinent war um eine Sagengestalt reicher.

Das Haupt des Präsidenten

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Das Haupt des Präsidenten

Am Jahrestag zur Gründung der 3. Republik gab es auf den Straßen traditionell Feierlichkeiten und fröhliche Krawalle. An diesem Tag glaubte man, der revolutionäre Funke des großen Volksaufstands wäre erneut entfacht worden. Dieser Funke, der sich in Windeseile zu einem sengenden Flächenbrand ausgebreitet und die vertrockneten Grundfesten des politischen Systems zu grauer Asche verzehrt hatte, war wieder in den Augen der Menschen sichtbar und schöpfte neuen Zunder aus dem volksfestartigen Charakter, den der Jahrestag der 3. Republik angenommen hatte.

Die Hauptstadt war frei vom blechernen Murren der Autos, denn die Straßen waren von Menschen verstopft: Sie bevölkerten die Plätze und Promenaden, tummelten sich im Gewirr der Gassen und flanierten in dichten Trauben auf den Brücken, die sich unter ihrer Last krümmten und lautlose Flüche ächzten. Und die von Taubenkot verunreinigten, steinernen Präsidenten blickten würdevoll und mit gestrenger Miene auf die vielen Stände und Buden herab, in deren Schatten sich die Menschen mit Fleischspießchen und Zuckerwatte labten.

Im Laufe des Tages sammelten sich die Menschenmassen zunehmend am heiligen Platz des Blutes, wo in Kürze der neue Präsident auserkoren werden sollte. Die Menschen waren zufrieden. Die politische Neuordnung schien geglückt. Eine neue Gesellschaftsform war etabliert worden und es war nur schwer vorstellbar, dass es vor kurzem noch anderes gewesen war. Es war ein großer Tag.

Überall lag das süße Aroma des Bananen-Bieres der Luft, das traditionell für diesen Anlass gebraut wurde. Der Boden war von klebrigen Pfützen übersät und die Menschen schütteten es sich stürmisch in ihre Kehlen. Der Trank war aus einem nicht ersichtlichen Grund zum Symbolgetränk der Revolution avanciert. Wahrscheinlich durch das geschickte Marketing eines einstigen Guerilleros, wie kritische Stimmen ätzten. Die vom Bier betrunkenen Menschen kümmerte das jedenfalls wenig, denn sie zogen lärmend und grunzend durch die Stadt. Manche kotzten auch gerade irgendwo hin. Doch das störte niemanden, denn die Stimmung war ausgezeichnet. Worauf ich (und alle anderen Menschen wohl auch) aber an jenem Tag wirklich gespannt wartete, war die traditionelle Schlachtung des Präsidenten.

Die Schlachtung des Präsidenten war ein Brauchtum, das seinerzeit bei der Neuordnung der politischen Verhältnisse ins Leben gerufen worden war und sich seither großer Beliebtheit erfreute. Es war ein volkstümliches Ritual und ein Akt politischer Reinigung zugleich, denn jedem geschlachteten Präsidenten folgte sogleich ein neuer ins Amt. Es galt als große Ehre im Namen der Republik geschlachtet zu werden und niemand, schon gar nicht der hinscheidende Präsident selbst, stellte die Hinrichtung in Frage. Denn was auf den ersten Blick durch den gewaltsamen Tod des politischen Würdenträgers verschleiert wurde, offenbarte sich auf den zweiten, tieferen Blick in das Wesen der Dinge: Dem Geschlachteten winkte die Unsterblichkeit.

An dieser Stelle ein kleiner Exkurs in die Zeit der Revolution: Jenem schicksalsschwangeren Tag vor vielen Jahren, als der Wille des Volkes eine neue, verbesserte Staatsform gebar, war eine Periode in der Geschichte vorangegangen, die von Chronisten als „Zeit der Lähmung“ bezeichnet wird. Durch jahrelangen parlamentarischen Inzest war die Volksvertretung dekadent und paralysiert geworden. Mal kam die eine Fraktion an die Macht, mal die andere, mal beschloss die eine dies und jenes, mal änderte die andere dies und jenes, bis sie wieder von der nächsten Jammerpartei abgelöst wurde und sich das abgeschmackte Spiel wiederholte. Unterschiede zwischen den Machthabern gab es keine. Es war prosaisch, öde – wie in einem stinkenden Pfuhl, in dem man einen Schritt nach vorne watet, nur um wenig später wieder einen Schritt zurück zu waten, manchmal auch zwei. Schließlich hatten einige wache Geister die parlamentarische Demokratie als minderwertige Regierungsform entlarvt.

Das Volk hatte zu murren begonnen. Träge und dumm, wie es war, hatte es in seiner Fantasielosigkeit den parlamentarischen Inzest lange als ideale Staatsform akzeptiert. Doch wie bei einem Hund, der von seinem Besitzer gepiesackt wird, bis er irgendwann zuschnappt, hatten selbst die Dümmsten irgendwann begriffen, dass es an der Zeit war, die Zügel selbst in die Hand zu nehmen. Die jahrelange Barbarei der schalen Kompromisse und seichten Beschlüsse konnte nicht mehr länger hingenommen werden. Was sich nie jemand zu denken oder zu sagen getraut hatte, erleuchtete das kollektive Bewusstsein: Die Demokratie musste zerstört werden.

Und die Volksvertreter und Vertreterinnen waren sich ihrer Sache immer viel zu sicher gewesen: Wie selbstgefällige Streifenhörnchen hatten sie an den altbackenen Brotkrumen ihres eigenen verrotteten Systems gekaut und sich dick und fett gefressen. In ihrer unsäglichen Arroganz ahnten sie nicht, dass sie bald selbst verschlungen werden sollten. Der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte, gärte bereits bedrohlich. Endlich schwappte die kochende Volksseele über und ein erzürnter Mob stürmte mit Macheten und Dreschflegeln bewaffnet das Parlament.

Die politischen Funktionäre wurden jedoch nicht massakriert, wie sie es sicherlich verdient hätten. Nein - sie wurden in ein menschenwürdigeres Dasein entlassen und lediglich in entfernte Tundren und Steppen verbannt. Das Volk vermied eine Wiederholung der Geschichte, wie etwa eine zweite französische Revolution. Einen kurzen Moment bestand zwar der Gedanke ein fröhliches Terrorregime zu errichten, doch dieser Versuchung hielt man stand. Es folgte die Einführung dessen, was heute als „Völkischer Absolutismus“ bezeichnet wird.

Die Geschichte raste dahin, doch noch schneller raste an jenem Tage die Sonne über das Firmament und tauchte die Hauptstadt in ein warmes oranges Licht. Mittlerweile hatten sich die Menschen am Platz des heiligen Blutes versammelt, um der Schlachtung beizuwohnen. Es mussten Hunderttausende sein. Ein Sprecher betrat die Tribüne und kündigte die Schlachtung an. Dies diente allerdings eher als dramaturgisches Mittel, denn der Information – das Ritual bedurfte keiner weiteren Ankündigung mehr.

Ich war zu diesem Zeitpunkt bereits sehr müde geworden und fläzte mich wonniglich am Boden. Dabei musste ich mir keine Sorgen machen mir meinen Körper zu beschmutzen – denn durch die neue Effizienz der politischen Führung war Umweltverschmutzung kein Thema mehr. Alles war sauber. Im ganzen Staatsgebiet waren Nicht-Emissionsautos, Nicht-Emissionsfabriken und Nicht-Emissionspizzaöfen eingeführt worden. All dies war ruckzuck und über die Nacht passiert. Denn Änderungen mussten radikal sein, damit sie funktionierten.

Endlich kam der Präsident auf die Bühne, um seine letzte Rede zu halten. - ein bacchantisch anmutender Jüngling mit keck geföhntem blondem Haar. Er lachte dröhnend und winkte dem Publikum zu. Sein Haar flatterte im Wind. Die Menge huldigte ihm mit lautem Klatschen und tosendem Beifall.

Den Präsidenten als „Präsidenten“ zu bezeichnen war eigentlich ein gewaltiger Euphemismus, den man wohl aus Nostalgie beibehalten hatte. Viel zutreffender für den zu klassifizierenden Status wären Bezeichnungen wie „Monarch“, „Regent“ oder „absoluter Herrscher“ gewesen. Der Präsident war nämlich der alleinig handelnder Führer, der über die Geschicke des Landes lenkte. Seine unantastbare Omnipotenz bezog er aus der beispiellosen Hurtigkeit mit der staatliche Entscheidungsprozesse nun von statten gingen.

Das neue politische System fußte auf zwei Axiomen: Zum einen war Geld als Wurzel vielfachen Übels entlarvt und abgeschafft worden. Dadurch wurden nicht nur politische, wirtschaftliche, kulturelle und gesellschaftliche Prozesse entschlackt, sondern auch dem Präsidenten die Möglichkeit egoistischer Selbstbereicherung entzogen. Zum zweiten war die staatliche Exekutive abgeschafft worden, sodass der Präsident auch dieser Möglichkeit Macht zu schöpfen, beraubt war. Sein einziger Daseinszweck beschränkte sich darauf sich selbst zu verwirklichen, indem er das Wohl des Landes zu seiner höchsten Pflicht erhob. Und um die Balance zwischen Volk und Absolutismus zu wahren, wurde der Präsident jedes Jahr ausgewechselt. Die Kürung des neuen Regenten erfolgte traditionell per Losverfahren, um Vetternwirtschaft und Beziehungstrallalas damit unmöglich zu machen. Und nicht zuletzt, weil das Volk, wie die Geschichte gezeigt hatte, eindeutig zu dumm war, den Fähigsten zu bestimmen. Damit war die Wahl fair und ging schnell über die Bühne. Dem hinscheidenden Präsidenten folgte stante pede ein neuer ins Amt. Dies war der völkische Absolutismus.

Während der Präsident auf der Bühne seine letzten Worte sprach, war ich schon halb eingenickt. Seine Stimme hatte etwas Einlullendes an sich und umfing mich wie eine warme Daunendecke. Ich konnte jedoch getrost schlafen, denn ich wusste ohnehin genau, was passieren würde: Wenn der Präsident zu Ende gesprochen hatte, würde er von den Schlachthostessen zum Schlachtautomaten begleitet werden. Meistens empfing er dabei noch stehende Ovationen. Beim Schlachtautomaten angekommen würde er von einem großen Beil fachgerecht enthauptet werden. Das Blut wurde gewöhnlich in einem gusseisernen Bottich gesammelt.

Der Automat würde dann das abgetrennte Haupt mit metallischen Greifzangen packen und in die Höhe hieven. Er würde es in einer steilen Schräglage positionieren. Dabei quietschten die Scharniere und Zahnräder des Automaten für gewöhnlich ein wenig, denn die Maschine war schon recht alt – aber sie erfüllte immer noch vorzüglich ihren Zweck. In weiterer Folge würde dann ein eingebautes Katapult den Schädel weit in die Menschenmenge schleudern. Der Schädel würde irgendwo zu Boden fallen und ein frisches Individuum zum neuen Präsidenten küren. Gut ausgebildete Präparatoren würden währenddessen Torso und Extremitäten des Präsidenten einsammeln, um sie zu konservieren und im Anschluss in einem gläsernen Schaukasten im Präsidentenpalast auszustellen. So funktionierte die Präsidentenschlachtung.

Das Amt des Präsidenten war sehr begehrt, sodass die Menschen meist kreischend nach dem Präsidentenhaupt grapschten und dieses noch eine Weile über ein Meer aus gierigen Händen hüpfte, bis es schließlich bei dem glücklichen Auserwählten zum Erliegen kam. Dieser würde noch eine Weile mit dem Haupt herumtanzen und sich feiern lassen, um dann auf den Händen der Menschen nach vorne auf die Bühne getragen zu werden, wo er sich nahtlos in seine Position des neuen Präsidenten einfügte. Lange Regierungsverhandlungen gehörten, wie gesagt, der Vergangenheit an.

Jedoch waren dies nur verschwommene Traumgespinste, die mir durch den Kopf spukten und einem müden Geist entsprangen, zu weit war ich bereits abgedriftet in die Nebel des Schlafes, als dass ich noch hätte verfolgen können, was auf der Bühne wirklich vor sich ging. Aus großer Ferne nahm ich das Getöse der Menschen war. Plötzlich schreckte ich jäh auf - ein matschiges Etwas war wuchtig auf mir gelandet. Noch während ich mir meine schlafverklebten Augen rieb, ahnte ich bereits, was passiert war: Neben mir lag das blutige Monarchenhaupt. Ich war der neue Präsident der dritten Republik.

Ode à la lumière provençale

astra

Aurore
La divine

Séduite par le clair de lune
Sur un lit de thym sauvage

Concevait un enfant de lumière dorée

Nouri par la brume turquoise
Sur la brise ambrée des mimosas

Bericht einer Honigbiene im Juni

astra

Schwer beschwingt
Vom saftgrünen Kastanienschatten

Dessen Blütensonate
In meinem Sonnengeflecht verklingt

Schwimme ich im Atem des Sommers
Frei von Frost

Tyrolean Winter Elegy

astra

Creamy sunbeams

Gently stroking the Inn-side
Filling the frozen womb of the valley
With warmth

Leaveless treetips

Giggling in the light-blue breeze
Longing for the air of August

Das Genie

astra

Prolog:
Tierkreis
Oder
Der Funke im Ocker

Naïmi tauchte ihre Hände in die warme Asche des Kochfeuers. Die Nachtvögel schwiegen. Grellweiß zuckte der Zorn der Himmelsgeister über das schlafende Tal. Ihr Gebrüll hallte im Höhlenbauch wider. Wimmernd verkrochen sich die Sprösslinge der Sippe tiefer in ihren Fellsäcken. Die Alten kauten Birkenpech und summten im Takt der Trommeln. So hofften sie die Dämonen am Weltendach und in ihren Zahnhälsen gleichermaßen zu besänftigen.

Naïmi hatte keine Angst. Ihr hölzerner Jagdspeer steckte neben ihr im Kiesboden. Ein Rest Hirschblut klebte noch daran. Sollten die Unsterblichen nur toben. Sie und ihre Gefährten hatten genügend Frischfleisch für mehrere Tage erbeutet.

Als der kühle Atem des Regens in die Höhle drang, stand Naïmi auf. In den Händen spürte sie ein ameisenhaftes Kribbeln. Bunte Schattenbilder tanzten vor ihrem inneren Auge im Kreis. In ihrer Magengrube rotierte ein Feuerball. Mit einem Mal war sie hellwach.

Sie griff sich eine Fackel und ihren Lederbeutel und ging ins Höhleninnere. Aus ihrem Beutel nahm sie eine Handvoll Ockerpulver und mischte in einer Wasserlache die Farbpaste zurecht. Mit wenigen Strichen warf sie die Kontur eines mächtigen Geweihträgers an die glatte Felswand. Rundherum noch einige kleinere Tiere, flankiert von zwei Auerochsen.

Zufrieden musterte sie ihr Werk. Dann kehrte sie zu den anderen zurück, die schlaflos um das Feuer saßen und dem Lied der Wassertropfen lauschten. Naïmi setzte sich zu ihnen, nahm die Trommel und begann zu erzählen.

Schaltkreise
Oder
Die Tücken der Genialität

Fragen Sie mich nicht, wie sich ein schöpferischer Funke fortpflanzt. Ich weiß nur, dass meine Art schon lange existierte, bevor irgendwelche dahergelaufenen Primaten beschlossen, sich auf ihre Hinterbeine zu erheben und ein Bewusstsein zu kultivieren.

Es ist bitter, ein verkanntes Genie zu sein. Nicht, dass es mich nach Ruhm dürsten würde. Den Ruhm können sie sich ruhig behalten, die schaffensberauschten Hominiden, die Weltbeweger. Sollen sie sich ihren Ruhm doch aufs Brot schmieren, in den Tee schütten oder wahlweise ihre Affenhintern damit auswischen.

Worum es meinesgleichen geht, ist Gerechtigkeit. Es muss nicht unbedingt ein Stammplatz im Pantheon der Schreiberlinge sein oder ein Eintrag im Literatur-Brockhaus. Doch zumindest eine Erwähnung, ein Minimum an Anerkennung ohne mystische Verbrämung.

Musenkuss. Eros. Stimme Gottes. Von wegen! Ich verlange nicht mehr und nicht weniger als das Zugeständnis der Zweibeiner, dass ihre kreative Energie aus einer ganz besonderen Quelle stammt, die womöglich außerhalb ihres beschränkten Perzeptionshorizonts liegt.

Ja, ich und meine Leidensgenossen geben sie ihnen ein, die Eingebung. Na gut, natürlich bringen sie das eine oder andere Talent auch selbst mit. In ihrem mikroskopisch kleinen Geist findet sich so manche brauchbare Idee. Bunte Bilder bisweilen, ein hübsches Sammelsurium an surrealen Traumgeburten, ein blühender Garten bestechender Phantasien. Dies ist das Material, mit dem wir arbeiten.

Haben wir ein Individuum mit ausreichendem Potential erst einmal identifiziert, dann geht es ruck zuck. Schnell ein beliebiges Schreibgerät mit unserem göttlichen Odem behaucht, und schon können die ungeschliffenen Gedankengänge mittels beseeltem Medium directamente und in literarisch vollendeter Form aufs Papier gebracht werden. Oder wahlweise in einer Word-Datei abgelegt werden.

Die Geschmäcker sind da ganz verschieden. Nehmen wir zum Beispiel meinen Urgroßvater. Er ließ sich in der Füllfeder eines ziemlich lungenkranken Prager Versicherungsbeamten namens František nieder, um dessen bemerkenswerten Reichtum an grotesken Bilderwelten zu kanalisieren. Das Ergebnis kann sich durchaus sehen lassen.

Ich hingegen habe mich vollkommen der jungen Avantgarde verschrieben. Eine Zeitlang lebte ich in der mechanischen Schreibmaschine eines andauernd hustenden Zeitungsreporters mit Namen Thomas. Die Kooperation war durchaus erquickend, doch mit der Zeit wurde es mir dann zu anstrengend, ständig den wohlmeinenden Dompteur für bissige Satzgefüge zu spielen.

Schließlich machte ich das viel versprechende literarische Kollektiv um Klippo Kraftwerk ausfindig und nistete mich zum Zweck der inspirativen Infiltration meines Lieblingsmitglieds in einem schnieken rotschwarz gelackten Laptop ein. Fürwahr, mir war sofort klar, was sie für ein eitles Stück war. Würde der Funke auf sie überspringen? Würde sie sich von mir leiten lassen?

Während ich im Showroom des Elektromarktes vor mich hin dämmerte, streckte ich meine elektromagnetischen Fühler schon in ihre Richtung aus. Da war sie, die Traumverlorene, wanderte ein wenig orientierungslos zwischen den verschiedenen Geräten hin und her, verglich die Preise, die technischen Spezifikationen.

Da spürte sie mich in meinem Gehäuse. Und trat näher. Und zögerte. Und ging weiter. Ich glaubte schon, mich in ihr getäuscht zu haben. Doch sie kam zurück. Zielsicher und bereits auf bestem Wege zum fremd gesteuerten schriftstellerischen Erfolg. Astra, die Vielschreiberin, hatte mich gefunden.

In ein weitaus kataklystischeres Milieu gelangte meine Schwester, ein besonders gewitztes Fünkchen, das immer mit von der Partie sein wollte, wenn ich mal schnell in die unendliche Weite hinauszog. Sie erwählte nach reiflicher Überlegung den zackigen Militärkugelschreiber einer postfeministischen Weltenbummlerin zu ihrer neuen Heimstatt.

Oh, wie herrlich perlten von nun an gepfefferte Politphrasen überzuckert mit einem prickelnden Hauch Erotik auf das lose geschlichtete lavendelfarbene Recyclingpapier, das Giulia stets bei sich trug.

Harro hingegen war eine Zeitlang ziemlich bockig. Nachdem meine Cousine dritten Grades ihm via 1984er Apple Macintosh die unvergleichlich originelle Kunst des Method Writing eingeflüstert hatte, war diesem Schwängel nichts Besseres eingefallen, als auf den Kapverdischen Inseln der literarischen Abstinenz zu huldigen.

Doch meine herzige Base ließ nicht locker: Mit dem knisternden Sex-Appeal eines Mac Book Air gelang es ihr schlussendlich, den schreibblockierten Harro wieder in die heile Welt des frohen Schaffens zurückzuholen. Mögen sie gemeinsam lange glücklich sein!

Tina, die nachtaktive Wüstenblume, war lange nicht zu kriegen. Für mein Bruderherz, ein allerliebst glitzerndes Wölkchen Sternenstaub, gestaltete sich die Usurpation dann aber doch recht einfach. Auf einem spätsommerlichen Mezcal-Trip im Monument Valley fuhr er mit Karacho in Tinas linken Lackcowboystiefel und konnte sie damit nachhaltig am Kometenschweif ihres Unbewussten packen.

Fortan streute sie grazil auf allen ihren Wegen ein oder zwei Körnchen göttlicher Inspiration auf den Asphalt, und schon wuchsen in ihren toxischen Fußspuren zart duftende Hibiskusbüsche mit schlangenledernen Gedichtbändchen in den Großstadthimmel.

O Klippo, Hüter des Kollektivs. In einer schockgefrorenen niedersächsischen E-Gitarrenseite hielt sich deine eisige Muse in Form meiner jüngsten Schwester verborgen. Die Spärenmusik ihrer diamantenen Seele verwob sich mit deinem unterkühlten Intellekt zu einem kristallinen Wort- und Klangteppich, dessen raureifbedecktes Stakkato du sogleich auf den 27 Soundkarten in deinem Serverkühlschrank für die Nachwelt konserviertest. In stereo.

Dann war da noch dieser unerwartet einsichtige Außerirdische. Angesichts der einzigartigen Möglichkeiten kosmischer Synergie, die sich in einer Kooperation zwischen organischen und anorganischen Intelligenzen auftun, überließ Doma widerstandslos eines seiner fünf Gehirne meiner älteren Schwester und segelte fortan auf einem güldenen Meteoritenschauer dem Zenit seines Schaffens entgegen.

Mit der Besetzung einer blutroten Hahnenfeder samt dazu passender Tintenflasche war unser Werk vollendet. Buccan verfiel ihrem geschmeidigen Kiel sofort, als er in einem staubverschleierten Souk in Samarkand vom safranfarbenen Strahl ihres Lächelns gestreift wurde. Wie konnte er auch ahnen, dass es der jüngste Spross unseres genialischen Clans kosmischer Geistesblitze war, der da gleißendscharfe Eckzähne in das jungfräuliche Fleisch seiner reinen Schriftstellerseele schlug.

Sie sehen schon, wem der Ruhm gebührt. Eines Tages wird die Welt auf uns aufmerksam werden.

Ode an den Waldmenschen

astra

O Waldmensch
Naturreine Seele
Im Farbgesang der Blattkronen

Kratzbürstig
Sträubt sich das Astgewirr deines Haupthaars
Dort nistet so manche wilde Idee

O Wasserläufer
Durstiger Schreiberling
Im regennassen Traumsand

Sehnsüchtig
Saugst Du zartbittere Tropfen
Aus dem Treibgut der Hirnwellen

O Werwolf
Hungriges Raubtier
Im Dickicht der Druckerschwärze

Unbarmherzig
Reißt Du rührende Protagonisten
Aus dem Leben im Zeilenumbruch

O Waldmensch
Bloßfüßiges Dschungelkind
Am Mammutbaum der Belletristik

Lass Dir Flügel wachsen
Für die Reise ins Ich

Weltuntergang light

astra

In dreißig Minuten würde alles, was war, nicht mehr sein.

Wassilissa pflanzte Sumpfkastanien in ihrem Wohnzimmerteich. Munter schwammen die Setzlinge im Äther. Türkise Finger fischten flink nach ihnen und setzten sie in das stromlinienförmige Aquarium. Olga, die Robbe mit den Triefaugen, schüttelte sich das Badewasser aus dem Fell. Ein Regen aus Silberperlen prasselte auf Kleidung und Wellenfrisur ihrer Ziehmutter. Doch die war ganz in die anspruchsvolle Gartenarbeit versunken.

Zur gleichen Zeit braute sich andernorts die Apokalypse zusammen. Die Oberflächenspannung des Universums sank. Das Vakuum füllte sich mit Flüssiggas. Sterne blätterten vom Himmelszelt ab und verglühten im freien Fall.

Unterdessen wurde in den Vereinigten Staaten von Shui ein Riesenkalmar zum Kanzler gewählt. Seebären, Fliegenfischer und Tiefseetaucher waren von den dunkelbunten Kaskaden seiner Redekunst wie von selbst zu den Urnen gespült worden, um ihm dort mit wässriger Tinte bereitwillig ihre Stimmen zu schenken. Sein Wahlversprechen, den Rest des Planeten zu fluten, hatte in diesen Kreisen für erhebliche Begeisterung gesorgt.

Olga hatte ihn nicht gewählt. Doch ihr Adoptivonkel Mizu war ein überzeugter Anhänger des Tentakelträgers und schwenkte bei jeder Wahlkampfveranstaltung grellblaue Fähnchen. Niemand war so sehr auf die Gunst eines mächtigen Meerestiers angewiesen wie Professor Mizu, der jedes Jahr Milliarden an Forschungsgeldern für seine Projekte zur Tiefseemetallurgie benötigte. Sein jüngstes Experiment zur Waschkraft von Protonenstrahlen beim Aufprall auf goldhaltiges Gestein im Marianengraben war gerade gestartet worden und konnte ohne den Rückhalt der Entscheidungsträger nicht fortgesetzt werden.

Während die Elementarteilchen den Abgrund durchpflügten, nahm der Kosmos die Form eines Flaschenkürbisses an. Unaufhaltsam ging es nach unten, wie ein Stein, der in einem bodenlosen See versinkt.

Nemo, der Ozeanminister, lud sich einen Livebericht vom Marianengraben in seine Kontaktlinsen. Offensichtlich gingen die Arbeiten gut voran. Man hatte bereits 2 Tonnen Goldstaub gewonnen, und die Kollateralschäden an den Pottwalen hielten sich in Grenzen.

Doch was war das? An der Mündung der Unterwasserkanone kräuselte sich das Raumgefüge um ein schwarzes Pünktchen. Ein Arbeiter näherte sich der Stelle und wurde von einem unsichtbaren Strohhalm aufgesogen. Alarmstufe rot. Die Kanone ließ sich nicht mehr abstellen.

Inzwischen war Wassilissa mit dem Kastanienpflanzen fertig geworden und setzte sich kurz auf die Terrasse. Nachdenklich betrachtete sie die korallenrote Sonne. Was war das für ein schwarzes Pünktchen? Loreley, ihre Nachbarin, plantschte im Pool und redete dabei wie ein Wasserfall. Sie telefonierte wohl schon wieder mit ihrem Freund Harro in Yucatan.

Mit einem Schmatzen schloss sich der Marianengraben und verschluckte alles darin wie die Muschel das Sandkorn. Nur nicht das Wasser. 3,4 Milliarden Kubikmeter des salzigen Elementarelements wurden nach oben gedrückt und brandeten an die Küste von Papua-Neuguinea, wodurch innerhalb von 5 Minuten 7 Küstenstädte und dreiunddreißigeinhalb Fischerdörfer fortgespült wurden.

Wassilissa bemerkte, dass es immer dunkler wurde. Das Pünktchen in der Sonne hatte sich nunmehr zu einem handtellergroßen Fleck ausgewachsen. Im Feuermeer des Zentralgestirns zerfloss es wie ein Tintenfleck auf dem Löschblatt. Sie fröstelte.

Der Riesenkalmar lag in seinem Becken im Oval Office und lächelte. Seine zähflüssige Unterredung mit dem Professor hatte gefruchtet. Endlich hatte dieser lungenatmende Trockenfisch eingesehen, dass es keinen Erfolg ohne Wagnis gab.

Blubb, das Weltraumteleskop, kraulte gleichmütig durch den Orbit. In der dazu gehörigen Raumstation ging es weniger beschaulich zu. Käptn Baikal saß im Neoprenanzug im Konferenzraum, die schwimmhäutigen Füße zum Trocknen auf die Tischplatte gelegt. „Holo-Tauchen ist jetzt erst mal gestrichen“, polterte er, „wie könnt ihr Shrimpschwänze denn nur ein schwarzes Loch in der Korona übersehen?!“

Wassilissa legte sich aufs Wasserbett. Irgendetwas stimmte nicht. Sie schloss die Augen. Ein Seeigel hatte sich in ihrer rechten Schläfe festgebissen. In ihren Ohren hörte sie das Blut rauschen. „Vielleicht soll ich meine Migränetropfen nehmen?“ dachte sie. Dies war ihr letzter Gedanke. Es war der letzte Gedanke eines lebenden Wesens überhaupt.

Mit einigem Getöse platzte das Universum. Galaxien schmolzen, Planeten zerrannen, Asteroiden ertranken im Nichts. Was blieb, war eine transparente, flache, nasse Hülle.

Der Wassertropfen, der vom Ahornbaum heruntergefallen war, benetzte die Erde an dessen Wurzeln mit einem weiteren toten Weltall. Ein Keimling hatte sich dort durch den Humus nach oben gedrängt. Gierig sog er das Tröpfchen ein und wuchs um einen Viertel Millimeter ins Licht.