An eine Öse
klippoPersonen:
Kommissar Hempel
Kommissar Waschek
Max Öse
Greta Öse
Freddy von der Spezialeinheit
Zwei Polizeihelfer
Eine dunkle Gestalt
Eine weitere dunkle Gestalt
Bierpunk Schnorri
Bierpunk Rotti
Bierpunk Buffi
Polizeihund Kleiner Kläffer
Fufi, der Hund der Bierpunks
1. Akt
(Ein Wachzimmer. Kommissar Hempel sitzt an einem Schreibtisch und ist mit Büroarbeit beschäftigt. Er ist klein und dick und hat ein rundes Kindergesicht. Seine weißen Haare sind gepflegt und seine Oberlippe ziert ein sorgfältig gestutzter Bart. Er trägt eine Brille. Im Hintergrund steht Kommissar Waschek und kaut an einem Pfirsich. Waschek ist ein hünenhafter Mann, mit breiten Schultern und Stiernacken. Er hat kurz geschorene Haare und auf seinem Gesicht liegt ein permanent grimmiger Ausdruck. Plötzlich geht die Tür auf und ein Mann kommt herein. Er ist noch recht jung und hat zerzauste Haare. Er wirkt aufgeregt)
Max (keuchend): Herr Kommissar! Ich bin so schnell gekommen wie ich konnte.
Hempel (schaut von seiner Büroarbeit auf): Ah, Herr Öse! Ich bin froh, dass Sie da sind. Mein Name ist Hempel. Ich und mein Kollege Waschek (deutet auf den zweiten Polizisten im Hintergrund) sind die beiden ermittelnden Kommissare im Fall von ihrer verschwundenen Frau, Greta Öse. Setzen Sie sich doch!
Max (Setzt sich auf den Stuhl, den Hempel ihm anbietet. Aufgeregt): Haben Sie etwas herausgefunden?
Hempel (ernst): Nein. Nach wie vor fehlt von ihr jede Spur. Ich muss Ihnen leider gestehen, dass wir beim derzeitigen Stand der Ermittlungen auch einen kriminellen Tatbestand nicht ausschließen können, ja ein derartiges Szenario wird sogar immer wahrscheinlicher. Wir müssen wohl oder übel davon ausgehen, dass Ihre Frau einem Verbrechen zum Opfer gefallen ist.
Max (erschrocken): Oh mein Gott!
Hempel: Insofern… (er setzt zögerlich fort und betrachtet seine Fingernägel. Sein rundes Gesicht nimmt einen nachdenklichen Ausdruck an) Insofern hat sich die Sachlage für uns alle entscheidend verändert. Herr Öse, ich weiß nicht, wie ich es Ihnen am besten sagen soll, deshalb sage ich es Ihnen einfach gerade heraus: Wir glauben, dass Sie etwas mit dem Verschwinden Ihrer Frau zu tun haben könnten. Oder mit anderen Worten: Herr Öse, Sie stehen unter Mordverdacht!
Max (entsetzt): Wie bitte? Sie glauben doch nicht im Ernst ich hätte etwas mit dem Verschwinden meiner Frau zu tun?
Hempel: Sie haben mir nicht richtig zugehört, Herr Öse. Wir sprechen in diesem Fall nicht mehr von „Verschwinden“, sondern von „Mord“ und genau dies ist der springende Punkt, von dem wir im Moment ausgehen. Im Zuge unserer Ermittlungen bleibt uns leider keine andere Möglichkeit als diese Variante in Erwägung zu ziehen.
Max (aufgebracht): Das ist eine Frechheit! Ich stehe die schlimmsten Ängste um meine Frau aus und Ihnen fällt nichts Besseres ein als mich des Mordes zu bezichtigen, wahrscheinlich… (er stockt einen Moment, unschlüssig, ob er den Gedanken aussprechen soll, tut es dann aber doch) wahrscheinlich weil Sie bei Ihren Ermittlungen auf der Stelle treten!
Hempel (steht auf und beginnt auf und ab zu schlendern): Herr Öse, Herr Öse, Herr Öse, was soll ich nur mit Ihnen machen? Das ist ein äußerst frecher Vorwurf, den Sie hier gegen uns erheben. Sie müssen wissen, dass ich und mein Kollege (deutet noch einmal auf Waschek, der immer noch kauend im Hintergrund steht und grimmig dreinblickt) unsere Fälle in beispielloser Effizienz lösen. Dennoch kann ich Ihre überhitzte Reaktion verstehen, nicht zuletzt da es im strengen Popperschen Sinne gar keine absolute Wahrheit geben kann. Was aber gleichzeitig bedeutet – geht man von Ihrem Standpunkt aus - dass Sie damit nicht Recht haben können. Und wenn nicht Sie Recht haben, bedeutet das logischerweise, dass nur wir Recht haben können. Können Sie mir folgen, Herr Öse? (Der Polizist schaut Max durchdringend an) Und im Übrigen, würden Sie einen potentiellen Mörder frei herumlaufen lassen?
Max: (ringt entsetzt nach Luft) Nein – das heißt in meinem Fall ja – jetzt haben Sie mich total durcheinander gebracht.
Hempel: Herr Öse, offenbar verstehen Sie überhaupt nichts von Poppers Kritischem Rationalismus.
Max (trotzig): Das muss ich auch nicht. Und noch dazu bin ich unschuldig!
(Waschek schält sich plötzlich aus der Dunkelheit. Seine Gestik ist männlich und brutal. Aus seinem Mund tropft Pfirsichsaft, während er die letzten Bissen der Frucht verschlingt. Mit einem lauten PLÖNG wirft er den Kern in eine blecherne Abfalltonne. Hempel verzieht sich ein paar Schritte nach hinten)
Waschek: Schluss mit dem Spektakel! Geben Sie endlich zu, dass Sie Ihre Frau ermordet haben!
Max (erschrocken): Das glauben Sie doch wohl selbst nicht! Wir haben gerade erst geheiratet und…
Waschek: (fällt ihm ins Wort): Aha! Verheiratet waren Sie also! (Triumphierend) Jetzt kommen wir der Sache schon näher! Sie haben sie getötet, damit Sie nicht ihr restliches Leben mit ihr verbringen müssen. Ein feiner Plan, aber damit werden Sie nicht durchkommen!
Max (empört): Das ist absurd!
Waschek: (knurrend) Sie mögen das vielleicht „absurd“ nennen. Wir in der Polizeisprache nennen, das „ein Motiv“.
Max: (seine Stimme erhebend) Jetzt reicht es mir aber! Ich bin unschuldig!
(Hempel tritt aus dem Hintergrund hervor. Er hat sich eine Zigarette angezündet und raucht genussvoll. Verharrt einen Moment Rauch ausstoßend und bietet Max eine Zigarette aus seinem Päckchen an, der aber ablehnt. Spricht ruhig und geordnet)
Hempel: Aber Herr Öse! Nun beruhigen Sie sich doch. Max. Keine Panik. Ich darf Sie doch Max nennen, oder? (Max nickt) Gut. Max. Wir wissen, dass Sie eine schwere Zeit durchmachen. Ihre Frau ist mittlerweile seit drei Wochen verschwunden und wir konnten sie trotz unserer intensiven Ermittlungsarbeit nicht finden. Das schmerzt auch uns, glauben Sie mir. Wenn Sie nicht schon geheiratet hätten, würde ich sagen ihre Frau hätte Muffensausen bekommen oder wäre mit einem anderen Mann durchgebrannt. (Schmunzelt) Aber so… (schüttelt den Kopf) So führen alle Wege nach Rom. Haha. (Lacht kurz) Aber keine Sorge, Max, wir wollen uns nicht im Kreis drehen. Jedoch, gibt es da ja vielleicht irgendetwas, das Sie uns erzählen möchten oder was Sie vielleicht vergessen haben uns zu erzählen? (Zwinkert Max zu)
Max (beruhigt sich wieder): Ich wüsste nicht was. Und im Übrigen gibt es keinen triftigen Grund gleich von einem Verbrechen auszugehen.
Hempel: Max, ich warne Sie, Sie sind schon wieder ziemlich vorlaut. Wenn Sie schon so neunmalklug sind, dann bedenken Sie allerdings gleichermaßen, dass es auch keinen triftigen Grund gibt NICHT von einem Verbrechen auszugehen, nicht zuletzt weil es für ein Verbrechen immer einen triftigen Grund gibt! (Spricht schnell) Denn sollte es tatsächlich einmal keinen triftigen Grund geben, ist das Nicht-Vorhandensein eines Grundes für den Verbrecher für gewöhnlich triftig genug! (Hempel nähert sich Max bis auf wenige Zentimeter. Er spricht zu ihm mit gedämpfter Stimme) Max, seien Sie kein Idiot! Wenn Sie gleich gestehen und auf Totschlag plädieren, kommen Sie vielleicht mit 15 bis 20 Jahren davon. Vielleicht auch 13 Jahre bei guter Führung. Wir wollen Ihnen helfen, Max. Aber ich rate Ihnen sich zusammenzureißen. Mein Kollege da hinten (deutet flüchtig auf Waschek, der breitbeinig hinter ihm steht) ist bei weitem nicht so geduldig wie ich. (Geht wieder auf normale Distanz. Wieder laut) Max, erzählen Sie uns doch bitte noch einmal, was sich an jenem Tag vor drei Wochen, an dem sie Ihre Frau das letzte Mal gesehen haben, zugetragen hat!
Max (seufzend): Das habe ich doch bereits zu Protokoll gegeben. Aber gut. Der Tag, an dem ich das letzte Mal mit Greta zusammen war (seufzt schwer), war im Grunde (zögert kurz) ganz normal. Zuerst war sie noch da, dann war sie plötzlich weg. (Plötzlich sehr weinerlich) Ich weiß nicht, was ich sonst noch dazu sagen soll. Natürlich bin ich sie suchen gegangen, aber ich konnte sie nirgends finden. Ich habe ihre Freundinnen und Verwandten angerufen, aber niemand hat von ihr etwas gehört. (Max beginnt leise zu schluchzen und begräbt sein Gesicht in den Händen. Die beiden Kommissare schauen sich an und Hempel gibt Waschek ein Zeichen. Waschek geht zu einem Ordner und entnimmt daraus ein Blatt Papier. Er reicht es Hempel, der sich neben Max hinsetzt und ihm brüderlich den Rücken tätschelt. In der Hand hält er das Blatt Papier)
Hempel: Max! Machen Sie sich keine Sorgen. Wir werden Ihre Frau finden! (Leise zu Waschek) Vielleicht ist sie dann sogar noch am Leben. (Wieder zu Max) Max, bitte unterschreiben Sie hier Ihre Aussage! (Er reicht Max das Blatt Papier und einen Schreibstift. Max, mit tränenverquollenen Augen, nimmt den Stift und das Papier. Er überfliegt das Blatt und setzt an zu unterschreiben. Im letzten Moment zieht er den Schreibstift zurück)
Max: Moment! Was steht hier eigentlich? (Liest das Kleingedruckte laut) Ich gestehe, dass ich meine Frau ermordet habe, aus Mordlust und Bosheit? Sind Sie verrückt? (Steht empört auf) Sie haben versucht mir ein Geständnis unterzujubeln!
Hempel: (Verlegen, zieht das Blatt Papier schnell zurück) Da habe ich mich wohl im Formular geirrt! Tut mir leid! (Verstohlen zu Waschek) Sie wissen gar nicht wie oft das funktioniert… (Wieder zu Max) Hier ist das richtige Formular! Beruhigen Sie sich wieder, diesmal ist es wirklich korrekt, ich schwöre es! (Fröhlich) Reine Bürokratie müssen Sie wissen, aber eine Unterschrift hier, ein Kreuzchen da und schon hat alles seine Ordnung! (Er reicht Max ein neues Formular, welches dieser skeptisch mustert. Es scheint korrekt zu sein, denn er nickt und unterschreibt anschließend. Der Polizist nimmt das richtige Formular und liest es. Plötzlich zuckt er zusammen.)
Hempel: Ja heilige Maria Mutter Gottes! Wollen Sie uns verarschen, Max?
Max: (ehrlich erstaunt) Was ist denn? Ich habe meine Aussage unterschrieben, wie Sie gesagt haben!
Hempel (eisig): Max, ich war wirklich geduldig mit Ihnen, aber jetzt werde ich ebenfalls richtig wütend. Sie sind nicht in der Stellung sich Scherze zu erlauben. Sehen Sie sich das an, Waschek!
Waschek: Was gibt’s denn Hempel? (nähert sich Hempel von hinten und guckt über den Rand des Formulars. Zuckt zusammen): Ja ist das denn zu glauben? Der Schuft macht sich über uns lustig! (Ringt nach Luft und schreit) MÖSE!
Max: (ist verdutzt, liest das Formular noch einmal): Wie bitte? Möse? Was reden Sie da? Das ist mein Name! Max Öse! Abgekürzt M-Punkt-Öse!
Waschek (schnaubend): Sehr witzig! Möse! Jetzt ist endgültig Schluss mit dem Spektakel! (Er drückt auf eine Klingel und zwei starke Polizisten betreten den Raum. Er deutet auf Max) Ralf! Bernd! Tut mir den Gefallen und schafft diesen Mörder weg! Werft ihn in irgendein dunkles, feuchtes Loch! (Die beiden Polizisten packen Max und zerren ihn aus dem Raum. Max schreit und strampelt aus Leibeskräften, während er abgeführt wird)
Max: Nein! Das könnt ihr nicht mit mir machen! Nein!
Hempel (Zündet sich eine neue Zigarette an. Schulmeisterhaft zu Max): Das haben Sie sich selbst zuzuschreiben! Ich hab Ihnen doch gesagt, dass Sie sich ein wenig kooperativer zeigen hätten sollen! (Max und die Polizisten passieren den Bühnenrand und die Schreie verebben langsam. Die Kommissare wenden sich einander zu)
Hempel: Ausgezeichnet. Der Fall ist so gut wie gelöst. Es ist nur mehr eine Frage der Zeit bis er die Nerven verliert und gesteht. Zu Außenstehenden ab jetzt nur mehr in Geheimsprache über diesen Fall. Wir spielen Blinde Kuh (zwinkert auffällig), verstehst du? Also, was meinst du, Operation „Blinde Kuh“ (zwinkert noch einmal auffällig) läuft doch wie am Schnürchen?
Waschek: Jaja, ich hab’s kapiert.
Hempel: Tja… (reckt und streckt sich ausgiebig) Wir müssen noch einen Bericht schreiben. Du weißt schon, über den Verlauf der Ermittlungen! (Macht bei „Ermittlungen“ ein zweideutiges Zeichen mit der Hand. Die beiden schauen sich an und beginnen zu lachen)
Waschek: Haha. Der war gut. Was machen wir diesmal? Gehen wir spazieren?
Hempel: Ja. Wir könnten einmal wieder den Bierpunks ein wenig Feuer unter dem Hintern machen, was hältst du davon?
Waschek: Sehr fein! Das wird ein Spaß! Wie spät ist es? Ach, schon zehn? Dann gehen wir gleich!
Hempel: Gut. Aber wir nehmen kleinen Kläffer mit. Man weiß ja nie. Komm, kleiner Kläffer! (Er pfeift und ein Polizeihund kommt kläffend in den Raum. Soll von einem Menschen in Hundekostüm gespielt werden)
Kleiner Kläffer: Wauwau. (Vorhang)
2. Akt
(Vor der Polizeistation. Ein Mann steht am Fuße der Treppe und trinkt Kaffee aus einem Pappbecher. Er ist groß, dünn und trägt einen farblosen Mantel. Er raucht eine Pfeife. Kleiner Kläffer, Hempel und Waschek kommen aus dem Gebäude)
Hempel (zu Waschek): Schauen Sie, da ist Freddy von der Spezialeinheit! (Zu Freddy) Hallo Freddy. Heute in zivil?
Freddy (fröhlich): Hallo Jungs! Ich bin zivil aus Gründen der Sicherheit, denn die Sicherheit hat höchste Priorität, wie ihr wisst. Und meine Einsätze sind höchst spezial. Wie läuft’s mit eurem Fall, Jungs?
Hempel: Operation „Blinde Kuh“ hat begonnen. Der Stier stößt gerade seine Hörner ab.
Freddy: Wie bitte? Was sagst du da?
Hempel: Du hast mich schon verstanden, Freddy. Der Stier stößt seine Hörner ab. Die Frage ist nun, was macht die Kuh? (Zwinkert angestrengt)
Freddy (fällt aus allen Wolken): Achso, du meinst das Losungswort! Mein lieber Hempel, ich bin informiert, vor mir kannst du mit der Geheimniskrämerei ruhig aufhören.
Hempel (ungeduldig): Du hast selbst gesagt, dass die Sicherheit höchste Priorität hat! Also, raus mit der Sprache, aber schnell! Was macht die Kuh?
Freddy (beschwichtigend): Ist ja gut, Hempel! Das hab ich zwar nie gesagt, aber wenn du es unbedingt hören willst: Die Kuh kalbt im September. Sei um Himmels Willen nicht immer so paranoid.
Hempel (mürrisch): Man kann nie wissen. Nimm mir das nicht übel. Aber um auf deine Frage zurückzukommen: Unsere Fall läuft ausgezeichnet. Wir müssen nur noch die Ermittlungen abschließen.
Freddy (fröhlich): Ich wusste es! Ausgezeichnete Arbeit, wie immer. Ihr seid meine Jungs! Übrigens kennt ihr schon den? Ein Päderast, ein Chinamann und ein Fliegenpilz sitzen in der Dachrinne und stricken. Plötzlich kommt eine Birne vorbei geflogen. Sagt der Fliegenpilz zu der Birne: „Hey - Birnen können doch gar nicht fliegen.“ Sagt die Birne: „Wieso, ich bin doch die Birne Maja.“
Waschek (lacht prustend): Haha, zum Totlachen. Ich liebe Witze mit Birnen!
Hempel (lacht nicht): Sehr amüsant, Freddy. Wie immer. Jetzt müssen wir aber wirklich los.
Waschek: Ja, wir wollen den Bierpunks ein bisschen Feuer unter dem Hintern machen.
Hempel: Wiedersehen, Freddy. Und vergiss nicht: Die Kuh kalbt im September!
Freddy: Keine Sorge! Wiedersehen, Jungs. Seid vorsichtig!
Hempel: Ach, uns passiert schon nichts, wir haben ja kleiner Kläffer mit. Komm, kleiner Kläffer!
Kleiner Kläffer: Wauwau. (Hempel, Waschek und Kleiner Kläffer verlassen das Bild. Vorhang)
(Dunkelheit. Ein dunkles, feuchtes Loch, das in der Mitte durch eine Wand geteilt ist. In der einen Hälfte sitzt Max auf einer schmalen Pritsche und brütet vor sich hin. In der anderen Hälfte unterhalten sich zwei düstere Gestalten miteinander. Die beiden Räume sind durch ein schmales Schiebefenster miteinander verbunden)
Düstere Gestalt: Sie wissen, was sie zu tun haben, oder?
Dunkle Gestalt: Aber klar doch, Mann!
Düstere Gestalt: Sind Sie ganz sicher? Ein Versagen könnte irreparable Konsequenzen haben.
Dunkle Gestalt: Ganz ruhig, Mann, ich kenn mich aus. Ich bin der geborene Schauspieler.
Düstere Gestalt: Was reden Sie da? Hier ist ihr Text. Wenn Sie es gut machen, sind Sie in ein paar Wochen raus.
Dunkle Gestalt: Wunderbar. Lassen Sie mich nur machen.
Max (im anderen Raum, in elegischer Stimmung. Plötzlich ertönt eine Stimme aus der Nachbarzelle. Es ist die dunkle Gestalt im Nebenraum, die durch das kleine Schiebefenster spricht)
Dunkle Gestalt: Psssst. Ist hier jemand?
Max (blickt sich erstaunt um): Ja ich bin hier, wer ist dort?
Dunkle Gestalt (mit gespielter Dramatik): Ich bin’s, der Gefangene aus der der Nachbarzelle. Werden Sie hier auch fest gehalten?
Max (aufgeregt): Ja! Und dabei handelt es sich um ein großes Unrecht!
Dunkle Gestalt (mit brüchiger Stimme): Oh, wie gut es ist nach all den Jahren wieder eine menschliche Stimme zu hören. Ich sitze hier schon seit Ewigkeiten.
Max: Das ist ja furchtbar! Wie kam es dazu?
Dunkle Gestalt (seufzt): Ich habe Fehler gemacht. Wenn ich mehr mit den Beamten kooperiert hätte, wäre es um Einiges besser für mich gelaufen. Ich rate Ihnen, mein Sohn, spielen sie nur nicht den Trotzkopf, denn sonst lassen sie Sie hier unten verrotten!
Max (erschrocken): Aber ich bin unschuldig! Gibt es denn gar keine Gerechtigkeit mehr?
Dunkle Gestalt: Wohl kaum. Manchmal wünsche ich, ich könnte die Zeit noch einmal zurückdrehen. Jetzt ist alles zu spät.
Max: Was würden Sie anders machen?
Dunkle Gestalt: Ich würde einfach alles unterschreiben, was Sie mir vor die Nase halten, das ist der einzige Weg. Ansonsten gehen allein schon für die Dauer der Bürokratie ein paar Jahrzehnte drauf! Wenn sie mitspielen geht alles viel schneller und nach ein paar Jahren und bei guter Führung sind Sie wieder raus. (Düster) Aber ich habe das nicht getan und jetzt haben sie mich wohl hier vergessen.
Max (überrascht): Was Sie nicht sagen!
Dunkle Gestalt (aufgeregt): Oh, es kommt jemand! Ich muss aufhören. Nützen Sie Ihre Chancen, solange Sie sie haben!
Max: Warten Sie! Gehen Sie nicht weg!
Dunkle Gestalt (zu düsterer Gestalt): Na, wie war ich? (Max bleibt alleine im Dunkeln zurück. Vorhang)
(Eine heruntergekommene Wohnwagensiedlung. Zeitungen flattern über den Boden. Eine Gruppe von Bierpunks sitzt am Boden und trinkt Bier. Es sind zwei Männer und eine Frau in versifften Lederklamotten, mit Nieten, Hundehalsbändern, durchlöcherten Ohren und bunt gefärbten Haaren. Neben ihnen liegt ein Hund und schläft. Wie Polizeihund Kleiner Kläffer soll er von einem Menschen in Kostüm gespielt werden. Die beiden Kommissare und kleiner Kläffer treten auf. Waschek spricht durch ein großes Polizeimegafon)
Waschek: Hey, ihr Bierpunks! Still gestanden und die Ohren gespitzt! Hier spricht die Polizei. Wir sind gekommen, um euch zu verhören! (Vom lauten Ton des Megafons erschrocken, schauen die Bierpunks auf)
Hempel (leise zu Waschek): Sehr gut, Waschek. Die Überraschung ist auf unserer Seite. (Er und sein Kollege nähern sich den Bierpunks bis sie dicht vor ihnen stehen. Jetzt laut zu den Punks) Ihr habt gehört, was der Kollege gesagt hat. Wir werden euch ein paar Fragen stellen. Wenn ihr kooperativ seid, dann wird euch womöglich nicht viel passieren. Leistet ihr jedoch Widerstand, sind wir gezwungen von unseren Schlagstöcken und Pfeffersprays Gebrauch zu machen. Eventuell werden wir auch unseren extrascharfen Polizeihund auf euch loslassen. (Er verweist auf Kleiner Kläffer, der einmal laut bellt) Also, Bierpunks, überlegt es euch gut! (Die Bierpunks schauen erschrocken und sagen kein Wort) Habt ihr diese Frau schon einmal gesehen? (Hempel zeigt den Bierpunks ein Foto. Es handelt sich dabei um ein Abbild von Greta Öse, Max Öses verschwundener Frau. Die Punks - Schnorri, Rotti und Buffi –- schauen sich neugierig das Foto an)
Schnorri (mit leichtem Zungenschlag zu den anderen Punks): Die Polizei ist hier.
Rotti: Ja, ich seh’s. (lallend zu Hempel) Hast du mal ne Mark? Für Bier und Hundefutter. Ein paar Euros wären auch OK.
Buffi: (zu den anderen Punks) Eyy, kann einer von euch endlich mal das Klo putzen? Ich hab keine Lust mich ständig auf Kotze zu setzen!
Rotti: Apropos! Wir haben kein Bier mehr. Ich geh mal eins holen. (Steht auf wankt aus dem Bild. Wendet sich dabei den beiden Polizisten zu). Wollt ihr Jungs vielleicht auch ein Bier? (Verschwindet)
Hempel (aufgeregt zu Waschek): Waschek, sie kooperieren nicht! Wir müssen etwas unternehmen!
Waschek: (zieht eine Pfeife aus der Tasche und bläst hinein. Der schrille Ton hallt unangenehm laut über das Setting. Die Bierpunks halten sich erschrocken die Ohren zu. Er ist wütend) Schluss mit dem Spektakel! Wir sind nicht zum Spaß hier! Ich verlange Disziplin und Respekt! (Durch den Lärm wacht der Hund der Bierpunks auf. Er hebt müde sein Ohr und hustet leise)
Buffi (vorwurfsvoll): Oh seht nur, jetzt haben sie Fufi aufgeweckt.
Schnorri: Oh nein, der arme Fufi. Dabei hat er so friedlich geschlafen.
Buffi (sehr betrunken, wütend): Da, seht, was ihr angerichtet habt! (Hempel und Waschek schauen verdutzt. Der Polizeihund Kleiner Kläffer nähert sich Fufi misstrauisch und beginnt spielerisch nach ihm zu schnappen)
Buffi (zu kleiner Kläffer): Oh nein, lass den guten Fufi in Ruhe. Fufi hat zum Frühstück zwei Bier bekommen und ist jetzt müde
Hempel (zu Waschek): Heilige Maria Mutter Gottes, haben Sie das gehört? Sie geben dem armen Tier Alkohol. Und sie zeigen keinerlei Disziplin und Respekt vor dem Gesetz! Grund genug sie alle miteinander wegzusperren bis sie schwarz werden!
(Fufi gibt einen kläglichen Laut von sich und erhebt sich schwankend. Die Annäherungsversuche von Kleiner Kläffer ignorierend stakst er auf seinen dünnen Beinchen auf Hempel und Waschek zu und bleibt vor ihnen stehen. Mit einem würgenden Geräusch ergießt sich ein grüner Schwall aus seinem Maul auf die Schuhe der Kommissare. Dann dreht er sich um und trottet zurück zu den Punks, wo er wieder seine Schlafposition einnimmt. Kleiner Kläffer bellt aufgeregt und schnüffelt an den besudelten Schuhen)
Waschek: (rot vor Zorn) Ist das denn die Möglichkeit? Das Vieh kotzt auf uns!
Hempel: (schrill) Jetzt sind sie zu weit gegangen. Niemand schändet ungestraft die Schuhe einer Ordnungsmacht. (Zu Waschek) Was stehen Sie noch so unbeweglich herum? Ziehen Sie die Attentäter zur Rechenschaft!
(Waschek zieht seinen Schlagstock und nähert sich den beiden immer noch am Boden sitzenden und Bier trinkenden Punks. Er holt aus und schlägt Schnorri wuchtig auf den Arm)
Schnorri: (schreit vor Schmerz) Auweh! Was soll das? Das hat richtig wehgetan! (Dann leiser, aber dennoch deutlich hörbar) Scheißbulle!
Hempel: (aufgeregt): Da, da, da! Haben Sie das gehört, Waschek? Er hat es schon wieder getan! Sie respektieren einfach nicht unsere Autorität! Bestrafen Sie sie – alle beide! Und sparen Sie nicht mit dem Pfefferspray!
Waschek: Aber mit größtem Vergnügen, mein lieber Hempel!
(Er holt wieder mit seinem Schlagstock aus. Mit der anderen Hand zieht er eine kleine Sprühdose aus den Taschen seiner Uniform. Schnorri und Buffi heben schützend ihre Arme vors Gesicht und kauern sich aneinander. Kurz bevor der Polizist jedoch eine neuen Schlag landen kann, trifft ihn plötzlich eine Bierdose, die von der Seite auf die Bühne fliegt. Er hält jäh in der Bewegung inne)
Waschek: (verdutzt) Nanu – was war das denn? Etwas hat mich getroffen!
Hempel: (erregt) Egal, nun machen Sie schon weiter! Züchtigen Sie die Unruhestifter!
(Da fliegen mit einem Mal von allen Seiten weitere Bierdosen auf die Bühne. Teils treffen sie die Polizisten, teils zischen sie knapp an ihnen vorbei. Die Schüssen scheinen aus den umliegenden Wohnwägen zu kommen. Gleichzeitig ertönen Rufe wie „Scheißbullen“, „Keine Macht dem Staat“, „Fickt euch, ihr Faschistenschweine“. Hempel und Maschek weichen erschrocken zurück. Kleiner Kläffer und Fufi bellen aufgeregt. Die beiden Punks kauern sich aneinander)
Hempel (ängstlich): Sie leisten Widerstand! Das Pack wagt es tatsächlich Widerstand zu leisten!
Waschek: Ach was. Das sind doch nur Dosen, noch dazu leere Dosen. Alles halb so wild.
Hempel (panisch): Sie haben eine Ahnung! Sie werden uns mit ihren Geschossen steinigen! (Er wird von einer Dose direkt auf die Nase getroffen und bricht jammernd zusammen. Der Dosenbeschuss geht stetig weiter)
Waschek (ungehalten): Blödsinn, alles Blödsinn! Und jetzt ist endgültig Schluss mit dem Spektakel! (Er zieht seine Dienstwaffe und feuert wild auf die umliegenden Wohnwagen. Das Bombardement verebbt. Ruft laut mit drohend erhobener Pistole) Und nun kommt raus aus euren Löchern! Stellt euch in einer Reihe auf und lasst schön die Hände oben. Ihr seid alle verhaftet! Und ihr (mit einem Seitenblick auf Schnorri und Buffi, die immer noch sich ängstlich umklammernd am Boden sitzen) steht auf, aber ganz langsam, ich behalte euch im Auge! (Die beiden Bierpunks erheben sich ängstlich)
Hempel (beruhigt sich. Richtet sich wieder auf und schnäuzt sich): Sehr gut, Waschek! Sie haben in einer brenzligen Situation das einzig Richtige getan! Ich arbeite gerne mit Ihnen zusammen!
(Die Polizisten beginnen Schnorri und Buffi grob nach Waffen zu untersuchen. Kleiner Kläffer läuft schwanzwedelnd um sie herum. Fufi winselt kläglich. Plötzlich kommt Rotti mit einer neuen Palette Bier zurück. Offensichtlich hat er die Zuspitzung der Situation nicht mehr mitbekommen, denn er drückt Schnorri und Buffi eine neue Dose in die Hand. Auch die beiden Polizisten bekommen ein Bier sowie Polizeihund Kleiner Kläffer und Fufi, der Hund der Bierpunks, das er ihnen mit einem Knacken öffnet und in einen Hundenapf einschenkt. Die Polizisten sind perplex. Er lallt laut): So, dann wollen wir mal, Jungs! Wohl bekomm’s!
(Er prostet die Polizisten an. Die beiden wirken aus dem Konzept gebracht. Zögerlich trinken sie einen Schluck aus der Dose. Vorhang)
3. Akt
(In der Gefängniszelle. Max knüpft sich aus einem Kabel eine Schlinge, die er an einem Haken über sich befestigt. Darunter platziert er einen Hocker und setzt sich darauf. Währenddessen schreibt er auf ein Blatt Papier)
Dunkle Gestalt (aus Nachbarzelle): Psssst! Psssst! (Max schaut kurz auf, schreibt aber unbeeindruckt weiter)
Dunkle Gestalt: Psssst! Ich bin’s wieder, der Zellennachbar!
Max (ohne aufzuschauen): Ja? Was gibt’s denn noch?
Dunkle Gestalt (reuig): Ich muss Ihnen etwas gestehen! Mein Text vorhin war komplett erfunden. Sie haben mir versprochen mich früher raus zu lassen, wenn ich Sie zu einem Geständnis verleiten kann. Tun sie aber nichts dergleichen, das wäre äußerst fatal!
Max (kühl): Das dachte ich mir bereits. Aber für mich spielt das alles keine Rolle mehr, denn ich habe beschlossen mein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen.
Dunkle Gestalt: Ach, was haben Sie denn vor? Wollen Sie ausbrechen? (lacht)
Max: So ist’s. Könnten Sie mich jetzt bitte in Ruhe lassen, denn wie Sie vielleicht gemerkt haben, bin ich gerade dabei etwas zu schreiben.
Dunkle Gestalt (neugierig): Was schreiben Sie denn? Darf man das vielleicht auch lesen? Sie sind doch nicht etwa ein Dichter?
Max (ein wenig geschmeichelt): Nicht direkt und eigentlich ist es nicht für die Öffentlichkeit bestimmt, aber ich bin tatsächlich gerade dabei ein Gedicht zu schreiben. Nur so kann ich nämlich die Gefühle ausdrücken, die in mir toben.
Dunkle Gestalt: Oh, wie toll! Lassen Sie doch mal was hören!
Max: Ach, ich weiß nicht so recht…
Dunkle Gestalt: Nun kommen Sie schon! Ich bin kein anspruchsvolles Publikum. Glauben Sie mir, es kann ziemlich langweilig hier unten werden.
Max (lässt sich hinreißen): Na gut, was soll’s… Das Gedicht handelt von meiner verlorenen Liebe Greta. Obwohl sie gegangen ist, möchte ich ihr diese kleine Dichtung widmen. (Die dunkle Gestalt gibt einen Laut der Rührung von sich) Es trägt den Titel „An eine Öse“! Also, dann hören Sie einmal gut zu! (Räuspert sich und beginnt zu rezitieren)
An eine Öse
Greta, zarteste Blume von allen,
Wie gerne küsste ich deine arabesken Lippen und
Schwamm im Azurblau deiner Augen.
In den Winden deines Wimpernschlages umsegelte ich so manche Küste.
Deine Hände sprachen Bände, wenn es galt ein Haus zu bauen und
Mich an deinen Tisch zu setzen.
Du kochtest süße Speisen aus meinem Herzkranzapfel und
Würztest sie mit dem Ingwer, der in meinem Zwerchfell wuchs.
Stets suchte ich das Geheimnis deiner Hüften zu lüften,
Kelterte den Honig deiner Lenden und
pflückte deines Schoßes Hyazinthe.
Greta, meine Öse,
Nur zu gerne gab ich mir vor dir die Blöße und
Streifte durch den Garten meiner Lüste auf der Suche nach deines reifen Apfels Po.
Greta, prächtigste Blüte von allen,
Bitter schmeckt die Frucht der Wirklichkeit.
Du gingst an einen fernen Ort,
Wenn die Nacht vorüber ist
Bin ich schon lange fort.
(Max verstummt und senkt traurig den Kopf. Aus der Nachbarzelle dringt Klatschen)
Dunkle Gestalt (ergriffen): Das war vielleicht ergreifend. Darüber wird sich ihre liebe Greta sicher sehr freuen!
Max (mürrisch): Vermutlich. (Plötzlich ertönt das Geräusch von Schritten. Männer kommen eine Treppe herab und betreten den Kerkerraum)
Dunkle Gestalt: Ohje, da kommt jemand! Ich muss weg! Alles Gute für Sie, Herr Dichter!
Max: Jaja, danke. (Das Geräusch von Schlüsseln, die eine Tür aufschließen, ist hörbar. Die beiden ermittelnden Polizisten und Kleiner Kläffer betreten Max Zelle. Sie sind offenbar sehr betrunken, denn sie wanken und artikulieren undeutlich. In der Hand halten sie eine Bierdose, aus der sie von Zeit zu Zeit trinken. Kleiner Kläffer jault kurz und legt sich in eine Ecke, um zu schlafen).
Hempel: Mein lieber Max, wir sind zurück. Wie geht es Ihnen denn?
Max: Sparen Sie sich ihre Floskeln! Was ist bei den Ermittlungen herausgekommen?
Hempel: (lallend) Im Laufe unserer vielschichtigen und komplexen Ermittlungen sind wir zu einer Reihe… (sucht nach den richtigen Worten) vielschichtiger und komplexer Erkenntnisse gelangt. (Nähert sich Max mit seinem Gesicht und sagt mit gedämpfter Stimme) Ich würde Ihnen ja gerne sagen, was wir herausgefunden haben, aber ich darf leider nicht - ist nämlich alles TOP-SECRET!
Max: Igitt, Sie stinken nach Alkohol!
Waschek: (ebenfalls betrunken, hat sich aber noch besser unter Kontrolle) Das tut nichts zur Sache. (Deutet auf den Hocker und das zu einem Strick geflochtene Kabel) Was soll das hier überhaupt werden?
Max: Nichts Besonderes. Eine kleine Gymnastikübung.
Waschek: Blödsinn, alles Blödsinn! (Zu Hempel) Sehen Sie nicht, was der Schuft vorhat? Umbringen will er sich und sich so seiner rechtmäßigen Strafe entziehen!
Hempel (bestürzt): Seiner rechtmäßigen Hinrichtung meinen Sie wohl! Denn… (wendet sich Max zu und deutet fahrig mit seinem Zeigefinger auf ihn) Max Öse, ich verurteile Sie hiermit zum Tode!
Max: (erschrocken) Wie bitte? Wie soll das gehen? Ohne Beweise, Gerichtsverhandlung, Richter, Geschworene, Zeugen? Dazu haben Sie kein Recht!
Hempel (lallend): Was Sie nicht sagen! (Torkelt ein paar Schritte durch den Raum, laut) Dazu habe ich alles Recht der Welt! Nicht wahr? (Plötzlich guckt Freddy von der Spezialeinheit in den Raum. In der Hand hält er seine Pfeife)
Freddy (fröhlich): Das kann ich nur bestätigen! Macht weiter so, Jungs! Gute Arbeit! (Hebt bekräftigend seinen Daumen und verschwindet wieder)
Max (angstvoll): Nein! Ich verlange einen Prozess, einen Richter, Zeugen, Geschworene…
Waschek (unterbricht ihn): Was regen Sie sich eigentlich so auf? Ich denke Sie wollten sich ohnehin umbringen?
Max: (zögerlich) Ja, schon… Aber doch nicht heute… Morgen oder Übermorgen vielleicht.
Hempel: Was du heute kannst besorgen, verschiebe nicht auf morgen! Los, exekutieren wir diesen Mann! (Die Polizisten packen Max und stellen ihn auf den Hocker. Einer fesselte ihn, während der andere ihm die von ihm selbst gefertigte Schlinge um den Hals legt)
Max (strampelnd, schreiend): Nein! Ich verlange Gerechtigkeit! Ihr Schweine!
Hempel: Ich habe Ihnen gleich gesagt, Sie hätten sich kooperativer zeigen sollen. Wir sind die Gerechtigkeit Jetzt ist es zu spät!
Max (außer sich): Ihr gemeinen Schufte, dann bringt mich eben um! Mir ist sowieso alles egal! Aber eins sage ich euch, eines Tages werdet ihr auch vor einem Gericht stehen und es wird ein höheres als dieses hier sein und dann nützen euch eure lächerlichen Uniformen und Knüppel gar nichts mehr! Und ich werde der Henker sein, der euch höchstpersönlich baumeln lässt! (schreit nach oben) Greta! Ich komme! Tut mir leid, dass ich dich umgebracht habe! (Die Kommissare halten bei dieser Aussage inne. Zu Max)
Waschek: Was haben Sie gerade gesagt? Tut mir leid, dass ich dich umgebracht habe?
Max (schaut wie jemand, der bei etwas Peinlichem ertappt wurde. Sehr aufgewühlt): Ja! Aber es war ein Unfall. Wir haben gestritten und ich musste sie ein wenig zu würgen, damit sie endlich ihre Klappe hält, aber je länger ich sie würgte, umso weniger konnte ich damit aufhören und umso mehr gefiel mir der Ausdruck auf ihren großen, geweiteten Augen, die so wunderbar schimmerten und dann war es schon zu spät. (Er schnauft heftig, während er spricht) Nachher hat es mir natürlich herzlich leid getan, aber was sollte ich da noch machen? Zunächst musste ich die Leiche irgendwohin verstecken. Ich bin also mit ihr in den Wald gefahren und habe mit einem Spaten ein tiefes Loch gegraben. (Die Polizisten sind sehr überrascht) Aber keine Sorge, ich habe alles auf einer Karte eingezeichnet. Hier, hier, nehmen Sie! Nehmen Sie nur, nehmen Sie nur! (Fischt mit seinem Mund ein zusammengefaltetes Stück Papier aus seiner Brusttasche und wirft es den beiden Polizisten zu)
Waschek (kopfschüttelnd, zu Hempel, der wie versteinert auf die Karte blickt): Wer hätte das gedacht? Ich jedenfalls nicht! Aber jetzt, wo er gestanden hat, können wir ihn ja guten Gewissens aufhängen!
Max (aufgeregt): Vielleicht sollten Sie mal nach der Leiche sehen. Ohja, ich mache mir nämlich schon Sorgen um meine liebe Greta, schauen Sie bei ihr vorbei! Wilde Tiere könnten Sie wieder ausgegraben haben. Wahrscheinlich kann man sie schon riechen, es ist ja schon fast drei Wochen her.
Hempel (noch immer auf die Karte starrend): Ohje, mein lieber Waschek, ich fühl mich plötzlich gar nicht mehr wohl. (Rülpst) Ich fürchte gleich kommt es zu einer Eskalation!
Waschek: Setzen Sie sich lieber, Sie sind ja ganz weiß um die Nase! Ich habe Ihnen ja gesagt, dass Sie nicht so viel Bier trinken hätten sollen!
Hempel (sagt nichts, stattdessen kotzt er einen grünen Schwall mitten auf die Bühne. Fällt auf den Boden und würgt leise wimmernd weiter)
Waschek: Aber Hempel! Nun reißen Sie sich aber mal zusammen! Sie sauen ja hier alles voll! Hier nehmen Sie das! (Nimmt ihm seine Mütze ab und gibt Sie ihm als Gefäß. Hempel erbricht dankbar hinein)
Waschek: Und jetzt wieder zu Ihnen! Das ist wirklich ein starkes Stück! Sie haben also tatsächlich ihre Frau auf dem Gewissen! Und Sie haben wirklich geglaubt, dass Sie damit durchkommen?
Max (trotzig): Selbstverständlich!
Waschek: Wenn Sie sich da nicht täuschen! Jetzt kommt die wohlverdiente Strafe für Ihre Missetaten! Sehen Sie nur, was Sie meinem braven Kollegen angetan haben! (Geht zu dem Hocker, auf dem Max steht und will ihn wegstoßen. Kurz bevor er den Stoß ausführen kann, ertönt plötzlich eine geisterhafte Stimme)
Geisterhafte Stimme: Haltet ein, haltet ein! Oh, ihr Menschen haltet ein!
Waschek (blickt sich hektisch um): Wer spricht da? Waren Sie das, Herr Kollege? (Hempel, der immer noch am Boden liegt und sich erbricht, schüttelt den Kopf. Von oben schwebt eine geisterhafte, weiße Frau auf die Bühne herab. Es ist der Geist von Greta Öse, der erscheint)
Greta Öse: Oh, ihr Menschen, ich sage euch, haltet ein!
Max (aufgeregt): Greta! Bist du das?
Greta Öse (sanft): Ja, ich bin’s, mein lieber Max.
Max: Aber wie ist das möglich? Ich dachte du wärst tot?
Greta Öse: Das bin ich auch. Ich komme gleich zu dir, Max! Lass mich das hier vorher nur noch erledigen. (Wütend zu den beiden Polizisten) Ich muss mich noch um diese beiden Wüstlinge kümmern, die meinem lieben Max etwas zu leide tun wollen!
Waschek (erschrocken): Wer sind Sie? Wie sind Sie hier hereingekommen? Weisen Sie sich auf der Stelle aus!
Greta Öse: Ich bin Greta Öse, Maxens verstorbene Frau. Ich bin gar nicht hereinkommen, ich bin erschienen. Ausweisen kann ich mich leider nicht, da ich unter meinem weißen Gewand gänzlich nackt bin.
Waschek (schroff): Das ist schlecht für Sie. Nur zu gut, dass wir gerade beschäftigt sind, denn sonst würden wir Sie erstmal gründlich verhören. Und jetzt verschwinden Sie auf der Stelle, wer immer Sie auch sind, sie stören eine streng vertrauliche Polizeioperation!
Greta Öse: Nie und nimmer werdet ich zulassen, dass ihr meinem lieben Max etwas zu leide tut! (Schwebt langsam auf den Polizisten zu. Dieser bekommt es mit der Angst zu tun und zieht seine Waffe)
Waschek: Stopp! Kommen Sie nicht näher oder ich muss von meiner Dienstwaffe Gebrauch machen. Und hören Sie um Himmels Willen auf zu schweben!
Greta Öse: Nichts dergleichen werde ich tun. Es ist Zeit, dass ihr Bösewichter eure rechtmäßige Strafe erhaltet!
Waschek: Ist das eine Drohung? Was fällt Ihnen ein einem Ordnungshüter zu drohen? Einen Schritt weiter oder ich schieße! (Beginnt wild auf den Geist von Greta Öse zu schießen, doch die Kugeln können ihr klarerweise nichts anhaben. Schließlich ist das Magazin leer geschossen und nur mehr das nutzlose Klicken der Trommel ist zu hören. Greta Öses Geist kommt dicht vor dem Polizisten zu stehen. Dieser drängt sich panisch zitternd an die Wand)
Greta Öse: Schluss damit! Ab in den Kot zu deinesgleichen, wo du hingehörst! (Packt Waschek am Kragen und wirft ihn mit erstaunlicher Kraft in die breite Lache aus Erbrochenen, die sein Kollege dort hingespieen hat)
Greta Öse: Und hier bleibt ihr nun erstmal sitzen! Und ich will keinen Mucks hören oder es soll euch schlecht ergehen! Habt ihr mich verstanden? (Die beiden Polizisten nicken furchtsam und kauern sich aneinander)
Max (erfreut): Greta! Du hast mich gerettet! Ich bin so froh dich zu sehen.
Greta Öse: Max. Es ist auch schön dich zu sehen! Dennoch bin ich nicht nur gekommen, um dich zu retten. (Zögert kurz) Vielmehr, um dich zur Rechenschaft zu ziehen.
Max (überrascht): Greta! Ja, tu das. Aber vorher binde mich los!
Greta Öse: Max, ich bin böse mit dir. Du hast mich erwürgt und meinen Körper im Wald vergraben.
Max (erinnert sich): Aber Greta! Ich habe dir vor unserer Heirat gesagt, dass ich jähzornig bin! Und es hat mir nachher aufrichtig leid getan!
Greta Öse: Nein Max, diesmal kommst du mit einer Entschuldigung nicht so leicht davon. Du bist wirklich zu weit gegangen.
Max (wütend): Greta, was soll das? Bind mich auf der Stelle los oder ich werde richtig wütend!
Greta Öse: Nein Max, du musst endlich lernen aus deinem Verhalten die Konsequenzen zu ziehen. Und deshalb… (nähert sich dem Hocker auf dem Max steht) … deshalb werde ich dich jetzt bestrafen!
Max (in Todesangst): Greta! Nein! (Der Geist von Greta Öse wirft mit einem kräftigen Stoß den Hocker um. Max fällt nach unten und die Schlinge zieht sich um seinen Hals. Er wird rot im Gesicht und gibt röchelnde Laute von sich)
Greta Öse (zufrieden): So Max, jetzt siehst du wie es sich anfühlt, wenn man stranguliert wird!
Max: (röchelnd): Greta! Nein! Bitte! (Greta bleibt unbeweglich stehen. Schließlich hört Max auf zu strampeln und stirbt. Greta kappt das Seil und Max sackt leblos auf den Boden. Vorhang)
(Die Bühne erstrahlt in einem merkwürdigen Licht, das von oben herab kommt. Am Boden sitzen die beiden Polizisten immer noch in dem Erbrochenen, daneben liegt der leblose Körper von Max. Gleichzeitig schwebt ein zweiter Max in einem weißen Nachthemd in der Luft. Er blickt sich erstaunt um. Neben ihm in der Luft schwebt Greta)
Max: Was ist mit mir passiert? Wo bin ich?
Greta Öse (fröhlich): Du bist tot, Max. Willkommen in der Geisterwelt!
Max (ungläubig): Ich bin tot? Wie kann das sein? Ich fühle mich so… (denkt nach) so… ja wie fühle ich mich denn?
Greta Öse (wissend): Du fühlst dich von aller irdischer Last befreit!
Max (sein Gesicht hellt sich auf): Du hast recht! Ich fühle mich großartig! So frei und leicht! (Fliegt enthusiastisch eine Runde über die Bühne. Kommt schließlich wieder bei Greta zu stehen)
Max: Greta, tut mir leid, dass ich dich umgebracht habe.
Greta Öse: Ach Max. Mir tut es auch leid. Aber Schwamm drüber. Wir sind nun an einem besseren Ort.
Max (froh. Blickt ins Licht): Ja du hast recht. Hier gibt es keine Polizisten und Gesetze und Akten. Auch keine Kotze und Bierdosen!
Greta Öse: Ja, hier gibt es andere Dinge, bessere Dinge! Ich werde dir alles zeigen! (Sie schmiegt sich an Max und küsst ihn) Komm! (Nimmt Max an der Hand und sie fliegen nach oben. Vorhang)