Der liebestolle Satan

klippo

Mann, ist mir schlecht. Dunkelheit, Kälte, Laub. Ein Licht. Eine leuchtend gelbe Zisterne. Eine Straßenlaterne. Ich schwitze. Komme nur langsam vorwärts. Kichert da jemand? Schon möglich. Das hat mir gerade noch gefehlt. Es ist doch schon alles schwer genug. Jetzt über die Brücke. Wankend, torkelnd. Amboss, Hammer und Steigbügel. Wo ist der Gleichgewichtssinn? Dann wieder Kotzen. Wie lang dauert das denn noch? Ist das immer so weit? Kalter Schweiß. Die alte Gasse rauf. Sind das Menschen? Oder Schatten? Egal. Endlich bei der Haustür. Jetzt liege ich am Boden, röchelnd, kotzend. Liegenbleiben keine gute Idee, sagt das Großhirn. Also wieder auf. Verdammt. Der schwierige Teil kommt noch. Der Schlüssel muss ins Schloss. Wozu eigentlich so viele Schlüssel? Wenn keiner passt. Nein, der ist es nicht. Und der auch nicht. Und der schon gar nicht. Endlich das erlösende Klimpern. Ich bin drin. Aber nicht am Ziel. Noch mal ein schöner Schwall ins Stiegenhaus. Du meine Güte! Wie tief man nur sinken kann. Welch eruptives Stöhnen! Die Treppe rauf. Aufsperren war auch schon mal einfacher. Dejá vu. Jemand öffnet mir. Jetzt nur mehr ins Bett, rein in die erlösende Dunkelheit.

Sieben Stunden früher. Mann, ist das eine langweilige Fete. Gerald, der Depp, prahlt mit seinem Job bei der Hypo-Bank. Dass es so was noch gibt! Die Mädels sind knuspernde Mäuslein, reden über Stricken und Häkeln. Vor mir eine Flasche Rotwein. Billiges Gesöff, meint Gerald. Mir egal. Langeweile macht durstig. Die Party stinkt. Endlich geht’s weiter in die Stadt. Ich fühl mich jetzt richtig gut. Ein Bonmot jagt das nächste. So kommt’s mir jedenfalls vor. Ich führe die Truppe an. Ich bin der geborene Führer. Zu meiner Rechten Gerald, zu meiner Linken Greg, der schweigsame Rastamann. Hinter mir die Mädels im Gänsemarsch. Rotwein ist mein Zunder, Nikotin meine Inspiration. Es gärt gewaltig. Bin ich Gott? Ich denke ja. Gerald prahlt mit seinem Einkommen, Wohnung und Erdgasauto. Recht hat er. Gerald, du bist ein Hammer-Typ. Greg grinst aus seinem verfilzten Bart heraus. Sein Fahrrad ist schon ziemlich klapprig. Ob er sich kein besseres leisten kann? Greg, warum kaufst du dir kein ordentliches Rad? Greg steht da drüber. Das hätte ich mir eigentlich denken können. Er studiert Ingenieurswissenschaften. Da gratuliere ich ihm herzlich. Endlich mal ein ordentliches Studium. Seine Augen blitzen lustig.

Wir kommen zur Straße der Sünde. Der langweilige Teil der Fete bleibt an der Ache kleben, ich und Gerald natürlich rein ins Getümmel. Besoffene Halbstarke, verschwitzte Jung-Mädchen, mit Glassplittern besprengte Bürgersteige. Es stinkt nach Brunft und Hormone. Das gefällt mir. Die anderen versäumen was. Gerald prahlt mit seinen ersten Sauferlebnissen, die er hier erlebt hat. Jetzt geht er natürlich anders aus. Da kann man schon mal Billard spielen und Champagner trinken. Recht hat er, vollkommen recht. Dieser Gerald. Sein Geschwätz klingt wie Musik in meinen Ohren.

12 Stunden später. Ich muss zum Zug. Catrine, hat mich sehr gefreut, war ein sehr schöner Abend. Ja, mich auch. Küsschen rechts, Küsschen links. Gibst du mir noch den Wohnungsschlüssel? Na logo. Dann mal rein in die Taschen. Da ist er aber nicht. Und auf der Kommode liegt er auch nicht. Hab ihn wohl verloren, grinse ich. Panik glitzert in Catrines Augen. Das ist nicht lustig! Wo hast du ihn? Den brauch ich! Der wird schon irgendwo sein. Schauen wir halt mal auf dem Bett nach. Oder in der Küche. Oder im Klo. Catrine, ich muss jetzt wirklich auf den Zug. Nichts da, erst muss der Schlüssel her. Ok, das sehe ich ein. Wir suchen fieberhaft. Der verdammte Schlüssel taucht nicht auf. Catrine, ich kauf dir einen neuen Schlüssel, ok? Nein, das hilft jetzt auch nichts. Schau noch mal in deinen Taschen nach! Ich wühle zum 10.000 Mal in meinen Taschen. Nein, da ist er immer noch nicht. Schau doch mal im Stiegenhaus! Ja mach ich. Da kann ich dann gleich meine „Spuren“ beseitigen. Hast ihn vielleicht an der Uni verloren? Oder beim Morgenspaziergang? Ja, beides möglich. Ok, den Zug schaffe ich nicht mehr. Und der Schlüssel scheint wirklich wichtig zu sein. Da muss ich dann das ganze Schloss austauschen, jammert Catrine. Kein Problem, zahl ich alles. Von meinem selbst verdienten Geld. Aber jetzt geht’s erstmal zur Uni. Den Schlüssel suchen. Zurück zur Stätte des Grauens.

Neun Stunden früher. Hier riecht’s nach Marihuana. Ja, bitte gern. Die Leute schwitzen und tanzen. Vorne spielt eine Band. Es geht recht locker zu. Das mag ich. Hallo Mädchen, wie geht’s dir? Hast du mal ne Zigarette? Nein, hab ich nicht. Hast du eine? Natürlich nicht, sonst würde ich doch nicht fragen. Dann besorg welche! Ja mach ich. Ein glatzköpfiger tätowierter Riese reicht mir seine Schachtel. Er ist wirklich groß und trägt Kilt und Springerstiefel. Wie alle Riesen aber im Grunde eine gutmütige, herzensgute Kreatur. Dass ich gleich zwei aus seiner Packung nehme, quittiert er mit einem nervösen Grunzen. So, jetzt haben wir die Zigaretten. Hoppla, da ist ja noch jemand. Ob das ihr Freund ist? Egal. Wir rauchen. Sie hat prächtiges andalusisches Haar. Und, was machst du so? Ich schreibe gerade Dissertation. Ja total lässig, über was denn. Ich höre und vergesse. Hey, wie heißt ihr eigentlich? Moment, sagt nichts, ich weiß es eh: Du heißt Bianca und er heißt Stefan. Denn du siehst genau so aus, wie eine Bianca aussieht und er eben wie ein Stefan. Macht für mich perfekt Sinn. Hey, das gibt’s doch nicht. Das stimmt! Ich heiße wirklich Bianca und er heißt Stefan. Woher weißt du das? Sind wir uns schon mal begegnet? Das hat dir doch jemand gesteckt, oder? Da bin ich baff. War doch nur ins Blaue geraten. Sehr unwahrscheinlich. Habe ich übersinnliche Fähigkeiten? Kann schon sein. Aber Moment, das stimmt doch gar nicht. Doch, sagen Bianca und Stefan. Muss ich recherchieren. Eine Aufgabe ist geboren. Dann zeig mal deinen Ausweis, Baby. Habe ich nicht dabei. Sie lacht und dreht sich wie ein Kreisel. Hey, wie heißen die Typen da? Bianca und Stefan. Nein, das gibt’s nicht. Vielleicht weiß es ja der Biermann. Biermann, ich habe ein Problem, sei mein Vertrauter! Habe ich übersinnliche Fähigkeiten? Ich muss es wissen! Ich erzähle meine Geschichte. Der Biermann ziert sich. Gibt nur zögerlich Bescheid. Weiß nicht, ob er es mir sagen darf. Na klar, darfst du, du Depp! Ich beobachte ihn genau. Observiere sein feistes Bubengesicht. Klimpert da vielleicht eine Lüge zwischen den Wimpern? Ja, die heißen schon Bianca und Stefan. Autsch. Gibt’s das? Ach, ihr steckt doch alle unter einer Decke, schreie ich. Das beweist immer noch rein gar nichts! Oder es ist wahr. Ich habe übersinnliche Kräfte. Denn sie schaut einfach aus, wie eine Bianca aussieht. Und der Stefan, mit seiner falben Einheitsvisage, ist einfach so ein Stefan. Trotzdem ist da was faul. Alles ein Trick. Ich bin Wissenschaftler, Skeptiker. Galileo Galilei nichts dagegen. Außerdem habt ihr gelogen: Ihr kennt euch. Seid euch keineswegs gerade auf der Party begegnet. Habe ich genau gesehen. An der nonverbalen Kommunikation. Mir kann man nichts vormachen. Ich bin Galileo Galilei. Bianca und Stefan lachen. Aber das wird ihnen bald vergehen. Passt nur auf, ihr zwei Vögel! Also, was macht ihr eigentlich hier? Besetzt ihr auch die Uni? Stefan antwortet. Also sicher nicht. Die Protestbewegung ist voll für’n Arsch. Blockieren nur die Hörsäle und halten alles auf. Und erreichen rein gar nichts. Verdammt uncool so was. Was meinst du? Meine Empörung steigt ins Unermessliche. Das ist doch schon wieder eine Finte. Bleibe aber ganz cool. Ach, das ist schon ok so. Da geht’s ja um bessere Bildung und so. Bildung statt Ausbildung. Sowas halt. Das war gut. Gefällt ihnen. Ich habe die Prüfung bestanden. Stefan doziert mir: Er und Bianca sind sogar ganz vorne mit dabei. Sozusagen Herz und Niere der Bewegung. Jetzt habe ich ihr Vertrauen gewonnen. Aber es ist zu spät. Das Imperium schlägt zurück. Ich plustere mich auf: Wisst ihr, was eurer Bewegung fehlt? Ihr braucht mal wieder einen richtig starken Führer! So nen Mao Tse Tung. Oder besser Hitler. Da gab’s ein paar richtig gute Reformen. Das weiß ich, bin nämlich Nationalsozialist. Ein Drittes Reich muss wieder her. Und ihr seid meine neuen Hitlers 2009! So, das hat gesessen. Bianca und Stefan finden das gar nicht lustig. Ey, was geht denn mit dir ab? Was soll denn DER Scheiß? Bianca schnurt ab. Stefan ist bitterböse. Hey, war doch nur ein Jux. Das findest du lustig? Über sechs Millionen tote Menschen machst du Witze? Tu ich doch gar nicht. Nur über euch zwei. Ach, du machst Witze über uns? Jetzt hab ich’s vermasselt. So ein Schlamassel. Und dabei wollte ich doch nur geliebt werden!!!

Nicht unwesentlich später. Am nächsten Tag. Ich stapfe dieselbe blöde Treppe hinunter. Mann, hab ich Kopfweh. Also der Schlüssel. Hier liegt er mal nicht. Hier auch nicht. Und hier sowieso nicht. Vielleicht wissen ja die im Hörsaal was. Hey, wo ist denn mein Schlüssel? Also eigentlich Catrines Schlüssel. Hab ihn wohl gestern auf der Fete verloren. Ein belustigtes Schnauben. Verdammter Fatzke! Die Frau ist netter: Frag doch mal in der „Volksküche“ nach. Wenn was verloren geht, dann landet es dort. Ja gut, mach ich. Also wieder die Treppe rauf, die heute ganz klebrig ist. Bananen, Birnen und Nutella. Da hockt jemand mittendrin. Weißt du vielleicht wo mein Schlüssel ist? Ne, weiß er natürlich nicht. Er tippselt ein E-Mail. Ich soll mal zum Hausmeister schauen. Also wieder die Treppe runter zum Hausmeister. Mit brüchiger Stimme trage ich mein Anliegen vor. Der Hausmeister hält mich wohl für einen von „denen“. Will mir gleich eine Standpauke halten. Ziemlich uncool, der Mann. Meinen Schlüssel hat er auch nicht. Ich schnure ab.

Früher. 6:00 Morgens. Ich bin jetzt im Auge des Sturms. Im Herzen der Finsternis. Bzw. im Studenten-Kammerl. Wir hocken zusammen. Alle sind sie da: der Biermann, der glatzköpfige Riese, Greg und natürlich auch Bianca und Stefan. Dazu noch ein zotteliger Jüngling und eine blonde Schönheit. Mein Hirn läuft mittlerweile auf Reptilien-Modus. Bin in der Tiefsee angelangt. Ich ahne: Das ist jetzt der große Showdown. Bianca und Stefan ignorieren mich geflissentlich. Aber man duldet mich. Das freut mich. Muss mich halt jetzt benehmen. Sagt die Vernunft. Sonst schmeißen die mich raus. Es geht um die politische Agenda: Fehlendes Engagement der ÖH, kiffende Querulanten und drohende Razzien. Ich beteilige mich artig. Falle gar nicht weiter auf. Nur die blonde Schönheit lacht mich von drüben an. Bedeutet das was? Wenn ja, was? Keine Ahnung. Bin schon total weggetreten. Der Raum löst sich immer weiter auf. Jetzt muss es schnell gehen. Mir bleiben noch Sekunden. Hey Leute, lalle ich. Hört mir mal zu. Das ist ja alles schön und gut mit der Bewegung. Haben wir fein gemacht. Mit dem Protest und so. Aber gehen tut’s doch um viel mehr. Was wir brauchen, ist Musik… und Tanz… und Gesang… und wilden Wein… und lustige Hüte… und Liebe. Liebe, Leute! Mann, das ist es doch, worum es geht, LIEBE! Jetzt wird mir schlecht. Die Zeit ist um. Muss weg. Sorry, Jungs. Torkle aus dem Raum. Wo ist noch mal das Klo? Ach da drüben. Ganz schön milchig hier. Es brodelt arg. Schwappt schon in mir hoch. Ich küsse die Klobrille.

48 Stunden später. Da klingelt was. Ach das Handy. Hallo Catrine, was gibt’s denn? Ja bei mir auch alles wunderbar und bei dir? Was du nicht sagst. Der Maler hat ihn gefunden? Unten bei der Haustür? Da bin ich ja froh! Danke, heiliger Antonius. Echt super! Hätt’ ich nicht mehr geglaubt! Ja, machs auch gut. Ciaociao. Also noch ein Happy End. Und sie dreht sich doch. Oder etwa doch nicht?