Der Ausreißer

klippo

„Ist es nicht herrlich? Welch herrliches Grün – welch herrliches Blau. Die Sonne lacht, die Vöglein singen, der Himmel strahlt – was gibt es Schöneres!“ Balthasar trat auf die Wiese und breitete die Arme aus. „Hör mich an, Natur! Oh, ihr Vöglein, oh ihr Blümelein, hört mich an! Jetzt bin ich erwacht! Mehr Licht! Mehr Licht!“

Von einer wilden schwärmerischen Erregung befallen, hüpfte er über das Gras. Die Sonne, die wie ein großer pausbäckiger Kürbis über ihm erstrahlte, erfüllte jede einzelne Pore seines Körpers mit wonniglicher Wärme. In rauschhafter fiebriger Inbrunst schnupperte er an den Blumen und fraß den wilden Sauerampfer, den ihm Mutter Natur in reichen Knollen kredenzte. Alles war ihm hinderlich, alles musste weg. Weg mit der Krawatte! Weg mit der Rolex! Weg mit den Manschettenknöpfen! Wozu Schuhe tragen, wozu Kleider tragen? Jauchzend schleuderte er alles hinfort. „Ach, wie gerne wäre ich doch ein Vöglein“, brabbelte er. „Ein frecher Fink oder eine fesche Drossel! Das wär’ mir jetzt gerade recht!“

Er haschte nach den Insekten, die über das Gras schwirrten und lachte laut glucksend, wenn sie ihm entkamen. Sich wie ein Füllen auf der Wiese wälzend, rupfte er fette Büschel aus und rieb sie so lange aneinander, bis der grüne Saft aus ihnen hervorquoll. Dann rannte er weiter dem Walde zu, der grünen Fassade, die sich so verlockend in der Ferne aufzäumte und durch die die Nachmittagssonne so wunderbar orange in den Wipfeln glühte. Ein großer brauner Pilz erregte seine Aufmerksamkeit; er verschlang ihn mit einem Biss. „Herrlich!“, rief er kauend. „Ist es nicht herrlich? Was braucht man mehr zum Leben? Ich jedenfalls brauche nichts mehr!“

Brigitte war derweil im Wagen sitzen geblieben und blickte starr durch die Windschutzscheibe. Ihre Hände hielten das Lenkrad so fest umklammert, dass ihre Knöchel weiß hervortraten und die Adern sich blau unter der Haut wölbten. Ihre Lippen waren zu einem schlangenartigen Knäuel verkrampft waren. Ihr entging ihr nicht, dass Balthasar nun in den Wald eintrat und seine Gestalt im Grün der Bäume langsam schwummrig wurde. Kein Wunder, denn Balthasar fühlte sich im Kreise der Bäume sehr wohl. Die Abendsonne blinkte und blitzte auf aberwitzige Weise durch die Wipfel und wob wunderhelle Mosaike auf den Boden. Eichen und Buchen sprossen festlichen Sträuße gleich aus der Erde und entfalteten ihre lichten Kronen im Firmament. In der Ferne glitzerte und gluckste es: Ein Bächlein wogte gläsern durch den Forst. Mit einem Schrei warf sich Balthasar in seine Fluten.

Seufzend stieg Brigitte aus dem Wagen, zupfte ihr pastellfarbenes Kleid zurecht und näherte sich dem Wald. Eine breite Schneise, die Balthasar auf seiner wilden Hatz hinterlassen hatte, wies ihr den Weg. Äste und Zweige grapschten nach ihr, und zausten ihr das Haar. Sie war nervös. Voller Sorge gewahrte sie das schwarze, pelzige Ding, das nicht unweit in den Bäumen hing und das Geschehen aufmerksam verfolgte.

„Balthasar, komm endlich zurück in den Wagen! Es wird bald dunkel. Und… und…“, Brigitte konnte ihren Zorn kaum noch unterdrücken „Und ich würde jetzt gerne wieder weiterfahren!“

Balthasar, den das kühle Nass von seiner vorübergehenden Erhitzung kuriert hatte, war indes aus dem Bächlein gestiegen und wühlte sich durch ein nahes Gebüsch, um sich an den Blättern zu frottieren. Er dachte nicht daran wieder ins Auto zurückzukehren. Warum denn auch? Hier war es doch viel schöner. Dann spitzte er die Ohren. Seinen geschärften Sinnen entging nicht, dass ganz in seiner Nähe ein leise zwirbelndes Geräusch erklang, ein hauchdünnes Schlüpfen und Kratzen, das kaum hörbar war. Was war das bloß für ein Tier? Balthasars lauschte neugierig. Er analysierte: Es war nicht das Plätschern der Molche im Wasser und auch nicht das Klopfen des Spechts und auch der flinke Otter war es nicht, der gerade am Ufer herumhuschte und auch nicht die kleinen Eichhörnchen, die gar lustig in den Blättern raschelten, waren es nicht. Seinen Gehörgang bis aufs äußerste strapaziert, verharrte Balthasar lauschend. Von dem schwarzen pelzigen Ding, das nicht unweit von ihm in den Bäumen hing und ihn aus gelben Augen musterte, nahm er keinerlei Notiz.

„Balthasar!“ Brigittes Stimme erklang erneut. Noch immer stand sie an derselben Stelle und wagte es nicht weiter in den Forst einzudringen. Die Sonne wurde immer schwächer. „Komm zurück, ich bitte dich!“ Die seltsame egoistische Krankheit, ja anders konnte sie es nicht bezeichnen, die sich Balthasars bemächtigt hatte, drohte ihn zu verzehren. Ihren Appell verschärfend, rief sie noch einmal, einer gewissen Verzweiflung nicht entbehrend: „Balthasar, komm jetzt endlich zurück! Es wird schon dunkel. Ich will weiterfahren!“

Balthasar ignorierte sie. Noch immer achtete er nur auf das zwirbelnde Geräusch. Es war nun in seiner unmittelbaren Nähe. Was war das nur für ein Tier? Ein leichtes eruptives Vibrieren schien die Erde zu bewegen. Da erblickte er, sehr zu seiner Freude, ein possierliches Schnäuzlein, das sich zu seinen Füßen aus der Erde zwirbelte und ihn mit einem gar lieblichen Gesichtchen und kurzsichtigen Äuglein anglotzte.

„Ei, wenn das nicht Herr Maulwurf ist!“ Balthasar war entzückt. „Sie kommen mir gerade recht! Na, wie geht’s Ihnen da unten? Wieder auf Schatzsuche, was?“ Balthasar packte den Maulwurf an seinen zierlichen Grabehändchen und begann mit ihm ein lustiges Tänzchen zu tanzen. Ein paar Pirouetten und einen innigen Schmatz auf das Schnäuzlein später, ließ er ihn wieder frei und der Maulwurf verzog sich verdutzt und ein wenig grummelnd in seinen Gang zurück. Balthasar hüpfte glücklich und selig weiter in den Wald hinein.

Die Sonne war mittlerweile ganz einer bleiernen Dämmerung gewichen, die sich wie ein kühler Schleier über das Gehölz legte. Von einem wilden ahnungsvollen Schrecken ergriffen, querte Brigitte das Bächlein, in dem Balthasar zuvor geplantscht hatte und unternahm einen letzten verzweifelten Versuch Balthasar zur Umkehr zu bewegen. Die Bäume ragten wie verkohlte Streichhölzer vor ihr auf und murmelten mit bösartigen Stimmen. Eine merkwürdig kalte Gewissheit, begleitet von dem schalen Geschmack der Resignation hatte sich auf ihrer Zunge festgesetzt. Das schwarze Ding in den Bäumen, das die Vorkommnisse die ganze Zeit interessiert verfolgt hatte, schwang sich mit seinen langen pelzigen Armen von Ast zu Ast und heftete sich Balthasar auf die Fersen. Ein kurzes Mal sah Brigitte noch seine Gestalt zwischen den Bäume hindurch hüpfen bevor er für immer aus ihrem Leben verschwand.