Der Metzger und seine Frau

klippo

 

„Wo bleibt das Fleisch?“ Wütend streift Harald durch das Geschäft. Würste, Schinken, Braten, Sülze, Fleischpralinen - ein rosiger Berg aus Fett und Proteinen liegt frisch zubereitet, gesalzen und gepfeffert und mit grünen Blättchen und Gemüschen arrangiert in den Auslagen und offenbart sich mit fatalistischer Gleichgültigkeit dem fleischgeilen Blick des Metzgers. Schnaubend packt Harald eine Salami und beißt in ihr phallisches Fleisch. Er schäumt vor Wut: Es ist halb 7 am Morgen und damit höchste Zeit um mit der Wursterzeugung zu beginnen. Harald hasst es, wenn seine Frau säumig ist. Zuckendes Adergewürm peitscht ihm durch die von Blutgewölk verdunkelten Schläfen.

 

Seine Frau Liesl, im selben Moment mit der Schlachtung eines Schweins beschäftigt, treibt der armen Sau gerade eine Nadel ins Herz, als sie die Rufe ihres Mannes gedämpft aus dem Nebenraum zu sich dringen hört. Er will gar nicht mehr zu rufen aufhören, dieser Dummkopf, denkt sie sich, während das Schwein mit einem Seufzer stirbt. Er weiß doch, dass ich beim Schlachten bin. Und als ob wir nicht bereits mehr als genug Wurst hätten.

Das Schwein ist tot und Liesl keltert sein warmes Blut in einem silbernen Becken. Während sie in den Därmen des Tieres wühlt und einen Plastikeimer damit füllt, betritt Harald den Raum. Die immer blutige Schürze um den hünenhaften Leib geschlungen, das schwarze Haar, das ihm wirr vom klotzigen Schädel tropft und die Augen groß wie Hackfleischbällchen – Liesl sieht, dass er gleich vor Wut platzt. „Wo bleibt das Fleisch“, schäumt er und schlingt dabei ein Stück Geselchtes hinunter. „Fleisch“. Die Worte brodeln aus seinem mit halb zerkauten Bissen gefüllten Mund und hageln wie Geschosse durch die Luft.

 

Dann sieht er das tote Schwein, das an seinen Hinterläufen baumelnd im Raum hängt und eben von Liesl geschlachtet worden war. Aus dem Inneren des Tieres quillt noch immer Blut. Der Anblick beruhigt ihn und sofort entspannt sich sein Gesichtsausdruck, die Aderwürmer verflüchtigen sich und der Ärger weicht aus seinem roten Schädel wie der Lebenssaft aus dem toten Tier. Er nähert sich dem Schwein und steckt prüfend einen Finger in die Wunde. „Das ist ein gutes Schwein“, sagt er, nachdem er es sorgfältig untersucht und an dem Blut geschnuppert hat. „Das hast du gut gemacht.“ Er wischt sich seinen Finger an der Schürze ab und umfasst Liesl mit seinen riesigen Händen. Für eine Minute drückt er sie fest an seinen Leib. Liesl, selbst blutverschmiert und mit Gummihandschuhen bestückt, erwidert die Umarmung wie ein totenstarres Tier. Endlich löst sich ihr Mann wieder von ihr. „Wenn du mit dem Schwein fertig bist“, trägt er ihr auf, „Bring es mir! Dann tötest du das Rind, dann das Schaf und zuletzt das Huhn. Ich sperre jetzt das Geschäft auf. Es ist schon halb 7.“ Er schnaubt und verlässt den Raum. Während seine Gestalt aus ihrem Gesichtsfeld schwindet, wird Liesl plötzlich klar, dass einer von ihnen beiden den heutigen Tag nicht überleben wird.

 

Liesl Entschluss ihren Mann zu töten oder andernfalls selbst zu sterben, festigt sich als sie den von Schweineblut verfärbten Boden wischt. Sie fühlt sich sogar erleichtert – wie ein gepeinigtes Mastkalb, in dessen zarten Hals sich endlich das erlösende Messer senkt. Während sie die nicht verwertbaren Teile des Schweins aufsammelt und draußen auf den Fleischacker wirft, erinnert sie sich daran, wie vor vielen Jahren eine frivole Huterfahrung mit anschließendem Analverkehr das Feuer der Liebe in ihr entfacht hatte. Damals war Harald noch anders gewesen. Aber das ungezählte Schlachten, Häuten und Zerlegen von Tieren, das dröge Pulen von Innereien aus aufgeschlitzten Körpern und die Hektoliter blutgebeizter Luft, die durch seine Lungen geströmt waren, hatten ihn zu dem gemacht, was er heute war: Harald, die Lebensvernichtungsmaschine. Der Mann, den sie aus tiefster Seele hasst.

Heute allerdings nimmt Liesl ihr Schicksal in die Hand: Haralds vergossenes Blut wird ihr nicht nur die Erleichterung verschaffen, nach der sich ihr wundes Herz sehnt, sondern auch ihre Mitschuld am tausendfachen Tiermord reinwaschen.

Liesl kehrt ins Haus zurück und sammelt die für die Wursterzeugung vorgesehenen Fleischteile ein. Sie lädt den Schweinetorso in eine Schubkarre und transportiert ihn in die Wurstküche, wo seine weitere Verarbeitung erfolgen soll. Harald wartet schon und nimmt das Schwein sorgsam in Empfang. Liesl weiß, dass die Wursterzeugung seine Lieblingsbeschäftigung ist, bei der er für gewöhnlich in den Zustand des „Flow-Erlebens“ verfällt und dadurch starr und unempfänglich für die sich in seiner näheren Umgebung abspielenden Umweltreize wird. Dies will Liesl nun ausnützen. Mit falscher Freundlichkeit lächelt sie ihn an. „Hier hast du dein Schwein, mein Liebster.“

 

Harald ist zufrieden und wirft die Schweineteile in den schwarzen Schlund der Wurstmaschine, in dessen Inneren ein Rad aus gezackten Stahlfängen das Fleisch zu Faschiertem zerhackt. Während Harald versunken auf die sich hypnotisch zwirbelnden Fleischfetzen starrt, pirscht sich Liesl von hinten an ihn heran. Harald, gänzlich von einem tranceartigen Zustand befangen, merkt nicht das Geringste. In Gedanken ist er schon beim nächsten Arbeitsschritt: Vor seinem inneren Auge malt er sich aus, wie er die zerhackte Schwarte in Kürze garen und mit frischem Blut mischen wird, um sie dann, gewürzt mit Majoran und Thymian, in die Darmschläuche des Schweins zu pressen. Dazu webt das silbrige Surren der Zentrifuge einen omnipräsenten Klangteppich aus singendem Klingenstahl, der sich lechzend in die Schweinehälften frisst und jedes andere Geräusch übertüncht.

 

Da ist Liesl auch schon bei ihm angelangt. Mit einer Kraft, die nur einer schwer arbeitenden Frau innewohnen kann, packt sie ihren Mann an den Beinen und hebelt ihn über den Rand des Trichters. Harald, komplett überrumpelt, stößt einen überraschten Quieker aus und fällt in das Innere der Maschine. Er versucht sich zwar noch am Trichterrand festzuhalten, doch Liesl klopft ihm sogleich kräftig auf die Finger, sodass er wie eine reife Frucht nach unten purzelt. Lustvoll beobachtet sie, wie seine Beine in der Fleischmasse versinken und in einen Strudel aus rotierenden Messern gezogen werden. Harald scharrt indessen verzweifelt an den glatten Trichterwänden, vergeblich versuchend seinen Leib aus dem Fleischsumpf zu hieven.

 „Hilfe“, schreit er mit schreckensgeweiteten Augen, „Liesl! Ich bin in die Wurstmaschine gefallen. Hilf mir!“ Und noch einmal. „Liesl! So hilf mir doch!“

Liesl böse Freude wandelt sich angesichts dieses traurigen Anblicks schnell zu Mitleid. Was hat sie sich nur dabei gedacht? Der Arme! War er nicht doch ein braver Mann gewesen? Noch dazu glaubt der Einfältige tatsächlich er wäre irrtümlich in den Trichter gefallen.

„Halt aus“, ruft sie in einem plötzlichen Gesinnungswandel. „Ich zieh dich raus!“. Sich selbst gut an der Brüstung festhaltend, beugt sie sich über den Trichterrand und greift nach Haralds ausgestreckter Pranke. Mit einem starken Ruck wird sie ihn aus dem fleischigen Morast ziehen, so denkt sie sich. Wenn es nicht schon zu spät ist, denn Harald ist schon bedrohlich tief eingesunken. Bis zur Hüfte abwärts steckt er bereits in der Maschine fest. Doch kaum haben sich ihre Hände gefunden, funkeln Haralds Augen böse auf. Sein halber Körper ist zwar schon zu Wurstmasse zermalmt, aber noch immer wohnen dem hünenhaften Metzger schreckliche Kräfte inne.

„Treuloses Weib“, schreit er und seine glühenden Augen quellen grausig hervor, während ihm der Schaum aus dem fransigen Mund geifert, „Gemeinsam werden wir sterben!“

Zu spät erkennt Liesl die List ihres Mannes und wird von ihm in den Fleischwolf gezogen.

 

So sehr sich die beiden auch in ihren Leben voneinander entfernt hatten, der Tod bindet sie wieder aneinander: Verschmolzen zu grau-rosa Wurst tropfen die sterblichen Überreste des Metzgers und seiner Frau aus dem stählernen Rachen der Maschine, fein püriert und in Frieden vereint.