Hubsi, der kleine Lausbub

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Heute, liebe Kinder, möchte ich euch von einem ganz besonderen Lausbuben erzählen, und zwar vom kleinen Hubsi. Eigentlich hatten ihn seine gottesfürchtigen Eltern ja auf den Namen Hubertus taufen lassen, zu Ehren des Jagdpatrons, der gerade in unseren Breiten viel Unglück zu verhüten hat. Aber was ein rechter kleiner Strolch sein möchte, der kommt mit Hubertus nicht sehr weit. Also riefen ihn alle nur den kleinen Hubsi.

Auf den ersten Blick sah der kleine Hubsi so aus, als könne er kein Wässerchen trüben: In seinem drolligen Mondgesicht schimmerten rosige Pausbäcklein, wie sie nur den gesündesten, reschesten Bauernbuben eignen. Unter dem pfiffigen Hütlein, das fürwitzig auf Klein-Hubsis Köpfchen tanzte, lugte keck ein strohblonder Haarschopf hervor. Seine knusperigen Haxen waren stets braungebrannt und steckten in einer schneidigen Krachledernen, von der sie farblich nicht zu unterscheiden waren.

In Wahrheit aber hatte es der kleine Hubsi faustdick hinter den Ohren: Vom unentwegten Herumstrawanzen waren seine Strümpfe andauernd zerrissen, Knie und Ellbogen ständig von Schrammen übersät. Er konnte auf den Fingern pfeifen wie kein Zweiter und seine Hosentaschen waren schon ganz ausgebeult von all dem lustigen Krimskrams, den er ständig mit sich herumtrug: Knallfrösche und Laubfrösche, Heuhüpfer und Springmesser, Lakritz- und Dynamitstangen und was ein kleiner Schlawiner wie er sonst noch so alles braucht.

Ihr könnt euch sicher vorstellen, dass der kleine Hubsi nichts als Flausen im Kopf hatte und stets zu neuen Streichen aufgelegt war.
Ausgerechnet am Palmsonntag stach ihn wieder einmal der Hafer: Als die Turmuhr zur zehnten Stunde schlug, hüpfte der kleine Strizzi aus seinem Bett – müßig zu sagen, dass er wie jedes Jahr der Palmesel war – und flitzte hurtig zur Pfarrkirche hinüber, wo sich das ganze Dorf zum Festgottesdienst eingefunden hatte. Unbemerkt schob sich der kleine Hubsi ins Innere des überfüllten Gotteshauses und robbte bäuchlings unter den Bankreihen hindurch, bis nach vorne, wo die Buben saßen und die prächtigen, frisch geweihten Palmbuschen an der Kirchenmauer lehnten. Und wisst ihr, was der schlimme Finger als nächstes tat? Vermittels eines Bindfadens knüpfte der kleine Hubsi heimlich alle Palmstangen aneinander, natürlich nicht ohne dabei leise in sich hineinzukichern. Hei, war das ein Durcheinander, als die Buben nach dem Gottesdienst wieder nach ihren Palmbuschen langten! Da floss so manche Träne und so mancher Milchzahn kam seinem kleinen Besitzer vorzeitig abhanden.

Der kleine Hubsi aber nützte das allgemeine Durcheinander weidlich aus und konnte so manche flaumige Palmbrezel von fremden Buschen stibitzen. Während er schmausend in einer stillen Ecke saß und sich an den tumultartigen Szenen ergötzte, merkte der kleine Schwerenöter, wie ihn die Blase immer heftiger zu drücken begann. Kein Wunder, hatte er am Vorabend doch allzu kräftig der Ziegenmilch zugesprochen! Also beschloss der kleine Hubsi, sich einen lange gehegten Wunsch zu erfüllen und mitten in der Kirche eine Stange Wasser ins Eck zu stellen – und zwar, ich will es euch nicht verschweigen, geradewegs ins Taufbecken. Unglücklicherweise wurde er bei diesem nicht eben gottgefälligen Akt vom Herrn Pfarrer höchstpersönlich ertappt. „Du kleiner Tunichtgut“, sagte Hochwürden missbilligend, „wie kannst du nur dein Geschäftlein ins heilige Taufbecken verrichten?“ Doch da setzte der kleine Hubsi rasch sein verschmitztestes Lausbubengrinsen auf – und der Zorn des Pfarrers war im Nu verraucht.

Wenn ihr aber glaubt, dass dem kleinen Hubsi damit erst einmal die Lust auf weitere Streiche vergangen wäre, dann täuscht ihr euch gewaltig. Bereits am Montagmorgen rückte er zu neuen Schandtaten aus: Diesmal hatte er es auf den frischen Schmandkuchen abgesehen, der auf dem äußeren Fensterbrett des Pfarrhofes verführerisch vor sich hin dampfte. Ehe man sich’s versah, hatte der kleine Racker schon das Vordach erklommen, um mithilfe zweier an Schnüren befestigter Angelhaken das gesamte Backblech zu sich hinaufzuziehen. Doch es kam, wie es kommen musste: Das Blech kippte und die ganze süße Fracht landete mitten im Blumenbeet. Das wiederum konnte der stattlichen Pfarrersköchin nicht lange verborgen bleiben: Mit einem nassen Lappen bewaffnet stürzte sie ins Freie, bereit, den dreisten Übeltäter quer durch den Pfarrgarten zu jagen. „Du kleiner Schlingel“, sagte sie missbilligend, „man sollte dir den Hosenboden stramm ziehen.“ Doch da setzte der kleine Hubsi rasch sein verschmitztestes Lausbubengrinsen auf – und die alte Pfarrersköchin verspürte nur noch das Bedürfnis, das kernige Bürschlein an sich zu drücken.

Am Dienstag hatte sich der kleine Hubsi schon wieder ein neues Opfer für seine Lausbübereien auserkoren – und zwar den armen Pedellen, der im Dachboden des Schulgebäudes hauste. Wie die meisten Vertreter seiner Zunft war der Pedell ein einsamer, alkoholkranker Junggeselle von geradezu legendärer Schreckhaftigkeit. Ihr könnt euch vorstellen, wie dem gutherzigen Manne zumute war, als er mitten in der Nacht von einem lauten Klopfen an der Tür geweckt wurde. Dass ihm fast das Herz in die Hosen gerutscht wäre, als er, mit Zipfelmütze am Kopf und Kerze in der Hand, vor sein Schlafgemach trat – und über ein Bein stolperte, das irgendein ein Unsichtbarer ihm gestellt hatte. Dass ihn das nackte Grausen erfasste, als er ins Klassenzimmer trat und gerade noch ein geisterhaftes Kreischen vernehmen konnte, wie von langen Fingernägeln, die über eine Schiefertafel schleifen …
In seiner Furcht begann der Pedell zu keuchen wie ein altes Dampfross und nur mit Mühe konnte er sich bis zu dem schmucken Zirbenkästlein schleppen, in dem er seine Herztropfen aufzubewahren pflegte. Mit zitternden Fingern öffnete er das zierliche Fläschchen und stürzte den hochprozentigen Inhalt in einem Zug hinunter. Doch der kleine Hubsi – denn niemand anderer als dieses ausgekochte Schlitzohr steckte hinter all den Schurkereien – hatte die Herztropfen mit einem starken Brechmittel versetzt. Ui, das war vielleicht eine Aufregung, als der arme Pedell, von heftigen Magenkrämpfen geschüttelt, den Onkel Doktor aus dem Schlaf läuten musste! Und während sich der Schulwart noch auf dem Fußboden wand und das Eintreffen des Herrn Medizinalrates herbeiflehte, kam der kleine Hubsi aus seinem Versteck hervor, tanzte fröhlich um den Wehrlosen herum und drehte ihm eine lange Nase.
„Du kleiner Lauser“, sagte der Pedell missbilligend, „wie konntest du mir nur so etwas antun?“. Doch da setzte der kleine Hubsi rasch sein verschmitztestes Lausbubengrinsen auf – und der alte Pedell konnte nicht umhin, dem kreuzfidelen Rotzlöffel voller Sanftmut zuzuzwinkern.

Am Mittwoch trieb der kleine Hubsi sein Schindluder mit einigen Urlaubsgästen aus Paderborn, die sich zwecks Kuraufenthalts im örtlichen Heilbad einquartiert hatten. Während die Westfalen mittags zu Tische saßen, huschte der kesse kleine Pimpf in den Umkleideraum und streute kräftig Juckpulver in Badeanzüge und Schwimmhosen. Auweia, wie die alle herumhopsten und brüllten und sich die Kleider vom Leibe rissen – so einen Affentanz habt ihr weiß Gott noch nie gesehen! Es waren freilich auch ein paar Allergiker darunter. (Ich werde euch ein andermal erklären, was das ist). Der kleine Hubsi aber streckte den Kurgästen schamlos die Zunge hinaus, lachte über ihre krebsrot aufgeschwollenen Körper und schmähte sie als „Saupreiß’n“.
Ein besonders schmerbäuchiger Westfale wollte daraufhin den kleinen Spitzbuben am Schlafittchen packen und ihm kräftig das Fell gerben. „Du kleiner Lausebengel“, sagte er missbilligend, „jetzt werd ich dich mal tüchtig verkloppen, vertrimmen, verwamsen und verbimsen“. Doch da setzte der kleine Hubsi rasch sein verschmitztestes Lausbubengrinsen auf – und der teutonische Dickwanst konnte gar nicht mehr anders, als ihm väterlich den Kopf zu tätscheln.

Das nächste Schelmenstück leistete sich der kleine Hubsi am Donnerstag. Im nachbarlichen Gehöft hatte eine junge Hausmagd ein gesundes Mädchen entbunden, und wie es damals der Brauch war, strömten die Leute aus dem ganzen Dorf herbei, um den goldigen Säugling zu bewundern. Der kleine Hubsi aber führte etwas ganz anderes im Schilde: In einem unbeobachteten Moment nahm der unartige Lümmel das Neugeborene an sich und versteckte es wieselflink im Hühnerstall. An seiner Statt legte er ein winziges, flauschiges Küken in die Wiege. Na da war aber was los, als die arme Mutter nach ihrem Kindlein sehen wollte! Als die junge Frau endlich wieder aus ihrer Ohnmacht erwachte, stand der kleine Hubsi über ihr und zeigte mit dem Finger auf sie: „Angeschmiert! Angeschmiert!“
„Du kleiner Frechdachs“, sagte die junge Mutter missbilligend, „du hättest mich fast zu Tode erschreckt! Das war sehr ungezogen von dir!“ Doch da setzte der kleine Hubsi rasch sein verschmitztestes Lausbubengrinsen auf – und die Magd fühlte plötzlich den unwiderstehlichen Drang, dem süßen Fratz durchs widerspenstige Haar zu fahren.

Wie jede Woche zuckelte die alte Cäcilia auch diesen Freitag zur Friedhofskapelle, um für ihren verstorbenen Gatten Sebastian zu beten. Dieser Umstand war natürlich auch dem kleinen Hubsi nicht entgangen. Also verschanzte sich der listige Gauner im Beichtstuhl und sah zu, wie die gramgebeugte Greisin in der ersten Reihe Platz nahm. Als sie gerade zum dritten schmerzensreichen Rosenkranz ansetzen wollte, wurde die alte Gottesanbeterin plötzlich kreidebleich. Irgendjemand hatte ihren Namen gerufen! Und da war es schon wieder, ganz in der Nähe: „Cilli!“, rief die dumpfe Stimme, „Cilli, heast mi nid?“ – „W-W-Wǻst, bist du des eppa?“, stieß die Großmutter mit bebender Stimme hervor. „Ja, logisch“, sagte die Stimme beschwingt, „oder hǻt heit sist nu oana Sprechstund’?“ Vom Beichtstuhl her ertönte ein dröhnendes Lachen. „,Ǻber, ǻber, Wastl“, flüsterte die alte Dame mit tränenerstickter Stimme, „wia geht´s da nacher dǻ drob’n?“ – „Wos hoaßt drobn?“, antwortete die hohle Stimme, „drunten!“
– „Ja…, ǻber warum denn?“, fragte die Großmutter schluchzend. – „Ha! Wǻs glabst, mit wia vü ǻnane Weiber dass i beinand gwen bi?“, kam es eisig zurück. In Wirklichkeit war die Ausdrucksweise natürlich eine wesentlich zotigere, aber das möchte ich euren zarten Kinderohren nicht zumuten.
Als die Sanitäter den reglosen Körper behutsam auf die Bahre hoben, erblickte einer von ihnen den kleinen Hubsi, der feixend auf dem Altar hockte. „Du kleiner Filou“, sagte der Rotkreuzmann missbilligend, „ich wette, du hast etwas mit der Sache zu tun!“ Doch da setzte der kleine Hubsi rasch sein verschmitztestes Lausbubengrinsen auf – und der Sanitäter ließ den erhobenen Zeigefinger wieder sinken.

Ihr glaubt, dass der kleine Hubsi damit sein Streichpensum für diese Woche erfüllt hatte? Weit gefehlt! Samstag um die Mittagszeit kauerte der kleine Knilch bereits unter der Ausschank im Wirtshaus „Zum Lustigen Leviathan“, um vermittels einer durchtriebenen Bauchrednernummer zwei Stammtische gegeneinander aufzuhetzen.
Am ersten Tisch lagerten die Bauern und Knechte vom ältesten Erbhof im Dorf, einer sehniger, derber und untersetzter als der andere. Der zweite Stammtisch war jener der Schlosser, auch sie samt und sonders von grobschlächtiger Statur und aufbrausendem Wesen.
Als der kleine Hubsi – genauer gesagt sein pummeliges Bäuchlein – nun in die eine Richtung das schöne Wort „Saubauern“ und in die andere Richtung das nicht minder schöne Wort „Eisenbeißer“ entweichen ließ, blieb die gewünschte Wirkung nicht lange aus: Da flogen die Fäuste und die Maßkrüge, da wurde am Watschenbaum gerüttelt und zwar nicht zu knapp, da konnte man Blutgrätschen bewundern wie sonst nur im Abstiegskampf, da knirschten die Knochen so fröhlich wie das Korn in der Getreidemühle. Kurz: Es war ein echtes Blutbad. Einer der Bauern fing sich eine derartige Backpfeife ein, dass er glatt seinen Fotzenhobel verschluckte. Trotz eines mehrstündigen chirurgischen Eingriffs im Landeskrankenhaus konnte das Traditionsinstrument nie wieder aufgefunden werden.
Der kleine Hubsi aber schlenderte, die Hände in den Hosentaschen, über das rauchende Schlachtfeld und pfiff sich eins. Ein verstohlener Fußtritt da, ein gestohlener Geldbeutel dort – so hielt er die Blutsuppe am Köcheln.
Plötzlich baute sich eine bedrohliche Gestalt vor ihm auf – und zwar niemand Geringerer als der Wirt, der vor den Trümmern seiner Existenz stand und damit, wie ihr euch vielleicht denken könnt, keine große Freude hatte.
„Na warte, du Früchtchen“, sagte er missbilligend, „jetzt mache ich Lausersaft aus dir!“ Doch da setzte der kleine Hubsi rasch sein verschmitztestes Lausbubengrinsen auf – und der besänftigte Wirt konnte der Versuchung, ihm in die fleischigen Backen zu kneifen, nicht lange widerstehen.

Als ob all das noch nicht genug gewesen wäre, geriet der kleine Hubsi am Nachhauseweg auch noch mit dem elfjährigen Nachbarsbuben aneinander. Zahllose Knüffe und Püffe, mehrmaliges Brennnesseln, vier Rossbisse, drei Eisenbahner, zwei Ziegenbisse und einen Satz heiße Ohren später traf der kleine Hubsi zu Hause ein – mit blutender Nase und lautem Geheul.

Seine Familie hatte bereits den ganzen Tag auf ihn gewartet und empfing ihn mit gestrenger Miene und Heftpflaster.
„Aber, aber, du kleiner Dreckspatz“, sagte Sie missbilligend, „wo hast du dich bloß wieder herumgetrieben?“ Da setzte der kleine Hubsi rasch sein verschmitztestes Lausbubengrinsen auf – doch diesmal blieb es ohne Wirkung.
Wie immer wenn ihm zum Schmollen zumute war, zog sich der kleine Schelm nun unter den Küchentisch zurück, mit nachdrücklich vorgeschobener Unterlippe, dem internationalen Erkennungszeichen der beleidigten Leberwürste. Erst mit einem Säckchen Brausepulver, einigen sauren Drops und mehreren Zuckerstangen gelang es der Familie, den kleinen Hubsi wieder hervorzulocken.
„Na komm“, sagte Er versöhnlich, „ab ins Bett mit dir, Kleiner.“
„Trägst du mich?“, fragte der kleine Hubsi einschmeichelnd. „Bitte, bitte!“
– „Na gut, ausnahmsweise“, sagte Er, lud sich den kleinen Hubsi auf den Rücken und trug ihn ächzend die Stiege hinauf. „Aber schön langsam wirst du mir wirklich zu schwer.“ Oben angekommen, sangen die beiden dem kleinen Lausbuben noch ein Gutenachtlied vor und warteten mit ihm gemeinsam auf das Traummännlein.

Als der kleine Hubsi endlich eingeschlafen war, entfernten sie sich auf Zehenspitzen, schlichen behutsam in die Küche hinunter und gönnten sich zur Stärkung ein Glas Rotwein.
„Manchmal mache ich mir wirklich Sorgen um Papa“, sagte die Tochter seufzend. – „Ich auch“, meinte der Sohn zwischen zwei tiefen Schlucken, „mit seinen 47 Jahren sollte er langsam dem Flegelalter entwachsen sein.“