Das Wüstenherz

astra

Ein Wintermärchen

Die Winterdämmerung tauchte die blauen Steinhäuser von Jodhpur in flüssiges Gold. Widerwillig, doch fröstelnd lösten sich die Sonnenstrahlen von der erstarrten Landschaft, die sie den ganzen Tag mit sanfter Bestimmtheit ausgeleuchtet hatten. Dann schwammen die Wolken herbei.

Schneeflocken tänzelten von den Flügeln des Berges herab, um sich sachte auf Sandelholzbäumen, Textilfabriken, Schafspelzen und Menschennasen niederzulassen.

Der Raja saß auf der Dachterrasse des Mehrangarh-Forts und überlegte. In seinen Nanofilzmantel gehüllt, fror er außen nicht. Doch sein Herz war seit langer Zeit von Eisblumen bedeckt, die langsam, aber sicher jedes noch so kleine Fünklein Wärme darin in Frost verwandelten. Nichts, gar nichts vermochte seine unterkühlte Seele mehr aufzutauen. Und wenn sein Innerstes kalt war, warum sollte er dann etwas gegen den unerbittlich vorrückenden Polarwinter unternehmen, der die einst blühende Wüstenstadt in eine frostige Ödnis verwandelte.

Gewiss, er spielte bisweilen mit der Idee, ob es nicht besser wäre, langsam an eine Neugründung in Äquatornähe zu denken. So mancher Zänker würde sich vermutlich dagegen wehren, seine ach so heiß geliebte Heimaterde nur wegen einiger Minusgrade im Juli aufzugeben. Doch die meisten seiner Schäfchen würden ihm sicherlich in besser beheizte Gefilde folgen.

Der Mundschenk brachte seinem Herrn noch einen Becher Gewürzwein. Kardamom, Zimt und Ingwer schmolzen duftende Blasen in das klirrende Gusseisen der Nacht.

„Mein Gebieter, ein verschrumpelter Wicht aus dem Norden wünscht Eure Abendruhe zu stören“, sagte der Diener, „mit der Begründung, es handle sich um eine Angelegenheit von äußerster Dringlichkeit. Soll ich ihn vorlassen oder besser gleich in den Holo-Kerker werfen?“

Wenngleich er für gewöhnlich ein gestrenger Herrscher war, stand dem Raja der Sinn nach ein wenig Zerstreuung und er erteilte den Befehl, dem Besucher eine fünfzehnminütige Audienz zu gewähren.

Die Bezeichnung „Wicht“ war wohl nicht ganz zutreffend. Die Hünengestalt, die sich vor dem achteckigen Thron verneigte, war ein mongolischer Bogenschütze mit reich verzierten Reitkleidern aus Mammuthaar. Genauer: Eine mandeläugige Bogenschützin mit hüftlangen Zöpfen.

„Eure Majestät, gestatten Sie einer durchfrorenen Gesandten von Khubilai Khan dem XXI., Ihnen die Holo-Botschaft des Himmelssohns zu überbringen. Verschlusssache, versteht sich“, verkündete sie mit einer Stimme, die an zerberstende Eisberge erinnerte.

Der Raja deutete mit einem leichten Kopfnicken an, dass dem Gesuch der Mongolin stattgegeben wurde.

Ein kurzes Knistern drang aus dem Emitter, und dann schwebte der Kopf des Khans wie ein zu groß geratener Leuchtkäfer im nächtlichen Schneetreiben. Die Projektion hatte einen Blaustich und war nicht ganz streifenfrei – kein Wunder bei diesem alten Gerät aus der Vorkriegszeit der Nuller Jahre.

Die Gesandte drückte auf Play. „Seid gegrüßt, geschätzter Schwager Roa Rajputen“ erklang es schnarrend aus der Kehle des Khans, „ich wende mich an Euch, um Euch in einer Herzenssache von höchster Bedeutung um Rat und Beistand zu ersuchen. Wie Ihr sicher wisst, pflegen die Temperaturen in unseren Breiten jedes Jahr um ein Viertelgrad zu sinken. Ihre Majestät können rechnerisch leicht nachvollziehen, wie wenig Zeit uns noch bleibt, bis unsere Jurten gänzlich im Schneesturm versinken. Schon jetzt hungern unsere Untertanen, erfrieren unsere Yaks. Das Schlimmste: Meine Lieblingskonkubine droht mich wegen eines Tropenprinzen zu verlassen. Nun geht an unseren windgebeutelten Herdfeuern die Kunde, dass es in der Thar-Wüste vor den Toren Eurer Stadt einen Ort gebe, an dem mittels eines mächtigen Kleinods, genannt das Wüstenherz, welches etwa auf halber Strecke zwischen Jodhpur und Bahawalpur im Sande schlummere, Abhilfe geschaffen werden könne. Dieses wundersame Juwel sei nämlich dazu in der Lage,  einen Wärmezauber auf unsere gefrierende Welt herabzusenken. Falls Euch trotz Eures schmerzlichen Verlustes noch an einer Wendung zum Besseren gelegen ist, so nehmt meine Gesandte und zugleich beste Bogenschützin, schickt sie in die Wüste, auf dass sie mit dem Wüstenherz in ihrer Satteltasche zurückkehre.“

Der Raja schwieg. Sein Blick verlor sich im silbernen Reigen der Schneesterne.

„So möge es sein“, sagte er nach einer fünfzehnminütigen Kunstpause. „Die Gesandte kann sich nun in ein Gastquartier zurückziehen und ihr Magnetschwebeross am Solarspeicher andocken. Beim ersten Tageslicht breche sie auf und komme nicht wieder, bevor nicht das Wüstenherz in ihren Besitz gelangt ist.“

Ohne ein weiteres Wort schwebte die Schützin von dannen.

Dem Morgenhimmel stieg die Röte eines neuen Tages in die schlaftrunkenen Wangen. Irgendwo krähte ein heiserer Hahn. Der Wind bedachte die gefrorenen Häupter der Dornbüsche mit tausend Bürstenstrichen.

Eine Staubwolke am Horizont kündete vom ordnungsgemäßen Aufbruch der Mongolin. Iolani, wie sie von den ihren genannt wurde, war es gewohnt, allein durch frostgepeitschte Ebenen zu reiten und exzentrische Oligarchen mit Informationen zu versorgen. Nach dem endgültigen Zusammenbruch der globalen Kommunikationsnetzwerke hatte sie lange Jahre im neozaristischen Russland als Botschafterin des Khans gedient und mehr als nur einmal Staatsgeheimnisse höchstpersönlich durch die sibirische Einöde transportiert. Die Mission Wüstenherz war in ihren
Augen ein weiteres Hirngespinst größenwahnsinniger Lokaldespoten, ein sinnloses Aufbegehren gegen das unaufhaltsame Vorrücken der Gletscher. Unaufhaltsam, ja. Und dennoch von ihresgleichen in Gang gesetzt.

Die Sonne kletterte behände über das Firmament und ließ sich am Ende erschöpft auf einer Wanderdüne bei Birsilpur nieder. Iolani beschloss es der Sonne gleichzutun und schlug an einem ausgetrockneten Flusslauf ihr Lager auf.

Bengalfüchse schnüffelten auf der Suche nach der immer knapper werdenden Nahrung an jedem raureifbedeckten Stein. Staubwirbel wiegten sich im Abendwind. In der Ferne heulte eine hungrige Wölfin.

Iolani starrte in die eisblauen Flammen ihres Gasbrenners und dachte über ihre Mission nach. Sie würde nun wohl wochen- und monatelang durch die menschenleere Dünenlandschaft stromern, opiumsüchtigen Nomaden gegen ein saftiges Bakschisch Informationen abpressen, jeden Stein umdrehen, Wölfe erschießen und noch mehr grässlichen Instantschafsmilchtee trinken.

„So kann es sein, genauso gut kann es aber auch anders sein“, krächzte eine uralte Stimme, „und übrigens: Ich habe HUNGER!“ Iolani wandte sich um und blickte direkt ins runzelige Angesicht ihrer alten Bekannten aus Russland, der Baba Yaga. „Was in aller Welt machst du denn hier?“ fragte sie und warf der Hexe einen Sack mit Brot und Trockenfleisch zu. Das Weiblein mit dem goldenen Nasenring und der weißen Mähne verschlang den gesamten Sackinhalt in Schwindel erregendem Tempo, wischte sich Mund und Finger an Iolanis Seidenschal ab und antwortete: „Mein bengalischer Bruder Kumbhakarna hat von dir geträumt und mir brühwarm davon berichtet. Da dachte ich, du könntest meine Hilfe ganz gut gebrauchen.“ „In der Tat“, meinte Iolani, „wenn du mir einen Rat geben könntest, wie ich ohne lang im Sand herumzuwühlen geradewegs zum Wüstenherz gelange, wäre ich dir sehr verbunden, gute Baba.“

„Woher soll ich das wissen?“ entgegnete diese und machte sich über Iolanis Käsevorrat her, nicht ohne zuvor einen kräftigen Schluck Milchschnaps genommen zu haben.

Die beiden Frauen schwiegen eine Weile und starrten gemeinsam ins Feuer.
Dann schlug Baba Yaga vor, sie möge doch den alten Dschinn von Lunkaransa aufsuchen. Der wisse immer weiter, wenn es um unerfüllbare Wünsche ginge. „Ein gewieftes Bürschchen auf seine Art“, meinte die Alte. Dann fingerte sie ein Hühnerknöchelchen aus ihrer Tasche, drückte es Iolani in die Hand und grinste breit, sodass ihre schiefen Zähne aufs Lieblichste im Feuerschein glänzten. „Ruf mich, wenn du weitere Hilfe nötig hast. Bis die Tage!“ Sie schwang sich auf ihren Mörser und ruderte durchs rotviolette Wüstengewölk davon.

Ein neuer Tag webte Goldfäden ins granatapfelfarbene Haar der Schäfchenwolken.
Eine Echse verspeiste eine Gottesanbeterin und nahm ihren nur mäßig vorgewärmten Sonnenbadeplatz auf einem Sandstein ein.

Als Iolani am Horizont die weißen Flügeltore von Lunkaransa erblickte, nahm sie eine geheime Abzweigung Richtung Nordosten. Siebenhundert Dornbüsche später war sie bei der Höhle des Dschinns angelangt. Dieser saß vor dem Eingang auf einem Teppich, in die Lektüre von Rumis gesammelten Werken vertieft.

Die Bogenschützin räusperte sich uns sprach: „Verzeiht, edler Dschinn, dass ich Euch zu so früher Stunde das Tageslicht stehle. Doch ich komme in höchster Not zu Euch. Verratet mir bitte, wo das viel gerühmte Wüstenherz verborgen ist.“

Der Dschinn blickte auf. „Das ist einfach. Der Brunnen von Birsilpur träumte, er sei ein Loch im Sand. Doch als er aufwachte, sah er, dass er der Ozean war, in dem das Herz der Welt schlägt.“

„Könnt Ihr mir das ein wenig näher erklären?“ fragte Iolani. Keine Reaktion. Der Dschinn hatte seine Lektüre fortgesetzt und würdigte sie nun keines Blickes mehr.
„Das musst du schon selbst auseinanderklamüsern“, murmelte er in seinen Ziegenbart.

Also schwang sich Iolani wieder auf ihr Ross und ritt geschwind nach Birsilpur, wo vor dem Stadttor tatsächlich ein verwitterter Brunnen aus dem safranfarbenen Staub ragte. Er war ausgetrocknet. Von wegen Ozean.

„Vieless isst anderss, alss ess auf den erssten Blick erscheint“, sagte eine leise Stimme, die wie Sandpapier durch ihre Gehörgänge schliff.
„Wer bist du?“ frage Iolani.

„Dass wirsst du noch früh genug begreifen. Spring hinein, tauch hinab und ssieh sselbst“, raspelte die Stimme in Iolanis Mittelohr, „worauf wartesst du noch?“

Ohne sich mit einer genaueren Abwägung der möglicherweise fatalen Folgen eines solchen Unterfangens aufzuhalten, sprang Iolani in den Brunnen.

Der Treibsand schwappte über ihrem Kopf zusammen. Behutsam öffnete sie ihre zusammengekniffenen Augen und – sie konnte sehen! Unter ihr erstreckte sich eine wundersame Meereslandschaft, wie sie wohl noch nie ein Menschenauge erblickt hatte. Ein Ozean aus Sand, durchsichtig wie Kristallglas, in dessen bernsteinfarbener Strömung leuchtend grünes Seegras wogte. Schwerelos schwebte Iolani inmitten saphirfarbener Fische.

Und sie konnte atmen, ein wenig schwerer zwar als gewöhnlich, doch schien sich der Wüstenstaub in ihren Lungen in köstlichste Sommerluft zu verwandeln. Sommerluft, ja. Eine Wärme, die Iolani seit ihrer Kindheit nicht mehr verspürt hatte, durchströmte ihre frostgeplagten Glieder.

Sie blickte nach oben. Sanft kräuselte sich die Oberfläche des Sandmeers in der Morgenbrise. Ein Wüstenschiff hinterließ seine Spuren, die konzentrische Kreise in den körnigen Spiegel zeichneten. Über ihrem Kopf glitt eine Schlange hinweg.

„Wer bist du“, fragte Iolani ein zweites Mal. „Wass denksst du?“, fragte die Stimme, „du weißßt ess doch schon längsst!“
Iolani tauchte in kräftigen Zügen hinab und rief: „Du bist das Wüstenherz!“
„Na endlich“, antwortete dieses und fragte, „Und jetzst denksst du, ich würde dir sso mirnichtss, dirnichtss helfen?“
„Natürlich“, entgegnete Iolani, „in deiner unendlichen Weisheit und Güte hast du sicher Erbarmen mit den frierenden Menschenkindern. Im Namen meiner Mitgeschöpfe: Schenk uns deine Wärme!“
„Warum ssollte ich dass tun? Alss ihr die Atombomben abgeworfen habt, da habt ihr auch nicht meinen Beistand erbeten!“ Der Schrei des Wüstenherzens tobte wie ein Sandsturm durch Iolanis Nebenhöhlen.
„Dann hilf doch wenigstens den Tieren, wenn du schon kein Mitleid mit den Zweibeinern hast!“ brüllte Iolani.

Stille. Ein Schwarm Medusen glitt vorüber. Ein blutrotes Glühen durchpulste das Sandmeer. Wie verträumte Silberglöckchen klingelte der Sand.

„Na gut. Aussnahmssweisse“, verkündete das Wüstenherz schließlich, „aber beim nächssten Atomkrieg knipsse ich euch alle Lichter auss, nur dass ihr ess wisst!“

Das Pulsieren schwoll an. Vulkanische Hitze stieg vom Ozeanboden auf und schlug Iolani in sengenden Wogen entgegen. So schnell sie konnte, schwamm sie Richtung Oberfläche, doch der Lavastrom kam immer näher. Ihre Fußsohlen glühten.

Mit letzter Kraft umfasste sie das Hühnerknöchelchen in ihrer Tasche. Sekunden später umfassten knochige Finger ihr Handgelenk und zogen sie mit einem kräftigen Ruck durch den Brunnenschacht nach oben. Iolani verlor das Bewusstsein.

Alle Geschöpfe der Wüste waren herausgekommen, um die Sonne zu begrüßen. Gierig tranken die Silberfüchse aus Schmelzwassertümpeln.

Blühende Kakteen schlürften den Nektar des Mittagslichts.

„Nastrowje“, krächzte die Baba Yaga und hielt der benommenen Iolani einen Becher Milchschnaps entgegen, „lass uns trinken auf die Rettung der Welt! Und gib mir zu essen! Ich rieche Lammfleisch in deiner Tasche!“

Iolani warf der fidelen Hexe die Dose mir dem Notvorrat zu. Leichten Herzens fing sie das wohlige Sonnenlicht in der hohlen Hand auf.

„Der Raja wird Augen machen!“ rief sie und tanzte auf ihren verbrannten Fußsohlen auf den Wellen des Wüstenmeeres.

Und weil sie nicht gestorben sind, sonnen sie sich noch heute.