Reflexionen im Hungerturm
astraEine Destruktionsanalyse
Immer noch denken viele, Seifenblasen seien durchsichtig. So mancher Zeitgenosse vertritt nach wie vor die irrige Ansicht, ein derartiges Gebilde bestehe lediglich aus einem dünnen Wasserfilm, an dessen Innenseite Seifenteilchen angelagert seien. Ferner wähnen sie sich in dem Glauben, eine Seifenblase setze sich aus nichts anderem als einer dem Wasser zugewandten hydrophilen Carboxylat-Gruppe und einem dem Wasser abgewandten hydrophoben Alkylrest zusammen.
Dem ist ganz gewiss nicht so. Der geneigte Leser möge sich nun zurücklehnen und im warmen Licht der Wahrheit baden, das sich in Bälde über ihn ergießen wird.
Vermittels eines von mir selbst ersonnenen Dimensionalspektrographen begann ich am 3. Feber unter der gefälligen Obhut des Wassermanns eine ganz und gar sonderbare Reise. Hätte ich gewusst, in welch unerquickliche Lage ich durch ebendiese gelangen würde, so hätte ich mein Ansinnen höchstwahrscheinlich noch einmal überdacht, hätte womöglich die Suche nach dem Lapis Philosophicus fortgesetzt so wie alle anderen meines Fachs. Doch für Reue ist es nun zu spät.
Ich hatte also mein Instrumentarium geeicht, meinen Messkoffer gepackt, meine Kinder ein letztes Mal auf die Stirn geküsst und meiner geliebten Gattin einige abschließende Ermahnungen erteilt. Meine Dienstboten hatte ich angewiesen, im Falle meines vorzeitigen Ablebens ihrem Tagewerk wie gewohnt nachzugehen, so, als sei nichts geschehen. Dem Gutsverwalter hatte ich aufgetragen, meine Liegenschaften weiterhin mit fester Hand zu bewirtschaften, so, als sei ich niemals fort gegangen.
Ich schloss die Tür zu meinem Laboratorium und befeuerte den Brenner. Schlohweiße Flämmchen leckten am Glaskolben. Sachte tauchte ich die Drahtschlinge in die Lauge, blies leicht auf die schillernde Membran, woraufhin sich eine kürbisgroße Blase bildete, die ich behutsam in der bereitliegenden Schale aus allerfeinstem Meißener Porzellan auffing.
Geschwind erzeugte ich noch einige weitere Blasen – Prachtexemplare, kann ich im Nachhinein voll Stolz behaupten – und setzte sie obendrauf, sodass am Ende eine wohlgeformte Pyramide aus Seifenkugeln zur rußgeschwärzten Decke meiner Forschungsstätte hinaufragte.
Dieses war der erste Streich gewesen, und der zweite – ein Geniestreich, muss ich ganz ohne falsche Bescheidenheit feststellen – folgte sogleich. Nun war der alles entscheidende Zeitpunkt gekommen. Munter knisterte das Feuerchen in meinem Werkstattofen, ungeduldig brodelte die Reagenzflüssigkeit, in hochroter Erwartung glühte der Alembik. Derweil setzte ich mir den Spektrographen auf den Kopf, nicht ohne zuvor mein Monokel im Messkoffer verstaut zu haben.
Ein Körnchen Alabaster und eine Entendaune waren die letzten, doch entscheidenden Ingredienzien für den Sud, der mein Leben verändern sollte.
Die Schnelligkeit des Steins, die träge Leichtigkeit der Daune setzten die Mechanik des Apparats in Gang. Ich implodierte in einem Spiralstrom aus verflüssigter Raumzeit.
Ein schwarzes, ein rotes, ein weißes Nichts umfingen mich und schleuderten mich hinaus aus der Zentrifuge des Allbekannten.
Stille. Milchiges Dunkel.
Ein Donnerschlag warf mich in die rissige Haut meines Selbst zurück. Da war ich, da lag ich auf der taufeuchten Grasnarbe mit einem Dimensionssprungmuskelkater in den müden Gliedern. Über mir ein Firmament mit Gestirnen aus flüssigem Opal.
Rund um mich erstreckte sich ein mundgeblasener Kosmos, regenbogenschillernd und konkav. Eine fragile kleine Welt im Innern einer seifigen Sphäre.
Eine Wiese, Bäume. Ein verfallenes Wasserschloss, dessen morsches Tor wie eine Hasenscharte aus dem Burggraben ragte.
Hunde kläfften. Ein Bächlein murmelte. Ein wässriger Vollmond war im Begriff hinterm Horizont zu versinken.
Mit ächzenden Knochen und wimmernden Gelenken richtete ich mich auf, zündete meine Stirnlampe an und ging langsamen Schritts, doch frohen Mutes auf das Schlösschen zu. Unterwegs nahm ich allerhand Bodenproben.
Schon bald vernahm ich Gelächter und Gefiedel, Fußgetrappel und Hofdamengekreisch. Hinter den bröckeligen Mauern schien trotz der fortgeschrittenen Stunde eine recht fidele Abendgesellschaft im Gange zu sein.
Als ich mich dem Palast näherte, schlug lautstark eine ganze Hundemeute an. Ich war es gewohnt, mich vom Unbekannten nicht so schnell abschrecken zu lassen und schritt beherzt voran.
„Losungswort!“, knurrte der Torwächter, mehr Bulldogge als Mensch. „Boandlkroama“, knurrte ich meinerseits, woraufhin er mir sogleich Durchlass gewährte.
Der Thronsaal war Potpourri aus Erhabenheit und Dekadenz, Kerzenschein und Schimmelpilz, Prunk und Spülicht. Weihrauchschwaden mischten sich mit
Parfümduft, Fleischdampf und Hundeschweiß. Goldene Kelche standen voll Hühnerknochen, Bratensatz und Burgunderwein. Seidenglänzende Hofdamen hatten ihre Unterröcke auf die Kristallluster gehängt und tanzten mit den Prinzlingen ein letztes Menuett. In der Mitte thronte der Monarch, mit Hermelinmantel, wirrem Haar und trübem Blick, vom bunten Treiben sichtlich ermüdet.
Nicht ohne eine Magnetresonanzmessung des Saales vorgenommen zu haben, durchquerte ich die angeheiterte Menge und verneigte mich vor dem Herrscher.
„Eure Majestät, ich brachte, was Ihr wünschtet“, sagte ich mit fester Stimme, denn vor Aristokraten hatte ich noch nie Respekt gehabt. Ich reichte ihm ein winziges, sorgsam verkorktes Reagenzgläschen mit einer rubinrot schimmernden Flüssigkeit.
Wortlos nahm der König es entgegen, entkorkte das Behältnis und schüttete dessen Inhalt in seinen Weinkelch. Mit großen Schlucken leerte er sein Trinkgefäß.
Alles ging nach Plan. Während der Mann auf dem Thron dachte, er hätte soeben einen Wundertrank zu sich genommen, der ihn in der seit Jahrhunderten andauernden Blutfehde mit dem benachbarten Königreich unbesiegbar machen würde, war ich mir, wie es einem Forscher von Weltrang gebührt, über die nachfolgenden Ereignisse vollkommen im klaren.
In einer formvollendeten Sinuskurve hob sich das Schädeldach des Monarchen nach oben. Die Mauern warfen Blasen und die tanzende Menge wölbte sich halbkreisförmig Richtung Decke. Während sich die Szenerie zunehmend verflüssigte, wuchs eine kristallene Wendeltreppe aus dem rechten Ohr des Königs hervor. Ohne zurückzuschauen stieg ich auf dieser nach oben, auf eine helle Öffnung zu.
Wieder schwamm ich durch ein Meer aus Nichts.
Ein Trommelwirbel trieb mich zurück in meine sterbliche Hülle. Von unten herauf fiel ich in mein Ich hinein und schnappte gierig nach Luft.
Diesmal lag ich bäuchlings auf dem Marmorboden im Foyer einer Oligarchenvilla, die lädierte Nase in der vergoldeten Fuge zwischen den Mosaiksteinchen. Ein Diener wieselte mit dem Staubwedel auf mich zu und reinigte mich und mein Gepäck von Kopf bis Fuß, nicht ohne mir zuvor auf die Beine geholfen zu haben. Schmerzhaft, doch zuvorkommend.
„Bringe er mich zu seinem Herrn“, sagte ich mit sanfter Bestimmtheit, woraufhin mich der Dienstbote durch lange Wandelgänge mit Meerblick in den Bernsteinsalon brachte.
Dort saß er auf seinem Samtsofa, der Oligarch, die Sitzfläche ob seiner Leibesfülle fast gänzlich für sich einnehmend, umringt von Grazien, deren spärliche Oberbekleidung selbst mir als Agnostiker die Schamesröte ins Gesicht trieb.
„Großer Vorsitzender, ich brachte, was Ihr wünschtet“, sagte ich zu ihm mit fester Stimme, denn vor dem inkarnierten Mammon hatte ich noch nie Ehrfurcht verspürt, und reichte ihm ein wachsversiegeltes Glasröhrchen mit einer goldenen Flüssigkeit. Der Vorsitzende öffnete es sogleich und schüttete den Inhalt in sein Wodkaglas, um dieses in einem Zug auszuschlürfen, in dem Glauben, es handle sich um einen Zaubertrank, der ihm ewige Jugend, unerschöpfliche Manneskraft und unendlichen Reichtum verleihen würde.
Dass dies zu banal war, um wahr zu sein, wurde ihm erst bewusst, als ihm bereits eine gläserne Leiter aus dem Scheitel wuchs, das Bernsteinzimmer zu honiggelbem Sirup zerschmolz und die Grazien wie Kerzenwachs zu Boden tropften.
Leichterdings kletterte ich nach oben, nicht ohne zuvor eine Luftprobe gezogen zu haben. Nun war ich beinahe am Ziel meiner Reise angelangt. Durch eine kreisrunde Luke gelangte ich in die Höhle der Kristalle, mit Wänden aus Chrysoberyll, mannshohen Stalagmiten aus Amethyst und baumgroßen Stalaktiten aus reinstem Diamant.
Inmitten der glitzernden Pracht saß sie, die Herrscherin des zerbrechlichsten aller Reiche, die Königin der Flüchtigkeit, die Fürstin der Membranwelten. Sie trug ein Kleid aus Silbergespinst und Sphärenklängen, das ebenmäßige Antlitz von jadefarbenen Haarflammen umrahmt. Ich warf mich zu Boden. Nicht aus Ergebenheit, denn überirdische Anmut hatte mich noch nie eingeschüchtert, doch ich kannte die Gepflogenheiten und außerdem hatte ich ein Ziel.
„Wer hätte das gedacht. Der kleine Alchimist hat den Weg zu mir gefunden“, hieß sie mich willkommen und bedeutete mir mit einem Wink ihrer durchscheinenden Hand, ich möge mich erheben.
„Euer Durchlaucht, ich fühle mich außerordentlich geehrt durch Eure strahlende Präsenz und äußere vor Furcht zitternd und dennoch ganz geradeheraus mein Anliegen, sofern Ihr es erlaubt.“
„Fahrt fort“, antwortete sie.
„Die Menschen meiner Welt haben das Staunen verlernt“, begann ich, „da unsereins es gewohnt ist auf fester Erde und hartem Pflaster stampfenden Schrittes durchs Leben zu wandeln, umgeben von bleiernen Mauern, drückenden Dächern und erstickenden Pflichten, hat sich eine gewisse Trägheit breit gemacht, hat die Seuche der Freudlosigkeit um sich gegriffen. Nun hoffte ich im hauchfeinen Reich der Membranen das Element des Frohsinns ob dessen Vergänglichkeit zu isolieren und meinen trübsinnigen Mitmenschen in Form eines Trankes zugänglich zu machen.
„Nur zu gerne gewähre ich dem kleinen Tränkemischer diesen bescheidenen Wunsch“, sagte die Königin sanft, „gerne erlaube ich ihm auch noch einen Blick auf alle weiteren Mikrokosmen in meinem Reiche“, sprach sie und … in diesem Moment platzte die kleine Welt.
Man fand mich auf dem Boden in einer Lache aus dampfender Seifenlauge, um mich herum das Treibgut meiner Streifzüge im Reich der Blasen.
Die Königskrone. Der Siegelring des Oligarchen. Das Diadem der Kristallfürstin.
Natürlich hätte mir klar sein müssen, dass niemand und schon gar nicht die Schergen seiner kaiserlichen Majestät mir glauben würden, ich hätte diese Gegenstände in einer anderen Welt als der unseren mit reinem Gewisssen einzig und allein für wissenschaftliche Zwecke entwendet. Somit wurde ich ohne den langen Umweg über Folterkeller und Tribunal an Ort und Stelle wegen Diebstahls höfischer Insignien zum Tod im Hungerturm verurteilt.
Dabei hatte ich doch nur an die Zukunft der alichimistischen Forschung gedacht und ausschließlich für den Fortschritt der höheren Erkenntnis jene kostbaren Objekte in vorübergehenden Gewahrsam genommen. Die Zeit ist wohl noch zu jung für ein Genie meines Formats.
Nun denn, gehabt Euch wohl, geneigter Leser, denn meine Tage im Hungerturm sind gezählt. Bevor ich von Kachexie und Lichtlosigkeit dahingerafft werde, möchte ich Euch noch eines mit auf den Weg gehen: Nehmt nicht für bare Münze, was man Euch glauben machen will. Trinkt in vollen Zügen aus dem Kelch der Heiterkeit. Wissen ist Umnachtung, Wirklichkeit ein Wolkenkucksheim.