Der Schwimmer
klippo
Jeden Tag im Sommer ging Pablo ins Freibad, um zu schwimmen. Vom Lärm und der Hitze berauscht, schälte er sich durch die Menschen, vorbei an den vielen Brüsten und Hüften, die von der Sonne gebräunt das Bad bevölkerten und wie aus Teig gebacken glänzten. Erleichterung machte sich in ihm breit, als er das Gekreisch und Geplantsche der Kinder hinter sich ließ und das große Schwimmbecken erreichte. Er schlüpfte in seine dunkelbunte Badehose und sprang ins Wasser, wo er sich gierig durch die Wellen wühlte. Erst viele Stunden später, in denen er das Becken etliche Male durchschwommen hatte, musste er seinem erschöpften Körper Tribut zollen und auf festen Boden zurückkehren. Viele Augenpaare lasteten dann auf ihm, wenn sich der nasse Hüne aus dem Becken hievte und ein Netz aus Wassertropfen von seinem stromlinienförmigen Antlitz troff.
Zweifellos war Pablo ein schöner Mann: Die Muskeln anmutig geflochten, der Gang gerade, die Augen klar und das Brusthaar kupfern. Nur wenn man genau hinsah, konnte man die feinen, weißen Häutchen erkennen, die aus den Zwischenräumen seiner Finger und Zehen sprossen und diese fast unmerklich miteinander verbanden.
Lange hielt sich Pablo nie im Trockenen auf. Zu viele lärmende und unförmige Menschen störten ihn. Es graute ihm, wenn sie mit ihren riesigen, rosa Zungen Eiscreme schleckten und ihre quäkenden Stimmen erschallen ließen. Luft war ein böses Medium, da war sich Pablo sicher. Die meisten schrecklichen Dinge geschahen in ihrem Umfeld. Pablo zog die Umarmung des Wassers vor, die ihn mit ihren Dunkellauten umhüllte und mit zarten Erschütterungen liebkoste.
So schwamm Pablo täglich seine Runden, den ganzen Sommer lang. Eines Tages lernte er Ramina kennen. Auch Ramina liebte das Wasser und war jeden Tag im Bad. Sie war gertenschlank und biegsam wie eine junge Flosse. Wenn sie mit majestätischen Stößen durch das Wasser schnellte, umwoben ihre blauschwarzen Haare ihren Körper wie ein Baldachin. Es war klar, dass sie vom selben Schlag waren. So kam es, dass sie fortan Seite an Seite schwammen und gemeinsam in die Badeanstalt gingen, um sich mit einem Elektrolytgetränk zu erfrischen, wohl wissend, dass sie der Lärm und die Erdverbundenheit der Menschen bald wieder vertreiben würde. Drei Wochen verbrachten Pablo und Ramina miteinander und in der vierten Woche zeugten sie zusammen ein Kind. Es war ein kühler Tag, der Herbst stand kurz bevor und außer einem alten Seebären und einem Tiefseetaucher waren keine anderen Gäste im Bad. Nur Pablo und Ramina schmiegten sich im nasskalten Wasser aneinander.
Nach der Zeugung vergingen neun Monate, in denen sich Pablo und Ramina kein einziges Mal sahen. Erst als im Frühjahr das Bad wieder seine Tore öffnete, trafen sie sich am Rande des großen Beckens wieder, wo sie sich das Jahr zuvor das erste Mal gesehen hatten. Mit stummem Einverständnis nahmen sie das gemeinsame Schwimmen wieder auf. Nichts deutete darauf hin, dass Ramina hochschwanger war. Ihr Körper unter dem Badeanzug war gertenschlank wie eh und je, der Bauch war flach. Aber die Geburt stand kurz bevor: Während Ramina durch das Becken tauchte, spürte sie plötzlich, wie sich im Rückstoß ihrer Bewegungen das Kind aus ihr löste. Durch die Nabelschnur noch mit der Mutter verbunden, wurde es durch das Wasser mitgeschleift. Erschrocken zog die Mutter das rosige Bündel aus dem Wasser und presste es an ihren Leib. Das Kind, jäh dem schützenden Nass beraubt, fing sogleich grässlich an zu schreien. Bald sammelte sich eine Traube gaffender Menschen um die Mutter und ihr Neugeborenes und belästigte sie mit dümmlichen Blicken. Das Kind gebärdete sich wie wild und wollte gar nicht mehr aufhören zu schreien.
Pablo tat in der Situation das einzig Richtige, das er als junger Vater tun konnte: Zunächst verschaffte er Ramina Raum, indem er die gaffende Menge mit einer Kaskade aus Knüffen und Hieben bändigte. Dann packte er das schreiende Kind und warf es in hohem Bogen zurück ins Wasser, worauf es augenblicklich verstummte. Als sie sich die verstörten Eltern langsam dem Beckenrand näherten, sahen sie, wie es zufrieden im Wasser hing.
Fortan gingen Pablo und Ramina zu dritt schwimmen. Der kleine Jonas – auf diesen Namen tauften sie ihren Sprössling – schien von Geburt an von Wasser fasziniert. Schon im Säuglingsalter signalisierte er seinen Eltern lautstark, wenn er ins Wasser gesetzt zu werden wünschte. Dort angekommen, strampelte er dann mit seinen dünnen Ärmchen und Beinchen und machte dazu einen ausgesprochen glücklichen Eindruck. Hob man ihn wieder heraus, so ließ er dies nur widerwillig geschehen und quengelte anschließend so lange und vehement bis man ihn wieder dem Nass zuführte.
Sobald er selbst laufen konnte, legte er die wenigen Schritte zum Wasser, in dessen Nähe er sich stets aufhielt, selbst zurück und verbrachte gut und gerne den Großteil des Tages damit wie ein Fischotter darin herumzutauchen. Stolz beobachteten die Eltern ihren aquaphilen Sohn. Man stelle sich vor, welche Freude sie hatten, als sie bemerkten, dass seine Finger und Zehen wie beim Vater durch dünne Schwimmhäute verbunden waren. Doch der Sohn sollte seine Eltern noch um Vielfaches übertreffen, denn schon im zarten Kindesalter steigerte sich seine Wasserliebe ins Unermessliche: Bald ließ Jonas das schützende Chlor des Schwimmbads hinter sich und machte sich daran Flüsse, Seen und Ströme zu durchschwimmen.
Mit sieben türmte er von zuhause und schwamm durch die Donau bis ins Schwarze Meer. Dort angekommen arbeitete er sich vor zum Bosporus und gelangte so ins Marmarameer. Das winzige Binnenmeer hatte der kleine Schwimmer im Nu durchschwommen und erreichte kurz darauf die Dardanellen und anschließend die Ägäis. Hier legte er einen Zwischenstopp auf den Kykladen ein, aber nicht etwa, weil er sich müde geschwommen hätte, ganz im Gegenteil: Er war gerade erst warm worden.
Unglücklich von der Enge des ägäischen Meeres befangen, in das er sich eingeschlossen fühlte, suchte Jonas nach einem Ausweg diesem zu entfliehen und fand diesen in Form von einem Frachtschiff, von dem er sich in den indischen Ozean mitnehmen ließ. Mit einem Jauchzer sprang er dort ins Wasser und brach wild paddelnd in den Pazifik auf, nicht ohne vorher seinen Eltern folgende Nachricht zu hinterlassen:
“Liebe Eltern! Macht euch keine Sorgen, es geht mir gut. Ich habe mein Ziel erreicht.”