Schamlose Schänder der Schriftsprache

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(Aus: „Der Bücherwastl. Unabhängige Monatszeitschrift für den Schutz der deutschen Sprache und Heimat“, Ausgabe XI/2008.)

Schamlose Schänder der Schriftsprache
Lesung des Kufsteiner Schreibclubs gerät zum Veitstanz der Verworfenheit

Diesen 18. Oktober wird man in der Festungsstadt wohl noch lange Zeit in unglücklichster Erinnerung behalten – als jenen Schwarzen Samstag, an dem sich der „Kufsteiner Schreibclub“ erstmals dazu anschickte, an eine breitere Öffentlichkeit heran- und zugleich jede Form von Sittlichkeit und gutem Geschmack mit Füßen zu treten. Balthasar „Hausl“ Strillinger war für den Bücherwastl am Ort des literarischen Verbrechens – in der Kufsteiner Kulturfabrik.

„Schreibclub Kufstein“ – dieser klangvolle, urwüchsige Name hatte, der treue Rezensent will es nicht verschweigen, durchaus Hoffnungen erweckt. Hoffnungen auf einen ehrgeizigen Zirkel von jungen, aufstrebenden, heimatverbundenen Schriftstellern. Hoffnungen auf eine kühne, mannhafte Dichtkunst, die sich der eigenen Scholle nicht mehr schämen zu müssen glaubt. Eine Dichtkunst mithin, die der vielgeprüften deutschen Sprache endlich wieder frische, kraftvolle, vom rechten Geist durchwirkte Verse abzuringen vermag.

Die öffentlichen Anschläge, auf denen der Schreibclub für seine Lesung kräftig die Trommel rührte, schienen diese hochtrabenden Erwartungen nur noch zu bestätigen, mit ihren weihevollen Anklängen an den größten deutschen Dichterfürsten, an die griechische und römische Antike als geistige Wiege des Abendlandes – und nicht zuletzt an die gewaltige Festung, die seit vielen Jahrhunderten hoch über Kufstein thront.

Sollte es ein Zufall sein, dass die Wurzeln dieses Schreibclubs gerade hier lagen, in der Perle Tirols, in der trutzigen Festungsstadt, die so viele große Geister hervorgebracht hat? Wo Josef Madersperger, den unvergessenen Erfinder der Nähmaschine, manch funkelnder Geistesblitz ereilte? Wo der große deutsche Volkswirt Friedrich List den freiwilligen Heldentod suchte - und auch fand? Wo die wuchtige Heldenorgel (mit 4.000 Pfeifen zweifelsohne die größte Freiorgel der Welt) das geneigte Ohr mit ihrem gewaltigen Brausen erfüllt?

Kurzum: Sämtliche Umstände waren dazu angetan, die Vorfreude auf eine erhebende, wahrhaft majestätische Lesung dieser jungen literarischen Vereinigung stetig zu nähren, ja die Erwartungen geradezu ins Unermessliche zu steigern. Allein, jegliche Hoffnung sollte vom Kufsteiner Schreibclub binnen Minuten brutal niedergewalzt und im Keim erstickt werden…

Schon der erste Augenschein in der Kulturfabrik wollte gar nichts Gutes verheißen: Zwar hatte der bienenfleißige KuFa-Mann offenkundig weder Kosten noch Mühen gescheut und die Bühne in vorzüglicher Weise ausgestaltet; doch fühlte sich der unselige Schreibclub leider bemüßigt, dieselbe mit nicht weniger als acht ausgesucht hässlichen Lichtspendern zu verunstalten – von denen sich noch dazu sechs im Laufe der Lesung als vollkommen unnütz erweisen sollten.

Im Nachhinein erscheint es beileibe nicht mehr so großmütig und freigiebig, dass bei dieser als Lesung sich tarnenden Beleidigung auf Eintritt vollständig verzichtet wurde – schließlich hat das Publikum bereits durch seine bloße Anwesenheit die Zeche gezahlt. Freiwillige Spenden an den Schreibclub wären allerdings sehr wohl angebracht gewesen: Dann nämlich könnten sich die skrupellosen Drahtzieher dieses sauberen Vereins schleunigst einem anderen Betätigungsfeld zuwenden – und müssten mit ihren Hervorbringungen keine anständigen Bürger mehr belästigen. Wahlweise hätte man die Spenden auch am Ende dieses wahrhaft unvergesslichen Abends als Schmerzensgeld an die Zuhörer zurückzahlen können.

In der Rückschau verwundert es auch wenig, dass von den acht anwesenden „Autoren“ – der Rezensent sträubt sich im Grunde gegen diese Bezeichnung, da ihm Begriffe wie „Mittäter“ wesentlich passender erscheinen – keiner den Mumm aufbrachte, unter seinem oder ihrem richtigen Namen auf die Bühne zu treten. Stattdessen hatte der versammelte Schreibclub den (nachvollziehbaren) Entschluss getroffen, sich samt und sonders hinter Decknamen mit fragwürdigem Unterhaltungswert zu verschanzen, wohl um auf diese Weise die Vaterschaft für die eigenen literarischen Ausgeburten leichter verleugnen zu können.

Den unheilschwangeren Auftakt zum verhängnisvollen Reigen setzte ein gewisser „Buccan Faber“ mit einer Art von Verlautbarung oder Ankündigung, die sich gänzlich in der schier endlosen, überaus ermüdenden Wiederholung von neudeutschen Worthülsen wie „Laser“, „Power“ oder „Action“ erschöpfte – fremdstämmigen Hauptwörtern also, für die in unserem reichen Sprachschatz wesentlich klangvollere Entsprechungen wie „gebündelter Lichtstrahl“, „Tatkraft“ oder „Handlung“ bestehen. Inhaltlich blieb Fabers eintöniges Wortgefüge im Übrigen vollends unverständlich – wofür man, rückblickend betrachtet, noch dankbar sein sollte.

Nach diesem wahrhaft beklagenswerten Beginn mühten sich die folgenden Vortragenden nach Kräften, den von Faber vorgelegten Anspruch weiter zu unterschreiten. „Doma Mischanig“ kam dieser nicht eben einfachen Aufgabe als erster nach: Sein selbst ernanntes Gedicht „Das Famose Elixier“ entpuppte sich auf den ersten – und leider auch auf den zweiten und dritten – Blick als weitestgehend zusammenhanglose, sinnfreie Abfolge von bedauerlich schlichten, wahlweise gotteslästerlichen oder menschenfeindlichen Paarreimen. Erfreulicherweise ist dem Rezensenten von dieser galoppierenden Geschmacklosigkeit nur die letzte Zeile in Erinnerung geblieben. Selbige handelt, in wortgetreuer Wiedergabe, von einem „Riesenhaufen Dreck“, womit Herr Mischanig sein Werk selbst am präzisesten zusammenfasst und den Rezensenten von der Notwendigkeit entbindet, sich noch weiter damit auseinandersetzen zu müssen.

Ein weiteres Blutbad an der deutschen Sprache wurde unter dem inhaltlich durchaus angemessenen Titel „Eskalation, Eskalation“ angerichtet: Dahinter verbirgt sich ein bruchstückhaftes, ohne Zweifel vom zügellosen Rauschgiftgenuss befeuertes Gedicht, zu dem sich schon aufgrund seiner Kürze jeder weitere Kommentar erübrigt. Nur so viel sei angemerkt: Die Sprach-Schlächterin, die für diese literarische Missetat verantwortlich zeichnet, tritt unter dem selbst gewählten (!) Scheinnamen „Tina Trash“ in Erscheinung, eine – wie könnte es auch anders sein – aus dem Angloamerikanischen abgeleitete Schöpfung, deren deutsche Entsprechung näherungsweise „Christine Kehricht“ lautet. Damit sollte eigentlich alles gesagt sein.

Die Gnade, von seinem Verfasser so kurz und knapp gehalten zu werden wie das letztgenannte opus minor, wurde an diesem Abend leider nicht jedem dichterischen Versuch zuteil. „Klippo Kraftwerk“, allem Anschein nach Leithammel und zugleich oberster Malefizbube innerhalb des Schreibclubs, führte dies mit seiner ausufernden, alle moralischen Hemmungen weit hinter sich lassenden Gewaltphantasie „Der Metzger und seine Frau“ besonders abscheulich vor Augen. Die Fleischhauerei sollte im Übrigen nicht der letzte hochanständige Berufsstand bleiben, der an diesem Abend frech in den Kot gezerrt wurde. Nein, zu diesem Zeitpunkt war es bereits traurige Gewissheit: Diesen Schreibclub sticht der Hafer! Ruchlose literarische Halunken wie diese würden vor nichts, aber auch gar nichts zurückschrecken.

Hätte es dafür noch eines weiteren Beweises bedurft – „Astra Kinastra“ hätte ihn mit ihrer „Ode an den Schreibclub“ mühelos erbracht: Dem Rezensenten laufen noch in diesem Augenblick kalte Schauer der sittlichen Empörung über den Rücken, wenn er an diese eitle Selbstbespiegelung, an diese zu frechen Worten geronnene Anmaßung denkt, die in der frevelhaften Zeile „Schütze uns vor den Schützen“ gipfelt – aber leider nicht endet.

Dass dem Kufsteiner Schreibclub nicht einmal das eigene Vaterland heilig ist, ja dieses vielleicht sogar am allerwenigsten!, konnte zu diesem Zeitpunkt kaum noch überraschen – eben so wenig wie der blanke moralische Nihilismus, den „Giulia Essanija“ im selbsterklärenden Titel ihrer schändlichen Schmähschrift „Das Glück liegt nah am Nichts“ unverhohlen zum Ausdruck brachte. Dem abgeneigten Kritiker will dazu nur eines einfallen: nämlich nichts.

Wer allerdings geglaubt hatte, dass an dieser Stelle, buchstäblich am Boden des Nichts, der endgültige Tiefpunkt erreicht sein müsse, der wurde von einem rüpelhaften Radaubruder namens „Harry von Schwängel (Sohn)“ und seinem abstoßenden „Silvestergedicht“ rasch eines Besseren, will sagen: Schlechteren belehrt. Um die ungeheuerliche Unkeuschheit, Abgründigkeit und schiere Schamlosigkeit dieses verabscheuungswürdigen Konvoluts auch nur ansatzweise wiedergeben zu können, müsste der Rezensent wohl ein zweites Mal in den schlüpfrigen Sündenpfuhl von Schwängels verdrehter Gedankenwelt hinabtauchen – wovor Gott ihn behüten möge.

Gerade so, als hätten sie an diesem Abend nicht schon genug sprachlichen Schaden und literarisches Leid verursacht, war die Reihe nun abermals an „Faber“ und „Trash“. In seiner Dreistigkeit hatte das Duo nicht davor Halt gemacht, sich wechselseitig ein gebührliches dichterisches Denkmal setzen zu wollen. Dieses notwendigerweise recht bescheidene Unterfangen dürfte letzten Endes auch geglückt sein: So wird die Heldin der ersten Erzählung an Imbissständen in barbarische Raufhändel verwickelt und greift im Wüstensand zu bewusstseinserweiternden Suchtmitteln, während der Höhepunkt der zweiten Schilderung darin besteht, dass der Held den Inhalt seines Magens gegen eine Hauswand speit. Zumindest dem Rezensenten wollen diese sprachlichen Bilder als nicht unpassend erscheinen.

Dass nun mit der ebenfalls rückfällig gewordenen „Kinastra“ und ihrem Chaos und Zerstörung preisenden „Weltuntergang light“ endgültig die sprachliche und inhaltliche Apokalypse eintrat, erschien angesichts des bisher Erlittenen nur folgerichtig – bedeutete für den Kritiker jedoch keine Erlösung. Schließlich war seine Welt an diesem Abend schon viel früher zusammengebrochen.

Eine weitere, zu diesem Zeitpunkt nicht mehr für möglich gehaltene Steigerung seiner ohnehin schon so qualvollen Marter ereilte den Rezensenten, als die bis dahin dankenswerter Weise nicht weiter in Erscheinung getretene „Vici S.“ nun zu ihrem Lied „Das Baumhaus“ ansetzte. Dass sie sich dabei ausgerechnet des kernigen, an diesem Abend so schmerzlich vermissten Idioms des Tiroler Unterlandes bediente, machte die Angelegenheit in Wahrheit nur noch schlimmer: Denn wofür nützte diese abgefeimte Schurkin die hehre Mundart ihrer Heimat – wenn nicht für eine Kampfschrift der aufrührerischsten Sorte, für einen unzweideutigen Aufruf zu kindlichem Ungehorsam, freigeistiger Denkungsart und gesamtgesellschaftlicher Gesetzlosigkeit?

Nun muss die Sprache jedoch noch auf die schamloseste Schweinerei von allen kommen, auf jenen Gipfel der Sittlosigkeit, den sich der scheußliche Schreibclub mit voller Absicht bis zum bitteren Ende aufgespart hatte:
Die Rede ist von „Siggi Cruise“, einer zutiefst frivolen, durch und durch anrüchigen und über alle Maßen verwerflichen Fortsetzungsgeschichte, in der sich die geballte Nichtsnutzigkeit, Verderbtheit und kriminelle literarische Energie dieser verwilderten Burschen und durchtriebenen Mädel zu einem wahren Mahlstrom der Widerwärtigkeit vereinigt. Der Schreibclub – so jung und schon so verdorben!
Nicht genug damit, dass dieses erbärmliche Epos voreheliche Ausschweifungen verherrlicht, das ehrbare Gewerbe der Tiroler Maronibrater aufs Schändlichste verspottet und die niedrigste Gossensprache zum Höchsten der Gefühle erhebt. Nein! Sogar unser liebliches Alpbachtal entweihen diese erbärmlichen Schufte, indem sie es zur Stätte der uferlosesten, unsäglichsten Unzucht herabwürdigen, in einer derart unverfrorenen Art und Weise, dass es nicht nur dem Rezensenten, sondern jedem aufrechten Tiroler die Zornesröte ins Gesicht treiben sollte!

Doch was das Schlimmste daran war: Der überwiegende Teil des zahlreich erschienenen Publikums wandte sich von diesem Schauspiel nicht etwa mit Schaudern ab, um sich in ebenso stiller Entrüstung zu übergeben wie es der Verfasser dieser Zeilen in seinem dunklen Winkel tat. Ganz im Gegenteil: Der Pöbel, in punkto Verderbtheit durchaus auf Augenhöhe mit den Vortragenden, schien noch an den dreistesten Spitzbübereien des Schreibclubs Gefallen zu finden und gerade an den verruchtesten Ausführungen eine diebische Freude zu haben.

Das Tüpfelchen auf dem i wie „igitt!“, auf dem i wie „Irrsinn“, auf dem i wie „Ich kann nicht glauben, dass alle bis zum Schluss geblieben sind“ war ein schlichter Obstkorb: Prall gefüllt mit faulen Äpfeln und Bananen und noch viel verfaulteren Geschichten zum Mitnehmen – oder vielmehr zum Wegwerfen – führt er uns noch einmal in klarster Weise vor Augen, welchen Stellenwert der Kufsteiner Schreibclub, dieser Ausbund an schimpflichstem Schmierfinkentum, dieses lose Netzwerk mit losem Mundwerk, der deutschen Sprache im Allgemeinen und der holden Dichtkunst im Besonderen zumisst. Nämlich keinen sehr großen.

Da für die nähere Zukunft leider nicht ausgeschlossen werden kann, dass der Schreibclub, dieser Gottseibeiuns der heimischen Literaturlandschaft, in der einen oder anderen Form ein weiteres Mal aktenkundig wird, sei abschließend eine deutliche, dringliche Warnung ausgesprochen:

Deutsche Mutter, deutscher Vater – schütze deine Kinder vor diesen Strolchen!