Der Dorfschreck

tina

Oben, auf dem Zypressenhügel stand ein kleines Haus, umgeben von Pinien. Wieso dieser Hügel, der eigentlich mehr eine unscheinbare Erhebung war, Zypressenhügel hieß, lag daran, dass vor langer Zeit ein Bürgermeister einst aus der Italien-Sommerfrische eine junge Maid mitgenommen hatte, der zu Ehren er auf der größten Erhöhung im Dorf Zypressen pflanzen ließ, sodass sie ihre Heimat nicht allzu arg vermissen müsse.

Von Botanik verstand der gute Mann allerdings wenig und aus diesem Grund wuchsen dort nun seit Generationen kräftige, stachelige Pinien. Ob das ausschlaggebend dafür war, dass die südländische Angetraute des Dorfoberhauptes ein paar Jahre später mit dem Friedhofgärtner durchbrannte, konnte von den Bewohnern des Nestes nur erahnt werden.

Gemeinhin wurde der Hügel von den Menschen im Dorf ohnehin „Teufelsrücken“ genannt, weshalb obige Geschichte gar keine Rolle spielt für diese hier. Und im Gegensatz zum Pinien-Zypressen-Missverständnis gab es auch keine Unklarheiten, da sie eindeutig auf den Besitzer der windschiefen Bruchbude zurückzuführen war, einen schrecklich düsteren Geselle, einen Scherge der Finsternis, ein … ein wirklich unheimlicher Bursche eben.

Schon seit Jahren hauste er in dieser Baracke und noch nie hatte er sich im Dorf blicken lassen, nie tat er irgendetwas für das Wohl der Gemeinde, eines anderen, vermutlich auch nicht für sich selbst. Augenzeugenberichten zufolge ernährte er sich doch ausschließlich von dem, was um seine Hütte herum lag. Ein ekelhafter Gestank nach verdorbenem Gemüse und Wurzeln umgab seine Unterkunft, ein Dunst wie aus fäkalischen Überresten kam Sommers wie Winters aus seinem brüchigen Kamin und ließ die Bewohner des Dörfchens Luft schnappend und zeternd die Fenster schließen und die alten Jungfern auf ihrem Heimweg von der Sonntagsmesse entrüstet ihre altrosa Schals vor die keifenden Mäuler halten, während die kleinen Mädchen sich pikiert ihre Näschen zuhielten.

Im Sommer konnte man abends seinen Schatten sehen, wie er sich in ungelenken Bewegungen aus dem Haus stahl und hastig etwas vom Boden aufhob, um gleich wieder in seiner Bretterbude zu verschwinden. Im Winter kam er – wohl wegen der Zeitumstellung – etwas früher aus seinem Loch gekrochen, wie ein Schneemensch wandelte er umher, im Boden scharrend und knurrende Laute ausspuckend wie ein Tier.

Was er da oben wohl trieb, war einer der Hauptgesprächsthemen der Gemeinde. „Wohl kaum Gutes!“ krähte die Dorfälteste beim sonntäglichen Kaffeekränzchen der Kriegswitwen und betupfte sich eitel den fettig glänzenden Mund nach dem letzten Bissen Sahne-Torte. Eifrig nickend stimmte ihr jede der anwesenden Damen zu.

„Der brütet dort oben sicher über irgendeinem finsteren Plan!“, sagte die Frau des Metzgers beschwörend, während sie sich die Kuchenbrösel vom Wanst strich. „Oh Gott“, piepste die Kirchenorganistin furchtsam und ließ die Kaffeelöffel klirrend in die Tasse fallen, „er wird uns doch um Himmels willen nicht ausrauben wollen?“

„Wer weiß, meine Liebe, was dieser finstere Kerl für Machenschaften pflegt! Es ist an der Zeit, dass wir etwas gegen diesen schrecklichen Unhold unternehmen, der uns hier in Angst und Schrecken versetzt!“

Der Aussage der Dorfältesten laut applaudierend nahmen sich die alten Schrullen noch eine frische Stulle und legten fest, dem Finsterling endlich den Garaus zu machen und ihn aus dem Dorf zu vertreiben.

Gemeinsam marschierten sie mit vollgeschlagenenen Bäuchen vor den Bürgermeister, einen sanftmütigen, harmlosen Mann, der sich sonntags am liebsten seiner Kakteenaufzucht widmete. Gegen die wild durcheinander schreienden Furien hatte der Jungspund mit seinen 72 Lenzen keine Chance, und so gab er die Zwangsräumung der Hütte auf dem Teufelsrücken bekannt, nur um sich dann wieder in aller Ruhe seinem sonntäglichen Hobby widmen zu können.

Am nächsten Tag folgten die alten Schachteln den Männern des Räumungskommandos in sicherem Abstand, neugierig wie Spatzen und wild schnatternd wie ordinäre Stockenten watschelten sie ihnen auf Stöcken und Gehhilfen hinterher.

Endlich angekommen, hämmerte der Oberkommandant an die verbogene Holztür. Nach einer Weile näherten sich schlurfende Schritte und die Tür ging langsam quietschend auf. Die alten Weiber hielten vor Spannung den Atem an, der Oberkommandant stellte sich pfeilgerade hin und holte tief Luft.

Irritiert in die Sonne blinzelnd und über seine Hornbrille hinausschauend sagte das Männchen, dessen Gesicht, so schien es, zu mindestens 2/3 von wildem Bartwuchs bedeckt war, „Guten Morgen, was kann ich für Sie tun?“

Der Oberkommandant pumpte seinen mächtigen Oberkörper weiter auf – er war vor Reden immer schrecklich nervös – und es schwallte aus ihm hervor: „DiesistdasRäumungskommandodesHerrnBürgermeistersundder DorfgemeinschaftwirbittenSieumgehendihrHauszuverlassendawir     unssonstgezwungensehensiegewaltsamhinauszubefördern… (Er schnappte nach Luft) …HieristderBescheidvomDorfoberhaupt!“ und reichte dem verwirrt dreinblickenden Mann ein Dokument.

Der Bewohner der Hütte nahm das Blatt und überflog es. Dann blickte er über seine Brille wieder in das Gesicht des Oberkommandanten und musterte ihn interessiert: „Und worauf begründen sie diesen Rauswurf?“

Der Oberkommandant wurde rot und räusperte sich nervös. „Äh, Anordnung des Bürgermeisters, der eine Beschwerde seitens der Dorfältesten vorausging.“ und zeigte auf die sich in sicherer Entfernung verschanzte Weiber-Ansammlung.

„Beschwerde“, rief der bärtige Mann entrüstet, „was für eine Beschwerde bitteschön?“

Die Dorfälteste kreischte: „Wer weiß, was sie da drin so treiben!! Die Frau des Metzgers setzte lautstark ein: „Außerdem sieht man sie nur am Abend vor dem Haus herumlungern, im Dorf sind sie auch nie, das ist doch nicht normal, was wollen sie also hier??!“

Der Mann lächelte grimmig. „Ich arbeite gerade hier in meinem Labor an einem Heilmittel gegen angeborene Bronchitis, auf Basis des hier heimischen Bockshornklees, sehen sie doch, der wächst hier ums ganze Haus herum. Am Abend schließt er seine Blätter und entfaltet dadurch besondere Kräfte. Ich bin Doktor der Medizin und Biologie und versuche mich auf meine alten Tage an ganzheitlichen Heilverfahren. Wenn sie mich jetzt bitte entschuldigen würden, ich habe schließlich zu tun.“

Die Dorfbewohner starrten den langhaarigen Kerl an, der verärgert im Türrahmen stand und darauf wartete, dass sich die Truppe in Bewegung setzte.

Der Oberkommandant ergriff als Erster das Wort, da er aber für diese Gelegenheit keine Floskeln auswendig gelernt hatte, stotterte er nur etwas herum und ließ seine Entschuldigung unbeendet. Die alten Damen standen immer noch argwöhnisch im Hintergrund, sahen sich aber außerstande, noch etwas zu tun.

„Gut“, sagte die Dorfälteste verschnupft, „dann sollten wir uns jetzt aber unbedingt mal darum sorgen, dass der Kinderspielplatz geschlossen wird. Der Lärm und dieses ständige Geschrei macht mich wahnsinnig.“

Die übrigen Schrullen nickten zustimmend und trollten sich, so schnell es wegen der Gefahr des Oberschenkelhalsbruches ging, vorsichtig den Hügel hinunter.