Der Besuch

klippo

Herr B. war gerade im Begriff seinen, von einem langen Arbeitstag muffig gewordenen Körper zu reinigen, als er das metallische Schellen seiner Türglocke vernahm. Nichts ahnend, welche Kette folgenschwerer Ereignisse dadurch ihren Anfang nehmen sollte, hielt er in seiner Tätigkeit inne.


Herr B. war ein kontemplativer Mensch, der meistens eine gewisse Zeit brauchte, um sich in einer Situation zu recht zu finden und seine Gedankenflut zu ordnen. Klarerweise fragte er sich zunächst, welchen Besuch er zu dieser fortgeschrittenen Stunde empfangen sollte, der ihm – und dies war der springende Punkt – nicht vorher angekündigt worden war. Er war fast ein wenig verärgert, da ihm keine plausible Erklärung für diese unerwartete Störung einfallen wollte. Ein Blick auf die Uhr sagte ihm außerdem, dass es bereits 21:26 war, also eine Uhrzeit, zu der er unangekündigte Besuche nicht mehr ohne weiteres gutheißen konnte, schon gar nicht wenn diese in den Feierabend eines langen und langweiligen Arbeitstages eindrangen und die Reinigung seines Körpers behinderten.


Herr B. verharrte also einen Augenblick, um durch Abwägen seiner verschiedenen Handlungsmöglichkeiten die richtige Entscheidung treffen zu können. Er hatte eigentlich keine große Lust zur Türe zu gehen, die Sprechanlage zu bedienen, die Eingangstür zu entriegeln, um dann zwischen Tür und Angel auszuharren und den Geräuschen der Schritte über die Treppe zu lauschen, bis sich - so wie er es sich ausmalte - jene nächtliche Gestalt schnaufend und prustend in den vierten Stock (denn in ebendiesen befand sich Herrn B.’s Appartment) geschleppt hatte und dann womöglich Einlass, Geld, Leben oder anderes von ihm verlangte. Zudem tobte draußen ein sintflutartiger Regen und die Straßen waren von Wind und Wetter durchweicht, sodass der Besucher sicherlich Morast und Nässe in das Haus von Herrn B. bringen, wenn nicht gar seinem Körper Schnupfen und Grippe einimpfen würde. Beiderlei stellte zweifellos eine wenig verlockende Aussicht dar.


Herr B. stand also bewegungslos und sinnend da und kräuselte dabei seine Finger leicht am Bund seiner Hose, was ein wenig den filigranen Unterwasserbewegungen einer Seeanemone in einem tropischen Gewässer glich. Dadurch erhoffte er sich eine Verstärkung seines Gedankenflusses, während er gebannt dem Strömen des heißen Wassers lauschte, das neben ihm das weiße Rund der Badewanne füllte. Von den bestehenden Möglichkeiten des zu erwartenden Personenkreises, der, offen gesagt, ziemlich dünn gesät war, so kam er schließlich zum Schluss, konnte es eigentlich nur Frau C., seine Geliebte sein, mit der er sich ab und zu traf, um sexuelle Handlungen zu vollziehen. Da sie sich sonst nicht viel zu sagen hatten, war dies jedoch eher selten der Fall. Selbst diese Möglichkeit erschien ihm jedoch höchst abwegig, und so beschloss er schließlich das Klingen einfach zu ignorieren. Mit einem jähen Ruck erwachte er aus seiner Erstarrung und schlüpfte, nachdem er sich seiner Kleider entledigt hatte, in die dampfende Wanne, die wunderbar heiß war und schön nach Fichten- und Sandelholz duftete.


Als sich langsam der stinkende Film von seinem Körper löste und süße Entspannung in seine Glieder kroch, freute sich Herr B. über die besonnene Entscheidung, die er schlussendlich getroffen hatte. Wer immer es gewesen war, er oder sie sollte zu einem günstigeren Zeitpunkt wiederkommen. Oder noch besser, die Person sollte es einfach aufgeben und gar nicht wiederkommen. Wahrscheinlich hatte jemand ohnedies woanders klingen wollen und nur versehentlich seinen Klingelknopf betätigt. Herr B. lebte nämlich in einem recht großen Haus mit einer Fülle von Mietern und es erschien ihm viel wahrscheinlicher, dass ein Besuch zu dieser Stunde für einen dieser Nachbarn bestimmt war.


Mittlerweile schien ihm das kurze Schrillen der Glocke gar schon so fern und vom Nebel der Vergangenheit verzehrt, dass er fast an seiner Existenz zu zweifeln begann. Ja, vielleicht war es nur eine Gaukelei seines eigenen müden Hirns gewesen, das durch das geräuschvolle Prasseln des Regens und das Getöse von der Straße solch ein Gespinst geknüpft hatte, so dachte er sich.


Doch in einem fernen, hinteren Winkel seines Gehirns wusste Herr B., dass, gleich welche Möglichkeiten er auch ersann und wie kunstvoll er sie sich zurechtlegte, der Besuch niemand anderem als ihm selbst galt, egal, ob sein, nach einem langen und langweiligen Arbeitstag stinkend gewordener Leib, es so wollte oder nicht. Es überraschte ihn also nicht sonderlich als es erneut LAUT und DEUTLICH an der Tür schellte.

Diesmal klingelte es aber nicht nur einmal, sondern gleich zwei-, drei-, vier-, fünfmal, sodass der metallische Laut penetrant durch die ganze Wohnung hallte, um Herrn B. ja von seiner Dringlichkeit zu überzeugen. Es war mittlerweile 21:46.


Herr B. wusste, dass er nun nicht mehr so leicht davonkommen würde. Es gab kein Entrinnen mehr. Genervt wälzte er sich aus der Wanne, trocknete sich hastig ab und warf einen weißen Bademantel über. Dabei schlenkerte sein schlaffer Penis wie ein Seepferdchen zwischen seinen Beinen hin und her, das sich fröhlich in einer Meeresströmung tummelt.


Da das Klingeln immer noch nicht aufgehört hatte, beeilte er sich zur Tür zu gelangen. Mittlerweile war er sich auch sicher, dass es nicht Frau C., seine gelegentliche Geliebte sein konnte, denn die hätte sich - wenn überhaupt - auf andere Weise angekündigt. Der nächtliche Besucher hatte es bereits auf irgendeine Weise geschafft in das Haus einzudringen, denn als Herr B. den Türöffner betätigte und dann anschließend die Wohnungstür einen Spalt weit öffnete, gewahrte er die schwarzen Umrisse einer Gestalt, die vor seiner Wohnung stand.


Es war eine Frau. Sie strahlte etwas aus, das Herrn B. augenblicklich faszinierte, was es genau war, konnte er sich jedoch selbst nicht erklären. Dies war in der Tat erstaunlich, denn Herr B., war nicht nur ein geistig recht unbeweglicher Mensch, auch was seine zwischenmenschlichen Beziehungen betraf, war er äußerst phlegmatisch und leidenschaftslos. Eigentlich machte er sich nicht viel aus Menschen. Bei dieser Frau war es jedoch anders: Sie war anmutig wie ein Pfau und kräftig wie ein Pferd. Lüstern glotzte Herr B. auf ihren schönen Körper.


Das Auffälligste an ihr war sicherlich ihr beträchtliches Haarvolumen, das sie, kunstvoll geflochten, hinter einem reich bestickten Seidenstoff verbarg. Dazu paffte sie lasziv an einer Zigarette und stieß von Zeit zu Zeit Schwälle massiver Rauchschwaden aus, sodass die Konturen ihrer (ohnehin recht überirdischen) Erscheinung zusätzlich in einem Bermudadreieck aus bleiernem Zigarettennebel verwischt wurden. Die tiefen, schwarzen Sonnenbrillen, die sie trotz der fortgeschrittenen Stunde trug, funkelten Herrn B. wie Insektenaugen an.


Endlich - nachdem sie sich lange genug an ihrer Zigarette delektiert hatte - begann sie zu sprechen (und ihre Stimme klang so unglaublich süß in Herrn B’s Ohren, wie Schokoflocken, die man über zart schmelzendes Pfirsich-Sorbet träufelt…): „Lieber Herr B.“, schnurrte sie, „Gestatten Sie, dass ich mich vorstelle, mein Name ist Frau M. Entschuldigen Sie bitte, dass ich Sie zu so später Stunde aufsuche, aber ich arbeite grundsätzlich nur nach Sonnenuntergang.“ Wie geheimnisvoll, dachte sich Herr B. Wer mochte sie wohl sein? Er freute sich wie ein Kätzchen über diesen unerwarteten und spannenden Besuch.


„Wissen Sie…“, Herr B. sah förmlich, wie es hinter ihrer Stirn arbeitete und sie nach einem Vorwand für ihren Besuch sann, „…lassen Sie mich eintreten, denn…“, ihr schien nichts einzufallen, „…ich bin Vertreterin… und zwar für äh…“, Sie blickte aus dem Fenster und fixierte die dicken Wasserfäden, die schier endlos vom Himmel fielen. Offensichtlich hatte sie sich nicht überlegt, was sie Herrn B. nun sagen sollte. Dies war ihr sichtlich unangenehm und ein peinliches Schweigen breitete sich aus. Herrn B. tat sie deshalb fast ein wenig leid.


Endlich ging ihr ein Knopf auf. „One Way Tickets! Ich bin Vertreterin für One Way-Tickets. Haben Sie davon gehört? Sie schauen doch sicher Fernsehen und lesen Zeitung? Verreisen sie gerne? (Herr B. verneinte jedes Mal, aber sie ging nicht darauf ein). Hören Sie mir zu…“ Der Groschen war gefallen und sie plapperte drauflos. Es war natürlich totaler Blödsinn. Herr B. wusste dies und sie wusste, dass Herr B. es wusste. Aber sie war erleichtert, dass ihr überhaupt noch etwas eingefallen war und jetzt musste sie Masche weiterspinnen. Doch jeder Anflug von Sorge, damit aufzulaufen, war unbegründet, denn Herr B. hätte ihren Besuch nie in Frage gestellt. Er hörte ihr aufmerksam zu und nickte hie und da, wenn es ihm notwendig erschien.


E war ohnedies nur Formsache. Er hätte sie auf jeden Fall in seine Wohnung gelassen. Irgendwann glaubte Frau M. ihren Vortrag lange genug ausgedehnt zu haben. „Ich darf doch reinkommen…?“, fragte sie und schon hatte sie sich an Herrn B. vorbei in seine Wohnung geschlängelt. Unter normalen Umständen wäre Herr B. sehr empört über solch eine Dreistigkeit gewesen wäre, aber in diesem Fall war ihm dieses freche Eindringen sehr recht: Herr B. hatte sich verliebt.


Innerlich wusste Herr B., dass nun sein Schicksal besiegelt war. Es war ihm eigentlich schon gleich nach dem Öffnen der Tür klar gewesen. Etwas Fürchterliches würde passieren. Wahrscheinlich würde er sterben. Trotzdem konnte er sich nicht sonderlich darüber aufregen. Ganz im Gegenteil, er war in gelöster Stimmung und beschloss das Spiel mitzuspielen.


„Darf ich Ihnen etwas anbieten, liebe Frau M.?“ fragte er, um seinen Pflichten als Gastgeber nachzukommen und freute sich insgeheim, wie gelassen und glatt die Worte über seine Lippen wanderten, „Tee, Kaffee oder ein Schlückchen Rotwein vielleicht? Können Sie mir noch etwas über die One Way Tickets erzählen? Wohin soll denn die Reise gehen?“. Er konnte sich ein leichtes Augenzwinkern nicht verkneifen. Sein Blick strahlte etwas Dümmlich-Verliebtes aus.


„Nein danke“, meinte Frau M., während sie ihren Mantel an die Garderobe hängte und seine Fragen galant ignorierte. Auch sie zwinkerte ihm zu, erleichtert, dass die Farce nun zu Ende war, und ergänzte milde: „Aber für Sie wäre es sicherlich zuträglich, wenn Sie noch etwas im Magen hätten. Ich werde Sie nun nämlich töten!“


Herr B. antwortete nicht darauf. Er beschloss gar nichts mehr zu sagen und sich vielmehr auf die Vorgänge zu konzentrieren, die die Zeitspanne seines, mittlerweile zu einem kleinen Restchen zusammengeschrumpften irdischen Dasein, ausmachen sollten. Frau M. legte gerade ihre Sonnenbrille und ihre Kopfbedeckung ab, wodurch ihr schuppiges Schlangenhaupt entblößt wurde. Frau M. oder Medusa - denn niemand anderes verbarg sich hinter der nächtlichen Erscheinung - jenes mythische Wesen, das ihre Opfer durch die Macht ihres Blickes versteinerte. Und um genau dies zu tun war sie hier aufgetaucht. Mit einem Lächeln wandte sie sich Herrn B. zu.


Auch Herr B. lächelte. Er wusste was nun passieren würde und er war sehr neugierig darauf, wie es wohl sein würde, versteinert zu werden. Und er lächelte weiter und würde es bis in alle Ewigkeit tun, als sich seine Glieder verhärteten und er sich in einen steinernen Monolithen verwandelte.