Wer kann das so genau wissen?
klippoBoris war gerade beim Frühstücken, als er eine seltsame Stimme hörte, die ihn beim Namen rief. „Boris“, rief die Stimme. „Boris! Boris!“.
Boris, der an einem Marmeladebrot kaute, hielt inne. Er unterbrach den Kauvorgang und lauschte angestrengt. Es war 6 Uhr morgens und niemand außer ihm selbst befand sich in dem Raum. Misstrauisch ließ er seinen Blick über die Einrichtung schweifen. Der schmutzige Abwasch, der brummende Kühlschrank – alles schien in bester Ordnung. Seine Frau lag noch im Bett und schlief tief und fest. Leise hörte er die Vibrationen ihres näselnden Schnarchens aus dem Nebenraum.
Endlich schluckte er den halb zerkauten Bissen hinunter. Er hatte nahezu zwei Minuten mit geschärften Sinnen verharrt und es war nichts mehr zu hören gewesen. Vermutlich – so dachte er sich – war es das Beste sich wieder auf seine morgendlichen Tätigkeiten zu konzentrieren. Er schaltete das Radio ein. Sofort ertönte die angenehm vertraute Stimme des Moderators und füllte den Raum mit belanglosem Geplapper.
Boris fühlte sich erleichtert. Diese Geräusche waren real, so viel war sicher. Beruhigt fraß er einen Löffel Cerealien und zuckerte seinen Kaffee. Er ließ sich zurück in seinen Sessel sinken und begann sich eine neue Stulle zu schmieren.
Aber siehe da! Erneut ertönte ein feines Stimmchen und rief ihn beim Namen: „Boris! Boris!“ Und dann noch einmal – laut und deutlich, einer gewissen Dringlichkeit nicht entbehrend: „BORIS!“. Die Stimme hallte befremdlich über die morgendliche Frühstückstafel. Jetzt wurde Boris stutzig. Er drehte das Radio auf ein kaum hörbares Schnurren zurück und blickte sich eindringlich um.
Jetzt lastete die Stille ungleich schwerer und bedrückender auf dem unbelebten Raum. Alles wirkte normal – die Gegenstände waren dort, wo sie sein sollten und durch das Fenster fiel das Licht der Morgensonne und erfüllte den Raum mit goldenem Glanz. Man hörte das Zwitschern der Vögel, die auf den Ästen der Bäume Platz genommen hatten und mit ihrem Singen den neuen Tags begrüßten. Hier in der Küche jedenfalls befand sich außer Boris niemand.
Dieser Umstand beunruhigte ihn zusehends. Er hatte noch nie Stimmen gehört, die auf keinen menschlichen Ursprung zurückzuführen waren und fühlte sich dadurch umso mehr verunsichert. Es gruselte ihn. Einen kurzen Moment überlegte er, ob er seine Frau wecken sollte, um mit ihr gemeinsam jenem (für ihn zweifellos) parapsychologischen Phänomen auf den Grund zu gehen, doch er verwarf diesen Gedanken schnell wieder. Dem Schnarchen seiner Frau nach zu urteilen, wäre diese nicht sehr erfreut über eine Weckung gewesen. Und - auch wenn er sich mit aller Kraft dagegen sträubte sich diese Möglichkeit einzuräumen - fürchtete er sich ein wenig davor diese Situation im Beisein seiner Frau zu bewältigen. Was wäre denn, wenn (nachdem sich seine Frau aus dem süßesten Schlummer gezerrt, schlaftrunken und übellaunig in der Küche eingefunden hätte) die Stimme nicht mehr ertönen würde. Vielleicht – Boris graute vor dem Gedanken, doch wer konnte das schon so genau wissen – existierte die Stimme ja nur in seinem Kopf.
Trotzdem begann er zu suchen. Zunächst schaute er aus dem Fenster, aber die Straße war leer. Dann begann er die Küche auf den Kopf zu stellen. Wahllos öffnete er Schubladen, klapperte mit Töpfen, steckte seinen Kopf in Kühlschrank und Backrohr und kramte in der Brotdose. Kaffeemaschine, Mikrowelle, elektrischer Dosenöffner – vielleicht verbarg sich die Stimme ja dort.
Und wieder ertönte das Stimmchen und neckte ihn: „BORIS! BORIS! Hier bin ich! Nein, HIER!“ Aus seinem Augenwinkel glaubte Boris ein kleines, flatterndes Etwas zu erkennen, das irrlichternd durch den Raum geisterte.
Jetzt wurde Boris wütend. Er wollte sich nicht mehr länger zum Narren halten lassen. Er packte den erstbesten Gegenstand, den er in die Finger bekam - es war ein Nudelholz - und hieb wild um sich, um die Stimme für immer zum Schweigen zu bringen. Glas zerbarst, Holz splitterte und zermatschte Lebensmittel spritzten an die Decke. Er wusste, dass dieses Verhalten jedes gesunden Menschenverstandes entbehrte, doch es war ihm egal. Was blieb ihm denn auch anderes übrig als mit Unvernunft zu reagieren? Der Situation war jedenfalls nicht mit Vernunft beizukommen.
In seiner Raserei verwandelte Boris die Küche in ein Trümmerfeld. Er zerschlug Teller und Tassen, zerhackte das kostbare Porzellan, riss Schränke und Regale um und schmetterte die Töpfe an die Wände. Dabei fiel ihm gar nicht darauf, ob das Stimmchen bereits verstummt war. Doch dies war auch nicht notwendig, da der Gefechtslärm ohnehin jeden anderen Laut erstickte. Dann rutschte Boris auf einem Klecks Butter aus, der sich am Boden festgeklebt hatte und schlug sich den Kopf hart am Rauchabzug an. Er stolperte und blieb auf dem Rücken liegen.
Seine Wut verrauchte jäh. Stattdessen fühlte er sich hilflos und gedemütigt. Er befand sich im Zentrum der Zerstörung – gebrochen, müde und unfähig sich zu bewegen - wie ein dicker Käfer, der auf dem Rücken lag und sich nicht mehr aus eigener Kraft umdrehen konnte. So wie damals bei der Hochzeit seiner Eltern, als er sich in die Hosen gemacht hatte und die ganze lange Zeit in seinem eigenen Kot hatte ausharren müssen.
Und wieder hörte er ein leises Kichern.
Zugegeben, er hatte am Vortag Alkohol getrunken. Es war ein Liter Rotwein gewesen. Vielleicht auch zwei, wer konnte das schon so genau wissen. Und es waren auch ein paar Schnäpse im Spiel gewesen. Aber nur zwei oder drei. Zur Verdauung. Und um den Appetit anzuregen. Höchstens waren es vier oder fünf gewesen. Auf alle Fälle nicht mehr, was in einem gesunden medizinischen Maße nicht zu vertreten wäre. Und es war ein hochwertiges Destillat gewesen, keine gepanschte Schmuggelware.
Wahrscheinlich hatte er auch Opium konsumiert, doch sicherlich nur in homöopathischen Dosen. Und er war sich ziemlich sicher, dass er ein Stückchen Valium geschluckt hatte, aber nur um besser einschlafen zu können und um von dem Crystal Meth und PCP herunterzukommen, das er ein paar Stunden zuvor geschnupft hatte. Aber Moment – war er überhaupt schlafen gegangen? Boris konnte sich nicht mehr genau erinnern.
Von nebenan schwappte immer noch das näselnde Schnarchen seiner schlafenden Frau in den Raum. Vielleicht war es aber auch gar nicht seine Frau, von der dieses Geräusch stammte. Vielleicht war es nur das Rauschen des morgendlichen Windes, der sanft in den Blättern der Bäume wühlte. Wer konnte das so genau wissen?