Die Frühlingsmeteormorphose

klippo

 

Vom roten Glühen der Blumen durchwirkt, breitete sich der Park dem lustwandelnden Volk wie ein farbenfroher Teppich aus. Es war heiß. Wie eine Spinne kroch die Hitze hinter den Bergen hervor und hüllte das Land in ein Netz aus unsichtbaren Fäden. Den Flieder freute es und er tränkte die Luft mit seinem violetten Duft.  

 

Die Menschen tummelten sich in Scharen auf dem Gelände des großen Parks. Allen voran der pralle Maigott, der breitbeinig auf seiner Bank saß und mit seinem Volk Hofstaat hielt. Keck forderte er die vorübergehenden Passanten auf, ihm Zigaretten zu schenken und trank dazu warmes Bier aus Dosen. Kinderkreischen, das vom Spielplatz herüberwehte, mischte sich in sein raues Lachen.

 

Während Vater und Mutter sich in nichts sagende Gespräche vertieften, streifte ihre kleine Tochter durch das Drachenblutwäldchen, wo sie sich bestens mit den dort lebenden Gespenstern unterhielt. Ein weißer Fremdling tauchte auf, grüßte das Mädchen und die Gespenster freundlich und setzte sich in die Laube. Er merkte nicht, dass er dabei aufmerksam von den beiden Weiblein beobachtet wurde, die am Weiher mit der Fütterung von Enten beschäftigt waren. Während sich die Wasservögel gierig um die Krumen balgten und der Weiherspiegel zu einem glitzernden Tumult zerbarst, tuschelten sie verstohlen miteinander. Dann gab es noch einen alten Lüstling, der sich mitten auf der Wiese mit zwei Studentinnen vergnügte, die er zum Zwecke der Vielweiberei aufgegabelt hatte. Da er dumm, hässlich und ordinär war, kam er gut bei Frauen an.

 

Der weiße Fremdling saß noch immer in der Laube, während der Maigott zornig nach mehr Bier verlangte und seine Untertanen mit leeren Dosen bewarf. Die beiden Studentinnen lauschten mit großen Augen dem geistlosen Monolog des geilen, alten Ziegenbocks. Dem aufmerksamen Beobachter entging nicht, dass ganz hinten, wo schon verwildertes Gestrüpp begann, ein weißlich verquollener Zwerg aufgetaucht war und um das mit Efeu berankte Steinkreuz strich. Fast nicht erkennbar, da im grünlichen Buschflimmern verborgen, blickte er immer wieder auf seine goldene Taschenuhr.

 

Indes knabberten zwei niedliche Streifenhörnchen ohne Unterlass an den winzigen Nüsschen, die der nasskalte Herbst ihnen dereinst beschert hatte. Krachend barsten die harten Schalen, während die Nagetiere das weiche Innere behände in ihre aufgeblähten Backen stopften. Die kleinen Würmlein, die dabei ihre Hinterpfoten umschmiegten, während sie durchs lockere Erdreich glitten, schienen die beiden pelzigen Kameraden nicht im Geringsten zu stören.

 

Doch zurück zu dem verquollenen Zwerg: dieser hatte nun begonnen, im Rhythmus des Quellwassers „Ich komm’ zu spät“ zu murmeln, und auf ein dumpfes Erdloch zuzuhasten. Hastig, hastig, so eilte er. Das kleine Mädchen aus dem Drachenblutwäldchen wollte ihm folgen, doch der Maigott warnte sie: es gibt kein Zurück aus diesem Erdloch für Menschen – nur Zwerge können es unbeschadet überstehen. Aha, dachte sich das Mädchen und widmete sich lieber seinem großen Zeh. Doch zurück zum Lüstling.

 

Die Vollweibversion  von Studentin wagte aus den Augenwinkeln heraus einen verstohlenen Blick auf den Zustand der “Godnessness” des sexgeilen Alten.
Allein dort, wo sie den Sitz des allein selig machenden Himmelspförtleins vermutete, wölbte sich zu ihrem Erstaunen -NICHTS!
Geübt glitt ihre samtweiche Hand zum vermeintlichen Paradiesgärtlein, doch oh Schreck, weder göttliche Mamba nebst Anhängsel war auch nur im Entferntesten tastbar und spürbar …
Was, wenn der er keinerlei himmlische Vergnügungen bot?
Bei seiner Prächtigkeit!
Er rauchte.
Das war`s!
Sie biss ihm ins linke Ohrläppchen, flüsterte leise Anzüglichstes in sein Öhrchen und staunte nicht schlecht, als sich das Öhrchen langsam verhärtete und schließlich lautlos zerplatzte.
Ein wohliges Gefühl durchpulste sie und ebbte erst Tage später langsam ab.

 

„Ecila!“, riefen die farblosen Erzeuger des kleinen Mädchens, „so komm doch! Das Zen-Picknick beginnt in drei Minuten fünfundvierzig Sekunden!“ Doch diese war nach eingehender Betrachtung ihres drachenblutpollenbestäubten Zehs zu dem Schluss gelangt, sie könne in Anbetracht ihrer liliputhaften Fußfingerlänge wohl gerade noch als Angehörige des munteren Stollenvölkchens durchgehen. Somit schien einem Erkundungsgang im Zwergentunnel nichts mehr im Wege zu stehen. Nichts ernstlich Erschreckendes jedenfalls im Vergleich zu dem Fadesse-induzierten Übertritt ins Reich der irdischen Untoten, der ihr im Beisein ihrer betongrauen Erziehungsberechtigten unweigerlich drohte.

 

Der würzigwarme Hauch pulsierender Goldadern wehte aus dem sepiafarbenen Schlund empor. Weit unten meinte sie das lichtblaue Klirren von Saphiren zu vernehmen. Vorsichtig setzte sie ihre zarten Füßchen auf das Wendeltreppchen, das sich pfeilgerade nach unten ins Innere des Bergbauches wand. Dort verschwand das Spiralgehäuse alsbald in der samtenen Nacht der Gesteinsschichten. Windung um Windung huschte Ecila hinunter. Grünlich grinsende Grottenolme erhellten ihr den einsamen Abstieg. Am Ende gelangte sie zu einer Tresortür aus verrostetem Gusseisen, die wider Erwarten lautlos aufschwang, als das Zwergenmädchen sanft dagegen drückte. Mit einem Mal wurde ihr klar, dass sie wusste, was hinter dieser Tür lag.

 

„Da liegt also der Hase im Pfeffer“, murmelte Ecila, während sie sich klopfenden Herzens durch die rostige Tresortür zwängte. „Ich hätte es von Anfang an wissen müssen. Die Zwerge sind in Wahrheit verkleidete Chinesen! Und dies hier ist nichts anderes als der verborgene, mythenumrankte Eingang zu … Chinatown!“

Und tatsächlich: Als sie auf der anderen Seite wieder aus dem Tresortunnel kletterte, fand sich Ecila auf einer geschäftigen Hauptstraße mitten im Chinese Quarter von San Francisco wieder. Aus dem Fehlen motorisierten Verkehrs, der vorsintflutlichen Straßenbeleuchtung und der unzeitgemäßen Gewandung der vorbeihuschenden Passanten schloss sie, dass sie zugleich auch einen Zeitsprung ins späte 19. Jahrhundert getan hatte.  

 

Von kindlicher Neugier und körpereigenen Halluzinogenen befeuert, ließ das Mädchen die pulsierende Hauptverkehrsader hinter sich und tauchte in das betörende Labyrinth der Seitenstraßen ein. Mit traumwandlerischer Sicherheit bewegte sie sich durch das spinnennetzartige Gewirr aus verwinkelten Gässchen und sinistren, schmutzstarrenden Schleichwegen. Schäbige Pagoden, dampfende Wäschereien, düstere Opiumhöhlen und grimmige Chinamänner auf verbotenen Missionen säumten ihren Weg. Zum Glück konnte Ecila die fremdartigen Schriftzeichen, die auf Straßenschildern und Geschäften prangten, problemlos lesen, so dass sie sich niemals verirrte.

 

Nach einer Weile steuerte das Mädchen auf einen kleinen chinesischen Gemischtwarenladen zu, dessen Eingang hinter einem schimmernden Perlenvorhang nahezu perfekt verborgen war. Die tausend Düfte des Fernen Ostens wehten Ecila aus dem von Petroleumlampen in flackerndes Halbdunkel getauchten Raum entgegen. Hinter der Theke hockte ein uralter, vollständig verwitterter Chinese. Sein weißer, verfilzter Bart war so lang, dass er ihn wie einen Turban um seinen Kopf und wie einen Wickelrock um seinen knochigen Leib gewunden hatte. Nur seine nackten Greisenfüße lugten unter dem dichten Bartkleid hervor. Der Mann verströmte eine Aura äonenalter Autorität. Ecila trat vorsichtig auf ihn zu.   

 

 „Meine untertänigste Verehrung, weiser Li“, sage sie in bestem Kantonesisch, „ich möchte gerne einen Lampion kaufen.“. Doch der alte Chinamann sprach leider nur Unterinntaler Mundart und konnte die höflichen Worte des kleinen Mädchens nicht verstehen.

Also zog Ecila einen Beutel mit kostbaren chinesischen Silbermünzen hervor und ließ sie wirkungsvoll auf die Theke prasseln. Dies wiederum schien den alten Mann sehr zu erzürnen, denn er brach er in wüste Beschimpfungen aus, wobei aus seinem unkontrollierten Redeschwall immer wieder das – Ecila völlig unbekannte – Wort „Saupreißn“ hervorstach.

Widerwillig führte er Ecila, die er augenscheinlich für eine normale Touristin hielt, zu einer Wühlkiste mit pseudochinesischem Ramsch. Er griff scheinbar wahllos hinein und drückte dem Mädchen einen abgelebten Glückskeks in die Hand.

 

Erwartungsfroh biss Ecila in das steinharte Hohlgebäck. Doch statt eines Zettelchens mit Glücksverheißungen sprang ihre eine große schwarze Spinne entgegen! Ehe man sich’s versah, sprang sie dem Mädchen in die hohle Hand und verbiss sich in seinen Pulsadern. Ecila versuchte, das Untier abzuschütteln, doch es war zwecklos.

Sie spürte, wie ihr rechter Arm immer schwerer und gefühlloser wurde, zugleich starrer und kälter. Das Blut gefror ihr in den Adern – in jeder Hinsicht: Mit atemlosem Entsetzen musste Ecila zusehen, wie sich ihr Arm langsam verfärbte und verformte. Kein Zweifel: Ihr wuchsen eisgraue Kristalle aus der Hand!

 

„Wie geschieht mir?“, rief sie der Spinne voller Verzweiflung zu, „was hast du nur mit mir gemacht?“ Auch ihre Stimme klang plötzlich kristallin und zerbrechlich.  

„Du brauchst keine Angst zu haben“, erläuterte die Spinne, während sie weiterhin ihr heimtückisches Serum in Ecilas Blutkreislauf injizierte, „ich bin gerade dabei, dich zu deiner mineralischen Grundstruktur zurückzuführen. Freu dich, du bist nun frei formbar!“

 

„Was … was soll aus mir werden?“, presste Ecila hervor. Sie konnte kaum noch sprechen.

„Nun“, sagte sie Spinne nicht ohne Stolz, „ich besitze eine seltene Fähigkeit: Ich kann Menschen in ihr eigenes Anagramm verwandeln.“ Ihre vielen Augen glänzten vor Verzückung. „Neulich hat mich zum Beispiel der bekannte Fernsehunterhalter OTTO aufgesucht. Nach dem siebten ‚7 Zwerge’-Film war er in ein tiefe Depressionen verfallen und wollte sich das Leben nehmen. Also habe ich ihn in TOTO verwandelt, den niedlichen Hund aus dem Zauberer von Oz. Jetzt kann er seinem großen Idol Judy Garland endlich ganz nahe sein – für immer! Oder die arme ANNA: Sie war immer ein blasses Mauerblümchen, verlacht und verachtet. Ich aber habe sie in NANA verwandelt, die Mondgöttin der Sumerer und strahlende Gebieterin über den weiblichen Eros. Und so kann ich auch dich, liebe ECILA, in das verwandeln, was du dir schon immer gewünscht hast.“

Liebevoll betrachtete die Spinne den unförmigen Kristallbrocken, der mittlerweile vor ihr lag und fuhr mit sanfter Spinnenstimme fort: „Bisher warst du ein kleines Mädchen aus einem todlangweiligen Elternhaus. Doch ich weiß, was du wirklich möchtest: Du willst aufregende Abenteuer bestehen, fremde, seltsame Welten sehen, du willst in Gegenden vorstoßen, die niemand vor dir betreten hat. Nun gut, ich werde dir diesen Herzenswunsch erfüllen. Ich verwandle dich in … LEICA, die erste Hündin im Weltall.“

 

„Oh nein!“, wollte Ecila ausrufen, doch sie hatte keine Stimme mehr. Sie wollte die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, doch sie hatte keine Hände mehr. Aber nachdenken konnte sie noch: Während ihre Körpermasse langsam zu mutieren begann, durchzuckte sie eine schreckliche Überlegung. Buchstabierte man „Laika“, das erste Lebewesen im Weltall, nicht L-A-I-K-A? Und war das, was man L-E-I-C-A schrieb, nicht etwas ganz, ganz anderes?

Auch die Spinne erkannte nun ihren fatalen Fehler – doch es war schon zu spät. Ecila befand sich bereits im Endstadium ihrer schmerzhaften Transformation – und verlor das Bewusstsein.

 

Als sie wieder erwachte, schwebte Leica mitten im Orbit. Tausende und abertausende Kilometer unter ihr lag der blaue Planet. Ein wahrhaft atemberaubender Anblick.

„Das muss ich mir näher ansehen“, bellte Leica aufgeregt. Praktischerweise trug sie statt normalen Hundeaugen starke Teleobjektive, die sie bei Bedarf nahezu beliebig weit ausfahren konnte. Mit ihren Augenbrauen konnte sie mühelos die Belichtungszeit einstellen, über die flauschigen Hundeohren ließ sich der Weißabgleich regeln. Und unter Leicas dichten Rückenfell befand sich eine große Klappe zum Einlegen des Films.

Euphorisch ließ Leica ihre Objektivaugen über die Erde gleiten. Nachdem sie sich eine Weile umgesehen hatte, beschloss sie, einen genaueren Blick auf ihre Heimatstadt zu werfen. Also zoomte sie sich immer näher heran, bis sie sogar die kleinsten Details erkennen konnte.

 

Auf den ersten Blick schien alles unverändert: der Park, der Weiher, der Flieder, der pralle Maigott und seine Gespielinnen; und Ecilas Eltern, die in nichts sagende Gespräche vertieft waren. Doch auf einmal war alles anders. Leica wollte ihren hoch auflösenden Kameraaugen nicht trauen, als sie es sah …

 

Das Herz schlug ihr bis zum Hals und sie war vorübergehend wie erstarrt. Hitze bemächtigte sich ihres quadratisch befellten Körper und sie begann leicht fiebrig zu schwanken. Vollkommen auf den kleinen Fleck konzentriert, der sich ihr in weiter Ferne darbot, fuhr sie zittrig ihren Zoom so weit aus, dass er jede noch so kleine Veränderung des Szenarios einfing.

 

Langsam dämmerte ihr, dass sie weder hallizunierte noch einen Objektivfehler hatte. Es gab keine andere Möglichkeit als das es sich um…. nein, das konnte nicht sein! Und doch konnte sie jede Möglichkeit, dass es sich um etwas anderes handelte als das, was sie hier nicht wahrhaben wollte, ausschließen. Als sie ihre letzten Hoffnungen zu Grabe trug, wurde ihr schwummrig zumute und sie fühlte einen leichten Würgereiz, bis es schließlich aus ihr herausbrach: „OH MEIN GOTT! Das ist…“ SWUUUUUUUUUSCH!!!!!!!! Leica verlor nicht nur augenblicklich ihren Orientierungssinn, sondern wurde auch von einem blitzenden Strahl erfasst und in tausend Stücke gerissen

Ihr war völlig entgangen, dass sich hinter ihr ein Raumschiff von monströser Größe aufgeblasen hatte, so sehr war sie auf die – in einem größeren Kontext – nichtigen Vorgänge auf dem Erdplaneten konzentriert gewesen.

Schon allein das war ein Verstoß gegen die kosmischen Regeln von Alpha-Hippelius III., von denen allein schon die ersten drei besagten, dass man immer einen seiner Köpfe nach hinten richten müsse, um nahende Gefahren wenn schon nicht abwehren, so zumindest mit Würde und offenen Augen hinnehmen zu können. (Zu dumm, dass diese Auflagen für Erdenbewohner sowie Telehunde und ähnliche transformierte Geschöpfe von unzureichender Gültigkeit waren. Sie besaßen ja, wenn überhaupt, meist nur einen Kopf. Außerdem erstreckte sich der Bekanntheitsgrad dieser Regeln auf Erden ohnehin nur auf einen äußerst bescheidenen Kreis von ein paar Nerds. Woher sollte also Leica diese kennen? Nun gut, tot ist tot, aber man soll ihr zumindest nicht unangemessenerweise anlasten, sie hätte ihr Dahinscheiden selbst verschuldet. Soviel dazu.)

Das Raumschiff, entstanden aus einem winzigen Mondstaubkorn, welches Leicas Linse verdreckte, hatte innerhalb von Nanosekunden Leicas Transformationsfähigkeit verinnerlicht und eine rasante Metamorphose hingelegt, die sogar die sagenhafte Entwicklung des legendären Pneumus-Centauri ziemlich alt aussehen ließ.

Zuvor in einem säkularisierten Mikrodennebel verborgen, erstrahlte das Schiff nun wie ein neuer Himmelskörper in hellstem Lichte. Schlagartig öffnete sich eine Luke und eine androgyne Computerstimme erhob sich über das Geschehen. Sie schnarrte: „Laser – Action – Power…“

 

Mit diesen Worten fiel der Vorhang und das durchaus dimmbare Kinosaallicht blendete in seiner stärksten Einstellung auf die Audienz herab. Ob das innovative Element des gerade bestaunten Filmes durch die jetzt zusammengekniffenen Augen der Preview-Seher richtig aufgenommen und verstanden wurde, sollten die anschließenden Minuten klären. Die Horde Cineasten machte sich hierzu murmelnd daran, die Feedbackfragebögen auszufüllen und nebenbei die letzten Popcornbrösel aus ihren Fünflitereimern zu filtern.

Langsam drängte ich mich durch die Leute und versuchte nicht überheblich zu wirken. Ich, der ich es ja wusste, welcher Clou mir mit diesem Film gelungen ist, wollte nicht die Möglichkeit einer hundertprozentigen Liebeserklärung meines Publikums durch allzu arrogantes Auftreten riskieren.

So zelebrierte ich mich zunächst lediglich innerlich, indem ich mir mögliche zukünftige Traumkritiken in den einschlägigen Kinozeitschriften vorstellte. Ja, ich habe es geschafft. Ich habe einen Kultfilm erschaffen, den man als gebildeter Mensch auch noch in zwanzig Jahren unbedingt gesehen haben muss. Herrlich farbige Bildkompositionen entlang eines überzeugenden Erzählstrangs, flankiert von Grammy-verdächtigem Sound und aufgepeppt durch rasante Schnitte. Jawohl!

Bis alle Bögen eingesammelt waren, konnte ich es dann doch nicht mehr abwarten. Während meines Streifzuges durch die mich bald feiernde Masse, musste ich einfach einigen Fans über die Schultern schauen. Wieso sollte ich auch keine vorgestreckten schmeichelnden Lobgesänge oder nette Gratulationen zum gelungenen Werk erhaschen. Was war schon falsch daran?

Mit einem Lächeln überspielte ich erste von mir identifizierte Wörter, welche ich in die Kategorie „Keine Ahnung von Filmkunst“ packte. Weitere laienhafte, mir unverständlich negative Ausdrücke tat ich noch ab, indem ich mir dachte, was es die Eiche interessiert, wenn sie von der Wildsau angepinkelt wird. Aber als dann so ein ignoranter Kerl eine schlechte Rollenbesetzung erkannt zu haben glaubte, wurde ich doch etwas mürrisch, da niemand geringerer als ich es war, der die Hauptrolle spielte. Ich äußerte meinen Missmut indem ich ihm seinen Kugelschreiber aus der Hand riss und mit einem höhnischen Lachen vor seinen Augen zerbrach. In meinem Eifer schnappte ich sogleich nach dem nächsten Zettel, auf welchem mir ebenfalls Ausführungen derart missfielen, dass sie mich zu einer wütend artikulierten Stellungnahme veranlassten. Das Geschriebene auf dem dritten Zettel war dann jedenfalls lediglich nur so viel wert, selbigen wütend in kleine Stücke zu zerreißen und das Konfetti über den Kopf der Verfasserin zu streuen. Befragungsbogen Nummer vier formte ich durch Eindrehen kurzerhand zu einem Anzündholz, welches ich sogleich in Flammen aufgehen lies. Hiermit joggte ich dann, einem olympischen Fackelläufer gleich, zu den restlichen eingesammelten Fragebögen und entzündetes auch diese. Das Papier loderte auf und während die Kinobesucher fluchtartig versuchten den Kinosaal zu verlassen, tanzte ich wild schreiend in bester Rumpelstilzchenmanier um das Feuerchen…

 

Heute trifft die Bezeichnung Filmemacher auf mich nicht mehr zu. Heute versuche ich mein Glück mit der Aufzucht von Koi-Karpfen. Bei der internationalen Fischmesse nächste Woche stelle ich meine Züchtungen der Jury vor. Ich bin mir absolut sicher, diesmal habe ich Erfolg!