Das Projekt
klippo
„Und hier“ - sagte Tante Ida und fächerte mit ihrer knochigen Hand durch die Luft – „Hier werden wir bauen. Ich habe den Platz schon ausgemessen.“
Sie legte ein paar Schritte über den frisch gemähten Rasen zurück. Dabei atmete sie schwer und stützte sich auf ihrem Gehstock ab. Erich folgte ihr. Sie kamen zu der Stelle, die Tante Ida ausgesucht hatte. Der Boden war ganz mit Sand und Kies abgedeckt. Daneben türmte sich ein gewaltiger Steinhaufen.
„Wir haben sie über die letzten Jahre gesammelt, ich und dein Onkel“, sagte sie und verwies stolz auf den Haufen. „Alle Steine haben wir sorgfältig ausgewählt. Dein Onkel ist sogar einmal in ein ausgetrocknetes Bachbett geklettert wegen der Flusssteine, die er dort gesichtet hatte. Es war ihm sehr wichtig musst du wissen. Gott hab deinen Onkel selig, er war ein braver Mann.“
Tante Ida begann mit ihrem Stöckchen im Geröll zu stochern. „Schade, dass er nun tot ist. Und das ausgerechnet jetzt, wo die Hauptarbeit noch bevorsteht.“ Sie rümpfte missbilligend die Nase.
„Die sind besonders schön – siehst du?“ Sie steckte ihre dünnen Ärmchen in den Haufen und zog ein paar milchige, vom Wasser flach geschliffene Steine heraus. Fasziniert betrachtete sie die Steine, sicherlich zwei Minuten lang. Erich war das Schweigen unangenehm und er war froh, als sie endlich wieder zu sprechen begann, auch wenn es nur ein kaum hörbares Flüstern war, das hauchzart und wie ein feines Lüftchen ihn seinen Gehörgang wehte: „Alle werden sterben. Aber ich werde leben.“
Vielleicht hatte sie auch gar nichts gesagt und das Gesagte war nur in seinem Kopf zu hören gewesen. Er war sich nicht sicher. Aber es war auch gar nicht weiter wichtig. Die Stimme der Alten riss ihn aus seinen Gedanken: „Das erste Jahr wirst du mit Stein arbeiten. Im zweiten Jahr mit Metall. Im dritten und letzten Jahr - schließlich - mit Glas. Ich gehe jetzt zurück zum Kaffeekränzchen. Nach deiner Arbeit kannst du dir ein Glas Milch und Mandelbiskuit holen. Hast du mich verstanden?“ „Ja, Tante Ida“, sagte Erich. Sie humpelte davon.
Erich begann mit der Arbeit. Der Schweiß stand im bald auf der Stirn, denn es war heiß und die Arbeit war hart. Immer wieder schallte aus der Entfernung das schrille Gegacker der alten Weiber zu ihm herüber, die es sich in der Kühle des Gartens gemütlich gemacht hatten und sich mit Kaffee und Kuchen labten. Er hasste sie. Eines Tages würde er sie alle töten. Es würde ihm sogar Vergnügen bereiten. Am liebsten durch eine große Armbrust, mit der er sie - so malte er es sich gerne vor seinem geistigen Auge aus - nach und nach - wenn sie angstvoll auseinander stoben - durch gezielte Distanzschüsse erlegen konnte. Zuletzt Tante Ida. Sie würde er mit einem Dutzend Pfeilen an eine vertikale Fläche nageln – vielleicht an das Garagentor.
Doch er wusste genau, dass dies nur Hirngespinste waren und nicht möglich war, denn er musste Tante Ida dienen. Sie war seine Herrin und er war ihr Sklave. Warum dies so war, wusste er nicht. Es war schon immer so gewesen sein und schien wie ein Naturgesetz. Dumpf arbeitete er vor sich hin. Alles musste sehr exakt sein: Tante Ida hatte dafür eine spezielle Metrik entworfen, deren Axiome er streng einzuhalten hatte. Die Konstruktion war bis ins letzte Detail ausgeklügelt, vermessen, geplant. Tante Ida hatte alles berechnet. Sie hatte gut 50 Jahre nur in die Planung investiert. Vielleicht war es sogar noch länger gewesen, wer wusste das schon so genau.
Das erste Jahr verging. Der Stein war verbaut und Erich arbeitete nun mit Metall. Er war müde, erschöpft, aber dennoch arbeitete er verbissen weiter. Dann kam das dritte Jahr. Nun arbeitete Erich mit Glas. Er war am Ende seiner Kräfte, doch er zwang sich weiterzumachen. Von Zeit zu Zeit hallte das Gackern der Weiber zu ihm herüber, die noch immer zusammen saßen und Kaffee tranken, aber er hörte es kaum. Er war halb tot vor Erschöpfung, doch dann verging auch das letzte Jahr. Irgendwann fiel Erich leblos ins Gras und blieb regungslos liegen. Die Konstruktion war fertig.
Während er so im Gras lag, tauchte plötzlich die hagere Silhouette von Tante Ida über ihm auf, die sich vorsichtig zu ihm herabbeugte. Sie lächelte. „Das hast du gut gemacht“, sagte sie von oben, „Du kannst dir jetzt ein Plätzchen holen.“
Dann kam der Tag der Eröffnung. Tante Ida hatte viele Menschen eingeladen, denen sie ihr Werk präsentieren wollte und der Garten war von einer Menschenmenge bevölkert. Sie standen da und verspeisten kleine, appetitliche Häppchen, die Erich ihnen auf silbernen Tabletts kredenzte. Alle warteten gespannt auf die Enthüllung der Konstruktion, noch war sie nämlich durch eine Plane verhüllt. Auch Erich war gespannt, denn die Hintergründe des Projekts waren ihm gleichermaßen unbekannt. Mehr noch war er aber erleichtert, denn endlich hatte die Knochenarbeit ein Ende. Tante Ida wiederum war sehr aufgeregt. Sie flatterte herum und quietschte wie ein junges Ferkel.
Dann endlich fiel der Vorhang und ein lautes AHHHHHHH ging durch die Menge. Aber das Geräusch erstarb abrupt und erstauntes Gemurmel machte sich breit. Was immer die Menschen erwartet hatten, das war es nicht gewesen. Das Ding hinter der Plane war grässlich. Es war ein Monstrum aus Stein und Stahl und schmutzigem Glas, mit Schornsteinen und Auspuffen, die knatterten und ratterten und schwarze Rußwolken in die Luft stießen. Es war eine Maschine, die rumorte, rasselte und dampfte. Der Gestank von verbranntem Öl verpestete die Luft. In der Mitte befand sich ein gezacktes Maul. Es flimmerte und barg einen tiefen, schwarzen Schlund. Die Leute glotzten blöde.
Dann begann die Maschine einzelne Menschen in das Innere des Mauls zu saugen. Es machte ein schmatzendes SSSSSPPP und schon waren sie verschluckt. Sie verschwanden spurlos und nichts blieb von ihnen übrig. Tante Ida grunzte jedes Mal vor Begeisterung. Wann immer eine Traube Menschen ins gezackte Maul der Maschine gesogen wurde, verjüngte sich Tante Ida. Ihre Runzeln glätteten sich und ihre Haltung begradigte sich, Gesicht und Haut wurde frisch und lieblich, die Brüste fest und straff. Die Jahre fielen ab von ihr wie die alte Haut von einer Schlange. Schon war sie eine rüstige Pensionistin, dann eine Dame mittleren Alters, dann eine Frau in den besten Jahren. Schließlich, als die letzten Menschen mit einem Schmatzen in die Maschine gesaugt worden waren, stand statt des steinalten Weibs, das sie eben noch gewesen war, ein blutjunges Mädchen da. Fasziniert betrachtete es seinen neuen, makellosen Körper.
Was niemand bemerkt hatte – denn es waren ja alle tot - auch von Erich waren die Jahre abgefallen. Er war plötzlich wieder ein kleiner Junge. Er stand in seinen viel zu großen Kleidungsstücken ein wenig verloren da und machte ein erstauntes Gesicht.
Tante Ida lächelte. Sie nahm den kleinen Jungen an der Hand. „Komm“, sagte sie. „Wir haben viel zu tun.“