Gunnar

doma

„Teufelswurz! Wo bleibt die verfluchte Teufelswurz?“, schnaubte Roderich erbost und kaute nervös auf seinen schwarz lackierten Fingernägeln herum. Sein Groll war wahrhaftig – und durchaus verständlich: Für ein anständiges heidnisches Experiment waren ein oder zwei Löffelchen getrockneter Teufelswurz nun einmal unabdingbar. Sonst konnte man sich gleich brausen gehen. Die Teufelswurz war schließlich der unangefochtene Superstar unter den unheiligen Heilkräutern, so etwas wie der Michael Jordan des Okkultismus. Nicht ohne Grund war sie dem abergläubischen Volksmund unter einer Vielzahl geheimnisvoller Namen bekannt: Isenkraut, Wundkraut, Stahlkraut, Eisenhart, Mönchskappe, blauer Sturmhut, Richardskraut, Taubenkraut, Katzenblutkraut, Sagenkraut, Wunschkraut, Traumkraut, Druidenkraut, Venusader, Träne der Isis …

„Wo steckt dieses vermaledeite Kraut?“, wiederholte Roderich lauter und begann, ungeduldig an seinem langen, nachtschwarzen, mit allerlei verhängnisvollen Runen bestickten Umhang herumzuzupfen.
Der promovierte Hexenmeister – im Zivilberuf Sänger der gefürchteten Mittelalter-Metal-Band „Pechnase“ – hatte sich mit einem Dutzend nicht weniger düsterer Spießgesellen am Rande eines gigantischen Zubers versammelt. Der Zuber, übrigens eine Leihgabe der befreundeten Druiden-Metal-Band „Hahnenfuß“, wurde von unten her mit einem kleinen Holzofen beheizt und füllte den kleinen, schmutzigen Raum im Backstage-Bereich des Openair-Festivals in Wacken fast vollständig aus.

Im Zuber brodelte eine brackig-braune Brühe, die so genannte „Ursuppe“. Sie war das wenig erquickliche Ergebnis allerlei übler Ingredienzien, die im Laufe eines ausgedehnten schwarzmagischen Rituals im Zuber gelandet waren – darunter zwei tote Schleiereulen, ein Kahler Krempling, drei Unzen ranzigen bayerischen Bärenfetts, sechs Tollkirschen, dreizehn Knollenblätterpilze, siebenzig Gramm reinstes Opium und einige Krügerl mit Körpersäften jedweder Herkunft.

Die leichenblass geschminkte Magierin Uriella – einschlägig bekannt als Frontfrau der Gruftmetal-Band „Uriella und der Unkenpfuhl“ – rührte das satanische Süppchen mit einem riesigen Kochlöffel aus Elfenbein geduldig um und schmeckte es dann und wann mit aromatischen Kräutern und einigen garantiert unchristlichen Gebeten ab.

Endlich kam, atemlos keuchend, ein finsterer Gehilfe herbeigelaufen, der auf hier nicht näher zu beschreibenden, jedenfalls aber äußerst abseitigen Wegen an ein Beutelchen feinster Teufelswurz gelangt war. „Der Hölle sei’s gedankt!“, rief Roderich zufrieden aus. „Nun können wir unser gottloses Werk vollenden“. Unter einer Litanei von lästerlichen Flüchen zerbröselte er das Unheilkraut zwischen seinen knochig-bleichen Fingern und ließ es, einem winzigen Sandsturm gleich, ins Innere des gigantischen Zubers entschweben.

Noch im selben Augenblick begann der ganze Zuber – oder, wie man in der Schwarzen Szene gerne sagt, der „Bottich“ – unheilvoll zu beben. In der diabolischen Ursuppe rumorte es auf einmal heftig, fette weiße Blasen und übel riechende Dämpfe steigen aus ihren Untiefen empor. „Es ist vollbracht!“, stieß Roderich beschwörend hervor. „Diese infernalische Kraftbrühe wird uns zu uneingeschränkten Herrschern über Zeit und Raum erheben! Unsere Bosheit wird von nun an an keine irdischen Grenzen mehr gebunden sein. Wir werden uns ruchlos und ohne jede Scham über alle natürlichen Gesetze stellen und sie so lange verdrehen und verfälschen, bis die ganze verdammte Welt auf dem Kopf steht! Also, wer möchte anfangen?“

Tiefes Schweigen senkte sich abrupt über den dusteren Raum. Einige der versammelten Neo-Heiden blickten betreten zu Boden. Andere verwandten plötzlich ihre gesamte Konzentration darauf, Löcher in die Luft zu starren. Auch Däumchendrehen, Kratzen, Nasenbohren und andere nervöse Zwangshandlungen erfreuten sich plötzlich größter Beliebtheit. Alle Anwesenden schienen im Ziel vereint, dem bohrenden Blick des Hexenmeisters zu entgehen.

„Was ist auf einmal in euch gefahren, ihr Hasenfüße?“, fragte Roderich fassungslos und fuhr sich aufgebracht durchs lange wirre Haar. „Was seid ihr bloß für jämmerliche Waschlappen?! Bringt denn wirklich niemand von euch den Mumm auf, sich als Versuchska—, ich meine natürlich als … freiwilliger Proband in den Dienst der bösen Sache zu stellen?“
– „Na ja … die ganze Chose könnte doch recht gefahrvoll werden“, murmelte endlich einer der Schwarzen Jünger kleinlaut. „Richtig“, pflichtete ihm ein zweiter Zauberlehrling verlegen bei, „mit Zeit und Raum und all solchen Sachen sollte man kein Schindluder treiben. Nicht auszudenken, was da alles schief gehen könnte …“
– „Ja, was hattet ihr denn erwartet?“, zischte der Hexenmeister ungläubig. „Schwarze Magie ist nun mal keine Kinderjause!“ Zornig fixierte er die lichtscheue Truppe, die da mit gesenkten Köpfen vor ihm stand.

Sein Blick blieb an der dezent schamanenartigen Gestalt von Uriella hängen, die mit ihrer schweren Knochenkette unruhig vor sich klimperte. „Warum meldest du dich eigentlich nicht?“
– „Ich?“ Uriellas ohnehin recht bedenkliche Gesichtsfarbe wurde augenblicklich so ungesund, dass neben ihr selbst die stolzesten Wasserleichen neidvoll erblasst wären. „Du beliebst wohl zu scherzen. Haha.“ Sie lachte humorlos. „Was für ein ausgefallener Gedanke …“
– „Aber ganz und gar nicht“, entgegnete der Hexenmeister jovial, „du bringst doch alle erforderlichen Charakterschwächen mit. Außerdem sind innerhalb des organisierten Okkultismus leider noch immer viel zu wenige Führungspositionen mit Frauen besetzt. Das hier ist deine große Chance, dich sowohl beruflich als auch menschlich weiterzuentwickeln!“
– „Na das ist wieder mal typisch für euch magische Machos“, fauchte Uriella verächtlich. Ihre dunklen Augen blitzten zornig aus dem fahlen Antlitz hervor. „Kaum wird es den Herren Teufelsanbetern zu brenzlig, wollt ihr auf einmal uns Zauberinnen vorausschicken. Ihr, ihr … luziferischen Leichtmatrosen, ihr! Übrigens …“, sagte sie dann in verändertem Tonfall und musterte Roderich durchdringend, „… warum kostest du die Suppe denn nicht einfach selbst?“

„Ja, genau!“ Aus den Reihen der Zauberlehrlinge kamen spontaner Szenenapplaus und zustimmendes Gejohle: „Lasst doch den Wunderwuzzi ran!“, „Teufelswerk ist Chefsache!“, „O-ber-motz!, O-ber-motz!“, „Gib’ Gummi, Druide!“, „Wir woll’n den Magier sehen, wir woll’n den Magier seh’n, wir woll’n den Magier saufen seh’n!“

Der Hexenmeister fühlte sich zusehends ins Eck getrieben. Dieser Gruppenzwang war ja nachgerade höllisch … Hektisch begann er seinen Rauschebart zu zwirbeln – er brauchte eine gute Idee und zwar rasch.

„Ich … ich würde ja gerne mit schlechtem Beispiel voran gehen“, stotterte er nach einer Weile mit gequältem Lächeln, „aber als, äh, nachtaktiver Feminist der ersten Stunde bin ich der Überzeugung, dass bei gleichen Qualifikationen die Frau den Vortritt haben sollte.“ Uriella strafte ihn mit einem Blick, aus dem Todesverachtung und Tötungsbereitschaft gleichermaßen sprachen. „Au … außerdem“, fuhr Roderich dennoch mit zitternder Stimme fort, „muss ja irgendwer das ganze Experiment … überwachen. Und mit meinen reichhaltigen Berufserfahrungen als Schwarzkünstler, Nigromant, Eskamoteur und Zeremonienmeister bin ich sicherlich …“ Der Hexenmeister verstummte. Das missbilligende Schweigen der Versammlung schien ihm so ohrenbetäubend, dass er kaum dagegen anzureden vermochte. Er konnte förmlich spüren, wie ihm die Kontrolle über die Schwarze Schar langsam aus den ringbewehrten Händen glitt. Verzweifelt suchte er nach einem Ausweg, nach einem rettenden Zauberwort, auf das ein Hexer in Krisensituationen wie diesen zurückgreifen konnte. Und plötzlich fiel ihm wirklich eines ein: Führungsqualität!

Der Hexenmeister besann sich blitzartig des zweisemestrigen „Aufbaulehrgangs für Geheimbünde, Druidenzirkel und andere Non-Profit-Organisationen“, den er an der Donauuniversität in Krems absolviert und des wichtigsten Lehrsatzes, den er dabei gelernt hatte: „Wenn man dich in die Enge treibt, so wende dich immer gegen einen abwesenden Dritten – am besten gegen jemanden, der sich nicht wehren kann.“

Also sprach der Hexenmeister: „Bringt mir Gunnar!“

– „Gunnar?“, fragten die Zauberlehrlinge verständnislos. „Was den für’n Gunnar?“
– „Na Gunnar, den Roadie natürlich!“, rief Roderich triumphierend und fühlte, wie er seine mephistophelische Autorität augenblicklich wiedergewann. „Wofür haben wir ihn denn?“
Der Vorschlag stieß bei den Schwarzen Jüngern sofort auf einhellige Zustimmung. Unter furchterregenden „Gun-nar! Gun-nar!“-Schlachtgesängen machten sie sich davon, nur um bald darauf triumphierend in die Zauberküche zurückzukehren – zusammen mit Gunnar, dem Roadie.
„Hallöchen“, sagte Gunnar.

Gunnar, der Roadie, war auf den ersten Blick eine durchaus Furcht einflößende Erscheinung: ein beleibter, bierfassbreiter Bursche mit schulterlangem, verfilztem Haar, einem mächtigen Vollbart und einer Brustbehaarung von geradezu Ehrfurcht gebietender Dichte, übertroffen nur noch von den sittenwidrigen Tätowierungen, die sich, einem grimmigen Ausschlag gleich, über seinen kraftstrotzenden Leib zogen. Letzteren hatte Gunnar an diesem schicksalsschweren Tag – so wie an jedem anderen Tag und vermutlich auch nachts – in ein zweifelhaftes Ensemble aus Lederhose und Jeansgilet gewuchtet, mit knalligen Aufnähern von längst verblichenen Hardrockbands am Rücken.

Mochte Gunnar rein äußerlich also einem vergeblich domestizierten Höhlenbären gleichen und auch über entsprechende Kräfte verfügen, so war er vom Charakter her eher das Gegenteil – ein harmloser, friedvoller und gutmütiger Geselle von überaus mildem Wesen und geradezu engelsgleicher Geduld.

Das ehrbare wie traditionsreiche Handwerk des Roadies übte Gunnar bereits in vierter Generation aus. Sein Urgroßvater Giselbrand hatte mit einigem Stolz den Titel eines „K. u. k. Ober-Hauptbühnenoperateurs“ getragen und seinerzeit auf Wunsch des greisen, bereits fast ertaubten Kaisers Franz Joseph die erste Verstärkeranlage im Redoutensaal der Wiener Hofburg installiert. Sein Großvater Gaudenz wiederum war Bühnentechniker einer freisinnigen Swing- und Dixielandband im Berlin der 20er und frühen 30er Jahre gewesen: Nach der Machtergreifung der Nazis hatte er sein Gewerbe jedoch aufgeben müssen, da er sich als überzeugter Antifaschist unter den stramm rechten NS-„Aufbauhelfern“ zunehmend isoliert und bedroht fühlte. Gunnars Vater Golo hatte als Roadie einige reichlich obskure Psychedelic- und Garagen-Rock-Combos auf ihren Trips – aber auch auf ihren Konzertreisen – begleitet. Später hatte er dann in Bielefeld die erste Roadie-Schule ganz Europas ins Leben gerufen. Gunnars Mutter Gloria schließlich war die erste überregional bekannte Roadie in diesem von kabelschwingenden Machos dominierten Gewerbe und verdiente sich ihre Sporen bei vorbestraften Girlgroups und verfassungswidrigen Punkformationen.

So waren die Geheimnisse des Roadie-Handwerks über die Generationen hinweg weitervererbt worden, bis hin zu Gunnar, der die stolze Familientradition mit Freude weitergeführt hatte – und sie gerne noch ein wenig weitergeführt hätte …

„Grüß dich, Gunnar“, sagte der Hexenmeister lächelnd und schlang seinen spindeldürren Arm jovial um den Stiernacken des Roadies. Mit der anderen Hand deutete er auf den munter vor sich hin blubbernden Zuber, aus dem sich schwere schwefelige Schwaden in die Lüfte erhoben. „Wir zelebrieren gerade ein riskantes heidnisches Experiment mit unbekanntem Ausgang.“ – „Okay“, sagte Gunnar. – „Wir möchten Raum und Zeit krümmen und uns auf diese Weise die ganze Erde Untertan machen.“ – „Ach so“, sagte Gunnar und kratzte sich am Hintern. – „Und dazu benötigen wird dich als unabhängige Testperson.“ – „Von mir aus“, meinte Gunnar achselzuckend. „Wo soll ich anfangen?“

Gunnar fühlte sich völlig entspannt. So leicht konnte ihn nichts mehr aus der Ruhe bringen. Er war schließlich Roadie! Er hatte viel gesehen – mehr als eines einfachen Mannes Augen eigentlich erblicken sollten. Er hatte vieles erlebt – mehr als die Seele eines Mannes für gewöhnlich ertragen kann. Und er hatte noch viel mehr am eigenen Leib mitgemacht – mehr als man einem einzigen menschlichen Körper vernünftigerweise zumuten sollte, selbst einem so wuchtigen wie dem seinen: Ausrastende Rockstars hatten ihn verprügelt und mit Bier übergossen; übermütige Fans hatten ihn mit Bier übergossen und verprügelt; von der Bühne fliegende Instrumente hatten ihn ebenso erwischt wie auf die Bühne fliegende Becher, Gläser, Flaschen, Schlüssel, Telefone und Waschbecken; tonnenschwere Trucks und bullige Bandbusse hatten ihn überrollt; einstürzende Bühnen und Partyzelte hatten ihn erschlagen; ungebändigte Verstärkerkabel hatten ihn umschlungen und beinahe erdrosselt; unzählige Stromschläge hatten ihn gebeutelt; bei der berühmt-berüchtigten Open-Air-Sause „Wagner versus Wahnsinnsmetal“ hatte ihn einmal sogar der Blitz gestreift (daher auch sein Spitzname „Der Blitzableiter von Bayreuth“); mehrere Male wäre er fast im Schlamm ertrunken, noch öfter im eigenen Erbrochenen; auch obskure Experimente mit exotischen Suchtmitteln waren ihm keineswegs fremd. Kurz: Er war einiges gewöhnt.

Daher zuckte Gunnar nicht einmal mit der geröteten Wimper, als ihn Roderich nun lapidar dazu aufforderte, doch bitte in den Bottich zu klettern. – „Nackt oder bekleidet?“, fragte er nur. – „Lass deine Kluft lieber an“, meinte der Hexenmeister vorsichtig, „die Suppe ist gut gewürzt.“
Ohne lang zu fackeln, schwang sich Gunnar in den Zuber und ließ sich, einer überdimensionalen Knackwurst gleich, in die warme, dampfende, stinkende Brühe gleiten, so als hätte er sein Lebtag lang nichts anderes getan. Tatsächlich hatte er einmal die populäre Kannibalen-Metal-Combo „Frischfleisch“ auf einer ihrer legendären Tourneen begleitet und dabei im Rahmen der Bühnenshow einen zentralen Part in einem Kupferkessel bekleidet (wenn auch unbekleidet). Von diesen praktischen Erfahrungen profitierte er nun.

„Gratuliere Gunnar, du bist wirklich ein hart gesottener Bursche“, scherzte Roderich und zwinkerte dem in der Ursuppe köchelnden Roadie noch einmal aufmunternd zu. Dann fassten sich der Hexenmeister, Uriella und die Schwarzen Jünger an den Händen und begannen mit geschlossenen Augen in einer Art von dämonischem Reigen um den Zuber herumzutanzen. Gleichzeitig stimmten sie einen fremdartigen, hypnotisch-polyphonen Singsang von unbeschreiblicher Düsternis an. Gunnar, der das eigentümliche Prozedere aus der Zuber-Perspektive heraus verfolgte, konnte spüren, wie ihn der unheimliche, zugleich betörende Rhythmus von Bewegung und Musik sanft erfasste und ihn langsam in einen tranceartigen Dämmerzustand hinüber gleiten ließ. Die betäubenden Dämpfe aus dem Zuber taten ein Übriges: Als die dreizehn Anti-Apostel zum krönenden Abschluss ihres Rituals das Vaterunser verkehrt herum aufsagten, war Gunnar bereits auf einer höheren Wahrnehmungs- und Erkenntnisebene angelangt.

Wie von sehr, sehr weit weg hörte er die Stimme des Hexenmeisters, der nun an den Rand des Zubers trat und ihm mit zeremonieller Geste eine goldene Schöpfkelle in die Hand drückte. „Das Elixier muss deinen Körper nun von innen und von außen gleichzeitig durchdringen“, erläuterte Roderich mit feierlichem Ernst. „Hör mir also gut zu und folge genauestens meinen Anweisungen: Als erstes wirst du nun einen kleinen Schluck von der Ursuppe trinken – sie aber im Mund behalten. Dann wirst du in den Bottich hinabtauchen, bis du vollständig unter Wasser bist. Erst dort wirst du hinunterschlucken – und danach sofort wieder auftauchen. Hast du verstanden? Du darfst nur unter Wasser schlucken! Keinen Augenblick früher oder später, unter gar keinen Umständen! Sonst kann das größte Unheil passieren. Also, bist du bereit?“

Gunnar hatte das Gesagte aufgrund des lauten Blubberns im Bottich, seiner berufsbedingten Schwerhörigkeit und seines leicht entrückten Geisteszustandes nur bruchstückhaft verstanden – aber als echter Roadie kannte er kein Nein. Also nickte er.

Und schon tauchte er die lange, elegant geschwungene Kelle in den unergründlichen Sud, in dem er selbst schwamm, und führte sie furchtlos an den Mund. Die Ursuppe schmeckte noch erbärmlicher, als es Konsistenz und Geruch nahe legten, aber selbst das focht Gunnar nicht an. Als Roadie war er mit Kräuterschnaps, Magenbitter und allerlei billigem Fusel groß geworden – er verfügte also über einen echten Saumagen. Natürlich tat er auch weiterhin, wie ihm geheißen, und tauchte nun selbst in die undurchsichtige Brühe hinab.

Unter Wasser bot sich ein unerwartet beschauliches Bild: Im gedämpften Licht, das von oben her durch die Wasseroberfläche drang, schimmerte die Ursuppe in einem milden, trüben Grün. Die weißen Bläschen stiegen empor wie Perlen an einer Kette. Ihr Gurgeln klang hier unten so beruhigend und vertraut wie das sanfte Murmeln eines Bächleins. Die ganze Stimmung und Szenerie war so friedlich und einlullend, dass sich Gunnar gedankenlos bis auf den Boden des Zubers hinabsinken ließ – wo er augenblicklich einschlief. Er wachte erst wieder auf, weil er keine Luft mehr bekam. In plötzlicher Panik ruderte und strampelte er wie wild, stieß sich nach oben ab und durchbrach mit letzter Kraft den erlösenden Wasserspiegel. Erst als er droben nach Luft schnappen wollte, bemerkte er, dass er unter Wasser etwas Wichtiges vergessen hatte – nämlich die Ursuppe zu schlucken.

Auch der Hexenmeister hatte es sofort bemerkt: „Unglückseliger“, rief er schrill und bis ins Mark erbleicht, „spei’ sie sofort wieder aus!“ Er schrie so laut, dass der Roadie trotz seiner umnebelten Sinne zusammenzuckte – und vor Schreck die Suppe verschluckte.
„In drei Teufels Namen“, brüllte da der Hexenmeister, außer sich vor Furcht und Zorn, „jetzt hast du es sogar noch schlimmer gemacht! Hast du auch nur die leiseste Ahnung davon, was nun mit dir geschehen wird?“ – „Nö“, sagte Gunnar wahrheitsgemäß. „Schätze, ich werd’ mich einfach überraschen lassen.“
– „Schweig, du Narr!“, stieß Roderich unter wildem Gestikulieren hervor. „Verstehst du denn noch immer nicht? Du bist verloren! Statt das Elixier für dich zu nützen, wird das Elixier nun dich benützen! Statt seine Kräfte zu kontrollieren, kontrolliert es die deinen! Du bist nichts anderes mehr als ein wehrloser Spielball von Zeit und Raum!“
– „Auweia“, sagte Gunnar betreten.
– „All das ist selbstverständlich auch mit unerträglichen körperlichen Schmerzen verbunden“, ergänzte der Hexenmeister mit düsterer Miene. „Kannst du sie schon spüren?“
– „Nicht wirklich“, sagte Gunnar leichthin.

Und tatsächlich – bis auf seine Benommenheit fühlte sich der Roadie blendend. „Mir dreht sich bloß alles“, dachte er gleich darauf verwundert, „seltsam, mir ist nämlich überhaupt nicht schwindlig.“ Es dauerte eine Weile, bis Gunnar herausfand, woran das lag: Ihm drehte sich alles –weil er selbst sich drehte!

Wie ein menschlicher Kreisel drehte sich Gunnar um die eigene Achse, immer schneller und schneller – das Wasser spritzte nur so aus dem Zuber hervor. Und in immer kürzeren Abständen sausten die Bilder am kreisenden Roadie vorbei: Roderichs zum Schrei verzerrtes Gesicht, Uriellas vor Schrecken geweitete Augen, die ungläubig staunenden Mienen der Jünger, die hölzernen Planken des Zauberzubers, der Kochlöffel, der Suppenschöpfer, …

Plötzlich begann sich auch die Ursuppe selbst zu drehen – allerdings in die entgegengesetzte Richtung, so dass Gunnars eigene Kreisbewegung wieder zum Stillstand kam. Ein riesiger Strudel formte sich nun rund um den Roadie und begann ihn mit unwiderstehlicher Gewalt in die Tiefe zu reißen. Gunnar versuchte gar nicht erst, der titanischen Sogwirkung standzuhalten – als Roadie wusste er, dass man manche Dinge einfach nicht ändern kann. In Jesus-Christus-Pose stand er da und ließ sich wortlos in den schlürfenden Schlund hinabziehen. Die aufgepeitschten Wassermassen schwappten mitleidlos über ihm zusammen.

Als Gunnar die Augen aufschlug, war er im Himmel – also auf einem Metalfestival.

Alles kam ihm bekannt vor: der höllische Lärm, der Schweiß, die strengen Ausdünstungen einer Menschenmasse, die lange Tage fernab von fließendem Wasser und anderen zivilisatorischen Errungenschaften verbracht hatte; hemmungsloses Gegröle und unverständliche Urlaute; primitive Behausungen, die jeder Bequemlichkeit spotteten; Männer mit langen, verfilzten Bärten und ungepflegtem Haar, mit wild wuchernder Körperbehaarung und archaischer Kriegsbemalung, bekleidet mit Fell und Leder, manche mit aufgerissenen Tiergebissen als Helm, andere mit Totenköpfen und heidnischen Symbolen um den Hals; Frauen mit Kreide-bleichen Gesichtern, mit ekstatisch entblößten Brüsten und kunstvoll eingeflochtenen Knöchelchen im Haar; Menschen, die ihre Notdurft verrichten, wo immer es ihnen gerade beliebte, nicht selten im Kollektiv ….
Ein typisches Metalfestival eben.

Für Gunnar war all das wirklich nichts Neues. So einen Schlagzeuger, der auf hohlen Schädeln einen hypnotischen Rhythmus trommelte, hatte er beispielsweise schon in den frühen 90ern gesehen, bei der in Fachkreisen unvergessenen Paläo-Metal-Band „Hansi und die Höhlenbären“. Menschen, die um ein Feuer herumtanzten, war Gunnar ebenfalls gewohnt – als Spezialist fand er die hier gezeigten Pyroeffekte sogar ziemlich lahm; und auch animalischen Sex, wie er in seiner Umgebung gerade rudelweise praktiziert wurde, hatte er im Backstage-Bereich oft genug miterlebt; von wüsten Schlägereien und dem exzessiven Konsum geheimnisvoller Kräuter ganz zu schweigen.
Nein, nichts deutete darauf hin, dass Gunnar mitten in einem Neandertaler-Clan gelandet war.

Der Rest der Story ist schnell erzählt: Irgendwann merkt Gunnar natürlich doch, dass er in der Urzeit gelandet ist – und nimmt diese Tatsache weitgehend emotionslos zur Kenntnis. Er ist schließlich Roadie. Und als solcher beherzigt er klarerweise auch die alte Roadie-Weisheit, wonach man immer das Beste aus einer Situation machen soll – gerade mit begrenzten Mitteln. Also führt Gunnar den Neandertalern seinen wilden Tätowierungen vor, seine teuren Lederstiefel und seine bärige Brustbehaarung. Er zeigt ihnen sein Zippo-Feuerzeug und seinen Siegelring mit dem fein gearbeiteten Totenschädel-Motiv. Er beeindruckt die Frauen, indem er mit Pfefferspray ein Mammut und sogar einen Säbelzahntiger zur Strecke bringt. Mit dem Dosenbier, das er glücklicherweise immer in seinem Jeansgilet mit sich führt, verhilft er dem ganzen Stamm zum ersten und einzigen alkoholischen Rausch. In kurzer Zeit schwingt er sich zum Medizinmann, politischen Führer und spirituellen Oberhaupt der Neandertaler auf.

Am Ende verwirklicht Gunnar seinen großen Traum – den Traum eines jeden Roadies: Er gründet seine eigene Band und bringt sie groß heraus. Mit seiner Kapelle – die als erste Metalband aller Zeiten in die Ur- und Frühgeschichte eingeht – absolviert er eine umjubelte Welttournee in allen damals bekannten und bewohnten Teilen unseres Planeten. Die Kritiker feiern ihn als unumstrittenen „König des Jäger- und Sammler-Metal“. Er erlebt wüste sexuelle Abenteuer, raucht viel gutes und manchmal auch weniger gutes Kraut, wendet sich irgendwann von seinem ausschweifenden polygamen Lebenswandel ab und zieht mit der Frau seines Lebens aufs Land (wohin auch sonst), um mit ihr eine Reihe dicht behaarter Nachkommen zu zeugen. Der Rest ist Geschichte.