Feldmarschall Krause

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„Jemand zugestiegen?“ Mit einer automatisierten Bewegung öffnet der Schaffner die Schiebetür zum Abteil und linst herein. „Die Fahrscheine, bitte!“

Folgsam krame ich meine Monatskarte aus dem Geldbeutel hervor und überreiche sie ihm. „Und die Vorteilscard?“, fragt der Schaffner im professionell dauergenervten Tonfall des österreichischen Bürokraten. Nach einigem Suchen fördere ich das schmucke rote Kärtchen aus den Untiefen meines Portmonees zu Tage. Hurtig zupft mir der Schaffner die Vorteilscard aus der Hand, studiert sie eingehend, sieht mich prüfend an und vergleicht meine Züge mit dem Foto auf der Karte. „Das da sollst du sein?“, brummt er ebenso ungläubig wie unfreundlich.
- „Selbstverständlich“, erwidere ich, „das Foto ist leider schon etwas äl—”.
- „Studentenausweis!“, unterbricht mich der Beamte unwirsch.

„Ah, ein ganz Genauer“, denke ich, während ich bewusst langsam mein Kartenfach durchforste. Ich kann hören, wie der Zugbegleiter ungeduldig mit dem Fuß auf den Boden trommelt. „Na, das dauert aber …“, knurrt er.
– „Ja, ja“, murmle ich, um einen möglichst unfreundlichen Tonfall bemüht, und halte ihm dann endlich das Kärtchen hin. Mit einer hastigen Bewegung entreißt mir der Schaffner den Ausweis, gleicht das Foto mit jenem auf der Vorteilscard ab und mustert mich dann ein weiteres Mal durchdringend.

Trotzig mustere ich zurück. Seine seltsame Art beginnt mir schön langsam auf die Nerven zu gehen – ebenso wie seine ganze Erscheinung. Der Schaffner ist ein Mann in den so genannten „besten Jahren“, mit ungewöhnlich hoher Stirn, Seitenscheitel und unsteten Glubschaugen. Seine hochgezogenen Augenbrauen, die mit einem ungemütlichen Stirnrunzeln einhergehen und ein verstecktes Lächeln, das ständig über seine Mundwinkel zu huschen scheint, verleihen ihm eine Aura ausgesuchter Arroganz. Dazu passen auch seine frisch geschniegelte Uniform und die perfekten Bügelfalten seiner Hosen. „Ein echter Ungustl“, fasse ich im Geiste zusammen. „Nur gut, dass es bei mir nichts zu beanstanden gibt“.

Doch da habe ich mich offensichtlich zu früh gefreut: Der Schaffner macht nämlich keine Anstalten, mir meine Ausweise zurückzugeben. „Studienbestätigung!“, fordert er stattdessen, noch unfreundlicher als zuvor.
– „Äh, wozu?“, frage ich verständnislos zurück. „Sie haben doch gerade meinen Studentenausweis gesehen.“
– „Studienbestätigung!“, wiederholt der Schaffner im überheblichen Befehlston.
– „Glauben Sie, die trage ich immer mit herum?“, gebe ich patzig zurück. „Aber ich kann ja mal nachsehen, ob ich zufällig eine bei mir habe.“ Unwillig durchsuche ich meinen Geldbeutel und bringe nach einer Weile tatsächlich das gewünschte Dokument zum Vorschein. „Was wollen Sie denn überhaupt damit?“

– „Das lass mal meine Sorge sein“, antwortet der Schaffner herblassend, nimmt die Bestätigung an sich und beginnt, sie aufmerksam zu studieren. Plötzlich macht sich ein breites Grinsen auf seinem Gesicht breit. „Diplomstudium Politikwissenschaft?“, fragt er belustigt, ohne vom Dokument aufzusehen. „Was willst du denn damit anfangen?“
– „Erlauben Sie mal, das ist doch wohl meine Sache“, gebe ich verblüfft zurück.
–„Vielleicht“, antwortet der Schaffner, seine Heiterkeit nur mühsam verbergend, „aber eins muss dir klar sein: Weit wirst du es damit nicht bringen. Oder, was meinst du?“

Ich möchte gerade zur Antwort ansetzen und mich über seine unverschämte Anmaßung beschweren, als mir klar wird, dass die letzte Frage gar nicht mir gegolten hat, sondern meinem Sitznachbarn, dem der Schaffner nun – ich traue meinen Augen kaum – meine Studienbestätigung in die Hand drückt. „Schau dir das an!“, sagt der Schaffner glucksend. „Er studiert Politikwissenschaft!“ Der spöttische Tonfall und die gedehnte, übertriebene Betonung lassen keinen Zweifel daran, für wie lächerlich er diese Tatsache hält.
– „Ah, de sinnlosn Studentn“, knurrt mein Sitznachbar im kehligen Dialekt der hintersten Seitentäler, während er meine Studienbestätigung geringschätzig entgegennimmt. „De soin oamoi gscheid buggln geh’, mit ins oda mit da Fünfa-Partie. I sog oiwei: A echta Loda, der schwoaßt hoit nu wos zsomm!“

Fassungslos darüber, was hier gerade geschieht, starre ich meinen Sitznachbarn an: Er ist das, was man gemeinhin als „gestandenen Mann“ bezeichnet – also ein feister Fleischhauerlümmel von plumper, robuster Statur und geradezu krankhaft gesunder Gesichtsfarbe. Bis auf den aufgedunsenen Schädel steckt sein ganzer massiger Körper in einer blauen Arbeitermontur.

Statt mir endlich meine Dokumente zurückzugeben, wendet sich der Schaffner neuerlich an den ungeschlachten Metzgergesellen: „Ich habe sowieso nie verstanden, warum die feinen Herrn Studenten eine ermäßigte Bahnfahrt bekommen“, erläutert er, ohne mich dabei eines Blickes zu würdigen. „Die glauben wohl, sie sind etwas Besseres als wir, die wir im Schweiße unseres Angesichts das Gemeinwohl —“.
– „Bekomme ich jetzt endlich meine Ausweise zurück?“, fahre ich ungehalten dazwischen.
Der Schaffner schnellt herum und betrachtet mich mit einem süffisanten Lächeln: „Nur die Ruhe. Ich bin noch nicht fertig mit dir …“.

– „Was soll das heißen? Ich habe Ihnen doch schon alles gezeigt“, zische ich aufbrausend. „Und wie kommen Sie eigentlich dazu, meine persönlichen Dokumente einfach an wildfremde Menschen weiterzureichen?“ Ich deute auf den Schlachterburschen neben mir, der meine Studienbestätigung immer noch wie einen Fremdkörper in seinen Pranken hält.
„Moment mal, junger Mann, so nicht, ja?“ fährt mich der Schaffner an. „Du vergreifst dich entschieden im Tonfall. In diesem Zug bin ich der Chef, klar? Deswegen heißt es ja: Zugchef.“ Er lacht herzlich über seinen eigenen Witz. Dann verfinstert sich seine Miene augenblicklich wieder. „Und wo wir schon einmal dabei sind: Würdest du mir bitte deinen Personalausweis zeigen?“

– „Wie komme ich denn dazu?“, gebe ich, immer gereizter werdend, zurück: „Sie sind doch kein Polizist.“
– „Ach ja, richtig, wie dumm von mir! Wie konnte ich das nur vergessen?“, ruft der Schaffner in gespielter Zerknirschung. „Dann … wäre es dir also lieber, wenn ich die Polizei rufe?“
– „Wieso das denn wieder?“, frage ich entgeistert. „Ich habe mir doch überhaupt nichts zuschulden kommen lassen.“
– „Na dann“, sagt der Schaffner lächelnd. „Dann kannst du mir deinen Personalausweis ja ruhigen Gewissens zeigen!“.

Vor so viel Logik und Sturheit kapitulierend, hole ich mit einem resignativen Seufzer das geforderte Dokument aus der Brieftasche. Blitzschnell greift sich der Schaffner den Ausweis und beäugt ihn misstrauisch, wobei er sich das Papier so dicht vors Gesicht hält, als würde er gleich darin verschwinden wollen. „Der ist ja völlig zerknittert“, stellt er nach einer Weile in vorwurfsvollem Ton fest. „Den hat deine Mama wohl mitgewaschen, was? Mit so einem Fledderwerk kann ich leider nichts anfangen.“ Mir den solchermaßen verschmähten Personalausweis zurückzugeben, scheint für den Schaffner allerdings keine Option zu sein. „Jetzt wirst du mir wohl oder übel deinen Reisepass zeigen müssen“, meint er mit falschem Bedauern und unterstreicht seine als Feststellung getarnte Drohung mit einer fordernden Handbewegung.

Ich beschließe, ein weiteres Mal nachzugeben, um diese gleichermaßen skurrile wie erniedrigende Groteske so schnell wie möglich hinter mich zu bringen und halte dem Schaffner gehorsam meinen Pass entgegen. Auch dieses Dokument reißt mir der Zugbegleiter förmlich aus der Hand.
„Reicht es nicht, wenn ich Ihnen die Ausweise einfach zeige?“, frage ich kopfschüttelnd. – „Nein, nein, mit so billigen Tricks kommst du bei mir nicht durch“, sagt der Schaffner mit selbstgerechtem Grinsen. „Damit du dann deine Fingerchen über das Gültigkeitsdatum halten kannst, was? Ich kenne doch meine Pappenheimer!“ Genüsslich vertieft er sich in das Studium meines Reisepasses und steckt ihn dann zu den anderen Dokumenten in seine Brusttasche. „Und jetzt würde ich gerne deinen Führerschein sehen“.

Ich beginne ungläubig zu lachen, kurz davor, endgültig die Fassung zu verlieren. „Warum … in aller Welt wollen Sie jetzt auch noch meinen Führerschein sehen? Glauben Sie, ich will hier mitten im Zug mit dem Auto fahren?“
Der Schaffner sieht mich mit einer Mischung aus Mitleid und Verachtung an: „Bist wohl eine kleine Pointenschleuder, wie? Also los, du Spaßmacher, rück das Ding schon raus!“ Er streckt mir erwartungsvoll die Hand entgegen.

„Na gut“, sage ich betont ruhig, ziehe den Führerschein langsam und vorsichtig aus der Geldbörse und lasse ihn verführerisch durch meine Finger gleiten. Gebannt verfolgt der Schaffner jede meiner Bewegungen. Dann schnellt er ohne Vorwarnung nach vorn und schnappt gierig nach dem lachsrosa Lappen. Doch ich bin flinker, ziehe blitzschnell meine Hand zurück und lasse seinen begehrlichen Griff ins Leere klatschen.

„Was soll das?“, faucht der Schaffner. „Gib ihn mir!“
– „Geben Sie mir zuerst meine anderen Dokumente zurück“, zische ich und schirme den Führerschein mit meinem Körper ab.
– „Nun sei doch nicht so unvernünftig“, sagt der Schaffner beschwörend. „Mit deiner Widerborstigkeit machst du es für uns alle nur noch schwerer. Also los, raus damit!“ Er packt mich am Arm und versucht, meine Finger aufzubiegen, die sich krampfhaft um den Führerschein geschlossen haben. Mit einiger Mühe gelingt es ihm, eines rosa Zipfels habhaft zu werden. Doch ich gebe mich noch nicht geschlagen. Wir beginnen zu ziehen und zu zerren, mit wechselvollem Kampfesglück.

„Lass sofort aus!“, schnaubt der Schaffner.
– „Ich denke ja gar nicht daran“, keuche ich.
– „Na warte“, schreit der Schaffner. Mit einer ruckartigen Bewegung zerrt er meine Faust nach oben, bis direkt vor seinen Mund. „Wenn du nicht augenblicklich loslässt, dann beiße ich dich!“, röchelt er – und fletscht die Zähne so bedrohlich, dass ich den Führerschein unverzüglich fallen lasse.
„Na also, warum nicht gleich so?“, fragt der Zugbegleiter, nach Luft ringend, und begutachtet zufrieden seine Beute. Dann wendet er sich wieder mit zornfunkelnden Augen an mich: „Ich kann nur hoffen, dass du ab jetzt kooperativer sein wirst. Sonst werden wir zwei nicht viel Freude miteinander haben.“

– „Sagen Sie einmal, warum lassen Sie den Herrn Billeteur nicht einfach seine Arbeit machen?“, mischt sich nun auch die ältere Dame mir gegenüber ein, die dem seltsamen Treiben bisher missbilligend, aber immerhin schweigend zugesehen hat. „Er meint es doch nur gut mit Ihnen. Aber so, wie Sie sich hier echauffieren, werden Sie sich’s am Ende auch noch mit dem gutmütigsten Kontrollor verscherzen. Und dann möchte ich nicht in Ihrer Haut stecken, Sie …, Sie Wüstling, Sie!“ Drohend schwingt die Alte den Knauf ihres Regenschirms in meine Richtung und streicht sich mit der anderen Hand aufgeregt ihr onduliertes Haar zurecht. Ihr solariumgebräuntes Knittergesicht hat vor lauter Empörung einen beinahe cremefarbenen Teint angenommen.

Ich greife mir an den Kopf und starre sie fassungslos an. Irgendwie muss ich im völlig falschen Film gelandet sein …

„Um dir meinen guten Willen zu beweisen, werde ich dir dein aufmüpfiges Verhalten ausnahmsweise noch einmal durchgehen lassen“, meldet sich nun wieder, in versöhnlichem Tonfall, der Schaffner zu Wort, „Aber nur, wenn du mir jetzt schön artig deinen Videotheken-Ausweis überreichst.“
– „Das wird ja immer toller hier“, seufze ich kopfschüttelnd und vergrabe verzweifelt mein Gesicht in den Händen. „Aber bitte, wenn es Sie glücklich macht …“ Mit einer achtlosen Bewegung werfe ich dem Schaffner meine Euro-Video-Kundenkarte vor die Füße, völlig konsterniert.

„So gefällt mir das schon besser“, sagt der Schaffner und wiegt die Videotheken-Karte andächtig in seinen Händen. „Bist ein großer Filmfan, was?“
Ich weiß nicht, was ich auf diese in jeder Hinsicht bizarre Frage antworten soll und schweige. „Ich kann mir schon vorstellen, was so einer wie du für Filme schaut“, fährt der Zugchef mit spöttischem Unterton fort. „Wahrscheinlich nur so hirnwichserischen Kunstkram, hab’ ich Recht? Studentenfilme!“ Er bricht in schallendes Gelächter aus, von dem er sich nur mit Mühe wieder erholt. „Was mir jetzt noch fehlt zu meinem Glück …“, sagt er dann, während er sich die Tränen aus den Augenwinkeln wischt und immer wieder von glucksenden Lachern erschüttert wird, „ … ist deine Löwen Card.“

– „Meine … Löwen Card?“, frage ich verständnislos. Mir schwirrt nur noch der Kopf.
– „Na, diese Kundenkarte, von deinem Elektrohändler.“
– „Äh, wozu genau muss ein Schaffner die Kundenkarte meines Elektrohändlers kontrollieren?“
– „Spezialvorschrift!“, versetzt der Schaffner grinsend.
– „Hmmm, keine Ahnung, ob ich so etwas überhaupt besitze“, brumme ich, während ich mich vollkommen verwirrt in meinem – mittlerweile deutlich leichteren – Portmonee auf die Suche begebe.
– „Aber sicher doch“ sagt der Zugbegleiter zuversichtlich.

Und wirklich: Ganz unten in meinem Kartenfach, dort, wo seit Menschengedenken nie jemand hin gegriffen hat, findet sie sich – eine Kundenkarte, lichtblau und mit geschmackvollem Löwenemblem versehen, „die Karte für Ihren persönlichen Vorteil, mit bis zu 3 % Rückvergütung.“
„Woher zum Teufel …“, stammle ich und starre den Schaffner bass erstaunt an, „woher haben Sie gewusst, dass ich die in meiner Geldtasche habe?“
– „Oho, ich weiß so einiges über dich“, sagt der Schaffner lächelnd, zwinkert mir zu und lässt die Karte schwungvoll in seiner Brusttasche verschwinden. „Und jetzt“, fährt er plötzlich in vollkommen verändertem Tonfall fort, „zeig mir dein Knie!“

– „Was?“ Ich muss mich verhört haben. „Was haben Sie da gerade gesagt?“

– „Du hast mich schon richtig verstanden, Freundchen. Zeig’ mir dein Knie!“, wiederholt der Schaffner. Seine Stimme klingt auf einmal eiskalt.
– „Warum in aller Welt sollte ich das tun?“, frage ich, völlig perplex.
- „Weil ich es dir befehle“, sagt der Schaffner warnend.
- „Und wenn ich mich weigere?“
– „Das würde ich dir nicht raten, oh nein.“ Der Schaffner macht einen Schritt auf mich zu.
– „Sie …, Sie können mich nicht einfach dazu zwingen, Ihnen mein Knie zu zeigen!“, rufe ich kämpferisch.
– „Du wirst schon noch sehen, was ich alles kann!“, sagt der Schaffner drohend. „Also los, wird’s bald? Zeig mir endlich dein Knie!“
– „Kommt gar nicht in Frage!“, rufe ich.
– „Du bist nicht befugt, in einem Personenzug der Österreichischen Bundesbahnen zu reisen, wenn du dich weigerst, mir dein Knie zu zeigen!“, sagt der Schaffner, immer lauter werdend.
– „Sie sind ja vollkommen wahnsinnig“, stelle ich nüchtern fest. „Lassen Sie mich endlich in Ruhe!“
– „Du hast ja keine Ahnung, in was für Schwierigkeiten dich deine bockige Art noch bringen wird“, zischt der Schaffner mit mühsam unterdrücktem Zorn. „Ich warne dich ein letztes Mal: Zeig … mir … dein … verdammtes … Knie!“
– „Niemals“, flüstere ich.
– „Na gut …“, sagt der Schaffner tonlos. „Du lässt mir keine andere Wahl“.

Mit einer blitzartigen Bewegung stürzt er zu Boden, packt mich brutal am Knöchel und reißt mein linkes Hosenbein nach oben. Ich versuche, ihn wegzustoßen und nach ihm zu treten, doch schon hat er meinen anderen Knöchel ergriffen und schiebt auch mein zweites Hosenbein mit unwiderstehlicher Gewalt in die Höhe. Voller Genugtuung starrt er auf meine freigelegten Beine.
„Wusste ich es doch!“, ruft er triumphierend.

Ganz langsam, von einer dumpfen Vorahnung erfüllt, senke ich den Kopf und lasse meinen Blick vorsichtig an meinen Beinen entlang nach unten gleiten. Mir schwant Schreckliches. Ich habe plötzlich panische Angst vor dem, was ich gleich sehen werde.

Und tatsächlich: Der Schaffner hat Recht:
Meine Beine führen in einer perfekten Geraden ohne Unterbrechung von der Hüfte bis zum Boden. Kein Knie.

„Oje, oje, mein Lieber, jetzt haben wir beide ein wirkliches Problem“, sagt der Schaffner. Er ist wieder aufgestanden und hat sich mit verschränkten Armen ganz nahe vor mir aufgebaut, so dass sein langer Schatten mich vollkommen verdunkelt. Ein seltsames Lächeln spielt um seine Mundwinkel. „Hättest du vielleicht die Güte, mir zu verraten, wo dein Knie geblieben ist?“, fragt er mit einem rätselhaften Unterton in der Stimme.

– „Ich … ich … habe keine Ahnung“, stottere ich fassungslos. „Ich … kann es mir beim besten Willen selbst nicht erklären …“
– „Irgendeine Erklärung muss es aber geben“, meint der Zugchef belehrend. „Dinge passieren nicht einfach so. Also, ich frage dich noch einmal: Warum hast du kein Knie?“
– „Ich muss es … vergessen haben“, sage ich verzweifelt. Ich bin nahe daran, den Verstand zu verlieren.
Die alte Dame mir gegenüber schüttelt empört den Kopf: „Also, so eine Unverfrorenheit! Mir nichts dir nichts in den Zug einsteigen und dann nicht einmal das eigene Knie dabei haben … Ja, wo kommen wir denn dahin, frage ich Sie?“
– „Mia san decht ned bei die Neger“, bekräftigt der Metzgerlümmel am Nebensitz und gafft mich angewidert an.

„Aber …“, sage ich stockend, „so etwas kann doch jedem einmal passieren. Sein Knie zu Hause liegen zu lassen, ist doch kein Beinbruch … Und außerdem“, wende ich mich anklagend an den Schaffner, „warum haben Sie es eigentlich immer nur auf mich abgesehen? Wieso kontrollieren Sie nicht einmal die anderen Passagiere?“ Ich deute auf den Fleischhauer und die bronzefarbene Alte.
„Ich bin der festen Überzeugung, dass es bei den übrigen Fahrgästen knietechnisch nichts zu beanstanden gibt“, entgegnet der Schaffner. „Sind immerhin alles brave Bürger.“
– „Also, i hu des meinig oiwei bei mia!“, verkündet der Metzger fröhlich. Demonstrativ rollt er seine blauen Arbeitshosen nach oben und hält stolz sein rotes, verfettetes Knie in die Runde. Auch die alte Frau krempelt ihren grauen Überrock hoch, zieht ihre dicke Strumpfhose nach unten und entblößt selbstbewusst ihr faltiges Bein. Ihr Knie ist verwittert und verknöchert – aber es ist unzweifelhaft vorhanden. Ganz im Gegensatz zu meinem.

„Tja“, sagt der Schaffner lächelnd, „die anderen fahren bei mir alle gratis. Nur du musst bezahlen!“ Er zeigt mit dem ausgestreckten Finger auf mich.
„Wie viel?“, frage ich tonlos und zücke schicksalsergeben meinen Geldbeutel.
– „Gib her!“, sagt der Schaffner grob und grabscht nach meinem Portmonee. Hastig beginnt er, sich durch die Fächer zu wühlen. Rechnungen und Eintrittskarten segeln durch die Luft, Münzen prasseln zu Boden und rollen unter die Sitze. „Das reicht nicht!“, sagt er irgendwann barsch.
– „Aber wie ist das möglich?“, protestiere ich. „Ich war doch gerade heute erst auf der Bank!“ – „Es reicht deshalb nicht“, sagt der Schaffner eindringlich, „weil dein Geld bei mir nichts wert ist. Siehst du?“

Er zieht einen Hunderter aus meiner Geldtasche, hält ihn mir direkt vors Gesicht – und knüllt ihn dann vor meinen Augen zusammen. Ich bin sprachlos.
„Und … hepp!“, ruft der Schaffner. Er wirft das Papierkügelchen an mir vorbei dem Metzgergesellen zu. Vergeblich versuche ich, danach zu schnappen. Der Fleischhauer fängt das Bällchen geschickt und gibt es behände an die alte Dame weiter, die es wiederum elegant dem Schaffner zuwirft. So geht das Spielchen eine ganze Weile. Irgendwann gebe ich auf. „Wie soll ich denn bezahlen, wenn Sie mein Geld nicht wollen?“, frage ich schluchzend.

– „Nun“, erwidert der Schaffner bedächtig, „leider sind deine Verfehlungen viel zu schwerwiegend, als dass man sie jemals materiell aufwiegen könnte.“
– „Wirklich?“, schniefe ich, „gibt es denn keine andere Möglichkeit, den Schaden wieder gut zu machen?“
– „Bedauerlicherweise nein“, sagt der Schaffner ernst. „Für einen wie dich, der sich freiwillig ins Abseits stellt, ist kein Platz mehr bei uns. Wer draußen ist, ist draußen.“
– „Aber es tut mir doch Leid“, jammere ich. „Und … und es wird auch nie wieder vorkommen!“
– „Da hast du Recht“, sagt der Schaffner. „Und zwar weil du jetzt rausfliegst!“
– „Aber … Sie können mich doch nicht einfach so hinauswerfen“, wimmere ich leise.
– „Ach nein?“, fragt der Zugbegleiter grinsend. „Und wieso nicht? Ich bin der Schaffner. Und warum bin ich das? Weil ich hier an-schaffe!“
Er beginnt lauthals zu lachen. Die alte Frau fällt wiehernd mit ein und auch der Fleischhauer prustet los. „Eine grandiose Pointe!“, gratuliert die Alte, „los, gib’ mir fünf!“ Sie und der Schaffner schlagen ein. Das Gelächter will kein Ende nehmen.

„He, du Trantüte, lach doch ein wenig mit“, fordert mich der Schaffner Schenkel klopfend auf, „solange du noch etwas zu lachen hast!“ Er wischt sich den Schaum vom Mund. „Und jetzt“, sagt er dann, noch immer vor sich hin gackernd, „zurück zum Ernst des Lebens.“

Federnden Schritts durchmisst der Schaffner das Abteil. Vor der feuerroten Notbremse bleibt er stehen. „Das wollte ich schon immer einmal machen. Ich bin aufgeregt wie ein Schuljunge“, erzählt er vergnügt, an den Metzger und die braune Oma gewandt.
Und schon zieht er mit einem kräftigen Ruck die Notbremse nach unten.

Ein Quietschen, ein durchdringendes Kreischen, dann ein dauerhafter Signalton. Der Zug hält so abrupt, dass ich mit voller Wucht gegen die Abteiltür pralle – während der Schaffner kerzengerade stehen bleibt als sei er im Boden festgewachsen.

Mühsam rapple ich mich auf. Um mich herum dreht sich alles. Warmes Blut senkt sich wie ein roter Schleier über meine Augen, tropft auf den Fußboden, die Tür, die Sitze …

„Was fällt dir ein, hier alles vollzubluten?“, herrscht mich der Schaffner an. „Hast du nicht schon genug angerichtet? Nehmen deine Frechheiten denn niemals ein Ende?“
Ich antworte nicht.

Benommen und über die Maßen verwirrt, wie ich bin, versuche ich nicht einmal, die Flucht zu ergreifen, als der Schaffner nun mir riesigen Schritten und einem Besorgnis erregenden Flackern in den Augen auf mich zustürzt.
„Na warte, Freundchen“, grunzt er, „jetzt geht’s dir an den Kragen!“

Und er hält Wort: Mit beiden Händen fasst er mich, den Wehrlosen, an der Gurgel, schließt seine Finger wie einen Schraubstock um meine Kehle – und hebt mich im Würgegriff vom Boden auf. „Woher nimmt er diese Kräfte …?“, schießt mir noch durch den Kopf. „Und woher kann er wissen, dass mir schon die kleinste Berührung an der Kehle Höllenqualen bereitet?“
Dann wird der Schmerz so unerträglich, dass er alle anderen Gedanken und Gefühle verdrängt. Es fühlt sich an, als würde man mir bei lebendigem Leibe den Kopf abreißen, und ein tonnenschwerer Druck auf meiner Brust schnürt mir die Luft ab. Ich strample, um mich zu befreien, trete den Schaffner in die Leibesmitte und blute ihm nach Kräften seine Dienstkleidung voll. Vergeblich – er lockert seinen Zangengriff um keinen Millimeter. Widerstand ist zwecklos. Mir wird schwarz vor Augen, dann rot, dann grün und dann weiß …

Ein tiefes Weiß umgibt mich auch, als ich wieder zu mir komme – in der Böschung steckend, bis zum Hals im Schnee. Der Zug ist mitten auf der Strecke stehen geblieben, irgendwo im Nirgendwo.

Der Schaffner lehnt hoch über mir in der Zugtür und blickt hochmütig auf mich herab, ein schwarzer Schemen im Gegenlicht. Ich versuche, ihm zuzuwinken, doch ich kann meine Arme nicht bewegen. „Sie können mich doch nicht einfach hier zurücklassen“, möchte ich ihm zurufen, doch ich bringe nicht einmal ein Krächzen heraus.
Seltsamerweise scheint mich der Schaffner trotzdem genau verstanden zu haben, denn er beugt sich feixend zu mir herunter: „Natürlich kann ich dich hier zurücklassen“, erklärt er voll Zuversicht. „Es scheint mir sogar der ideale Ort für ein solches Unterfangen zu sein. Hier wird dich nämlich niemand finden. Denn hier halten keine Züge!“

– „Warum geben Sie mir nicht wenigstens meine Dokumente zurück?“, flehe ich voll Verzweiflung. Wiederum versagt mir meine Stimme den Dienst.
„Das würde dir so passen, wie?“, antwortet der Schaffner, der abermals jedes Wort verstanden hat. Mit einem grausamen Lächeln zieht er meine gesammelten Ausweise und Kärtchen aus der Tasche, hält sie ins Licht, damit ich sie noch einmal sehen kann und beginnt dann, ein Dokument nach dem anderen zu vernichten. Er zerreißt sie, zerkratzt sie genüsslich mit seinem Schlüsselbund und lässt sie mit dem Feuerzeug langsam verschmoren.

„Das war ja der Sinn der ganzen Sache“, sagt er schließlich. „Wir löschen jede Erinnerung an dich aus. Niemand wird wissen, dass du jemals existiert hast.“ Er grinst, winkt mir fröhlich zu und macht sich daran, die Zugtür zu verriegeln.

Im letzen Augenblick dreht er sich noch einmal zu mir um: „Und schönen Gruß an Feldmarschall Krause“, kichert er.

Dann schließt sich die Tür. Mein Zug ist abgefahren.