99 Kisten Bier. Eine tragikomische Punk-Posse

doma

Ein trostloser Kleinstadt-Bahnhof an einem trüben Herbstnachmittag: Draußen im strömenden Regen parken einige Taxis und warten auf die heimkehrenden Pendler. In der öden Bahnhofshalle herrscht kaum Betrieb. Vor dem unbesetzten Fahrkartenschalter stehen einige ratlose Touristen, eine ältliche Reinigungskraft wienert mit trägen Bewegungen vor sich hin.
Neben dem Eingang zum mickrigen Bahnhofsrestaurant lungern ein paar Jugendliche herum – drei Burschen, ein Mädchen – die durch Haartracht, hohes Schuhwerk und ebenso hohen Schmuddelfaktor unschwer als Oldschool-Bierpunks zu identifizieren sind. Einer von ihnen trägt eine verratzte Jeansjacke mit „The Exploited“-Aufnähern, die anderen fleckige T-Shirts mit den Schriftzügen „Punk’s not Dead“, „Voll Assi“ und „Hitler Bad – Vandals Good“. Sie trinken Dosenbier. Aus einem abgehalfterten Kassettenspieler dröhnt klassischer Deutschpunk.
Unweit von ihnen, auf einem unbequemen Plastiksessel, kauert ein junger Mann, lesend, Typ Vergleichende-Literaturwissenschaft-Student im vierten Abschnitt, mit schwarzem Rollkragenpullover und nerdiger Hornbrille mit dicken Gläsern – der Eierkopf-Punk. Dem ungeduldigen Trommeln seiner Füße und den regelmäßigen Blicken auf die Uhr ist zu entnehmen, dass er auf einen Zug wartet. Als aus dem Bahnhofslautsprecher plötzlich eine Durchsage erklingt, sieht er erwartungsfroh auf.

DER BAHNBEAMTE (in missmutigem, demotiviertem Tonfall, da offensichtlich gerade aus der verlängerten Mittagspause aufgestört): “Meine Damen und Herren, eine Verspätungsbekanntgabe: Eurocity 7-68, Kaiserin Maria Theresia, nach Mailand über Innsbruck und Brennero/Brenner, mit der planmäßigen Abfahrt um 16.05 Uhr von Bahnsteig 3ab ist wegen Abwarten eines Anschlusszuges voraussichtlich 30 bis 35 Minuten verspätet. Ich wiederhole …”

DER EIERKOPF-PUNK (ärgerlich): “Na geh … (Er legt seine Sartre-Biographie zur Seite und sieht sich unschlüssig um, offensichtlich auf der Suche nach einer anderen Möglichkeit, in der nächsten 30 bis 35 Minuten die Zeit totzuschlagen. Nach einigem Zaudern nähert er sich schließlich der Gruppe von Bierpunks und versucht, mit ihnen ins Gespräch zu kommen): Äh, hallo! Entschuldigung, ich möchte euch nicht stören, aber … äh, mein Zug kommt etwas später, … uuund da dachte ich mir, vielleicht, äh, könnte ich mich … in der Zwischenzeit … ja ein Weilchen zu euch … uuund ein wenig plaudern, äh, wenn das für euch okay ist?”

Die Bierpunks nehmen keinerlei Notiz von ihm, womöglich haben sie ihn wegen des laut aufgedrehten Kassettenspielers gar nicht gehört. Der Eierkopf-Punk zögert ein wenig, dann nimmt er einfach neben einem der Bierpunks am Boden Platz und bemüht sich, diesen in ein Zwiegespräch zu verwickeln.

DER EIERKOPF-PUNK: “Weil … ich höre nämlich selber viel Punk, und ich interessiere mich wirklich außerordentlich für seine diversen Dimensionen … gerade auch für die soziologischen Aspekte … letztes Semester habe ich auf der Uni sogar ein Referat dazu gehalten … das genaue Thema war: „Punk als subkulturelle Praxis“ – falls es dich interessiert. Und … da dachte ich mir, wann hat man schon mal Gelegenheit, mit einem richtigen Punk … äh, nicht wahr? (Lacht verlegen). Ich, äh, wollte immer schon mal wissen, wie das ein echter „Streetpunk“ so sieht, … was für dich eigentlich das Wesen von Punk ausmacht. Was ist für dich … Punk?”
(Er schaut den Bierpunk erwartungsvoll an).

Der Bierpunk würdigt sein Gegenüber keines Blickes. Stattdessen öffnet er mit lautem Zischen eine weitere Dose Bier. Er nimmt einen kräftigen Schluck, seufzt zufrieden und wischt sich dann genießerisch den Schaum von der vielfach durchstochenen Oberlippe.

DER EIERKOPF-PUNK (enthusiastisch): “Na denn, Prost! Aber zurück zur Frage nach dem Wesen von Punk: Vielleicht würde dich ja meine persönliche Sichtweise von Punk interessieren. Für mich bedeutet Punk … auf der einen Seite ein klares NEIN: Nein zu prätentiösem, aufgeblasenem Bombastrock, nein zu Kunsthandwerk und instrumenteller Virtuosität, nein zum herkömmlichen Rockverständnis. Auf der anderen Seite bedeutet Punk für mich … ein klares JA: Ja zu einer radikalen Zäsur in der Geschichte der populären Musik, ja zum Aufbrechen verkrusteter Strukturen, ja zum Do-it-yourself-Prinzip, ja zum Motto „Anyone can do it“, ja zur Zwei-Akkord-Ästhetik, ja zu bewusstem Dilettantismus, Amateur-Spirit und Independent-Ethos. Das ist für mich Punk!”

Stolz blickt er in die Runde, offensichtlich in der Hoffnung, die Bierpunks würden in irgendeiner Form auf seine begeisterten Ausführungen reagieren. Deren Interesse gilt aber nur dem Deutschpunk-Klassiker, dessen Refrain gerade aus dem alten Kassettenspieler dringt.

DIE BIERPUNKS (im Chor mitgrölend): „Saufen, saufen, Tag und Nacht/ saufen, bis der Schädel kracht/ Wir woll’n am Alk zu Grunde gehen/ ihr werdet das wohl nie verstehen …“

Sie heben die Bierdosen und prosten einander johlend zu. Der Eierkopf scheint für sie nicht zu existieren. Diese Tatsache hält ihn aber nicht davon ab, in seinen wissenschaftlichen Betrachtungen fortzufahren.

DER EIERKOPF-PUNK (in jovialem, pathetischem Tonfall, immer mehr in Fahrt kommend): “Musikhistorisch gesehen, gebührt euch Punks wirklich ein unschätzbares Verdienst: Ihr, ihr … habt den in … Konformismus und selbstverliebter Trägheit erstarrten Rock aus den Chefetagen der Großkonzerne wieder auf die Straße zurückgeholt, ihr habt ihn … den anonymen Geschäftemachern entrissen und ihn wieder zu seinen rebellischen Anfängen zurückgeführt, bei gleichzeitiger Negation der chauvinistischen Ideologie des Rockismus. Dafür ein großes … Dankeschön! Wobei ich persönlich ja glaube ja, dass Punk weniger eine bestimmte Musikrichtung ist, sondern eher eine grundsätzliche Geisteshaltung, eine … Attitüde. In diesem Sinne waren für mich eigentlich „The Velvet Underground“ oder Bob Dylan die ersten Punks. Ja, ich würde sogar so weit gehen, zu behaupten, dass bereits Arnold Schönberg oder Gustav Mahler in gewissem Sinne als geistige Urväter des Punk bezeichnet werden könnten: Künstlerische Kompromisslosigkeit, Mut zur Innovation, Radikalität. Das ist für mich Punk! … Oder wie seht ihr das?”

DIE BIERPUNKS (schwingen ihre Bierdosen und Fäuste im Takt der Musik und brüllen, den Eierkopf geflissentlich ignorierend): “Oi! Oi! Oi!”

Der Eierkopf-Punk wartet geduldig, bis der Schlachtgesang verstummt ist und wendet sich dann dem einzigen weiblichen Bierpunk in der Gruppe zu. Er nimmt im Schneidersitz neben ihr Platz, holt tief Luft und beginnt, in einem dozierenden Tonfall auf sie einzureden.

DER EIERKOPF-PUNK: “Ich persönlich habe mich ja in letzter Zeit fast nur noch mit feministischem Punk auseinandergesetzt, mit speziellem Fokus auf die so genannte „Riot Grrrl“-Bewegung der 90er Jahre, von den US-amerikanischen Ursprüngen mit Formationen wie „Bikini Kill“ bis hin zu europäischen Ablegern wie „Atari Teenage Riot“. Diese … radikale Ablehnung der Grundprinzipien männlich-sexistischen Musizierens, des Strebens nach Virtuosität und technischer Instrumentenbeherrschung und der …. prometheischen Männerphantasie einer Kontrolle der Umwelt durch die Technik, das hat mir schon sehr imponiert, muss ich sagen. Das ist für mich Punk! Wobei ich ja finde, dass sich gerade auch in der aktuellen Szene sehr viel tut, ich denke da nur an … „Le Tigre“, „Peaches“, „The Gossip“ oder wie sie alle heißen. Wobei ich persönlich ja besonders feministischen Punk aus dem deutschen Sprachraum schätze, beispielsweise Bands wie „Britta“ oder „Braut haut aufs Auge“ … Kennst du die?”

DER WEIBLICHE BIERPUNK (am Eierkopf vorbei ins Leere glotzend, im Takt der Musik mitwippend, skandierend): „99 Kisten Bier/ sind das Allerliebste mir.“

Aus dem Kassettenspieler ertönt nun die Punkhymne „Pflasterstein flieg“. Die Bierpunks stimmen lautstark mit ein. Vom zunehmenden Lärm aufgeschreckt, kommt aus dem Bahnhofsrestaurant plötzlich ein lässig-adretter Mittzwanziger geeilt, der bis dahin an einem Stehtischchen gleich beim Eingang gelehnt hat. Der junge Mann, vermutlich freier Mitarbeiter einer Werbeagentur, trägt geschmackvoll-gehobene Kleidung, einen asymmetrischem Emo-Haarschnitt und eine modische Umhängetasche. In der einen Hand hat er ein Tässchen Moccaccino mit Sahnehäubchen und Schokoplättchen, mit der anderen hält er sich ein teuer aussehendes Handy ans Ohr. Es ist … der Prosecco-Punk.

DER PROSECCO-PUNK (sich an die Bierpunks wendend): “Jungs, bitte! Ginge es vielleicht auch etwas leiser? Ich versuche gerade mit meinem Mädchen zu telefonieren. Sie hatte heute Morgen eine ganz, ganz wichtige BWL-Klausur und möchte mich jetzt kurz darüber updaten. Aber bei dem Lärm, den ihr da macht, verstehe ich kein Wort …”

Die Bierpunks starren den Prosecco-Punk finster an. Ihre Abneigung ist deutlich sichtbar.

DER PROSECCO-PUNK (in begütigendem Tonfall): “Nicht, dass wir uns falsch verstehen. Ich habe nichts gegen … äh, Leute wie euch. Ich habe ja früher selber gerne Punk gehört, „Blink 182”, „Good Charlotte” und wie sie alle heißen. Und mir gefällt auch dieses … Punk-Girlie gut, die, die jetzt so richtig auf politisch macht, wie heißt sie doch gleich, … ach ja, „Pink”. Da hab’ ich echt kein Problem damit. Und ich finde sogar eure „Iros“ als Mode-Accessoire ziemlich stylish. Aber dieses Gegröle, das muss doch nun wirklich nicht sein, oder? Na also …
(Er zieht sich wieder ins die Gaststätte zurück, das unterbrochene Telefongespräch fortsetzend). So Honey, jetzt geht’s wieder. Ich hab das mal eben rasch geklärt …”

In dem Moment, in dem der Prosecco-Punk aus dem Blickfeld verschwunden ist, beginnen die Bierpunks wieder lauthals zu grölen.

DIE BIERPUNKS: „Meine Mutter fängt stets an zu schrei’n/ Junge, lass das Saufen sein/ doch mir ist das scheißegal/ sterben tun wir alle mal.“

Inzwischen ist aus irgendeiner dunklen Ecke der Halle ein kleiner weißer Hund aufgetaucht, der eindeutig zur Gruppe der Bierpunks gehört, sich durch sein gepflegtes Auftreten aber deutlich von diesen abhebt. Im Gegensatz zu den Bierpunks scheint er sich sehr für den Eierkopf zu interessieren. Er macht Männchen, bellt und beginnt, den Eierkopf im Intimbereich zu beschnüffeln, was diesem sichtlich unangenehm ist.

EIN BIERPUNK (in die Hände klatschend): “Rotten, komm sofort her! Platz! (drohend): Rotten, hörst du schlecht? PLATZ!”
(Der kleine Hund, offensichtlich wohlerzogen, lässt vom Eierkopf ab, läuft zu seinem Herrchen und rollt sich nach einigen Streicheleinheiten brav vor dessen Füßen zusammen).

DIE BIERPUNKS (beginnen wieder zu singen): „Keine Regeln, kein System/ gib mir Punk – und zwar extrem.“

DER EIERKOPF-PUNK (euphorisch): “Ja! Genau! So muss es sein! Keine Regeln, kein System! Macht kaputt, was euch kaputt macht! Strikte Ablehnung von Hierarchien, egalitäres Prinzip, die Philosophie des Anarchischen, die Politik der individuellen und kollektiven Selbstermächtigung. Das ist für mich Punk!”

Die Bierpunks kümmern sich nach wie vor nicht um ihn, er scheint Luft für sie zu sein.

DER EIERKOPF-PUNK (unbeirrt): “Ich … habe übrigens überhaupt kein Problem damit, dass ihr mich ignoriert. Im Gegenteil, ich finde euer widerspenstiges Verhalten geradezu bewundernswert. Es zeugt von einer konsequent praktizierten Verweigerungshaltung, von einer Ethik des Nonkonformismus. Unbequem, unangepasst, unkorrumpierbar! Das ist für mich Punk! Einfach sein eigenes Ding durchziehen!”

EIN BIERPUNK (sich erstmals in Richtung des Eierkopfs wendend): “Durchziehen? Wir sind doch keine Scheiß-Hippies!”
Er wendet sich wieder ab.

Ein anderer Bierpunk, der augenscheinlich am meisten von allen getankt hat, erhebt sich mühsam vom Boden, kickt die eben geleerte Bierdose durch die Halle und beginnt, seine zerrissenen Hosentaschen zu durchwühlen. Nachdem er offensichtlich nicht gefunden hat, wonach er sucht, sieht er sich langsam in der Halle um. Schließlich fällt sein Blick auf das den Prosecco-Punk, der, immer noch telefonierend und an seinem Moccaccino nippend, an seinem Tischchen gleich neben der Tür in der Bahnhofsreste steht. Der Bierpunk betritt, leicht torkelnd, das Lokal und steuert auf den Prosecco-Punk zu.

DER ANGEHEITERTE BIERPUNK (lallend): “He Alter, haste mal ’ne Mark …, äh, ich meine, 50 Zent für mich?”

DER PROSECCO-PUNK (pikiert die Nase rümpfend): “Lass’ mich in Ruhe!”
Er versucht den schnorrenden Bierpunk mit einer arroganten Handbewegung zu verscheuchen. Dieser lässt sich aber nicht so einfach abwimmeln.

DER ANGEHEITERTE BIERPUNK: “Hör mal, ich brauch doch nur ’n paar Zent für ’ne klitzekleine Hülse. Nun komm doch …”

DER PROSECCO-PUNK (aufbrausend): “Ich habe doch gesagt, du sollst verschwinden! Hau endlich ab und lass mich telefonieren!”
(Er gibt dem Bierpunk einen leichten Schubs. Dieser schwankt kurz, kann aber mit Mühe das Gleichgewicht halten und stolpert neuerlich auf den Prosecco-Punk zu).

DER EIERKOPF-PUNK (hat inzwischen ebenfalls das Restaurant betreten und will die Situation beruhigen): “Warte, ich kann aushelfen.” (Er zückt die Geldtasche). “Hier hast du 50 Cent. Oder auch einen Euro, nimm dir einfach, was du brauchst.”

DER ANGEHEITERTE BIERPUNK (zornig): “Dich hab’ ich nicht gefragt!” (Er wendet sich vom Eierkopf ab und ein weiteres Mal dem Prosecco-Punk zu): “Also, Mann, wie sieht’s aus? Warum machste nicht ein bisschen Schotter locker?”

DER PROSECCO-PUNK (immer aggressiver): “Jetzt reicht’s mir aber langsam mit dir, du Radaubruder! Wenn du nicht sofort Land gewinnst, lasse dich rausschmeißen!”

Als der Bierpunk keine Anstalten macht, der Aufforderung Folge zu leisten, klappt der Prosecco-Punk entnervt sein Handy zu, knallt das Moccaccino-Tässchen auf den Tisch und winkt mit einer hektischen Bewegung die Bedienung zu sich. Die Thekenkraft, eine leicht verlebt wirkende, aber resolute Frau in ihren Vierzigern durchmisst mit energischen Schritten das Lokal und baut sich, die Hände in den Hüften, vor dem Tischchen auf.

DIE THEKENKRAFT: “Was ist denn hier los?”

DER PROSECCO-PUNK (voll Abscheu auf den schnorrenden Bierpunk deutend): “Dieser … dieses abgerissene Etwas da und seine ganze Meute draußen vor der Tür, die rauben mir schon die ganze Zeit den Nerv. Ich habe sie in aller Höflichkeit gebeten, ihr Gegröle zu unterlassen, weil ich ein wichtiges Ferngespräch führen muss. Aber glauben Sie, solche Typen interessiert das? Und jetzt hat einer von ihnen sogar noch die Chuzpe, mich mitten in einer Lokalität anzuschnorren und mich mit seiner Ausdünstung nach billigem Bier zu belästigen! Das muss ich mir als zahlender Kunde nun wirklich nicht bieten lassen!”

DIE THEKENKRAFT (packt den schnorrenden Bierpunk bei seiner Jeansjacke und zerrt ihn Richtung Ausgang): “Raus mit dir, du Sozialschmarotzer! Von dir lasse ich mir sicher nicht die Kundschaft vertreiben!”
Mit einem kräftigen Tritt in den Hintern befördert sie den Betrunkenen zur Tür hinaus.

DER ANGEHEITERTE BIERPUNK: “Aua! Aua!” (hält sich mit schmerzverzerrtem Gesicht das Gesäß).

DIE THEKENKRAFT (ihm nachrufend): “Und damit ihr’s nur wisst: Ich rufe jetzt die Polizei!”

DER EIERKOPF-PUNK (sich beschwichtigend an die Thekenkraft wendend): “Verstehen Sie doch! Diese jungen Menschen hier versuchen nur, ihren Lebensentwurf auszuleben, eine bewusste Gegenposition zu unserer oberflächlichen turbokapitalistischen Leistungsgesellschaft … Statt diesen Mut zu unterstützen und Freiräume zu schaffen —”

DIE THEKENKRAFT: “Und du fliegst gleich mit raus, du Psycherl!”
Sie packt den schmächtigen Eierkopf beim Schlafittchen.

In diesem Moment betritt die ganze Rotte Bierpunks das Bahnhofsrestaurant. Sie machen einen überaus bedrohlichen Eindruck. Einer von ihnen hat den kleinen weißen Hund dabei, der wütend knurrt und sich kaum noch an seinem Halsband festhalten lässt.

DIE BIERPUNKS (an den Prosecco-Punk gerichtet): “Du mieser Verräter! Wegen dir haben wir jetzt die Bullen am Hals! Los Rotten, schnapp’ dir den schmierigen Schnösel! Fass!”
Sie hetzen den kleinen Hund auf den Prosecco-Punk.

Der Kläffer startet los und stürzt sich zähnefletschend auf sein Opfer. Der Prosecco-Punk versucht sich mit einem Hechtsprung auf einen Tisch zu retten. Doch der Kläffer ist schneller, schnappt ihn am linken Bein und verbeißt sich genüsslich in der Designerhose des Prosecco-Punks.

DER PROSECCO-PUNK: “Oh nein! Meine Gucci-Hose!”

Er packt den Kläffer und versucht ihn von sich los zu reißen. Schließlich gelingt es ihm: Er ergreift das kleine Tier bei seinem Halsring und schleudert es mit voller Kraft von sich fort. Der Kläffer segelt jaulend durch die Luft, prallt mit voller Wucht gegen die Theke und bleibt wimmernd liegen. Die Bierpunks stürmen mit wütendem Geheul auf den Prosecco-Punk los. Eine wilde Verfolgungsjagd durch das ganze Lokal beginnt. Die Thekenkraft ist inzwischen in einen Nebenraum geflüchtet und verständigt die Polizei.

DER EIERKOPF-PUNK (dem Treiben ratlos zusehend, murmelnd): “Ist das noch Punk?”

In der Zwischenzeit ist in der Bahnhofshalle vor dem Lokal ein Rudel Dorfnazis aufgetaucht. Sie tragen streng gescheiteltes Haar, klobige Bergschuhe und „Lonsdale“-Pullover bzw. T-Shirts mit martialischen „Böhse Onkelz“-, „Skrewdriver“- und „In Extremo“-Aufdrucken. Aus dem Kassettenspieler der Bierpunks erklingt gerade der antifaschistische Punk-Gassenhauer „Deutschland muss sterben, damit wir leben können“. Die Dorfnazis packen das Gerät und zerschmettern es auf dem Boden. Dann stürmen sie das Bahnhofsrestaurant, wo die Bierpunks sich eben anschicken, den hinter dem Tresen verschanzten Prosecco-Punk mit halbvollen Bierdosen zu bombardieren.

DIE DORFNAZIS (mit alpenländischem Zungenschlag): “Ah, då san’s, de lincken Zecken!”

Sie ergreifen Stühle, Flaschen und Gläser und stürzen sich auf die Bierpunks. Die beiden Gruppen prallen aufeinander. Krachen, Klirren, Kampfgeschrei, tumultartige Zustände.

DIE BIERPUNKS (im Chor): „Doch wird werden siegen/ wenn die Steine fliegen …“

DIE DORFNAZIS (grunzend): “Wo stecken de Zecken?”

DER EIERKOPF-PUNK (will den Bierpunks zu Hilfe eilen, verheddert sich aber in seinen eigenen Schuhbändern, die sich aus der Öse gelöst haben, fällt ungeschickt zu Boden und bleibt benommen liegen).
Rund um ihn herum wird das Tohuwabohu immer schlimmer. Stühle fliegen durch die Luft, Bierdosen zerplatzen, Geschirr zerschellt. Der Lärm ist so groß, dass niemand die herannahenden Polizeisirenen hört.

Eine Horde Kleinstadtpolizisten stürmt die Bahnhofshalle und dann das Restaurant, angeführt von einem beleibten Wachtmeister mit walrossartigem Schnauzbart.

DER WACHTMEISTER (mit donnernder Stimme, in bemühtem Hochdeutsch): “Ja, was ist denn hier für ein Specktackel? Ja, wo samma denn?”

Die Dorfnazis und Bierpunks halten kurz im Kämpfen inne und blicken auf, beginnen dann aber sofort wieder, mit erhöhter Schlagzahl aufeinander einzuprügeln. Die Kleinstadtpolizisten zücken ihre Gummiknüppel und werfen sich nun ebenfalls ins Gefecht. Inzwischen ist auch die Thekenkraft wieder aufgetaucht und verwickelt den Eierkopf in eine wüste Schlägerei. Auch der Kläffer hat sich wieder aufgerappelt und mischt kräftig mit.
Die ganze Masse ballt sich zu einem riesigen Knäuel aus Gliedmaßen und Köpfen, alle Rufe und Schmerzensschreie verschmelzen zu einem einzigen Stimmengewirr.

DIE POLIZISTEN: “Im Namen des Gesetzes …”

DIE BIERPUNKS: „Haut die Bullen platt wie Stullen/ stampft die Polizei zu Brei …“

DIE DORFNAZIS: “Zecke, verrecke!”

DIE THEKENKRAFT: “Nimm das, du Freak!”

DER EIERKOPF-PUNK: “Meine Brille, meine Brille!”

DER KLÄFFER: “Wuff! Wuff!”

DIE BIERPUNKS: „Auch der letzte Bulle rennt/ wenn erstmal das Rathaus brennt.“

EIN GEBRECHLICHER GREIS (aus dem Nichts auftauchend): “Für Gott, Kaiser und Vaterland!”
Er stürzt sich mit seinem Krückstock ins Getümmel.

DIE BIERPUNKS: „Bomben bauen, Waffen klauen/ den Bullen auf die Fresse hauen.“

DER EIERKOPF-PUNK (triumphierend): “Jawohl, keinen Kniefall vor der Staatsgewalt! Widerstand, Zivilcourage, Systemkritik! Das ist für mich Pun—”
Mitten im Satz wird er von einer verirrten Dose „Skol“-Bier am Kopf getroffen und sinkt ohnmächtig in sich zusammen.

RIESENCHAOS (breitet sich aus). Das gesamte Restaurant und schließlich auch die angrenzende Bahnhofshalle versinken in einer Zerstörungsorgie von nahezu biblischen Ausmaßen. Aus einem Lautsprecher dringt, die ganze gespenstische Szenerie paradox untermalend, die glockenhelle, fröhliche Stimme von Chris Lohner.

CHRIS LOHNER: “Eurocity 7-68, Kaiserin Maria Theresia, nach Mailand über Innsbruck und Brennero/Brenner fährt in Kürze am Bahnsteig 3ab ein. Bitte – Vorsicht …”