Aus dem Leben eines Tragenichts

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„Ja, ich gestehe: Ich bin ein Flitzer.
Nur damit wir uns jetzt nicht falsch verstehen: Ich bin kein schmuddeliger Kinderschreck, der mitten im Park seinen abgewetzten Trenchcoat lüftet. Ich übertrage weder die Syphilis noch irgendwelche anderen ansteckenden Krankheiten. Ich bin auch kein bierbäuchiger FKK-Spießer an irgendeinem biederen Nacktbadestrand. Ich bin kein Exhibitionist wie jeder andere. Ich bin ein Künstler.

Man kann durchaus behaupten, dass mein Talent zur Nacktheit gewissermaßen angeboren ist, kam ich doch, wie übrigens die meisten anderen Kinder auch, vollkommen unbekleidet zur Welt. Die eigentliche Berufung zum flinken Körperkünstler ereilte mich dann jedoch in meiner Kindheit: Es war wieder einmal Badetag. Meine Mutter hatte mich bereits gewaltsam meiner Kleider entledigt und hielt den gefürchteten Waschlappen wie eine Waffe in der Hand. Doch im letzten Moment konnte ich mich der drohenden Badewanne durch einen spektakulären Fluchtversuch entziehen. Barfuß bis an den Hals suchte ich sprintend das Weite. Mein hüllenloser Husarenritt durch die Nachbarschaft sorgte verständlicherweise für einiges Aufsehen. Und ich merkte schon damals, dass ich gerne im Mittelpunkt stehe, besser gesagt: laufe. Und zwar am liebsten im Naturzustand.

Meinen ersten größeren öffentlicher Auftritt hatte ich allerdings erste Jahre später: Aus Protest gegen die faschistoide Uniformierung in Anzug, Krawatte und Ballkleid stattete ich meinem eigenen Maturaball einen ebenso kurzen wie textilfreien Besuch ab. Wenig überraschend sorgte ich damit für einen Riesenskandal in meinem reaktionären Umfeld – und dies, obwohl ich mich meine Knötchen ganz züchtig unter einem Feigenblatt verborgen hatte, wie es schon in der Heiligen Schrift, der Bibel für uns Exhibitionisten, dokumentiert ist.

Als Student nützte ich meine Begabung, um bei öffentlichkeitswirksamen Nackt-Demos gegen die Studiengebühren und für eine Demokratisierung der Hochschulen zu protestieren. Der Wissenschaft blieb ich auch nach meinem Studium als Lehrender verbunden. An der Donauuniversität in Krems leitete ich in den vergangenen Jahren unter anderem viel beachtete philosophische Grundlagenseminare über die „Die Phänomenologie des Flitzens“ oder „Die Selbstentblößung als schöpferischer Ausdruck individuellen Wollens bei Aristoteles, Schopenhauer und Hannah Arendt“. Natürlich bin ich bemüht, über all der Theorie die flitzerische Praxis nicht zu vernachlässigen.

Wenn Sie mich nach den persönlichen Highlights in meiner bewegten Flitzerkarriere fragen, weiß ich gar nicht recht, wo ich anfangen soll. Zu meinen schönsten Erinnerungen zählt aber sicher der Tag, als ich erstmals meinem großen Vorbild begegnete: Ernst Wilhelm „Ernie“ Wittig, bekannt als der „Flitzerkönig von Bielefeld“. Ich traf ihn rein zufällig beim unbedeckten Joggen in den weitläufigen Wäldern Nordrhein-Westfalens. Wir mussten gar nicht viele Worte wechseln, um im jeweiligen Gegenüber einen Gleichgesinnten zu erkennen.

In den folgenden Jahren hatte ich das Privileg, meinen exhibitionistischen Leidenschaften rund um den Globus frönen zu können. In London war ich ebenso unangemeldeter wie unangezogener Überraschungsgast beim feierlichen Thronjubiläum der Queen.
Auch beim Bundeskongress der Republikaner in Texas „zog ich frei“, wie wir in der Szene zu sagen pflegen.
Gerne denke ich auch an die Olympischen Spiele 2004 in Athen zurück: Dort flitzte ich, ganz dem olympischen Gedanken verpflichtet, mit einem Lorbeerzweig über der Leibesmitte durch das Leichtathletik-Stadion.

Viele Leute glauben, dass es sich beim Nacktsport um eine einzelgängerische Aktivität handle. Dabei ist das Flitzen – entgegen seinem landläufigen Image – eine sehr gesellige Freizeitbeschäftigung und fördert zweifellos die sozialen Kontakte.

Ich habe auf diese Weise sogar meine heutige Gattin kennen gelernt – beim großen Jahreskongress der Flitzerinnen und Flitzer in Castrop-Rauxel. Getraut wurden wir dann übrigens vom legendären Liverpooler Flitzerpriester Rev. Randolph Seymour, der seinen hervorragenden Ruf in der „streaker community“ darauf begründet, bei liturgischen Zeremonien nie mehr als seinen weißen Kragen zu tragen.

Seit einigen Jahren bin ich auch Obmann eines eigenen Vereins mit dem schönen österreichischen Namen „Die g’schwinden Nackerbatzeln“. Mit unseren ausländischen Partnerclubs – „Der königlich-bayerischen Liga für Freikörperaktivitäten“ und der „Società dei nudisti italiani“ – verbinden uns übrigens beste nachbarschaftliche Beziehungen. Gemeinsam veranstalten wir unter anderem große Faschingsumzüge. Unnötig zu erwähnen, dass alle Beteiligten am liebsten im Adams- oder Eva-Kostüm erscheinen.

In meiner verbliebenen Freizeit spiele ich Schlagzeug in einer linksradikalen Elektro-Punk-Band namens „Die nackten Tatsachen“, mit der ich spontane Überraschungskonzerte in Fußgängerzonen, Einkaufszentren und U-Bahn-Stationen gebe. Der Hut, in dem wir die freiwilligen Spenden sammeln, ist dabei das einzige Kleidungsstück.

Ganz wichtig ist mir beim Flitzen seit jeher der ideologische Überbau: Ich renne gegen Kleiderordnungen und vorherrschende Schönheitsideale an, versuche die gesellschaftliche Uniformität durch die authentische Uniform der Nacktheit ersetzen und betrachte mich als einen Botschafter der Freikörperkultur, der alle gesellschaftlichen Zwänge, moralischen Fesseln und lästigen Boxershorts abstreifen möchte.

Natürlich war mir von Anfang an bewusst, dass mein nackter Kampf gegen das Schweinesystem nicht folgenlos bleiben, sondern unweigerlich den Unmut der Obrigkeiten auf sich ziehen würde. Konflikte mit dem herrschenden System begleiten mich schon mein Leben lang.

Leider wurde auch eines meiner ambitioniertesten Projekte – eine exhibitionistische Exkursion mit interessierten Studierenden – von der Staatsgewalt zunichte gemacht. Nach einer wilden Verfolgungsjagd wurde ich von den Sicherheitskräften überwältigt, pudelnackt auf die nächste Polizeistation verfrachtet und wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses angezeigt.
Beim Urteilsspruch machte der Richter ein verschärftes Strafausmaß geltend, nachdem ich zum ersten Prozesstermin nur flüchtig erschienen war – und natürlich nicht gerade im Frack. Vor kurzem war ich dann der erste Häftling, der jemals splitterfasernackt aus einer österreichischen Justizvollzugsanstalt ausgebüchst ist – weswegen mir einige Monate zusätzlich aufgebrummt wurden.

Für die Zeit nach der Haft – von wo aus ich diese Zeilen schreibe – habe ich große Pläne: So würde es mich schon lange reizen, Gotteskrieger an den gefährlichen Plätzen dieser Erde zu provozieren – im Iran, in Saudi-Arabien, im Vatikan oder im Tiroler Oberland.
Außerdem feile ich bereits an einer Rede vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen in New York, wo ich die Sache der internationalen „Nude in Public“-Bewegung vorbringen möchte – natürlich so, wie Gott mich schuf.

Mein nächstes großes Ziel ist jedoch die Fußball-EM im eigenen Land. Ich sehe dieses sportliche Großereignis als einmalige Chance, die Traditionen und Leistungen der österreichischen Flitzerbewegung einer breiten Weltöffentlichkeit zu präsentieren. Mein Ticket für das Eröffnungsspiel habe ich bereits in der Tasche – auch wenn ich mir für das Spiel selbst noch einen anderen Aufbewahrungsort überlegen muss.

Für Sie mag all das, was ich ihnen erzählt habe, unverständlich oder gar anstößig sein, doch im Gegensatz zu anderen Menschen gebe ich mir nun einmal gerne die Blöße. Und wenn Sie mich einen ‚dahergelaufenen Exhibitionisten’ schimpfen, ist das ist für mich keine Beleidigung – denn es ist genau das, was ich tue.

Und ich werde es wieder tun.“