Der Doktor

klippo

„Herr Doktor! Was sehen Sie?

Der Doktor blickte mit steinerner Miene auf das Display seines Computerbildschirms und fixierte die Ergebnisse des Röntgens, die dort abgebildet waren. Sein Kinn stützte er dabei auf einer seiner prankenartigen Hände ab, wodurch seine wulstigen Lippen noch weiter nach vorne geschoben wurden.

„Herr Doktor! Nun sagen Sie schon!“, krähte der Patient erneut und diesmal schwang ein weinerlicher Unterton in seiner Stimme mit. Sein Name war Heinrich, Jimmy Heinrich. Herr Heinrich (eigentlich hieß er Jakob, wurde aber von seinen Freunden „Jimmy“ genannt) befand sich bereits seit geraumer Zeit in der Arztpraxis, wo er eine Reihe von demütigenden Untersuchungen über sich ergehen hatte lassen müssen. Er war äußerst erpicht darauf Auskunft über seinen Gesundheitszustand zu erhalten, nicht zuletzt deshalb, weil er schon seit vielen Stunden auf die Auswertung der Ergebnisse wartete und immer wieder hingehalten wurde. Seine Nerven lagen blank.

Erneut gab es keine Reaktion. Der Doktor schien ihn zu ignorieren. Sein großer Schädel ruhte fast bewegungslos auf der riesigen Pranke, während die andere die Computermaus über den für Jimmy nicht sichtbaren Display navigierte. Die Augen zu schmalen Schlitzen verengt, deuteten nur die leisen Klick-Klacks der Maus darauf hin, dass er überhaupt aktiv war und nicht mit offenen Augen eingeschlafen war. Von Zeit zu Zeit stieß er ein undefinierbares Brummen aus. Vielleicht war er sich über die vorliegenden Röntgenbilder nicht im Klaren; oder er sträubte sich davor, mit der Wahrheit herauszurücken.

Für Jimmy wirkte er ein wenig wie ein Gorilla: sein massiver Schädel, die grauen Affenhaare, die hervortretenden Augenknochen, die wulstigen Lippen und die tiefen Runzeln in seiner Stirn – er war kein schöner Mann. Aber er strahlte eine Ruhe und Autorität aus, die der des stärksten und potentesten Männchens im Rudel der Uraffenmenschen (die vor vielen Jahren auf der Erde heimisch gewesen waren) bedeutend nahe kam.

„Das geht nun wirklich zu weit! Ich warte schon seit Stunden auf meine Ergebnisse und Sie…“, Jimmy war zornig, verzweifelt, „Sie sprechen nicht einmal mit mir!“. Die letzten Worte schluchzte Jimmy heraus. Er war am Ende. Allerdings musste er - wollte er die Ergebnisse seiner Untersuchung erfahren - dennoch weiter zuwarten und das stoische Schweigen des Doktors hinnehmen. Wenn er jetzt ginge, so dachte er sich, wäre alles umsonst gewesen. All die kleinen Vermessungen und Analysen, innerhalb derer die Arzthelferinnen (allesamt hämisch kichernde, alte Weiber, um die man auf der Straße einen weiten Bogen macht) seinen entblößten Körper mit kalten, sterilen Gerätschaften gezwackt hatten, wären bedeutungslos gewesen. Deshalb durfte nicht so kurz vor dem Ziel aufgeben.

Und tatsächlich schaute der Doktor nun endlich kurz von seinem Bildschirm auf. Eine flüchtige Handbewegung, ein verhuschtes, kaum verständliches „Einen Moment noch…“ und schon verschmolz sein stierer Blick wieder mit dem rätselhaften Computerdisplay. Eine halbe Stunde studierte er schon das Bildschirmmaterial und brummte vor sich hin. Jetzt schwang darin aber ein deutlich interessierter klingender Unterton mit, wie Jimmy zu bemerken glaubte und was ihn wohl vom Engagement und guten Willen des Doktors überzeugen sollte.

Er stand abrupt von seinem Sessel auf und begann im Zimmer auf und ab zu schlendern, die Arme hinter dem Rücken verschränkt. Offenbar musste er seine vorübergehende Erstarrung mit Bewegung kompensieren. Er war wirklich ein großer Mann, dachte sich Jimmy ehrfürchtig und betrachtete respektvoll die Konturen seines massigen Körpers, die sich unter der weißen Kutte abzeichneten.

„Herr Heinrich“, sagte der Doktor unvermittelt, „oder Jimmy – ich darf Sie doch Jimmy nennen, schließlich kenne ich Sie schon seit Sie ein kleines Kind waren – Ich habe nun die Ergebnisse ihres Schädelröntgens in aller Ausführlichkeit analysiert“. Jimmys Herz schlug höher. Er war aufgeregt. Gleichzeitig war er froh, dass das unerträgliche Warten nun ein Ende hatte. „Ich muss Ihnen leider in aller Klarheit sagen“, so fuhr der Doktor fort, „…dass wir dort eine Anomalie festgestellt haben. Von den vielen Ursachen für Ihre Kopfschmerzen könnte dies die Wirkung sein oder umgekehrt!“

Der Doktor riss für einen kurzen Moment die Augen weit auf und seine riesigen, weißen Augäpfel traten hervor wie frisch aus der Dose gezapfte Litschis. „Auch wenn es bei der derzeitigen Anamnese noch nicht möglich ist eine 100-prozentige Diagnose zu stellen, so kann ich Ihnen folgendes mitteilen: Ein Gehirntumor… ähem… (der Doktor räusperte sich gekünstelt und machte eine kurze Pause. Jimmys Herz schlug zum Zerbersten laut) … ein Gehirntumor ist es NICHT.“

Jimmy atmete auf: Die Kopfschmerzattacken, die ihn in letzter Zeit so häufig plagten, waren also schon einmal nicht auf diese schlimmste aller Ursachen zurückzuführen. Erleichterung machte sich in ihm breit.

„Dennoch“, setzte der Doktor fort, „Dennoch ist die Situation keineswegs zu unterschätzen.“

Er unterbrach seinen Gang für einen Moment und blieb bei einer Kommode an der Wand stehen. Er öffnete eine Schublade und entnahm der Lade eine Flasche, in der eine klare Flüssigkeit schimmerte. Damit füllte er eine Tasse ein und trank daraus in großen Schlucken. Er schwieg. Offensichtlich hielt er fürs erste seine Pflicht für getan. „Sie erlauben doch…?“, fragte er dann, nachdem er schon getrunken hatte und seine Augen erquickt und zufrieden glänzten. Er wandte sich einem kleinen Kästchen zu, aus dem er eine dicke kubanische Zigarre entnahm. „Sie haben doch nichts dagegen…?“, fragte er, während er sie sich schon anzündete und intensiv zu paffen begann.

„Was haben Sie noch herausgefunden?“, fragte Jimmy. „Was ist die Ursache für meine Kopfschmerzen?“

„Jimmy“, der Doktor lächelte ihm väterlich zu. „Nur mit der Ruhe. Nicht so schnell… Entspannen Sie sich erstmal. Es besteht kein Grund zur Sorge. Zumindest… kein unmittelbarer.“

„Entspannen Sie sich, Jimmy“, sagte er noch einmal. „Lehnen Sie sich zurück und schließen Sie die Augen. Spielen Sie gerne Golf? Ja? Stellen Sie sich einen wunderschönen Maitag vor, es ist 9:00, das Gras taufrisch und die Sonne glitzert durch die Bäume. Sie stehen auf dem Golfplatz, der vertraute metallische Kuss des Schlägers liebkost ihre Hände und das weiße, vollkommene Rund räkelt sich lasziv im jungfräulichen Gras…“

Der Doktor begann zu schwärmen. Jimmy schloss die Augen und versuchte sich ihn die dargestellte Szenerie hineinzuversetzen. Er hatte noch nie Golf gespielt und war verwirrt.

„Ich werde nun Ihren Kopf noch einmal eingehend begutachten.“, sagte der Doktor. Er umfasste Jimmys Kopf und begann ihn mit seinen haarigen Pranken abzutasten. Dabei hatte er die Zigarrenspitze in seinen Mundwinkel eingeklemmt, sodass seine Stimme einen seltsamen Klang annahm. „Entspannen Sie sich! Ich verstehe Ihre Ungeduld natürlich, Jimmy. Sie müssen allerdings verstehen, dass ich ganz sicher sein muss bevor ich Ihnen die Diagnose stelle. Es ist nur zu Ihrem Besten! Sagen Sie, Jimmy… Haben Sie ihn letzter Zeit irgendwelche Reisen in ferne Länder unternommen? Bolivien, Burma, Senegal vielleicht??“

„Nein“, sagte Jimmy. Er wurde ungeduldig. „Ich war immer zuhause. Und was sollen diese Länder im Übrigen miteinander gemeinsam haben, dass Sie diese so in einem Schlag nennen, sie befinden sich auf drei verschiedenen Erdteilen.“

„Nichts, nichts natürlich…“, sagte der Doktor hastig. Diese Bemerkung war ihm sichtlich unangenehm. Die Untersuchung schien ihn überhaupt ziemlich anzustrengen, denn er atmete schwer und auf seiner breiten Stirn glitzerten Schweißperlen. Hin und wieder sippte er einen Schluck aus seiner Tasse.

„Und, sagen Sie mir“, so fragte er weiter, „Hatten Sie denn in letzter Zeit vielleicht Kontakt zu Personen, die sich in fernen Ländern aufgehalten hatten oder zu exotischen Tieren - Papageien, Stachelschweinen oder Kröten vielleicht?“

„Nein“, sagte Jimmy erneut. Er konnte seinen Ärger nicht mehr länger verbergen. Mit einem Ruck stand er auf. „Herr Doktor! Ich will nicht Ihre ärztliche Autorität in Frage stellen. Aber was sollen diese Fragen? Sagen Sie mir nun endlich, was bei dem Röntgen herausgekommen ist oder ich werde augenblicklich ihre Arztpraxis verlassen!“

Der Doktor zeigte sich durchaus beeindruckt über Jimmys Aufbegehren, denn er breitete beschwichtigend die Arme aus und sagte hastig: „Tun Sie das bloß nicht, Jimmy! Ich werde Ihnen nun alles sagen! Ich verstehe ja Ihre Aufregung. Ich musste einfach ganz sicher sein, bevor ich Ihnen eine Auskunft erteilen kann. In meinen 30 Jahren als praktischer Arzt und Schädeldoktor habe ich nichts Vergleichbares erlebt. Ich sage Ihnen deshalb in aller Klarheit, Jimmy: Jimmy, es sieht nicht gut aus, denn so wie es aussieht, haben Sie einen Schlammteufel im Schädel!“

Einen kurzen Moment lastete ein tiefes Schweigen zwischen Arzt und Patient. Jimmy starrte verdutzt ins Leere, während der Doktor irgendwie erleichtert schien – endlich war er mit der Wahrheit herausgerückt.

„Wie bitte? Was um alles in der Welt ist ein Schlammteufel?“, krächzte Jimmy.

„Der Schlammteufel, lat. Cryptobranchus alleghaniensis, ist eine Amphibienart, die häufig in nordamerikanischen Fließgewässern anzutreffen ist“, entgegnete der Doktor wie aus der Pistole geschossen. „Seine faltig wirkende Haut ist dunkelbraun oder schiefergrau und schwarz sowie gelb gefleckt. Er jagt auf Fische, Würmer und Insekten, stellt aber auch Krebsen und Schnecken nach.“ Der Doktor leierte die Informationen herunter wie ein Lexikon. Offensichtlich hatte er sich gut informiert. „Seine 450 bis 600 Eier legt er in langen, rosenkranzähnlichen Schnüren ab und klebt sie an Steine am Grund des Wassers. Meistens bewacht das Männchen dieses Gelege. Sein Verbreitungsgebiet erstreckt sich vom Staate New York bis Alabama und Arkansas.“

„Aber Herr Doktor“, warf Jimmy ein, „Das mag zoologisch höchst interessant sein, aber was um alles in der Welt hat dies mit meinen Kopfschmerzen zu tun? Wie könnte ich solch einen Lurch in meinen Kopf herumtragen? Das ist doch grotesk!“

Der Doktor schaute Jimmy leicht mitleidig, aber auch ein wenig schmunzelnd an. Er genehmigte sich noch einen Schluck aus der Tasse. „Diese Fragen würde ich Ihnen liebend gern beantworten“, sagte er, „Aber eigentlich hatte ich gehofft, dass Sie mir darüber Auskunft erteilen können“. Er war plötzlich recht betreten und betrachtete die klobigen Fingernägel seiner rechten Hand. „Aber kommen Sie doch mit und schauen Sie es sich selbst an!“

Er verwies auf den Computerdisplay, auf dem die Röntgenaufnahmen von Jimmys Schädelinneren abgebildet waren. „Dort… sehen Sie“, er klickte sich durch die Bilder, „Das sind natürlich Vergrößerungen. Es ist kein sonderlich großer Schlammteufel. Ja, er ist sogar extrem winzig. Aber wenn ich mich hier in die Makro-Perspektive bewege, dann ist er deutlich zu erkennen, sehen Sie!!“

Tatsächlich. Ungläubig beobachtete Jimmy den Doktor wie er die Aufnahmen seines Gehirnes vergrößerte und innerhalb des hergezoomten Bildausschnittes die Silhouette von etwas sichtbar wurde, das wie ein kleiner Lurch aussah. Unglaublich. Jimmy erbleichte.

„Tagsüber hält er sich meistens in der Flüssigkeit zwischen Schädelknochen und der Cortex Cerebri, also der Großhirnrinde auf. Als aquatisches Lebewesen kommt ihm das wahrscheinlich sehr gelegen. Nachts jedoch…“ - die Stimme des Doktors nahm ein ehrfurchtsvolles Flüstern an - „…nachts wird er dann unruhig und will sich bewegen. Schlammteufel sind nämlich nachaktive Tiere, müssen Sie wissen. Das löst dann Ihre Kopfschmerzattacken aus. Meistens schlängelt der kleine Kerl sich dann wohl durch Cerebrum und Cerebellum bis zum Zwischenhirn, wo er sich bevorzugt im Bereich des Hypothalamus aufhält. Kann aber sein, dass er auch schon einmal weiter, möglicherweise sogar bis zur Medulla Oblongata, geschlängelt ist.“

„Das ist ja furchtbar…“, hauchte Jimmy. Er war sehr blass geworden, „Werde ich jetzt sterben?“

„Aber nein, wer wird denn gleich vom Schlimmsten ausgehen“, entgegnete der Doktor fröhlich, „Ich glaube nicht, dass Sie in unmittelbarer Gefahr sind. Der Schlammteufel, ist ja, wie bereits erwähnt, äußerst winzig und kann kaum einen Schaden anrichten. Ich erkläre mir das Ganze ja folgendermaßen: Wahrscheinlich haben Sie einmal das Ei eines Schlammteufels verschluckt. Aus diesem ist er dann im Dünndarm geschlüpft und über die Darmwand in die Blutbahn gelangt. Dort einmal angekommen kann er sich’s eigentlich aussuchen wohin die Reise geht. Herz, Lunge, Leber – ANYTHING GOES! Aber wie gesagt: Solange er diese Größe behält, besteht vorerst einmal kein übertriebener Grund zur Sorge. Dennoch rate ich Ihnen etwaige Entwicklungen natürlich sorgsam zu beobachten!“

„Wie ekelhaft…“, Jimmy war in jämmerlicher Stimmung. „ Und die Kopfschmerzen? Was kann man dagegen unternehmen?“

Hm. Der Doktor schien kurz nachzudenken. Er steckte sich eine neue Zigarre an und schenkte sich noch einmal in seine Tasse ein.

„Schon mal mit Morphium probiert?“, fragte er schließlich und warf Jimmy ein verschmitztes Augenzwinkern zu.

„Morphium?“ Jimmy war entsetzt. „Gibt es denn keine andere Möglichkeit?“

„Ach was. Was reden Sie da, Jimmy. Sie machen sich schon wieder zu viele Sorgen. Jimmy, mein Junge, das wird schon wieder. Warten Sie - ich schreibe Ihnen ein Rezept!“ Der Doktor setzte sich an seinen Schreibtisch und begann einen Zettel zu bekritzeln. „Sooo… einmal Morphium… für Jimmy Heinrich“, murmelte er. Offensichtlich gehörte er zu den Menschen, die beim Schreiben ihre Gedanken leise mithaspeln. Dann stockte er plötzlich und kratzte sich. Er schien nachzudenken „Hm, wie nennt man diese Krankheit eigentlich…Ein wirklich außergewöhnlicher Fall… Nennen wir es… Schlammteufel-Syndrom! Ja, sehr schön! Eine Schmerztherapie durch Morphium ist erforderlich. Gezeichnet, der Doktor.“

Er wirkte zufrieden. Schwungvoll setzte er seine Unterschrift auf das Rezept und leerte seine Tasse in einem Zug. Dann streifte einen kurzen Augenblick sein Blick noch einmal das Display. Er verharrte jäh in der Bewegung und schaute angestrengt. Er schien noch etwas gesehen zu haben. Ein Ausdruck des Entsetzens machte sich auf seinem Gesicht breit. „Oh mein Gott…“, murmelte er, „Kann es sein…“

„Was“, fragte Jimmy erschrocken, dem der eingefrorene Gesichtsausdruck des Doktors nicht entgangen war, „Was ist denn noch?“

Der Doktor schwieg und untersuchte angestrengt die Röntgenaufnahme. Endlich, nachdem er sie lange genug betrachtet hatte, fasste er sich wieder und sagte zu Jimmy: „Einen Moment bitte noch, Herr Heinrich.“ Aus irgendeinem Grund war er nun wieder zur Förmlichkeit zurückgekehrt. „Ich muss ganz sicher sein“. Dann wandte er sich einem kleinen Lautsprecher zu und sprach hinein: „Schwester Susanne! Kommen Sie schnell – es ist ein NOTFALL!“

Sogleich ging die Tür auf und Schwester Susanne betrat das Ordinationszimmer. Sie schien nicht gerade erfreut darüber zu sein, denn es war bereits halb 8 Uhr abends und sie war wohl gerade im Begriff gewesen Feierabend zu machen. „Was wollen Sie denn, Herr Doktor“ fragte sie dennoch höflich und nickte Jimmy, der immer noch auf seinem Sessel saß, kurz zu. „Fräulein Susanne, kommen Sie schnell, sehen Sie sich das an, ist das denn die Möglichkeit?!?“ Der Doktor war richtig aus dem Häuschen.

Schwester Susanne wandte sich nun auch dem Display zu. Die beiden flüsterten miteinander, sodass Jimmy sie nur bruchstückhaft verstehen konnte. Nur vereinzelte Wortfetzen wie Schlammteufel“ oder „Cortex“ gelangten zu ihm. Auch Schwester Susanne hatte sich nun ganz nah zum Display gebeugt und ließ sich vom Doktor offensichtlich das Krankheitsbild erklären, da sie aufmerksam zuhörte und von Zeit zu Zeit besorgt nickte. Trotz seiner Angespanntheit entging Jimmy nicht, dass Schwester Susanne äußerst attraktiv war: Groß, schlank, kurvig, ein üppiger Busen und blondes Elfenhaar – Sie ähnelte in keiner Weise den zänkischen Alten mit denen sich Jimmy bei den Untersuchungen am Nachmittag herumschlagen hatte müssen.

„Und sehen Sie hier, Susanne! Sehen Sie doch! Hier ist noch eines! Und es ist…“, - der Doktor hauchte die Worte beinahe – „…ein Weibchen!!!“

Schwester Susanne schlug die Hand vor den Mund und ein kaum hörbarer Laut des Entsetzens entwich ihr. „Tatsächlich!“ Der Doktor leerte seine Tasse in zwei Schlucken. Nachdem sich die beiden eine Zeitlang beratschlagt hatten, wandten sie sich wieder Jimmy zu. Der Doktor sagte in ernstem Ton: „Herr Heinrich. Unglücklicherweise ist die Situation doch nicht so harmlos wie anfangs angenommen. Ich muss Ihnen leider mitteilen, dass Sie noch einen zweiten Schlammteufel in ihrem Kopf haben. Auch das wäre zunächst noch nicht sonderlich besorgniserregend, wenn es sich dabei nicht um ein Weibchen handeln würde. In diesem Fall müssen wir jedoch unbedingt verhindern, dass sich die beiden Tiere paaren, denn sonst haben Sie bald hunderte von Schlammteufeleiern in ihrem Schädel, die schlüpfen, sich wieder paaren etc. Sie verstehen mich? Ich fürchte wir müssen Sie augenblicklich am offenen Schädel operieren!!!“.

„Schwester!“, der Doktor wandte sich nun wieder Susanne zu, „Bereiten Sie alles Erforderliche für die Operation vor! Sie können schon einmal mit der Anästhesie beginnen. Ich komme gleich.“ Er hatte einen leichten Zungenschlag.

„Oh mein Gott…“, seufzte Jimmy. Die Vorstellung, dass glitschige Amphibien seinen Schädel bevölkerten, hatte etwas Bedrückendes an sich. Er war sehr blass. Wie gelähmt ließ er sich von der Schwester in das Behandlungszimmer geleiten, wo diese ihn bat auf einer Liege Platz zu nehmen. Er war noch nie operiert worden und hatte große Angst.

„Machen Sie sich keine Sorgen“, schnurrte Schwester Susanne, der Jimmys kläglicher Zustand nicht entgangen war. „Der Doktor macht sie wieder gesund! Hier haben Sie erstmal ein wenig Lachgas!“. Sie beugte sich über Jimmy und setzte ihm eine Maske auf. Dabei streifte sie ihn mehrmals mit ihren sirenenhaften Brüsten.

Die Wirkung des Gases setzte augenblicklich ein und Jimmy spürte wie das Grauen von ihm wich und einer fast wohligen Lähmung Platz machte. Die lebensnotwendige Operation erschien ihm jetzt vielmehr wie ein lästiges Ärgernis, das er eben hinter sich zu bringen hatte. Flüchtig nahm er wahr, wie Schwester Susanne ihm mit einer Nadel in die Vene stach und ihm eine Injektion zuführte.

Nach ungefähr 20 Minuten kam endlich der Doktor in das Zimmer. Er hatte seinen weißen Ärztekittel gegen ein grünes Chirurgengewand ausgetauscht. „Wie merkwürdig“, dachte sich Jimmy. Er hatte gar nicht gewusst, dass der Doktor auch noch eine Ausbildung als Chirurg absolviert hatte. Aber das Chirurgengewand und seine imposante Erscheinung ließen kaum Zweifel an seiner Kompetenz aufkommen. Die Zigarre - lässig in seinen Mundwinkel geklemmt – und die Schnapsflasche, die in seiner Hand schlenkerte - verliehen ihm etwas Verwegenes, Draufgängerisches. Er war das Alpha-Affenmännchen: Schon vor Millionen von Jahren hatte er die Horde der Uraffen angeführt und sich mit den fruchtbarsten Weibchen des Rudels gepaart.

Jimmy hegt zwar durchaus den Wunsch, einen Einspruch zu äußern und die bevorstehende Operation zu vertagen, doch mittlerweile war die Betäubung so weit fortgeschritten, dass er weder sprechen, noch sich bewegen konnte, geschweige denn in der Lage gewesen wäre, gegen die Autorität des Doktors aufzubegehren. Die Wirklichkeit war bereits in weite Ferne gerückt - wie aus einem tiefen Brunnenschacht heraus nahm Jimmy die Geschehnisse um sich herum wahr. Während der Doktor sich Plastik-Handschuhe anzog und diese mit einer desinfizierenden Flüssigkeit benetzte, arrangierte Schwester Susanne ein zierliches, silbernes Tablett mit verschiedenen medizinischen Instrumenten. Darunter befanden sich auch grobe Gerätschaften, wie Stößel, Hammer und Meißel.

Der Doktor wechselte ein paar Worte mit der Krankenschwester, die Jimmy allerdings nicht verstehen konnte, da sie nur verzerrt und kaum verständlich auf den Boden des Brunnenschachtes (auf dem Jimmy sich nun befand) gelangten. Er war jedoch sicher, dass diese die übliche, routinierte Absprache eines gut eingespielten Operationsteams bildeten. Der Doktor wusste, was er tat. Bei ihrem Wortwechsel kam der Doktor seiner Assistentin ziemlich nahe und knabberte fast schon an ihrem Ohrläppchen. Er flüsterte ihr etwas ins Ohr. Schwester Susanne errötete sichtlich und ihr glockenhelles Kichern erfüllte den Raum. Der Doktor schien mit dieser Reaktion sehr zufrieden zu sein, denn er brummte zufrieden und komplettierte die Unterhaltung mit einem neckischen Klaps auf ihren Hintern.

Sooo, dann wollen wir mal… Der Doktor beugte sich über Jimmy und griff nach den Instrumenten, die ihm Susanne auf dem Tablett neben ihm reichte. Er überlegte kurz und nahm schließlich eine elektrische Handkreissäge. Seine Silhouette flackerte vor Jimmy auf und ab.

Geht es Ihnen gut, Jimmy mein Junge? Die Worte hallten aus der Ferne von oben herab und hinterließen ein langes Echo. Jimmy, mein Junge, das wird schon wieder! Der Doktor zwinkerte ihm aufmunternd zu. Ich werde Ihnen nun den Schädel öffnen! Er begann an Jimmys Schläfen herumzufummeln.

Jimmy fühlte sich plötzlich sehr schläfrig und verfolgte den Vorgang mit einer fast heiteren Gelassenheit; erst als sein Gehirn in einem Schwall feisten Blutes langsam zu Boden tropfte, ging er aus dieser, der besten aller möglichen Welten, in die nächste ein.