Der Große Hundini

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Der Große Hundini

Es gab nur eine Handvoll kultureller Höhepunkte im Jahr, zu denen sich die gesamte Lokalprominenz einträchtig im Gemeindesaal einfand: Einer dieser gesellschaftlichen Pflichttermine war sicher die alljährliche Premierenaufführung der ortsansässigen Heimatbühne – heuer beispielsweise der ebenso derbe wie turbulente Bauernschwank „Die lustige Verwechslung“, der von einer lustigen Verwechslung rund um einen Koffer geheimnisvollen Inhalts handelte.
Auch der traditionelle Weißwurst-Frühschoppen der Landjugend zählte jedes Jahr zu den Highlights im Veranstaltungskalender – zumal heuer, wo es gelungen war, mit den Zillertaler Alpenrammlern, Den zwoa lustigen Drei, den Surfassl Buam und einem serbischen Falco-Imitator die „Speerspitze der Unterhaltungsmusik“ in den Gemeindesaal zu holen, wie die Organisatoren auf den barfrei gemachten Postwurfsendungen vollmundig verkündet hatten.
Bestens gefüllt war der Mehrzwecksaal der Gemeinde auch bei den fast schon legendären Kabarettabenden, ausgerichtet vom Sportverein, Sektion Stockschützen, wobei man in diesem Jahr nach der kurzfristigen Absage des populären Kabarettduos Die Schienentröster mit den unverbrauchten Nachwuchstalenten Die Schenkelklopfer einen mehr als würdigen Lachersatz gefunden hatte.
Schließlich war da noch das bereits mythenumrankte Benefizkegeln des Kleintierzuchtvereins, das im vergangenen Herbst infolge des vorbildlichen Bierkonsums mit einem geselligen Benefizurinieren auf dem Parkplatz vor dem Gemeindesaal seinen festlichen und nicht minder spritzigen Ausklang gefunden hatte.

Doch die heutige Veranstaltung konnte selbst dem Vergleich mit diesen exklusiven Spitzenevents problemlos standhalten: „Der Große Hundini. Hypnotiseur, Eskamoteur, Magnetiseur“, verkündete das knallige Plakat an der Tür des Gemeindesaales in großen, altmodischen Lettern. Nicht weniger eindrucksvoll war das mit kühnem Pinselstrich gemalte Porträt, das augenscheinlich den Meister selbst darstellen sollte – ohne Zweifel ein Mann von Welt, mit elegant gezwirbeltem Schnurrbart und schnittigem schwarzem Zylinder. In seinen riesigen, weit aufgerissenen Augen wanden sich psychedelisch-bunte Spiralen. So und nicht anders stellte man sich einen waschechten Hypnosekünstler vor.

Kein Wunder also, dass sich an diesem denkwürdigen Abend das halbe Dorf erwartungsfroh im geschmackvoll möblierten Veranstaltungssaal der Gemeinde versammelt hatte – darunter natürlich alles, was in der kleinen Ortschaft Rang, Namen und einen Platz im Aufsichtsrat der Raiffeisenbank hatte. Als sich nach den erbaulichen Grußworten des Bürgermeisters – einer leidenschaftlichen Laudatio auf die engagierte Kulturpolitik der Bürgermeisterliste – endlich der schwere rote Vorhang hob und der „Große Hundini“ mit Tusch und Trommelwirbel die rustikale Bühne betrat, war die Spannung bereits auf dem Siedepunkt.

Daran konnte auch die Tatsache nichts ändern, dass der „Große Hundini“ rein äußerlich den durch das Plakat geweckten Erwartungen nur bedingt gerecht zu werden vermochte. Im Wesentlichen sah der „Große Hundini“ aus wie ein kleines, vom Leben gezeichnetes Wiesel, wobei ihm der zerzauste, kümmerliche Schnauzbart und der abgewetzte Zylinder eine ausgesucht schäbige Note verliehen.

Nachdem er einige Taschenspielertricks vollführt und aus seinem Hut eine senile Taube und ein reichlich desorientiertes Kaninchen hervorgezaubert hatte, verkündete der „Große Hundini“ den Beginn der eigentlichen Hypnosevorführung. Unter dem tosenden Applaus und den „Bravo, bravo!“-Rufen der Zuschauer bat er die geballte Lokalprominenz, die sich standesgemäß auf den Ehrenplätzen in der ersten Reihe festgesetzt hatte, zu sich auf die Bühne.

Als die Dorfgranden der Aufforderung mehr oder weniger bereitwillig Folge geleistet hatten – schließlich wollte niemand vor dem halben Dorf als Waschlappen dastehen – ließ sie der „Große Hundini“ in einer langen Reihe antreten.
„Ich werde diese Herrschaften nun“, rief der Hypnotiseur in Effekt heischendem Tonfall, „nur vermittels der Kraft meiner Gedanken in einen Zustand tiefster Trance versetzen, einen nach dem anderen – und am Ende werden sie sich voll und ganz meinem Willen unterwerfen!“

Mit diesen Worten zog er aus seinem wallenden Umhang ein kleines, silbernes Pendel hervor und begann langsam, die Reihe der Versuchspersonen abzuschreiten. Er blieb jeweils ein paar Augenblicke lang stehen, glotzte sein Gegenüber durchdringend an, fixierte dessen Augen auf das gleichmäßig schwingende Pendulum und brabbelte dazu einige unverständliche Worte. Dann wandte er sich dem nächsten Probanden zu.

Nachdem er die gesamte Dorfprominenz dieser geheimnisvollen Prozedur unterzogen hatte, ließ der „Große Hundini“ als erstes den mindestens so beleibten wie beliebten Bürgermeister vortreten. „Ihr Wille ist nun in meiner Gewalt“, ließ er das mit trüben Augen ins Leere stierende Dorfoberhaupt wissen. „Ich bin Ihr Herr und Gebieter, Sie werden jetzt genau das tun, was ich Ihnen befehle. Haben Sie das verstanden?“ – „Mhm“, antwortete der Bürgermeister tonlos, ohne seinen starren Blick zu erheben. – „Dann hören Sie mir gut zu“, rief der Hypnotiseur, „Sie sind von nun an nicht mehr der mächtige, allseits geachtete Dorfkaiser, Sie sind … eine Wildsau, die nach Trüffeln sucht. Los, suchen Sie!“

Noch im selben Moment warf sich der Bürgermeister zu Boden – was bei seinem beachtlichen Leibesumfang gar nicht so einfach war – und begann, an den verwahrlosten Lackschuhen des Hypnotiseurs herumzuschnuppern. Nachdem er dort offenkundig nicht fündig wurde (es sei denn im Hinblick auf Fußpilz), wandte er sich enttäuscht ab und fing an, den Bühnenboden systematisch abzugrasen, wobei er sich behände auf allen Vieren fortbewegte und seine schnüffelnde Schnauze dicht am Boden hielt, als habe er sein Lebtag lang nie etwas anderes getan. Das Publikum war von diesem selbst in der Kommunalpolitik nicht alltäglichen Anblick hellauf begeistert und spendete heftigen Applaus.

Und so machte es der „Große Hundini“ mit jedem seiner prominenten Versuchskaninchen: Ob es an seiner beschwörenden Stimme oder an der verqueren Metrik seiner Worte lag oder an seinen Pupillen, die groß und dunkel waren wie moosbewachsene Flusssteine, vermochte das Publikum nicht zu beurteilen – auf jeden Fall hatte der Hypnotiseur alle Probanden fest im Griff:

Der Vizebürgermeister, ein respektabler Großbauer und sittenstrenger Obmann der Kameradschaftsbundes, knurrte und bellte plötzlich wie ein Schäferhund und machte zum Gaudium der Zuschauer Anstalten, in einem dunklen Eck der Bühne recht ungelenk sein Beinchen zu heben.
Der Dorfbäcker, langjähriger Obmann des Sozialausschusses und weit über die Ortsgrenzen hinaus für seine zart schmelzenden Mandelbiskuits bekannt, war schlagartig der Ansicht, er befinde am Nordpol, worauf er fürchterlich zu zittern und mit seinen dritten Zähnen zu klappern begann.
Der elegant gekleideten Schuldirektorin verpasste der „Große Hundini“ eine imaginäre Neurodermitis, so dass sie sich am ganzen Körper hysterisch zu kratzen begann, als habe man sie nackt in Juckpulver gewälzt.
Der sonst so lockere und lässige Dorfarzt war auf einmal steif wie ein Brett, so dass der Hypnotiseur ihn bequem zwischen zwei Stuhllehnen legen und sogar noch auf ihm Platz nehmen konnte.
Den Monsignore wiederum brachte er dazu, mit einem Sessel unzweideutige, fast schon den Zölibat gefährdende Handlungen zu vollziehen – was von der Pfarrersköchin mit einem leichten Erröten und vom restlichen Publikum mit johlendem Gelächter quittiert wurde.
Sein Meisterstück lieferte der „Große Hundini“ aber zweifellos mit den Wirtsleuten vom Dorfgasthaus ab: Der gutbürgerliche Gastronom hielt sich urplötzlich für einen gewaltigen Sangriakübel, während die ebenfalls hochgradig hypnotisierte Wirtin mit einem unsichtbaren Strohhalm aus ihrem Gatten zu trinken versuchte.

Die Zuschauer gerieten angesichts des zunehmend bizarren und chaotischen Treibens auf der Bühne immer mehr aus dem Häuschen, sie applaudierten, pfiffen, trampelten und grölten in ohrenbetäubender Lautstärke. Doch mit einer Ehrfurcht gebietenden Geste, die man ihm ob seiner schmächtigen Statur gar nicht zugetraut hätte, brachte der „Große Hundini“ die Menge zum Schweigen.

„Meine Damen und Herren, hoch verehrtes Publikum“, verkündete er dann in marktschreierischem Tonfall, „nachdem ich mithilfe meiner gewaltigen hypnotischen Kräfte enthüllt habe, was wirklich in der politischen und geistigen Elite dieses Dorfes steckt“ – mit einer ausladenden Handbewegung wies er auf den schnüffelnden Bürgermeister, seinen bellenden Stellvertreter und die anderen völlig enthemmten Probanden – „folgt nun mein bester Trick“.

Durch die Zuschauerreihen ging ein ungläubiges Raunen. Was würde jetzt noch folgen? Wie sollte der Hypnosekünstler das bisherige Spektakel noch übertreffen können?

„Ich werde nun“, rief der „Große Hundini“ und breitete in einer reißerischen Bewegung die Arme aus, „einen Hypnosetrick vollführen, der so unglaublich, so gewaltig ist, dass Sie hinterher an Ihrer eigenen Vorstellungskraft zweifeln werden, meine Damen und Herren. Dazu bedarf es allerdings maximaler Konzentration. Ich bitte Sie daher um vollkommene Ruhe.“ Das aufgeregt tuschelnde Publikum verstummte augenblicklich wieder und lauschte gebannt. „Die hypnotischen Energien, die ich nun entfesseln werde, sind so ungeheuerlich, dass auch Sie, verehrtes Publikum, sich davor schützen müssen. Ich darf Sie daher alle bitten, Ihre Augen ganz fest zu schließen und Sie erst wieder zu öffnen, wenn ich es sage.“

Das Publikum tat, wie ihm geheißen und hunderte Augenlider klappten in einer kollektiven, fast synchron erscheinenden Bewegung zu. Erwartungsvolle Stille legte sich über den Gemeindesaal. Kein Laut war zu hören (außer dem wohligen Grunzen des Bürgermeisters, dem leisen Knurren seines „Vize“, dem sachten Zähneklappern des Bäckers, dem brünstigen Keuchen des Pfarrers und dem schlürfenden Geräusch, das die Wirtsfrau beim Trinken ihres Mannes von sich gab). Die Spannung war fast mit Händen zu greifen, doch die Zuschauer bewahrten Ruhe und hielten sittsam die Augen geschlossen, genau wie es Ihnen der Hypnotiseur befohlen hatte.

Der kleine Ferdl mit den feinen Segelohren hörte es als einziger: ein leises Geräusch, wie wenn eine schwere Tür sachte geöffnet und behutsam wieder geschlossen wird. Doch er dachte sich weiter nichts dabei und hielt sich brav die Augen zu, ganz der wohlerzogene Bauernbub, der er war.
Einige Zuschauer spürten wohl auch den leichten Lufthauch, der kurz durch den Mehrzwecksaal wehte, doch sie schenkten ihm keine größere Beachtung. Sie waren viel zu gespannt, welche Überraschung der Hypnotiseur gleich für sie bereit haben würde.

Was jedoch alle Zuschauer hörten, war das unverwechselbare Geräusch eines startenden Wagens, das plötzlich vom Parkplatz her zu ihnen hereindrang.

Einige Ungeduldige, die nun doch endlich die Augen aufrissen, konnten durch die Fenster des Gemeindesaales sogar noch den kleinen schwarzen Ford Fiesta erkennen, in dem sich der „Große Hundini“ mit quietschenden Reifen und in atemberaubender Geschwindigkeit aus dem Staub machte. Niemand hat ihn je wieder gesehen.

Es bedurfte eines Großaufgebots an Rettungskräften und einer Sondereinheit der Polizei, um den schnüffelnden, bellenden, zitternden, kopulierenden, betrunkenen und vor allem hypnotisierten Haufen Lokalprominenz von der Bühne in geschlossene Krankenwägen und von dort in die Landesnervenklinik zu verfrachten.

Ein zufällig anwesender Lokalreporter konnte das Geschehen in dramatischen Bildstrecken festhalten. „Von der Bühne in die Klapse“, titelte er am nächsten Tag. „Heimtückische Hypnoseattacke zwingt halben Gemeinderat nach Hall.“

Die kombinierte Therapie aus Fingerschnipsen, kaltem Wasser und hoch dosierten Psychopharmaka hat bei den Hypnotisierten bisher übrigens in keinster Weise angeschlagen. Ärzte und Psychologen stehen weiter vor einem Rätsel.

Aber immerhin: Für November sind Neuwahlen angesetzt.