Ode an die Erde

klippo

Erde, anmutige Mutter,

Friedlich ruhst du in einem Meer aus Sternen

Und hüllst dich in den schwarzen Samt

Des Kosmos.


 

In deinen Augen aus Quarz

Spiegelt sich

Die Reinheit und Schönheit der Welt,

Während sich dein kristallenes Blut

Durch basaltenes Adergeflecht wälzt

Und in Ozeanen sammelt,

Wo Fisch- und Vogelschreie sich mit dem

Gesang deines Herzschlages mischen.


 

Gütig und sanft bist du,

Doch tief in dir, fast vergessen,

Schwelt ein feuriger Kelch,

Der – einmal durch Unachtsamkeit gereizt -

Zu Temperament erwächst

Und seine archaische Wut ausschüttet.

Sie wird deine Kinder gewaltsam treffen,

Sie töten und vernichten

Bis sich ihre gekrümmten Seelen für immer

Von deinem Antlitz verflüchtigt haben.


 

Dann werden sie begreifen,

Was sie dir,

Ihrer Mutter,

Angetan haben.

Die Höhle des Wahnsinns

klippo

„Papa“, sagte der kleine Junge. „Papa. Papa. PAPA!“

„Jaaa…“, brummte der Vater, der widerwillig aus dem Schlaf erwachte, „Was ist denn, mein Sohn?“

„Papa“, sagte der kleine Junge noch einmal und seine Stimme klang kläglich. „Papa, Papa. Ich habe Angst.“

„Ach Sohn“, antwortete der Vater sanft, „Wovor fürchtest du dich denn?“

„Mir ist kalt und es ist dunkel“, rief der kleine Sohn aufgeregt. „Wo sind wir? Was wird mit uns passieren?“

Der Vater seufzte. Er ließ sich mit der Antwort viel Zeit. „Mein Sohn“, sagte er schließlich, „Zunächst einmal sind wir in einer Höhle. Deshalb ist es dunkel. Es ist kalt, weil draußen Winter ist und wir uns zudem recht hoch in den Bergen aufhalten. Das ist alles natürlich und nicht weiter schlimm. Du musst dir deshalb keine Sorgen zu machen. Was deine zweite Frage betrifft – was mit uns passieren wird – so besteht schon eher Grund zur Sorge. Ich wünschte du hättest mich nicht gefragt“. Der Vater nahm einen tiefen Atemzug: „Sohn - ich sage es dir ganz offen. Es sieht nicht gut für uns aus. Es ist gut möglich, dass wir in den nächsten 10 – 15 Minuten eines gewaltsamen, grausamen Todes sterben müssen.“

Der Sohn war erschrocken. „Aber Papa!“, jammerte er, „Papa. Papa. Papa!“

„Sohn“, sagte der Vater und nun klang seine Stimme ernst, bestimmt, „Manche Dinge kann man eben nicht ändern. Wir müssen alle einmal sterben, manche früher, manche später. Manchen sterben friedlich im Bett, manche werden brutal aus ihren Leben gerissen. Wir - und ersterer Fall trifft vor allem auf dich zu, mein Sohn – sterben nicht nur sehr jung, sondern dazu auch noch äußerst gewaltsam. Das ist schade, aber es ist eben so. Ich hätte auch gerne noch ein paar Jährchen gelebt. Nun lass mich bitte weiter meinen Todesschlaf schlafen.“

Der Vater drehte sich wieder weg und schloss die Augen. Der Sohn wollte sich jedoch nicht mit dieser Antwort zufrieden geben. Er begann zu quengeln. „Papa“, quäkte er, „Ich will nach Hause. Und wo ist eigentlich Mama?“

Der Vater seufzte abermals. Diesmal war das Seufzen bedeutend tiefer und gramerfüllter, als es noch zuvor gewesen war. Es klang wie eine Erschütterung auf den Tiefen des Meeresgrundes, ausgelöst durch einen gesunkenen Schiffsrumpf, der mit einem dumpfen Laut am Boden auftrifft und eine Wolke aus Sand und Morast in die Höhe schleudert.

„Sohn.“, sagte der Vater. „Mama ist bei Gott. Sie singt nun mit den Engeln.“

Der Sohn kapierte überhaupt nichts. Er fragte gleich weiter. Er war gerade in dem Alter, in dem Kinder zwar nichts kapieren, aber trotzdem alles wissen wollen.

„Papa“, fragte er, „Was ist das eigentlich für eine Höhle? Und warum hängen wir mit dem Kopf nach unten von der Decke?“

„Sohn.“ Der Vater klang plötzlich ungeduldig. „Wir sind wir in der Höhle des Schneemenschen. Er hat uns beim Schifahren überfallen und verschleppt. Wir hängen kopfüber von der Decke herab, weil er uns so aufgehängt hat. Ich habe eine blutende Platzwunde am Kopf und kann durch mein verquollenes Auge nur schlecht sehen. Wahrscheinlich hab ich auch ein paar gebrochene Wirbel und Rückenmarksverletzungen, denn ich kann meine ganze linke Körperhälfte nicht mehr bewegen. Mama hat der Schneemensch in die Tiefen seiner Höhle verschleppt und wahrscheinlich aufgefressen oder noch Schlimmeres mit ihr angestellt. Im Moment warten wir darauf, dass er zurückkommt und uns Ähnliches widerfährt.“

Jetzt war der Sohn erst recht neugierig geworden. Er fragte weiter: „Papa, was ist denn ein Schneemensch?“

„Ein Schneemensch“, antwortete der Vater und nur mehr mühsam konnte er einen Anflug von Ärger unterdrücken - er war nämlich überhaupt nicht in der Stimmung seinem Sohn zu dozieren, der in beispielloser Penetranz sein Ruhebedürfnis ignorierte.

„Ein Schneemensch“, so fuhr er gepresst fort, „ist ein zottiges Ungeheuer, das in den Bergen lebt, meistens oberhalb der Schneegrenze. Deshalb auch der Name Schneemensch. Wie wir sehen konnten, hat er einen aufrechten, menschenähnlichen Gang und ähnelt prähistorischen Uraffenmenschen, die früher auf der Erde lebten und wie du sie aus deinen Sachbüchern kennst. Außerdem verfügt er über wehrhafte Klauen und ein äußerst kräftiges Gebiss. Bisher wurden erst wenige Exemplare dieser Spezies gesichtet und deshalb ist auch wenig über sie bekannt.“

Für einen kurzen Augenblick war der Junge beschäftigt. Hinter seiner flachen Stirn arbeitete es. Seine kognitiven Fähigkeiten waren noch begrenzt und er brauchte eine Zeitlang, um das aufgenommene Wissen zu interpretieren und in seine bestehenden Wissensbestände zu integrieren.

„Papa“, sagte er schließlich „Weißt du noch damals in Griechenland? Als wir Urlaub auf dem Zypressenhügel gemacht haben und du und Mama Sirtaki getanzt habt? Meinst du wir hätten dieses Jahr wieder nach Griechenland ans Meer fahren sollen?“

„Sohn“, der Vater knirschte mit den Zähnen, „Wir wollten heuer in Tirol Schi fahren. Es war dein ausdrücklicher Wunsch.“

Der Sohn erinnerte sich. Er beschloss das Thema zu wechseln. Seine Stimme nahm wieder eine quengelnd bohrende Tonlage an:

„Papa! Mir rinnt das Blut in meinem Kopf zusammen. Können wir nicht endlich gehen?“

Der Vater wurde nun richtig wütend. „Junge“, sagte er und seine Stimme klang barsch, „Halt nun endlich deinen Mund. Kannst du nicht versuchen mit ein wenig Würde zu sterben?“

Der Sohn wollte gerade zu einer Antwort ansetzen als just in diesem Moment der Schneemensch auftauchte. Er war tatsächlich groß und zottig und hatte Ähnlichkeiten mit einem prähistorischen Riesenaffen. Er trug einen Tirolerhut und eine Lederhose, aus deren Gesäßtasche die Spitzen eines altrosafarbenen Taschentuchs baumelten. Auffällig an seiner Erscheinung war das Vorhandensein von nur einem Auge, das ähnlich wie bei einem Zyklopen oder Figuren aus japanischen Zeichentrickserien sehr groß ausgeprägt war und mit dem er Vater und Sohn treuherzig anguckte. Unübersehbar war auch das krumme Horn eines Bockes, das ihm über dem glotzenden Auge in elliptisch aufsteigender Form seiner behaarten Stirn entwuchs und – nicht zuletzt – jenes Ding, das aus seinem rechten Mundwinkel hing - halb verdeckt von dem verfilzten Rauschebart, der um sein breites Kinn rankte – und das eindeutig als das das bleiche, zerkaute Bein einer Frau identifiziert werden konnte.

„Papa! Papa!“, krähte der Junge aufgeregt, „Ist das der Schneemensch?“

Nun schien der Sohn mit seinen unreflektierten Fragen das Fass zum Überlaufen gebracht zu haben. Mit seiner ungelähmten Seite holte der Vater zum Schlag aus und ein lautes Klatschen erschallte in der Höhle.

„AUAUAUU“, jammerte der Sohn sogleich, während sich auf seiner Backe der rote Abdruck von des Vaters Hand abzuzeichnen begann.

Der Schneemensch verfolgte die väterliche Züchtigung interessiert und kaute weiter an dem wächsernen Stück Bein herum. Schließlich saugte er es wie eine lange Suppennudel auf, sodass es mit einem Schmatzen in seinem Rachen verschwand. Er sagte:

„UCKTUB URZOCK RUCHTUL BNUCK! ORCHTUM ZTACK SURTUR BTUCK!“

Es war schneemännisch. Es hieß so viel wie „Ich werde euch Menschen jetzt fressen.“

Dann verschwand er im Dunkel der Höhle, wo er klappernd mit irgendwelchen Gerätschaften hantierte und schließlich einen großen, rußgeschwärzten Kochtopf zum Vorschein brachte. Er hängte ihn über eine Feuerstelle und begann auf einem Feuerstein Funken zu schlagen, die er auf trockenes Stroh überspringen ließ. Konzentriert brütete über der Feuerstelle.

Der Sohn wimmerte immer noch wegen der Züchtigung. „Entschuldige, mein Sohn“, sagte der Vater, dem seine unbedachte Reaktion nun leid tat. „Das wird nicht wieder vorkommen.“

Mittlerweile hatte es der Schneemensch geschafft ein kleines Feuer zu erzeugen. Geschickt fächelte und pustete er in die Flammen, sodass bald sämige Rauchschwaden die Höhle erfüllten.

Der Sohn beruhigte sich wieder. „Papa, war das Mamas Bein, das der Schneemensch gefressen hat?“, fragte er, aber der Vater ignorierte ihn. Die Betrachtung des Schneemenschs nahm ihn sehr in Anspruch. Das Untier hatte nun begonnen ein schartiges Schlachtermesser zu wetzen. Es ähnelte einer überdimensionalen Machete, wie sie etwa auf Dschungelexpeditionen verwendet wird. (Dem geistigen Auge des Vaters entsprang kurz die bizarre Vision, wie sich der Schneemensch in khakifarbener Montur und mit Tropenhelm durch den Dschungel kämpfte und durch eine Lupe unentdeckte Tier- und Pflanzenarten erforschte).

Endlich hatte der Schneemensch sein Messer lange genug geschärft und wandte sich seinen Gefangenen zu.

„Gut, mein Sohn, jetzt ist es Zeit Abschied zu nehmen.“, sagte der Vater und atmete tief durch. „Schade, dass du so jung sterben musst. Ich hoffe du hattest ein erfülltes Leben. Und noch einmal Entschuldigung wegen der Ohrfeige.“ Er schloss die Augen in Erwartung des tödlichen Hiebes. Der Sohn quengelte irgendetwas.

Jedoch – sehr zur Überraschung aller Beteiligten - der Todesstoß blieb aus. Noch bevor die Machete nämlich Vater und Sohn zerfetzen konnte, ertönten von draußen raue Männerstimmen und Fußgetrappel. Der Schneemensch – durch die plötzliche Störung aus dem Konzept gebracht - hielt in der Bewegung inne und guckte verdutzt in Richtung Höhleneingang. Der Umriss von einer Gruppe von Männern tauchte dort auf. Es waren ungeschliffene, bärtige Männer mit schnapsglänzenden Augen und rauchenden Flinten, die in traditionelle Trachten gekleidet in die Höhle stürmten. Es waren die Tiroler Schützen, die gekommen waren, um Vater und Sohn zu retten. Angst spiegelte sich in dem großen Auge des Schneemenschs. Jäh ließ er das Messer fallen und flüchtete sich in den dunklen Stollengang der Höhle.

Die Schützen hatten die Lage sogleich im Griff. Ein paar blieben bei Vater und Sohn stehen und schnitten die Schnüre durch, an denen sie der Schneemensch aufgehängt hatte. Die anderen machten sich zur Verfolgung des Ungeheuers in den dunklen Gang auf.

Einer der Tiroler Schützen sagte etwas in seiner Landessprache. Auch wenn Vater und Sohn die rauen und polternden Laute nicht verstanden, waren sie dennoch sehr erleichtert. Sie waren gerettet.

Ein grimmig aussehender Schütze reichte dem Vater eine Flasche Schnaps zur Kräftigung. Dankbar nahm der Vater die Pulle und trank große Schlucke. Der Schnaps tat ihm gut. Er schenkte ihm nicht nur die nötige Entspannung, nach der sich sein geplagter Körper in dieser stressigen Situation sehnte, er heilte auch seine gebrochenen Rückenwirbel und Rückenmarksverletzungen, die er sich zuvor zugezogen hatte.

Erstaunt und erfreut über die wundersame Wirkung des Destillats lachte der Vater laut auf. Der Tiroler lachte ebenfalls und tätschelte dem Vater freundschaftlich den Rücken. Auch der Sohn lachte grundlos mit. Er war zwar noch zu jung für den Schnaps, durfte aber, während sie ins Tal gebracht wurden, mit einer der rauchenden Flinten spielen, worüber er sich sehr freute.

So verließen Vater und Sohn die Höhle des Wahnsinns. Sie waren noch einmal mit dem Schrecken davon gekommen. Urlaub in Tirol machten sie jedoch nie wieder.

Der liebestolle Satan

klippo

Mann, ist mir schlecht. Dunkelheit, Kälte, Laub. Ein Licht. Eine leuchtend gelbe Zisterne. Eine Straßenlaterne. Ich schwitze. Komme nur langsam vorwärts. Kichert da jemand? Schon möglich. Das hat mir gerade noch gefehlt. Es ist doch schon alles schwer genug. Jetzt über die Brücke. Wankend, torkelnd. Amboss, Hammer und Steigbügel. Wo ist der Gleichgewichtssinn? Dann wieder Kotzen. Wie lang dauert das denn noch? Ist das immer so weit? Kalter Schweiß. Die alte Gasse rauf. Sind das Menschen? Oder Schatten? Egal. Endlich bei der Haustür. Jetzt liege ich am Boden, röchelnd, kotzend. Liegenbleiben keine gute Idee, sagt das Großhirn. Also wieder auf. Verdammt. Der schwierige Teil kommt noch. Der Schlüssel muss ins Schloss. Wozu eigentlich so viele Schlüssel? Wenn keiner passt. Nein, der ist es nicht. Und der auch nicht. Und der schon gar nicht. Endlich das erlösende Klimpern. Ich bin drin. Aber nicht am Ziel. Noch mal ein schöner Schwall ins Stiegenhaus. Du meine Güte! Wie tief man nur sinken kann. Welch eruptives Stöhnen! Die Treppe rauf. Aufsperren war auch schon mal einfacher. Dejá vu. Jemand öffnet mir. Jetzt nur mehr ins Bett, rein in die erlösende Dunkelheit.

Sieben Stunden früher. Mann, ist das eine langweilige Fete. Gerald, der Depp, prahlt mit seinem Job bei der Hypo-Bank. Dass es so was noch gibt! Die Mädels sind knuspernde Mäuslein, reden über Stricken und Häkeln. Vor mir eine Flasche Rotwein. Billiges Gesöff, meint Gerald. Mir egal. Langeweile macht durstig. Die Party stinkt. Endlich geht’s weiter in die Stadt. Ich fühl mich jetzt richtig gut. Ein Bonmot jagt das nächste. So kommt’s mir jedenfalls vor. Ich führe die Truppe an. Ich bin der geborene Führer. Zu meiner Rechten Gerald, zu meiner Linken Greg, der schweigsame Rastamann. Hinter mir die Mädels im Gänsemarsch. Rotwein ist mein Zunder, Nikotin meine Inspiration. Es gärt gewaltig. Bin ich Gott? Ich denke ja. Gerald prahlt mit seinem Einkommen, Wohnung und Erdgasauto. Recht hat er. Gerald, du bist ein Hammer-Typ. Greg grinst aus seinem verfilzten Bart heraus. Sein Fahrrad ist schon ziemlich klapprig. Ob er sich kein besseres leisten kann? Greg, warum kaufst du dir kein ordentliches Rad? Greg steht da drüber. Das hätte ich mir eigentlich denken können. Er studiert Ingenieurswissenschaften. Da gratuliere ich ihm herzlich. Endlich mal ein ordentliches Studium. Seine Augen blitzen lustig.

Wir kommen zur Straße der Sünde. Der langweilige Teil der Fete bleibt an der Ache kleben, ich und Gerald natürlich rein ins Getümmel. Besoffene Halbstarke, verschwitzte Jung-Mädchen, mit Glassplittern besprengte Bürgersteige. Es stinkt nach Brunft und Hormone. Das gefällt mir. Die anderen versäumen was. Gerald prahlt mit seinen ersten Sauferlebnissen, die er hier erlebt hat. Jetzt geht er natürlich anders aus. Da kann man schon mal Billard spielen und Champagner trinken. Recht hat er, vollkommen recht. Dieser Gerald. Sein Geschwätz klingt wie Musik in meinen Ohren.

12 Stunden später. Ich muss zum Zug. Catrine, hat mich sehr gefreut, war ein sehr schöner Abend. Ja, mich auch. Küsschen rechts, Küsschen links. Gibst du mir noch den Wohnungsschlüssel? Na logo. Dann mal rein in die Taschen. Da ist er aber nicht. Und auf der Kommode liegt er auch nicht. Hab ihn wohl verloren, grinse ich. Panik glitzert in Catrines Augen. Das ist nicht lustig! Wo hast du ihn? Den brauch ich! Der wird schon irgendwo sein. Schauen wir halt mal auf dem Bett nach. Oder in der Küche. Oder im Klo. Catrine, ich muss jetzt wirklich auf den Zug. Nichts da, erst muss der Schlüssel her. Ok, das sehe ich ein. Wir suchen fieberhaft. Der verdammte Schlüssel taucht nicht auf. Catrine, ich kauf dir einen neuen Schlüssel, ok? Nein, das hilft jetzt auch nichts. Schau noch mal in deinen Taschen nach! Ich wühle zum 10.000 Mal in meinen Taschen. Nein, da ist er immer noch nicht. Schau doch mal im Stiegenhaus! Ja mach ich. Da kann ich dann gleich meine „Spuren“ beseitigen. Hast ihn vielleicht an der Uni verloren? Oder beim Morgenspaziergang? Ja, beides möglich. Ok, den Zug schaffe ich nicht mehr. Und der Schlüssel scheint wirklich wichtig zu sein. Da muss ich dann das ganze Schloss austauschen, jammert Catrine. Kein Problem, zahl ich alles. Von meinem selbst verdienten Geld. Aber jetzt geht’s erstmal zur Uni. Den Schlüssel suchen. Zurück zur Stätte des Grauens.

Neun Stunden früher. Hier riecht’s nach Marihuana. Ja, bitte gern. Die Leute schwitzen und tanzen. Vorne spielt eine Band. Es geht recht locker zu. Das mag ich. Hallo Mädchen, wie geht’s dir? Hast du mal ne Zigarette? Nein, hab ich nicht. Hast du eine? Natürlich nicht, sonst würde ich doch nicht fragen. Dann besorg welche! Ja mach ich. Ein glatzköpfiger tätowierter Riese reicht mir seine Schachtel. Er ist wirklich groß und trägt Kilt und Springerstiefel. Wie alle Riesen aber im Grunde eine gutmütige, herzensgute Kreatur. Dass ich gleich zwei aus seiner Packung nehme, quittiert er mit einem nervösen Grunzen. So, jetzt haben wir die Zigaretten. Hoppla, da ist ja noch jemand. Ob das ihr Freund ist? Egal. Wir rauchen. Sie hat prächtiges andalusisches Haar. Und, was machst du so? Ich schreibe gerade Dissertation. Ja total lässig, über was denn. Ich höre und vergesse. Hey, wie heißt ihr eigentlich? Moment, sagt nichts, ich weiß es eh: Du heißt Bianca und er heißt Stefan. Denn du siehst genau so aus, wie eine Bianca aussieht und er eben wie ein Stefan. Macht für mich perfekt Sinn. Hey, das gibt’s doch nicht. Das stimmt! Ich heiße wirklich Bianca und er heißt Stefan. Woher weißt du das? Sind wir uns schon mal begegnet? Das hat dir doch jemand gesteckt, oder? Da bin ich baff. War doch nur ins Blaue geraten. Sehr unwahrscheinlich. Habe ich übersinnliche Fähigkeiten? Kann schon sein. Aber Moment, das stimmt doch gar nicht. Doch, sagen Bianca und Stefan. Muss ich recherchieren. Eine Aufgabe ist geboren. Dann zeig mal deinen Ausweis, Baby. Habe ich nicht dabei. Sie lacht und dreht sich wie ein Kreisel. Hey, wie heißen die Typen da? Bianca und Stefan. Nein, das gibt’s nicht. Vielleicht weiß es ja der Biermann. Biermann, ich habe ein Problem, sei mein Vertrauter! Habe ich übersinnliche Fähigkeiten? Ich muss es wissen! Ich erzähle meine Geschichte. Der Biermann ziert sich. Gibt nur zögerlich Bescheid. Weiß nicht, ob er es mir sagen darf. Na klar, darfst du, du Depp! Ich beobachte ihn genau. Observiere sein feistes Bubengesicht. Klimpert da vielleicht eine Lüge zwischen den Wimpern? Ja, die heißen schon Bianca und Stefan. Autsch. Gibt’s das? Ach, ihr steckt doch alle unter einer Decke, schreie ich. Das beweist immer noch rein gar nichts! Oder es ist wahr. Ich habe übersinnliche Kräfte. Denn sie schaut einfach aus, wie eine Bianca aussieht. Und der Stefan, mit seiner falben Einheitsvisage, ist einfach so ein Stefan. Trotzdem ist da was faul. Alles ein Trick. Ich bin Wissenschaftler, Skeptiker. Galileo Galilei nichts dagegen. Außerdem habt ihr gelogen: Ihr kennt euch. Seid euch keineswegs gerade auf der Party begegnet. Habe ich genau gesehen. An der nonverbalen Kommunikation. Mir kann man nichts vormachen. Ich bin Galileo Galilei. Bianca und Stefan lachen. Aber das wird ihnen bald vergehen. Passt nur auf, ihr zwei Vögel! Also, was macht ihr eigentlich hier? Besetzt ihr auch die Uni? Stefan antwortet. Also sicher nicht. Die Protestbewegung ist voll für’n Arsch. Blockieren nur die Hörsäle und halten alles auf. Und erreichen rein gar nichts. Verdammt uncool so was. Was meinst du? Meine Empörung steigt ins Unermessliche. Das ist doch schon wieder eine Finte. Bleibe aber ganz cool. Ach, das ist schon ok so. Da geht’s ja um bessere Bildung und so. Bildung statt Ausbildung. Sowas halt. Das war gut. Gefällt ihnen. Ich habe die Prüfung bestanden. Stefan doziert mir: Er und Bianca sind sogar ganz vorne mit dabei. Sozusagen Herz und Niere der Bewegung. Jetzt habe ich ihr Vertrauen gewonnen. Aber es ist zu spät. Das Imperium schlägt zurück. Ich plustere mich auf: Wisst ihr, was eurer Bewegung fehlt? Ihr braucht mal wieder einen richtig starken Führer! So nen Mao Tse Tung. Oder besser Hitler. Da gab’s ein paar richtig gute Reformen. Das weiß ich, bin nämlich Nationalsozialist. Ein Drittes Reich muss wieder her. Und ihr seid meine neuen Hitlers 2009! So, das hat gesessen. Bianca und Stefan finden das gar nicht lustig. Ey, was geht denn mit dir ab? Was soll denn DER Scheiß? Bianca schnurt ab. Stefan ist bitterböse. Hey, war doch nur ein Jux. Das findest du lustig? Über sechs Millionen tote Menschen machst du Witze? Tu ich doch gar nicht. Nur über euch zwei. Ach, du machst Witze über uns? Jetzt hab ich’s vermasselt. So ein Schlamassel. Und dabei wollte ich doch nur geliebt werden!!!

Nicht unwesentlich später. Am nächsten Tag. Ich stapfe dieselbe blöde Treppe hinunter. Mann, hab ich Kopfweh. Also der Schlüssel. Hier liegt er mal nicht. Hier auch nicht. Und hier sowieso nicht. Vielleicht wissen ja die im Hörsaal was. Hey, wo ist denn mein Schlüssel? Also eigentlich Catrines Schlüssel. Hab ihn wohl gestern auf der Fete verloren. Ein belustigtes Schnauben. Verdammter Fatzke! Die Frau ist netter: Frag doch mal in der „Volksküche“ nach. Wenn was verloren geht, dann landet es dort. Ja gut, mach ich. Also wieder die Treppe rauf, die heute ganz klebrig ist. Bananen, Birnen und Nutella. Da hockt jemand mittendrin. Weißt du vielleicht wo mein Schlüssel ist? Ne, weiß er natürlich nicht. Er tippselt ein E-Mail. Ich soll mal zum Hausmeister schauen. Also wieder die Treppe runter zum Hausmeister. Mit brüchiger Stimme trage ich mein Anliegen vor. Der Hausmeister hält mich wohl für einen von „denen“. Will mir gleich eine Standpauke halten. Ziemlich uncool, der Mann. Meinen Schlüssel hat er auch nicht. Ich schnure ab.

Früher. 6:00 Morgens. Ich bin jetzt im Auge des Sturms. Im Herzen der Finsternis. Bzw. im Studenten-Kammerl. Wir hocken zusammen. Alle sind sie da: der Biermann, der glatzköpfige Riese, Greg und natürlich auch Bianca und Stefan. Dazu noch ein zotteliger Jüngling und eine blonde Schönheit. Mein Hirn läuft mittlerweile auf Reptilien-Modus. Bin in der Tiefsee angelangt. Ich ahne: Das ist jetzt der große Showdown. Bianca und Stefan ignorieren mich geflissentlich. Aber man duldet mich. Das freut mich. Muss mich halt jetzt benehmen. Sagt die Vernunft. Sonst schmeißen die mich raus. Es geht um die politische Agenda: Fehlendes Engagement der ÖH, kiffende Querulanten und drohende Razzien. Ich beteilige mich artig. Falle gar nicht weiter auf. Nur die blonde Schönheit lacht mich von drüben an. Bedeutet das was? Wenn ja, was? Keine Ahnung. Bin schon total weggetreten. Der Raum löst sich immer weiter auf. Jetzt muss es schnell gehen. Mir bleiben noch Sekunden. Hey Leute, lalle ich. Hört mir mal zu. Das ist ja alles schön und gut mit der Bewegung. Haben wir fein gemacht. Mit dem Protest und so. Aber gehen tut’s doch um viel mehr. Was wir brauchen, ist Musik… und Tanz… und Gesang… und wilden Wein… und lustige Hüte… und Liebe. Liebe, Leute! Mann, das ist es doch, worum es geht, LIEBE! Jetzt wird mir schlecht. Die Zeit ist um. Muss weg. Sorry, Jungs. Torkle aus dem Raum. Wo ist noch mal das Klo? Ach da drüben. Ganz schön milchig hier. Es brodelt arg. Schwappt schon in mir hoch. Ich küsse die Klobrille.

48 Stunden später. Da klingelt was. Ach das Handy. Hallo Catrine, was gibt’s denn? Ja bei mir auch alles wunderbar und bei dir? Was du nicht sagst. Der Maler hat ihn gefunden? Unten bei der Haustür? Da bin ich ja froh! Danke, heiliger Antonius. Echt super! Hätt’ ich nicht mehr geglaubt! Ja, machs auch gut. Ciaociao. Also noch ein Happy End. Und sie dreht sich doch. Oder etwa doch nicht?

Der Ausreißer

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„Ist es nicht herrlich? Welch herrliches Grün – welch herrliches Blau. Die Sonne lacht, die Vöglein singen, der Himmel strahlt – was gibt es Schöneres!“ Balthasar trat auf die Wiese und breitete die Arme aus. „Hör mich an, Natur! Oh, ihr Vöglein, oh ihr Blümelein, hört mich an! Jetzt bin ich erwacht! Mehr Licht! Mehr Licht!“

Von einer wilden schwärmerischen Erregung befallen, hüpfte er über das Gras. Die Sonne, die wie ein großer pausbäckiger Kürbis über ihm erstrahlte, erfüllte jede einzelne Pore seines Körpers mit wonniglicher Wärme. In rauschhafter fiebriger Inbrunst schnupperte er an den Blumen und fraß den wilden Sauerampfer, den ihm Mutter Natur in reichen Knollen kredenzte. Alles war ihm hinderlich, alles musste weg. Weg mit der Krawatte! Weg mit der Rolex! Weg mit den Manschettenknöpfen! Wozu Schuhe tragen, wozu Kleider tragen? Jauchzend schleuderte er alles hinfort. „Ach, wie gerne wäre ich doch ein Vöglein“, brabbelte er. „Ein frecher Fink oder eine fesche Drossel! Das wär’ mir jetzt gerade recht!“

Er haschte nach den Insekten, die über das Gras schwirrten und lachte laut glucksend, wenn sie ihm entkamen. Sich wie ein Füllen auf der Wiese wälzend, rupfte er fette Büschel aus und rieb sie so lange aneinander, bis der grüne Saft aus ihnen hervorquoll. Dann rannte er weiter dem Walde zu, der grünen Fassade, die sich so verlockend in der Ferne aufzäumte und durch die die Nachmittagssonne so wunderbar orange in den Wipfeln glühte. Ein großer brauner Pilz erregte seine Aufmerksamkeit; er verschlang ihn mit einem Biss. „Herrlich!“, rief er kauend. „Ist es nicht herrlich? Was braucht man mehr zum Leben? Ich jedenfalls brauche nichts mehr!“

Brigitte war derweil im Wagen sitzen geblieben und blickte starr durch die Windschutzscheibe. Ihre Hände hielten das Lenkrad so fest umklammert, dass ihre Knöchel weiß hervortraten und die Adern sich blau unter der Haut wölbten. Ihre Lippen waren zu einem schlangenartigen Knäuel verkrampft waren. Ihr entging ihr nicht, dass Balthasar nun in den Wald eintrat und seine Gestalt im Grün der Bäume langsam schwummrig wurde. Kein Wunder, denn Balthasar fühlte sich im Kreise der Bäume sehr wohl. Die Abendsonne blinkte und blitzte auf aberwitzige Weise durch die Wipfel und wob wunderhelle Mosaike auf den Boden. Eichen und Buchen sprossen festlichen Sträuße gleich aus der Erde und entfalteten ihre lichten Kronen im Firmament. In der Ferne glitzerte und gluckste es: Ein Bächlein wogte gläsern durch den Forst. Mit einem Schrei warf sich Balthasar in seine Fluten.

Seufzend stieg Brigitte aus dem Wagen, zupfte ihr pastellfarbenes Kleid zurecht und näherte sich dem Wald. Eine breite Schneise, die Balthasar auf seiner wilden Hatz hinterlassen hatte, wies ihr den Weg. Äste und Zweige grapschten nach ihr, und zausten ihr das Haar. Sie war nervös. Voller Sorge gewahrte sie das schwarze, pelzige Ding, das nicht unweit in den Bäumen hing und das Geschehen aufmerksam verfolgte.

„Balthasar, komm endlich zurück in den Wagen! Es wird bald dunkel. Und… und…“, Brigitte konnte ihren Zorn kaum noch unterdrücken „Und ich würde jetzt gerne wieder weiterfahren!“

Balthasar, den das kühle Nass von seiner vorübergehenden Erhitzung kuriert hatte, war indes aus dem Bächlein gestiegen und wühlte sich durch ein nahes Gebüsch, um sich an den Blättern zu frottieren. Er dachte nicht daran wieder ins Auto zurückzukehren. Warum denn auch? Hier war es doch viel schöner. Dann spitzte er die Ohren. Seinen geschärften Sinnen entging nicht, dass ganz in seiner Nähe ein leise zwirbelndes Geräusch erklang, ein hauchdünnes Schlüpfen und Kratzen, das kaum hörbar war. Was war das bloß für ein Tier? Balthasars lauschte neugierig. Er analysierte: Es war nicht das Plätschern der Molche im Wasser und auch nicht das Klopfen des Spechts und auch der flinke Otter war es nicht, der gerade am Ufer herumhuschte und auch nicht die kleinen Eichhörnchen, die gar lustig in den Blättern raschelten, waren es nicht. Seinen Gehörgang bis aufs äußerste strapaziert, verharrte Balthasar lauschend. Von dem schwarzen pelzigen Ding, das nicht unweit von ihm in den Bäumen hing und ihn aus gelben Augen musterte, nahm er keinerlei Notiz.

„Balthasar!“ Brigittes Stimme erklang erneut. Noch immer stand sie an derselben Stelle und wagte es nicht weiter in den Forst einzudringen. Die Sonne wurde immer schwächer. „Komm zurück, ich bitte dich!“ Die seltsame egoistische Krankheit, ja anders konnte sie es nicht bezeichnen, die sich Balthasars bemächtigt hatte, drohte ihn zu verzehren. Ihren Appell verschärfend, rief sie noch einmal, einer gewissen Verzweiflung nicht entbehrend: „Balthasar, komm jetzt endlich zurück! Es wird schon dunkel. Ich will weiterfahren!“

Balthasar ignorierte sie. Noch immer achtete er nur auf das zwirbelnde Geräusch. Es war nun in seiner unmittelbaren Nähe. Was war das nur für ein Tier? Ein leichtes eruptives Vibrieren schien die Erde zu bewegen. Da erblickte er, sehr zu seiner Freude, ein possierliches Schnäuzlein, das sich zu seinen Füßen aus der Erde zwirbelte und ihn mit einem gar lieblichen Gesichtchen und kurzsichtigen Äuglein anglotzte.

„Ei, wenn das nicht Herr Maulwurf ist!“ Balthasar war entzückt. „Sie kommen mir gerade recht! Na, wie geht’s Ihnen da unten? Wieder auf Schatzsuche, was?“ Balthasar packte den Maulwurf an seinen zierlichen Grabehändchen und begann mit ihm ein lustiges Tänzchen zu tanzen. Ein paar Pirouetten und einen innigen Schmatz auf das Schnäuzlein später, ließ er ihn wieder frei und der Maulwurf verzog sich verdutzt und ein wenig grummelnd in seinen Gang zurück. Balthasar hüpfte glücklich und selig weiter in den Wald hinein.

Die Sonne war mittlerweile ganz einer bleiernen Dämmerung gewichen, die sich wie ein kühler Schleier über das Gehölz legte. Von einem wilden ahnungsvollen Schrecken ergriffen, querte Brigitte das Bächlein, in dem Balthasar zuvor geplantscht hatte und unternahm einen letzten verzweifelten Versuch Balthasar zur Umkehr zu bewegen. Die Bäume ragten wie verkohlte Streichhölzer vor ihr auf und murmelten mit bösartigen Stimmen. Eine merkwürdig kalte Gewissheit, begleitet von dem schalen Geschmack der Resignation hatte sich auf ihrer Zunge festgesetzt. Das schwarze Ding in den Bäumen, das die Vorkommnisse die ganze Zeit interessiert verfolgt hatte, schwang sich mit seinen langen pelzigen Armen von Ast zu Ast und heftete sich Balthasar auf die Fersen. Ein kurzes Mal sah Brigitte noch seine Gestalt zwischen den Bäume hindurch hüpfen bevor er für immer aus ihrem Leben verschwand.

Der kleine Pepe und die bösen Drei

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„Wuff!“, bellte der Hund. „Wuff! Wuff!.“ Aufgeregt kläffend und mit wedelndem Schwanz rannte er um den kleinen Pepe herum. Etwas hatte angebissen. Ein kräftiger Ruck ging durch die Fischerleine und der Junge wäre beinahe in den Weiher gestürzt, hätte sich der Hund nicht noch im letzten Moment an seinem Hosenlatz festgebissen. Die Fischerleine bis zum Zerreißen gespannt musste Pepe ackern wie ein kleiner Ochse, bis es ihm endlich gelang, den widerspenstigen Fang aus dem Wasser zu zerren.

„Wuff!“, bellte da der Hund und fletschte seine Zähne. „Wuff! Wuff!“

Während Pepe seinen Fang begutachtete, trat plötzlich ein großer Mann an den Weiher. Lautlos war er aufgetaucht und stand einfach so da, eine breite, runde Gestalt im Zwielicht der Dämmerung. Weit und breit nannte man ihn nur den „Saubauern“, da er durch die Schweinezucht zu großem Reichtum gekommen war. Und tatsächlich war er auch selber dick und rund wie eins seiner Mastschweine, die er am sonntäglichen Markt mit krakeelender Stimme anzupreisen pflegte und noch dazu behaart und beschnäuzt wie ein Eber aus dem Wald. Manche Leute nannten ihn auch den alten „Fotzenhobel“, doch dies ist eine andere Geschichte.

Der Saubauer tupfte sich sein glänzendes Gesicht ab und watschelte auf Pepe zu. „Na, hast du deiner Großmutter einen fetten Fisch gefangen“, feixte er und äugte neugierig auf das tropfende Ding, das der kleine Junge da eben aus dem Wasser gezerrt hatte. „Heiliger Schweinehoden“, polterte er, als er es denn gesehen hatte und sein ohnehin schon rundes Gesicht wurde vor Erstaunen noch runder, „Nanu! Was ist denn das?“

Angelockt von den Rufen des fetten Bauern gesellte sich nun noch ein zweiter Mann zum Wasser, der schon zuvor verstohlen durch das Gebüsch gelinst hatte und sich nun mit seltsam staksendem Gang Pepe und dem Saubauern näherte. Der Mann war ein Angestellter des Saubauern, genauer gesagt der Pedell der so genannten „Sauakademie“, einer Institution, die der Saubauer ins Leben gerufen hatte, um junge aufstrebende Talente in der Kunst der Schweinemast zu unterrichten. Meist wurde der Pedell aber nur die „Gottesanbeterin“ genannt, da sein dreieckiges Gesicht, seine großen Facettenaugen sowie auch seine Körperform und seine Extremitäten verblüffende Ähnlichkeiten mit demselbigen Insekt aufwiesen. Es war  stets mit seinen beiden großen geschwungenen Sicheln anzutreffen, die er äußerst geschickt bei der Kastration von jungen Ebern einzusetzen wusste und genau in der Art zu halten pflegte, wie es auch Gottesanbeterinnen mit ihren Fängen tun, wenn sie sich auf einem Stein auf die Lauer legen.

Jetzt sah auch der Pedell das Ding, das der kleine Pepe da eben aus dem Wasser gezerrt hatte. „Du meine Güte“, rief er und musste sich sogar kurz setzen, da ihm vor Schreck ganz blömerant wurde.

Just in diesem Moment trat noch eine dritte Gestalt an das Ufer. Es handelte sich dabei um die Großmutter von Pepe, die ein steinaltes und ausgesprochen hässliches Weib war, mit weißen Hexenhaaren und einer Haut so verschrumpelt wie ein vertrockneter Regenwurm. Mit penetrant lauter, krächzender bis kreischender Stimme, wie sie für ältere Frauen mit beginnender Taubheit typisch ist, begann sie nach ihrem Enkel zu rufen, dass er endlich nach Hause kommen sollte. Sie konnte sich nur sehr langsam vorwärts bewegen, da sie neben ihrer Taubheit auch noch schlecht sah und zudem auf einem Bein lahmte. Zudem erschwerte ihr ein gerade zu grotesk großer Buckel das Fortkommen. Ungeachtet aber ihrer altersbedingten Handicaps war sie aber ein lebenserfahrenes, weises, altes Weib, das schon weit in der Welt herumgekommen war und so manches erlebt hatte, woran jüngere Generationen nicht im Traum zu denken wagten. Der Saubauer und sein Pedell atmeten jedenfalls erleichtert auf, als sie die Großmutter näher kommen sahen. Vielleicht konnte ja sie Licht in die Angelegenheit bringen.

„Ei, du bist mir ein rechter Schnapphahn!“, rief sie aus und gab dem kleinen Pepe eins hinter die Löffel, als sie gesehen hatte, was er da eben aus dem Wasser gezerrt hatte. „Was hast du da gefangen? Lausbub!“

Das Ding, das Pepe da eben gefangen hatte, hatte es sich in seinen Armen mittlerweile sehr bequem gemacht. Er hatte es von dem Fischerhaken befreit und tätschelte ihm liebevoll den Kopf. Es hatte entfernte Ähnlichkeiten mit einem kleinen, fetten Krokodil, dazu rhabarberartige Flossen und eine platte Schnauze. Die Liebkosungen des kleinen Jungen schienen ihm sehr zu behagen, wie man an seinem zufriedenen Gurren und Schnurren hören konnte.

„Gut, dass Sie gekommen sind, verehrte Großmutter“, flüsterte der Saubauer. „Sehen Sie sich nur dieses garstige Ding an!“

Nachdem die Großmutter sich das Tier eingehend angesehen hatte, wurde ihr die Sache bald klar: „Das ist ein Leviathan. Im Volksmund auch Teufelsgecko genannt. Sehr selten. Scheint noch im Larvenstadium zu sein. Im Erwachsenenzustand ungeheuer fressgierig und böse. Am besten schlagen wir es schnell tot und werfen es zurück in seinen Pfuhl.“

„Eine ausgezeichnete Idee“, stimmte der Saubauer zu. „Mein Pedell und ich können das sogleich mit unserem Equipment erledigen“.

Dabei spann der gewiefte Saubauer bereits Pläne, wie er den Leviathan, hatten sie ihn erstmal geschlachtet, gewinnbringend verwerten konnte. Denn wenn das Tier wirklich so selten war, wie die Großmutter sagte, ließ sich damit sicherlich ein fetter Reichbach machen. Er konnte sich etwa gut vorstellen, das Fleisch zu einer wohlschmeckenden Pastete zu verarbeiten und als Delikatesse zu verkaufen. Die Zähne ließen sich womöglich zu einem Pulver zermahlen, das – vermengt mit dem Blut und Samen eines Ebers - als potenzsteigerndes Mittel an den Mann gebracht werden konnte und aus der ledrigen Haut des Ungeheuers ließe sich wohl eine schicke Handtasche fertigen, für die ein junges Fräulein zweifellos bereit wäre, einen stattlichen Preis zu entrichten.

Die zotige Großmutter gab dem Saubauern jedenfalls gerne ihre Zustimmung, denn sie wollte endlich nach Hause, damit sie von dem kleinen Pepe ihren täglichen Gute-Nacht-Kuss empfangen konnte.

Der Saubauer packte also den Leviathan am Schlafittchen und riss ihn dem Jungen aus den Händen. „Heeeee“, rief Pepe vorwurfsvoll, denn er wollte seinen neuen Freund unbedingt behalten, der viel besser war als sein langweiliger blöder Hund. Aber der Saubauer kümmerte sich nicht um das Geweine und Geplärre des Jungen. Auf einer kleinen, mobilen, ausklappbaren Schlachtbank wollten er und sein Pedell den Leviathan schlachten. Mit Tränen in den Augen blickte Pepe auf die Großmutter, aber von ihr war keine Hilfe zu erwarten, denn sie billigte das schändliche Vorgehen des Saubauern.

Auch der kleine Leviathan war gar nicht froh darüber, nicht mehr in den Armen Pepes strawanzen zu können. Er quakte missgelaunt. Dass ihn der Saubauer festschnallte, damit ihn der Pedell mit seinen scharfen, geschwungenen Sicheln abstechen konnte, gefiel ihm ganz und gar nicht und so biss er dem Saubauern kräftig in den Finger.

„Auweh“ schrie der Saubauer und versuchte den Leviathan abzuschütteln, doch dieser hatte, trotz seines jungen Alters bereits ein gut entwickeltes Gebiss und ein kräftiges Kiefer und ließ nicht so schnell locker. In seiner Not wirbelte ihn der fette Saubauer wie einen Kreisel im Kreis herum und klatschte ihn gegen einen Baum, doch der Leviathan zeigte sich davon gänzlich unbeeindruckt. KRACKS machte es da und ab war der Finger des Saubauern. Eine Fontäne schwarzen Blutes spritzte durch die Luft und besudelte ihn und seinen Pedell mit schleimigen Schlieren. Kreidebleich sank der Saubauer zu Boden und musste von dem Pedell mit einem Schnupftuch verarztet werden.

Aber noch bevor der Leviathan den Finger fertig verspeist hatte und zu dem kleinen Pepe zurückhuschen konnte, hatte ihm die Großmutter schon mit einer für ihr Alter erstaunlich flinken Blutgrätsche den Weg abgeschnitten und packte ihn am Schwanz. „So, Spitzbube, hab ich dich. Jetzt hast du genug Schabernack getrieben. Sie nur, wie du den guten Saubauern zugerichtet hast!“ zeterte das zotige Weib und verwies auf den voluminösen Bauern, der seufzend in seinem Blute lag. Durch dessen Malheur vorgewarnt hielt sie den Leviathan in einer besonderen Weise am Schwanz, sodass dessen Beißen und Schnappen ziellos in der Luft verpuffte. Jetzt – wo er hilflos herumzappelte – wollte sie ihm mit einem großen, flachen Stein den Schädel einschlagen. Aber bevor sie ihr Werk vollenden konnte, spritzte ihr der Leviathan plötzlich aus einer verborgenen Drüse in seinem After eine ätzende Flüssigkeit ins Gesicht, sodass sie geblendet und unter schlimmen Schmerzen zu Boden ging.

„Au! Au! Au!“ schrie die Großmutter in ihrer Pein, da ihr die Säure tief ins Fleisch fraß und ihr den Schädel bis auf den Knochen abnagte. Ihr Wehklagen mischte sich mit den mittlerweile zu einem Todesröcheln verhauchten Wimmern des Saubauern, der sich in einer immer größer werdenden Blutlache suhlte. Jetzt konnte der Leviathan endlich zurück in die Arme des kleinen Pepe huschen, der ihn ob seiner Rückkehr überglücklich küsste und herzte. Er brannte darauf nach Hause zurückzukehren und seinem neuen, lustigen Spielkameraden ein Nest unter seinem Bett zu bauen.

Doch bevor er weglaufen konnte, versperrte ihm plötzlich eine insektenhafte Gestalt in den Weg. Bedrohlich, mit den beiden geschwungenen Sicheln in den Händen und quecksilbrig hervorquellenden Augäpfeln, bäumte sich der Pedell vor Pepe und dem Leviathan auf. Er hatte seinem Herrn und Meister, dem Saubauern, versprochen, dass er seinen Tod rächen würde und war nun zum Äußersten bereit, gleichwohl er sich vor Angst fast in die Hosen machte. Hatte er doch mit ansehen müssen, wie übel der Leviathan den Saubauern und die Großmutter zugerichtet hatte. Aber fest entschlossen Blut mit Blut zu vergelten, blieb er vor den beiden stehen, störrisch wie ein Palmesel.

Da trat ihm der kleine Pepe kräftig in die Hoden, denn er war ein rechter Lausbub, sodass der Pedell winselnd zu Boden ging und sich zu seinen Spießgesellen in den Morast gesellte. Jetzt konnte Pepe mit dem Leviathan endlich nach Hause laufen und freute sich sehr darüber, dass er einen neuen Spielgefährten gefunden hatte und alles noch einmal gut ausgegangen war. Seinen langweiligen, blöden Hund aber ließ er zurück am Weiher, denn für ihn hatte er keine Verwendung mehr.

Der Besuch

klippo

Herr B. war gerade im Begriff seinen, von einem langen Arbeitstag muffig gewordenen Körper zu reinigen, als er das metallische Schellen seiner Türglocke vernahm. Nichts ahnend, welche Kette folgenschwerer Ereignisse dadurch ihren Anfang nehmen sollte, hielt er in seiner Tätigkeit inne.


Herr B. war ein kontemplativer Mensch, der meistens eine gewisse Zeit brauchte, um sich in einer Situation zu recht zu finden und seine Gedankenflut zu ordnen. Klarerweise fragte er sich zunächst, welchen Besuch er zu dieser fortgeschrittenen Stunde empfangen sollte, der ihm – und dies war der springende Punkt – nicht vorher angekündigt worden war. Er war fast ein wenig verärgert, da ihm keine plausible Erklärung für diese unerwartete Störung einfallen wollte. Ein Blick auf die Uhr sagte ihm außerdem, dass es bereits 21:26 war, also eine Uhrzeit, zu der er unangekündigte Besuche nicht mehr ohne weiteres gutheißen konnte, schon gar nicht wenn diese in den Feierabend eines langen und langweiligen Arbeitstages eindrangen und die Reinigung seines Körpers behinderten.


Herr B. verharrte also einen Augenblick, um durch Abwägen seiner verschiedenen Handlungsmöglichkeiten die richtige Entscheidung treffen zu können. Er hatte eigentlich keine große Lust zur Türe zu gehen, die Sprechanlage zu bedienen, die Eingangstür zu entriegeln, um dann zwischen Tür und Angel auszuharren und den Geräuschen der Schritte über die Treppe zu lauschen, bis sich - so wie er es sich ausmalte - jene nächtliche Gestalt schnaufend und prustend in den vierten Stock (denn in ebendiesen befand sich Herrn B.’s Appartment) geschleppt hatte und dann womöglich Einlass, Geld, Leben oder anderes von ihm verlangte. Zudem tobte draußen ein sintflutartiger Regen und die Straßen waren von Wind und Wetter durchweicht, sodass der Besucher sicherlich Morast und Nässe in das Haus von Herrn B. bringen, wenn nicht gar seinem Körper Schnupfen und Grippe einimpfen würde. Beiderlei stellte zweifellos eine wenig verlockende Aussicht dar.


Herr B. stand also bewegungslos und sinnend da und kräuselte dabei seine Finger leicht am Bund seiner Hose, was ein wenig den filigranen Unterwasserbewegungen einer Seeanemone in einem tropischen Gewässer glich. Dadurch erhoffte er sich eine Verstärkung seines Gedankenflusses, während er gebannt dem Strömen des heißen Wassers lauschte, das neben ihm das weiße Rund der Badewanne füllte. Von den bestehenden Möglichkeiten des zu erwartenden Personenkreises, der, offen gesagt, ziemlich dünn gesät war, so kam er schließlich zum Schluss, konnte es eigentlich nur Frau C., seine Geliebte sein, mit der er sich ab und zu traf, um sexuelle Handlungen zu vollziehen. Da sie sich sonst nicht viel zu sagen hatten, war dies jedoch eher selten der Fall. Selbst diese Möglichkeit erschien ihm jedoch höchst abwegig, und so beschloss er schließlich das Klingen einfach zu ignorieren. Mit einem jähen Ruck erwachte er aus seiner Erstarrung und schlüpfte, nachdem er sich seiner Kleider entledigt hatte, in die dampfende Wanne, die wunderbar heiß war und schön nach Fichten- und Sandelholz duftete.


Als sich langsam der stinkende Film von seinem Körper löste und süße Entspannung in seine Glieder kroch, freute sich Herr B. über die besonnene Entscheidung, die er schlussendlich getroffen hatte. Wer immer es gewesen war, er oder sie sollte zu einem günstigeren Zeitpunkt wiederkommen. Oder noch besser, die Person sollte es einfach aufgeben und gar nicht wiederkommen. Wahrscheinlich hatte jemand ohnedies woanders klingen wollen und nur versehentlich seinen Klingelknopf betätigt. Herr B. lebte nämlich in einem recht großen Haus mit einer Fülle von Mietern und es erschien ihm viel wahrscheinlicher, dass ein Besuch zu dieser Stunde für einen dieser Nachbarn bestimmt war.


Mittlerweile schien ihm das kurze Schrillen der Glocke gar schon so fern und vom Nebel der Vergangenheit verzehrt, dass er fast an seiner Existenz zu zweifeln begann. Ja, vielleicht war es nur eine Gaukelei seines eigenen müden Hirns gewesen, das durch das geräuschvolle Prasseln des Regens und das Getöse von der Straße solch ein Gespinst geknüpft hatte, so dachte er sich.


Doch in einem fernen, hinteren Winkel seines Gehirns wusste Herr B., dass, gleich welche Möglichkeiten er auch ersann und wie kunstvoll er sie sich zurechtlegte, der Besuch niemand anderem als ihm selbst galt, egal, ob sein, nach einem langen und langweiligen Arbeitstag stinkend gewordener Leib, es so wollte oder nicht. Es überraschte ihn also nicht sonderlich als es erneut LAUT und DEUTLICH an der Tür schellte.

Diesmal klingelte es aber nicht nur einmal, sondern gleich zwei-, drei-, vier-, fünfmal, sodass der metallische Laut penetrant durch die ganze Wohnung hallte, um Herrn B. ja von seiner Dringlichkeit zu überzeugen. Es war mittlerweile 21:46.


Herr B. wusste, dass er nun nicht mehr so leicht davonkommen würde. Es gab kein Entrinnen mehr. Genervt wälzte er sich aus der Wanne, trocknete sich hastig ab und warf einen weißen Bademantel über. Dabei schlenkerte sein schlaffer Penis wie ein Seepferdchen zwischen seinen Beinen hin und her, das sich fröhlich in einer Meeresströmung tummelt.


Da das Klingeln immer noch nicht aufgehört hatte, beeilte er sich zur Tür zu gelangen. Mittlerweile war er sich auch sicher, dass es nicht Frau C., seine gelegentliche Geliebte sein konnte, denn die hätte sich - wenn überhaupt - auf andere Weise angekündigt. Der nächtliche Besucher hatte es bereits auf irgendeine Weise geschafft in das Haus einzudringen, denn als Herr B. den Türöffner betätigte und dann anschließend die Wohnungstür einen Spalt weit öffnete, gewahrte er die schwarzen Umrisse einer Gestalt, die vor seiner Wohnung stand.


Es war eine Frau. Sie strahlte etwas aus, das Herrn B. augenblicklich faszinierte, was es genau war, konnte er sich jedoch selbst nicht erklären. Dies war in der Tat erstaunlich, denn Herr B., war nicht nur ein geistig recht unbeweglicher Mensch, auch was seine zwischenmenschlichen Beziehungen betraf, war er äußerst phlegmatisch und leidenschaftslos. Eigentlich machte er sich nicht viel aus Menschen. Bei dieser Frau war es jedoch anders: Sie war anmutig wie ein Pfau und kräftig wie ein Pferd. Lüstern glotzte Herr B. auf ihren schönen Körper.


Das Auffälligste an ihr war sicherlich ihr beträchtliches Haarvolumen, das sie, kunstvoll geflochten, hinter einem reich bestickten Seidenstoff verbarg. Dazu paffte sie lasziv an einer Zigarette und stieß von Zeit zu Zeit Schwälle massiver Rauchschwaden aus, sodass die Konturen ihrer (ohnehin recht überirdischen) Erscheinung zusätzlich in einem Bermudadreieck aus bleiernem Zigarettennebel verwischt wurden. Die tiefen, schwarzen Sonnenbrillen, die sie trotz der fortgeschrittenen Stunde trug, funkelten Herrn B. wie Insektenaugen an.


Endlich - nachdem sie sich lange genug an ihrer Zigarette delektiert hatte - begann sie zu sprechen (und ihre Stimme klang so unglaublich süß in Herrn B’s Ohren, wie Schokoflocken, die man über zart schmelzendes Pfirsich-Sorbet träufelt…): „Lieber Herr B.“, schnurrte sie, „Gestatten Sie, dass ich mich vorstelle, mein Name ist Frau M. Entschuldigen Sie bitte, dass ich Sie zu so später Stunde aufsuche, aber ich arbeite grundsätzlich nur nach Sonnenuntergang.“ Wie geheimnisvoll, dachte sich Herr B. Wer mochte sie wohl sein? Er freute sich wie ein Kätzchen über diesen unerwarteten und spannenden Besuch.


„Wissen Sie…“, Herr B. sah förmlich, wie es hinter ihrer Stirn arbeitete und sie nach einem Vorwand für ihren Besuch sann, „…lassen Sie mich eintreten, denn…“, ihr schien nichts einzufallen, „…ich bin Vertreterin… und zwar für äh…“, Sie blickte aus dem Fenster und fixierte die dicken Wasserfäden, die schier endlos vom Himmel fielen. Offensichtlich hatte sie sich nicht überlegt, was sie Herrn B. nun sagen sollte. Dies war ihr sichtlich unangenehm und ein peinliches Schweigen breitete sich aus. Herrn B. tat sie deshalb fast ein wenig leid.


Endlich ging ihr ein Knopf auf. „One Way Tickets! Ich bin Vertreterin für One Way-Tickets. Haben Sie davon gehört? Sie schauen doch sicher Fernsehen und lesen Zeitung? Verreisen sie gerne? (Herr B. verneinte jedes Mal, aber sie ging nicht darauf ein). Hören Sie mir zu…“ Der Groschen war gefallen und sie plapperte drauflos. Es war natürlich totaler Blödsinn. Herr B. wusste dies und sie wusste, dass Herr B. es wusste. Aber sie war erleichtert, dass ihr überhaupt noch etwas eingefallen war und jetzt musste sie Masche weiterspinnen. Doch jeder Anflug von Sorge, damit aufzulaufen, war unbegründet, denn Herr B. hätte ihren Besuch nie in Frage gestellt. Er hörte ihr aufmerksam zu und nickte hie und da, wenn es ihm notwendig erschien.


E war ohnedies nur Formsache. Er hätte sie auf jeden Fall in seine Wohnung gelassen. Irgendwann glaubte Frau M. ihren Vortrag lange genug ausgedehnt zu haben. „Ich darf doch reinkommen…?“, fragte sie und schon hatte sie sich an Herrn B. vorbei in seine Wohnung geschlängelt. Unter normalen Umständen wäre Herr B. sehr empört über solch eine Dreistigkeit gewesen wäre, aber in diesem Fall war ihm dieses freche Eindringen sehr recht: Herr B. hatte sich verliebt.


Innerlich wusste Herr B., dass nun sein Schicksal besiegelt war. Es war ihm eigentlich schon gleich nach dem Öffnen der Tür klar gewesen. Etwas Fürchterliches würde passieren. Wahrscheinlich würde er sterben. Trotzdem konnte er sich nicht sonderlich darüber aufregen. Ganz im Gegenteil, er war in gelöster Stimmung und beschloss das Spiel mitzuspielen.


„Darf ich Ihnen etwas anbieten, liebe Frau M.?“ fragte er, um seinen Pflichten als Gastgeber nachzukommen und freute sich insgeheim, wie gelassen und glatt die Worte über seine Lippen wanderten, „Tee, Kaffee oder ein Schlückchen Rotwein vielleicht? Können Sie mir noch etwas über die One Way Tickets erzählen? Wohin soll denn die Reise gehen?“. Er konnte sich ein leichtes Augenzwinkern nicht verkneifen. Sein Blick strahlte etwas Dümmlich-Verliebtes aus.


„Nein danke“, meinte Frau M., während sie ihren Mantel an die Garderobe hängte und seine Fragen galant ignorierte. Auch sie zwinkerte ihm zu, erleichtert, dass die Farce nun zu Ende war, und ergänzte milde: „Aber für Sie wäre es sicherlich zuträglich, wenn Sie noch etwas im Magen hätten. Ich werde Sie nun nämlich töten!“


Herr B. antwortete nicht darauf. Er beschloss gar nichts mehr zu sagen und sich vielmehr auf die Vorgänge zu konzentrieren, die die Zeitspanne seines, mittlerweile zu einem kleinen Restchen zusammengeschrumpften irdischen Dasein, ausmachen sollten. Frau M. legte gerade ihre Sonnenbrille und ihre Kopfbedeckung ab, wodurch ihr schuppiges Schlangenhaupt entblößt wurde. Frau M. oder Medusa - denn niemand anderes verbarg sich hinter der nächtlichen Erscheinung - jenes mythische Wesen, das ihre Opfer durch die Macht ihres Blickes versteinerte. Und um genau dies zu tun war sie hier aufgetaucht. Mit einem Lächeln wandte sie sich Herrn B. zu.


Auch Herr B. lächelte. Er wusste was nun passieren würde und er war sehr neugierig darauf, wie es wohl sein würde, versteinert zu werden. Und er lächelte weiter und würde es bis in alle Ewigkeit tun, als sich seine Glieder verhärteten und er sich in einen steinernen Monolithen verwandelte.

Wer kann das so genau wissen?

klippo

Boris war gerade beim Frühstücken, als er eine seltsame Stimme hörte, die ihn beim Namen rief. „Boris“, rief die Stimme. „Boris! Boris!“.

 

Boris, der an einem Marmeladebrot kaute, hielt inne. Er unterbrach den Kauvorgang und lauschte angestrengt. Es war 6 Uhr morgens und niemand außer ihm selbst befand sich in dem Raum. Misstrauisch ließ er seinen Blick über die Einrichtung schweifen. Der schmutzige Abwasch, der brummende Kühlschrank – alles schien in bester Ordnung. Seine Frau lag noch im Bett und schlief tief und fest. Leise hörte er die Vibrationen ihres näselnden Schnarchens aus dem Nebenraum.

 

Endlich schluckte er den halb zerkauten Bissen hinunter. Er hatte nahezu zwei Minuten mit geschärften Sinnen verharrt und es war nichts mehr zu hören gewesen. Vermutlich – so dachte er sich – war es das Beste sich wieder auf seine morgendlichen Tätigkeiten zu konzentrieren. Er schaltete das Radio ein. Sofort ertönte die angenehm vertraute Stimme des Moderators und füllte den Raum mit belanglosem Geplapper.

Boris fühlte sich erleichtert. Diese Geräusche waren real, so viel war sicher. Beruhigt fraß er einen Löffel Cerealien und zuckerte seinen Kaffee. Er ließ sich zurück in seinen Sessel sinken und begann sich eine neue Stulle zu schmieren.

 

Aber siehe da! Erneut ertönte ein feines Stimmchen und rief ihn beim Namen: „Boris! Boris!“ Und dann noch einmal – laut und deutlich, einer gewissen Dringlichkeit nicht entbehrend: „BORIS!“. Die Stimme hallte befremdlich über die morgendliche Frühstückstafel. Jetzt wurde Boris stutzig. Er drehte das Radio auf ein kaum hörbares Schnurren zurück und blickte sich eindringlich um.

Jetzt lastete die Stille ungleich schwerer und bedrückender auf dem unbelebten Raum. Alles wirkte normal – die Gegenstände waren dort, wo sie sein sollten und durch das Fenster fiel das  Licht der Morgensonne und erfüllte den Raum mit goldenem Glanz. Man hörte das Zwitschern der Vögel, die auf den Ästen der Bäume Platz genommen hatten und mit ihrem Singen den neuen Tags begrüßten. Hier in der Küche jedenfalls befand sich außer Boris niemand.

 

Dieser Umstand beunruhigte ihn zusehends. Er hatte noch nie Stimmen gehört, die auf keinen menschlichen Ursprung zurückzuführen waren und fühlte sich dadurch umso mehr verunsichert. Es gruselte ihn. Einen kurzen Moment überlegte er, ob er seine Frau wecken sollte, um mit ihr gemeinsam jenem (für ihn zweifellos) parapsychologischen Phänomen auf den Grund zu gehen, doch er verwarf diesen Gedanken schnell wieder. Dem Schnarchen seiner Frau nach zu urteilen, wäre diese nicht sehr erfreut über eine Weckung gewesen. Und - auch wenn er sich mit aller Kraft dagegen sträubte sich diese Möglichkeit einzuräumen - fürchtete er sich ein wenig davor diese Situation im Beisein seiner Frau zu bewältigen. Was wäre denn, wenn (nachdem sich seine Frau aus dem süßesten Schlummer gezerrt, schlaftrunken und übellaunig in der Küche eingefunden hätte) die Stimme nicht mehr ertönen würde. Vielleicht – Boris graute vor dem Gedanken, doch wer konnte das schon so genau wissen – existierte die Stimme ja nur in seinem Kopf.

 

Trotzdem begann er zu suchen. Zunächst schaute er aus dem Fenster, aber die Straße war leer. Dann begann er die Küche auf den Kopf zu stellen. Wahllos öffnete er Schubladen, klapperte mit Töpfen, steckte seinen Kopf in Kühlschrank und Backrohr und kramte in der Brotdose. Kaffeemaschine, Mikrowelle, elektrischer Dosenöffner – vielleicht verbarg sich die Stimme ja dort.

Und wieder ertönte das Stimmchen und neckte ihn: „BORIS! BORIS! Hier bin ich! Nein, HIER!“ Aus seinem Augenwinkel glaubte Boris ein kleines, flatterndes Etwas zu erkennen, das irrlichternd durch den Raum geisterte.

 

Jetzt wurde Boris wütend. Er wollte sich nicht mehr länger zum Narren halten lassen. Er packte den erstbesten Gegenstand, den er in die Finger bekam - es war ein Nudelholz - und hieb wild um sich, um die Stimme für immer zum Schweigen zu bringen. Glas zerbarst, Holz splitterte und zermatschte Lebensmittel spritzten an die Decke. Er wusste, dass dieses Verhalten jedes gesunden Menschenverstandes entbehrte, doch es war ihm egal. Was blieb ihm denn auch anderes übrig als mit Unvernunft zu reagieren? Der Situation war jedenfalls nicht mit Vernunft beizukommen.

 

In seiner Raserei verwandelte Boris die Küche in ein Trümmerfeld. Er zerschlug Teller und Tassen, zerhackte das kostbare Porzellan, riss Schränke und Regale um und schmetterte die Töpfe an die Wände. Dabei fiel ihm gar nicht darauf, ob das Stimmchen bereits verstummt war. Doch dies war auch nicht notwendig, da der Gefechtslärm ohnehin jeden anderen Laut erstickte. Dann rutschte Boris auf einem Klecks Butter aus, der sich am Boden festgeklebt hatte und schlug sich den Kopf hart am Rauchabzug an. Er stolperte und blieb auf dem Rücken liegen.

Seine Wut verrauchte jäh. Stattdessen fühlte er sich hilflos und gedemütigt. Er befand sich im Zentrum der Zerstörung – gebrochen, müde und unfähig sich zu bewegen -  wie ein dicker Käfer, der auf dem Rücken lag und sich nicht mehr aus eigener Kraft umdrehen konnte. So wie damals bei der Hochzeit seiner Eltern, als er sich in die Hosen gemacht hatte und die ganze lange Zeit in seinem eigenen Kot hatte ausharren müssen.

Und wieder hörte er ein leises Kichern.

 

Zugegeben, er hatte am Vortag Alkohol getrunken. Es war ein Liter Rotwein gewesen. Vielleicht auch zwei, wer konnte das schon so genau wissen. Und es waren auch ein paar Schnäpse im Spiel gewesen. Aber nur zwei oder drei. Zur Verdauung. Und um den Appetit anzuregen. Höchstens waren es vier oder fünf gewesen. Auf alle Fälle nicht mehr, was in einem gesunden medizinischen Maße nicht zu vertreten wäre. Und es war ein hochwertiges Destillat gewesen, keine gepanschte Schmuggelware.

Wahrscheinlich hatte er auch Opium konsumiert, doch sicherlich nur in homöopathischen Dosen. Und er war sich ziemlich sicher, dass er ein Stückchen Valium geschluckt hatte, aber nur um besser einschlafen zu können und um von dem Crystal Meth und PCP herunterzukommen, das er ein paar Stunden zuvor geschnupft hatte. Aber Moment – war er überhaupt schlafen gegangen? Boris konnte sich nicht mehr genau erinnern.

 

Von nebenan schwappte immer noch das näselnde Schnarchen seiner schlafenden Frau in den Raum. Vielleicht war es aber auch gar nicht seine Frau, von der dieses Geräusch stammte. Vielleicht war es nur das Rauschen des morgendlichen Windes, der sanft in den Blättern der Bäume wühlte. Wer konnte das so genau wissen?

An eine Öse

klippo

 Personen:

Kommissar Hempel
Kommissar Waschek
Max Öse
Greta Öse
Freddy von der Spezialeinheit
Zwei Polizeihelfer
Eine dunkle Gestalt
Eine weitere dunkle Gestalt
Bierpunk Schnorri
Bierpunk Rotti
Bierpunk Buffi
Polizeihund Kleiner Kläffer
Fufi, der Hund der Bierpunks

 

 1. Akt

(Ein Wachzimmer. Kommissar Hempel sitzt an einem Schreibtisch und ist mit Büroarbeit beschäftigt. Er ist klein und dick und hat ein rundes Kindergesicht. Seine weißen Haare sind gepflegt und seine Oberlippe ziert ein sorgfältig gestutzter Bart. Er trägt eine Brille. Im Hintergrund steht Kommissar Waschek und kaut an einem Pfirsich. Waschek ist ein hünenhafter Mann, mit breiten Schultern und Stiernacken. Er hat kurz geschorene Haare und auf seinem Gesicht liegt ein permanent grimmiger Ausdruck. Plötzlich geht die Tür auf und ein Mann kommt herein. Er ist noch recht jung und hat zerzauste Haare. Er wirkt aufgeregt)
Max (keuchend): Herr Kommissar! Ich bin so schnell gekommen wie ich konnte.
Hempel (schaut von seiner Büroarbeit auf): Ah, Herr Öse! Ich bin froh, dass Sie da sind. Mein Name ist Hempel. Ich und mein Kollege Waschek (deutet auf den zweiten Polizisten im Hintergrund) sind die beiden ermittelnden Kommissare im Fall von ihrer verschwundenen Frau, Greta Öse. Setzen Sie sich doch!
Max (Setzt sich auf den Stuhl, den Hempel ihm anbietet. Aufgeregt): Haben Sie etwas herausgefunden?
Hempel (ernst): Nein. Nach wie vor fehlt von ihr jede Spur. Ich muss Ihnen leider gestehen, dass wir beim derzeitigen Stand der Ermittlungen auch einen kriminellen Tatbestand nicht ausschließen können, ja ein derartiges Szenario wird sogar immer wahrscheinlicher. Wir müssen wohl oder übel davon ausgehen, dass Ihre Frau einem Verbrechen zum Opfer gefallen ist.
Max (erschrocken): Oh mein Gott!
Hempel: Insofern… (er setzt zögerlich fort und betrachtet seine Fingernägel. Sein rundes Gesicht nimmt einen nachdenklichen Ausdruck an) Insofern hat sich die Sachlage für uns alle entscheidend verändert. Herr Öse, ich weiß nicht, wie ich es Ihnen am besten sagen soll, deshalb sage ich es Ihnen einfach gerade heraus: Wir glauben, dass Sie etwas mit dem Verschwinden Ihrer Frau zu tun haben könnten. Oder mit anderen Worten: Herr Öse, Sie stehen unter Mordverdacht!
Max (entsetzt): Wie bitte? Sie glauben doch nicht im Ernst ich hätte etwas mit dem Verschwinden meiner Frau zu tun?
Hempel: Sie haben mir nicht richtig zugehört, Herr Öse. Wir sprechen in diesem Fall nicht mehr von „Verschwinden“, sondern von „Mord“ und genau dies ist der springende Punkt, von dem wir im Moment ausgehen. Im Zuge unserer Ermittlungen bleibt uns leider keine andere Möglichkeit als diese Variante in Erwägung zu ziehen.
Max (aufgebracht): Das ist eine Frechheit! Ich stehe die schlimmsten Ängste um meine Frau aus und Ihnen fällt nichts Besseres ein als mich des Mordes zu bezichtigen, wahrscheinlich… (er stockt einen Moment, unschlüssig, ob er den Gedanken aussprechen soll, tut es dann aber doch) wahrscheinlich weil Sie bei Ihren Ermittlungen auf der Stelle treten!
Hempel (steht auf und beginnt auf und ab zu schlendern): Herr Öse, Herr Öse, Herr Öse, was soll ich nur mit Ihnen machen? Das ist ein äußerst frecher Vorwurf, den Sie hier gegen uns erheben. Sie müssen wissen, dass ich und mein Kollege (deutet noch einmal auf Waschek, der immer noch kauend im Hintergrund steht und grimmig dreinblickt) unsere Fälle in beispielloser Effizienz lösen. Dennoch kann ich Ihre überhitzte Reaktion verstehen, nicht zuletzt da es im strengen Popperschen Sinne gar keine absolute Wahrheit geben kann. Was aber gleichzeitig bedeutet – geht man von Ihrem Standpunkt aus - dass Sie damit nicht Recht haben können. Und wenn nicht Sie Recht haben, bedeutet das logischerweise, dass nur wir Recht haben können. Können Sie mir folgen, Herr Öse? (Der Polizist schaut Max durchdringend an) Und im Übrigen, würden Sie einen potentiellen Mörder frei herumlaufen lassen?
Max: (ringt entsetzt nach Luft) Nein – das heißt in meinem Fall ja – jetzt haben Sie mich total durcheinander gebracht.
Hempel: Herr Öse, offenbar verstehen Sie überhaupt nichts von Poppers Kritischem Rationalismus.
Max (trotzig): Das muss ich auch nicht. Und noch dazu bin ich unschuldig!
(Waschek schält sich plötzlich aus der Dunkelheit. Seine Gestik ist männlich und brutal. Aus seinem Mund tropft Pfirsichsaft, während er die letzten Bissen der Frucht verschlingt. Mit einem lauten PLÖNG wirft er den Kern in eine blecherne Abfalltonne. Hempel verzieht sich ein paar Schritte nach hinten)
Waschek: Schluss mit dem Spektakel! Geben Sie endlich zu, dass Sie Ihre Frau ermordet haben!
Max (erschrocken): Das glauben Sie doch wohl selbst nicht! Wir haben gerade erst geheiratet und…
Waschek: (fällt ihm ins Wort): Aha! Verheiratet waren Sie also! (Triumphierend) Jetzt kommen wir der Sache schon näher! Sie haben sie getötet, damit Sie nicht ihr restliches Leben mit ihr verbringen müssen. Ein feiner Plan, aber damit werden Sie nicht durchkommen!
Max (empört): Das ist absurd!
Waschek: (knurrend) Sie mögen das vielleicht „absurd“ nennen. Wir in der Polizeisprache nennen, das „ein Motiv“.
Max: (seine Stimme erhebend) Jetzt reicht es mir aber! Ich bin unschuldig!
(Hempel tritt aus dem Hintergrund hervor. Er hat sich eine Zigarette angezündet und raucht genussvoll. Verharrt einen Moment Rauch ausstoßend und bietet Max eine Zigarette aus seinem Päckchen an, der aber ablehnt. Spricht ruhig und geordnet)
Hempel: Aber Herr Öse! Nun beruhigen Sie sich doch. Max. Keine Panik. Ich darf Sie doch Max nennen, oder? (Max nickt) Gut. Max. Wir wissen, dass Sie eine schwere Zeit durchmachen. Ihre Frau ist mittlerweile seit drei Wochen verschwunden und wir konnten sie trotz unserer intensiven Ermittlungsarbeit nicht finden. Das schmerzt auch uns, glauben Sie mir. Wenn Sie nicht schon geheiratet hätten, würde ich sagen ihre Frau hätte Muffensausen bekommen oder wäre mit einem anderen Mann durchgebrannt. (Schmunzelt) Aber so… (schüttelt den Kopf) So führen alle Wege nach Rom. Haha. (Lacht kurz) Aber keine Sorge, Max, wir wollen uns nicht im Kreis drehen. Jedoch, gibt es da ja vielleicht irgendetwas, das Sie uns erzählen möchten oder was Sie vielleicht vergessen haben uns zu erzählen? (Zwinkert Max zu)
Max (beruhigt sich wieder): Ich wüsste nicht was. Und im Übrigen gibt es keinen triftigen Grund gleich von einem Verbrechen auszugehen.
Hempel: Max, ich warne Sie, Sie sind schon wieder ziemlich vorlaut. Wenn Sie schon so neunmalklug sind, dann bedenken Sie allerdings gleichermaßen, dass es auch keinen triftigen Grund gibt NICHT von einem Verbrechen auszugehen, nicht zuletzt weil es für ein Verbrechen immer einen triftigen Grund gibt! (Spricht schnell) Denn sollte es tatsächlich einmal keinen triftigen Grund geben, ist das Nicht-Vorhandensein eines Grundes für den Verbrecher für gewöhnlich triftig genug! (Hempel nähert sich Max bis auf wenige Zentimeter. Er spricht zu ihm mit gedämpfter Stimme) Max, seien Sie kein Idiot! Wenn Sie gleich gestehen und auf Totschlag plädieren, kommen Sie vielleicht mit 15 bis 20 Jahren davon. Vielleicht auch 13 Jahre bei guter Führung. Wir wollen Ihnen helfen, Max. Aber ich rate Ihnen sich zusammenzureißen. Mein Kollege da hinten (deutet flüchtig auf Waschek, der breitbeinig hinter ihm steht) ist bei weitem nicht so geduldig wie ich. (Geht wieder auf normale Distanz. Wieder laut) Max, erzählen Sie uns doch bitte noch einmal, was sich an jenem Tag vor drei Wochen, an dem sie Ihre Frau das letzte Mal gesehen haben, zugetragen hat!
Max (seufzend): Das habe ich doch bereits zu Protokoll gegeben. Aber gut. Der Tag, an dem ich das letzte Mal mit Greta zusammen war (seufzt schwer), war im Grunde (zögert kurz) ganz normal. Zuerst war sie noch da, dann war sie plötzlich weg. (Plötzlich sehr weinerlich) Ich weiß nicht, was ich sonst noch dazu sagen soll. Natürlich bin ich sie suchen gegangen, aber ich konnte sie nirgends finden. Ich habe ihre Freundinnen und Verwandten angerufen, aber niemand hat von ihr etwas gehört. (Max beginnt leise zu schluchzen und begräbt sein Gesicht in den Händen. Die beiden Kommissare schauen sich an und Hempel gibt Waschek ein Zeichen. Waschek geht zu einem Ordner und entnimmt daraus ein Blatt Papier. Er reicht es Hempel, der sich neben Max hinsetzt und ihm brüderlich den Rücken tätschelt. In der Hand hält er das Blatt Papier)
Hempel: Max! Machen Sie sich keine Sorgen. Wir werden Ihre Frau finden! (Leise zu Waschek) Vielleicht ist sie dann sogar noch am Leben. (Wieder zu Max) Max, bitte unterschreiben Sie hier Ihre Aussage! (Er reicht Max das Blatt Papier und einen Schreibstift. Max, mit tränenverquollenen Augen, nimmt den Stift und das Papier. Er überfliegt das Blatt und setzt an zu unterschreiben. Im letzten Moment zieht er den Schreibstift zurück)
Max: Moment! Was steht hier eigentlich? (Liest das Kleingedruckte laut) Ich gestehe, dass ich meine Frau ermordet habe, aus Mordlust und Bosheit? Sind Sie verrückt? (Steht empört auf) Sie haben versucht mir ein Geständnis unterzujubeln!
Hempel: (Verlegen, zieht das Blatt Papier schnell zurück) Da habe ich mich wohl im Formular geirrt! Tut mir leid! (Verstohlen zu Waschek) Sie wissen gar nicht wie oft das funktioniert… (Wieder zu Max) Hier ist das richtige Formular! Beruhigen Sie sich wieder, diesmal ist es wirklich korrekt, ich schwöre es! (Fröhlich) Reine Bürokratie müssen Sie wissen, aber eine Unterschrift hier, ein Kreuzchen da und schon hat alles seine Ordnung! (Er reicht Max ein neues Formular, welches dieser skeptisch mustert. Es scheint korrekt zu sein, denn er nickt und unterschreibt anschließend. Der Polizist nimmt das richtige Formular und liest es. Plötzlich zuckt er zusammen.)
Hempel: Ja heilige Maria Mutter Gottes! Wollen Sie uns verarschen, Max?
Max: (ehrlich erstaunt) Was ist denn? Ich habe meine Aussage unterschrieben, wie Sie gesagt haben!
Hempel (eisig): Max, ich war wirklich geduldig mit Ihnen, aber jetzt werde ich ebenfalls richtig wütend. Sie sind nicht in der Stellung sich Scherze zu erlauben. Sehen Sie sich das an, Waschek!
Waschek: Was gibt’s denn Hempel?  (nähert sich Hempel von hinten und guckt über den Rand des Formulars. Zuckt zusammen): Ja ist das denn zu glauben? Der Schuft macht sich über uns lustig! (Ringt nach Luft und schreit) MÖSE!
Max: (ist verdutzt, liest das Formular noch einmal): Wie bitte? Möse? Was reden Sie da? Das ist mein Name! Max Öse! Abgekürzt M-Punkt-Öse!
Waschek (schnaubend): Sehr witzig! Möse! Jetzt ist endgültig Schluss mit dem Spektakel! (Er drückt auf eine Klingel und zwei starke Polizisten betreten den Raum. Er deutet auf Max) Ralf! Bernd! Tut mir den Gefallen und schafft diesen Mörder weg! Werft ihn in irgendein dunkles, feuchtes Loch! (Die beiden Polizisten  packen Max und zerren ihn aus dem Raum. Max schreit und strampelt aus Leibeskräften, während er abgeführt wird)
Max: Nein! Das könnt ihr nicht mit mir machen! Nein!
Hempel (Zündet sich eine neue Zigarette an. Schulmeisterhaft zu Max): Das haben Sie sich selbst zuzuschreiben! Ich hab Ihnen doch gesagt, dass Sie sich ein wenig kooperativer zeigen hätten sollen! (Max und die Polizisten passieren den Bühnenrand und die Schreie verebben langsam. Die Kommissare wenden sich einander zu)
Hempel: Ausgezeichnet. Der Fall ist so gut wie gelöst. Es ist nur mehr eine Frage der Zeit bis er die Nerven verliert und gesteht. Zu Außenstehenden ab jetzt nur mehr in Geheimsprache über diesen Fall. Wir spielen Blinde Kuh (zwinkert auffällig), verstehst du? Also, was meinst du, Operation „Blinde Kuh“ (zwinkert noch einmal auffällig) läuft doch wie am Schnürchen?
Waschek: Jaja, ich hab’s kapiert.
Hempel: Tja… (reckt und streckt sich ausgiebig) Wir müssen noch einen Bericht schreiben. Du weißt schon, über den Verlauf der Ermittlungen! (Macht bei „Ermittlungen“ ein zweideutiges Zeichen mit der Hand. Die beiden schauen sich an und beginnen zu lachen)
Waschek: Haha. Der war gut. Was machen wir diesmal? Gehen wir spazieren?
Hempel: Ja. Wir könnten einmal wieder den Bierpunks ein wenig Feuer unter dem Hintern machen, was hältst du davon?
Waschek: Sehr fein! Das wird ein Spaß! Wie spät ist es? Ach, schon zehn? Dann gehen wir gleich!
Hempel: Gut. Aber wir nehmen kleinen Kläffer mit. Man weiß ja nie. Komm, kleiner Kläffer! (Er pfeift und ein Polizeihund kommt kläffend in den Raum. Soll von einem Menschen in Hundekostüm gespielt werden)
Kleiner Kläffer: Wauwau. (Vorhang)

2. Akt

(Vor der Polizeistation. Ein Mann steht am Fuße der Treppe und trinkt Kaffee aus einem Pappbecher. Er ist groß, dünn und trägt einen farblosen Mantel. Er raucht eine Pfeife. Kleiner Kläffer, Hempel und Waschek kommen aus dem Gebäude)
Hempel (zu Waschek): Schauen Sie, da ist Freddy von der Spezialeinheit! (Zu Freddy) Hallo Freddy. Heute in zivil?
Freddy (fröhlich): Hallo Jungs! Ich bin zivil aus Gründen der Sicherheit, denn die Sicherheit hat höchste Priorität, wie ihr wisst. Und meine Einsätze sind höchst spezial. Wie läuft’s mit eurem Fall, Jungs?
Hempel: Operation „Blinde Kuh“ hat begonnen. Der Stier stößt gerade seine Hörner ab.
Freddy: Wie bitte? Was sagst du da?
Hempel: Du hast mich schon verstanden, Freddy. Der Stier stößt seine Hörner ab. Die Frage ist nun,  was macht die Kuh? (Zwinkert angestrengt)
Freddy (fällt aus allen Wolken): Achso, du meinst das Losungswort! Mein lieber Hempel, ich bin informiert, vor mir kannst du mit der Geheimniskrämerei ruhig aufhören.
Hempel (ungeduldig): Du hast selbst gesagt, dass die Sicherheit höchste Priorität hat! Also, raus mit der Sprache, aber schnell! Was macht die Kuh?
Freddy (beschwichtigend): Ist ja gut, Hempel! Das hab ich zwar nie gesagt, aber wenn du es unbedingt hören willst: Die Kuh kalbt im September. Sei um Himmels Willen nicht immer so paranoid.
Hempel (mürrisch): Man kann nie wissen. Nimm mir das nicht übel. Aber um auf deine Frage zurückzukommen: Unsere Fall läuft ausgezeichnet. Wir müssen nur noch die Ermittlungen abschließen.
Freddy (fröhlich): Ich wusste es! Ausgezeichnete Arbeit, wie immer. Ihr seid meine Jungs! Übrigens kennt ihr schon den? Ein Päderast, ein Chinamann und ein Fliegenpilz sitzen in der Dachrinne und stricken. Plötzlich kommt eine Birne vorbei geflogen. Sagt der Fliegenpilz zu der Birne: „Hey - Birnen können doch gar nicht fliegen.“ Sagt die Birne: „Wieso, ich bin doch die Birne Maja.“
Waschek (lacht prustend): Haha, zum Totlachen. Ich liebe Witze mit Birnen!
Hempel (lacht nicht): Sehr amüsant, Freddy. Wie immer. Jetzt müssen wir aber wirklich los.
Waschek: Ja, wir wollen den Bierpunks ein bisschen Feuer unter dem Hintern machen.
Hempel: Wiedersehen, Freddy. Und vergiss nicht: Die Kuh kalbt im September!
Freddy: Keine Sorge! Wiedersehen, Jungs. Seid vorsichtig!
Hempel: Ach, uns passiert schon nichts, wir haben ja kleiner Kläffer mit. Komm, kleiner Kläffer!
Kleiner Kläffer: Wauwau. (Hempel, Waschek und Kleiner Kläffer verlassen das Bild. Vorhang)

(Dunkelheit. Ein dunkles, feuchtes Loch, das in der Mitte durch eine Wand geteilt ist. In der einen Hälfte sitzt Max auf einer schmalen Pritsche und brütet vor sich hin. In der anderen Hälfte unterhalten sich zwei düstere Gestalten miteinander. Die beiden Räume sind durch ein schmales Schiebefenster miteinander verbunden)
Düstere Gestalt: Sie wissen, was sie zu tun haben, oder?
Dunkle Gestalt: Aber klar doch, Mann!
Düstere Gestalt: Sind Sie ganz sicher? Ein Versagen könnte irreparable Konsequenzen haben.
Dunkle Gestalt: Ganz ruhig, Mann, ich kenn mich aus. Ich bin der geborene Schauspieler.
Düstere Gestalt: Was reden Sie da? Hier ist ihr Text. Wenn Sie es gut machen, sind Sie in ein paar Wochen raus.
Dunkle Gestalt: Wunderbar. Lassen Sie mich nur machen.
Max (im anderen Raum, in elegischer Stimmung. Plötzlich ertönt eine Stimme aus der Nachbarzelle. Es ist die dunkle Gestalt im Nebenraum, die durch das kleine Schiebefenster spricht)
Dunkle Gestalt: Psssst. Ist hier jemand?
Max (blickt sich erstaunt um): Ja ich bin hier, wer ist dort?
Dunkle Gestalt (mit gespielter Dramatik): Ich bin’s, der Gefangene aus der der Nachbarzelle. Werden Sie hier auch fest gehalten?
Max (aufgeregt): Ja! Und dabei handelt es sich um ein großes Unrecht!
Dunkle Gestalt (mit brüchiger Stimme): Oh, wie gut es ist nach all den Jahren wieder eine menschliche Stimme zu hören. Ich sitze hier schon seit Ewigkeiten.
Max: Das ist ja furchtbar! Wie kam es dazu?
Dunkle Gestalt (seufzt): Ich habe Fehler gemacht. Wenn ich mehr mit den Beamten kooperiert hätte, wäre es um Einiges besser für mich gelaufen. Ich rate Ihnen, mein Sohn, spielen sie nur nicht den Trotzkopf, denn sonst lassen sie Sie hier unten verrotten!
Max (erschrocken): Aber ich bin unschuldig! Gibt es denn gar keine Gerechtigkeit mehr?
Dunkle Gestalt: Wohl kaum. Manchmal wünsche ich, ich könnte die Zeit noch einmal zurückdrehen. Jetzt ist alles zu spät.
Max: Was würden Sie anders machen?
Dunkle Gestalt: Ich würde einfach alles unterschreiben, was Sie mir vor die Nase halten, das ist der einzige Weg. Ansonsten gehen allein schon für die Dauer der Bürokratie ein paar Jahrzehnte drauf! Wenn sie mitspielen geht alles viel schneller und nach ein paar Jahren und bei guter Führung sind Sie wieder raus. (Düster) Aber ich habe das nicht getan und jetzt haben sie mich wohl hier vergessen.
Max (überrascht): Was Sie nicht sagen!
Dunkle Gestalt (aufgeregt): Oh, es kommt jemand! Ich muss aufhören. Nützen Sie Ihre Chancen, solange Sie sie haben!
Max: Warten Sie! Gehen Sie nicht weg!
Dunkle Gestalt (zu düsterer Gestalt): Na, wie war ich? (Max bleibt alleine im Dunkeln zurück. Vorhang)

(Eine heruntergekommene Wohnwagensiedlung. Zeitungen flattern über den Boden. Eine Gruppe von Bierpunks sitzt am Boden und trinkt Bier. Es sind zwei Männer und eine Frau in versifften Lederklamotten, mit Nieten, Hundehalsbändern, durchlöcherten Ohren und bunt gefärbten Haaren. Neben ihnen liegt ein Hund und schläft. Wie Polizeihund Kleiner Kläffer soll er von einem Menschen in Kostüm gespielt werden. Die beiden Kommissare und kleiner Kläffer treten auf. Waschek spricht durch ein großes Polizeimegafon)
Waschek: Hey, ihr Bierpunks! Still gestanden und die Ohren gespitzt! Hier spricht die Polizei. Wir sind gekommen, um euch zu verhören! (Vom  lauten Ton des Megafons  erschrocken, schauen die Bierpunks auf)
Hempel (leise zu Waschek): Sehr gut, Waschek. Die Überraschung ist auf unserer Seite. (Er und sein Kollege nähern sich den Bierpunks bis sie dicht vor ihnen stehen. Jetzt laut zu den Punks) Ihr habt gehört, was der Kollege gesagt hat. Wir werden euch ein paar Fragen stellen. Wenn ihr kooperativ seid, dann wird euch womöglich nicht viel passieren. Leistet ihr jedoch Widerstand, sind wir gezwungen von unseren Schlagstöcken und Pfeffersprays Gebrauch zu machen. Eventuell werden wir auch unseren extrascharfen Polizeihund auf euch loslassen. (Er verweist auf Kleiner Kläffer, der einmal laut bellt) Also, Bierpunks, überlegt es euch gut! (Die Bierpunks schauen erschrocken und sagen kein Wort) Habt ihr diese Frau schon einmal gesehen? (Hempel zeigt den Bierpunks ein Foto. Es handelt sich dabei um ein Abbild von Greta Öse, Max Öses verschwundener Frau. Die Punks - Schnorri, Rotti und Buffi –- schauen sich neugierig das Foto an)
Schnorri (mit leichtem Zungenschlag zu den anderen Punks): Die Polizei ist hier.
Rotti: Ja, ich seh’s. (lallend zu Hempel) Hast du mal ne Mark? Für Bier und Hundefutter. Ein paar Euros wären auch OK.
Buffi: (zu den anderen Punks) Eyy, kann einer von euch endlich mal das Klo putzen? Ich hab keine Lust mich ständig auf Kotze zu setzen!
Rotti: Apropos! Wir haben kein Bier mehr. Ich geh mal eins holen. (Steht auf wankt aus dem Bild. Wendet sich dabei den beiden Polizisten zu). Wollt ihr Jungs vielleicht auch ein Bier? (Verschwindet)
Hempel (aufgeregt zu Waschek): Waschek, sie kooperieren nicht! Wir müssen etwas unternehmen!
Waschek: (zieht eine Pfeife aus der Tasche und bläst hinein. Der schrille Ton hallt unangenehm laut über das Setting. Die Bierpunks halten sich erschrocken die Ohren zu. Er ist wütend) Schluss mit dem Spektakel! Wir sind nicht zum Spaß hier! Ich verlange Disziplin und Respekt! (Durch den Lärm wacht der Hund der Bierpunks auf. Er hebt müde sein Ohr und hustet leise)
Buffi (vorwurfsvoll): Oh seht nur, jetzt haben sie Fufi aufgeweckt.
Schnorri: Oh nein, der arme Fufi. Dabei hat er so friedlich geschlafen.
Buffi (sehr betrunken, wütend): Da, seht, was ihr angerichtet habt! (Hempel und Waschek schauen verdutzt. Der Polizeihund Kleiner Kläffer nähert sich Fufi misstrauisch und beginnt spielerisch nach ihm zu schnappen)
Buffi (zu kleiner Kläffer): Oh nein, lass den guten Fufi in Ruhe. Fufi hat zum Frühstück zwei Bier bekommen und ist jetzt müde
Hempel (zu Waschek): Heilige Maria Mutter Gottes, haben Sie das gehört? Sie geben dem armen Tier Alkohol. Und sie zeigen keinerlei Disziplin und Respekt vor dem Gesetz! Grund genug sie alle miteinander wegzusperren bis sie schwarz werden!
(Fufi gibt einen kläglichen Laut von sich und erhebt sich schwankend. Die Annäherungsversuche von Kleiner Kläffer ignorierend stakst er auf seinen dünnen Beinchen auf Hempel und Waschek zu und bleibt vor ihnen stehen. Mit einem würgenden Geräusch ergießt sich ein grüner Schwall aus seinem Maul auf die Schuhe der Kommissare. Dann dreht er sich um und trottet zurück zu den Punks, wo er wieder seine Schlafposition einnimmt. Kleiner Kläffer bellt aufgeregt und schnüffelt an den besudelten Schuhen)
Waschek: (rot vor Zorn) Ist das denn die Möglichkeit? Das Vieh kotzt auf uns!
Hempel: (schrill) Jetzt sind sie zu weit gegangen. Niemand schändet ungestraft die Schuhe einer Ordnungsmacht. (Zu Waschek) Was stehen Sie noch so unbeweglich herum? Ziehen Sie die Attentäter zur Rechenschaft!
(Waschek zieht seinen Schlagstock und nähert sich den beiden immer noch am Boden sitzenden und Bier trinkenden Punks. Er holt aus und schlägt Schnorri wuchtig auf den Arm)
Schnorri: (schreit vor Schmerz) Auweh! Was soll das? Das hat richtig wehgetan! (Dann leiser, aber dennoch deutlich hörbar) Scheißbulle!
Hempel: (aufgeregt): Da, da, da! Haben Sie das gehört, Waschek? Er hat es schon wieder getan! Sie respektieren einfach nicht unsere Autorität! Bestrafen Sie sie – alle beide! Und sparen Sie nicht mit dem Pfefferspray!
Waschek: Aber mit größtem Vergnügen, mein lieber Hempel!
(Er holt wieder mit seinem Schlagstock aus. Mit der anderen Hand zieht er eine kleine Sprühdose aus den Taschen seiner Uniform. Schnorri und Buffi  heben schützend ihre Arme vors Gesicht und kauern sich aneinander. Kurz bevor der Polizist jedoch eine neuen Schlag landen kann, trifft ihn plötzlich eine Bierdose, die von der Seite auf die Bühne fliegt. Er hält jäh in der Bewegung inne)
Waschek: (verdutzt) Nanu – was war das denn? Etwas hat mich getroffen!
Hempel: (erregt) Egal, nun machen Sie schon weiter! Züchtigen Sie die Unruhestifter!
(Da fliegen mit einem Mal von allen Seiten weitere Bierdosen auf die Bühne. Teils treffen sie die Polizisten, teils zischen sie knapp an ihnen vorbei. Die Schüssen scheinen aus den umliegenden Wohnwägen zu kommen. Gleichzeitig ertönen Rufe wie „Scheißbullen“, „Keine Macht dem Staat“, „Fickt euch, ihr Faschistenschweine“. Hempel und Maschek weichen erschrocken zurück. Kleiner Kläffer und Fufi bellen aufgeregt. Die beiden Punks kauern sich aneinander)
Hempel (ängstlich): Sie leisten Widerstand! Das Pack wagt es tatsächlich Widerstand zu leisten!
Waschek: Ach was. Das sind doch nur Dosen, noch dazu leere Dosen. Alles halb so wild.
Hempel (panisch): Sie haben eine Ahnung! Sie werden uns mit ihren Geschossen steinigen! (Er wird von einer Dose direkt auf die Nase getroffen und bricht jammernd zusammen. Der Dosenbeschuss geht stetig weiter)
Waschek (ungehalten): Blödsinn, alles Blödsinn! Und jetzt ist endgültig Schluss mit dem Spektakel! (Er zieht seine Dienstwaffe und feuert wild auf die umliegenden Wohnwagen. Das Bombardement verebbt. Ruft laut mit drohend erhobener Pistole) Und nun kommt raus aus euren Löchern! Stellt euch in einer Reihe auf und lasst schön die Hände oben. Ihr seid alle verhaftet! Und ihr (mit einem Seitenblick auf Schnorri und Buffi, die immer noch sich ängstlich umklammernd am Boden sitzen) steht auf, aber ganz langsam, ich behalte euch im Auge! (Die beiden Bierpunks erheben sich ängstlich)
Hempel (beruhigt sich. Richtet sich wieder auf und schnäuzt sich): Sehr gut, Waschek! Sie haben in einer brenzligen Situation das einzig Richtige getan! Ich arbeite gerne mit Ihnen zusammen!
(Die Polizisten beginnen Schnorri und Buffi grob nach Waffen zu untersuchen. Kleiner Kläffer läuft schwanzwedelnd um sie herum. Fufi winselt kläglich. Plötzlich kommt Rotti mit einer neuen Palette Bier zurück. Offensichtlich  hat er die Zuspitzung der Situation nicht mehr mitbekommen, denn er drückt Schnorri  und Buffi eine neue Dose in die Hand. Auch die beiden Polizisten bekommen ein Bier sowie Polizeihund Kleiner Kläffer und Fufi, der Hund der Bierpunks, das er ihnen mit einem Knacken öffnet und in einen Hundenapf einschenkt. Die Polizisten sind perplex. Er lallt laut):  So, dann wollen wir mal, Jungs! Wohl bekomm’s!
(Er prostet die Polizisten an. Die beiden wirken aus dem Konzept gebracht. Zögerlich trinken sie einen Schluck aus der Dose. Vorhang)

3. Akt

(In der Gefängniszelle. Max knüpft sich aus einem Kabel eine Schlinge, die er an einem Haken über sich befestigt. Darunter platziert er einen Hocker und setzt sich darauf. Währenddessen schreibt er auf ein Blatt Papier)
Dunkle Gestalt (aus Nachbarzelle): Psssst! Psssst! (Max schaut kurz auf, schreibt aber unbeeindruckt weiter)
Dunkle Gestalt: Psssst! Ich bin’s wieder, der Zellennachbar!
Max (ohne aufzuschauen): Ja? Was gibt’s denn noch?
Dunkle Gestalt (reuig): Ich muss Ihnen etwas gestehen! Mein Text vorhin war komplett erfunden. Sie haben mir versprochen mich früher raus zu lassen, wenn ich Sie zu einem Geständnis verleiten kann. Tun sie aber nichts dergleichen, das wäre äußerst fatal!
Max (kühl): Das dachte ich mir bereits. Aber für mich spielt das alles keine Rolle mehr, denn ich habe beschlossen mein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen.
Dunkle Gestalt: Ach, was haben Sie denn vor? Wollen Sie ausbrechen? (lacht)
Max: So ist’s. Könnten Sie mich jetzt bitte in Ruhe lassen, denn wie Sie vielleicht gemerkt haben, bin ich gerade dabei etwas zu schreiben.
Dunkle Gestalt (neugierig): Was schreiben Sie denn? Darf man das vielleicht auch lesen? Sie sind doch nicht etwa ein Dichter?
Max (ein wenig geschmeichelt): Nicht direkt und eigentlich ist es nicht für die Öffentlichkeit bestimmt, aber ich bin tatsächlich gerade dabei ein Gedicht zu schreiben. Nur so kann ich nämlich die Gefühle ausdrücken, die in mir toben.
Dunkle Gestalt: Oh, wie toll! Lassen Sie doch mal was hören!
Max: Ach, ich weiß nicht so recht…
Dunkle Gestalt: Nun kommen Sie schon! Ich bin kein anspruchsvolles Publikum. Glauben Sie mir, es kann ziemlich langweilig hier unten werden.
Max (lässt sich hinreißen): Na gut, was soll’s… Das Gedicht handelt von meiner verlorenen Liebe Greta. Obwohl sie gegangen ist, möchte ich ihr diese kleine Dichtung widmen. (Die dunkle Gestalt gibt einen Laut der Rührung von sich) Es trägt den Titel „An eine Öse“! Also, dann hören Sie einmal gut zu! (Räuspert sich und beginnt zu rezitieren)

An eine Öse

Greta, zarteste Blume von allen,
Wie gerne küsste ich deine arabesken Lippen und
Schwamm im Azurblau deiner Augen.
In den Winden deines Wimpernschlages umsegelte ich so manche Küste.

Deine Hände sprachen Bände, wenn es galt ein Haus zu bauen und
Mich an deinen Tisch zu setzen.
Du kochtest süße Speisen aus meinem Herzkranzapfel und
Würztest sie mit dem Ingwer, der in meinem Zwerchfell wuchs.

Stets suchte ich das Geheimnis deiner Hüften zu lüften,
Kelterte den Honig deiner Lenden und
pflückte deines Schoßes Hyazinthe.
Greta, meine Öse,
Nur zu gerne gab ich mir vor dir die Blöße und
Streifte durch den Garten meiner Lüste auf der Suche nach deines reifen Apfels Po.

Greta, prächtigste Blüte von allen,
Bitter schmeckt die Frucht der Wirklichkeit.
Du gingst an einen fernen Ort,
Wenn die Nacht vorüber ist
Bin ich schon lange fort.

(Max verstummt und senkt traurig den Kopf. Aus der Nachbarzelle dringt Klatschen)
Dunkle Gestalt (ergriffen): Das war vielleicht ergreifend. Darüber wird sich ihre liebe Greta sicher sehr freuen!
Max (mürrisch): Vermutlich. (Plötzlich ertönt das Geräusch von Schritten. Männer kommen eine Treppe herab und betreten den Kerkerraum)
Dunkle Gestalt: Ohje, da kommt jemand! Ich muss weg! Alles Gute für Sie, Herr Dichter!
Max: Jaja, danke. (Das Geräusch von Schlüsseln, die eine Tür aufschließen, ist hörbar. Die beiden ermittelnden Polizisten und Kleiner Kläffer betreten Max Zelle. Sie sind offenbar sehr betrunken, denn sie wanken und artikulieren undeutlich. In der Hand halten sie eine Bierdose, aus der sie von Zeit zu Zeit trinken. Kleiner Kläffer jault kurz und legt sich in eine Ecke, um zu schlafen).
Hempel: Mein lieber Max, wir sind zurück. Wie geht es Ihnen denn?
Max: Sparen Sie sich ihre Floskeln! Was ist bei den Ermittlungen herausgekommen?
Hempel: (lallend) Im Laufe unserer vielschichtigen und komplexen Ermittlungen sind wir zu einer Reihe… (sucht nach den richtigen Worten) vielschichtiger und komplexer Erkenntnisse gelangt. (Nähert sich Max mit seinem Gesicht und sagt mit gedämpfter Stimme) Ich würde Ihnen ja gerne sagen, was wir herausgefunden haben, aber ich darf leider nicht - ist nämlich alles TOP-SECRET!
Max: Igitt, Sie stinken nach Alkohol!
Waschek: (ebenfalls betrunken, hat sich aber noch besser unter Kontrolle) Das tut nichts zur Sache. (Deutet auf den Hocker und das zu einem Strick geflochtene Kabel) Was soll das hier überhaupt werden?
Max: Nichts Besonderes. Eine kleine Gymnastikübung.
Waschek: Blödsinn, alles Blödsinn! (Zu Hempel) Sehen Sie nicht, was der Schuft vorhat? Umbringen will er sich und sich so seiner rechtmäßigen Strafe entziehen!
Hempel (bestürzt): Seiner rechtmäßigen Hinrichtung meinen Sie wohl! Denn… (wendet sich Max zu und deutet fahrig mit seinem Zeigefinger auf ihn) Max Öse, ich verurteile Sie hiermit zum Tode!
Max: (erschrocken) Wie bitte? Wie soll das gehen? Ohne Beweise, Gerichtsverhandlung, Richter, Geschworene, Zeugen? Dazu haben Sie kein Recht!
Hempel (lallend): Was Sie nicht sagen! (Torkelt ein paar Schritte durch den Raum, laut) Dazu habe ich alles Recht der Welt! Nicht wahr? (Plötzlich guckt Freddy von der Spezialeinheit  in den Raum. In der Hand hält er seine Pfeife)
Freddy (fröhlich): Das kann ich nur bestätigen! Macht weiter so, Jungs! Gute Arbeit! (Hebt bekräftigend seinen Daumen und verschwindet wieder)
Max (angstvoll): Nein! Ich verlange einen Prozess, einen Richter, Zeugen, Geschworene…
Waschek (unterbricht ihn): Was regen Sie sich eigentlich so auf? Ich denke Sie wollten sich ohnehin umbringen?
Max: (zögerlich)  Ja, schon… Aber doch nicht heute… Morgen oder Übermorgen vielleicht.
Hempel: Was du heute kannst besorgen, verschiebe nicht auf morgen! Los, exekutieren wir diesen Mann! (Die Polizisten packen Max und stellen ihn auf den Hocker. Einer fesselte ihn, während der andere ihm die von ihm selbst gefertigte Schlinge um den Hals legt)
Max (strampelnd, schreiend): Nein! Ich verlange Gerechtigkeit! Ihr Schweine!
Hempel: Ich habe Ihnen gleich gesagt, Sie hätten sich kooperativer zeigen sollen. Wir sind die Gerechtigkeit  Jetzt ist es zu spät!
Max (außer sich): Ihr gemeinen Schufte, dann bringt mich eben um! Mir ist sowieso alles egal! Aber eins sage ich euch, eines Tages werdet ihr auch vor einem Gericht stehen und es wird ein höheres als dieses hier sein und dann nützen euch eure lächerlichen Uniformen und Knüppel gar nichts mehr! Und ich werde der Henker sein, der euch höchstpersönlich baumeln lässt! (schreit nach oben) Greta! Ich komme! Tut mir leid, dass ich dich umgebracht habe! (Die Kommissare halten bei dieser Aussage inne. Zu Max)
Waschek: Was haben Sie gerade gesagt? Tut mir leid, dass ich dich umgebracht habe?
Max (schaut wie jemand, der bei etwas Peinlichem ertappt wurde. Sehr aufgewühlt): Ja! Aber es war ein Unfall. Wir haben gestritten und ich musste sie ein wenig zu würgen, damit sie endlich ihre Klappe hält, aber je länger ich sie würgte, umso weniger konnte ich damit aufhören und umso mehr gefiel mir der Ausdruck auf ihren großen, geweiteten Augen, die so wunderbar schimmerten und dann war es schon zu spät. (Er schnauft heftig, während er spricht) Nachher hat es mir natürlich herzlich leid getan, aber was sollte ich da noch machen? Zunächst musste ich die Leiche irgendwohin verstecken. Ich bin also mit ihr in den Wald gefahren und habe mit einem Spaten ein tiefes Loch gegraben. (Die Polizisten sind sehr überrascht) Aber keine Sorge, ich habe alles auf einer Karte eingezeichnet. Hier, hier, nehmen Sie! Nehmen Sie nur, nehmen Sie nur! (Fischt mit seinem Mund ein zusammengefaltetes Stück Papier aus seiner Brusttasche und wirft es den beiden Polizisten zu)
Waschek (kopfschüttelnd, zu Hempel, der wie versteinert auf die Karte blickt): Wer hätte das gedacht? Ich jedenfalls nicht! Aber jetzt, wo er gestanden hat, können wir ihn ja guten Gewissens aufhängen!
Max (aufgeregt): Vielleicht sollten Sie mal nach der Leiche sehen. Ohja, ich mache mir nämlich schon Sorgen um meine liebe Greta, schauen Sie bei ihr vorbei! Wilde Tiere könnten Sie wieder ausgegraben haben. Wahrscheinlich kann man sie schon riechen, es ist ja schon fast drei Wochen her.
Hempel (noch immer auf die Karte starrend): Ohje, mein lieber Waschek, ich fühl mich plötzlich gar nicht mehr wohl. (Rülpst) Ich fürchte gleich kommt es zu einer Eskalation!
Waschek: Setzen Sie sich lieber, Sie sind ja ganz weiß um die Nase! Ich habe Ihnen ja gesagt, dass Sie nicht so viel Bier trinken hätten sollen!
Hempel (sagt nichts, stattdessen kotzt er einen grünen Schwall mitten auf die Bühne. Fällt auf den Boden und würgt leise wimmernd weiter)
Waschek: Aber Hempel! Nun reißen Sie sich aber mal zusammen! Sie sauen ja hier alles voll! Hier nehmen Sie das! (Nimmt ihm seine Mütze ab und gibt Sie ihm als Gefäß. Hempel erbricht dankbar hinein)
Waschek: Und jetzt wieder zu Ihnen! Das ist wirklich ein starkes Stück! Sie haben also tatsächlich ihre Frau auf dem Gewissen! Und Sie haben wirklich geglaubt, dass Sie damit durchkommen?
Max (trotzig): Selbstverständlich!
Waschek: Wenn Sie sich da nicht täuschen! Jetzt kommt die wohlverdiente Strafe für Ihre Missetaten! Sehen Sie nur, was Sie meinem braven Kollegen angetan haben! (Geht zu dem Hocker, auf dem Max steht und will ihn wegstoßen. Kurz bevor er den Stoß ausführen kann, ertönt plötzlich eine geisterhafte Stimme)
Geisterhafte Stimme: Haltet ein, haltet ein! Oh, ihr Menschen haltet ein!
Waschek (blickt sich hektisch um): Wer spricht da? Waren Sie das, Herr Kollege? (Hempel, der immer noch am Boden liegt und sich erbricht, schüttelt den Kopf. Von oben schwebt eine geisterhafte, weiße Frau auf die Bühne herab. Es ist der Geist von Greta Öse, der erscheint)
Greta Öse: Oh, ihr Menschen, ich sage euch, haltet ein!
Max (aufgeregt): Greta! Bist du das?
Greta Öse (sanft): Ja, ich bin’s, mein lieber Max.
Max: Aber wie ist das möglich? Ich dachte du wärst tot?
Greta Öse: Das bin ich auch. Ich komme gleich zu dir, Max! Lass mich das hier vorher nur noch erledigen. (Wütend zu den beiden Polizisten) Ich muss mich noch um diese beiden Wüstlinge kümmern, die meinem lieben Max etwas zu leide tun wollen!
Waschek (erschrocken): Wer sind Sie? Wie sind Sie hier hereingekommen? Weisen Sie sich auf der Stelle aus!
Greta Öse: Ich bin Greta Öse, Maxens verstorbene Frau. Ich bin gar nicht hereinkommen, ich bin erschienen. Ausweisen kann ich mich leider nicht, da ich unter meinem weißen Gewand gänzlich nackt bin.
Waschek (schroff): Das ist schlecht für Sie. Nur zu gut, dass wir gerade beschäftigt sind, denn sonst würden wir Sie erstmal gründlich verhören. Und jetzt verschwinden Sie auf der Stelle, wer immer Sie auch sind, sie stören eine streng vertrauliche Polizeioperation!
Greta Öse: Nie und nimmer werdet ich zulassen, dass ihr meinem lieben Max etwas zu leide tut! (Schwebt langsam auf den Polizisten zu. Dieser bekommt es mit der Angst zu tun und zieht seine Waffe)
Waschek: Stopp! Kommen Sie nicht näher oder ich muss von meiner Dienstwaffe Gebrauch machen. Und hören Sie um Himmels Willen auf zu schweben!
Greta Öse: Nichts dergleichen werde ich tun. Es ist Zeit, dass ihr Bösewichter eure rechtmäßige Strafe erhaltet!
Waschek: Ist das eine Drohung? Was fällt Ihnen ein einem Ordnungshüter zu drohen? Einen Schritt weiter oder ich schieße! (Beginnt wild auf den Geist von Greta Öse zu schießen, doch die Kugeln können ihr klarerweise nichts anhaben. Schließlich ist das Magazin leer geschossen und nur mehr das nutzlose Klicken der Trommel ist zu hören. Greta Öses Geist kommt dicht vor dem Polizisten zu stehen. Dieser drängt sich panisch zitternd an die Wand)
Greta Öse: Schluss damit! Ab in den Kot zu deinesgleichen, wo du hingehörst! (Packt Waschek am Kragen und wirft ihn mit erstaunlicher Kraft in die breite Lache aus Erbrochenen, die sein Kollege dort hingespieen hat)
Greta Öse: Und hier bleibt ihr nun erstmal sitzen! Und ich will keinen Mucks hören oder es soll euch schlecht ergehen! Habt ihr mich verstanden? (Die beiden Polizisten nicken furchtsam und kauern sich aneinander)
Max (erfreut): Greta! Du hast mich gerettet! Ich bin so froh dich zu sehen.
Greta Öse: Max. Es ist auch schön dich zu sehen! Dennoch bin ich nicht nur gekommen, um dich zu retten. (Zögert kurz) Vielmehr, um dich zur Rechenschaft zu ziehen.
Max (überrascht): Greta! Ja, tu das. Aber vorher binde mich los!
Greta Öse: Max, ich bin böse mit dir. Du hast mich erwürgt und meinen Körper im Wald vergraben.
Max (erinnert sich): Aber Greta! Ich habe dir vor unserer Heirat gesagt, dass ich jähzornig bin! Und es hat mir nachher aufrichtig leid getan!
Greta Öse: Nein Max, diesmal kommst du mit einer Entschuldigung nicht so leicht davon. Du bist wirklich zu weit gegangen.
Max (wütend): Greta, was soll das? Bind mich auf der Stelle los oder ich werde richtig wütend!
Greta Öse: Nein Max, du musst endlich lernen aus deinem Verhalten die Konsequenzen zu ziehen. Und deshalb… (nähert sich dem Hocker auf dem Max steht) … deshalb werde ich dich jetzt bestrafen!
Max (in Todesangst): Greta! Nein! (Der Geist von Greta Öse wirft mit einem kräftigen Stoß den Hocker um. Max fällt nach unten und die Schlinge zieht sich um seinen Hals. Er wird rot im Gesicht und gibt röchelnde Laute von sich)
Greta Öse (zufrieden): So Max, jetzt siehst du wie es sich anfühlt, wenn man stranguliert wird!
Max: (röchelnd): Greta! Nein! Bitte! (Greta bleibt unbeweglich stehen. Schließlich hört Max auf zu strampeln und stirbt. Greta kappt das Seil und Max sackt leblos auf den Boden. Vorhang)

(Die Bühne erstrahlt in einem merkwürdigen Licht, das von oben herab kommt. Am Boden sitzen die beiden Polizisten immer noch in dem Erbrochenen, daneben liegt der leblose Körper von Max. Gleichzeitig schwebt ein zweiter Max in einem weißen Nachthemd in der Luft. Er blickt sich erstaunt um. Neben ihm in der Luft schwebt Greta)
Max: Was ist mit mir passiert? Wo bin ich?
Greta Öse (fröhlich): Du bist tot, Max. Willkommen in der Geisterwelt!
Max (ungläubig): Ich bin tot? Wie kann das sein? Ich fühle mich so… (denkt nach) so… ja wie fühle ich mich denn?
Greta Öse (wissend): Du fühlst dich von aller irdischer Last befreit!
Max (sein Gesicht hellt sich auf): Du hast recht! Ich fühle mich großartig! So frei und leicht! (Fliegt enthusiastisch eine Runde über die Bühne. Kommt schließlich wieder bei Greta zu stehen)
Max: Greta, tut mir leid, dass ich dich umgebracht habe.
Greta Öse: Ach Max. Mir tut es auch leid. Aber Schwamm drüber. Wir sind nun an einem besseren Ort.
Max (froh. Blickt ins Licht): Ja du hast recht. Hier gibt es keine Polizisten und Gesetze und Akten. Auch keine Kotze und Bierdosen!
Greta Öse: Ja, hier gibt es andere Dinge, bessere Dinge! Ich werde dir alles zeigen! (Sie schmiegt sich an Max und küsst ihn) Komm! (Nimmt Max an der Hand und sie fliegen nach oben. Vorhang)

Ein Mann

klippo

Ein Mann – nennen wir ihn Andre – geht die Straße entlang. Es ist eine Allee, prächtig anzusehen und gesäumt von riesigen Kastanienbäumen, die an den Seitenrändern weit verzweigt in den Himmel ragen. In der Ferne quietschen Reifen und das Chrom von Karosserien blitzt durch die Luft.

Der Mann, der die Straße entlang geht, trägt ein weißes Hemd und weite Hosen ohne Gürtel, die durch Hosenträger an seinen Leib gehalten werden. In der Hand hält er einen Koffer, den er von Zeit zu Zeit durch die Luft schlenkern lässt. Der Mann oder Andre – denn ihn so zu nennen haben wir eine Übereinkunft getroffen – ist guter Laune, denn er wird heute verreisen. Er weiß nicht, dass er nur mehr zehn Minuten zu leben hat.

„Stopp!“, schreit plötzlich eine Stimme. Andre dreht sich um und sieht, dass hinter ihm ein Polizist steht und warnend die Hand hebt.

„Stopp!“, ruft der Polizist abermals, „Würden Sie mir bitte verraten, wohin Sie es so eilig haben?“ Er mustert Andre streng. Dabei blinzelt er immer wieder in die Sonne, die ihm direkt durch die Kastanienblätter in die Augen scheint und wölbt seine Handfläche schützend über dem Nasenrücken.

„Ich gehe zum Bahnhof“, sagt Andre fröhlich. „Ich habe nämlich vor zu verreisen!“

„Das ist gut für Sie, sehr gut für Sie“, entgegnet der Polizist. Er schnauft heftig beim Reden und blinzelt in das grelle Licht. Die sich anbahnende Hitze macht ihm zu schaffen. Kein Wunder, denn er ist bei Gott nicht mehr der Jüngste. Weißes Gestrüpp sprießt ihm wie Löwenzahnsamen aus seinem Gesicht und wuchert wild nach allen Seiten hinfort.

„Gehen Sie nun weiter“, sagt der Polizist und atmet schwer, „Immer gerade aus, die Allee hinunter. Nach einem Weilchen kommen Sie zu dem Platz auf dem sich der Bahnhof befindet.“

„Danke“, sagt Andre, „Ich weiß aber ohnehin, wo sich der Bahnhof befindet. Ich habe mich auf meine Reise vorbereitet.“

„Ausgezeichnet“ entgegnet der Polizist schnaufend, „Sie sind ein sorgfältiger Mann. Das gefällt mir. Ich werde Sie nicht weiter aufhalten. Schauen Sie vor ihrer Abreise nur noch in dem Geschäft an der Ecke vorbei. Hier haben Sie einen Gutschein!“ Er reicht Andre ein kandisfarbenes Blättchen Papier. Währenddessen schwillt das weiße Gestrüpp in seinem Gesicht immer weiter an und beginnt ins Ungeheuerliche zu wachsen. Die Nieten seiner Uniform platzen wie reife Fruchtkapseln und es zwirbelt ihm die Polizeimütze vom Kopf. Andre nimmt den Gutschein, bedankt sich ein weiteres Mal und geht weiter.

Nur kurz werde ich das Geschäft aufsuchen, denkt er sich, denn ich will meinen Zug nicht versäumen. Andre ahnt nicht, dass er nur noch acht Minuten zu leben hat.

Am Ende der Allee taucht das Geschäft auf. Schaufenster erstrahlen blank geputzt, dahinter schimmern rote, blaue, gelbe und grüne Süßigkeiten wie kostbares Geschmeide und Zuckerkrokant glitzert. Frisch gegossene Schokolade schäkert in süßer Bräune.

Als Andre die Tür öffnet, schellt die Ladenglocke schrill. An der Theke steht ein kleiner Mann mit Brille und silbrigen Haaren. Er blickt Andre böse an.

„Man hat mir das hier gegeben“, sagt Andre und reicht dem Ladeninhaber den kandisfarbenen Zettel. Der Besitzer ergreift ihn und beäugt ihn misstrauisch mit seinen kleinen Geieraugen. Man merkt sofort an ihrem missbilligenden Funkeln, dass er sich nicht über dieses Stück Papiers zu freuen scheint. Er zerreißt es mit einer mürrischen Bewegung und meint: „In Ordnung. Suchen Sie sich einen Artikel Ihrer Wahl aus! Aber fassen Sie nicht zu viel an!“

Ratlos blickt sich Andre in dem Geschäft um. Er weiß nicht nur nicht, was er nehmen soll, es ist ihm auch einerlei. Er hat sich nie viel aus Süßigkeiten gemacht. Sein Blick schweift über die Regale. Hie und da nimmt er ein glänzendes Stück Zucker- oder Schokolade in die Hand und blickt es für eine Sekunde an. Stets folgen ihm dabei die misstrauischen Geieraugen des Geschäftsinhabers, der ihn voll unverhohlener Abneigung anblickt. Um ihn besser kontrollieren zu können, reckt er nach und nach immer weiter seinen langen, kahlen Hals nach vorne, bis er ihn schließlich soweit vorgestreckt hat, dass er dicht hinter Andre durch den Raum mitwandern kann. Verstohlen nähert er sich Andres Nacken, um ihm so heimlich über die Schulter gucken zu können.

„Ich werde DAS hier nehmen“, sagt Andre kurz entschlossen und greift nach einem Objekt direkt vor ihm. Er dreht sich abrupt um und wendet sich wieder der Schokoladentheke zu. Noch im selben Moment schnellt der Kopf des Besitzers in dessen Nacken zurück und der Hals schrumpft wieder auf seine ursprüngliche Länge.

„Eine ausgezeichnete Wahl!“, ruft er und tut so, als ob nichts gewesen wäre. Seine Augen blitzen hasserfüllt. Mit seinen scharfen Krallen bedient er umständlich die Kasse. „Soll ich es Ihnen einpacken?“, fragt er sogar noch mit falscher Höflichkeit, während ihm ein spitzer Schnabel aus dem Gesicht wächst.

„Nein danke!“ Andre winkt ab. „Ich habe es nämlich ziemlich eilig. Ich muss meinen Zug erwischen!“ Er packt das von ihm erwählte Objekt und wirft es in seinen Koffer. Hastig verlässt er den Laden. Hinter ihm krächzt es und aus den Augenwinkeln sieht Andre noch wie Federn durch die Luft wirbeln und sich zwei große, schwarze Schwingen aus dem Gewand des Schokoladengeschäftbesitzers schälen. Gerne hätte er das seltsame Schauspiel noch weiter beobachtet, doch dafür bleibt keine Zeit. Andre muss seinen Zug erwischen. Er ahnt immer noch nicht, dass er nur mehr fünf Minuten zu leben hat.

Die Sonne blendet ihn als er ins Freie tritt. Die Kastanienbäume wiegen sich erhaben in ihrem gleißenden Licht. Es ist jetzt richtig heiß geworden. Schnellen Schrittes geht Andre die Straße hinunter. Er hat es sehr eilig und ist froh, als sich die grünen Blattkronen der Bäume endlich lichten und er den Bahnhof erreicht. Der Platz davor ist ganz mit Leuten angefüllt. Andre wirft sich in die Menschenfluten und zwängt sich durch die vielen Leiber, die plötzlich vor ihm auftauchen und wie eine Wand aus Wasser vor ihm wogen. Im Gewühl der Körper ist es laut und hektisch. Stimmen fließen durcheinander und ähneln in ihrer Beschaffenheit dem Brausen eines Flusses. Aber Andre lässt sich nicht aufhalten und rudert wild mit den Armen, um so das das Bahnhofsgebäude am anderen Ende des Platzes zu erreichen. Er weiß, dass er sich verspätet hat und der Zug jede Sekunde abfahren kann.

Endlich erreicht er die Bahnhofshalle und sein Blick fällt sofort auf die Anzeigetafel mit den abfahrenden Zügen. Er atmet tief durch, als er erkennt, dass es nun um Sekunden geht. Sein Zug geht auf Bahnsteig zwei und ihm bleiben exakt noch sieben Sekunden um ihn zu erreichen. Noch immer strömen von allen Seiten Menschenmassen in den Raum und versuchen ihn mit ihren Leibern hinfort zu spülen. Schweiß perlt auf Andres Schläfen und verklebt sein Haar. Er weiß, dass er sich in einer schwierigen Situation befindet, in der er seine ganze Kraft und Geschicklichkeit aufbieten muss, um sie zu bewältigen.

Den Koffer fest umklammernd, stürzt er dem richtigen Ausgang entgegen. Immer wieder streifen ihn die schweren Körper der Passanten und drohen ihn aus dem Gleichgewicht zu bringen. Ein Blick auf die Uhr sagt ihm, dass noch drei Sekunden bis zur Abfahrt verbleiben. Da ertönt auch schon das Signal des abfahrenden Zuges wie ein grausamer Folterlaut, der sich unbarmherzig und kaum durch die Luft abgeschwächt in die Windungen seiner Gehörmuschel frisst, an Hammer, Amboss, Steigbügel vorbeischrammt, und sich in das Schneckengehäuse seines gärenden Hirnes bohrt, um dort als feurig schillerndes Ejakulat zu zerplatzen. Es bleiben noch zwei Sekunden. Dann ist es nur noch eine. Jetzt ist alles vorbei. Eine Hand ergreift Andre und zieht ihn im letzten Augenblick in einer Wolke aus Dampf und Rauch in das Innere des Wagons. Sogleich schließt sich die Türe dahinter und der Zug beginnt zu rollen. Was ist passiert, denkt sich Andre verwirrt, als er mit pochenden Herzen auf einen der Sitze fällt und in Schwärze versinkt. Nun sind es nur mehr zwei Minuten, die er noch zu leben hat.

Als er die Augen wieder öffnet, sieht er zunächst lediglich das fließende Grün und Blau der vorbeiziehenden Landschaft und des azurfarbenen Himmels außerhalb des Zugfensters. Um ihn herum rascheln Zeitungen, Stimmen murmeln gedämpft und ab und zu ertönt die quäkende Stimme eines kleinen Kindes. Es riecht nach reisenden Menschen. Andre atmet erleichtert auf.

„Das war ziemlich knapp!“, sagt die alte Dame, die ihm gegenüber sitzt und lacht. Andre erkennt, dass sie es war, die ihn im letzten Moment in den Zug gezogen hatte. Ihre faltige Haut ist stark gepudert und geschminkt und sie trägt ein buntes Kleid mit Blumenmuster. Dazu verströmt sie einen starken Maiglöckchenduft. Andre bedankt sich höflich bei ihr für ihre Hilfe.

Er öffnet seinen Koffer und beginnt die Zeitungen zu lesen, die er sich zu diesem Zweck eingepackt hat. Während er das zerknitterte Papier glättet und die letzten Tropfen Schweiß von seiner Stirn verdampfen, sieht er, eingebettet in Socken und Unterwäsche, das kandisfarbene Säckchen aus dem Süßigkeitengeschäft. Er erinnert sich, wie er, wenige Minuten zuvor, es in aller Eile von einem Greifvogel, der sich als Süßigkeitenverkäufer getarnt hatte, erworben hat. Plötzlich ist er froh es bei sich zu haben und pellt freudig das Stück Schokolade aus dem glitzernden Silberpapier und steckt es sich in den Mund. Während es auf seiner Zunge zergeht, beginnt er zu lesen. Wieder wird alles dunkel um Andre, denn ein Mantel aus Schokolade legt sich über seine Umgebung und verwischt die Konturen des Zugwagons zu einem undurchsichtigen Braun, während alle Geräusche zu einem grauen Flüstern verschmelzen. Andre hat noch eine Minute zu leben.

Ein Geräusch reißt ihn aus seinem Schlummer. Der Schaffner hat das Abteil betreten und verlangt nach den Fahrkarten. Vom Schokoladenschlaf betäubt und mit zuckrig verklebten Augen tastet Andre nach seiner Fahrkarte. Er hat sie bereits am Vortag gekauft und sicher in seiner Brusttasche verwahrt. Das Stück Karton fühlt sich beruhigend an.

Der Schaffner ist sehr groß und von außerordentlich starkem Wuchs. Seine langen Arme sind mit schwarzem Fell bedeckt, das in Fransen aus den Ärmeln seiner Berufsbekleidung fällt. Auch aus seinem Gesicht wachsen Haare. Sein Schädel ist breit und bietet Raum für riesige Nüsternhöhlen und glanzlos starrende Augen. Bei jedem Passagier, dem er die Karte löst, grunzt er zufrieden.

Wann immer der Schaffner eine Karte entwertet, beginnt sich der betreffende Passagier zu verwandeln. Schon ist er bei der alten, gepuderten Dame, die Andre gegenüber sitzt, angelangt und fragt nach ihrer Fahrkarte. Andre sieht, wie sie, noch während die Kartenkontrolle von statten geht, von einer wunderlichen Deformierung erfasst wird. Ihre Züge verzweigen sich und die Haut wird braun und gesprenkelt, strafft sich ein wenig und plötzlich sitzt da, wo noch eben die alte Dame saß, eine erdfarbene Kröte. Noch immer gepudert, parfümiert und in geblümelten Kleid, quakt sie zufrieden und lächelt Andre aus ihrem zahnlosen Mund an. Ein lautes Quietschen lässt ihn erschrocken zusammenzucken, als ein Wildschweinfrischling in wilder Hatz durch den Gang jagt. Gleich darauf erschallt ein dumpfes Klatschen. Dem Anschein nach hat eine Henne ihr Ei fallen lassen.

Dann wendet sich der Schaffner Andre zu und will seine Karte sehen. Andre will protestieren, ist aber immer noch viel zu müde dazu. Noch bevor er etwas tun kann, brummt auch ihn der Schaffner zufrieden an und zwickt mit seiner Zange in die Fahrkarte. Andre spürt augenblicklich wie ein starker Ruck durch seinen Körper geht und sich seine Glieder zusammenziehen und zu einer neuen, bislang unbekannten Form verdichten. Flossen brechen aus glitschigen Flanken und lassen Andre die Gestalt eines Aals annehmen. Erschrocken flutscht er zu Boden und blickt sich aus seinen blinden Aalaugen um. Auf einmal erscheint alles ungeheuer groß. Große, fellige Tiere blöken auf den Bänken. Ein Oktopus schiebt gerade das Proviantwägelchen durch den Raum und verteilt Nüsse und Sandwiches. Andre muss schnell zur Seite flutschen, um nicht von den schweren Eisenrädern des Wagens zerstückelt zu werden.

Er ist irritiert und empört. „Ich will hier raus“, schreit er.

„Das lässt sich einrichten“, brummt eine tiefe Stimme. „Jetzt sofort?“

„Ja.“

Der Schaffner packt Andre an seinem Schwanz und wirbelt ihn durch die Luft. Dann schleudert er ihn aus einem geöffneten Zugfenster. Durch den Schwung immens beschleunigt schnellt Andre nach oben, dem Licht der Sonne entgegen. Einen Moment spürt er wie Erde, Licht und Luft miteinander verschmelzen. Dann allerdings findet sein Flug ein jähes Ende und scharfe Schmerzen graben sich in seinen Leib. Ein Schwarm von Krähen, der den Zug auf Suche nach Nahrung umkreist, hat zu seinem Unglück seinen Körper gestreift.

Immer wieder wirbeln sie ihn in die Höhe und hacken mit ihren spitzen Schnäbeln und Krallen auf ihn ein, während er hilflos in der Luft herumzappelt. Er ist bereits lange tot, als er am Boden auftrifft und dort zerschmettert liegen bleibt.

Der Waldmensch

klippo

 

Zwei Jahre nach den Ereignissen in Prag verschwand der Schriftsteller Harri von Schwängel spurlos im Dschungel von Yucatan. Augenzeugen berichten von einem überstürzten Aufbruch, einem Schwängel, der wirr und zerzaust die Zivilisation verließ und dabei laut mit sich selber sprach. Ein pelziges Männchen soll ihm dabei auf den Schultern gesessen und ins Ohr geflüstert haben, aber Beweise gab es dafür natürlich keine. Fest steht jedenfalls, dass Schwängel für die nächsten 25 Jahre wie vom Erdboden verschluckt war. Niemand wusste, was den einstmals so geselligen Zeitgenossen dazu bewogen hatte der bewohnten Welt den Rücken zu kehren. Eine Zeitlang schlug der Fall noch Wellen und eine Gruppe Weggefährten, die Schwängel aus seiner Zeit in Prag kannten, begannen Nachforschungen über seinen Verbleib anzustellen. Aber alle Versuche Licht in die Angelegenheit zu bringen, verloren sich früher später im Dunkeln, oft noch lange Zeit bevor Schwängel in die mittelamerikanische Halbinsel aufgebrochen war. Es war nur menschlich, dass die Detektivarbeit bald wieder eingestellt wurde. Man fand sich damit ab, dass Schwängel – wenn nicht schon längst verstorben - offenbar für die Welt verloren war. Nach ein paar Jahren hatte man ihn fast vergessen. Der Großteil seiner Werke moderte im Dachboden eines Pragers Studentenlokals vor sich hin und wurde nach und nach durch Mottenfraß vernichtet.

 

Ein letztes Mal – so weiß man – tauchte Schwängel noch in der Nähe des Dorfes auf, wo man ihn zuletzt bei seinem Eintritt in den Dschungel gesichtet hatte. Es war ein paar Monate nach seinem Verschwinden, als eine Gruppe von Kindern, die an den Ausläufern des Waldes spielten, die verfilzte Silhouette eines großen Mannes sichtete, der dort zwischen den Bäumen hervorgetreten war. Schwängel musste einen wüsten Anblick geboten haben: Wild rankendes Haar und Bart, die Haut von Pflanzensaft gelb verklebt, das Gesicht grimmig gedrungen, die Kiefer verhärtet und nur spärlich von Tierhäuten bekleidet – so stand er eine Weile regungslos im düsteren Abendflimmern. Kein Wunder, dass die Kinder schreiend davon stoben und sich in die Arme ihrer Mütter flüchteten. Als sich kurz darauf ein paar besorgte Erwachsene zum dämmrigen Waldrand begaben, wo die Kinder die Gestalt gesichtet hatten, war sie längst verschwunden. Ob die Erscheinung nun das Produkt einer lebhaften Kinderfantasie gewesen war oder nicht – in der selben Nacht starben im Dorf fünf Ziegen an einem seltsamen Fieber und am nächsten Tag folgten ihnen noch zwei Kühe und drei Hühner. Besorgnis und Ärger machte sich unter den Dorfbewohnern breit, die das Tiersterben eindeutig auf den bösartigen Einfluss Schwängels zurückführten. Man fühlte sich geneckt und bedroht und glaubte, dass Schwängel in den umliegenden Wäldern seinen Schabernack trieb.

 

Um dem einen Riegel vorzuschieben, rottete sich eine Gruppe schwitzender Männer zusammen und rüstete eine Expedition aus, die den streunenden Schwängel aufspüren und - wenn nicht anders möglich – erlegen sollte. Mit Buschmessern, Schrotflinten und Fangeisen ausgestattet, machten sich die Männer auf. Angeführt wurden sie dabei von dem fanatischen Pater José Ruben Estevez, der Experte war in exorzistischen Belangen und in Schwängel eindeutig teuflische Einflüsse identifiziert zu haben glaubte. José Ruben Estevez warf gerne mit kantigen Worten um sich und ging sogar soweit, dass er ankündigte Schwängels Tatzen und Zunge zur Mahnung an einen Stand vor die Kirche zu nageln. Vom Zuspruch der Dorfbewohner bekräftigt,  begab sich der Trupp am nächsten Tag in den Dschungel. Man war vorsichtig, denn man wollte Schwängel nicht unterschätzen. Jemandem, der bereits seit Monaten allein im Dschungel überlebte, gebührte ein gewisser Respekt, auch wenn er nur ein Europäer war. Dennoch glaubte man gegen den einzelnen Streuner ein leichtes Spiel zu haben, war er doch allein und unbewaffnet.

Zwei Tage später spülte ein Lauf des Rio Mopan, der mit seinen Seitenarmen das Dorf mäandrierte, die von Piranhas angeknabberten Leichen der Männer aus dem Dschungel. Der Anführer der Truppe, José Ruben Estevez war nicht dabei; er erschien ein paar Tage später, lebendig zwar, aber verwirrt und zitternd und am ganzen Körper von Moskitostichen übersät. Seine Sprachfähigkeit war stark eingeschränkt, sodass er bis auf ein zusammenhangloses Brabbeln nicht von den Geschehnissen im Dschungel berichten konnte. Er starb zwei Monate später in einer belizianischen Irrenanstalt.

 

So begannen sich die Legenden um Harri von Schwängel zu ranken und trieben ihre krausen Blüten in den Köpfen der Menschen. Man war sich ziemlich sicher, dass Schwängel – oder el diablo del bosque wie man ihn jetzt auch nannte - mit dem Teufel im Bunde sei oder zumindest der Sohn eines ziemlich fähigen Hexenmeisters war, der ihn in schwarzmagischen Künsten unterrichtet hatte. Nach ein paar Jahren hatte sich Schwängel mühelos in den Fundus der vielfältigen indigenen Mythen und Märchen des Landes eingefügt und wurde zu einer beliebten Spukgestalt, über die man viele Geschichten zu erzählen wusste. Der Waldmensch oder Waldteufel übte eine dermaßen starke Faszination auf die Menschen aus, dass sich sein Mythos im Laufe der Zeit immer weiter auf dem lateinamerikanischen Kontinent verbreitete. Durch Mundpropaganda von einem Dorf zum nächsten getragen und genährt durch abergläubische Fantasie und vermeintliche Sichtungen, erreichte er auch die großen Hafenstädte des Kontinents und gelangte so über den Seeweg wieder nach Europa.

 

Es waren mittlerweile 20 Jahre seit dem Verschwinden Schwängels vergangen, als in der Donaumonarchie verschiedene gebildete Kreise auf ihn aufmerksam wurden und sich für seinen Fall wieder zu interessieren begannen. Ihnen allen voran stand der Ethnologe und Reiseschriftsteller Doma Mischanig, der die Causa Schwängel intensiv zu studieren begann. Nachdem er dessen Vita weitgehend rekonstruiert hatte, machte er sich zu den einstigen Wirkungsorten des Verschollenen auf, in der Hoffnung durch Befragungen von Zeitzeugen zu neuen Aufschlüssen zu gelangen. Von den wenigen Freunden und Weggefährten Schwängels, die Mischanig ausfindig machen konnte und die überhaupt dazu bereit waren sich zu der Sache zu äußern, gab es bedauerlicherweise nur wenig bis gar nichts zu holen. Die Sache blieb nebulös. Schwängels einstige Lehrerin und Mäzenin Paula Pelzig hatte sich kurz nach seinem Verschwinden das Leben genommen und war somit als Ansprechpartnerin nicht mehr verfügbar. All dies aber nährte erst Recht Mischanigs Interesse an dem Fall und entwickelte sich immer mehr zu einer Obsession. Diese trieb ihn dazu an weiterzumachen und nicht dort aufzugeben, wo andere bereits vor ihm gescheitert waren. Durch das geschickte Spiel mit dem wissenschaftlichen und politischen Zeitgeist schaffte er es den Fall Schwängel wieder dermaßen populär zu machen, dass er Sponsorengelder auftreiben und eine neue Expedition ausrüsten konnte. Diese sollte nach Südamerika aufbrechen und das Rätsel endlich lösen.

 

Nach mehrmonatiger Vorbereitungszeit schiffte man sich also nach Belize ein. Geplant war nach ein paar Tagen Aufenthalt in der Hafenstadt Belize City weiter in die zentralamerikanische Halbinsel vorzudringen, um vom Dschungeldorf aus die Expedition zu starten. Doma Mischanig oblag klarerweise die Führung der Truppe. Ihn trieb sein glühender Forschergeist, befeuert von der Liebe die Wahrheit der Dinge zu erschauen. Er wollte Schwängel finden, koste es was es wolle.

Mit seinem langen weißen Haar und dichten Bartgestrüpp war Mischanig zweifellos der älteste der Expeditionsteilnehmer. Sein Anspruch auf die Führung wurde widerspruchslos akzeptiert und fußte nicht zuletzt auf der großen Kompetenz und Erfahrung, die der weit gereiste Mischanig mit sich brachte: Er war bestens mit den Verhältnissen des Landes vertraut und sprach alle möglichen Sprachen, darunter fließend Spanisch, was für das Fortkommen der Expedition sehr nützlich war.

Höchst unklar blieb allerdings, was eigentlich Mischanigs Muttersprache sei, denn darauf angesprochen reagierte er meist ausweichend bis mürrisch. Man vermutete schließlich er käme aus einer abgelegenen Gegend im Kaukasus, wo eine dunkle, konsonantenreich Sprache gesprochen wurde, in die er bisweilen verfiel, wenn er gedankenverloren etwas vor sich hin murmelte oder sich unbeobachtet glaubte. Seine spektakulären Reiseromane, durch die er in den letzten Jahrzehnten Weltruhm erlangt hatte, schrieb er ausschließlich auf Russisch. Die Expedition in den Dschungel Yucatans sollte nun der Höhepunkt in seinem Schaffen werden – so hatte Mischanig das Projekt auf verschiedenen Pressekonferenzen angekündigt. Böse Zungen ätzten allerdings, dass Mischanig vor allem neue Geldquellen anzapfen wollte, um sich dadurch seine kostspielige Reiseschriftstellerei weiter finanzieren zu können. Diese Vermutungen gingen sogar soweit, dass manche mutmaßten, er wolle Schwängel nur fangen, um ihn an den Kuriositätenzirkus von Pippo Zanzani nach Böhmen zu verkaufen. Ob dies der Wahrheit entsprach, ließ sich aber nicht ohne weiteres belegen und wurde von Mischanig ebenso stoisch ignoriert wie die Frage nach seiner Herkunft.

 

Die anderen Expeditionsteilnehmer, die sich Mischanig angeschlossen hatten, trieben wohl gänzlich andere Beweggründe in den Dschungel. Da gab es Giulia Essanija, eine israelische Söldnerin, auch genannt das „kämpferische Weib“, die Langeweile nicht ertragen konnte und die Suche nach Abenteuern in die Wildnis lockte; Buccan Faber, der zynische Dandy, war seines dekadenten Lebens überdrüssig und sehnte sich nach neuem künstlerischen Ausdruck; Astra Kinastra, eine afrikanische Poetin, liebte die Natur und wollte diese mit allen Sinnen erfassen; und schließlich war da noch Tina Trash, eine toxisch tätowierte Sphinx aus Texas mit einer Leidenschaft für das Extreme - über sie wusste eigentlich niemand etwas Genaueres.

Sie alle aber einte ihre Fähigkeit zum Ausdruck und zur Fantasie – welch Ironie, dass sie sich ausgerechnet aufmachten einen gefallenen Schriftsteller zu fangen, den die Abgründe seines Lebens in ein wildes Dschungeltier verwandelt hatten.

 

So fand man sich eines Morgens im Hafen von Belize City ein. Angeregt vom bunten Glitzern der erwachenden Stadt und berauscht von den vielen Gerüchen und Düften, die ihr innewohnten, war man froh der schwankenden Enge des Schiffs endlich entfliehen zu können. Eine Mischung aus weißen Abkömmlingen Spaniens, Mestizen, Kreolen und Libanesen bevölkerte das Stadtbild und bewarf die Neuankömmlinge mit neugierigen Blicken. Man schälte sich durch die Straßen, vorbei am bröckelnden Patina der britischen Kolonialherrschaft und gelangte in den Stadtkern, wo Mischanig für die ersten Nächte ein Hotel gebucht hatte. Sogleich überraschte sie das fremde Land mit einem denkwürdigen Schauspiel: Ein indianischer Schamane, der von einer dichten Menschenmenge umgeben war, rieb sich ein Fell und Knochen an seinem Leib und brachte es so fertig, begleitet von einem Gesang aus Zaubersprüchen, die Gestalt einer Raubkatze anzunehmen. Plötzlich sah sich die Menge mit einem zähnefletschenden Jaguar konfrontiert und wich erschrocken zurück, während dieser mit ein paar eleganten Sätzen in eine Seitengasse huschte. Gerne hätte die Truppe das Spektakel noch länger beobachtet, doch Mischanig drängte zum Aufbruch.

 

Zwei Stunden später saß man in einem schattigen Cafe und schlürfte weißen Rum mit Limonensaft. Ein Frühstück aus Tortillas mit Gemüse war bestellt. Die Stimmung war gut. Nur Buccan Faber musste von Anfang an aus der Reihe tanzen. Sein schalkhafter Charakter gebot es ihm bei jeder erdenklichen Gelegenheit gegen den guten Geschmack und die Sitten zu verstoßen. So bot er einem kreolischen Freudenmädchen, das sich der Gruppe scheu näherte und ihren Körper feilbot, 100 amerikanische Dollar, wenn sie es fertig brächte den schwarz verrußten Aschenbecher rein zu lecken. Zum Glück wurde dieser bösartige Zynismus von Mischanig sofort unterbunden und Faber zurechtgewiesen. Durch die Ermahnung Mischanigs sehr verdrossen, sah sich Faber in seinem Schalk  nur noch weiter herausgefordert und verfiel dazu in eine tiefe, manische Psychose: Beim anschließenden Abendessen fraß er nicht nur für vier, sondern trank auch unglaubliche Mengen schwerer, hochprozentiger Alkoholika. Bald war er so betrunken, dass er kaum noch sitzen konnte, was aber von der Gruppe nicht sonderlich beachtet wurde und ihn noch weiter kränkte.

Schließlich, als sie nach dem Essen durch das nächtliche Belize flanierten, erreichte Fabers Manie ihren verderblichen Höhepunkt: Sie passierten einen der traditionellen Schlangenkämpfe, die zu dieser Jahreszeit häufig auf offener Straße veranstaltet wurden, und Faber kündigte an, er würde eine der hochgiftigen Schlangen, die normalerweise auf ein anderes giftiges Tier losgelassen wurden, mit der bloßen Faust einfangen. Durch seine großkotziges Prahlerei hatte er schon bald eine beträchtliche Menschenmenge angelockt, die eine hübsche Anzahl an Wetten über den Ausgang des Vorhabens abzuschließen begann, was wiederum von Faber freudig aufgenommen wurde. Endlich wurde ihm die Aufmerksamkeit zuteil, nach der er sich so sehnte! Alle Versuche seiner Weggefährten ihn von dem dummen und lebensmüden Plan abzubringen, schlugen fehl. Nur Mischanig, der die Autorität gehabt hätte Fabers Dummheit zu unterbinden, schwieg beharrlich. Mittlerweile hatte er dessen Zicken satt. Es war an der Zeit, dass Faber seine Lektion lernte und wenn er diese mit seinem Leben bezahlen musste.

Unter den Anfeuerungsrufen der johlenden Menge begab sich Faber also in den Schlangenkreis, wo sich eine giftige Tropennatter bereits bedrohlich aufringelte und auf ihn losgelassen wurde. Ein einziger Biss, so raunte es durch die Menge, reiche für gewöhnlich aus, um einen erwachsenen Mann für immer zu lähmen. Zwei – so sagte man - reichten mit Leichtigkeit aus um einen Mensch unter die Erde zu bringen. Angestachelt vom Lärm des tobenden Mobs biss die Schlange Faber sogleich kräftig in Wade und  Unterarm. Der benebelte Faber steckte die Bisse zunächst ohne einen Mucks weg und fingerte weiter nach dem gereizten Reptil. Nachdem er noch einen dritten Biss in die Nierengegend abbekommen hatte, gelang es ihm das Tier mit der bloßen Faust, wie er es angekündigt hatte, zu bändigen, doch zu diesem Zeitpunkt versagte ihm sein Körper bereits den Dienst und er klatschte mit einem hohlen Geräusch auf das Pflaster.

 

Am nächsten Tag erwachte Faber in einem großen Zuber und war, nachdem er die Ereignisse des gestrigen Abends weitgehend rekonstruiert hatte, angenehm überrascht, dass er noch am Leben war. Heftiger Kopfschmerz und Lähmungserscheinungen plagten ihn zwar, aber ansonsten schien er durchwegs lebendig. Erstaunt stellte er fest, dass jemand seine Schlangenbisse verbunden und geschickt durch Brandwunden verödet hatte. Wie er später erfuhr, war dies das Werk von Tina Trash, die ihm durch ihr beherztes Vorgehen das Leben gerettet hatte. Rasch hatte sie das Gift aus den Wunden gesaugt und mit einem Feuerzeug ausgebrannt. Ein ausgesprochener Glücksfall, denn ohne ihr schnelles Einschreiten wäre es um Faber zweifellos geschehen gewesen.

Nicht, dass Buccan Faber irgendetwas aus dieser Sache gelernt hätte. Aber es war selbst jemandem von seinem Naturell klar, dass er fortan in Trashs Schuld stand.

 

Noch am selben Tag verließ die Gruppe Belize City und brach in das Landesinnere auf. Das Dorf am Rande des Dschungels, das den Ausgangspunkt für die eigentliche Expedition bildete, lag mehrere Tagesreisen entfernt. Sie verließen die sumpfige und von Mangroven bewachsene Küstenregion und wanderten Richtung Südwesten. Schon bald erreichten sie die Hauptstadt Belmopan, wo sie eine Nacht verbrachten. Je weiter sie ins Festland vordrangen umso mehr wich die sumpfige Küstenvegetation einer robusten Kiefernsavanne, die mit straff getäfelten Blättern die tropische Wärme und Feuchtigkeit in sich aufsog und in kräftiges Grün verwandelte. Sie passierten Plantagen und Felder, auf denen die Menschen Reis, Bohnen, Mais, Maniok und Bananen anbauten und übernachteten erstmals unter freiem Himmel. Auf einer mennonitischen Milchfarm, mit dessen Besitzer sich Mischanig in beachtlichem Deutsch unterhielt, erwarben sie Lamas, Lämmer, Kälber und Schweine, die fortan die Expedition begleiteten – teils als Lasttiere, teils als Fleisch und Milchlieferanten, die sie in den entlegeneren Gegenden über die Runden bringen sollten. Für sich selbst erstand Mischanig einen stattlichen Schimmel, mit dem er fortan die Spitze der Expedition anführte.

Immer weiter entfernte man sich von den besiedelten Gebieten des Landes und erreichte schließlich die ersten Ausläufer der Maya Mountains. Hier wurde es wieder feuchter, denn zahlreiche kleine Flüsse und Ströme entsprangen dem Gebirge und verdichteten sich zu strammen Läufen, die wiederum den Rio Macal und den Rio Mopan mit ihrem Wasser speisten. Der Dschungel rückte immer näher. Er flankierte die Straßen und Dörfer und umfing die Reisenden mit seinem grün dampfenden Odem. Dann erreichten sie endlich das abgelegene Dorf, in dessen Umgebung Harri von Schwängel vor rund 20 Jahren das letzte Mal gesehen worden war.

 

Die Expedition sorgte für großes Aufsehen, offenbar war man Fremdlinge hier nicht gewöhnt. Eine Gruppe Gassenkinder begrüßte die Ankömmlinge neugierig und ließ sich von Mischanig Süßigkeiten schenken, der diese selbstverständlich aus seinem weißen Rauschebart zauberte. Die erwachsenen Dorfbewohner hingegen empfingen sie weitaus weniger freundlich - misstrauisch beäugten sie die Gruppe wohin auch immer sie ging. Man war Fremdlinge nicht nur nicht gewöhnt, man schätzte sie auch nicht besonders. Seit dem Auftauchen Schwängels brachte man ihnen ein tiefes Misstrauen entgegen.

Dem ungeachtet quartierte sich die Expedition in der einzigen Schenke des Dorfs ein, wo die letzten Vorbereitungen für den Aufbruch in den Dschungel getroffen werden sollten. Seltsamerweise verschwand Doma Mischanig noch am selben Abend spurlos und ließ seine Gefährten ohne eine Nachricht zurück. Man wunderte sich, nahm aber die Situation gelassen hin. Warum auch nicht: Das Hotel – wenn auch schäbig und mit seinen zerschlissenen Netzen nur unzulänglich vor Mosquitoangriffen geschützt – war für die nächsten fünf Tage gebucht und Verpflegung war vorhanden. Tatsächlich tauchte Mischanig bis zum fünften Tag nicht wieder auf und ließ die Gruppe führerlos, die sich die Wartezeit aber gekonnt mit Müßiggang und Entspannung zu vertreiben wusste. Während Astra Kinastra meist am schattigen Dorfbrunnen saß und in ein Büchlein kritzelte, machte Giulia Essanija Klimmzüge an einem der Äste des großen Affenbrotbaumes, der ganz in der Nähe wuchs, und ließ sich dabei von den ehrfürchtig glotzenden Dorfbewohnern begaffen. Buccan Faber spielte mit zwei hundertjährigen Greisen französisches Tarock und Tina Trash schien in ein Gespräch mit einem Tukan vertieft.

 

Am fünften Tag kehrte Mischanig endlich zurück – nicht ohne eine Überraschung mitzubringen: Zwei Gestalten befanden sich in seinem Schlepptau, die sich als neue Mitglieder der Expedition vorstellten. Zum einen handelte es sich dabei um den stoppelbärtigen Klippo Kleingeld, der - in verschlissener Ledermontur und zweifellos höchst zwielichtig - einer der zahlreichen verkommenen Vetter des weitaus bekannteren Klippo Kraftwerk sein musste. Zum anderen war da noch ein indianischer Jäger namens Hun Hunapu, martialisch tätowiert und mit einer riesigen Harpune bewaffnet. Die beiden Neuzugänge wurden von Mischanig der erstaunten Gruppe in aller Ernsthaftigkeit vorgestellt, mit den nachdrücklichen Worten, dass sie die Expedition begleiten und durch ihre Kompetenzen unterstützen würden. Niemand war darüber sehr begeistert, ja man fühlte sich sogar ein wenig übergangen. Man hatte sich im Vorfeld kennen gelernt und gut miteinander arrangiert. Nun fühlte man sich in der Gruppenchemie gestört. Aber Mischanigs Entscheidung galt es zu akzeptieren, denn alle wussten: Es war seine Expedition, er hatte das Geld und somit auch das Sagen.

Alle stellten sich auf eine langwierige Suche ein. Niemand rechnete damit, dass die Expedition bereits am ersten Tag auf Harri von Schwängel treffen würde. Wer hätte denn auch ahnen können, dass Schwängel nur ein paar Kilometer vom Dorf entfernt auf einem Hügel saß?

 

Erst jetzt, kurz vor dem Aufbruch, brach das Lampenfieber, das während der Anreise noch spielend verdrängt werden hatte können, aus den einzelnen Expeditionsteilnehmern heraus. Eingequetscht wie das Pulver in eine Patronenhülse zündete sich in ihren adrenalingeschwängerten Schädeln die Angst und nährte sich vom Wissen um die Unberechenbarkeit und irrwitzige Waghalsigkeit ihres Vorhabens. Die Neuzugänge bildeten dabei einen zusätzlichen Unsicherheitsfaktor, der den alteingesessenen Expeditionsmitgliedern Unbehagen bereitete. Es war klar, dass Kleingeld und Hunapu aus einem anderen Holz geschnitzt waren. Zweifellos waren sie zwei Halunken der abgebrühtesten Sorte, denen nichts heilig war, mit vernarbten Körpern und nikotinverfärbten Zähnen. Was hatte sich Mischanig nur dabei gedacht?

 

Nur Mischanig blieb vollkommen ruhig. Sein weißer Bart glühte verheißungsvoll im Dunkel des nahenden Tages. Ein paar Glühwürmchen hatten sich darin verfangen und hüllten ihn in ein befremdliches Licht. Beim ersten Hahnenschrei sattelten sie die Tiere und brachen auf. Sofort, als sie den Wald betraten, spürten sie, wie sie die gesicherte Welt, die sie kannten und der die Menschen ihre Gesetze auftrutzt hatten, hinter sich ließen und sie in eine ältere, archaische Welt eintauchten, die ihren eigenen Regeln unterlag und in der die Errungenschaften des Menschen nichts wert waren. Buccan Faber zuckte zusammen, als er eine Schlange streifte, die er im trüben Morgenlicht für eine Liane gehalten hatte. Manchmal sahen sie den Glanz von Augenpaaren, das Blitzen spitzer Zähnchen oder ein gesprenkeltes Häutchen, das an ihnen vorbeisurrte. Das Rascheln, Murmeln und Quaken im Dickicht kündete vom frivolen Leben, von dem der Dschungel erfüllt war und das seine Besucher schnatternd willkommen hieß.

In der allgemeinen Anspannung bewies Mischanig einmal mehr, dass er ein würdiger Anführer war. Auf seinem prächtigen Schimmel ritt er der Gruppe voran. Den Bart noch immer von den Glühwürmchen beleuchtet, schwang er die Machete wie ein feenhafter Ritter.

 

Endlich wurde es hell und der Wald gab seine Farben und Formen an die Besucher preis. Durch das Licht ermuntert, schöpfte die Gruppe neuen Mut und die Anspannung wich von ihr wie die Nacht aus den Blättern. Zu Mittag gab es die erste Rast. Die Truppe hielt auf einer kleinen Lichtung in der Nähe eines Wasserlaufs, dessen Murmeln durch die bemoosten Bäume zu ihnen herüber drang und einen feinen, wässrigen Hauch auf ihre erhitzten Leiber wehte. Erleichtert ließ man sich auf der Lichtung nieder. Der Indianer Hun Hunapu hatte Perlhühner erlegt und gebot diese in einem großen Kessel für die Gruppe zu kochen. Zur großen Freude aller verkündete Mischanig, dass sie die heißesten Stunden des Tages abwarten und erst im Laufe des Nachmittags weiterwandern würden.

Nach dem Essen lag die Expedition müde im Schatten. Lediglich Astra Kinastra, die von der Tier- und Pflanzenwelt des Dschungels ganz hingerissen war, entfernte sich einige Schritte vom Lagerplatz, um einen kleinen Spaziergang zu machen. Angelockt vom kühlen Rauschen des Bächleins und wanderte sie am Ufer entlang. Sie erreichte eine Furt und ließ sich auf einem der platten Steine nieder, um sich ihre langen, gedrechselten Zöpfe in das Wasser zu tunken. Von der Mittagshitze schläfrig geworden, nickte sie einen Moment auf dem Stein ein. Doch ihr Schlummer währte nicht lange, denn schon wenige Minuten später ließ sie ein lautes Rascheln wieder hochschrecken. Blinzelnd blickte sie auf das Gebüsch, das sich am jenseitigen Ufer erstreckte und rieb sich ungläubig die Augen, nicht wissend, ob sie wach war oder träumte: Wenige Meter von ihr entfernt war gerade Harri von Schwängel aus dem Dickicht getreten.

 

Verblüfft blickte Kinastra auf Schwängel, der gemächlich zum Wasser wanderte und an einer seichten Stelle zur Tränke ging. Träumte sie? War es denn möglich? Aber es bestand kein Zweifel: Der zottige Mann, der eben vor ihr aufgetaucht war, war eindeutig Schwängel. Fellig, borstig und unfrisiert, ein Quäntchen noch mehr verwittert und verwuchert als bei seiner Sichtung vor rund 20 Jahren, sofern dies überhaupt möglich war, aber im Großen und Ganzen nicht wesentlich verändert und auch dem Erscheinungsbild seiner Studentenzeit nicht übermäßig unähnlich, das sich Kinastra im Vorfeld der Expedition gut eingeprägt hatte. Fasziniert betrachtete sie Schwängel, wie er das Flusswasser soff. Wie gierig er es trank!

 

Kinastra wusste, dass sie handeln musste, schließlich bestand das Ziel der Expedition darin den Waldmenschen zu fangen. Wahrscheinlich wäre es das Klügste Alarm zu schlagen und die anderen auf das Auftauchen Schwängels aufmerksam zu machen, dachte sie sich, aber seltsamerweise brachte sie genau dies nicht übers Herz. Der frei lebende Waldmensch, der noch immer mit voller Inbrunst das Wasser soff, berührte sie tief in ihrem Herzen. Schwängel schien ihr das Symbol des perfekten Menschen, die Fleischwerdung einer reinen Seele, die zurück zur Natur gefunden hatte. Sie konnte ihren Blick gar nicht mehr von Schwängel abwenden, ja sein Anblick löste in ihr ein noch nie da gewesenes Entzücken aus. Schnell griff sie nach ihrem Büchlein, das sie stets bei sich trug, schlug eine leere Seite auf und begann fieberhaft Verse hinein zu schreiben. Sie fühlte wie eine Flamme heißer, schöpferischer Energie in ihr empor brandete. Die Jamben flossen nur so aus ihr heraus und das Enjambement strich sich zart wie Honig. Zweifellos befand sie sich in einem unglaublichen Schaffensrausch. Das Gedicht, das sie zu schreiben begonnen hatte, sollte später unter dem Namen Ode an den Waldmenschen in die Literaturgeschichte eingehen.

 

Harri von Schwängel kümmerte dies alles herzlich wenig. Er musste Kinastra längst bemerkt haben, schenkte ihr aber keinerlei Beachtung. Als er endlich fertig getrunken hatte, fläzte er sich in den weichen Schlinggewächse am Ufer und hielt sich seinen wasserschweren Bauch. Kurz schlief er sogar ein. Dies grenzte schon an einer beispiellosen Dreistigkeit, wenn man bedenkt, dass seine Häscher nur ein paar Meter entfernt von ihm lagerten.

 

Da sah Kinastra wie Schwängel plötzlich die Ohren spitzte. Ein elektrifiziertes Zucken ging durch seinen Körper und er blähte die Nüstern. Offenbar hatte er etwas gewittert. Und tatsächlich trat in diesem Moment ein scheckiges Waldschwein aus dem Dickicht und begann mit seinem Rüsselchen scheu nach Essbarem zu wühlen. Einmal schnupperte es kurz misstrauisch, doch es schien die Gefahr, in der es schwebte, nicht zu bemerken. Schwängel hingegen, den sein Leben im Dschungel zu einem geschickten Jäger gemacht hatte, blieb ganz bewegungslos liegen und machte keinen Mucks. So äste das Schwein weiter, nicht wissend dass es sich in höchster Gefahr befand. Begeistert hielt Kinastra die neuen Entwicklungen am Papier fest. Nicht zu glauben, welch unerschöpfliche Quelle der Inspiration ihr das Schicksal beschert hatte.

Das Waldschwein hatte sich Schwängel nun bis auf wenige Meter genähert. Da sprang er plötzlich wie von einer Tarantel gestochen auf und streckte das Tier mit einem Prankenhieb nieder. Ein Biss in den Hals genügte und es war tot. Des Schweinchens schrilles Trompeten, das zunächst noch durch den Hain hallte, erstarb zu einem kläglichen Schnarchen. Mit vor Konzentration blutrotem Kopf näherte sich Kinastra nun dem dramaturgischen Höhepunkt ihres Gedichts. Zweifellos stellte die Ode an den Waldmenschen ihr bislang größtes Werk dar. Und es stand kurz vor seiner Vollendung.

 

In diesem Moment trat Klippo Kleingeld auf die Lichtung. In der Hand hielt er eine doppelläufige Flinte. Nichts Gutes ahnend wollte ihn Kinastra aufhalten, aber da war es schon zu spät. „Stirb, Schwängel!“, schrie Kleingeld und feuerte einen Schuss auf den Waldmenschen ab. Von der Macht des Rückstosses überwältigt, warf es Kleingeld in eine schlammige Pfütze und ein Schwarm Rebhühner stob gackernd über ihn hinweg. Schwängel indessen verfehlte der Schuss nur um Haaresbreite und zerfetzte sein linkes Ohrläppchen. Verdutzt griff er sich an die Wunde. Dann packte er das tote Schwein und floh eilig in den Wald.

Langsam stand Astra Kinastra auf und näherte sich Kleingeld, der noch immer in einer Pfütze lag. Sie war weiß vor Zorn. Das dümmlich brutale Endringen Kleingelds hatte nicht nur Schwängel vertrieben, sondern auch die schöpferische Flamme, die in ihr so unerhofft aufgestiegen war, gewaltsam erstickt und so die Fertigstellung ihres bedeutendsten Werkes verhindert. Kinastra wusste genau, wie kostbar Momente der schöpferischen Erleuchtung waren und wie selten sie dem Dichter zuteil wurden. Manchmal kamen sie nie wieder. Vor Wut zitternd war sie kurz davor wie eine Furie über Kleingeld herzufallen. Dieser schien von all dem nichts zu bemerken und streckte ihr treuherzig die Hand entgehen.

„Ab in den Kot zu deinesgleichen!“, schrie die wütende Poetin und gab ihm einen derben Stoß, der ihn tief in den Morast schlittern ließ. Dann rannte sie schluchzend davon.

 

Vom Kampfeslärm angelockt gesellten sich die restlichen Expeditionsmitglieder an die Furt. Mischanig war nicht glücklich über den Verlauf der Dinge. Er schalt Kinastra, dass sie ihn nicht über das Auftauchen Schwängels benachrichtigt hatte und verfluchte Kleingeld, der Schwängel beinahe ermordet hätte. Er bläute ihnen beiden ein, dass das Ziel der Expedition einzig und allein darin bestand Schwängel zu fangen und zwar in körperlich intaktem Zustand. Sollten sie dies nicht begreifen, müssten sie Expedition augenblicklich verlassen. Dann machten sie sich zur Verfolgung auf. Es gab keine Zeit zu verlieren. Schwängel konnte noch nicht weit sein und das Blut am Boden bildete eine leicht zu verfolgende Spur. Unerbittlich hetzte Mischanig sein Pferd durch den Dschungel, hinter ihm hastete ihm die Gruppe hinterher, die nur mit Mühe mit dem Rasenden Schritt halten konnte. Sie teilten sich auf um Schwängel den Weg abzuschneiden, aber gerade als sie glaubten den Waldmenschen eingekreist und gefasst zu haben, fanden sie nur das tote Schwein, das er zuvor am Fluss erlegt hatte. Von Schwängel selbst aber fehlte jede Spur. Mischanig fluchte Gift und Galle, dass er sich auf derartig plumpe Weise hatte täuschen lassen.

In den nächsten Monaten streiften sie ruhelos durch den Dschungel. Mischanig trieb die Gruppe unbarmherzig an. Er ließ sie jeden Stein umdrehen und in jedem Dickicht stochern. Dennoch blieb der Waldmensch unauffindbar. Im Mai setzte dann die Regenzeit ein und das Klima wurde unerträglich. Zermürbt von der unerträglichen Schwüle und den heißen Schauern, die ununterbrochen vom Himmel peitschten, begannen die Expeditionsteilnehmer zusehends zu ermüden. Weitaus schlimmer war, dass sie immer mehr ihre Motivation verloren. War man anfangs durch die Begegnung an der Furt noch zuversichtlich gewesen den Waldmenschen früher oder später zu fassen, begann man nun an einem erfolgreichen Ausgang der Expedition zu zweifeln.

 

Nur Mischanig blieb fest entschlossen. Er wirkte manisch, verbissen, besessen und wurde seinen Gefährten immer unheimlicher. Das Rätselhafte, das seine Person umgab, steigerte sich noch und erreichte ungeahnte Auswüchse, als sie einen der vielen Wasserläufe erreichten, die den Dschungel durchzogen und durch der durch den ständigen Regen zu einem reißenden Strom angeschwollen war. Beim Versuch den Fluss zu überqueren, stürzte Mischanig in das braune Wasser und wurde mitsamt seinem Pferd im schlammigen Gewühl hinfort gerissen. Alle waren überzeugt, dass dies das Ende des großen Doma Mischanigs war. Man bedauerte seinen Tod, war aber gleichzeitig froh, dass die wahnsinnige Jagd endlich vorüber war. Doch Mischanig belehrte sie eines Besseren, als er schon kurze Zeit später wieder auf seinem Schimmel zwischen den Bäumen hervorgallopierte, unverletzt und vom Vorfall nicht sonderlich beeindruckt. Diese Robustheit ging nicht mehr mit rechten Dingen zu, da war man sich sicher. Mischanig schien über Kräfte zu verfügen, von denen seine Gefährten bislang nichts geahnt hatten und abergläubische Stimmen munkelten gar er sei unsterblich. Am selbigen Tag noch verschwanden Hunapu und Kleingeld auf Nimmerwiedersehen und stahlen einen beträchtlichen Teil der Ausrüstung und der Vorräte.

Durch den Verlust entschieden geschwächt, hielten es die verbliebenen Expeditionsteilnehmer für angebracht eine Krisensitzung abzuhalten. Faber, Essanija und Kinastra waren sich einig, dass die Suche abgebrochen werden musste und wollten Mischanig zur Umkehr überreden. Sie waren am Ende ihrer Kräfte angelangt und wussten, dass es jetzt nur noch um das nackte Überleben ging. Aber Mischanig wollte noch immer nichts davon wissen. Erbost über ihre menschliche Schwäche warf er ihnen Meuterei vor und am Ende trennte sich die Gruppe im Streit. Das Letzte, was sie von ihrem einstigen Anführer sahen, war, wie er auf seinem Schimmel unter lauten Flüchen in den Wald sprengte.

Faber, Essanija und Kinastra kehrten schließlich nach Monaten der Strapazen und Entbehrungen in die Zivilisation zurück. Völlig entkräftet trieben sie eines Tages auf einem selbstgebauten Floss aus dem Dschungel. Sie kehrten gemeinsam nach Europa zurück, gingen aber fortan getrennte Wege. An den Folgen der gescheiterten Expedition laborierten sie noch lange.

 

Mischanig hingegen blieb im Dschungel. Er soll Schwängel sogar gefunden haben, doch darüber ist nur wenig bekannt. Fest steht, dass Mischanig seither als verschollen galt. In den Dörfern am Rande des Dschungels erzählt man sich seither gerne von einem weißlich glühenden Reiter, der manchmal in der Dämmerung am Waldrand auftaucht und dort eine Weile schweigend verharrt. Irgendwann löst er sich dann jäh aus seiner Erstarrung und prescht wild schreiend in das Dickicht. So erzählen es sich die Dorfbewohner heute und erschrecken damit ihre Kinder. Inwieweit diese Schilderungen der Wahrheit entsprechen, lässt sich natürlich nicht ohne weiteres prüfen. Das Verschwinden von Doma Mischanig, dem berühmten Reiseschriftsteller, der mit seinen spektakulären Dokumentationen für Furore gesorgt hatte, gab jedenfalls dem wissenschaftlichen Diskurs in Europa ein weiteres Rätsel auf. Und der lateinamerikanische Kontinent war um eine Sagengestalt reicher.