Ein Mann
klippoEin Mann – nennen wir ihn Andre – geht die Straße entlang. Es ist eine Allee, prächtig anzusehen und gesäumt von riesigen Kastanienbäumen, die an den Seitenrändern weit verzweigt in den Himmel ragen. In der Ferne quietschen Reifen und das Chrom von Karosserien blitzt durch die Luft.
Der Mann, der die Straße entlang geht, trägt ein weißes Hemd und weite Hosen ohne Gürtel, die durch Hosenträger an seinen Leib gehalten werden. In der Hand hält er einen Koffer, den er von Zeit zu Zeit durch die Luft schlenkern lässt. Der Mann oder Andre – denn ihn so zu nennen haben wir eine Übereinkunft getroffen – ist guter Laune, denn er wird heute verreisen. Er weiß nicht, dass er nur mehr zehn Minuten zu leben hat.
„Stopp!“, schreit plötzlich eine Stimme. Andre dreht sich um und sieht, dass hinter ihm ein Polizist steht und warnend die Hand hebt.
„Stopp!“, ruft der Polizist abermals, „Würden Sie mir bitte verraten, wohin Sie es so eilig haben?“ Er mustert Andre streng. Dabei blinzelt er immer wieder in die Sonne, die ihm direkt durch die Kastanienblätter in die Augen scheint und wölbt seine Handfläche schützend über dem Nasenrücken.
„Ich gehe zum Bahnhof“, sagt Andre fröhlich. „Ich habe nämlich vor zu verreisen!“
„Das ist gut für Sie, sehr gut für Sie“, entgegnet der Polizist. Er schnauft heftig beim Reden und blinzelt in das grelle Licht. Die sich anbahnende Hitze macht ihm zu schaffen. Kein Wunder, denn er ist bei Gott nicht mehr der Jüngste. Weißes Gestrüpp sprießt ihm wie Löwenzahnsamen aus seinem Gesicht und wuchert wild nach allen Seiten hinfort.
„Gehen Sie nun weiter“, sagt der Polizist und atmet schwer, „Immer gerade aus, die Allee hinunter. Nach einem Weilchen kommen Sie zu dem Platz auf dem sich der Bahnhof befindet.“
„Danke“, sagt Andre, „Ich weiß aber ohnehin, wo sich der Bahnhof befindet. Ich habe mich auf meine Reise vorbereitet.“
„Ausgezeichnet“ entgegnet der Polizist schnaufend, „Sie sind ein sorgfältiger Mann. Das gefällt mir. Ich werde Sie nicht weiter aufhalten. Schauen Sie vor ihrer Abreise nur noch in dem Geschäft an der Ecke vorbei. Hier haben Sie einen Gutschein!“ Er reicht Andre ein kandisfarbenes Blättchen Papier. Währenddessen schwillt das weiße Gestrüpp in seinem Gesicht immer weiter an und beginnt ins Ungeheuerliche zu wachsen. Die Nieten seiner Uniform platzen wie reife Fruchtkapseln und es zwirbelt ihm die Polizeimütze vom Kopf. Andre nimmt den Gutschein, bedankt sich ein weiteres Mal und geht weiter.
Nur kurz werde ich das Geschäft aufsuchen, denkt er sich, denn ich will meinen Zug nicht versäumen. Andre ahnt nicht, dass er nur noch acht Minuten zu leben hat.
Am Ende der Allee taucht das Geschäft auf. Schaufenster erstrahlen blank geputzt, dahinter schimmern rote, blaue, gelbe und grüne Süßigkeiten wie kostbares Geschmeide und Zuckerkrokant glitzert. Frisch gegossene Schokolade schäkert in süßer Bräune.
Als Andre die Tür öffnet, schellt die Ladenglocke schrill. An der Theke steht ein kleiner Mann mit Brille und silbrigen Haaren. Er blickt Andre böse an.
„Man hat mir das hier gegeben“, sagt Andre und reicht dem Ladeninhaber den kandisfarbenen Zettel. Der Besitzer ergreift ihn und beäugt ihn misstrauisch mit seinen kleinen Geieraugen. Man merkt sofort an ihrem missbilligenden Funkeln, dass er sich nicht über dieses Stück Papiers zu freuen scheint. Er zerreißt es mit einer mürrischen Bewegung und meint: „In Ordnung. Suchen Sie sich einen Artikel Ihrer Wahl aus! Aber fassen Sie nicht zu viel an!“
Ratlos blickt sich Andre in dem Geschäft um. Er weiß nicht nur nicht, was er nehmen soll, es ist ihm auch einerlei. Er hat sich nie viel aus Süßigkeiten gemacht. Sein Blick schweift über die Regale. Hie und da nimmt er ein glänzendes Stück Zucker- oder Schokolade in die Hand und blickt es für eine Sekunde an. Stets folgen ihm dabei die misstrauischen Geieraugen des Geschäftsinhabers, der ihn voll unverhohlener Abneigung anblickt. Um ihn besser kontrollieren zu können, reckt er nach und nach immer weiter seinen langen, kahlen Hals nach vorne, bis er ihn schließlich soweit vorgestreckt hat, dass er dicht hinter Andre durch den Raum mitwandern kann. Verstohlen nähert er sich Andres Nacken, um ihm so heimlich über die Schulter gucken zu können.
„Ich werde DAS hier nehmen“, sagt Andre kurz entschlossen und greift nach einem Objekt direkt vor ihm. Er dreht sich abrupt um und wendet sich wieder der Schokoladentheke zu. Noch im selben Moment schnellt der Kopf des Besitzers in dessen Nacken zurück und der Hals schrumpft wieder auf seine ursprüngliche Länge.
„Eine ausgezeichnete Wahl!“, ruft er und tut so, als ob nichts gewesen wäre. Seine Augen blitzen hasserfüllt. Mit seinen scharfen Krallen bedient er umständlich die Kasse. „Soll ich es Ihnen einpacken?“, fragt er sogar noch mit falscher Höflichkeit, während ihm ein spitzer Schnabel aus dem Gesicht wächst.
„Nein danke!“ Andre winkt ab. „Ich habe es nämlich ziemlich eilig. Ich muss meinen Zug erwischen!“ Er packt das von ihm erwählte Objekt und wirft es in seinen Koffer. Hastig verlässt er den Laden. Hinter ihm krächzt es und aus den Augenwinkeln sieht Andre noch wie Federn durch die Luft wirbeln und sich zwei große, schwarze Schwingen aus dem Gewand des Schokoladengeschäftbesitzers schälen. Gerne hätte er das seltsame Schauspiel noch weiter beobachtet, doch dafür bleibt keine Zeit. Andre muss seinen Zug erwischen. Er ahnt immer noch nicht, dass er nur mehr fünf Minuten zu leben hat.
Die Sonne blendet ihn als er ins Freie tritt. Die Kastanienbäume wiegen sich erhaben in ihrem gleißenden Licht. Es ist jetzt richtig heiß geworden. Schnellen Schrittes geht Andre die Straße hinunter. Er hat es sehr eilig und ist froh, als sich die grünen Blattkronen der Bäume endlich lichten und er den Bahnhof erreicht. Der Platz davor ist ganz mit Leuten angefüllt. Andre wirft sich in die Menschenfluten und zwängt sich durch die vielen Leiber, die plötzlich vor ihm auftauchen und wie eine Wand aus Wasser vor ihm wogen. Im Gewühl der Körper ist es laut und hektisch. Stimmen fließen durcheinander und ähneln in ihrer Beschaffenheit dem Brausen eines Flusses. Aber Andre lässt sich nicht aufhalten und rudert wild mit den Armen, um so das das Bahnhofsgebäude am anderen Ende des Platzes zu erreichen. Er weiß, dass er sich verspätet hat und der Zug jede Sekunde abfahren kann.
Endlich erreicht er die Bahnhofshalle und sein Blick fällt sofort auf die Anzeigetafel mit den abfahrenden Zügen. Er atmet tief durch, als er erkennt, dass es nun um Sekunden geht. Sein Zug geht auf Bahnsteig zwei und ihm bleiben exakt noch sieben Sekunden um ihn zu erreichen. Noch immer strömen von allen Seiten Menschenmassen in den Raum und versuchen ihn mit ihren Leibern hinfort zu spülen. Schweiß perlt auf Andres Schläfen und verklebt sein Haar. Er weiß, dass er sich in einer schwierigen Situation befindet, in der er seine ganze Kraft und Geschicklichkeit aufbieten muss, um sie zu bewältigen.
Den Koffer fest umklammernd, stürzt er dem richtigen Ausgang entgegen. Immer wieder streifen ihn die schweren Körper der Passanten und drohen ihn aus dem Gleichgewicht zu bringen. Ein Blick auf die Uhr sagt ihm, dass noch drei Sekunden bis zur Abfahrt verbleiben. Da ertönt auch schon das Signal des abfahrenden Zuges wie ein grausamer Folterlaut, der sich unbarmherzig und kaum durch die Luft abgeschwächt in die Windungen seiner Gehörmuschel frisst, an Hammer, Amboss, Steigbügel vorbeischrammt, und sich in das Schneckengehäuse seines gärenden Hirnes bohrt, um dort als feurig schillerndes Ejakulat zu zerplatzen. Es bleiben noch zwei Sekunden. Dann ist es nur noch eine. Jetzt ist alles vorbei. Eine Hand ergreift Andre und zieht ihn im letzten Augenblick in einer Wolke aus Dampf und Rauch in das Innere des Wagons. Sogleich schließt sich die Türe dahinter und der Zug beginnt zu rollen. Was ist passiert, denkt sich Andre verwirrt, als er mit pochenden Herzen auf einen der Sitze fällt und in Schwärze versinkt. Nun sind es nur mehr zwei Minuten, die er noch zu leben hat.
Als er die Augen wieder öffnet, sieht er zunächst lediglich das fließende Grün und Blau der vorbeiziehenden Landschaft und des azurfarbenen Himmels außerhalb des Zugfensters. Um ihn herum rascheln Zeitungen, Stimmen murmeln gedämpft und ab und zu ertönt die quäkende Stimme eines kleinen Kindes. Es riecht nach reisenden Menschen. Andre atmet erleichtert auf.
„Das war ziemlich knapp!“, sagt die alte Dame, die ihm gegenüber sitzt und lacht. Andre erkennt, dass sie es war, die ihn im letzten Moment in den Zug gezogen hatte. Ihre faltige Haut ist stark gepudert und geschminkt und sie trägt ein buntes Kleid mit Blumenmuster. Dazu verströmt sie einen starken Maiglöckchenduft. Andre bedankt sich höflich bei ihr für ihre Hilfe.
Er öffnet seinen Koffer und beginnt die Zeitungen zu lesen, die er sich zu diesem Zweck eingepackt hat. Während er das zerknitterte Papier glättet und die letzten Tropfen Schweiß von seiner Stirn verdampfen, sieht er, eingebettet in Socken und Unterwäsche, das kandisfarbene Säckchen aus dem Süßigkeitengeschäft. Er erinnert sich, wie er, wenige Minuten zuvor, es in aller Eile von einem Greifvogel, der sich als Süßigkeitenverkäufer getarnt hatte, erworben hat. Plötzlich ist er froh es bei sich zu haben und pellt freudig das Stück Schokolade aus dem glitzernden Silberpapier und steckt es sich in den Mund. Während es auf seiner Zunge zergeht, beginnt er zu lesen. Wieder wird alles dunkel um Andre, denn ein Mantel aus Schokolade legt sich über seine Umgebung und verwischt die Konturen des Zugwagons zu einem undurchsichtigen Braun, während alle Geräusche zu einem grauen Flüstern verschmelzen. Andre hat noch eine Minute zu leben.
Ein Geräusch reißt ihn aus seinem Schlummer. Der Schaffner hat das Abteil betreten und verlangt nach den Fahrkarten. Vom Schokoladenschlaf betäubt und mit zuckrig verklebten Augen tastet Andre nach seiner Fahrkarte. Er hat sie bereits am Vortag gekauft und sicher in seiner Brusttasche verwahrt. Das Stück Karton fühlt sich beruhigend an.
Der Schaffner ist sehr groß und von außerordentlich starkem Wuchs. Seine langen Arme sind mit schwarzem Fell bedeckt, das in Fransen aus den Ärmeln seiner Berufsbekleidung fällt. Auch aus seinem Gesicht wachsen Haare. Sein Schädel ist breit und bietet Raum für riesige Nüsternhöhlen und glanzlos starrende Augen. Bei jedem Passagier, dem er die Karte löst, grunzt er zufrieden.
Wann immer der Schaffner eine Karte entwertet, beginnt sich der betreffende Passagier zu verwandeln. Schon ist er bei der alten, gepuderten Dame, die Andre gegenüber sitzt, angelangt und fragt nach ihrer Fahrkarte. Andre sieht, wie sie, noch während die Kartenkontrolle von statten geht, von einer wunderlichen Deformierung erfasst wird. Ihre Züge verzweigen sich und die Haut wird braun und gesprenkelt, strafft sich ein wenig und plötzlich sitzt da, wo noch eben die alte Dame saß, eine erdfarbene Kröte. Noch immer gepudert, parfümiert und in geblümelten Kleid, quakt sie zufrieden und lächelt Andre aus ihrem zahnlosen Mund an. Ein lautes Quietschen lässt ihn erschrocken zusammenzucken, als ein Wildschweinfrischling in wilder Hatz durch den Gang jagt. Gleich darauf erschallt ein dumpfes Klatschen. Dem Anschein nach hat eine Henne ihr Ei fallen lassen.
Dann wendet sich der Schaffner Andre zu und will seine Karte sehen. Andre will protestieren, ist aber immer noch viel zu müde dazu. Noch bevor er etwas tun kann, brummt auch ihn der Schaffner zufrieden an und zwickt mit seiner Zange in die Fahrkarte. Andre spürt augenblicklich wie ein starker Ruck durch seinen Körper geht und sich seine Glieder zusammenziehen und zu einer neuen, bislang unbekannten Form verdichten. Flossen brechen aus glitschigen Flanken und lassen Andre die Gestalt eines Aals annehmen. Erschrocken flutscht er zu Boden und blickt sich aus seinen blinden Aalaugen um. Auf einmal erscheint alles ungeheuer groß. Große, fellige Tiere blöken auf den Bänken. Ein Oktopus schiebt gerade das Proviantwägelchen durch den Raum und verteilt Nüsse und Sandwiches. Andre muss schnell zur Seite flutschen, um nicht von den schweren Eisenrädern des Wagens zerstückelt zu werden.
Er ist irritiert und empört. „Ich will hier raus“, schreit er.
„Das lässt sich einrichten“, brummt eine tiefe Stimme. „Jetzt sofort?“
„Ja.“
Der Schaffner packt Andre an seinem Schwanz und wirbelt ihn durch die Luft. Dann schleudert er ihn aus einem geöffneten Zugfenster. Durch den Schwung immens beschleunigt schnellt Andre nach oben, dem Licht der Sonne entgegen. Einen Moment spürt er wie Erde, Licht und Luft miteinander verschmelzen. Dann allerdings findet sein Flug ein jähes Ende und scharfe Schmerzen graben sich in seinen Leib. Ein Schwarm von Krähen, der den Zug auf Suche nach Nahrung umkreist, hat zu seinem Unglück seinen Körper gestreift.
Immer wieder wirbeln sie ihn in die Höhe und hacken mit ihren spitzen Schnäbeln und Krallen auf ihn ein, während er hilflos in der Luft herumzappelt. Er ist bereits lange tot, als er am Boden auftrifft und dort zerschmettert liegen bleibt.