Der Waldmensch

klippo

 

Zwei Jahre nach den Ereignissen in Prag verschwand der Schriftsteller Harri von Schwängel spurlos im Dschungel von Yucatan. Augenzeugen berichten von einem überstürzten Aufbruch, einem Schwängel, der wirr und zerzaust die Zivilisation verließ und dabei laut mit sich selber sprach. Ein pelziges Männchen soll ihm dabei auf den Schultern gesessen und ins Ohr geflüstert haben, aber Beweise gab es dafür natürlich keine. Fest steht jedenfalls, dass Schwängel für die nächsten 25 Jahre wie vom Erdboden verschluckt war. Niemand wusste, was den einstmals so geselligen Zeitgenossen dazu bewogen hatte der bewohnten Welt den Rücken zu kehren. Eine Zeitlang schlug der Fall noch Wellen und eine Gruppe Weggefährten, die Schwängel aus seiner Zeit in Prag kannten, begannen Nachforschungen über seinen Verbleib anzustellen. Aber alle Versuche Licht in die Angelegenheit zu bringen, verloren sich früher später im Dunkeln, oft noch lange Zeit bevor Schwängel in die mittelamerikanische Halbinsel aufgebrochen war. Es war nur menschlich, dass die Detektivarbeit bald wieder eingestellt wurde. Man fand sich damit ab, dass Schwängel – wenn nicht schon längst verstorben - offenbar für die Welt verloren war. Nach ein paar Jahren hatte man ihn fast vergessen. Der Großteil seiner Werke moderte im Dachboden eines Pragers Studentenlokals vor sich hin und wurde nach und nach durch Mottenfraß vernichtet.

 

Ein letztes Mal – so weiß man – tauchte Schwängel noch in der Nähe des Dorfes auf, wo man ihn zuletzt bei seinem Eintritt in den Dschungel gesichtet hatte. Es war ein paar Monate nach seinem Verschwinden, als eine Gruppe von Kindern, die an den Ausläufern des Waldes spielten, die verfilzte Silhouette eines großen Mannes sichtete, der dort zwischen den Bäumen hervorgetreten war. Schwängel musste einen wüsten Anblick geboten haben: Wild rankendes Haar und Bart, die Haut von Pflanzensaft gelb verklebt, das Gesicht grimmig gedrungen, die Kiefer verhärtet und nur spärlich von Tierhäuten bekleidet – so stand er eine Weile regungslos im düsteren Abendflimmern. Kein Wunder, dass die Kinder schreiend davon stoben und sich in die Arme ihrer Mütter flüchteten. Als sich kurz darauf ein paar besorgte Erwachsene zum dämmrigen Waldrand begaben, wo die Kinder die Gestalt gesichtet hatten, war sie längst verschwunden. Ob die Erscheinung nun das Produkt einer lebhaften Kinderfantasie gewesen war oder nicht – in der selben Nacht starben im Dorf fünf Ziegen an einem seltsamen Fieber und am nächsten Tag folgten ihnen noch zwei Kühe und drei Hühner. Besorgnis und Ärger machte sich unter den Dorfbewohnern breit, die das Tiersterben eindeutig auf den bösartigen Einfluss Schwängels zurückführten. Man fühlte sich geneckt und bedroht und glaubte, dass Schwängel in den umliegenden Wäldern seinen Schabernack trieb.

 

Um dem einen Riegel vorzuschieben, rottete sich eine Gruppe schwitzender Männer zusammen und rüstete eine Expedition aus, die den streunenden Schwängel aufspüren und - wenn nicht anders möglich – erlegen sollte. Mit Buschmessern, Schrotflinten und Fangeisen ausgestattet, machten sich die Männer auf. Angeführt wurden sie dabei von dem fanatischen Pater José Ruben Estevez, der Experte war in exorzistischen Belangen und in Schwängel eindeutig teuflische Einflüsse identifiziert zu haben glaubte. José Ruben Estevez warf gerne mit kantigen Worten um sich und ging sogar soweit, dass er ankündigte Schwängels Tatzen und Zunge zur Mahnung an einen Stand vor die Kirche zu nageln. Vom Zuspruch der Dorfbewohner bekräftigt,  begab sich der Trupp am nächsten Tag in den Dschungel. Man war vorsichtig, denn man wollte Schwängel nicht unterschätzen. Jemandem, der bereits seit Monaten allein im Dschungel überlebte, gebührte ein gewisser Respekt, auch wenn er nur ein Europäer war. Dennoch glaubte man gegen den einzelnen Streuner ein leichtes Spiel zu haben, war er doch allein und unbewaffnet.

Zwei Tage später spülte ein Lauf des Rio Mopan, der mit seinen Seitenarmen das Dorf mäandrierte, die von Piranhas angeknabberten Leichen der Männer aus dem Dschungel. Der Anführer der Truppe, José Ruben Estevez war nicht dabei; er erschien ein paar Tage später, lebendig zwar, aber verwirrt und zitternd und am ganzen Körper von Moskitostichen übersät. Seine Sprachfähigkeit war stark eingeschränkt, sodass er bis auf ein zusammenhangloses Brabbeln nicht von den Geschehnissen im Dschungel berichten konnte. Er starb zwei Monate später in einer belizianischen Irrenanstalt.

 

So begannen sich die Legenden um Harri von Schwängel zu ranken und trieben ihre krausen Blüten in den Köpfen der Menschen. Man war sich ziemlich sicher, dass Schwängel – oder el diablo del bosque wie man ihn jetzt auch nannte - mit dem Teufel im Bunde sei oder zumindest der Sohn eines ziemlich fähigen Hexenmeisters war, der ihn in schwarzmagischen Künsten unterrichtet hatte. Nach ein paar Jahren hatte sich Schwängel mühelos in den Fundus der vielfältigen indigenen Mythen und Märchen des Landes eingefügt und wurde zu einer beliebten Spukgestalt, über die man viele Geschichten zu erzählen wusste. Der Waldmensch oder Waldteufel übte eine dermaßen starke Faszination auf die Menschen aus, dass sich sein Mythos im Laufe der Zeit immer weiter auf dem lateinamerikanischen Kontinent verbreitete. Durch Mundpropaganda von einem Dorf zum nächsten getragen und genährt durch abergläubische Fantasie und vermeintliche Sichtungen, erreichte er auch die großen Hafenstädte des Kontinents und gelangte so über den Seeweg wieder nach Europa.

 

Es waren mittlerweile 20 Jahre seit dem Verschwinden Schwängels vergangen, als in der Donaumonarchie verschiedene gebildete Kreise auf ihn aufmerksam wurden und sich für seinen Fall wieder zu interessieren begannen. Ihnen allen voran stand der Ethnologe und Reiseschriftsteller Doma Mischanig, der die Causa Schwängel intensiv zu studieren begann. Nachdem er dessen Vita weitgehend rekonstruiert hatte, machte er sich zu den einstigen Wirkungsorten des Verschollenen auf, in der Hoffnung durch Befragungen von Zeitzeugen zu neuen Aufschlüssen zu gelangen. Von den wenigen Freunden und Weggefährten Schwängels, die Mischanig ausfindig machen konnte und die überhaupt dazu bereit waren sich zu der Sache zu äußern, gab es bedauerlicherweise nur wenig bis gar nichts zu holen. Die Sache blieb nebulös. Schwängels einstige Lehrerin und Mäzenin Paula Pelzig hatte sich kurz nach seinem Verschwinden das Leben genommen und war somit als Ansprechpartnerin nicht mehr verfügbar. All dies aber nährte erst Recht Mischanigs Interesse an dem Fall und entwickelte sich immer mehr zu einer Obsession. Diese trieb ihn dazu an weiterzumachen und nicht dort aufzugeben, wo andere bereits vor ihm gescheitert waren. Durch das geschickte Spiel mit dem wissenschaftlichen und politischen Zeitgeist schaffte er es den Fall Schwängel wieder dermaßen populär zu machen, dass er Sponsorengelder auftreiben und eine neue Expedition ausrüsten konnte. Diese sollte nach Südamerika aufbrechen und das Rätsel endlich lösen.

 

Nach mehrmonatiger Vorbereitungszeit schiffte man sich also nach Belize ein. Geplant war nach ein paar Tagen Aufenthalt in der Hafenstadt Belize City weiter in die zentralamerikanische Halbinsel vorzudringen, um vom Dschungeldorf aus die Expedition zu starten. Doma Mischanig oblag klarerweise die Führung der Truppe. Ihn trieb sein glühender Forschergeist, befeuert von der Liebe die Wahrheit der Dinge zu erschauen. Er wollte Schwängel finden, koste es was es wolle.

Mit seinem langen weißen Haar und dichten Bartgestrüpp war Mischanig zweifellos der älteste der Expeditionsteilnehmer. Sein Anspruch auf die Führung wurde widerspruchslos akzeptiert und fußte nicht zuletzt auf der großen Kompetenz und Erfahrung, die der weit gereiste Mischanig mit sich brachte: Er war bestens mit den Verhältnissen des Landes vertraut und sprach alle möglichen Sprachen, darunter fließend Spanisch, was für das Fortkommen der Expedition sehr nützlich war.

Höchst unklar blieb allerdings, was eigentlich Mischanigs Muttersprache sei, denn darauf angesprochen reagierte er meist ausweichend bis mürrisch. Man vermutete schließlich er käme aus einer abgelegenen Gegend im Kaukasus, wo eine dunkle, konsonantenreich Sprache gesprochen wurde, in die er bisweilen verfiel, wenn er gedankenverloren etwas vor sich hin murmelte oder sich unbeobachtet glaubte. Seine spektakulären Reiseromane, durch die er in den letzten Jahrzehnten Weltruhm erlangt hatte, schrieb er ausschließlich auf Russisch. Die Expedition in den Dschungel Yucatans sollte nun der Höhepunkt in seinem Schaffen werden – so hatte Mischanig das Projekt auf verschiedenen Pressekonferenzen angekündigt. Böse Zungen ätzten allerdings, dass Mischanig vor allem neue Geldquellen anzapfen wollte, um sich dadurch seine kostspielige Reiseschriftstellerei weiter finanzieren zu können. Diese Vermutungen gingen sogar soweit, dass manche mutmaßten, er wolle Schwängel nur fangen, um ihn an den Kuriositätenzirkus von Pippo Zanzani nach Böhmen zu verkaufen. Ob dies der Wahrheit entsprach, ließ sich aber nicht ohne weiteres belegen und wurde von Mischanig ebenso stoisch ignoriert wie die Frage nach seiner Herkunft.

 

Die anderen Expeditionsteilnehmer, die sich Mischanig angeschlossen hatten, trieben wohl gänzlich andere Beweggründe in den Dschungel. Da gab es Giulia Essanija, eine israelische Söldnerin, auch genannt das „kämpferische Weib“, die Langeweile nicht ertragen konnte und die Suche nach Abenteuern in die Wildnis lockte; Buccan Faber, der zynische Dandy, war seines dekadenten Lebens überdrüssig und sehnte sich nach neuem künstlerischen Ausdruck; Astra Kinastra, eine afrikanische Poetin, liebte die Natur und wollte diese mit allen Sinnen erfassen; und schließlich war da noch Tina Trash, eine toxisch tätowierte Sphinx aus Texas mit einer Leidenschaft für das Extreme - über sie wusste eigentlich niemand etwas Genaueres.

Sie alle aber einte ihre Fähigkeit zum Ausdruck und zur Fantasie – welch Ironie, dass sie sich ausgerechnet aufmachten einen gefallenen Schriftsteller zu fangen, den die Abgründe seines Lebens in ein wildes Dschungeltier verwandelt hatten.

 

So fand man sich eines Morgens im Hafen von Belize City ein. Angeregt vom bunten Glitzern der erwachenden Stadt und berauscht von den vielen Gerüchen und Düften, die ihr innewohnten, war man froh der schwankenden Enge des Schiffs endlich entfliehen zu können. Eine Mischung aus weißen Abkömmlingen Spaniens, Mestizen, Kreolen und Libanesen bevölkerte das Stadtbild und bewarf die Neuankömmlinge mit neugierigen Blicken. Man schälte sich durch die Straßen, vorbei am bröckelnden Patina der britischen Kolonialherrschaft und gelangte in den Stadtkern, wo Mischanig für die ersten Nächte ein Hotel gebucht hatte. Sogleich überraschte sie das fremde Land mit einem denkwürdigen Schauspiel: Ein indianischer Schamane, der von einer dichten Menschenmenge umgeben war, rieb sich ein Fell und Knochen an seinem Leib und brachte es so fertig, begleitet von einem Gesang aus Zaubersprüchen, die Gestalt einer Raubkatze anzunehmen. Plötzlich sah sich die Menge mit einem zähnefletschenden Jaguar konfrontiert und wich erschrocken zurück, während dieser mit ein paar eleganten Sätzen in eine Seitengasse huschte. Gerne hätte die Truppe das Spektakel noch länger beobachtet, doch Mischanig drängte zum Aufbruch.

 

Zwei Stunden später saß man in einem schattigen Cafe und schlürfte weißen Rum mit Limonensaft. Ein Frühstück aus Tortillas mit Gemüse war bestellt. Die Stimmung war gut. Nur Buccan Faber musste von Anfang an aus der Reihe tanzen. Sein schalkhafter Charakter gebot es ihm bei jeder erdenklichen Gelegenheit gegen den guten Geschmack und die Sitten zu verstoßen. So bot er einem kreolischen Freudenmädchen, das sich der Gruppe scheu näherte und ihren Körper feilbot, 100 amerikanische Dollar, wenn sie es fertig brächte den schwarz verrußten Aschenbecher rein zu lecken. Zum Glück wurde dieser bösartige Zynismus von Mischanig sofort unterbunden und Faber zurechtgewiesen. Durch die Ermahnung Mischanigs sehr verdrossen, sah sich Faber in seinem Schalk  nur noch weiter herausgefordert und verfiel dazu in eine tiefe, manische Psychose: Beim anschließenden Abendessen fraß er nicht nur für vier, sondern trank auch unglaubliche Mengen schwerer, hochprozentiger Alkoholika. Bald war er so betrunken, dass er kaum noch sitzen konnte, was aber von der Gruppe nicht sonderlich beachtet wurde und ihn noch weiter kränkte.

Schließlich, als sie nach dem Essen durch das nächtliche Belize flanierten, erreichte Fabers Manie ihren verderblichen Höhepunkt: Sie passierten einen der traditionellen Schlangenkämpfe, die zu dieser Jahreszeit häufig auf offener Straße veranstaltet wurden, und Faber kündigte an, er würde eine der hochgiftigen Schlangen, die normalerweise auf ein anderes giftiges Tier losgelassen wurden, mit der bloßen Faust einfangen. Durch seine großkotziges Prahlerei hatte er schon bald eine beträchtliche Menschenmenge angelockt, die eine hübsche Anzahl an Wetten über den Ausgang des Vorhabens abzuschließen begann, was wiederum von Faber freudig aufgenommen wurde. Endlich wurde ihm die Aufmerksamkeit zuteil, nach der er sich so sehnte! Alle Versuche seiner Weggefährten ihn von dem dummen und lebensmüden Plan abzubringen, schlugen fehl. Nur Mischanig, der die Autorität gehabt hätte Fabers Dummheit zu unterbinden, schwieg beharrlich. Mittlerweile hatte er dessen Zicken satt. Es war an der Zeit, dass Faber seine Lektion lernte und wenn er diese mit seinem Leben bezahlen musste.

Unter den Anfeuerungsrufen der johlenden Menge begab sich Faber also in den Schlangenkreis, wo sich eine giftige Tropennatter bereits bedrohlich aufringelte und auf ihn losgelassen wurde. Ein einziger Biss, so raunte es durch die Menge, reiche für gewöhnlich aus, um einen erwachsenen Mann für immer zu lähmen. Zwei – so sagte man - reichten mit Leichtigkeit aus um einen Mensch unter die Erde zu bringen. Angestachelt vom Lärm des tobenden Mobs biss die Schlange Faber sogleich kräftig in Wade und  Unterarm. Der benebelte Faber steckte die Bisse zunächst ohne einen Mucks weg und fingerte weiter nach dem gereizten Reptil. Nachdem er noch einen dritten Biss in die Nierengegend abbekommen hatte, gelang es ihm das Tier mit der bloßen Faust, wie er es angekündigt hatte, zu bändigen, doch zu diesem Zeitpunkt versagte ihm sein Körper bereits den Dienst und er klatschte mit einem hohlen Geräusch auf das Pflaster.

 

Am nächsten Tag erwachte Faber in einem großen Zuber und war, nachdem er die Ereignisse des gestrigen Abends weitgehend rekonstruiert hatte, angenehm überrascht, dass er noch am Leben war. Heftiger Kopfschmerz und Lähmungserscheinungen plagten ihn zwar, aber ansonsten schien er durchwegs lebendig. Erstaunt stellte er fest, dass jemand seine Schlangenbisse verbunden und geschickt durch Brandwunden verödet hatte. Wie er später erfuhr, war dies das Werk von Tina Trash, die ihm durch ihr beherztes Vorgehen das Leben gerettet hatte. Rasch hatte sie das Gift aus den Wunden gesaugt und mit einem Feuerzeug ausgebrannt. Ein ausgesprochener Glücksfall, denn ohne ihr schnelles Einschreiten wäre es um Faber zweifellos geschehen gewesen.

Nicht, dass Buccan Faber irgendetwas aus dieser Sache gelernt hätte. Aber es war selbst jemandem von seinem Naturell klar, dass er fortan in Trashs Schuld stand.

 

Noch am selben Tag verließ die Gruppe Belize City und brach in das Landesinnere auf. Das Dorf am Rande des Dschungels, das den Ausgangspunkt für die eigentliche Expedition bildete, lag mehrere Tagesreisen entfernt. Sie verließen die sumpfige und von Mangroven bewachsene Küstenregion und wanderten Richtung Südwesten. Schon bald erreichten sie die Hauptstadt Belmopan, wo sie eine Nacht verbrachten. Je weiter sie ins Festland vordrangen umso mehr wich die sumpfige Küstenvegetation einer robusten Kiefernsavanne, die mit straff getäfelten Blättern die tropische Wärme und Feuchtigkeit in sich aufsog und in kräftiges Grün verwandelte. Sie passierten Plantagen und Felder, auf denen die Menschen Reis, Bohnen, Mais, Maniok und Bananen anbauten und übernachteten erstmals unter freiem Himmel. Auf einer mennonitischen Milchfarm, mit dessen Besitzer sich Mischanig in beachtlichem Deutsch unterhielt, erwarben sie Lamas, Lämmer, Kälber und Schweine, die fortan die Expedition begleiteten – teils als Lasttiere, teils als Fleisch und Milchlieferanten, die sie in den entlegeneren Gegenden über die Runden bringen sollten. Für sich selbst erstand Mischanig einen stattlichen Schimmel, mit dem er fortan die Spitze der Expedition anführte.

Immer weiter entfernte man sich von den besiedelten Gebieten des Landes und erreichte schließlich die ersten Ausläufer der Maya Mountains. Hier wurde es wieder feuchter, denn zahlreiche kleine Flüsse und Ströme entsprangen dem Gebirge und verdichteten sich zu strammen Läufen, die wiederum den Rio Macal und den Rio Mopan mit ihrem Wasser speisten. Der Dschungel rückte immer näher. Er flankierte die Straßen und Dörfer und umfing die Reisenden mit seinem grün dampfenden Odem. Dann erreichten sie endlich das abgelegene Dorf, in dessen Umgebung Harri von Schwängel vor rund 20 Jahren das letzte Mal gesehen worden war.

 

Die Expedition sorgte für großes Aufsehen, offenbar war man Fremdlinge hier nicht gewöhnt. Eine Gruppe Gassenkinder begrüßte die Ankömmlinge neugierig und ließ sich von Mischanig Süßigkeiten schenken, der diese selbstverständlich aus seinem weißen Rauschebart zauberte. Die erwachsenen Dorfbewohner hingegen empfingen sie weitaus weniger freundlich - misstrauisch beäugten sie die Gruppe wohin auch immer sie ging. Man war Fremdlinge nicht nur nicht gewöhnt, man schätzte sie auch nicht besonders. Seit dem Auftauchen Schwängels brachte man ihnen ein tiefes Misstrauen entgegen.

Dem ungeachtet quartierte sich die Expedition in der einzigen Schenke des Dorfs ein, wo die letzten Vorbereitungen für den Aufbruch in den Dschungel getroffen werden sollten. Seltsamerweise verschwand Doma Mischanig noch am selben Abend spurlos und ließ seine Gefährten ohne eine Nachricht zurück. Man wunderte sich, nahm aber die Situation gelassen hin. Warum auch nicht: Das Hotel – wenn auch schäbig und mit seinen zerschlissenen Netzen nur unzulänglich vor Mosquitoangriffen geschützt – war für die nächsten fünf Tage gebucht und Verpflegung war vorhanden. Tatsächlich tauchte Mischanig bis zum fünften Tag nicht wieder auf und ließ die Gruppe führerlos, die sich die Wartezeit aber gekonnt mit Müßiggang und Entspannung zu vertreiben wusste. Während Astra Kinastra meist am schattigen Dorfbrunnen saß und in ein Büchlein kritzelte, machte Giulia Essanija Klimmzüge an einem der Äste des großen Affenbrotbaumes, der ganz in der Nähe wuchs, und ließ sich dabei von den ehrfürchtig glotzenden Dorfbewohnern begaffen. Buccan Faber spielte mit zwei hundertjährigen Greisen französisches Tarock und Tina Trash schien in ein Gespräch mit einem Tukan vertieft.

 

Am fünften Tag kehrte Mischanig endlich zurück – nicht ohne eine Überraschung mitzubringen: Zwei Gestalten befanden sich in seinem Schlepptau, die sich als neue Mitglieder der Expedition vorstellten. Zum einen handelte es sich dabei um den stoppelbärtigen Klippo Kleingeld, der - in verschlissener Ledermontur und zweifellos höchst zwielichtig - einer der zahlreichen verkommenen Vetter des weitaus bekannteren Klippo Kraftwerk sein musste. Zum anderen war da noch ein indianischer Jäger namens Hun Hunapu, martialisch tätowiert und mit einer riesigen Harpune bewaffnet. Die beiden Neuzugänge wurden von Mischanig der erstaunten Gruppe in aller Ernsthaftigkeit vorgestellt, mit den nachdrücklichen Worten, dass sie die Expedition begleiten und durch ihre Kompetenzen unterstützen würden. Niemand war darüber sehr begeistert, ja man fühlte sich sogar ein wenig übergangen. Man hatte sich im Vorfeld kennen gelernt und gut miteinander arrangiert. Nun fühlte man sich in der Gruppenchemie gestört. Aber Mischanigs Entscheidung galt es zu akzeptieren, denn alle wussten: Es war seine Expedition, er hatte das Geld und somit auch das Sagen.

Alle stellten sich auf eine langwierige Suche ein. Niemand rechnete damit, dass die Expedition bereits am ersten Tag auf Harri von Schwängel treffen würde. Wer hätte denn auch ahnen können, dass Schwängel nur ein paar Kilometer vom Dorf entfernt auf einem Hügel saß?

 

Erst jetzt, kurz vor dem Aufbruch, brach das Lampenfieber, das während der Anreise noch spielend verdrängt werden hatte können, aus den einzelnen Expeditionsteilnehmern heraus. Eingequetscht wie das Pulver in eine Patronenhülse zündete sich in ihren adrenalingeschwängerten Schädeln die Angst und nährte sich vom Wissen um die Unberechenbarkeit und irrwitzige Waghalsigkeit ihres Vorhabens. Die Neuzugänge bildeten dabei einen zusätzlichen Unsicherheitsfaktor, der den alteingesessenen Expeditionsmitgliedern Unbehagen bereitete. Es war klar, dass Kleingeld und Hunapu aus einem anderen Holz geschnitzt waren. Zweifellos waren sie zwei Halunken der abgebrühtesten Sorte, denen nichts heilig war, mit vernarbten Körpern und nikotinverfärbten Zähnen. Was hatte sich Mischanig nur dabei gedacht?

 

Nur Mischanig blieb vollkommen ruhig. Sein weißer Bart glühte verheißungsvoll im Dunkel des nahenden Tages. Ein paar Glühwürmchen hatten sich darin verfangen und hüllten ihn in ein befremdliches Licht. Beim ersten Hahnenschrei sattelten sie die Tiere und brachen auf. Sofort, als sie den Wald betraten, spürten sie, wie sie die gesicherte Welt, die sie kannten und der die Menschen ihre Gesetze auftrutzt hatten, hinter sich ließen und sie in eine ältere, archaische Welt eintauchten, die ihren eigenen Regeln unterlag und in der die Errungenschaften des Menschen nichts wert waren. Buccan Faber zuckte zusammen, als er eine Schlange streifte, die er im trüben Morgenlicht für eine Liane gehalten hatte. Manchmal sahen sie den Glanz von Augenpaaren, das Blitzen spitzer Zähnchen oder ein gesprenkeltes Häutchen, das an ihnen vorbeisurrte. Das Rascheln, Murmeln und Quaken im Dickicht kündete vom frivolen Leben, von dem der Dschungel erfüllt war und das seine Besucher schnatternd willkommen hieß.

In der allgemeinen Anspannung bewies Mischanig einmal mehr, dass er ein würdiger Anführer war. Auf seinem prächtigen Schimmel ritt er der Gruppe voran. Den Bart noch immer von den Glühwürmchen beleuchtet, schwang er die Machete wie ein feenhafter Ritter.

 

Endlich wurde es hell und der Wald gab seine Farben und Formen an die Besucher preis. Durch das Licht ermuntert, schöpfte die Gruppe neuen Mut und die Anspannung wich von ihr wie die Nacht aus den Blättern. Zu Mittag gab es die erste Rast. Die Truppe hielt auf einer kleinen Lichtung in der Nähe eines Wasserlaufs, dessen Murmeln durch die bemoosten Bäume zu ihnen herüber drang und einen feinen, wässrigen Hauch auf ihre erhitzten Leiber wehte. Erleichtert ließ man sich auf der Lichtung nieder. Der Indianer Hun Hunapu hatte Perlhühner erlegt und gebot diese in einem großen Kessel für die Gruppe zu kochen. Zur großen Freude aller verkündete Mischanig, dass sie die heißesten Stunden des Tages abwarten und erst im Laufe des Nachmittags weiterwandern würden.

Nach dem Essen lag die Expedition müde im Schatten. Lediglich Astra Kinastra, die von der Tier- und Pflanzenwelt des Dschungels ganz hingerissen war, entfernte sich einige Schritte vom Lagerplatz, um einen kleinen Spaziergang zu machen. Angelockt vom kühlen Rauschen des Bächleins und wanderte sie am Ufer entlang. Sie erreichte eine Furt und ließ sich auf einem der platten Steine nieder, um sich ihre langen, gedrechselten Zöpfe in das Wasser zu tunken. Von der Mittagshitze schläfrig geworden, nickte sie einen Moment auf dem Stein ein. Doch ihr Schlummer währte nicht lange, denn schon wenige Minuten später ließ sie ein lautes Rascheln wieder hochschrecken. Blinzelnd blickte sie auf das Gebüsch, das sich am jenseitigen Ufer erstreckte und rieb sich ungläubig die Augen, nicht wissend, ob sie wach war oder träumte: Wenige Meter von ihr entfernt war gerade Harri von Schwängel aus dem Dickicht getreten.

 

Verblüfft blickte Kinastra auf Schwängel, der gemächlich zum Wasser wanderte und an einer seichten Stelle zur Tränke ging. Träumte sie? War es denn möglich? Aber es bestand kein Zweifel: Der zottige Mann, der eben vor ihr aufgetaucht war, war eindeutig Schwängel. Fellig, borstig und unfrisiert, ein Quäntchen noch mehr verwittert und verwuchert als bei seiner Sichtung vor rund 20 Jahren, sofern dies überhaupt möglich war, aber im Großen und Ganzen nicht wesentlich verändert und auch dem Erscheinungsbild seiner Studentenzeit nicht übermäßig unähnlich, das sich Kinastra im Vorfeld der Expedition gut eingeprägt hatte. Fasziniert betrachtete sie Schwängel, wie er das Flusswasser soff. Wie gierig er es trank!

 

Kinastra wusste, dass sie handeln musste, schließlich bestand das Ziel der Expedition darin den Waldmenschen zu fangen. Wahrscheinlich wäre es das Klügste Alarm zu schlagen und die anderen auf das Auftauchen Schwängels aufmerksam zu machen, dachte sie sich, aber seltsamerweise brachte sie genau dies nicht übers Herz. Der frei lebende Waldmensch, der noch immer mit voller Inbrunst das Wasser soff, berührte sie tief in ihrem Herzen. Schwängel schien ihr das Symbol des perfekten Menschen, die Fleischwerdung einer reinen Seele, die zurück zur Natur gefunden hatte. Sie konnte ihren Blick gar nicht mehr von Schwängel abwenden, ja sein Anblick löste in ihr ein noch nie da gewesenes Entzücken aus. Schnell griff sie nach ihrem Büchlein, das sie stets bei sich trug, schlug eine leere Seite auf und begann fieberhaft Verse hinein zu schreiben. Sie fühlte wie eine Flamme heißer, schöpferischer Energie in ihr empor brandete. Die Jamben flossen nur so aus ihr heraus und das Enjambement strich sich zart wie Honig. Zweifellos befand sie sich in einem unglaublichen Schaffensrausch. Das Gedicht, das sie zu schreiben begonnen hatte, sollte später unter dem Namen Ode an den Waldmenschen in die Literaturgeschichte eingehen.

 

Harri von Schwängel kümmerte dies alles herzlich wenig. Er musste Kinastra längst bemerkt haben, schenkte ihr aber keinerlei Beachtung. Als er endlich fertig getrunken hatte, fläzte er sich in den weichen Schlinggewächse am Ufer und hielt sich seinen wasserschweren Bauch. Kurz schlief er sogar ein. Dies grenzte schon an einer beispiellosen Dreistigkeit, wenn man bedenkt, dass seine Häscher nur ein paar Meter entfernt von ihm lagerten.

 

Da sah Kinastra wie Schwängel plötzlich die Ohren spitzte. Ein elektrifiziertes Zucken ging durch seinen Körper und er blähte die Nüstern. Offenbar hatte er etwas gewittert. Und tatsächlich trat in diesem Moment ein scheckiges Waldschwein aus dem Dickicht und begann mit seinem Rüsselchen scheu nach Essbarem zu wühlen. Einmal schnupperte es kurz misstrauisch, doch es schien die Gefahr, in der es schwebte, nicht zu bemerken. Schwängel hingegen, den sein Leben im Dschungel zu einem geschickten Jäger gemacht hatte, blieb ganz bewegungslos liegen und machte keinen Mucks. So äste das Schwein weiter, nicht wissend dass es sich in höchster Gefahr befand. Begeistert hielt Kinastra die neuen Entwicklungen am Papier fest. Nicht zu glauben, welch unerschöpfliche Quelle der Inspiration ihr das Schicksal beschert hatte.

Das Waldschwein hatte sich Schwängel nun bis auf wenige Meter genähert. Da sprang er plötzlich wie von einer Tarantel gestochen auf und streckte das Tier mit einem Prankenhieb nieder. Ein Biss in den Hals genügte und es war tot. Des Schweinchens schrilles Trompeten, das zunächst noch durch den Hain hallte, erstarb zu einem kläglichen Schnarchen. Mit vor Konzentration blutrotem Kopf näherte sich Kinastra nun dem dramaturgischen Höhepunkt ihres Gedichts. Zweifellos stellte die Ode an den Waldmenschen ihr bislang größtes Werk dar. Und es stand kurz vor seiner Vollendung.

 

In diesem Moment trat Klippo Kleingeld auf die Lichtung. In der Hand hielt er eine doppelläufige Flinte. Nichts Gutes ahnend wollte ihn Kinastra aufhalten, aber da war es schon zu spät. „Stirb, Schwängel!“, schrie Kleingeld und feuerte einen Schuss auf den Waldmenschen ab. Von der Macht des Rückstosses überwältigt, warf es Kleingeld in eine schlammige Pfütze und ein Schwarm Rebhühner stob gackernd über ihn hinweg. Schwängel indessen verfehlte der Schuss nur um Haaresbreite und zerfetzte sein linkes Ohrläppchen. Verdutzt griff er sich an die Wunde. Dann packte er das tote Schwein und floh eilig in den Wald.

Langsam stand Astra Kinastra auf und näherte sich Kleingeld, der noch immer in einer Pfütze lag. Sie war weiß vor Zorn. Das dümmlich brutale Endringen Kleingelds hatte nicht nur Schwängel vertrieben, sondern auch die schöpferische Flamme, die in ihr so unerhofft aufgestiegen war, gewaltsam erstickt und so die Fertigstellung ihres bedeutendsten Werkes verhindert. Kinastra wusste genau, wie kostbar Momente der schöpferischen Erleuchtung waren und wie selten sie dem Dichter zuteil wurden. Manchmal kamen sie nie wieder. Vor Wut zitternd war sie kurz davor wie eine Furie über Kleingeld herzufallen. Dieser schien von all dem nichts zu bemerken und streckte ihr treuherzig die Hand entgehen.

„Ab in den Kot zu deinesgleichen!“, schrie die wütende Poetin und gab ihm einen derben Stoß, der ihn tief in den Morast schlittern ließ. Dann rannte sie schluchzend davon.

 

Vom Kampfeslärm angelockt gesellten sich die restlichen Expeditionsmitglieder an die Furt. Mischanig war nicht glücklich über den Verlauf der Dinge. Er schalt Kinastra, dass sie ihn nicht über das Auftauchen Schwängels benachrichtigt hatte und verfluchte Kleingeld, der Schwängel beinahe ermordet hätte. Er bläute ihnen beiden ein, dass das Ziel der Expedition einzig und allein darin bestand Schwängel zu fangen und zwar in körperlich intaktem Zustand. Sollten sie dies nicht begreifen, müssten sie Expedition augenblicklich verlassen. Dann machten sie sich zur Verfolgung auf. Es gab keine Zeit zu verlieren. Schwängel konnte noch nicht weit sein und das Blut am Boden bildete eine leicht zu verfolgende Spur. Unerbittlich hetzte Mischanig sein Pferd durch den Dschungel, hinter ihm hastete ihm die Gruppe hinterher, die nur mit Mühe mit dem Rasenden Schritt halten konnte. Sie teilten sich auf um Schwängel den Weg abzuschneiden, aber gerade als sie glaubten den Waldmenschen eingekreist und gefasst zu haben, fanden sie nur das tote Schwein, das er zuvor am Fluss erlegt hatte. Von Schwängel selbst aber fehlte jede Spur. Mischanig fluchte Gift und Galle, dass er sich auf derartig plumpe Weise hatte täuschen lassen.

In den nächsten Monaten streiften sie ruhelos durch den Dschungel. Mischanig trieb die Gruppe unbarmherzig an. Er ließ sie jeden Stein umdrehen und in jedem Dickicht stochern. Dennoch blieb der Waldmensch unauffindbar. Im Mai setzte dann die Regenzeit ein und das Klima wurde unerträglich. Zermürbt von der unerträglichen Schwüle und den heißen Schauern, die ununterbrochen vom Himmel peitschten, begannen die Expeditionsteilnehmer zusehends zu ermüden. Weitaus schlimmer war, dass sie immer mehr ihre Motivation verloren. War man anfangs durch die Begegnung an der Furt noch zuversichtlich gewesen den Waldmenschen früher oder später zu fassen, begann man nun an einem erfolgreichen Ausgang der Expedition zu zweifeln.

 

Nur Mischanig blieb fest entschlossen. Er wirkte manisch, verbissen, besessen und wurde seinen Gefährten immer unheimlicher. Das Rätselhafte, das seine Person umgab, steigerte sich noch und erreichte ungeahnte Auswüchse, als sie einen der vielen Wasserläufe erreichten, die den Dschungel durchzogen und durch der durch den ständigen Regen zu einem reißenden Strom angeschwollen war. Beim Versuch den Fluss zu überqueren, stürzte Mischanig in das braune Wasser und wurde mitsamt seinem Pferd im schlammigen Gewühl hinfort gerissen. Alle waren überzeugt, dass dies das Ende des großen Doma Mischanigs war. Man bedauerte seinen Tod, war aber gleichzeitig froh, dass die wahnsinnige Jagd endlich vorüber war. Doch Mischanig belehrte sie eines Besseren, als er schon kurze Zeit später wieder auf seinem Schimmel zwischen den Bäumen hervorgallopierte, unverletzt und vom Vorfall nicht sonderlich beeindruckt. Diese Robustheit ging nicht mehr mit rechten Dingen zu, da war man sich sicher. Mischanig schien über Kräfte zu verfügen, von denen seine Gefährten bislang nichts geahnt hatten und abergläubische Stimmen munkelten gar er sei unsterblich. Am selbigen Tag noch verschwanden Hunapu und Kleingeld auf Nimmerwiedersehen und stahlen einen beträchtlichen Teil der Ausrüstung und der Vorräte.

Durch den Verlust entschieden geschwächt, hielten es die verbliebenen Expeditionsteilnehmer für angebracht eine Krisensitzung abzuhalten. Faber, Essanija und Kinastra waren sich einig, dass die Suche abgebrochen werden musste und wollten Mischanig zur Umkehr überreden. Sie waren am Ende ihrer Kräfte angelangt und wussten, dass es jetzt nur noch um das nackte Überleben ging. Aber Mischanig wollte noch immer nichts davon wissen. Erbost über ihre menschliche Schwäche warf er ihnen Meuterei vor und am Ende trennte sich die Gruppe im Streit. Das Letzte, was sie von ihrem einstigen Anführer sahen, war, wie er auf seinem Schimmel unter lauten Flüchen in den Wald sprengte.

Faber, Essanija und Kinastra kehrten schließlich nach Monaten der Strapazen und Entbehrungen in die Zivilisation zurück. Völlig entkräftet trieben sie eines Tages auf einem selbstgebauten Floss aus dem Dschungel. Sie kehrten gemeinsam nach Europa zurück, gingen aber fortan getrennte Wege. An den Folgen der gescheiterten Expedition laborierten sie noch lange.

 

Mischanig hingegen blieb im Dschungel. Er soll Schwängel sogar gefunden haben, doch darüber ist nur wenig bekannt. Fest steht, dass Mischanig seither als verschollen galt. In den Dörfern am Rande des Dschungels erzählt man sich seither gerne von einem weißlich glühenden Reiter, der manchmal in der Dämmerung am Waldrand auftaucht und dort eine Weile schweigend verharrt. Irgendwann löst er sich dann jäh aus seiner Erstarrung und prescht wild schreiend in das Dickicht. So erzählen es sich die Dorfbewohner heute und erschrecken damit ihre Kinder. Inwieweit diese Schilderungen der Wahrheit entsprechen, lässt sich natürlich nicht ohne weiteres prüfen. Das Verschwinden von Doma Mischanig, dem berühmten Reiseschriftsteller, der mit seinen spektakulären Dokumentationen für Furore gesorgt hatte, gab jedenfalls dem wissenschaftlichen Diskurs in Europa ein weiteres Rätsel auf. Und der lateinamerikanische Kontinent war um eine Sagengestalt reicher.