Das Haupt des Präsidenten
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Am Jahrestag zur Gründung der 3. Republik gab es auf den Straßen traditionell Feierlichkeiten und fröhliche Krawalle. An diesem Tag glaubte man, der revolutionäre Funke des großen Volksaufstands wäre erneut entfacht worden. Dieser Funke, der sich in Windeseile zu einem sengenden Flächenbrand ausgebreitet und die vertrockneten Grundfesten des politischen Systems zu grauer Asche verzehrt hatte, war wieder in den Augen der Menschen sichtbar und schöpfte neuen Zunder aus dem volksfestartigen Charakter, den der Jahrestag der 3. Republik angenommen hatte.
Die Hauptstadt war frei vom blechernen Murren der Autos, denn die Straßen waren von Menschen verstopft: Sie bevölkerten die Plätze und Promenaden, tummelten sich im Gewirr der Gassen und flanierten in dichten Trauben auf den Brücken, die sich unter ihrer Last krümmten und lautlose Flüche ächzten. Und die von Taubenkot verunreinigten, steinernen Präsidenten blickten würdevoll und mit gestrenger Miene auf die vielen Stände und Buden herab, in deren Schatten sich die Menschen mit Fleischspießchen und Zuckerwatte labten.
Im Laufe des Tages sammelten sich die Menschenmassen zunehmend am heiligen Platz des Blutes, wo in Kürze der neue Präsident auserkoren werden sollte. Die Menschen waren zufrieden. Die politische Neuordnung schien geglückt. Eine neue Gesellschaftsform war etabliert worden und es war nur schwer vorstellbar, dass es vor kurzem noch anderes gewesen war. Es war ein großer Tag.
Überall lag das süße Aroma des Bananen-Bieres der Luft, das traditionell für diesen Anlass gebraut wurde. Der Boden war von klebrigen Pfützen übersät und die Menschen schütteten es sich stürmisch in ihre Kehlen. Der Trank war aus einem nicht ersichtlichen Grund zum Symbolgetränk der Revolution avanciert. Wahrscheinlich durch das geschickte Marketing eines einstigen Guerilleros, wie kritische Stimmen ätzten. Die vom Bier betrunkenen Menschen kümmerte das jedenfalls wenig, denn sie zogen lärmend und grunzend durch die Stadt. Manche kotzten auch gerade irgendwo hin. Doch das störte niemanden, denn die Stimmung war ausgezeichnet. Worauf ich (und alle anderen Menschen wohl auch) aber an jenem Tag wirklich gespannt wartete, war die traditionelle Schlachtung des Präsidenten.
Die Schlachtung des Präsidenten war ein Brauchtum, das seinerzeit bei der Neuordnung der politischen Verhältnisse ins Leben gerufen worden war und sich seither großer Beliebtheit erfreute. Es war ein volkstümliches Ritual und ein Akt politischer Reinigung zugleich, denn jedem geschlachteten Präsidenten folgte sogleich ein neuer ins Amt. Es galt als große Ehre im Namen der Republik geschlachtet zu werden und niemand, schon gar nicht der hinscheidende Präsident selbst, stellte die Hinrichtung in Frage. Denn was auf den ersten Blick durch den gewaltsamen Tod des politischen Würdenträgers verschleiert wurde, offenbarte sich auf den zweiten, tieferen Blick in das Wesen der Dinge: Dem Geschlachteten winkte die Unsterblichkeit.
An dieser Stelle ein kleiner Exkurs in die Zeit der Revolution: Jenem schicksalsschwangeren Tag vor vielen Jahren, als der Wille des Volkes eine neue, verbesserte Staatsform gebar, war eine Periode in der Geschichte vorangegangen, die von Chronisten als „Zeit der Lähmung“ bezeichnet wird. Durch jahrelangen parlamentarischen Inzest war die Volksvertretung dekadent und paralysiert geworden. Mal kam die eine Fraktion an die Macht, mal die andere, mal beschloss die eine dies und jenes, mal änderte die andere dies und jenes, bis sie wieder von der nächsten Jammerpartei abgelöst wurde und sich das abgeschmackte Spiel wiederholte. Unterschiede zwischen den Machthabern gab es keine. Es war prosaisch, öde – wie in einem stinkenden Pfuhl, in dem man einen Schritt nach vorne watet, nur um wenig später wieder einen Schritt zurück zu waten, manchmal auch zwei. Schließlich hatten einige wache Geister die parlamentarische Demokratie als minderwertige Regierungsform entlarvt.
Das Volk hatte zu murren begonnen. Träge und dumm, wie es war, hatte es in seiner Fantasielosigkeit den parlamentarischen Inzest lange als ideale Staatsform akzeptiert. Doch wie bei einem Hund, der von seinem Besitzer gepiesackt wird, bis er irgendwann zuschnappt, hatten selbst die Dümmsten irgendwann begriffen, dass es an der Zeit war, die Zügel selbst in die Hand zu nehmen. Die jahrelange Barbarei der schalen Kompromisse und seichten Beschlüsse konnte nicht mehr länger hingenommen werden. Was sich nie jemand zu denken oder zu sagen getraut hatte, erleuchtete das kollektive Bewusstsein: Die Demokratie musste zerstört werden.
Und die Volksvertreter und Vertreterinnen waren sich ihrer Sache immer viel zu sicher gewesen: Wie selbstgefällige Streifenhörnchen hatten sie an den altbackenen Brotkrumen ihres eigenen verrotteten Systems gekaut und sich dick und fett gefressen. In ihrer unsäglichen Arroganz ahnten sie nicht, dass sie bald selbst verschlungen werden sollten. Der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte, gärte bereits bedrohlich. Endlich schwappte die kochende Volksseele über und ein erzürnter Mob stürmte mit Macheten und Dreschflegeln bewaffnet das Parlament.
Die politischen Funktionäre wurden jedoch nicht massakriert, wie sie es sicherlich verdient hätten. Nein - sie wurden in ein menschenwürdigeres Dasein entlassen und lediglich in entfernte Tundren und Steppen verbannt. Das Volk vermied eine Wiederholung der Geschichte, wie etwa eine zweite französische Revolution. Einen kurzen Moment bestand zwar der Gedanke ein fröhliches Terrorregime zu errichten, doch dieser Versuchung hielt man stand. Es folgte die Einführung dessen, was heute als „Völkischer Absolutismus“ bezeichnet wird.
Die Geschichte raste dahin, doch noch schneller raste an jenem Tage die Sonne über das Firmament und tauchte die Hauptstadt in ein warmes oranges Licht. Mittlerweile hatten sich die Menschen am Platz des heiligen Blutes versammelt, um der Schlachtung beizuwohnen. Es mussten Hunderttausende sein. Ein Sprecher betrat die Tribüne und kündigte die Schlachtung an. Dies diente allerdings eher als dramaturgisches Mittel, denn der Information – das Ritual bedurfte keiner weiteren Ankündigung mehr.
Ich war zu diesem Zeitpunkt bereits sehr müde geworden und fläzte mich wonniglich am Boden. Dabei musste ich mir keine Sorgen machen mir meinen Körper zu beschmutzen – denn durch die neue Effizienz der politischen Führung war Umweltverschmutzung kein Thema mehr. Alles war sauber. Im ganzen Staatsgebiet waren Nicht-Emissionsautos, Nicht-Emissionsfabriken und Nicht-Emissionspizzaöfen eingeführt worden. All dies war ruckzuck und über die Nacht passiert. Denn Änderungen mussten radikal sein, damit sie funktionierten.
Endlich kam der Präsident auf die Bühne, um seine letzte Rede zu halten. - ein bacchantisch anmutender Jüngling mit keck geföhntem blondem Haar. Er lachte dröhnend und winkte dem Publikum zu. Sein Haar flatterte im Wind. Die Menge huldigte ihm mit lautem Klatschen und tosendem Beifall.
Den Präsidenten als „Präsidenten“ zu bezeichnen war eigentlich ein gewaltiger Euphemismus, den man wohl aus Nostalgie beibehalten hatte. Viel zutreffender für den zu klassifizierenden Status wären Bezeichnungen wie „Monarch“, „Regent“ oder „absoluter Herrscher“ gewesen. Der Präsident war nämlich der alleinig handelnder Führer, der über die Geschicke des Landes lenkte. Seine unantastbare Omnipotenz bezog er aus der beispiellosen Hurtigkeit mit der staatliche Entscheidungsprozesse nun von statten gingen.
Das neue politische System fußte auf zwei Axiomen: Zum einen war Geld als Wurzel vielfachen Übels entlarvt und abgeschafft worden. Dadurch wurden nicht nur politische, wirtschaftliche, kulturelle und gesellschaftliche Prozesse entschlackt, sondern auch dem Präsidenten die Möglichkeit egoistischer Selbstbereicherung entzogen. Zum zweiten war die staatliche Exekutive abgeschafft worden, sodass der Präsident auch dieser Möglichkeit Macht zu schöpfen, beraubt war. Sein einziger Daseinszweck beschränkte sich darauf sich selbst zu verwirklichen, indem er das Wohl des Landes zu seiner höchsten Pflicht erhob. Und um die Balance zwischen Volk und Absolutismus zu wahren, wurde der Präsident jedes Jahr ausgewechselt. Die Kürung des neuen Regenten erfolgte traditionell per Losverfahren, um Vetternwirtschaft und Beziehungstrallalas damit unmöglich zu machen. Und nicht zuletzt, weil das Volk, wie die Geschichte gezeigt hatte, eindeutig zu dumm war, den Fähigsten zu bestimmen. Damit war die Wahl fair und ging schnell über die Bühne. Dem hinscheidenden Präsidenten folgte stante pede ein neuer ins Amt. Dies war der völkische Absolutismus.
Während der Präsident auf der Bühne seine letzten Worte sprach, war ich schon halb eingenickt. Seine Stimme hatte etwas Einlullendes an sich und umfing mich wie eine warme Daunendecke. Ich konnte jedoch getrost schlafen, denn ich wusste ohnehin genau, was passieren würde: Wenn der Präsident zu Ende gesprochen hatte, würde er von den Schlachthostessen zum Schlachtautomaten begleitet werden. Meistens empfing er dabei noch stehende Ovationen. Beim Schlachtautomaten angekommen würde er von einem großen Beil fachgerecht enthauptet werden. Das Blut wurde gewöhnlich in einem gusseisernen Bottich gesammelt.
Der Automat würde dann das abgetrennte Haupt mit metallischen Greifzangen packen und in die Höhe hieven. Er würde es in einer steilen Schräglage positionieren. Dabei quietschten die Scharniere und Zahnräder des Automaten für gewöhnlich ein wenig, denn die Maschine war schon recht alt – aber sie erfüllte immer noch vorzüglich ihren Zweck. In weiterer Folge würde dann ein eingebautes Katapult den Schädel weit in die Menschenmenge schleudern. Der Schädel würde irgendwo zu Boden fallen und ein frisches Individuum zum neuen Präsidenten küren. Gut ausgebildete Präparatoren würden währenddessen Torso und Extremitäten des Präsidenten einsammeln, um sie zu konservieren und im Anschluss in einem gläsernen Schaukasten im Präsidentenpalast auszustellen. So funktionierte die Präsidentenschlachtung.
Das Amt des Präsidenten war sehr begehrt, sodass die Menschen meist kreischend nach dem Präsidentenhaupt grapschten und dieses noch eine Weile über ein Meer aus gierigen Händen hüpfte, bis es schließlich bei dem glücklichen Auserwählten zum Erliegen kam. Dieser würde noch eine Weile mit dem Haupt herumtanzen und sich feiern lassen, um dann auf den Händen der Menschen nach vorne auf die Bühne getragen zu werden, wo er sich nahtlos in seine Position des neuen Präsidenten einfügte. Lange Regierungsverhandlungen gehörten, wie gesagt, der Vergangenheit an.
Jedoch waren dies nur verschwommene Traumgespinste, die mir durch den Kopf spukten und einem müden Geist entsprangen, zu weit war ich bereits abgedriftet in die Nebel des Schlafes, als dass ich noch hätte verfolgen können, was auf der Bühne wirklich vor sich ging. Aus großer Ferne nahm ich das Getöse der Menschen war. Plötzlich schreckte ich jäh auf - ein matschiges Etwas war wuchtig auf mir gelandet. Noch während ich mir meine schlafverklebten Augen rieb, ahnte ich bereits, was passiert war: Neben mir lag das blutige Monarchenhaupt. Ich war der neue Präsident der dritten Republik.