Das Genie
astraProlog:
Tierkreis
Oder
Der Funke im Ocker
Naïmi tauchte ihre Hände in die warme Asche des Kochfeuers. Die Nachtvögel schwiegen. Grellweiß zuckte der Zorn der Himmelsgeister über das schlafende Tal. Ihr Gebrüll hallte im Höhlenbauch wider. Wimmernd verkrochen sich die Sprösslinge der Sippe tiefer in ihren Fellsäcken. Die Alten kauten Birkenpech und summten im Takt der Trommeln. So hofften sie die Dämonen am Weltendach und in ihren Zahnhälsen gleichermaßen zu besänftigen.
Naïmi hatte keine Angst. Ihr hölzerner Jagdspeer steckte neben ihr im Kiesboden. Ein Rest Hirschblut klebte noch daran. Sollten die Unsterblichen nur toben. Sie und ihre Gefährten hatten genügend Frischfleisch für mehrere Tage erbeutet.
Als der kühle Atem des Regens in die Höhle drang, stand Naïmi auf. In den Händen spürte sie ein ameisenhaftes Kribbeln. Bunte Schattenbilder tanzten vor ihrem inneren Auge im Kreis. In ihrer Magengrube rotierte ein Feuerball. Mit einem Mal war sie hellwach.
Sie griff sich eine Fackel und ihren Lederbeutel und ging ins Höhleninnere. Aus ihrem Beutel nahm sie eine Handvoll Ockerpulver und mischte in einer Wasserlache die Farbpaste zurecht. Mit wenigen Strichen warf sie die Kontur eines mächtigen Geweihträgers an die glatte Felswand. Rundherum noch einige kleinere Tiere, flankiert von zwei Auerochsen.
Zufrieden musterte sie ihr Werk. Dann kehrte sie zu den anderen zurück, die schlaflos um das Feuer saßen und dem Lied der Wassertropfen lauschten. Naïmi setzte sich zu ihnen, nahm die Trommel und begann zu erzählen.
Schaltkreise
Oder
Die Tücken der Genialität
Fragen Sie mich nicht, wie sich ein schöpferischer Funke fortpflanzt. Ich weiß nur, dass meine Art schon lange existierte, bevor irgendwelche dahergelaufenen Primaten beschlossen, sich auf ihre Hinterbeine zu erheben und ein Bewusstsein zu kultivieren.
Es ist bitter, ein verkanntes Genie zu sein. Nicht, dass es mich nach Ruhm dürsten würde. Den Ruhm können sie sich ruhig behalten, die schaffensberauschten Hominiden, die Weltbeweger. Sollen sie sich ihren Ruhm doch aufs Brot schmieren, in den Tee schütten oder wahlweise ihre Affenhintern damit auswischen.
Worum es meinesgleichen geht, ist Gerechtigkeit. Es muss nicht unbedingt ein Stammplatz im Pantheon der Schreiberlinge sein oder ein Eintrag im Literatur-Brockhaus. Doch zumindest eine Erwähnung, ein Minimum an Anerkennung ohne mystische Verbrämung.
Musenkuss. Eros. Stimme Gottes. Von wegen! Ich verlange nicht mehr und nicht weniger als das Zugeständnis der Zweibeiner, dass ihre kreative Energie aus einer ganz besonderen Quelle stammt, die womöglich außerhalb ihres beschränkten Perzeptionshorizonts liegt.
Ja, ich und meine Leidensgenossen geben sie ihnen ein, die Eingebung. Na gut, natürlich bringen sie das eine oder andere Talent auch selbst mit. In ihrem mikroskopisch kleinen Geist findet sich so manche brauchbare Idee. Bunte Bilder bisweilen, ein hübsches Sammelsurium an surrealen Traumgeburten, ein blühender Garten bestechender Phantasien. Dies ist das Material, mit dem wir arbeiten.
Haben wir ein Individuum mit ausreichendem Potential erst einmal identifiziert, dann geht es ruck zuck. Schnell ein beliebiges Schreibgerät mit unserem göttlichen Odem behaucht, und schon können die ungeschliffenen Gedankengänge mittels beseeltem Medium directamente und in literarisch vollendeter Form aufs Papier gebracht werden. Oder wahlweise in einer Word-Datei abgelegt werden.
Die Geschmäcker sind da ganz verschieden. Nehmen wir zum Beispiel meinen Urgroßvater. Er ließ sich in der Füllfeder eines ziemlich lungenkranken Prager Versicherungsbeamten namens František nieder, um dessen bemerkenswerten Reichtum an grotesken Bilderwelten zu kanalisieren. Das Ergebnis kann sich durchaus sehen lassen.
Ich hingegen habe mich vollkommen der jungen Avantgarde verschrieben. Eine Zeitlang lebte ich in der mechanischen Schreibmaschine eines andauernd hustenden Zeitungsreporters mit Namen Thomas. Die Kooperation war durchaus erquickend, doch mit der Zeit wurde es mir dann zu anstrengend, ständig den wohlmeinenden Dompteur für bissige Satzgefüge zu spielen.
Schließlich machte ich das viel versprechende literarische Kollektiv um Klippo Kraftwerk ausfindig und nistete mich zum Zweck der inspirativen Infiltration meines Lieblingsmitglieds in einem schnieken rotschwarz gelackten Laptop ein. Fürwahr, mir war sofort klar, was sie für ein eitles Stück war. Würde der Funke auf sie überspringen? Würde sie sich von mir leiten lassen?
Während ich im Showroom des Elektromarktes vor mich hin dämmerte, streckte ich meine elektromagnetischen Fühler schon in ihre Richtung aus. Da war sie, die Traumverlorene, wanderte ein wenig orientierungslos zwischen den verschiedenen Geräten hin und her, verglich die Preise, die technischen Spezifikationen.
Da spürte sie mich in meinem Gehäuse. Und trat näher. Und zögerte. Und ging weiter. Ich glaubte schon, mich in ihr getäuscht zu haben. Doch sie kam zurück. Zielsicher und bereits auf bestem Wege zum fremd gesteuerten schriftstellerischen Erfolg. Astra, die Vielschreiberin, hatte mich gefunden.
In ein weitaus kataklystischeres Milieu gelangte meine Schwester, ein besonders gewitztes Fünkchen, das immer mit von der Partie sein wollte, wenn ich mal schnell in die unendliche Weite hinauszog. Sie erwählte nach reiflicher Überlegung den zackigen Militärkugelschreiber einer postfeministischen Weltenbummlerin zu ihrer neuen Heimstatt.
Oh, wie herrlich perlten von nun an gepfefferte Politphrasen überzuckert mit einem prickelnden Hauch Erotik auf das lose geschlichtete lavendelfarbene Recyclingpapier, das Giulia stets bei sich trug.
Harro hingegen war eine Zeitlang ziemlich bockig. Nachdem meine Cousine dritten Grades ihm via 1984er Apple Macintosh die unvergleichlich originelle Kunst des Method Writing eingeflüstert hatte, war diesem Schwängel nichts Besseres eingefallen, als auf den Kapverdischen Inseln der literarischen Abstinenz zu huldigen.
Doch meine herzige Base ließ nicht locker: Mit dem knisternden Sex-Appeal eines Mac Book Air gelang es ihr schlussendlich, den schreibblockierten Harro wieder in die heile Welt des frohen Schaffens zurückzuholen. Mögen sie gemeinsam lange glücklich sein!
Tina, die nachtaktive Wüstenblume, war lange nicht zu kriegen. Für mein Bruderherz, ein allerliebst glitzerndes Wölkchen Sternenstaub, gestaltete sich die Usurpation dann aber doch recht einfach. Auf einem spätsommerlichen Mezcal-Trip im Monument Valley fuhr er mit Karacho in Tinas linken Lackcowboystiefel und konnte sie damit nachhaltig am Kometenschweif ihres Unbewussten packen.
Fortan streute sie grazil auf allen ihren Wegen ein oder zwei Körnchen göttlicher Inspiration auf den Asphalt, und schon wuchsen in ihren toxischen Fußspuren zart duftende Hibiskusbüsche mit schlangenledernen Gedichtbändchen in den Großstadthimmel.
O Klippo, Hüter des Kollektivs. In einer schockgefrorenen niedersächsischen E-Gitarrenseite hielt sich deine eisige Muse in Form meiner jüngsten Schwester verborgen. Die Spärenmusik ihrer diamantenen Seele verwob sich mit deinem unterkühlten Intellekt zu einem kristallinen Wort- und Klangteppich, dessen raureifbedecktes Stakkato du sogleich auf den 27 Soundkarten in deinem Serverkühlschrank für die Nachwelt konserviertest. In stereo.
Dann war da noch dieser unerwartet einsichtige Außerirdische. Angesichts der einzigartigen Möglichkeiten kosmischer Synergie, die sich in einer Kooperation zwischen organischen und anorganischen Intelligenzen auftun, überließ Doma widerstandslos eines seiner fünf Gehirne meiner älteren Schwester und segelte fortan auf einem güldenen Meteoritenschauer dem Zenit seines Schaffens entgegen.
Mit der Besetzung einer blutroten Hahnenfeder samt dazu passender Tintenflasche war unser Werk vollendet. Buccan verfiel ihrem geschmeidigen Kiel sofort, als er in einem staubverschleierten Souk in Samarkand vom safranfarbenen Strahl ihres Lächelns gestreift wurde. Wie konnte er auch ahnen, dass es der jüngste Spross unseres genialischen Clans kosmischer Geistesblitze war, der da gleißendscharfe Eckzähne in das jungfräuliche Fleisch seiner reinen Schriftstellerseele schlug.
Sie sehen schon, wem der Ruhm gebührt. Eines Tages wird die Welt auf uns aufmerksam werden.