Weltuntergang light

astra

In dreißig Minuten würde alles, was war, nicht mehr sein.

Wassilissa pflanzte Sumpfkastanien in ihrem Wohnzimmerteich. Munter schwammen die Setzlinge im Äther. Türkise Finger fischten flink nach ihnen und setzten sie in das stromlinienförmige Aquarium. Olga, die Robbe mit den Triefaugen, schüttelte sich das Badewasser aus dem Fell. Ein Regen aus Silberperlen prasselte auf Kleidung und Wellenfrisur ihrer Ziehmutter. Doch die war ganz in die anspruchsvolle Gartenarbeit versunken.

Zur gleichen Zeit braute sich andernorts die Apokalypse zusammen. Die Oberflächenspannung des Universums sank. Das Vakuum füllte sich mit Flüssiggas. Sterne blätterten vom Himmelszelt ab und verglühten im freien Fall.

Unterdessen wurde in den Vereinigten Staaten von Shui ein Riesenkalmar zum Kanzler gewählt. Seebären, Fliegenfischer und Tiefseetaucher waren von den dunkelbunten Kaskaden seiner Redekunst wie von selbst zu den Urnen gespült worden, um ihm dort mit wässriger Tinte bereitwillig ihre Stimmen zu schenken. Sein Wahlversprechen, den Rest des Planeten zu fluten, hatte in diesen Kreisen für erhebliche Begeisterung gesorgt.

Olga hatte ihn nicht gewählt. Doch ihr Adoptivonkel Mizu war ein überzeugter Anhänger des Tentakelträgers und schwenkte bei jeder Wahlkampfveranstaltung grellblaue Fähnchen. Niemand war so sehr auf die Gunst eines mächtigen Meerestiers angewiesen wie Professor Mizu, der jedes Jahr Milliarden an Forschungsgeldern für seine Projekte zur Tiefseemetallurgie benötigte. Sein jüngstes Experiment zur Waschkraft von Protonenstrahlen beim Aufprall auf goldhaltiges Gestein im Marianengraben war gerade gestartet worden und konnte ohne den Rückhalt der Entscheidungsträger nicht fortgesetzt werden.

Während die Elementarteilchen den Abgrund durchpflügten, nahm der Kosmos die Form eines Flaschenkürbisses an. Unaufhaltsam ging es nach unten, wie ein Stein, der in einem bodenlosen See versinkt.

Nemo, der Ozeanminister, lud sich einen Livebericht vom Marianengraben in seine Kontaktlinsen. Offensichtlich gingen die Arbeiten gut voran. Man hatte bereits 2 Tonnen Goldstaub gewonnen, und die Kollateralschäden an den Pottwalen hielten sich in Grenzen.

Doch was war das? An der Mündung der Unterwasserkanone kräuselte sich das Raumgefüge um ein schwarzes Pünktchen. Ein Arbeiter näherte sich der Stelle und wurde von einem unsichtbaren Strohhalm aufgesogen. Alarmstufe rot. Die Kanone ließ sich nicht mehr abstellen.

Inzwischen war Wassilissa mit dem Kastanienpflanzen fertig geworden und setzte sich kurz auf die Terrasse. Nachdenklich betrachtete sie die korallenrote Sonne. Was war das für ein schwarzes Pünktchen? Loreley, ihre Nachbarin, plantschte im Pool und redete dabei wie ein Wasserfall. Sie telefonierte wohl schon wieder mit ihrem Freund Harro in Yucatan.

Mit einem Schmatzen schloss sich der Marianengraben und verschluckte alles darin wie die Muschel das Sandkorn. Nur nicht das Wasser. 3,4 Milliarden Kubikmeter des salzigen Elementarelements wurden nach oben gedrückt und brandeten an die Küste von Papua-Neuguinea, wodurch innerhalb von 5 Minuten 7 Küstenstädte und dreiunddreißigeinhalb Fischerdörfer fortgespült wurden.

Wassilissa bemerkte, dass es immer dunkler wurde. Das Pünktchen in der Sonne hatte sich nunmehr zu einem handtellergroßen Fleck ausgewachsen. Im Feuermeer des Zentralgestirns zerfloss es wie ein Tintenfleck auf dem Löschblatt. Sie fröstelte.

Der Riesenkalmar lag in seinem Becken im Oval Office und lächelte. Seine zähflüssige Unterredung mit dem Professor hatte gefruchtet. Endlich hatte dieser lungenatmende Trockenfisch eingesehen, dass es keinen Erfolg ohne Wagnis gab.

Blubb, das Weltraumteleskop, kraulte gleichmütig durch den Orbit. In der dazu gehörigen Raumstation ging es weniger beschaulich zu. Käptn Baikal saß im Neoprenanzug im Konferenzraum, die schwimmhäutigen Füße zum Trocknen auf die Tischplatte gelegt. „Holo-Tauchen ist jetzt erst mal gestrichen“, polterte er, „wie könnt ihr Shrimpschwänze denn nur ein schwarzes Loch in der Korona übersehen?!“

Wassilissa legte sich aufs Wasserbett. Irgendetwas stimmte nicht. Sie schloss die Augen. Ein Seeigel hatte sich in ihrer rechten Schläfe festgebissen. In ihren Ohren hörte sie das Blut rauschen. „Vielleicht soll ich meine Migränetropfen nehmen?“ dachte sie. Dies war ihr letzter Gedanke. Es war der letzte Gedanke eines lebenden Wesens überhaupt.

Mit einigem Getöse platzte das Universum. Galaxien schmolzen, Planeten zerrannen, Asteroiden ertranken im Nichts. Was blieb, war eine transparente, flache, nasse Hülle.

Der Wassertropfen, der vom Ahornbaum heruntergefallen war, benetzte die Erde an dessen Wurzeln mit einem weiteren toten Weltall. Ein Keimling hatte sich dort durch den Humus nach oben gedrängt. Gierig sog er das Tröpfchen ein und wuchs um einen Viertel Millimeter ins Licht.