Erinnerung

giulia

Da unten ist ein Keller,

ein Keller, in den ich nie wieder hinabsteigen werde.

Da unten ist ein UNOrt.

Dunkel und modrig.

Irgendwann hab ich diesen Ort ausgeknipst,

abgesperrt,

durchtrennt,

mit Stacheldraht umzäunt.

Verbannt aus meiner Körperlandkarte.

Da unten ist Sperrzone.

Kein Zutritt für Emotionen.

Kein Platz für Lebendiges.

Hingabe, Lust, Zärtlichkeit?

Zum Teufel damit!

Irgendwann hab ich alles Helle ausgelöscht.

Tabula rasa!

Schwärze der Nacht!

Da unten erklingt  ein stummer Gesang.

Ein Gesang aus ferner Zeit.

Ein Gesang.

Mutig.

Klang.

Ein Klang, der Wohlklang war.

Frei,

unbeschwert,

ungezähmt.

Da unten sang es einen wilden Tanz.

Da unten sang es .

Da unten.

Einst.

Einst da unten.

Der schwarzgoldne Flügel der Melancholie

giulia

 

Mich streifte der schwarzgoldne Flügel der Melancholie.

Ganz sanft.

Ganz zart.

 

Und die alten Dämonen erschienen in all ihren Farben vor mir.

Ganz mächtig.

Übergroß.

Sie wollten ihr Winternest weben;

In meinem Schoß.

 

Hinweg ihr Gespinster aus fernen Nächten!

Hinweg und Adieu!

Hinweg ihr Gespenster finstrer Mächte!

Au diable! MON DIEU!

 

Mich streifte der schwarzgoldne Flügel der Melancholie.

Ganz sanft.

Ganz zart.

Ganz leis.

 

Und die alten Dämonen entschwanden,

Lautlos.

Wohin? Wer weiß?

 

Mich streifte ein goldener Flügel

Einem Engel gleich.

Und flüsterte: Vergiss das Üble,

Dein ist das Himmelreich!

Das Glück liegt nah am Nichts

giulia

Der Sommer in San Francisco war ein grün angestrichener Winter.
 
Der Sommer in Marrakesch glich einer nie enden wollenden Siesta - bar jeglicher Vergnügungen-
da die Hitze nicht nur seinen Verstand zum Erliegen brachte.
Zum völligen Erliegen.
 
Samarkand schien endlos weit und Timbuktu irgendwie unwirklich.
 
Er hatte die Romantik all dieser Städte satt.
Gründlichst satt.
 
Er hatte sich alle Gesichter eingeprägt,
alle Gerüche der Gassen,
er hatte in sämtlichen Bars getanzt,
alle Mädchen geliebt
und sämtlichen Sonnenuntergängen zugeprostet.
 
Nun war nur noch ein Wunsch in ihm:
 
Unterwegs in Richtung Nichts zu sein.
 
Fernab aller Städte.
Fernab aller Menschen.
Weit weg zu sein.
So weit als möglich.
Allein zu sein.
Nichts zu hören -außer die eigenen Schritte.
Nichts zun fühlen - außer den eigenen Atem .
Und nichts zu planen-
außer das vollkommene Glück.
 
 
Wo das wohl war?
Im Süden?Im Osten?Norden oder Westen?
 
Im Norden, beschloss er.
 
Norden wie Norway
und Norway wie “NO WAY”.
Das klang daoch verheißungsvoll!
 
 
 
________________________________________________________________________________________________________
 
 
 
Anfang 40 schien das perfekte Alter für diese Reise zu sein.
Er konnte endlich Dinge tun, die er sich nie getraut hatte,
durfte kindisch sein und erwachsen zugleich,
konnte J. Cash hören und Vivaldi.
Mal edel, mal wild.
 
Er durfte draußen sein bei Wind und Wetter,
er durfte in die Sonne blinzeln und laut gähnen.
 
Er brauchte sich nicht mehr zu waschen.
Er sah zu, wie sich der Dreck in die feinen Augenfältchen setzte und das Gesicht so von Tag zu Tag schöner machte.
 
All diese Freiheiten konnte man sich nehmen im Niemandsland Norden.
 
Er wollte wissen und spüren ob es wahr sei, dass das Glück seh nah am Nichts liegt…
 
 
 
 
________________________________

Eiskalter Abschied

giulia

Mit tausenden  salzigen Tränen hatte sie ihre zerbrochenen Ehe, ihre Hoffnungen und Illusionen unter den Schneemassen begraben.
So wie der Schnee sollte auch ihr Leben zerrinnen.
Freudlos, schmerzlos, elegant.
Zwar war der Tag ihrer Scheidung der 21. März -der Beginn des -Frühlings-
sie aber erteilte allem hoffnungsfrohen naiven Frühlingssprießen und Frühlingsregungen eine klare Absage.
 
Adieu Liebe!
Adieu Vertrauen!
Adieu Lust und Leidenschaft!
 
Kurz und gut:
Adieu Lebenslust!
 
Auf die Liebe hatte sie gerne mit einem Glas Wein angestoßen.
A tes amours!
A ta folie!
 
Ach ja, die Verrücktheit.
Die galt es auch zu vernichten!
 
Gott schütze mich vor der Verliebtheit!
Gott schütze mich vor den Irrungen und Wirrungen der Liebe!
So lauteten die Fürbitten , die  sie stündlich Richtung Himmel betete.
 
Bewahre mich vor der Versuchung, raunte sie der Mutter Gottes fast zärtlich ins Ohr.
 
Sich absolut und umfassend gegen die Liebe zu wehren, erschien ihr die ideale Strategie.
 
Alle schönen Erinnerungen schmerzten und der Schmerz glich einem Minenfeld.
 
Ein Blick auf ein Foto und ihr Körper verwandelte sich in Dynamit, brannte, schmerzte, explodierte.
 
Erinnerungen galt es auszumerzen- was immer das bedeutete.
 
Sie verbannte alle Fotoschachteln aus ihrer Wohnung, warf das Geschirr an die Wand und ließ alle Wände übertünchen.
 
Mit freudlosem Weiß.
 
Als könnte sie die mediterrane Leuchtkraft und Wärme ihrer alten Wände auf diese Art ersticken.
 
Weiß sollte alles sein.
 
Weiß und rein.
Weiß und fad.
Weiß wie der Schnee,
der eine weiche Decke des Vergessens über ihre Seele breiten möge.
 
Langsam schien sie eine imaginäre Wand um sich aufzubauen.
 
Unsichtbar für die anderen, aber eiskalt.
 
Und liebesfeindlich.
 
Sie spürte ihren Atem kühler werden….

mein liebster weilt in istanbul

giulia

mein liebster weilt in istanbul
 
mein liebster weilt und weilt…
 
derweil ich
 
wein
 
nach istanbul
 
viel tränen voller leid…
 
 
ach istanbul
 
ach buhlschaft mein…
 
ach all der liebe leid
 
 
mein liebster weilt in istanbul
 
mein liebster weilt und weilt
 
derweil
 
wein ich nach istanbul
 
die tränen voller leid
 
 
ach wein
 
ach leid
 
ach leidenschaft
 
ach istanbul
 
mei freid
 
 
 
mein liebster weilt in istanbul
 
mein liebster weilt und weilt….