„Lassen Sie mich durch, ich bin Arzt!“

doma

„Lassen Sie mich durch, ich bin Arzt!“
Mit medizinalem Habitus und forschen Bewegungen bahnte sich der junge Herr seinen Weg durch die Menge der Wartenden, die vor dem Kassahäuschen bereits eine lange Schlange bildeten. Der Circus Zanzani hatte seine zerzausten Zelte am Festplatz von Schnarzlreuth aufgeschlagen – und kein Bewohner des kleinen Bergdorfes wollte dieses gesellschaftliche Jahresereignis versäumen.

„Das klappt ja wieder wie am Schnürchen“, dachte der junge Herr zufrieden, während er mittels der eindringlich wiederholten Bitte, ihn doch durchzulassen, er sei schließlich Arzt, erfolgreich eine Bresche in die Schar der Wartenden schlug. Aber er hatte auch gar nichts anderes erwartet – die Arztnummer hatte bisher noch in jedem gottverlassenen wie gottesfürchtigen Nest funktioniert. Warum sollte sie also ausgerechnet hier in Schnarzlreuth nicht an- und einschlagen, bei dieser allem Anschein nach besonders provinziellen Mischung aus Tölpeln und Lumpen, Trampeln und Dirnen, Fleischhauern und Tagelöhnern, verhutzelten Greisen unbestimmbaren Geschlechts und Bauernbälgern pausbäckig-feisten Geblüts?

„Lassen Sie mich durch, ich bin Arzt!“, forderte der junge Herr ein weiteres Mal, so laut wie möglich und im sonorsten Dr. med.-Bariton, der ihm zu Gebote stand. Zugleich schob er sich selbstbewusst an den letzten Wartenden vorbei bis vors Kassahäuschen. Wie erhofft, hatten sein souveränes Auftreten und seine ärztliche Ausstrahlung beim versammelten Bauernvolk den tiefsten Eindruck hinterlassen. So tief, dass es niemanden zu stören schien, dass der junge Herr nun nichts weiter tat, als ein Billett zu lösen.

Nicht dass er an der Circusvorführung auch nur im Geringsten interessiert gewesen wäre. Trotz seiner jungen Jahre hatte er schon alles gesehen und gehört und gelesen, war ebenso welterfahren wie blasiert, ebenso urban wie gelangweilt, ebenso zynisch wie abgestumpft. Selbst ein viel berühmterer Circus als dieser (und jeder Circus war berühmter als dieser) hätte seinen Pulsschlag nicht im Mindesten erhöht.

Nein, dass er sich nie in einer Warteschlange einreihen musste, war nur ein angenehmer Nebeneffekt seines allabendlichen Ärztedaseins. In Wirklichkeit war es ihm um etwas ganz anderes zu tun: Die zurückgezogenen – und, wie er hoffte, auch adäquat zurückgebliebenen – Ureinwohner sollten ihm als Kontrastmittel dienen, um seine intellektuelle Überlegenheit umso heller strahlen zu lassen. Von diesen einfachen Gemütern erhoffte er sich das, was er am dringendsten benötigte: ein wenig Selbstbestätigung. Eigentlich ging es ihm aber um schnellen, verantwortungslosen Sex.

Und in diesem gnadenlosen Spiel der Hormone und Körpersäfte hatte er heute Abend gute Karten.
Er konnte sie beinahe körperlich spüren, diese heimlichen Blicke voll Bewunderung und Begierde, die die drallen Dorfschnepfen in diesem Moment bereits über seinen athletischen, dennoch über jeden Fitnesscenter-Verdacht erhabenen Chirurgen-Körper und sein kühn geschnittenes, zugleich verständnisvolles Anästhesisten-Antlitz gleiten ließen. Es würde ihm keine größeren Schwierigkeiten bereiten, eine (wer weiß, vielleicht auch zwei?) dieser schwerfälligen, aber gerade in ihrer rohen Plumpheit so ausgesprochen reizvollen Landpomeranzen aufzureißen, abzuschleppen und in irgendeinem Heuschober oder landhausmöblierten Schlafgemach nach allen Regeln der Liebeskunst flachzulegen. Deswegen war er schließlich hier.

Mit seinem feinen Sensorium – und vor allem mit einiger Befriedigung – nahm er die zarten Signale der weiblichen Landjugend auf, die von allen Seiten auf ihn einzuströmen begannen. Nun war es an der Zeit, den Testballon steigen zu lassen – einen halb kecken, halb schüchternen, in Summe also ganz und gar unwiderstehlichen Jungärzteblick, den er großzügig im ganzen Raum verteilte. So wenig er von Medizin verstand, so viel wusste er über die weibliche Psyche provinziellen Zuschnitts. „Arzt“ hieß das Zauberwort, der Schlüssel zu ländlichen Herzen und Keuschheitsgürteln. Die versammelten Jungbäuerinnen mochten noch so katholisch sein – wenn ein Gott in Weiß auftauchte, konnte Jesus einpacken.

Sein patentierter Augenausdruck, irgendwo zwischen Emergceny Room und Schlafzimmerblick, verfehlte seine (ebenfalls patentierte) Wirkung bei der Damenwelt nicht: Egal, ob die Angesehenen und dadurch Angesprochenen nun kicherten wie Schulmädchen oder lächelten wie die Mona Lisa von Schnarzlreuth, ob sie verlegen die Köpfe senkten oder sich gegenseitig in die Seite stießen, ob sie ihm lässig zuzwinkerten oder seinem Blick tapfer standhielten – die Botschaft, die sie ihm zusandten, war in allen Fällen dieselbe: Sie hatten angebissen.

Zufrieden taxierte der junge Herr die Fischlein, die da in traditioneller Tracht und Pracht an seinem Angelhaken baumelten: Leicht übergewichtig und ebenso leicht unterbelichtet – so waren sie ihm am liebsten.

Höchstwahrscheinlich, dachte er, während er Gesichter und Körpermaße gegeneinander abwog, hielten ihn die Schnarzlreuther Mädchen für den zukünftigen Dorfarzt: Wie seine stets sorgfältigen Recherchen im Vorfeld ergeben hatten, hatte sich der alte Hausarzt, ein gewisser Sigismund Ersatzreifen, im vergangenen Sommer eine Kugel durch den Kopf gejagt. Vermutlich hatte ihn der sprichwörtliche Schnarzlreuther Lichtmangel in Depression und Wahnsinn getrieben, die Sonne versank hier schon am frühen Nachmittag hinter den mächtigen Bergen. Jedenfalls hatte man bis jetzt keinen Nachfolger für seine Praxis gefunden.

Nun, sollten sie in ihm ruhig einen Abend lang ihren Traumdoktor sehen. Morgen früh würde er ohnehin aus diesem jämmerlichen Nest flüchten – und am Abend bereits das nächste ausnehmen. Das Angebot an schwerfälligen, aber leichtgläubigen Dorfbewohnerinnen war groß – ebenso wie seine Nachfrage.
Vielleicht würde es der Auserwählten das Herz brechen, am Morgen danach ganz alleine zu erwachen, ja, er hielt dies sogar für sehr wahrscheinlich, doch das war das Problem der Mädchen und nicht seines. Er hatte stets ausreichende Mengen an echten Schlafmitteln und falschen Telefonnummern in der Tasche, um einen gesicherten Rückzug seinerseits zu gewährleisten.

Angesichts dieser rosigen Aussichten – und der nicht minder rosigen Bäckchen und Lippen, die ihm aus allen Richtungen entgegenschimmerten – war dem jungen Herrn äußerst leicht ums steinerne Herz, als er den Zuschauerraum betrat. Sexueller Stratege, der er war, wartete er, bis sich die Ränge ein wenig gefüllt hatten und reihte sich dann genau zwischen zwei konkurrierenden Blöcken üppiger Dirndlträgerinnen ein. Das Licht ging aus, die Vorstellung konnte beginnen – nur den lästigen Circusabend musste er noch hinter sich bringen.

Der junge Herr war einigermaßen erleichtert, dass sich das Gros der potentiell paarungsbereiten Weibchen – und mit ihnen auch er selbst – in den hinteren Rängen der Tribüne angesiedelt hatte. Gegenüber den vorderen Reihen war hier das Risiko geringer, vom unvermeidlichen Zauberer oder vergleichbaren circensischen Plagegeistern auf die Bühne gebeten und dort vor aller Augen erniedrigt zu werden – was dem ärztlichen Charme und Glanz des jungen Herrn sicher einigermaßen abträglich gewesen wäre.

Die Vorführung geriet so erbärmlich, wie es einem Circus entsprach, der so tief gesunken war, dass er nun ganz hinauf musste – nämlich hinauf bis in die entlegensten Bergdörfer. Schnarzlreuth mit seinen 1.700 Metern über dem Meeresspiegel markierte den geographischen Höhepunkt und zugleich den kulturellen Tiefpunkt dieser traurigen Tournee.

Unter den schaurig-schiefen Fanfarenklängen eines abgehalfterten, aber auch abgefüllten Blechbläserquintetts, das man vermutlich aus Restbeständen der Heilsarmee zusammengeflickt hatte, betrat Circusdirektor Zanzani die überschaubare Manege. Zanzani entpuppte sich als zwielichtiger Schmierlappen, an dem wohl nur das Toupet echt war – nicht aber der Dalíesk gezwirbelte, pomadetriefende Schnurrbart, nicht die viel zu großen Zähne, über deren strahlendes Weiß sich jeder White-Power-Aktivist schwarz geärgert hätte, und am allerwenigsten der italienische Akzent.
Im leiernden Singsang eines ausrangierten Jahrmarktsbudenbesitzers führte Direktor Zanzani durch den Abend, um, wie er es formulierte, eine „grandissima sensazione“ nach der anderen zu präsentieren.

Den armseligen Auftakt machte eine Tierrevue, deren zweibeinige und vierbeinige Protagonisten allesamt schon bessere Tage gesehen hatten – aber bestimmt keine schlechteren: Da war ein rachitischer Seehund, der einen kleinen roten Ball auf seiner zittrigen Schnauze balancierte (vermutlich war Klebstoff im Spiel); da war ein angejahrter Ackergaul, auf dessen Rücken eine ebenso abgelebte Artistin verzweifelte Voltigierversuche vollführte (den jungen Herrn erinnerte es eher an Seniorengymnastik); da war außerdem ein offensichtlich völlig blinder Elefant, der mit seinem kotverkrusteten Körper mehrfach die Begrenzungen der Manege rammte, nur um sich am Ende den altersschwachen Rüssel zwischen den Zeltstangen einzuklemmen; und zum krönenden Abschluss war da ein arthritischer, fußlahmer Löwe, den der glatzköpfige Dompteur – allem Anschein nach ein perverser Sadist und verkappter Tierschänder – nur mit roher Gewalt durch einen brennenden Reifen bugsieren konnte (von springen konnte angesichts der angegriffenen Physis des Löwen ohnehin keine Rede sein). Da man für diesen unvergleichlichen Programmpunkt sämtliche verfügbaren Nebelmaschinen angeworfen hatte, war es im Übrigen nicht auszuschließen, dass der zottelige, zahnlose Löwen in Wirklichkeit aus zwei zotteligen, zahnlosen Greisen in einem Löwenkostüm bestand.
Doch mochte dem sein, wie ihm wollte, eines stand nun fest: So erbarmungswürdig konnte eine Vorstellung gar nicht sein, dass sie das ausgehungerte Provinzpublikum nicht mit frenetischem Applaus und lautem Gejohle quittiert hätte.

Die dichten Nebelschwaden, die nun von der Bühne in Richtung Zuschauerraum waberten, nützte der junge Herr, um endlich mit seinen Sitznachbarinnen auf Tuchfühlung zu gehen. Du seiner langjährigen Berufserfahrung als praktizierender Facharzt für Doktorspiele wusste er, wie man scheinbar unabsichtliche Berührungen mit absichtsvollen Komplimenten und verstohlene Blicke mit anzüglichen Ärztewitzen so kombinierte und variierte, dass man dem schönen Geschlecht rasch näher kam. Um sicher zu gehen, operierte er mehrgleisig, zunächst nach links und rechts, später auch nach vorne und hinten.

Während zwei gut abgehangene Trapezkünstler die ersten tollkühnen Schwünge durch die Circusluft vollführten – die künstlichen Hüftgelenke krachten wie frische Kaisersemmeln – hatte der junge Herr bereits eine Hand auf dem nackten Oberschenkel zu seiner Linken untergebracht. Nur wenig später – der undurchsichtige Zauberer hatte dem Schnarzlreuther Bürgermeister gerade die Armandbanduhr entwendet – war er auch zu seiner Rechten fündig geworden. Und noch ehe der Magier die Uhr wieder aus seinem Zylinder hervorgezaubert hatte – zum allgemeinen Gaudium, versteht sich – hatte der junge Mann seinen Aktionsradius auf die erste gut gefüllte Bluse ausgeweitet.

Im selben Augenblick als sich in der Manege ein gebrechlicher Schlangenmensch und eine betagte Schlangenfrau verknoteten (wahrscheinlich musste man sie hinterher mit der Bergeschere aus sich selbst befreien), verhakten sich die Beine des jungen Herrn mit denen der jungen Dame, die vor ihm saß. Den Auftritt des berüchtigten Kraftmeiers Samson – einer ehemaligen osteuropäischen Schwerathletin mit brummender Bassstimme und beachtlichem Bartwuchs, die in einem hautengen, altmodisch gestreiften Athletendress steckte und mit ihrem Bizeps Stahlketten sprengte – konnte der junge Herr ganz entspannt verfolgen. Schließlich ruhte sein Kopf zu diesem Zeitpunkt bereits auf dem einladend-ausladenden Dekolletee seiner Hinterdame.

Vor dem Finale furioso, das der vorbestrafte Clown Pippo und sein Assistent, ein rassistischer Liliputaner namens Norbert, bestreiten sollten, hielt der junge Herr bereits bei einem Griff unter den Trachtenrock, zwei zärtlich geneigten Köpfchen an seiner Schulter, drei ausführlich begrapschten Brüsten und vier wollüstig geflüsterten Zusagen, das interessante Gespräch nach der Vorstellung unter vier Augen fortsetzen zu wollen. Er hatte also die Qual der Wahl …

A propos Qual: Zwischen ihm und den ersten Zungenküssen lagen noch Pippo und Norbert, ein Possenreißer und ein Zwerg – zwei Minderheiten, die dem jungen Herrn gleichermaßen verhasst waren.
Der Clown Pippo, ein mürrischer Griesgram und ausgewiesener Menschenfeind, der wie jeder Angehörige seiner traurigen Zunft zu Schwermut, Jähzorn und Trunksucht neigte, war gleichwohl der Publikumsliebling schlechthin. Das Publikum begrüßte jede seiner Volten mit wieherndem Lachen und großzügigem Szenenapplaus – egal, ob er über seine viel zu großen Schuhe stolperte, auf seinem viel zu kleinen Fahrrad durch die Manege flitzte, mit der Nelke im Knopfloch Wasser verspritzte oder den xenophoben Liliputaner mit Juckpulver und Schachtelteufeln traktierte. An seiner Popularität war nicht zu rütteln – trotz des deutlich sichtbaren Gummibandes, mit dem seine Lustige Rote Nase befestigt war, trotz der der deutlich riechbaren Schnapsfahne, die bei jedem „Ätschibätsch“ oder „Hihihi“ durch das Circuszelt wehte, und trotz Pippos krankhafter Schweißausbrüche, die dafür sorgten, dass die weiße Schminke des Brachialkomikers bereits nach wenigen Späßen den Bach hinunterging.

Mochte Norbert auch mit launigen Gastarbeiterparodien punkten – der unumschränkte Star des Abends hieß Pippo, da waren sich die Zuschauer einig. Irgendetwas – vielleicht der Schalk in seinem Nacken, vielleicht der Alk in seinem Magen – trieb den Clown von einem komischen Höhepunkt zum nächsten. Dieser Faxenmacher war einfach immer für eine Überraschung gut, man konnte nie wissen, was er als nächstes anstellen würde.

Als ob es noch eines Beweises bedurft hätte, fasste sich Pippo plötzlich an die Brust, brach mit einem heiseren Schrei zusammen und begann, sich röchelnd auf dem Boden hin- und herzuwälzen, dass die Sägespäne nur so staubten. Das Publikum bog sich vor Lachen und bedachte die spektakuläre Einlage mit euphorischem Applaus! Was für ein Hauptspaß! Was für ein Erzschelm!

Dass nun auf einmal Direktor Zanzani in die Manege stürmte und sich über den zusammengekrümmten Pippo beugte, bekam der junge Herr nicht einmal am Rande mit. Zu sehr war er mit der anspruchsvollen Aufgabe beschäftigt, die reschen Jungbäuerinnenhände, die sich von allen Seiten seinem Schritt näherten, so zu koordinieren, dass keine etwas von ihren Nebenbuhlerinnen mitbekommen würde. Auch dem kleinen Norbert, der wie ein Gummiball auf- und abhüpfte und dazu kreischte wie ein Baby am Spieß, ließ er zunächst keine ausreichende Beachtung zuteil werden. Wie gesagt, er hatte alle Hände voll zu tun.

Aus seinem diffizilen Manual- und Sexualmanagement wurde der junge Herr erst aufgeschreckt, als sich Direktor Zanzani vollkommen aufgelöst – und vollkommen akzentfrei – an die Circuszuschauer wandte: „Ein Arzt! Ist hier ein Arzt im Publikum?“

Noch im selben Augenblick löste sich ein halbes Dutzend Hände vom Körper des jungen Herrn, Hände, die nun in die Höhe schnellten und sich in riesige Zeigefinger verwandelten. „Hier! Hier sitzt ein Arzt!“, riefen die Mädchen aufgeregt und deuteten, zitternd vor Erregung, auf ihren zum Eiszapfen erstarrten Sitznachbarn.

Hunderte Köpfe fuhren herum, in Dutzenden Augen blitzte Erkennen auf und zahllose Stimmen erhoben sich aus dem Auditorium. „Sieh doch nur!“ „Wo?“ „Der da drüben ist es!“ „Ach der, der ist aber hübsch!“ „Der junge Herr ist Arzt!“ „Woher willst du das wissen?“ „Ich habe es doch selbst gehört.“ „Ich bin ganz in seiner Nähe gestanden!“ „Mir hat es sogar selbst gesagt: Lassen Sie mich durch, hat er gesagt, denn ich bin Arzt!“ „Mama, was ist ein Arzt?“ „Nun kommen Sie schon, Herr Doktor, ein Patient wartet auf Sie!“, „Gehen Sie nur rasch hinunter!“, „NUN GEHEN SIE DOCH SCHON!“ Die letzten und lautesten Aufrufe kamen von den Sitznachbarinnen des jungen Herren, die ihm ins Ohr brüllten, wie wild an seiner Kleidung zerrten und voller Ekstase seine Handgelenke umklammerten. Es hatte fast etwas von einem leidenschaftlichen Liebesspiel – aber für den jungen Herrn fühlte es sich eher an wie die Martern der Hölle.

Das ölig glänzende Antlitz des Circusdirektors hatte sich schlagartig aufgehellt (was, in anderer Hinsicht, übrigens auch auf das schreckensbleiche Gesicht des jungen Herrn zutraf). „Herr Doktor, Sie schickt der Himmel“, seufzte Zanzani voll Erleichterung ins Mikrophon, „ein Glück, dass Sie hier sind. Darf ich Sie nun bitten, zum armen Pippo in die Manege zu kommen und ohne weiterer Umschweife mit der Behandlung zu beginnen? Jede Sekunde zählt. Aber das wissen Sie ja selbst am besten.“

Auf einen kurzen Wink des Circusdirektors wurde der stärkste Scheinwerfer direkt auf den jungen Mann gerichtet. „Signore e signori“, rief Zanzani feierlich und fiel dabei kurzfristig in sein übertriebenes Circus-Italienisch zurück, „würden Sie nun wohl so freundlich sein, diesen jungen Herrn durchzulassen? Er ist Arzt“, fügte er erklärend hinzu.
Wie auf Kommando teilten sich die Stuhlreihen. Binnen Augenblicken entstand zwischen dem jungen Herrn und der Manege eine Schneise, durch die der Arzt auf schnellstem Wege zu seinem Patienten gelangen konnte. Dem jungen Herrn erschien die Schneise freilich eher wie ein bedrohliches Spalier, durch das er nun seinen letzten Gang antreten musste.

Benommen taumelte der junge Herr los. Langsam, wie ein Schlafwandler, der in einem bösen Traum gefangen ist, tappte er zwischen den Stuhlreihen hindurch, immer noch wie vom Donner gerührt. Seine Knie schlotterten, in seinen Ohren rauschte das Blut, er konnte keinen klaren Gedanken fassen – außer dem dringenden Bedürfnis, aufs Klo zu gehen. Instinktiv hatte er den Kopf eingezogen, dennoch trafen ihn die erwartungsvollen Blicke wie Feuerpfeile.

Erst als er den Clown erblickte, der sich leise wimmernd am Boden wand, die Hände in Todesqualen um den Brustkorb gekrampft, erwachte der junge Herr aus seiner Betäubung. Sein Gehirn nahm wieder den Betrieb auf – und wie um die verlorene Zeit wieder aufzuholen, arbeitete es nun mit doppelter Geschwindigkeit. Blitzschnell überschlug er seine Möglichkeiten: Er konnte natürlich versuchen, einige Alibi-Handgriffe an dem sterbenden Spaßmacher vorzunehmen, um, wenn schon nicht den Clown, so doch zumindest die Situation zu retten. Dagegen sprachen vor allem drei Dinge: Erstens lag der 12-stündige Erste-Hilfe-Kurs, den er gezwungenermaßen absolviert hatte, um endlich an den Führerschein zu kommen, mindestens zehn Jahre zurück (und schon damals hatte er sich bei Unfallsimulationen bis auf die Knochen blamiert).
Zweitens erschien es ihm, der er ein wahrer Kuss-Feinschmecker war, wenig reizvoll, an diesem zuckenden, spuckenden Etwas mit der roten Gumminase eine Mund-zu-Mund-Beatmung zu vollziehen (oder was immer sonst in einem Fall wie diesem angebracht war, von dem er nicht einmal wusste, um was für einen Fall es sich überhaupt handelte).
Drittens verabscheute er, wie jeder aufgeklärte Mensch, Clowns und ähnliche Witzbolde aus tiefster Seele – und er hatte nicht vor, das jetzt auf einmal zu ändern.

Also blieb nur die andere Option – die Hilfeleistung unterlassen, flüchten und den lustigen Pippo mitten in der Manege verrecken lassen. Das Porsche-Coupé des jungen Herrn stand gut versteckt hinter dem alten Sägewerk – mit etwas Glück konnte er es bis dorthin schaffen. Mit der geballten Durchzugskraft von 411 PS würde er diesen alpinen Albtraum rasch hinter sich lassen und sämtlichen Hinterwäldlern dieser Weltgegend für immer den Rücken kehren.

Aber dazu musste er handeln – und zwar jetzt.

„Ich hole nur schnell meine Instrumente aus dem Wagen“, sagte der junge Herr mit fester Stimme.
„Was für Instrumente?“, fragte Direktor Zanzani ungeduldig.
„Na, Sie wissen doch, was wir Ärzte immer mit uns herumführen“, entgegnete der junge Herr jovial, „Ärzte-Sachen eben. Ich habe den ganzen Kofferraum voll davon“.
„Ist das wirklich der richtige Zeitpunkt?“, fragte Zanzani, „Dieser Clown hier liegt im Sterben.“
„Keine Widerrede“, sagte der junge Herr freundlich, aber bestimmt, „ich bin hier der Arzt. Also lassen Sie mich jetzt bitte durch.“

Widerwillig murrend gab die Menge den Weg frei. Der junge Herr schritt rasch, aber ohne allzu offensichtliche Hast, dem Ausgang zu. Die wenigen Schritte erschienen ihm wie Kilometer, die stickige, erhitzte Circusluft drohte ihn zu ersticken. Als er endlich aus dem Circuszelt ins Freie trat, atmete er tief durch. Frische Nachtluft durchströmte seine Lungen. Im selben Moment begann er zu laufen.

Leider waren ihm einige besonders misstrauische Zirkusbesucher heimlich ins Freie gefolgt. Als sie ihn nun Hals über Kopf davonrennen sahen, wussten sie alles – und schlugen sofort Alarm. Zwei lang gezogene Pfiffe, mehr brauchte es nicht, um die Meute der Dorfbewohner aus dem Circuszelt zu holen und augenblicklich in Bereitschaft zu versetzen. „Fangt ihn!“, rief irgendwer – gefolgt von einem zustimmenden Grunzen aus hunderten Kehlen.

Das war das Jagdsignal – die Menschenhatz war eröffnet.

So langsam und träge die Dorfbewohner im Denken und Sprechen sein mochten, so rasch waren sie offenbar mit der Selbstjustiz bei der Hand. Als sich der junge Herr zum ersten Mal keuchend umdrehte, hatte sich bereits ein kleiner Stoßtrupp an seine Fersen geheftet – und dahinter folgte, wie eine schwarze Wand, der geballte Volkszorn der Dorfgemeinschaft.

Der nächste angstvolle Blick ergab ein noch viel schaurigeres Bild: Es musste mit dem Teufel zugegangen sein. Denn da waren plötzlich Sensen in den Händen der Dorfbewohner – und Mistgabeln und Spieße und Sicheln – ganz so, als habe der Landsturm von 1809 nie die Waffen gestreckt. Hunde wurden von der Leine gelassen, Suchtrupps schwärmten in alle Richtungen aus. Im flackernden Fackelschein tanzten wutverzerrte Fratzen. Und sie schrieen.
Trotz seines pfeifenden Atems und seiner polternden Schritte konnte der junge Mann jedes Wort verstehen: „Bringt ihn her!“ „Hängt ihn höher!“ „Spießt ihn auf!“ „Schlagt ihn zu Brei!“ „Schleift ihn zu Tode!“, „Überrollt ihn!“

Letztere Lynchtechnik begriff der junge Herr erst, als er hörte, wie kraftvolle Motoren und schwere Zugmaschinen in Gang gesetzt wurden. Offensichtlich wollten die ortsansässigen Jungbauern beweisen, dass die antriebsstarken Multifunktionstraktoren aus den Edelschmieden von Fendt oder John Deere nicht nur zur Feldarbeit und als Penisersatz dienten, sondern auch dazu, falsche Ärzte und Clownmörder zu Knochenmehl zu zermalmen.

Mit einem Schlag erlosch die gesamte Haus- und Straßenbeleuchtung. Bis auf die tastenden Lichtfinger der Traktoren und die orangen Lichtpunkte der Fackeln war es nun völlig finster. Binnen Sekunden hatte der junge Herr die Orientierung verloren. Seinen Wagen konnte er vergessen, den würde er im Leben nicht mehr finden – zumindest nicht in diesem Leben.

Kurz spielte der junge Herr mit dem Gedanken, seine Flucht querfeldein fortzusetzen. Doch die Aussichtslosigkeit eines solchen Unterfangens wurde ihm sofort und in aller Schmerzlichkeit bewusst: Das enge Hochtal war nach allen Seiten hin von schroffen Gebirgszügen umschlossen, Pässe oder Schluchten gab es nicht. Und der waffenstarrende Pöbel rückte immer näher: Immer enger schloss sich der Kreis – wie eine Schlinge um seinen Hals. Was sollte er also tun?

Es gab nur einen einzigen Ausweg: Er musste sich zu Fuß bis zur Brücke durchschlagen, die das kleine Bergdorf mit der Außenwelt verband – und zwar bevor ihm der mörderische Mob den Weg (und auch sonst noch so einiges) abschneiden konnte. Zum Glück war auf der Brücke – die aufgrund ihrer Schwindel erregenden Höhe übrigens sowohl bei Touristen als auch bei Selbstmördern lebhaften Anklang fand – zumindest noch die Notbeleuchtung intakt. So stand dem jungen Herrn das Ziel seines Lebens wenigstens klar vor Augen.
Ohne noch länger zu zaudern und zu zögern, rannte er los, rannte, wie er noch nie in seinem Leben gerannt war, denn genau das war es, worum er rannte. Sein Leben.

Doch so schnell er auch rannte, die anderen waren schneller. Sie hatten seinen allzu offensichtlichen Fluchtplan längst durchschaut, saßen ihm im Nacken wie der Schalk dem seligen Pippo und kamen Zug um Zugmaschine näher, mit heiseren Schreien und heiseren Motoren.

Irgendwie und irgendwann erreichte er doch noch die rettende Brücke. Mit monumentaler Macht überspannte sie den gähnenden Abgrund, ein in Beton gegossener Gigant. Im selben Moment hatten sie ihn eingeholt. Er war verloren.

Eigentlich kaum zu glauben, dachte er, während er im gleißenden Scheinwerferlicht seiner Verfolger auf die Brücke hinaus rannte wie auf einem weißen Teppich, kaum zu glauben, dass er hier sterben würde, ausgerechnet hier in Schnarzlreuth. Vor nicht einmal einer Stunde hatte er das Dorf gedanklich in „Schnaxlreuth“ umgetauft, seinen innigsten Gefühlen entsprechend. Nun würde er es – seinen innigsten Gefühlen entsprechend – noch einmal umtaufen müssen: in „Schnetzlreuth“.

Aber nur wenn sie ihn lebend bekamen – und genau das musste er verhindern.

Mit letzter Kraft stürzte er sich auf die Aussichtsplattform, auf der man bei Tageslicht einen wahrhaft majestätischen Panoramablick über die ganze Region genießen konnte. Doch nun war es Nacht. Daher standen auf der Plattform auch keine Reisegruppen oder Pensionistenvereine – nur eine etwas füllige junge Dame.

Ihr pechschwarzes Burgfräuleingewand und ihr nicht minder nachtschwarzes, gewissermaßen antiblondiertes Haar ließen das bleich geschminkte Mondgesicht besonders gut zur Geltung kommen. Vom gekalkten Gesicht hoben sich wiederum die dunklen Augenhöhlen und schwarzen Lippen auf das Geheimnisvollste ab. Und wie es sich für ein anständiges Mädchen aus der Schwarzen Szene gehörte, hatte der morbide Barockengel natürlich die beste Suizid-Position in Beschlag genommen: Dort, wo es am niedrigsten war, hatte die dunkle Dame das Brückengeländer erklommen. Und genau da stand sie nun, körperlich ebenso schwankend wie in ihren Selbstmordabsichten – und konnte sich einfach nicht entschließen.

Ungeduldig und, ja, auch ein wenig unsanft, packte der junge Herr die junge Dame am Schnürkorsett und pflückte sie, einer schwarzen Rose gleich, recht ungestüm vom Brückengeländer. „Lassen Sie mich durch, ich bin Arzt“, erklärte er der einigermaßen konsternierten Frau, nur um daraufhin mit erheblicher Mühe und erheblichem Todesmut ihre Position auf dem Geländer einzunehmen. Das entsetzliche Wutgeheul in seinem Rücken kam jedoch nicht von der verhinderten Selbstmörderin, sondern vom ländlichen Lynchmob mit seinen metallblitzenden Mordmaschinen.

Eine Sekunde, bevor ihn die ersten Bauernburschen packen und mit Äxten und Sägen, Spaten und Spießen, Zähnen und Klauen über ihn herfallen konnten, stürzte sich der junge Herr in die unendliche schwarze Tiefe.

(…)

Erstaunlich, was so ein Fettfleck noch alles mitbekommt.

Wer hätte beispielsweise gedacht, dass jemand, der wie eine ausgequetschte Senftube am Fuße eines Brückenpfeilers klebt, noch die Autoscheinwerfer spürt, die ihn abtasten? Dass er noch die Schaulustigen wahrnimmt, die sich um ihn scharen? Dass er auch das Blaulicht bemerkt, das plötzlich die Nacht durchzuckt? Dass er sogar den jungen Herrn verstehen kann, der sich nun den Weg durch die neugierige Menge bahnt? Dass er sogar den Satz wieder erkennt? „Lassen Sie mich durch, ich bin …“

Zugegeben, das Ende des Satzes hat er nicht mehr miterlebt. Aber er kann es sich denken. Oder auch nicht. Denn wir wissen nicht, ob Tote noch denken.

Ebensowenig können wir wissen, was sich noch in derselben Nacht in einer anderen Dimension zutragen wird. Wir sind also auf Spekulationen angewiesen: Vermutlich wird da ein junger Herr sein. Mit medizinalem Habitus und forschen Bewegungen bahnt er sich seinen Weg durch die Menge, die vor dem Kassahäuschen bereits eine lange Schlange bildet. Selbstbewusst schiebt er sich an den letzten Wartenden vorbei – und sagt zu Petrus, was er auch zu allen anderen gesagt hat.

Aber das müssen wir an dieser Stelle wohl nicht mehr wiederholen.

Hubsi, der kleine Lausbub

doma

Heute, liebe Kinder, möchte ich euch von einem ganz besonderen Lausbuben erzählen, und zwar vom kleinen Hubsi. Eigentlich hatten ihn seine gottesfürchtigen Eltern ja auf den Namen Hubertus taufen lassen, zu Ehren des Jagdpatrons, der gerade in unseren Breiten viel Unglück zu verhüten hat. Aber was ein rechter kleiner Strolch sein möchte, der kommt mit Hubertus nicht sehr weit. Also riefen ihn alle nur den kleinen Hubsi.

Auf den ersten Blick sah der kleine Hubsi so aus, als könne er kein Wässerchen trüben: In seinem drolligen Mondgesicht schimmerten rosige Pausbäcklein, wie sie nur den gesündesten, reschesten Bauernbuben eignen. Unter dem pfiffigen Hütlein, das fürwitzig auf Klein-Hubsis Köpfchen tanzte, lugte keck ein strohblonder Haarschopf hervor. Seine knusperigen Haxen waren stets braungebrannt und steckten in einer schneidigen Krachledernen, von der sie farblich nicht zu unterscheiden waren.

In Wahrheit aber hatte es der kleine Hubsi faustdick hinter den Ohren: Vom unentwegten Herumstrawanzen waren seine Strümpfe andauernd zerrissen, Knie und Ellbogen ständig von Schrammen übersät. Er konnte auf den Fingern pfeifen wie kein Zweiter und seine Hosentaschen waren schon ganz ausgebeult von all dem lustigen Krimskrams, den er ständig mit sich herumtrug: Knallfrösche und Laubfrösche, Heuhüpfer und Springmesser, Lakritz- und Dynamitstangen und was ein kleiner Schlawiner wie er sonst noch so alles braucht.

Ihr könnt euch sicher vorstellen, dass der kleine Hubsi nichts als Flausen im Kopf hatte und stets zu neuen Streichen aufgelegt war.
Ausgerechnet am Palmsonntag stach ihn wieder einmal der Hafer: Als die Turmuhr zur zehnten Stunde schlug, hüpfte der kleine Strizzi aus seinem Bett – müßig zu sagen, dass er wie jedes Jahr der Palmesel war – und flitzte hurtig zur Pfarrkirche hinüber, wo sich das ganze Dorf zum Festgottesdienst eingefunden hatte. Unbemerkt schob sich der kleine Hubsi ins Innere des überfüllten Gotteshauses und robbte bäuchlings unter den Bankreihen hindurch, bis nach vorne, wo die Buben saßen und die prächtigen, frisch geweihten Palmbuschen an der Kirchenmauer lehnten. Und wisst ihr, was der schlimme Finger als nächstes tat? Vermittels eines Bindfadens knüpfte der kleine Hubsi heimlich alle Palmstangen aneinander, natürlich nicht ohne dabei leise in sich hineinzukichern. Hei, war das ein Durcheinander, als die Buben nach dem Gottesdienst wieder nach ihren Palmbuschen langten! Da floss so manche Träne und so mancher Milchzahn kam seinem kleinen Besitzer vorzeitig abhanden.

Der kleine Hubsi aber nützte das allgemeine Durcheinander weidlich aus und konnte so manche flaumige Palmbrezel von fremden Buschen stibitzen. Während er schmausend in einer stillen Ecke saß und sich an den tumultartigen Szenen ergötzte, merkte der kleine Schwerenöter, wie ihn die Blase immer heftiger zu drücken begann. Kein Wunder, hatte er am Vorabend doch allzu kräftig der Ziegenmilch zugesprochen! Also beschloss der kleine Hubsi, sich einen lange gehegten Wunsch zu erfüllen und mitten in der Kirche eine Stange Wasser ins Eck zu stellen – und zwar, ich will es euch nicht verschweigen, geradewegs ins Taufbecken. Unglücklicherweise wurde er bei diesem nicht eben gottgefälligen Akt vom Herrn Pfarrer höchstpersönlich ertappt. „Du kleiner Tunichtgut“, sagte Hochwürden missbilligend, „wie kannst du nur dein Geschäftlein ins heilige Taufbecken verrichten?“ Doch da setzte der kleine Hubsi rasch sein verschmitztestes Lausbubengrinsen auf – und der Zorn des Pfarrers war im Nu verraucht.

Wenn ihr aber glaubt, dass dem kleinen Hubsi damit erst einmal die Lust auf weitere Streiche vergangen wäre, dann täuscht ihr euch gewaltig. Bereits am Montagmorgen rückte er zu neuen Schandtaten aus: Diesmal hatte er es auf den frischen Schmandkuchen abgesehen, der auf dem äußeren Fensterbrett des Pfarrhofes verführerisch vor sich hin dampfte. Ehe man sich’s versah, hatte der kleine Racker schon das Vordach erklommen, um mithilfe zweier an Schnüren befestigter Angelhaken das gesamte Backblech zu sich hinaufzuziehen. Doch es kam, wie es kommen musste: Das Blech kippte und die ganze süße Fracht landete mitten im Blumenbeet. Das wiederum konnte der stattlichen Pfarrersköchin nicht lange verborgen bleiben: Mit einem nassen Lappen bewaffnet stürzte sie ins Freie, bereit, den dreisten Übeltäter quer durch den Pfarrgarten zu jagen. „Du kleiner Schlingel“, sagte sie missbilligend, „man sollte dir den Hosenboden stramm ziehen.“ Doch da setzte der kleine Hubsi rasch sein verschmitztestes Lausbubengrinsen auf – und die alte Pfarrersköchin verspürte nur noch das Bedürfnis, das kernige Bürschlein an sich zu drücken.

Am Dienstag hatte sich der kleine Hubsi schon wieder ein neues Opfer für seine Lausbübereien auserkoren – und zwar den armen Pedellen, der im Dachboden des Schulgebäudes hauste. Wie die meisten Vertreter seiner Zunft war der Pedell ein einsamer, alkoholkranker Junggeselle von geradezu legendärer Schreckhaftigkeit. Ihr könnt euch vorstellen, wie dem gutherzigen Manne zumute war, als er mitten in der Nacht von einem lauten Klopfen an der Tür geweckt wurde. Dass ihm fast das Herz in die Hosen gerutscht wäre, als er, mit Zipfelmütze am Kopf und Kerze in der Hand, vor sein Schlafgemach trat – und über ein Bein stolperte, das irgendein ein Unsichtbarer ihm gestellt hatte. Dass ihn das nackte Grausen erfasste, als er ins Klassenzimmer trat und gerade noch ein geisterhaftes Kreischen vernehmen konnte, wie von langen Fingernägeln, die über eine Schiefertafel schleifen …
In seiner Furcht begann der Pedell zu keuchen wie ein altes Dampfross und nur mit Mühe konnte er sich bis zu dem schmucken Zirbenkästlein schleppen, in dem er seine Herztropfen aufzubewahren pflegte. Mit zitternden Fingern öffnete er das zierliche Fläschchen und stürzte den hochprozentigen Inhalt in einem Zug hinunter. Doch der kleine Hubsi – denn niemand anderer als dieses ausgekochte Schlitzohr steckte hinter all den Schurkereien – hatte die Herztropfen mit einem starken Brechmittel versetzt. Ui, das war vielleicht eine Aufregung, als der arme Pedell, von heftigen Magenkrämpfen geschüttelt, den Onkel Doktor aus dem Schlaf läuten musste! Und während sich der Schulwart noch auf dem Fußboden wand und das Eintreffen des Herrn Medizinalrates herbeiflehte, kam der kleine Hubsi aus seinem Versteck hervor, tanzte fröhlich um den Wehrlosen herum und drehte ihm eine lange Nase.
„Du kleiner Lauser“, sagte der Pedell missbilligend, „wie konntest du mir nur so etwas antun?“. Doch da setzte der kleine Hubsi rasch sein verschmitztestes Lausbubengrinsen auf – und der alte Pedell konnte nicht umhin, dem kreuzfidelen Rotzlöffel voller Sanftmut zuzuzwinkern.

Am Mittwoch trieb der kleine Hubsi sein Schindluder mit einigen Urlaubsgästen aus Paderborn, die sich zwecks Kuraufenthalts im örtlichen Heilbad einquartiert hatten. Während die Westfalen mittags zu Tische saßen, huschte der kesse kleine Pimpf in den Umkleideraum und streute kräftig Juckpulver in Badeanzüge und Schwimmhosen. Auweia, wie die alle herumhopsten und brüllten und sich die Kleider vom Leibe rissen – so einen Affentanz habt ihr weiß Gott noch nie gesehen! Es waren freilich auch ein paar Allergiker darunter. (Ich werde euch ein andermal erklären, was das ist). Der kleine Hubsi aber streckte den Kurgästen schamlos die Zunge hinaus, lachte über ihre krebsrot aufgeschwollenen Körper und schmähte sie als „Saupreiß’n“.
Ein besonders schmerbäuchiger Westfale wollte daraufhin den kleinen Spitzbuben am Schlafittchen packen und ihm kräftig das Fell gerben. „Du kleiner Lausebengel“, sagte er missbilligend, „jetzt werd ich dich mal tüchtig verkloppen, vertrimmen, verwamsen und verbimsen“. Doch da setzte der kleine Hubsi rasch sein verschmitztestes Lausbubengrinsen auf – und der teutonische Dickwanst konnte gar nicht mehr anders, als ihm väterlich den Kopf zu tätscheln.

Das nächste Schelmenstück leistete sich der kleine Hubsi am Donnerstag. Im nachbarlichen Gehöft hatte eine junge Hausmagd ein gesundes Mädchen entbunden, und wie es damals der Brauch war, strömten die Leute aus dem ganzen Dorf herbei, um den goldigen Säugling zu bewundern. Der kleine Hubsi aber führte etwas ganz anderes im Schilde: In einem unbeobachteten Moment nahm der unartige Lümmel das Neugeborene an sich und versteckte es wieselflink im Hühnerstall. An seiner Statt legte er ein winziges, flauschiges Küken in die Wiege. Na da war aber was los, als die arme Mutter nach ihrem Kindlein sehen wollte! Als die junge Frau endlich wieder aus ihrer Ohnmacht erwachte, stand der kleine Hubsi über ihr und zeigte mit dem Finger auf sie: „Angeschmiert! Angeschmiert!“
„Du kleiner Frechdachs“, sagte die junge Mutter missbilligend, „du hättest mich fast zu Tode erschreckt! Das war sehr ungezogen von dir!“ Doch da setzte der kleine Hubsi rasch sein verschmitztestes Lausbubengrinsen auf – und die Magd fühlte plötzlich den unwiderstehlichen Drang, dem süßen Fratz durchs widerspenstige Haar zu fahren.

Wie jede Woche zuckelte die alte Cäcilia auch diesen Freitag zur Friedhofskapelle, um für ihren verstorbenen Gatten Sebastian zu beten. Dieser Umstand war natürlich auch dem kleinen Hubsi nicht entgangen. Also verschanzte sich der listige Gauner im Beichtstuhl und sah zu, wie die gramgebeugte Greisin in der ersten Reihe Platz nahm. Als sie gerade zum dritten schmerzensreichen Rosenkranz ansetzen wollte, wurde die alte Gottesanbeterin plötzlich kreidebleich. Irgendjemand hatte ihren Namen gerufen! Und da war es schon wieder, ganz in der Nähe: „Cilli!“, rief die dumpfe Stimme, „Cilli, heast mi nid?“ – „W-W-Wǻst, bist du des eppa?“, stieß die Großmutter mit bebender Stimme hervor. „Ja, logisch“, sagte die Stimme beschwingt, „oder hǻt heit sist nu oana Sprechstund’?“ Vom Beichtstuhl her ertönte ein dröhnendes Lachen. „,Ǻber, ǻber, Wastl“, flüsterte die alte Dame mit tränenerstickter Stimme, „wia geht´s da nacher dǻ drob’n?“ – „Wos hoaßt drobn?“, antwortete die hohle Stimme, „drunten!“
– „Ja…, ǻber warum denn?“, fragte die Großmutter schluchzend. – „Ha! Wǻs glabst, mit wia vü ǻnane Weiber dass i beinand gwen bi?“, kam es eisig zurück. In Wirklichkeit war die Ausdrucksweise natürlich eine wesentlich zotigere, aber das möchte ich euren zarten Kinderohren nicht zumuten.
Als die Sanitäter den reglosen Körper behutsam auf die Bahre hoben, erblickte einer von ihnen den kleinen Hubsi, der feixend auf dem Altar hockte. „Du kleiner Filou“, sagte der Rotkreuzmann missbilligend, „ich wette, du hast etwas mit der Sache zu tun!“ Doch da setzte der kleine Hubsi rasch sein verschmitztestes Lausbubengrinsen auf – und der Sanitäter ließ den erhobenen Zeigefinger wieder sinken.

Ihr glaubt, dass der kleine Hubsi damit sein Streichpensum für diese Woche erfüllt hatte? Weit gefehlt! Samstag um die Mittagszeit kauerte der kleine Knilch bereits unter der Ausschank im Wirtshaus „Zum Lustigen Leviathan“, um vermittels einer durchtriebenen Bauchrednernummer zwei Stammtische gegeneinander aufzuhetzen.
Am ersten Tisch lagerten die Bauern und Knechte vom ältesten Erbhof im Dorf, einer sehniger, derber und untersetzter als der andere. Der zweite Stammtisch war jener der Schlosser, auch sie samt und sonders von grobschlächtiger Statur und aufbrausendem Wesen.
Als der kleine Hubsi – genauer gesagt sein pummeliges Bäuchlein – nun in die eine Richtung das schöne Wort „Saubauern“ und in die andere Richtung das nicht minder schöne Wort „Eisenbeißer“ entweichen ließ, blieb die gewünschte Wirkung nicht lange aus: Da flogen die Fäuste und die Maßkrüge, da wurde am Watschenbaum gerüttelt und zwar nicht zu knapp, da konnte man Blutgrätschen bewundern wie sonst nur im Abstiegskampf, da knirschten die Knochen so fröhlich wie das Korn in der Getreidemühle. Kurz: Es war ein echtes Blutbad. Einer der Bauern fing sich eine derartige Backpfeife ein, dass er glatt seinen Fotzenhobel verschluckte. Trotz eines mehrstündigen chirurgischen Eingriffs im Landeskrankenhaus konnte das Traditionsinstrument nie wieder aufgefunden werden.
Der kleine Hubsi aber schlenderte, die Hände in den Hosentaschen, über das rauchende Schlachtfeld und pfiff sich eins. Ein verstohlener Fußtritt da, ein gestohlener Geldbeutel dort – so hielt er die Blutsuppe am Köcheln.
Plötzlich baute sich eine bedrohliche Gestalt vor ihm auf – und zwar niemand Geringerer als der Wirt, der vor den Trümmern seiner Existenz stand und damit, wie ihr euch vielleicht denken könnt, keine große Freude hatte.
„Na warte, du Früchtchen“, sagte er missbilligend, „jetzt mache ich Lausersaft aus dir!“ Doch da setzte der kleine Hubsi rasch sein verschmitztestes Lausbubengrinsen auf – und der besänftigte Wirt konnte der Versuchung, ihm in die fleischigen Backen zu kneifen, nicht lange widerstehen.

Als ob all das noch nicht genug gewesen wäre, geriet der kleine Hubsi am Nachhauseweg auch noch mit dem elfjährigen Nachbarsbuben aneinander. Zahllose Knüffe und Püffe, mehrmaliges Brennnesseln, vier Rossbisse, drei Eisenbahner, zwei Ziegenbisse und einen Satz heiße Ohren später traf der kleine Hubsi zu Hause ein – mit blutender Nase und lautem Geheul.

Seine Familie hatte bereits den ganzen Tag auf ihn gewartet und empfing ihn mit gestrenger Miene und Heftpflaster.
„Aber, aber, du kleiner Dreckspatz“, sagte Sie missbilligend, „wo hast du dich bloß wieder herumgetrieben?“ Da setzte der kleine Hubsi rasch sein verschmitztestes Lausbubengrinsen auf – doch diesmal blieb es ohne Wirkung.
Wie immer wenn ihm zum Schmollen zumute war, zog sich der kleine Schelm nun unter den Küchentisch zurück, mit nachdrücklich vorgeschobener Unterlippe, dem internationalen Erkennungszeichen der beleidigten Leberwürste. Erst mit einem Säckchen Brausepulver, einigen sauren Drops und mehreren Zuckerstangen gelang es der Familie, den kleinen Hubsi wieder hervorzulocken.
„Na komm“, sagte Er versöhnlich, „ab ins Bett mit dir, Kleiner.“
„Trägst du mich?“, fragte der kleine Hubsi einschmeichelnd. „Bitte, bitte!“
– „Na gut, ausnahmsweise“, sagte Er, lud sich den kleinen Hubsi auf den Rücken und trug ihn ächzend die Stiege hinauf. „Aber schön langsam wirst du mir wirklich zu schwer.“ Oben angekommen, sangen die beiden dem kleinen Lausbuben noch ein Gutenachtlied vor und warteten mit ihm gemeinsam auf das Traummännlein.

Als der kleine Hubsi endlich eingeschlafen war, entfernten sie sich auf Zehenspitzen, schlichen behutsam in die Küche hinunter und gönnten sich zur Stärkung ein Glas Rotwein.
„Manchmal mache ich mir wirklich Sorgen um Papa“, sagte die Tochter seufzend. – „Ich auch“, meinte der Sohn zwischen zwei tiefen Schlucken, „mit seinen 47 Jahren sollte er langsam dem Flegelalter entwachsen sein.“

Der Annihilator

doma

Er saß schweigend auf seinem Hochstand und erschoss alle und alles.
Warum, konnte er nicht sagen. Vielleicht hatte er einmal Gründe dafür gehabt, möglicherweise waren es sogar gute Gründe gewesen – doch wenn, dann hatte er sie längst vergessen.

Es war nicht etwa so, dass er eine Blutfehde gegen irgendjemanden oder irgendetwas geführt hätte. Rache war ihm völlig fremd. An wem hätte er sich auch rächen sollen? Ihm hatte ja nie jemand etwas zu Leide getan. Wie denn auch? Wer und was auch immer an seinem Hochstand vorbeigekommen war, hatte er erschossen.
Er kannte keinen Auftraggeber und keine Belohnung. Womöglich hatte ihm einmal einer den Schießbefehl erteilt. Doch erinnern konnte er sich nicht daran. Wahrscheinlich hatte er ihn erschossen.

Er handelte weder aus einem edlen Antrieb noch aus niederen Motiven. Er war kein Triebtäter und kein Sammler. Nicht einmal an Trophäen war er interessiert - nur daran, alles zu töten, was ihm vor die Flinte kam.

Er mordete ohne jede Regung. Wenn sich sein Finger am Abzug krümmte, dann waren seine Gedanken so ruhig wie sein Atem, sein Atem so ruhig wie seine Hand. Er hasste seine Opfer nicht, aber er hatte auch kein Mitleid. Das Töten bereitete ihm nicht einmal besonderes Vergnügen. Es war einfach das Einzige, was er kannte.

Es war durchaus nicht auszuschließen, dass er einmal etwas anderes getan hatte, als zu töten. Doch wenn, dann konnte er sich nicht mehr daran erinnern. Und die, die sich unter Umständen hätten erinnern könne, die hatte er vermutlich längst erschossen.

Er erschoss sie ohne Unterschied – Greise und Rebhühner, Babys und Steinböcke, Frauen und Fasane, Männer und Marder, Arme und Aale, Reiche und Hirsche, Katze und Maus, Fuchs und Igel, Hasenscharte und Hundemeute, Förster und Wildschütz, Jäger und Gejagten, Max und Moritz, Tim und Struppi, Siegfried und Roy, Marianne und Michael, Philemon und Baucis, Pünktchen und Anton, Emil und die Detektive, Julia und die Geister, Ali Baba und die vierzig Räuber, Mario und Luigi, Adam und Eva.

Er tötete ohne jeden Sinn und Zweck. Der einzige Sinn war ihm das Töten selbst. Es war sein ein und auch sein alles. Ja man konnte mit Fug und Recht behaupten: Das Töten war sein Leben.

Eines Tages kam ihm nichts mehr vor den Gewehrlauf.
Er wartete und wartete, doch es geschah nichts. Er wachte Tag und Nacht, doch er versäumte nichts. Er blickte durch sein mundgeblasenes Fernrohr, doch es rührte sich nichts. Er horchte, doch er hörte nichts. Er säuberte die Linse seines Fernrohres mit einem weichen Tuch – ich glaube, es war grün – und blickte noch einmal hindurch. Nichts. Er säuberte seine Ohrmuschel mit einem Wattebausch, von dem ich mit einiger Sicherheit sagen kann, dass er weiß war. Noch immer nichts.

Endlich raschelte etwas im Gebüsch. Er fühlte fast so etwas wie Erleichterung. Hurtig lud er seine Büchse und feuerte munter drauf los.
Dann kletterte er flugs von seinem Hochstand, um nachzusehen, was er da wohl erlegt hatte. Er selbst nannte es „die Destruktionsanalyse durchführen“.

Am Fuße des Hochstands, halb unter der grinsenden Grasnarbe verborgen, lag das Opfer. Außer den Gräten war nicht mehr viel dran. Die Gesichtsfarbe war sehr ungesund, gewitztere Naturen als ich hätten wohl von einem knochenbleichen Teint gesprochen. Das Opfer trug einen korrekten schwarzen Zweireiher und einen Aktenkoffer und lag überdies in seinen letzten Atemzügen.

„Na, wer bist denn du?“, fragte er mit gewisser Neugier.
Das Opfer befand sich gerade im Todeskampf und antwortete daher mit leichtem Zögern: „Meine Freunde nennen mich Freund Hein. Meine bayerischen Freunde nennen mich Boandlkramer. Meine zum Pathos neigenden Freunde nennen mich den grimmigen Schnitter. Meine Vettern nennen mich Gevatter. Mein Arzt nennt mich Knochenmann. Esoteriker nennen mich den Ewigen Schlaf. Kinder nennen mich den Schwarzen Mann. Meine Frau nennt mich Baby. Du kannst du zu mir sagen. Hier, meine Karte.“
Der Tod zog eine marmorierte Visitenkarte aus seiner Anzugtasche und überreichte sie ihm. Auf der Karte stand in schwarzer Gravur: Tod. Alle Kassen.

„Was willst du denn von mir?“, fragt der andere nicht unfreundlich.
„Ich hatte den Auftrag, dich zu holen“, erklärte der Tod förmlich. Er zog das entsprechende Schreiben aus seiner Aktentasche. „Wenn der Herr hier bitte gegenzeichnen möchte …“
Auf dem vorgedruckten Formblatt stand: „Ich erkläre hiermit, meine Todesnachricht erhalten und zur Kenntnis genommen zu haben. Auf alle weiteren Rechtsansprüche verzichte ich. Der Unterfertigte“

Nachdem er das Formular abgestempelt und seinem Gegenüber eine Quittung samt Durchschrift ausgefolgt hatte, fuhr der Tod in amtlichem Tonfall fort: „Da du mit Ende letzten Quartals alle anderen Geschöpfe exterminiert hast und folglich das letzte aktenkundige Lebewesen in unserem Einzugsgebiet darstellst, war meine Abteilung der Meinung, dass man auch in deiner Sache zu einem ordnungsgemäßen Abschluss kommen sollte. Unglücklicherweise“, fuhr der Tod in einem Tonfall professionellen Bedauerns fort, „hast du mir die Ausübung meiner Tätigkeit im Allgemeinen und den Vollzug dieses Auftrages im Speziellen verunmöglicht, indem du so unkooperativ warst, mich zu erschießen. Die Stempelgebühr entfällt somit.“
Mit diesen Worten bettete er seinen Schädel auf den schwarzen Aktenkoffer und schloss seine nicht vorhandenen Augen.

„Ich werde jetzt sterben“, sagte der Tod.
„Na so was, ich wusste gar nicht, dass man den Tod töten kann“, meinte der andere mit einem Anflug von Unruhe.
„Ich auch nicht“, sagte der Tod leichthin. „Aber du hast es geschafft. Bisher hast du nur den Tod gebracht. Jetzt hast du den Tod umgebracht. Darf ich dir dazu meine Gratulation aussprechen?“
„Ich weiß nicht“, sagte der andere verlegen.
„Auf jeden Fall haben wir aus der ganzen Sache eines gelernt“, fuhr der Tod im Plauderton eines Sterbenden fort. „Irgendwann erwischt es jeden. Außer dich.“
„Wieso? Was ist denn mit mir?“, fragte der andere und kratzte sich verständnislos am Kopf.
„Sehr einfach“, sagte der Tod ungnädig. „Du hast den Tod erschossen. Wer soll dich jetzt noch holen?“

Da wurde dem anderen klar, was er angerichtet hatte. Nicht genug damit, dass er nun nicht mehr töten konnte und damit seine Lebensplanung völlig neu überdenken musste – nein, er konnte auch nicht mehr sterben.

„Aber … dann kann ich ja niemals sterben“, sagte er kleinlaut.
„Tja, das hättest du dir vorher überlegen sollen“, antwortete der Tod eisig. „Zuerst mir nichts dir nichts dem Tod den Garaus machen und dann jammern, wenn man nicht sterben kann – so geht es halt einfach nicht.“ Er schmollte und schwieg.

Der andere setzte sich auf einen großen Stein und grübelte ein wenig: „Ohne den Tod kann ich nicht töten – nicht einmal mich selbst“, dachte er. „Das ist mehr als ärgerlich. Andererseits … wenn ich sogar den Tod töten kann - bin ich dann nicht selbst der Tod?“
Diese letzte Frage hatte er laut gestellt. Doch der Tod antwortete nicht mehr. Er war bereits tot.

„Na gut“, sagte der andere (genau genommen war er jetzt nur noch der eine), „dann werde ich mich eben allein unterhalten.“

Aber er konnte sich nicht allein unterhalten. Auch wenn er die anderen nur gebraucht hatte, um sie zu töten – gebraucht hatte er sie.

„Na gut“, sagte er daraufhin zu sich selbst (zu wem hätte er es auch sonst sagen sollen?). „Immerhin bin ich der Tod des Todes. Und wer den Tod töten kann, für den gibt es auch sonst keine Grenzen.“

Aber genau das war sein Problem. Denn wenn es für ihn keine Grenzen gab, dann konnte es auch kein Ende für ihn geben. Niemals.

„Na gut“, sagte er ungehalten, „wenn das so ist, dann bin ich eben GOtt.“
Aber er war nicht GOtt, sondern nur eine arme Sau. Denn er konnte nur vernichten – und nichts aufbauen.

Und so sitzt er da bis heute. Allein – auf ewig. Sein Körper ist sein Hungerturm.

Ein Wintermärchen

doma

„Vor langer, langer Zeit, in einem Land gar nicht so fern von hier, herrschte ein mächtiger König. Die vielen Jahre auf dem Thron hatten seine Gestalt gebeugt, seinen langen Bart schlohweiß gefärbt und seine Augenbrauen in buschiges Gestrüpp verwandelt. Trotz seines hohen Alters war die Stimme des Königs noch immer ein dröhnender Donnerschlag und sein Verstand so scharf wie das beste Schwert in der höfischen Rüstkammer. Seine Untertanen verehrten ihn für seine Weisheit und Gerechtigkeit, fürchteten jedoch seine unerbittliche Strenge.

Unter den zahllosen Dienern am königlichen Hof waren auch zwei junge Burschen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Von diesen beiden möchte ich euch heute berichten:

Der eine war ein stattlicher Jüngling von zutiefst sittlicher Natur. Mutter und Vater hatte er nie gekannt, er war bei armen Zieheltern in einem kargen, aber reinlichen Kämmerlein aufgewachsen. Er dankte es ihnen mit grenzenloser Liebe und aufrichtiger Opferbereitschaft: Seit er dem Knabenalter entwachsen war, verdiente er sein täglich Brot ganz allein und trug jeden ersparten Groschen nach Hause zu den Alten. Mit Bescheidenheit, Fleiß und seinem gutmütigen Wesen hatte er es gar zu einer Anstellung bei Hofe und dort binnen weniger Jahre bis zum königlichen Mundschenken gebracht. Er arbeitete für zwei, bediente den König und seine Gäste zur vollsten Zufriedenheit und machte seinen greisen Zieheltern recht viel Freude.

Der andere aber war in allem sein Gegenstück, ein garstiger Geselle von durch und durch boshaftem Gemüt. Seine guten Eltern hatten ihn liebevoll aufgezogen und es ihm nie an etwas fehlen lassen. Doch, ach!, er dankte es ihnen schlecht: Gerade erst dem Flegelalter entwachsen, stahl er sich eines Nachts von zu Hause fort. Jeden ergaunerten Groschen steckte er fortan in die eigene Tasche. Mit Rachsucht, Hinterlist und Tücke hatte er es gar zu einer Anstellung bei Hofe und dort binnen weniger Jahre bis zum königlichen Vorkoster gebracht. Er war ein rechter Zänker und Ränkeschmied und obendrein faul wie Stroh, spie dem König und seinen Gästen ins Essen, ließ einen buckligen Gehilfen die ganze Arbeit verrichten und bescherte seinen gramgebeugten Eltern ein frühes Grab.

Kurzum, die beiden waren wie Tag und Nacht – und sie waren einander, wie ihr euch recht gut vorstellen könnt, von Anfang an spinnefeind. Dennoch ließ sich der Mundschenk niemals zu einem bösen Wort verleiten und trat dem Vorkoster stets mit der ausgesuchtesten Freundlichkeit und Höflichkeit gegenüber. Jener hingegen ließ keine Gelegenheit verstreichen, ohne dem Mundschenk eins auszuwischen und dem armen Kerl aufs Übelste mitzuspielen.

Doch soll ich euch verraten, was das Schlimmste an alledem war? Beide, der brave Mundschenk ebenso wie der böse Vorkoster, begehrten dasselbe Mägdlein.

Sie war ohne Zweifel die wonniglichste Maid im ganzen Königreich. Und hätt’ ich auch bis an mein Lebensende Zeit, ihre Schönheit in Worte zu fassen – niemals könnte es mir gelingen. Denn wovon sollte ich euch zuerst erzählen? Von ihrem langen schwarzen Haar, das ihr liebreiches Antlitz und ihre schlanken Schultern umspielte wie ein dunkel schimmernder Wasserfall? Von ihren tiefen, unergründlichen Augen, in denen sich der Weltenraum selbst zu spiegeln schien? Von ihren vollen, rosigen Lippen? Von ihrer Haut, die so weiß war wie Alabaster und so rein und unschuldig wie ihr ganzes Wesen? Wie könnte ich euch jemals die Anmut schildern, mit der sie durch die Straßen schwebte, leicht und sanft wie der duftende Sommerwind? Ich vermag es nicht. Daher müsst ihr mir wohl einfach Glauben schenken, wenn ich euch sage, dass sie selbst in ihren rauen, notdürftig zusammengeflickten Lumpen wie eine leibhaftige Prinzessin aussah.

Der Vater dieses ganz und gar liebreizenden Geschöpfs war ein ehrbarer, fleißiger Müller gewesen. Mit seinem nicht minder tüchtigen Weibe hatte er einst die alte Kornmühle am Waldesrand betrieben, so wie sein alter Vater vor ihm und vor diesem sein Großvater und davor sein Urgroßvater und so fort. Aber, ach!, welch grausames Los durchkreuzte das junge, bescheidene Glück! Eines unsel’gen Tages, die Tochter war noch ein winziges Wickelkind, glitt der Vater bei der Arbeit aus und wurde vom mitleidlosen Mühlrad zermalmt. Die Müllerin eilte ihm sogleich zu Hülfe, doch ihr wallendes Haar verfing sich im Mahlwerk und so musste auch sie elendiglich zugrunde gehen.

Das verwaiste Würmlein aber wurde in die Obhut seines Oheims gegeben, eines wohlhabenden Kaufmanns, dessen Reichtum nur noch von seinem Geiz und seiner Hartherzigkeit übertroffen wurde. Von Kindesbeinen an musste die Müllerstochter des Tages und des Nachts im Laden schuften, wo sie der alte Knauser und Kümmelspalter nur die niedrigsten Arbeiten verrichten ließ. Obschon sich die Bretter im Laden unter der Last der üppigsten Köstlichkeiten bogen und die Fässer vom süßesten Wein überschwappten, gab der Oheim dem Mädchen tagein tagaus nur Wasser und Brot zu essen. Doch all der schweren Arbeit und der bösen Worte zum Trotz wuchs das Mägdlein heran, und ihre Schönheit erblühte von Jahr zu Jahr in strahlenderen Farben.

Nun müsst ihr wissen, dass der Mundschenk und die Müllerstochter einander seit Kindertagen heiß und inniglich liebten, jedoch ohne sich ihre Liebe jemals eingestanden oder auch nur ein einzelnes Wort miteinander gewechselt zu haben. So warfen sie einander bloß sehnsuchtsvolle Blicke zu, wann immer der Mundschenk in den Laden kam, um den jungen Wein und das schäumende Bier zu prüfen, die für den Verzehr bei Hofe bestimmt waren. Und wenn ihm die schöne Müllerstochter einmal ein scheues Lächeln zuwarf, dann konnte der Mundschenk für Wochen daran zehren.

Doch auch der Vorkoster, dieser lüsterne Strolch, hatte ein wässriges Auge auf das süße Mädel geworfen. In ihrer Reinheit und Unschuld erkannte er den ungeheuerlichsten, gerade deshalb umso reizvolleren Gegensatz zu seinem eigenen, über alle Maßen verderbten Wesen.

Nun geschah es, dass der reiche Oheim einen folgenschweren Entschluss fasste: Das Mägdelein sollte so rasch als irgend möglich unter die Haube, oder, wie er es auszudrücken pflegte, an den Mann gebracht werden. Zwar graute dem knickerigen Krämer vor der zu leistenden Mitgift – doch die Vorstellung, die arme Müllerstochter ein für allemal aus dem Hause zu haben und nie mehr wieder für ihren Lebensunterhalt aufkommen zu müssen, schien dem alten Pfennigfuchser eine solche Ausgabe allemal wert.

Und so kam es denn, wie es kommen musste: Beide, Mundschenk und Vorkoster, hielten beim habgierigen Oheim um die Hand seiner schönen Ziehtochter an, noch dazu am selben Tag, zur selben Stunde gar. Nun stand er da, der alte Geizhals, und mochte bei bestem Willen zu keiner Entscheidung finden. Das arme Mädchen selbst danach zu fragen, welchem der Verehrer sie ihr Herz schenken wolle, wäre dem hartleibigen Oheim nie in den Sinn gekommen. Stattdessen wandte sich der Kaufmann unter eifrigem Katzbuckeln an den König, dem selbstredend auch die Rechtsprechung im Reiche oblag, und bat ihn um seinen weisen Ratschluss.

Der alte König besann sich kurz. Dann ließ er die beiden Galane zu sich kommen und sprach: „Derjenige von euch soll das Mägdlein zur Frau bekommen, der den anderen an Wagemut, Tatkraft und Geschicklichkeit zu übertreffen weiß.“ Die Entscheidung aber sollte in einem mannhaften Wettstreit fallen, für den niemand anderer als der König selbst drei Prüfungen ersonnen hatte. Ihr wollt nun sicher wissen, welcher Natur diese drei Prüfungen waren? Gemach, gemach, ich will es euch erzählen:

Als erstes maßen sich der Mundschenk und der Vorkoster im Bogenschießen. „Wem es gelingt, einem vorbeigaloppierenden Ross die Mähne vom Nacken zu schießen, der hat die erste Prüfung für sich entschieden“, verkündete der König. „Doch handelt es sich dabei nicht um irgendeinen dahergelaufenen Droschkengaul, sondern um den edelsten Vollblüter im gesamten Gestüt. Also Obacht: Sollte mein liebstes Pferdchen bei der Sache auch nur einen winzigen Tropfen Blutes vergießen, dann baumelt der Schütze morgen am Strick.“

Und so nahmen beide Schützen auf einer kleinen Anhöhe Aufstellung und spannten nebeneinander ihre Bögen. Der Mundschenk war frohen Mutes: Er war ein vortrefflicher Bogenschütze, hatte Augen wie ein Luchs und obendrein eine ruhige Hand. Er wusste, dass er die schwierige Aufgabe meistern konnte. Als er nun den feurigen Zossen mit fliehender Mähne und geblähten Nüstern unter sich vorbeifegen sah wie einen Wirbelwind, kniff er die Augen zusammen, legte an und spannte die Sehnen seines Leibes wie die seines Bogens, um so den gefiederten Pfeil kraftvoll in die Tiefe schnellen zu lassen.

Der Vorkoster dagegen war düsterster Laune und legte grimmig die Stirn in Falten: Er war der miserabelste Bogenschütze in allen vier Himmelsrichtungen, hatte die Augen einer Blindschleiche und litt unter zuckenden Gliedern. Er wusste, dass er das rasende Ross unweigerlich verfehlen oder aber versehentlich erschießen würde. Als er nun den treffsicheren Mundschenken anlegen sah, kniff der Unhold die Augen zusammen, ließ seinen Bogen sinken und trat seinem Widersacher heimlich auf den großen Zeh.
Der Mundschenk fuhr mit einem Schmerzensschrei zusammen, ließ die Sehne fahren und den Pfeil sausen. Aus der Tiefe ertönte ein lautes, wehklagendes Wiehern. Da lief es dem armen Mundschenken kalt über den Rücken, vermeinte er doch, er habe soeben den königlichen Klepper aufgespießt. Den Vorkoster aber überliefen wonnige Schauer, glaubte er doch, er habe just seinen Erzfeind an den Galgen gebracht.

Doch, o Wunder: Als nun der König mit seinem Gefolge zu den beiden Schützen stieß, schien er keineswegs erzürnt. Nein, auf seinem Ehrfurcht gebietenden Herrschergesicht lag ein Ausdruck tiefsten Ergötzens. „Du hast es vollbracht“, rief er dem Mundschenken von weitem zu. In seiner Hand schwenkte er einen glänzenden Haarschopf. „Du hast meinem Rösslein die Mähne geschoren wie der reinste Barbier und hast doch seine Haut nicht geritzt noch gestreift. Somit gebührt dir der Sieg in der ersten Prüfung.“

Der Mundschenk war darob sehr vergnügt, jauchzte und pfiff sich eins. In seinem stillen Kämmerlein träumte er von der schönen Müllerstochter und malte sich ihr gemeinsames Eheleben in den leuchtendsten Farben aus. Der Vorkoster aber war, wie ihr euch wohl alle denken könnt, fuchsteufelswild. In seinem stillen Kämmerlein zog er die entsetzlichsten Grimassen und stieß allerhand lästerliche Flüche gegen den Mundschenken aus.

„Als nächstes“, rief der König, „sollt ihr den schielenden Riesen erschlagen, der droben im Gebirge sein Unwesen treibt. Wer mir zum Beweis seinen abgehauenen Schädel bringt, der hat die zweite Prüfung gemeistert.“

Der Mundschenk schnürte sogleich sein Ränzlein und machte sich auf den langen, gefahrvollen Weg. Viele Tage und Nächte wanderte er über Stock und Stein, erklomm Grate und Gipfel und scheute weder Eis noch Schnee. Endlich erreichte er die felsige Schlucht, wo in bodenlosen Tiefen der schielende Riese hauste. Ringsumher lagen Gebeine und Schädel in langen Reihen. Ihr müsst nämlich wissen, dass der Riese ein fürchterlicher Menschenfresser war. Jedes Jahr zur Maienzeit pflegte er ein Dorf zu überfallen und sämtliche Bewohner in seine grässliche Höhle zu verschleppen. Dort spießte er die Unglücklichen auf lange Dornen, briet sie über dem offenen Feuer, schmauste sie als Suppe oder Brei oder verspeiste sie bei lebendigem Leibe.

Doch der Mundschenk kannte keine Furcht. Immer weiter drang er in die dustre Klamm vor, bis er schließlich vor der mächtigen Höhle des Riesen stand. Der Gestank von fauligem Fleisch hing wie ein Pesthauch in der Luft und man vermeinte noch immer das Heulen der Gemarterten zu hören. In diesem Augenblick wollte der Mundschenk beinahe verzagen und umkehren. Doch dann erinnerte er sich seines Mägdeleins, nahm allen Mut zusammen und trat vor. Mit fester Stimme rief er den Namen des Riesen, der, so ich mich recht entsinne, „Kaspar“ hieß. Der Mundschenk wusste recht wohl, dass den Riesen nichts auf der Welt so sehr erzürnte.

Und wirklich, das Ungeheuer kam sogleich aus seiner Höhle gestürzt. „Ei, was muss ich da hören?“, fragte es mit dröhnender, Furcht einflößender Stimme. „Ein Menschlein, das sich erdreistet, meinen Namen zu rufen!“ Der Riese senkte seinen gewaltigen Schädel und rollte mit seinen schielenden Augen, so dass sie in alle Richtungen auf einmal zu blicken schienen. „Wo steckst du nur, du Wicht?“

Der Mundschenk aber hatte in der Zwischenzeit einen kleinen Felsvorsprung erklommen. Von dort aus rief er den Riesen ein zweites Mal beim Namen, noch lauter als zuvor. Und was er im Geheimen erhofft hatte, trat wirklich ein: Die Wände der Schlucht warfen seinen Ruf als vielstimmiges Echo zurück.
Dies erzürnte den Riesen ungemein: Zum einen konnte er nicht sagen, woher der Ruf gekommen war. Zum anderen drang ihm sein verhasster Name nun von allen Seiten ans Ohr.
„Komm hervor und zeige dich!“, brüllte das Ungeheuer. Sein fauliger Atem fegte wie ein Sturmwind durch die Klamm.

Nun aber rief der Mundschenk den Namen des Riesen gleich mehrmals hintereinander. Das Echo schwoll zu einem regelrechten Chorgesang.
Der Riese wurde immer zorniger. „Wehe dir, du kleiner Teufel!“, schrie er, so laut, dass die Felswände erzitterten. „Oder seid ihr gar zu mehreren? Vielleicht ein ganzes Heer? Na wartet, ich werde euch schon finden, wie viele ihr auch sein mögt. Und dann werde ich einen nach dem anderen auffressen!“. Im Leib des Riesen grollte es dazu wie ein gewaltiger Felssturz. Soll ich euch verraten, wer diese schauerlichen Laute von sich gab? Es war niemand anderer als der knurrende Magen. Denn eines könnt ihr mir glauben: Die Gier des Riesen nach Menschenfleisch war schier unstillbar.

Der Mundschenk aber ließ sich von alledem nicht verdrießen und rief weiter unverzagt den Riesennamen. Da wurde der Riese von blindem Zorn erfasst. Er schielte fürchterlicher als jemals zuvor, drehte sich immer schneller um sich selbst und begann, mit unvorstellbaren Kräften auf seine unsichtbaren Gegner einzudreschen. Man hätte beinahe glauben können, er führe den Veitstanz auf. Am Ende war dem Riesen jedoch so schwindlig, dass er erschöpft zu Boden sank. Es dröhnte wie ein Erdbeben.

Der Mundschenk, nicht faul, tat einen gewaltigen Satz und sprang dem Riesen mitten ins Gesicht. Um ein Haar wäre er im weit aufgerissenen Mund gelandet, der aufragte wie eine Falltür, mit Zähnen groß wie Wackersteine und einer Zunge von der Größe eines Ferkels. Der keuchende Atem des Riesen hätte ihn beinahe in den Schlund hinabgesaugt, der sich unter ihm auftat wie ein gähnender Abgrund. Doch mit einem weiteren kühnen Sprung gelangte der Mundschenk auf die Stirn des Ungeheuers. Und ehe sich’s der Riese versah, hatte ihm der Mundschenk mittels seines Dolches beide Augen ausgestochen.
Das geblendete Ungetüm bäumte sich vor Schmerz und Wut so wild auf, dass der Mundschenk fast zu Tode gestürzt wäre. Im allerletzten Augenblick aber konnte er sich an einem langen Nasenhaar festhalten. Wie ein Seeräuber mit seinem Tau schwang er sich zur Seite, krallte sich im verfilzten Riesenbart fest und kletterte daran hinab wie an einer langen Strickleiter. So erreichte er schließlich die Brust des Ungeheuers und rammte diesem den ehernen Todesstoß ins Herz. Der letzte Schrei des Riesen war so jämmerlich und grauenvoll, dass ich euch davon gar nicht erzählen möchte. Sonst könnt ihr heute Nacht wieder kein Auge zu tun.

Wie dem auch sei: Nachdem das Ungetüm endlich sein Leben ausgehaucht hatte, trennte ihm der Mundschenk den Schädel vom Rumpfe, was ihn manche mühselige Stunde kostete. Der Schädel des Riesen war so groß wie ein ausgewachsener Ochse und viele Zentner schwer. Dennoch hüllte ihn der Mundschenk in einen gewaltigen Beutel und machte sich auf den Rückweg. Den Sack mit dem Schädel schleifte er Schritt für Schritt hinter sich her. Auch ohne das Haupt eines Riesen im Gepäck wäre der Heimweg beschwerlich genug gewesen – so aber hielt er für den armen Mundschenken nicht enden wollende Qualen bereit. Und wenn ihr mir nicht glaubt, dann köpft euch doch selber einen Riesen und versucht es. Dann werdet ihr ja sehen.

Der Mundschenk allerdings ließ den Mut niemals sinken. Die Liebe zur schönen Müllerstochter verlieh ihm geradezu übermenschliche Kräfte und machte ihn sämtliche Martern vergessen. Schließlich trennte ihn nur noch eine Tagesreise vom königlichen Hof.

Ihr wollt wissen, was inzwischen aus dem Vorkoster geworden war? Eine kluge Frage. Und auch die Antwort will ich euch nicht vorenthalten. Ob ihr es glaubt oder nicht: Der üble Halunke war dem Mundschenken die ganze Zeit über gefolgt und hatte ihn heimlich beobachtet. Beim Kampf gegen den Riesen hatte er sich natürlich feige verschanzt. Doch mochte er auch eine rechte Memme sein, ein Hasenfuß und Drückeberger, eines könnt ihr dem Vorkoster gewiss nicht absprechen: Er war ein gewieftes Bürschchen.

Als der Mundschenk ein letztes Mal sein Nachtlager aufschlug, um auf den wenigen verbliebenen Meilen zum Schloss recht frisch und munter zu sein, schritt der Vorkoster zur Untat: Auf leisen Sohlen schlich er mit ein paar gedungenen Schuften ins Lager, stahl dem dösenden Mundschenken den Beutel unterm Kopfe weg und schob ihm an seiner Statt einen anderen Sack unter, der dem ersten täuschend ähnlich sah.
Der Vorkoster ließ sich alsdann so nahe wie möglich ans königliche Schloss herankarren. Nur die letzten Schritte legte er zu Fuß zurück. Und so hielt er mitsamt dem gestohlenen Schädel triumphalen Einzug am Königshof.

Der Mundschenk dagegen kam erst am späten Abend im Schlosshof an, vollkommen erschöpft, aber glücklich. Stolz schleppte er seinen Beutel in den Thronsaal, wo zu seinem hellsten Erstaunen bereits der gesamte Hofstaat versammelt war. Auch der Vorkoster stand in der Menge und warf dem Mundschenken ein höhnisches Lächeln zu.

„Was willst du noch?“, rief der König mit donnernder Stimme.
„Ich bringe Euch den Schädel des schielenden Riesen, so wie Majestät befohlen haben“, sagte der Mundschenk ein wenig verwundert und verbeugte sich tief.
„So?“, meinte der König spöttisch, „dann lass uns deinen ruhmreichen Schädel doch sehen. Ich kann meine Neugier kaum noch zügeln.“
Mit einem mulmigen Gefühl löste der Mundschenk die Schnur vom Beutel. Ach!, wie groß waren seine Überraschung und sein Entsetzen, als statt eines riesigen Schädels nur ein Haufen Kichererbsen auf den Boden kullerte! Und wie laut waren Spott und Gelächter des versammelten Hofstaats, als man des wenig Furcht einflößenden Inhalts gewahr wurde!

„Oho“, rief der König belustigt, „da hast du uns ja etwas Schönes mitgebracht! Ich werde sogleich meinen Leibkoch rufen, auf dass er dir eine kräftige Erbsengrütze braue.“
Da konnte der Mundschenk seinem Grimm noch so empört Luft machen und den Vorkoster noch so oft einen schändlichen Dieb, einen abgefeimten Rosstäuscher oder ein gleisnerisches Lügenmaul heißen, es half ihm alles nichts. Am Ende musste er froh sein, dass der König nicht ihn, den Mundschenken, wegen Betruges in den Karzer sperrte.
Der nichtswürdige Vorkoster aber ergötzte sich weidlich am schandbaren Schauspiel. Schließlich hatte der König ihn zum Sieger der zweiten Prüfung ausgerufen.

Wenn ihr alle brav mitgezählt habt, dann verrate ich euch sicherlich kein Geheimnis, wenn ich euch sage, dass der Wettstreit nun in der dritten Prüfung entschieden werden musste.

„Zu guter Letzt“, sprach der alte König und zwirbelte seinen Rauschebart, „sollt ihr einen der sagenhaften Leuchtkäfer aus den Lustgärten des Maharadschas von Jodhpur heranschaffen. Wer von euch es vermag, seiner Angebeteten als erster eines dieser gleißenden Tierchen zu Füßen zu legen, der soll sie zur Gemahlin bekommen. Alsdann, macht hin und zaudert nicht!“

Noch ehe der nächste Morgen graute, machte sich der Mundschenk auf die weite, beschwerliche und von mannigfachen Gefahren erfüllte Reise in den Osten. Sein Weg führte ihn über tausend Brücken und Furten, durch die höchsten Gebirge und tiefsten Klausen, durch die gülden schimmernden Städte des Morgenlandes und die einsamen Steppen der Tiefebene, über die Bernstein- und die Seidenstraße, über verschlungene Wege und verborgene Pfade, die nie zuvor und niemals danach ein abendländischer Fuß betreten hat.

Wie viele Tage und wie viele Nächte verstrichen sein mögen, bis der Mundschenk endlich ans ferne, geheimnisvolle Ziel seiner einsamen Weltreise gelangte, vermag niemand zu sagen. Eines Morgens jedenfalls ritt er auf dem Rücken eines Elefanten in den gläsernen Palast des Maharadschas von Jodhpur ein, vor lauter Erschöpfung dem Tode näher als dem Leben.

Der greise Maharadscha war ein alter Freund des Königs, sie waren einander einst beim hunderttägigen Festschmaus am Hof des Kalifen von Radschastan begegnet. Aus diesem Grunde erklärte sich der Maharadscha sogleich bereit, seinem weit gereisten Gast einen der kostbaren Leuchtkäfer aus der hofeigenen Zucht zu übergeben. Obendrein ließ er dem Besucher die höchste Gastfreundschaft angedeihen: Auf dass der Mundschenk nach den Strapazen seiner Reise um die Welt wieder zu Kräften kommen möge, wurden auf Geheiß des Gastgebers fremdländisch duftende Spezereien und edle Gewürzweine auftragen. Der Maharadscha machte sich auch erbötig, die verlausten Lumpen des Gastes gegen Gewänder aus reinster Seide und wertvollstem Damast zu tauschen und ließ dem Mundschenken eine wolkenweiche Bettstatt aus Daunen und Kaschmir bereiten, in dem sich ihm die reizvollsten Gespielinnen des ganzen Reiches darboten.
Der Mundschenk aber schlug sämtliche Verlockungen aus. All seine Gedanken und all sein Sehnen galten ausschließlich der schönen Müllerstochter und dem Auftrag, den er zu erfüllen hatte, um sie endlich an den Traualtar zu führen.

Also machte er sich ohne weitere Umschweife auf den langen, langen Rückweg, welcher Mühsal und Gefahren der Anreise noch um ein Vielfaches übertreffen sollte. Den funkelnden Leuchtkäfer setzte der Mundschenk behutsam in ein kristallenes Glas, das er mit feinstem Samt auskleidete und sorgsam verschloss. Ihr müsst nämlich wissen, dass der Leuchtkäfer nicht nur das seltenste, sondern auch das empfindlichste und anspruchsvollste Lebewesen auf der ganzen weiten Welt ist. Jeden Tag musste der Mundschenk das glitzernde Krabbeltier mit frischem Safran und purem Goldstaub füttern, auf dass es nichts von seiner Strahlkraft einbüße.

Der Heimweg kostete den wackren Mundschenken drei Monde und führte ihn durch tausendundein gefahrvolles Abenteuer, durch Stromschnellen und sturmgepeitschte Meerengen, durch dunkle Wälder und brennenden Wüstensand. Er ritt auf Tigern und Wildpferden, auf Dromedaren und Krokodilen, auf Raubvögeln und Fliegenden Teppichen. Er zog mit Karawanen und Glücksrittern, wurde von grimmigen Räubern gejagt und von finsteren Beduinen entführt. Oft fand er weder Weg noch Steg, und mehr als einmal hätten ihn die Gelbsucht oder das tückische Sumpffieber fast zu Boden gestreckt. Und doch: Nachdem er zahllosen orientalischen Fabelwesen ins Auge geblickt, manch feurigen Lindwurm erlegt und am Ende gar einen verwünschten Kobold im Wetttanz besiegt hatte, näherte sich der Mundschenk endlich heimatlichen Gefilden.

Den kostbaren Käfer hatte er in all der Zeit niemals aus den Augen gelassen, weder am Tage noch des Nachts. Mit seinem eigenen Leib hatte er das winzige Tierchen vor unzähligen Gefahren geschirmt und vor jeglicher Unbill bewahrt. Nun trennte den Mundschenken und seine wertvolle Fracht nur noch ein Tagesmarsch vom Königshof. Bald schon, bald!, würde er sein Liebchen in die Arme schließen können, so wie er es in jeder einzelnen Nacht aufs Neue erträumte.

Kein Wunder, dass der Mundschenk ein fröhliches Liedchen auf den Lippen hatte, als er nun in jene staubige Straße einbog, die vom Gebirge hinab ins Tal und damit geradewegs ans Ziel seiner Reise führte. Er hatte just eine Meile hinter sich gebracht, als ihm an einer Weggabelung ein bärtiger Mönch auf einem klapprigen Maultier entgegen geritten kam. Der Einsiedler grüßte höflich und fragte den Mundschenken, wohin sein Weg ihn denn führe.

Froh, nach langen Tagen wieder einer menschlichen Seele zu begegnen, gab der Mundschenk bereitwillig Auskunft. „Wie müde musst du doch sein von deiner beschwerlichen Reise“, rief da der Einsiedler. Mit freundlichen Worten lud er den Mundschenken zu einem stärkenden Gastmahl ein. Dieser war erst unschlüssig, hatte er doch den Vorsatz gefasst, ohne weitere Rast bis zum königlichen Schloss zu reiten. Als der Einsiedler jedoch von süßem Wein, duftendem Brot und frisch geselchten Würsten erzählte, gewannen Hunger und Durst die Oberhand. Dankbar folgte der Mundschenk dem frommen Bruder in dessen bescheidene Klause.

Und wahrlich, der Einsiedler hatte nicht zu viel versprochen und tischte seinem Gast die schmackhaftesten Köstlichkeiten auf. Erschöpft und abgezehrt wie er war, tat sich der Mundschenk nach Herzenslust an den feinen Speisen gütlich und sprach auch dem Weine kräftig zu. Doch als er sich nach dem Mahle vom Tisch erheben wollte, um so rasch als möglich weiter zu reiten, wollte es ihm nicht recht gelingen. So sehr er sich auch abmühte, er konnte keinen Schritt mehr tun. Jegliche Kraft schien mit einem Mal aus seinem Leib zu entweichen und seine Augenlider wurden schwer wie Blei. Ehe er sich’s versah, hatte ihn der Schlaf übermannt.

Der Einsiedler aber warf den falschen Bart ab, entledigte sich seiner Kutte und riss das Glas mit dem wertvollen Leuchtkäfer an sich. In Wirklichkeit war der Einsiedler nämlich, die Hellsten unter euch werden es schon erraten haben, niemand Anderer als der Vorkoster!

Der ruchlose Bösewicht hatte nur so getan, als mache er sich ebenfalls auf die Reise nach Jodhpur. In Wahrheit hatte er sich nur ein paar Meilen vom heimatlichen Königreich entfernt, war ein wenig herumgestromert und hatte schließlich in einem verwaisten Kloster Quartier bezogen. Dort hatte er die Rückkehr des Mundschenks erwartet. Einem Raubritter gleich, hatte er sich Tag für Tag am Wegesrand auf die Lauer gelegt und Ausschau nach seinem Widersacher gehalten. Nachdem er den Mundschenken schließlich wie ein Wegelagerer abgefangen und in seinem Mönchskostüm mit verstellter Stimme beschwatzt hatte, hatte er dem armen Tropf Schlafpulver in den Wein gemischt.

Als er seinen verhassten Gegenspieler nun so wehrlos vor sich liegen sah, trug sich der Vorkoster kurz mit dem Gedanken, den Schlafenden zu erdolchen oder ihn vermittels eines Prügels zu erschlagen. Mit Mühe bändigte er jedoch seine Mordlust und beschloss, den Mundschenken am Leben zu lassen. Die Demütigung würde für seinen Gegner viel grausamer sein als der Tod.

Als der arme Mundschenk am nächsten Morgen mit Schwindel und schrecklichem Kopfschmerz erwachte, kannte seine Bestürzung keine Grenzen: Der glitzernde Leuchtkäfer, an dem sein ganzes Schicksal hing, war fort, an seiner Stelle hatte man ihm ein gewöhnliches Glühwürmchen ins Glas gesetzt! Während er die letzten Meilen im Sauseschritt zurücklegte, in der vergeblichen Hoffnung, den feigen Dieb noch einzuholen, verfluchte der Mundschenk seine eigene Leichtgläubigkeit. Tränen des Zorns und der schieren Hoffnungslosigkeit sprangen dem braven Manne aus den Augen, während er sich die letzen Stufen zum Schloss hinaufschleppte.

Im Thronsaal empfingen ihn die feixende Fratze des Vorkosters und die traurigen Augen seiner Angebeteten. Der abscheuliche Schuft wartete noch zu, bis der Mundschenk ganz nahe herangekommen war, so dass er sich an dessen Verzweiflung ausgiebig weiden konnte. Dann erst legte er der schönen Müllertochter den glitzernden Käfer zu Füßen.

Die Würfel waren gefallen: Der König erklärte den Vorkoster zum Sieger, worauf selbiger mit triumphierender Miene um die Hand des Mägdeleins anhielt. Der geizige Kaufmann willigte sogleich in die Eheschließung ein. Da weinte die schöne Müllerstochter bitterlich, denn ihr Herz gehörte dem Mundschenken und niemals würde es für einen Anderen schlagen. Doch kein Flehen und kein Klagen konnte das steinerne Herz des Oheims erweichen. Bereits in wenigen Tagen sollte die Hochzeit stattfinden.

In der folgenden Nacht konnte niemand ein Auge zu tun: Der verschlagene Vorkoster lag auf seinem neuen Himmelbett und dachte daran, wie er die schöne Müllerstochter an genau diesem Orte besitzen würde. Der alte Oheim lag auf seiner Truhe und zählte das Geld, das er sich von nun an ersparen würde. Die schöne Müllerstochter lag auf ihrer ärmlichen Pritsche und weinte in einem fort, bis ihr die Tränen den Dienst versagten. Auch der Mundschenk lag einsam auf seiner kalten Schlafstatt und beklagte so lange sein trauriges Geschick, bis er es nicht mehr ertragen konnte. In der schwärzesten Stunde, in der die Finsternis am vollkommensten ist, sprang er plötzlich von seinem Nachtlager auf. Er beschloss, sich augenblicklich zum Kämmerlein der schönen Müllerstochter aufzumachen und ihr endlich, endlich seine Gefühle zu gestehen.

Auf halbem Wege, mitten auf der alten Hängebrücke, die ein wolkenverhangener Mond in sein fahles Licht tauchte, kam ihm eine weiß gekleidete Gestalt entgegen. Fast wären die beiden aneinander vorbei gelaufen, doch im letzten Lichtstrahl trafen sich ihre Blicke. Der Mundschenk erkannte die lieben Augen sofort: Es war die schöne Müllerstochter. Mit bloßen Füßen, nur in ein flatterndes Nachthemd gehüllt, hatte sie sich aus dem Hause geschlichen, gerade im selben Augenblick wie der Mundschenk, um ihm endlich, endlich ihre Gefühle zu gestehen. Selbst dem murmelnden Fluss tief unter ihnen versagten die Worte, als sich die beiden nun in die Arme fielen, sich inniglich herzten und küssten und einander die ewige Liebe schworen. Bereits in der kommenden Nacht wollten der Mundschenk und die schöne Müllerstochter gemeinsam fliehen, um in einem fernen Land, wo Milch und Honig fließen, ihr Glück zu suchen.

Doch leider hatte einer ihr heimliches Liebesgeflüster belauscht – und dieser eine war niemand sonst als Fritzl, der böse Hofzwerg. Wie es ein unseliger Zufall so wollte, hatte der missgestaltete Schelm gerade eine arme Dirne erschlagen und ihren Leichnam mit einem Mühlstein um den Hals im Fluss versenkt, just zur selben Stunde, als der Mundschenk und sein Mägdlein auf der Brücke standen. Nun müsst ihr wissen, dass Fritzl der treueste Spießgeselle des Vorkosters war. Zusammen hatten die beiden Schufte bereits eine Unzahl an Missetaten verübt. Wen nimmt es da Wunder, dass der Hofnarr in Windeseile zum Vorkoster sauste und ihm vom Fluchtplan der Liebenden erzählte? Und wen kann es erstaunen, dass der Vorkoster, von Eifersucht und Hass zerfressen, einen blutigen Racheplan schmiedete?

Bis in die frühen Morgenstunden brütete der Spitzbube über seinem üblen Ansinnen, bevor das Auseinanderklamüsern endlich von Erfolg gekrönt war und der Vorkoster einen wahrhaft teuflischen Plan ausgeheckt hatte:

Noch vor dem ersten Hahnenschrei schlich er in die höfische Küche. Jenen Speisen, die dem König zum Morgenmahl vorgesetzt werden sollten und die er selbst als Vorkoster zu prüfen hatte, mischte er ein tödliches Gift bei. Fritzl, sein treuer Verbündeter, stand Schmiere.
Am Morgen krümmte sich der Vorkoster vor Schmerzen und wälzte sich in Krämpfen und Zuckungen hin und her, bis ihm der Schaum aus dem Munde troff. In Wahrheit hatte er natürlich keinen Bissen von der giftigen Mahlzeit genommen. Doch glückte ihm sein schreckliches Schauspiel so glaubhaft, dass der König den Hofalchimisten zu sich zitierte, auf dass jener die Speisen genau in Augenschein nehme. Dem kundigen Auge des Gelehrten konnte die enorme Giftmenge natürlich nicht lange verborgen bleiben, zumal der verschlagene Vorkoster dieses so sichtbar wie möglich ausgestreut hatte.

Alles verlief gerade so, wie es der Vorkoster in seinem raffinierten Plan ersonnen hatte: Der schlangenzüngige Fritzl, als Hofnarr ein mächtiger Einflüsterer des Königs, lenkte den Verdacht sogleich auf den Mundschenken: Dieser habe jederzeit Zugriff auf die Speisen seiner Majestät; obendrein hasse er den König, seit jener den Vorkoster zum Sieger des Wettstreits und das holde Mägdlein zu dessen Braut erkoren habe. Von blindwütiger Rachsucht getrieben, habe er, der Mundschenk einen, heimtückischen Giftmord geplant.

Der König glaubte den falschen Worten des Hanswursts. Er ließ den Mundschenken augenblicklich ergreifen und in schwere Ketten legen. Wie ihr euch denken könnt, stand auf versuchten Königsmord die schwerste Strafe von allen. Und so kam es, wie es kommen musste: Der Mundschenk wurde zum Tode verurteilt, der Richterspruch noch am selben Tage vollstreckt.

Alles Jammern und Flehen der weinenden Müllerstochter war umsonst. Zum Gaudium des Pöbels wurde der Mundschenk quer durch die Stadt getrieben, bis zum schaurigen Richtplatz, wo der arme Teufel erst gerädert, dann geröstet und anschließend gevierteilt wurde. Seine Pein, ich kann es euch leider nicht verschweigen, war unermesslich.
Im Augenblick seines Todes aber stieß der Mundschenk einen fürchterlichen Fluch aus: Er werde, so schwor der Gemarterte unter grauenvollem Röcheln, aus dem Reich der Toten zurückkehren, seine Liebste erretten und am gesamten Land grausame Rache üben.
Die Leute aber lachten bloß und spotteten ihn und spieen auf seinen Leichnam. Nur einige Weibspersonen sprachen von einem bösen Omen und warnten die Bürger vor ihrem Hochmut. Da schalt man sie für ihren Aberglauben, schmähte sie als Hexen und jagte sie unter lautem Gejohle aus dem Königreich.

Sechs Tage und sechs Nächte zogen ins Land, ohne dass sich etwas Besonderes ereignet hätte. Am siebten Tage aber, just an jenem Morgen, an dem die Vermählung zwischen dem Vorkoster und der schönen Müllerstochter vollzogen werden sollte, wurde es auf einmal bitterkalt. Aus heiterem Himmel begann es zu schneien, mitten in den strahlenden Sommer hinein. Und es wollte nicht mehr aufhören.

Da liefen die Leute voll Aufregung umher und wunderten sich sehr. Niemand konnte sich den plötzlichen Schneefall erklären. Die weißen Flocken fielen ohne Unterlass, immer schneller und immer dichter. So heftig schneite es, dass das Fuhrwerk mit dem Brautpaar am Wege stecken blieb und die schweren Kirchentüren nicht mehr zu öffnen waren. Man beschloss, die Hochzeit zu verschieben, bis es enden würde.

Doch es endete nicht. Nicht in der Nacht, nicht am nächsten Morgen und nicht am Morgen darauf. Es schneite und schneite. Immer größer wurden die Flocken, immer wilder und ausgelassener ihr Tanz. Irgendwann war das Schneetreiben so dicht, dass sich kaum noch einer aus dem Hause wagte. Längst war das Korn auf den Feldern erfroren, die gesamte Ernte vernichtet. Und es schneite immer weiter. Immer höher und höher häufte sich der Schnee. Straßen und Wege waren nur noch zu erahnen, sämtliche Pässe und Saumwege versperrt. Niemand konnte aus dem Königreich fliehen. Und mit jedem Tag wurde der Schneesturm schlimmer.

Bald schon häufte sich der Schnee bis zu den Fenstern und bald darauf bis zu den Giebeln. Straßen, Häuser und Kirchtürme, nach und nach musste alles versinken. Nicht einmal das königliche Schloss blieb verschont. Mochte der König auch die weisesten Gelehrten um sich scharen, sie wussten keinen Rat. Mochten sie noch so tief in ihre Kristallkugeln starren, sie sahen darin nur Weiß.

Unter der Schneelast barsten Türen und Fenster, Dächer und Wände. Die Menschen erfroren und erstickten, wurden erschlagen und erdrückt. Ob Mann oder Frau, Kind oder Greis, Hofnarr oder König, der Schnee kannte keinen Unterschied. Die weiße, lautlose Flut verschlang sie alle, mit Haut und Haar.

Nur der schönen Müllerstochter vermochten Schnee und Kälte nichts anzuhaben. Es war, als strahle aus ihrem Inneren eine verborgene Kraft, die sie wärmte. Obgleich sie Tag und Nacht weinte und seit dem Tod ihres Liebsten jeden Bissen verweigerte, war ihr Antlitz so bezaubernd und rosig wie nie.

Dies konnte auch dem schurkischen Vorkoster nicht entgehen. Mochte er auch dem Erfrierungstod nahe sein, seine Wolllust war ungebremst, ja unbändiger denn je: Mit knirschenden Schritten und ruckartigen Regungen stürzte er sich auf das Mägdlein, um es mit letzter Kraft zu schänden. Gierig tasteten seine Eisfinger über ihren warmen Leib, in seinem verfilzten Bart klirrten die Eiszapfen. Die schöne Müllerstochter aber stieß ihn angewidert von sich, so kraftvoll, dass der Vorkoster in hohem Bogen von der Bettstatt stürzte und am Boden in tausend Eisscherben zerschellte.

Als die schöne Müllerstochter in den Schnee hinaus trat, wusste sie, dass sie ganz allein auf der Welt war. Das stolze Königreich war versunken, nur sie war am Leben geblieben. Ihre Einsamkeit war vollkommen.

Alles ringsumher war wie Watte, weich und weiß, ohne Form und ohne Sinn. Und es schneite noch immer. Höher und höher stieg der Pegel der weißen See. Bald würde sie auch das Himmelszelt ausgefüllt haben.
Nur der höchste Turm von allen, an dem die Menschen seit Anbeginn des Reiches gebaut hatten, ragte noch aus der endlosen Weiße. Da beschloss das Mägdlein, ganz hinaufzusteigen. Über eine Wendeltreppe, die so lang war, dass ihr die Stufen niemals zählen könntet, gelangte die schöne Müllerstochter bis hinauf auf die Spitze des Turmes. Von dort aus stürzte sie sich in die gähnend weiße Tiefe, um ihrem betrüblichen Leben so ein jähes Ende zu setzen.

Aber, ach!, das Vorhaben scheiterte kläglich. Der weiche Schnee dämpfte den Todessturz und fing das Mägdlein auf wie ein sanftes Daunenbett.
Die schöne Müllerstochter aber weinte und schluchzte gar herzzerreißend. „Warum lässt du mich nicht sterben wie alle anderen?“, rief sie in den endlosen weißen Himmel hinauf. „Ich will doch nur bei meinem Geliebten sein.“

Kaum hatte sie diese Worte gesprochen, geschah etwas ganz und gar Unglaubliches: Die Schneeflocken verharrten im Fluge, blieben mitten in der Luft stehen und fügten sich dann zu einer Gestalt. Aber nicht zu irgendeiner Gestalt, sondern zu wohlbekannten Zügen. Im selben Augenblick formte sich der eisige Sturmwind zu einer Stimme. Aber nicht zu irgendeiner Stimme, sondern zur Stimme ihres Geliebten:
„Ich habe versprochen, dass ich zurückkehren werde und sieh’ an, ich bin zurückgekehrt, als Schnee und als Eis. Ich liebe dich noch immer, und du liebst mich. Das Feuer in deinem Herzen hat dich am Leben erhalten. Wir beide waren immer füreinander bestimmt, doch erst jetzt können wir wirklich zusammen sein.“

Noch im selben Augenblick sank die schöne Müllerstochter zu Boden und gab sich mit ihrer ganzen Liebe, in ihrem ganzen Glück dem Geliebten hin. Sie ließ sich in ihn fallen und er fiel auf sie. Er fiel auf ihr Gesicht und ihr Haar, hauchte zarte Eisblumen auf ihre Wangen und zauberte winzigkleine Eiskristalle in ihre langen Wimpern. Niemals zuvor war sie ihm so schön und so zerbrechlich erschienen wie in jenem Augenblick, als sich ihre Lider mit einem leisen Klimpern schlossen.
Wie eine warme, weiche Decke umfing er sie, umhüllte und umschmiegte er sie, bis sie vollkommen ineinander aufgegangen, bis sie: eins geworden waren.

Und wenn wir sie nicht aufwecken, dann sind die beiden noch heute glücklich vereint und träumen ihren gemeinsamen, ewigen Wintertraum.“

Gunnar

doma

„Teufelswurz! Wo bleibt die verfluchte Teufelswurz?“, schnaubte Roderich erbost und kaute nervös auf seinen schwarz lackierten Fingernägeln herum. Sein Groll war wahrhaftig – und durchaus verständlich: Für ein anständiges heidnisches Experiment waren ein oder zwei Löffelchen getrockneter Teufelswurz nun einmal unabdingbar. Sonst konnte man sich gleich brausen gehen. Die Teufelswurz war schließlich der unangefochtene Superstar unter den unheiligen Heilkräutern, so etwas wie der Michael Jordan des Okkultismus. Nicht ohne Grund war sie dem abergläubischen Volksmund unter einer Vielzahl geheimnisvoller Namen bekannt: Isenkraut, Wundkraut, Stahlkraut, Eisenhart, Mönchskappe, blauer Sturmhut, Richardskraut, Taubenkraut, Katzenblutkraut, Sagenkraut, Wunschkraut, Traumkraut, Druidenkraut, Venusader, Träne der Isis …

„Wo steckt dieses vermaledeite Kraut?“, wiederholte Roderich lauter und begann, ungeduldig an seinem langen, nachtschwarzen, mit allerlei verhängnisvollen Runen bestickten Umhang herumzuzupfen.
Der promovierte Hexenmeister – im Zivilberuf Sänger der gefürchteten Mittelalter-Metal-Band „Pechnase“ – hatte sich mit einem Dutzend nicht weniger düsterer Spießgesellen am Rande eines gigantischen Zubers versammelt. Der Zuber, übrigens eine Leihgabe der befreundeten Druiden-Metal-Band „Hahnenfuß“, wurde von unten her mit einem kleinen Holzofen beheizt und füllte den kleinen, schmutzigen Raum im Backstage-Bereich des Openair-Festivals in Wacken fast vollständig aus.

Im Zuber brodelte eine brackig-braune Brühe, die so genannte „Ursuppe“. Sie war das wenig erquickliche Ergebnis allerlei übler Ingredienzien, die im Laufe eines ausgedehnten schwarzmagischen Rituals im Zuber gelandet waren – darunter zwei tote Schleiereulen, ein Kahler Krempling, drei Unzen ranzigen bayerischen Bärenfetts, sechs Tollkirschen, dreizehn Knollenblätterpilze, siebenzig Gramm reinstes Opium und einige Krügerl mit Körpersäften jedweder Herkunft.

Die leichenblass geschminkte Magierin Uriella – einschlägig bekannt als Frontfrau der Gruftmetal-Band „Uriella und der Unkenpfuhl“ – rührte das satanische Süppchen mit einem riesigen Kochlöffel aus Elfenbein geduldig um und schmeckte es dann und wann mit aromatischen Kräutern und einigen garantiert unchristlichen Gebeten ab.

Endlich kam, atemlos keuchend, ein finsterer Gehilfe herbeigelaufen, der auf hier nicht näher zu beschreibenden, jedenfalls aber äußerst abseitigen Wegen an ein Beutelchen feinster Teufelswurz gelangt war. „Der Hölle sei’s gedankt!“, rief Roderich zufrieden aus. „Nun können wir unser gottloses Werk vollenden“. Unter einer Litanei von lästerlichen Flüchen zerbröselte er das Unheilkraut zwischen seinen knochig-bleichen Fingern und ließ es, einem winzigen Sandsturm gleich, ins Innere des gigantischen Zubers entschweben.

Noch im selben Augenblick begann der ganze Zuber – oder, wie man in der Schwarzen Szene gerne sagt, der „Bottich“ – unheilvoll zu beben. In der diabolischen Ursuppe rumorte es auf einmal heftig, fette weiße Blasen und übel riechende Dämpfe steigen aus ihren Untiefen empor. „Es ist vollbracht!“, stieß Roderich beschwörend hervor. „Diese infernalische Kraftbrühe wird uns zu uneingeschränkten Herrschern über Zeit und Raum erheben! Unsere Bosheit wird von nun an an keine irdischen Grenzen mehr gebunden sein. Wir werden uns ruchlos und ohne jede Scham über alle natürlichen Gesetze stellen und sie so lange verdrehen und verfälschen, bis die ganze verdammte Welt auf dem Kopf steht! Also, wer möchte anfangen?“

Tiefes Schweigen senkte sich abrupt über den dusteren Raum. Einige der versammelten Neo-Heiden blickten betreten zu Boden. Andere verwandten plötzlich ihre gesamte Konzentration darauf, Löcher in die Luft zu starren. Auch Däumchendrehen, Kratzen, Nasenbohren und andere nervöse Zwangshandlungen erfreuten sich plötzlich größter Beliebtheit. Alle Anwesenden schienen im Ziel vereint, dem bohrenden Blick des Hexenmeisters zu entgehen.

„Was ist auf einmal in euch gefahren, ihr Hasenfüße?“, fragte Roderich fassungslos und fuhr sich aufgebracht durchs lange wirre Haar. „Was seid ihr bloß für jämmerliche Waschlappen?! Bringt denn wirklich niemand von euch den Mumm auf, sich als Versuchska—, ich meine natürlich als … freiwilliger Proband in den Dienst der bösen Sache zu stellen?“
– „Na ja … die ganze Chose könnte doch recht gefahrvoll werden“, murmelte endlich einer der Schwarzen Jünger kleinlaut. „Richtig“, pflichtete ihm ein zweiter Zauberlehrling verlegen bei, „mit Zeit und Raum und all solchen Sachen sollte man kein Schindluder treiben. Nicht auszudenken, was da alles schief gehen könnte …“
– „Ja, was hattet ihr denn erwartet?“, zischte der Hexenmeister ungläubig. „Schwarze Magie ist nun mal keine Kinderjause!“ Zornig fixierte er die lichtscheue Truppe, die da mit gesenkten Köpfen vor ihm stand.

Sein Blick blieb an der dezent schamanenartigen Gestalt von Uriella hängen, die mit ihrer schweren Knochenkette unruhig vor sich klimperte. „Warum meldest du dich eigentlich nicht?“
– „Ich?“ Uriellas ohnehin recht bedenkliche Gesichtsfarbe wurde augenblicklich so ungesund, dass neben ihr selbst die stolzesten Wasserleichen neidvoll erblasst wären. „Du beliebst wohl zu scherzen. Haha.“ Sie lachte humorlos. „Was für ein ausgefallener Gedanke …“
– „Aber ganz und gar nicht“, entgegnete der Hexenmeister jovial, „du bringst doch alle erforderlichen Charakterschwächen mit. Außerdem sind innerhalb des organisierten Okkultismus leider noch immer viel zu wenige Führungspositionen mit Frauen besetzt. Das hier ist deine große Chance, dich sowohl beruflich als auch menschlich weiterzuentwickeln!“
– „Na das ist wieder mal typisch für euch magische Machos“, fauchte Uriella verächtlich. Ihre dunklen Augen blitzten zornig aus dem fahlen Antlitz hervor. „Kaum wird es den Herren Teufelsanbetern zu brenzlig, wollt ihr auf einmal uns Zauberinnen vorausschicken. Ihr, ihr … luziferischen Leichtmatrosen, ihr! Übrigens …“, sagte sie dann in verändertem Tonfall und musterte Roderich durchdringend, „… warum kostest du die Suppe denn nicht einfach selbst?“

„Ja, genau!“ Aus den Reihen der Zauberlehrlinge kamen spontaner Szenenapplaus und zustimmendes Gejohle: „Lasst doch den Wunderwuzzi ran!“, „Teufelswerk ist Chefsache!“, „O-ber-motz!, O-ber-motz!“, „Gib’ Gummi, Druide!“, „Wir woll’n den Magier sehen, wir woll’n den Magier seh’n, wir woll’n den Magier saufen seh’n!“

Der Hexenmeister fühlte sich zusehends ins Eck getrieben. Dieser Gruppenzwang war ja nachgerade höllisch … Hektisch begann er seinen Rauschebart zu zwirbeln – er brauchte eine gute Idee und zwar rasch.

„Ich … ich würde ja gerne mit schlechtem Beispiel voran gehen“, stotterte er nach einer Weile mit gequältem Lächeln, „aber als, äh, nachtaktiver Feminist der ersten Stunde bin ich der Überzeugung, dass bei gleichen Qualifikationen die Frau den Vortritt haben sollte.“ Uriella strafte ihn mit einem Blick, aus dem Todesverachtung und Tötungsbereitschaft gleichermaßen sprachen. „Au … außerdem“, fuhr Roderich dennoch mit zitternder Stimme fort, „muss ja irgendwer das ganze Experiment … überwachen. Und mit meinen reichhaltigen Berufserfahrungen als Schwarzkünstler, Nigromant, Eskamoteur und Zeremonienmeister bin ich sicherlich …“ Der Hexenmeister verstummte. Das missbilligende Schweigen der Versammlung schien ihm so ohrenbetäubend, dass er kaum dagegen anzureden vermochte. Er konnte förmlich spüren, wie ihm die Kontrolle über die Schwarze Schar langsam aus den ringbewehrten Händen glitt. Verzweifelt suchte er nach einem Ausweg, nach einem rettenden Zauberwort, auf das ein Hexer in Krisensituationen wie diesen zurückgreifen konnte. Und plötzlich fiel ihm wirklich eines ein: Führungsqualität!

Der Hexenmeister besann sich blitzartig des zweisemestrigen „Aufbaulehrgangs für Geheimbünde, Druidenzirkel und andere Non-Profit-Organisationen“, den er an der Donauuniversität in Krems absolviert und des wichtigsten Lehrsatzes, den er dabei gelernt hatte: „Wenn man dich in die Enge treibt, so wende dich immer gegen einen abwesenden Dritten – am besten gegen jemanden, der sich nicht wehren kann.“

Also sprach der Hexenmeister: „Bringt mir Gunnar!“

– „Gunnar?“, fragten die Zauberlehrlinge verständnislos. „Was den für’n Gunnar?“
– „Na Gunnar, den Roadie natürlich!“, rief Roderich triumphierend und fühlte, wie er seine mephistophelische Autorität augenblicklich wiedergewann. „Wofür haben wir ihn denn?“
Der Vorschlag stieß bei den Schwarzen Jüngern sofort auf einhellige Zustimmung. Unter furchterregenden „Gun-nar! Gun-nar!“-Schlachtgesängen machten sie sich davon, nur um bald darauf triumphierend in die Zauberküche zurückzukehren – zusammen mit Gunnar, dem Roadie.
„Hallöchen“, sagte Gunnar.

Gunnar, der Roadie, war auf den ersten Blick eine durchaus Furcht einflößende Erscheinung: ein beleibter, bierfassbreiter Bursche mit schulterlangem, verfilztem Haar, einem mächtigen Vollbart und einer Brustbehaarung von geradezu Ehrfurcht gebietender Dichte, übertroffen nur noch von den sittenwidrigen Tätowierungen, die sich, einem grimmigen Ausschlag gleich, über seinen kraftstrotzenden Leib zogen. Letzteren hatte Gunnar an diesem schicksalsschweren Tag – so wie an jedem anderen Tag und vermutlich auch nachts – in ein zweifelhaftes Ensemble aus Lederhose und Jeansgilet gewuchtet, mit knalligen Aufnähern von längst verblichenen Hardrockbands am Rücken.

Mochte Gunnar rein äußerlich also einem vergeblich domestizierten Höhlenbären gleichen und auch über entsprechende Kräfte verfügen, so war er vom Charakter her eher das Gegenteil – ein harmloser, friedvoller und gutmütiger Geselle von überaus mildem Wesen und geradezu engelsgleicher Geduld.

Das ehrbare wie traditionsreiche Handwerk des Roadies übte Gunnar bereits in vierter Generation aus. Sein Urgroßvater Giselbrand hatte mit einigem Stolz den Titel eines „K. u. k. Ober-Hauptbühnenoperateurs“ getragen und seinerzeit auf Wunsch des greisen, bereits fast ertaubten Kaisers Franz Joseph die erste Verstärkeranlage im Redoutensaal der Wiener Hofburg installiert. Sein Großvater Gaudenz wiederum war Bühnentechniker einer freisinnigen Swing- und Dixielandband im Berlin der 20er und frühen 30er Jahre gewesen: Nach der Machtergreifung der Nazis hatte er sein Gewerbe jedoch aufgeben müssen, da er sich als überzeugter Antifaschist unter den stramm rechten NS-„Aufbauhelfern“ zunehmend isoliert und bedroht fühlte. Gunnars Vater Golo hatte als Roadie einige reichlich obskure Psychedelic- und Garagen-Rock-Combos auf ihren Trips – aber auch auf ihren Konzertreisen – begleitet. Später hatte er dann in Bielefeld die erste Roadie-Schule ganz Europas ins Leben gerufen. Gunnars Mutter Gloria schließlich war die erste überregional bekannte Roadie in diesem von kabelschwingenden Machos dominierten Gewerbe und verdiente sich ihre Sporen bei vorbestraften Girlgroups und verfassungswidrigen Punkformationen.

So waren die Geheimnisse des Roadie-Handwerks über die Generationen hinweg weitervererbt worden, bis hin zu Gunnar, der die stolze Familientradition mit Freude weitergeführt hatte – und sie gerne noch ein wenig weitergeführt hätte …

„Grüß dich, Gunnar“, sagte der Hexenmeister lächelnd und schlang seinen spindeldürren Arm jovial um den Stiernacken des Roadies. Mit der anderen Hand deutete er auf den munter vor sich hin blubbernden Zuber, aus dem sich schwere schwefelige Schwaden in die Lüfte erhoben. „Wir zelebrieren gerade ein riskantes heidnisches Experiment mit unbekanntem Ausgang.“ – „Okay“, sagte Gunnar. – „Wir möchten Raum und Zeit krümmen und uns auf diese Weise die ganze Erde Untertan machen.“ – „Ach so“, sagte Gunnar und kratzte sich am Hintern. – „Und dazu benötigen wird dich als unabhängige Testperson.“ – „Von mir aus“, meinte Gunnar achselzuckend. „Wo soll ich anfangen?“

Gunnar fühlte sich völlig entspannt. So leicht konnte ihn nichts mehr aus der Ruhe bringen. Er war schließlich Roadie! Er hatte viel gesehen – mehr als eines einfachen Mannes Augen eigentlich erblicken sollten. Er hatte vieles erlebt – mehr als die Seele eines Mannes für gewöhnlich ertragen kann. Und er hatte noch viel mehr am eigenen Leib mitgemacht – mehr als man einem einzigen menschlichen Körper vernünftigerweise zumuten sollte, selbst einem so wuchtigen wie dem seinen: Ausrastende Rockstars hatten ihn verprügelt und mit Bier übergossen; übermütige Fans hatten ihn mit Bier übergossen und verprügelt; von der Bühne fliegende Instrumente hatten ihn ebenso erwischt wie auf die Bühne fliegende Becher, Gläser, Flaschen, Schlüssel, Telefone und Waschbecken; tonnenschwere Trucks und bullige Bandbusse hatten ihn überrollt; einstürzende Bühnen und Partyzelte hatten ihn erschlagen; ungebändigte Verstärkerkabel hatten ihn umschlungen und beinahe erdrosselt; unzählige Stromschläge hatten ihn gebeutelt; bei der berühmt-berüchtigten Open-Air-Sause „Wagner versus Wahnsinnsmetal“ hatte ihn einmal sogar der Blitz gestreift (daher auch sein Spitzname „Der Blitzableiter von Bayreuth“); mehrere Male wäre er fast im Schlamm ertrunken, noch öfter im eigenen Erbrochenen; auch obskure Experimente mit exotischen Suchtmitteln waren ihm keineswegs fremd. Kurz: Er war einiges gewöhnt.

Daher zuckte Gunnar nicht einmal mit der geröteten Wimper, als ihn Roderich nun lapidar dazu aufforderte, doch bitte in den Bottich zu klettern. – „Nackt oder bekleidet?“, fragte er nur. – „Lass deine Kluft lieber an“, meinte der Hexenmeister vorsichtig, „die Suppe ist gut gewürzt.“
Ohne lang zu fackeln, schwang sich Gunnar in den Zuber und ließ sich, einer überdimensionalen Knackwurst gleich, in die warme, dampfende, stinkende Brühe gleiten, so als hätte er sein Lebtag lang nichts anderes getan. Tatsächlich hatte er einmal die populäre Kannibalen-Metal-Combo „Frischfleisch“ auf einer ihrer legendären Tourneen begleitet und dabei im Rahmen der Bühnenshow einen zentralen Part in einem Kupferkessel bekleidet (wenn auch unbekleidet). Von diesen praktischen Erfahrungen profitierte er nun.

„Gratuliere Gunnar, du bist wirklich ein hart gesottener Bursche“, scherzte Roderich und zwinkerte dem in der Ursuppe köchelnden Roadie noch einmal aufmunternd zu. Dann fassten sich der Hexenmeister, Uriella und die Schwarzen Jünger an den Händen und begannen mit geschlossenen Augen in einer Art von dämonischem Reigen um den Zuber herumzutanzen. Gleichzeitig stimmten sie einen fremdartigen, hypnotisch-polyphonen Singsang von unbeschreiblicher Düsternis an. Gunnar, der das eigentümliche Prozedere aus der Zuber-Perspektive heraus verfolgte, konnte spüren, wie ihn der unheimliche, zugleich betörende Rhythmus von Bewegung und Musik sanft erfasste und ihn langsam in einen tranceartigen Dämmerzustand hinüber gleiten ließ. Die betäubenden Dämpfe aus dem Zuber taten ein Übriges: Als die dreizehn Anti-Apostel zum krönenden Abschluss ihres Rituals das Vaterunser verkehrt herum aufsagten, war Gunnar bereits auf einer höheren Wahrnehmungs- und Erkenntnisebene angelangt.

Wie von sehr, sehr weit weg hörte er die Stimme des Hexenmeisters, der nun an den Rand des Zubers trat und ihm mit zeremonieller Geste eine goldene Schöpfkelle in die Hand drückte. „Das Elixier muss deinen Körper nun von innen und von außen gleichzeitig durchdringen“, erläuterte Roderich mit feierlichem Ernst. „Hör mir also gut zu und folge genauestens meinen Anweisungen: Als erstes wirst du nun einen kleinen Schluck von der Ursuppe trinken – sie aber im Mund behalten. Dann wirst du in den Bottich hinabtauchen, bis du vollständig unter Wasser bist. Erst dort wirst du hinunterschlucken – und danach sofort wieder auftauchen. Hast du verstanden? Du darfst nur unter Wasser schlucken! Keinen Augenblick früher oder später, unter gar keinen Umständen! Sonst kann das größte Unheil passieren. Also, bist du bereit?“

Gunnar hatte das Gesagte aufgrund des lauten Blubberns im Bottich, seiner berufsbedingten Schwerhörigkeit und seines leicht entrückten Geisteszustandes nur bruchstückhaft verstanden – aber als echter Roadie kannte er kein Nein. Also nickte er.

Und schon tauchte er die lange, elegant geschwungene Kelle in den unergründlichen Sud, in dem er selbst schwamm, und führte sie furchtlos an den Mund. Die Ursuppe schmeckte noch erbärmlicher, als es Konsistenz und Geruch nahe legten, aber selbst das focht Gunnar nicht an. Als Roadie war er mit Kräuterschnaps, Magenbitter und allerlei billigem Fusel groß geworden – er verfügte also über einen echten Saumagen. Natürlich tat er auch weiterhin, wie ihm geheißen, und tauchte nun selbst in die undurchsichtige Brühe hinab.

Unter Wasser bot sich ein unerwartet beschauliches Bild: Im gedämpften Licht, das von oben her durch die Wasseroberfläche drang, schimmerte die Ursuppe in einem milden, trüben Grün. Die weißen Bläschen stiegen empor wie Perlen an einer Kette. Ihr Gurgeln klang hier unten so beruhigend und vertraut wie das sanfte Murmeln eines Bächleins. Die ganze Stimmung und Szenerie war so friedlich und einlullend, dass sich Gunnar gedankenlos bis auf den Boden des Zubers hinabsinken ließ – wo er augenblicklich einschlief. Er wachte erst wieder auf, weil er keine Luft mehr bekam. In plötzlicher Panik ruderte und strampelte er wie wild, stieß sich nach oben ab und durchbrach mit letzter Kraft den erlösenden Wasserspiegel. Erst als er droben nach Luft schnappen wollte, bemerkte er, dass er unter Wasser etwas Wichtiges vergessen hatte – nämlich die Ursuppe zu schlucken.

Auch der Hexenmeister hatte es sofort bemerkt: „Unglückseliger“, rief er schrill und bis ins Mark erbleicht, „spei’ sie sofort wieder aus!“ Er schrie so laut, dass der Roadie trotz seiner umnebelten Sinne zusammenzuckte – und vor Schreck die Suppe verschluckte.
„In drei Teufels Namen“, brüllte da der Hexenmeister, außer sich vor Furcht und Zorn, „jetzt hast du es sogar noch schlimmer gemacht! Hast du auch nur die leiseste Ahnung davon, was nun mit dir geschehen wird?“ – „Nö“, sagte Gunnar wahrheitsgemäß. „Schätze, ich werd’ mich einfach überraschen lassen.“
– „Schweig, du Narr!“, stieß Roderich unter wildem Gestikulieren hervor. „Verstehst du denn noch immer nicht? Du bist verloren! Statt das Elixier für dich zu nützen, wird das Elixier nun dich benützen! Statt seine Kräfte zu kontrollieren, kontrolliert es die deinen! Du bist nichts anderes mehr als ein wehrloser Spielball von Zeit und Raum!“
– „Auweia“, sagte Gunnar betreten.
– „All das ist selbstverständlich auch mit unerträglichen körperlichen Schmerzen verbunden“, ergänzte der Hexenmeister mit düsterer Miene. „Kannst du sie schon spüren?“
– „Nicht wirklich“, sagte Gunnar leichthin.

Und tatsächlich – bis auf seine Benommenheit fühlte sich der Roadie blendend. „Mir dreht sich bloß alles“, dachte er gleich darauf verwundert, „seltsam, mir ist nämlich überhaupt nicht schwindlig.“ Es dauerte eine Weile, bis Gunnar herausfand, woran das lag: Ihm drehte sich alles –weil er selbst sich drehte!

Wie ein menschlicher Kreisel drehte sich Gunnar um die eigene Achse, immer schneller und schneller – das Wasser spritzte nur so aus dem Zuber hervor. Und in immer kürzeren Abständen sausten die Bilder am kreisenden Roadie vorbei: Roderichs zum Schrei verzerrtes Gesicht, Uriellas vor Schrecken geweitete Augen, die ungläubig staunenden Mienen der Jünger, die hölzernen Planken des Zauberzubers, der Kochlöffel, der Suppenschöpfer, …

Plötzlich begann sich auch die Ursuppe selbst zu drehen – allerdings in die entgegengesetzte Richtung, so dass Gunnars eigene Kreisbewegung wieder zum Stillstand kam. Ein riesiger Strudel formte sich nun rund um den Roadie und begann ihn mit unwiderstehlicher Gewalt in die Tiefe zu reißen. Gunnar versuchte gar nicht erst, der titanischen Sogwirkung standzuhalten – als Roadie wusste er, dass man manche Dinge einfach nicht ändern kann. In Jesus-Christus-Pose stand er da und ließ sich wortlos in den schlürfenden Schlund hinabziehen. Die aufgepeitschten Wassermassen schwappten mitleidlos über ihm zusammen.

Als Gunnar die Augen aufschlug, war er im Himmel – also auf einem Metalfestival.

Alles kam ihm bekannt vor: der höllische Lärm, der Schweiß, die strengen Ausdünstungen einer Menschenmasse, die lange Tage fernab von fließendem Wasser und anderen zivilisatorischen Errungenschaften verbracht hatte; hemmungsloses Gegröle und unverständliche Urlaute; primitive Behausungen, die jeder Bequemlichkeit spotteten; Männer mit langen, verfilzten Bärten und ungepflegtem Haar, mit wild wuchernder Körperbehaarung und archaischer Kriegsbemalung, bekleidet mit Fell und Leder, manche mit aufgerissenen Tiergebissen als Helm, andere mit Totenköpfen und heidnischen Symbolen um den Hals; Frauen mit Kreide-bleichen Gesichtern, mit ekstatisch entblößten Brüsten und kunstvoll eingeflochtenen Knöchelchen im Haar; Menschen, die ihre Notdurft verrichten, wo immer es ihnen gerade beliebte, nicht selten im Kollektiv ….
Ein typisches Metalfestival eben.

Für Gunnar war all das wirklich nichts Neues. So einen Schlagzeuger, der auf hohlen Schädeln einen hypnotischen Rhythmus trommelte, hatte er beispielsweise schon in den frühen 90ern gesehen, bei der in Fachkreisen unvergessenen Paläo-Metal-Band „Hansi und die Höhlenbären“. Menschen, die um ein Feuer herumtanzten, war Gunnar ebenfalls gewohnt – als Spezialist fand er die hier gezeigten Pyroeffekte sogar ziemlich lahm; und auch animalischen Sex, wie er in seiner Umgebung gerade rudelweise praktiziert wurde, hatte er im Backstage-Bereich oft genug miterlebt; von wüsten Schlägereien und dem exzessiven Konsum geheimnisvoller Kräuter ganz zu schweigen.
Nein, nichts deutete darauf hin, dass Gunnar mitten in einem Neandertaler-Clan gelandet war.

Der Rest der Story ist schnell erzählt: Irgendwann merkt Gunnar natürlich doch, dass er in der Urzeit gelandet ist – und nimmt diese Tatsache weitgehend emotionslos zur Kenntnis. Er ist schließlich Roadie. Und als solcher beherzigt er klarerweise auch die alte Roadie-Weisheit, wonach man immer das Beste aus einer Situation machen soll – gerade mit begrenzten Mitteln. Also führt Gunnar den Neandertalern seinen wilden Tätowierungen vor, seine teuren Lederstiefel und seine bärige Brustbehaarung. Er zeigt ihnen sein Zippo-Feuerzeug und seinen Siegelring mit dem fein gearbeiteten Totenschädel-Motiv. Er beeindruckt die Frauen, indem er mit Pfefferspray ein Mammut und sogar einen Säbelzahntiger zur Strecke bringt. Mit dem Dosenbier, das er glücklicherweise immer in seinem Jeansgilet mit sich führt, verhilft er dem ganzen Stamm zum ersten und einzigen alkoholischen Rausch. In kurzer Zeit schwingt er sich zum Medizinmann, politischen Führer und spirituellen Oberhaupt der Neandertaler auf.

Am Ende verwirklicht Gunnar seinen großen Traum – den Traum eines jeden Roadies: Er gründet seine eigene Band und bringt sie groß heraus. Mit seiner Kapelle – die als erste Metalband aller Zeiten in die Ur- und Frühgeschichte eingeht – absolviert er eine umjubelte Welttournee in allen damals bekannten und bewohnten Teilen unseres Planeten. Die Kritiker feiern ihn als unumstrittenen „König des Jäger- und Sammler-Metal“. Er erlebt wüste sexuelle Abenteuer, raucht viel gutes und manchmal auch weniger gutes Kraut, wendet sich irgendwann von seinem ausschweifenden polygamen Lebenswandel ab und zieht mit der Frau seines Lebens aufs Land (wohin auch sonst), um mit ihr eine Reihe dicht behaarter Nachkommen zu zeugen. Der Rest ist Geschichte.

Rudi, benimm dich! Oder: Keine Rückkehr des Tanzlehrers

doma

Ja, ich gestehe: Ich habe schon länger mit dem Gedanken gespielt, einen Tanzlehrer zu töten. Dass es gestern endlich dazu gekommen ist, hat keine besondere Bedeutung. Irgendwann wäre es ohnehin geschehen. Manche Dinge passieren einfach, früher oder später.

Dass es ausgerechnet den armen Thomas Schäfer-Elmayer erwischt hat, tut ebenfalls nicht viel zur Sache. Genau so gut hätte es jeden anderen von ihnen treffen können. Nun gut, ich gebe zu, er hatte einen Prominentenbonus. Hätte ich nur irgendeinen öligen Walzerheini aus Oberniedersimpelhofen unter die Erde gebracht, würde mir im Moment sicher nicht so viel mediale Aufmerksamkeit zuteil. Aber prinzipiell hatte der nette Herr Elmayer einfach Pech. Am gesamten Berufsstand der Tanz- und Benimmlehrer musste ein Exempel statuiert werden. Und er war das Exempel.

Auf die Öffentlichkeit mag meine Tat wie der heimtückische Mordanschlag eines Geisteskranken wirken. Aber glauben Sie mir: Ich bin im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte und so zurechnungsfähig, wie einer nur sein kann. Und ich hatte meine Gründe. Das kriminalpsychologische Gutachten wird Ihnen das eindrucksvoll bestätigen.

Wenn die Seelenklempner etwas von ihrem Job verstehen, werden sie aber auch herausfinden, dass ich innerlich beschädigt bin. Tief beschädigt. Und wie bei den meisten inneren Schäden liegt auch bei meinem die Wurzel in der Kindheit.

Als Bub war ich ein Lauser und Raufbold, wie er im Buche steht. Meinen ersten Spitznamen hatte ich von Tante Berta aus der Kinderkrippe: „Rotzpippn“. Und dabei war ich damals noch gar nicht in den Flegeljahren. Kurz gesagt: Ich war ein schwieriges Kind.
Und meine Eltern waren vollkommen überfordert. Sie hatten immer von einem stromlinienförmigen Mustersohn geträumt, einem, den man überall hin mitnehmen und bei jeder Gelegenheit aus der Tasche ziehen und vorführen kann. Einem, bei dem selbst wildfremde Passanten den unwiderstehlichen Drang verspüren, ihm den Kopf zu tätscheln oder ihn in sein pausbäckiges Gesichtlein zu kneifen. Meine Eltern wollten nicht mehr und nicht weniger als das, was halt normalerweise herauskommt, wenn man einen eitlen, karrierebewussten Kommunikationsberater mit einer ebenso oberflächlichen, geltungssüchtigen Innenraumgestalterin kreuzt: eine Mensch gewordene Cocktailparty aus dem Instant-Beutel, einen kleinen Aufsteiger, einen geborenen Siegertypen.
Leider habe ich ihren ausgeklügelten Zuchtplan völlig über den Haufen geworfen – und wurde stattdessen ein eigensinniges kleines Ungeheuer.

Sicher keine leichte Situation für zwei rückgratlose Cabriofahrer wie meine Eltern, die sich eigentlich nur einen kleinen, unkomplizierten Sonnenschein zulegen wollten, weil er so gut zum neuen Sofa gepasst und den hässlichen Leerraum zwischen Glastischen und Minibar einigermaßen effizient ausgefüllt hätte. Ich kann mir gut vorstellen, wie den beiden zumute war, als sie erkannten, was für einen widerborstigen Zwerg sie sich da ins Haus geholt hatten. Ein herzeigbarer Sohn ist so etwas wie eine rare Vinyl-Platte, die man sich an die Wand hängt, um Gäste zu beeindrucken. Eigentlich unschlagbar. Dumm ist nur, wenn die Platte ein paar hässliche Kratzer hat.

Wie gesagt, ich kann mich durchaus in die Lage meiner Eltern hineinversetzen. Sie müssen schwer gelitten haben, als sich das kalorienarme Lifestyle-Menü, das sie bestellt hatten, plötzlich als schwer verdaulicher Brocken entpuppte.
Aber gab ihnen diese Enttäuschung das Recht, mir meine Freiheit aus den Händen zu nehmen, meinen unruhigen Geist gewaltsam zu domestizieren und mich völlig umzuprogrammieren? Denn genau das war ihre Reaktion, der Plan B, den sie sich für mein Leben zurechtgelegt hatten. Und das Werkzeug dazu waren die Tanzlehrer.

Natürlich nicht sie allein. Ich hatte es neben den hauptberuflichen Hupfdohlen auch mit ganzen Heerscharen von Benimmlehrern, Privaterziehern und Society-Profis zu tun. Aber diese Knigge-Knechte waren letztlich alle vom selben Schlag: Schmierig wie die ranzige Pomade, die ihnen vom Scheitel tropfte, aufpoliert und gelackt wie ihre eleganten Halbschuhe und so glatt wie das gesellschaftliche Parkett, auf dem sie sich so gekonnt zu bewegen wussten.
Jede freie Minute verbrachte ich von nun an in der scheinbar so sanften und höflichen, aber gerade dadurch umso erbarmungsloseren Gewalt dieser wohlerzogenen Folterknechte. Und sie setzten vom ersten Augenblick meiner Zwangsausbildung bis zum letzten alles daran, mir meine Spitzbübereien vollständig auszutreiben, mir meine Flausen mit Putz und Stängel aus dem Kopf zu reißen, mich Schritt für Schritt gleichzuschalten und meinen zähen Willen zu brechen. Die Tanzfläche, ein Bootcamp.

Sie brachten mir bei, wie man richtig lebt, wie man richtig tanzt, wie man sich richtig kleidet, wie man richtig isst, wie man richtig spricht, wie man richtig sitzt, wie man richtig steht, wie man richtig geht, wie man richtig atmet, wie man das Kunststück vollbringt, jemandem Honig ums Maul zu schmieren, während man gleichzeitig an der gegenüberliegenden Körperöffnung um Einlass bittet – und wie man sich unauffällig übergibt, wenn einem das alles zu viel wird.

Und was das Schlimmste ist: Sie hätten es fast geschafft. Manchmal ertappte ich mich schon dabei, wie ich in ihren Kategorien zu denken begann. Viel hätte wohl nicht mehr gefehlt und ich hätte plötzlich selbst daran geglaubt, dass der ganze soziale Drill, die ganzen willkürlichen Benimmregeln und gesellschaftlichen Codes irgendeine tiefere Bedeutung hätten, irgendwie sogar richtig und wichtig seien. Ich war kurz davor, die unfassbare Oberflächlichkeit, abgrundtiefe Lächerlichkeit und bodenlose Bedeutungslosigkeit dieser ganzen anerzogenen Verhaltensmuster und so genannten „feinen Manieren“ nicht mehr zu hinterfragen. Ich fing beinahe an, in der ganzen Sache einen Sinn zu sehen – und was noch viel schlimmer ist – Spaß daran zu haben. Fast hätten die Gehirnwäsche und Bussi-Bussi-Propaganda meiner Erzieher bei mir verfangen, fast hätte ich ihre rosarote Brille gegen mein wirkliches Leben eingetauscht. Aber nur fast.

Irgendwo tief in mir gab es noch eine klitzekleine Stelle, die vom jahrelangen Prosecco-Missbrauch, Smalltalk-Terror und hohlem Society-Gesülze keine bleibenden Schäden davongetragen hatte, ein kleines gallisches Dorf, das unerbittlichen Widerstand gegen die so genannte „Zivilisation“ leistete, eine winzige Zelle im Gehirn, die noch nicht vollständig mit heißer Luft gefüllt war. Dafür hatte sie sich leider nach und nach mit etwas anderem aufgeladen: Mit unerbittlichem Hass.

Von der ersten Keimzelle aus breitete sich der Hass langsam, aber unaufhaltsam in mir aus, wie eine schleichende Seuche – bis ich eines Tages, Jahre nach dem Ende des letzten Umerziehungslagers, mit dem unstillbaren Bedürfnis aufwachte, Rache zu nehmen. Mir schwebte ein ganz einfaches Tauschgeschäft vor: Meine verlorene Kindheit gegen das Leben eines Tanzlehrers.

Den grundsätzlichen Mordgedanken hatte ich also gefasst. Aber wie sollte ich es anstellen? Ein Bombenattentat erschien mir grundsätzlich nicht unattraktiv. Aber die Gefahr, dass dabei Zivilisten – also Nicht-Tanzlehrer – zu Schaden kommen könnten, brachte mich rasch wieder von dieser Idee ab. Auch die Vorstellung, einem Tanzlehrer einen giftigen Skorpion in die Lackschuhe zu stecken, hatte durchaus ihren Reiz. Die konkrete Umsetzung erschien mir dann allerdings zu kompliziert – und letzten Endes auch zu eklig. Nein, meine Tat musste, dem noblen Ziel entsprechend, zumindest einigermaßen stilvoll und elegant über die Bühne gehen. Also traf ich den Entschluss, meinen Gegner mit den eigenen Waffen zu schlagen.

Mein Plan war ebenso schenial wie subversiv: Ich räumte mein gesamtes Bankkonto leer, quartierte mich für einige Wochen im Wiener Nobelhotel „Bristol“ ein – und besuchte die exklusive „Meisterklasse für gehobenen Gesellschaftstanz und gutes Benehmen“ in der berühmten Tanzschule Elmayer.
Einschlägige Vorkenntnisse brachte ich aufgrund der jahrelangen nachmittäglichen Internierung in Tanzkursen, Benimmseminaren und Sonntagsschulen mehr als genug mit. Ob Linkswalzer, Slowfox oder zünftige Polkas, ob feines Dinieren oder lockere Konversation, ich hatte alles im Repertoire. Besonders meine überragenden Fähigkeiten in den Kernfächern des unverbindlichen Plauderns und professionellen Einschleimens brachten mir schon bald den tiefsten Respekt von Tanzschulbesitzer Thomas Schäfer-Elmayer ein. Ich wurde zu seinem Lieblingsschüler, zu seinem vorbildlichsten Zögling, ja, der Tanzlehrer begann fast so etwas wie väterliche Gefühle für mich zu entwickeln. Und genau das war mein Ziel.

Irgendwann hatte ich ihn dann genau dort, wo ich ihn wollte: Am Abend nach der abschließenden Benimmprüfung – die ich selbstverständlich mit ausgezeichnetem Erfolg gemeistert hatte – nahm mich Thomas Schäfer-Elmayer beiseite. „Rudolph“, sagte er in feierlichem Tonfall, „Sie sind in den letzten Wochen fast so etwas wie ein Sohn für mich geworden. Daher wird Ihnen nun die größte Ehre zuteil, die ich je einem meiner Zöglinge habe angedeihen lassen: Sie dürfen an einem Abendessen im Kreise meiner Familie und meiner engsten Freunde teilhaben. Ein perfekter Galan wie Sie wird unser kleines Diner mit Sicherheit bereichern.“ Mit gespielter Dankbarkeit und geheuchelter Rührung – das war geradezu meine Paradedisziplin – nahm ich sein großzügiges Angebot an. Und lachte mir dabei heimlich ins Fäustchen.

Am Abend des großen Galadiners im Hause Elmayer hatte der Himmel all seine Schleusen geöffnet. Eisregen prasselte in großen Tropfen auf die Wienerstadt herab. Da ich absichtlich keinen Regenschirm bei mir trug, war ich bereits einigermaßen durchnässt, als ich die elegante Jugendstilvilla im Zentrum von Döbling erreichte. Ich hatte mich bewusst ein wenig verspätet. Die anderen Gäste waren bereits eingetroffen, ihre Jaguars, Bentleys und anderen Luxuskarossen reihten sich vor dem Elmayer’schen Anwesen aneinander. Ich lehnte mein altes Damenfahrrad gegen einen Aston Martin und durchmaß ohne große Eile die perfekt gepflegten Gartenanlagen.

Nachdem ich den Klopfer in Gestalt eines goldenen Löwenkopfes betätigt hatte, öffnete ein Lakai in schwarzer Livree die prunkvolle Doppelflügeltür. „Sie wünschen?“, fragte er im näselnden Tonfall eines altösterreichischen Hofbeamten und maß mich mit kaum verhohlener Geringschätzung. Was ihn an meiner triefenden Gesamterscheinung am meisten störte, war schwer zu sagen: Waren es die feuchten Flecken auf meiner deutlich zu kurzen Hose, die weißen Tennissocken, die darunter hervorlugten, die braunen Schlammspritzer, mit denen mein viel zu weiter Frack gesprenkelt war, oder doch die dicken Wassertropfen, die an der Krempe meines verbeulten Zylinders hingen?

„Ich bin zum Abendessen verabredet“, sagte ich entspannt, während ich den roten Teppich vor der Eingangstür als Fußabstreifer nutzte. „A so?“, meinte der Lakai spöttisch. „No, wenn des so is, dann wern S’ ja auch eine Einladung bei Ihnen tragen, ned woahr?“ Nachdem ich zu seiner Überraschung tatsächlich einen zerknitterten Zettel aus meiner mit allerlei Krimskrams vollgestopften Hosentasche zu Tage gefördert hatte, ließ mich der Diener mit allen Anzeichen von Widerwillen eintreten. Seine Bitte, ich möge doch wenigstens meine, wie er es ausdrückte, „nässende Kopfbedeckung“ an der Garderobe abgeben, ignorierte ich geflissentlich. Ohne den munter vor sich hin tropfenden Zylinder vom Kopf zu nehmen, gelangte ich in eine luxuriöse Vorhalle und trat von dort in den mit Marmor und Edelholz ausgekleideten Salon ein.

Eine süßliche Wolke aus teurem Parfum und zwangloser Unterhaltung schlug mir entgegen. Das Champagnisieren war bereits in vollem Gange. Damen in wallenden Abendkleidern und Herren in feinem Zwirn standen oder tänzelten um kleine Tischchen herum, bildeten plaudernde Grüppchen, schlürften Champagner und Prosecco aus langen Sektflöten und prosteten einander kichernd zu. Wer gerade nicht damit beschäftigt war, launige Bemerkungen wie „Stößchen!“ oder „Sehr zum Wohle“ von sich zu geben, zupfte mit spitzen Fingern Lachsbrötchen und andere Horsd’oeuvres von den Silbertabletten, die von hübschen Serviermädchen und zuvorkommenden Butlern geschickt durch den Salon balanciert wurden.

Als die versammelte Gesellschaft meiner angesichtig wurde, war es, als hätte jemand einen Schalter umgelegt. Das Gläserklirren verstummte, der Smalltalk verebbte und jegliche Bewegung schien auf einmal wie eingefroren. Alle Blicke richteten sich auf die tropfende Gestalt mit dem eingedellten Zylinder, die da plötzlich mitten im Raum stand.

„Servus“, sagte ich beiläufig und steuerte, ohne die Anwesenden eines weiteren Blickes zu würdigen, auf eine der Servierdamen zu. „Jetzt gieße ich mir erstmal einen hinter die Binde“, erklärte ich der verdutzten Dame, angelte mir zwei Champagnergläser von ihrem Tablett und kippte sie nacheinander hinunter, ohne abzusetzen. Genießerisch wischte ich mir mit dem Handrücken über den Mund, als hätte ich gerade einen kräftigen Schluck aus einem Weißbierhumpen genommen. „Heißen Dank“, sagte ich dann und drückte die leeren Gläser einem wildfremden Gast in die Hand. Meine nassen Schuhe quietschten und quatschten bei jedem Schritt und zogen eine graubraune Spur quer über den blank polierten Parkettboden.

Wie die gesamte Gästeschar hatte auch der Hausherr meinen Auftritt mit sprachlosem Entsetzen verfolgt. Doch nun löste sich Thomas Schäfer-Elmayer aus seiner Erstarrung und schlüpfte blitzartig in die Rolle des perfekten Gastgebers. Mit ein paar schnellen Schritten war er bei mir. „Wie schön, dass Sie hier sind, mein lieber Rudolph“, rief er herzlich und schüttelte mir vorschriftsgemäß die Hand. „Und dass Sie uns alle gleich mit einer derart perfekt choreographierten Showeinlage überrascht haben.“ Er zwinkerte mir verschwörerisch zu. – „Ich habe keine Ahnung, wovon Sie reden“, antwortete ich und bemühte mich, dabei möglichst ernst und verständnislos zu klingen.

Thomas Schäfer-Elmayer lächelte mir gütig zu. „Wie Sie sehen, meine Damen und Herren“, wandte er sich dann in die Runde, „ist unser Herr Rudolph ein Mann mit vielen Gaben. Mit seinem sprühenden Esprit, seinem entwaffnenden Charme und seinen eben offenbarten schauspielerischen Talenten ist dieser Tausendsassa ein Gewinn für jede Abendgesellschaft.“
Ein Aufatmen ging durch die Gästeschar, die bedrückende Stille machte befreitem Gelächter Platz.

Diesen Augenblick der Entspannung nützte Thomas Schäfer-Elmayer, um mich kurz beiseite zu nehmen: „Dieser Scherz ist Ihnen gelungen“, meinte er mit väterlicher Milde, „aber dürfte ich Sie nun dennoch darum bitten, abzulegen?“ Sichtbar angewidert deutete er auf meinen abgewetzten Zylinder. „Wo haben Sie diese alte Kreissäge überhaupt aufgetrieben?“ – „Diesen Zylinder habe ich auf der Weg zur U-Bahn einem obdachlosen Ziehharmonikaspieler gestohlen“, antwortete ich wahrheitsgemäß und so laut, dass es alle Anwesenden hören konnten.
„Was Sie nicht sagen“, meinte der Tanzlehrer mit gespieltem Ernst. „Einem Obdachlosen, wie? Sie sind mir aber ein Schelm. Köstlich, köstlich“. – „Sie glauben mir nicht?“, rief ich empört. „Sehen Sie her.“

Im Stile eines pitschnassen Köters oder eines Headbangers auf einem „Maiden“-Konzert begann ich meinen Kopf hin und her zu beuteln. Wie ein dreckiger Sprühregen aus einem dysfunktionalen Rasensprenkler ergossen sich die öligen Wassertropfen von der Krempe meines Zylinders über die Umstehenden, begleitet von einem wahren Sturzbach aus Zehn-Cent-Stücken und anderen Münzen, die mit lautem Geprassel aus dem Zylinder hervorrieselten und sich kullernd im ganzen Raum verteilten.

Der Hausherr und seine Gäste sahen mich bestürzt an. „Eine solche Huterfahrung habe ich ja mein Lebtag noch nicht gemacht“, zischte eine ältere Dame missbilligend, während ich über den Boden robbte, um die Münzen wieder einzusammeln. Als ich ebendiese Dame mit ausgesuchter Höflichkeit darum bat, kurz ihre Abendrobe lüften zu dürfen, um den darunter liegenden Boden in Augenschein zu nehmen, schritt der Tanzlehrer ein.

„Kompliment, Sie fallen nicht aus der Rolle“, meinte Schäfer-Elmayer, der nach wie vor einigermaßen gefasst wirkte, „dennoch wäre ich Ihnen sehr verbunden, wenn Sie sich jetzt wie ein echter Gentleman kurz vom Boden erheben könnten.“ Als ich keine Anstalten machte, seiner Aufforderung Folge zu leisten, winkte der Tanzlehrer einen kräftigen Domestiken herbei, der mir mit einer gleichermaßen kraft- wie würdevollen Bewegung auf die Beine half und mir nach einem weiteren Zeichen von Schäfer-Elmayer mit sanfter Gewalt den Zylinder entwand. „Wenn Sie das bitte entsorgen könnten“, wisperte ihm der Tanzlehrer gedämpft zu, worauf sich der Lakai ebenso gravitätisch und lautlos zurückzog, wie er gekommen war, meinen Zylinder wie einen Topf voll übelriechender Kohlsuppe mit weit ausgestreckten Armen vor sich hertragend.

„Und Sie, mein Lieber“, meinte Schäfer-Elmayer dann in meine Richtung, „könnten sich vielleicht noch ein wenig frisch machen, bevor ich Sie den anderen Gästen vorstelle.“ Er deutete auf meine feucht schimmernden, vom Zylinder platt gewalzten Haare, die mir in unansehnlichen Strähnen ins Gesicht hingen.
– „Wenn ich mir den Altersschnitt hier drinnen ansehe“, antwortete ich verächtlich und deutete auf einige gesetztere Damen und Herren in der Runde, „dann fühle ich mich frisch genug. Aber was anderes, guter Mann“, fuhr ich in völlig verändertem Tonfall fort und legte Schäfer-Elmayer kumpelhaft den Arm um den Hals, „wo bekommt man denn bei Ihnen was Anständiges zu spachteln? Ein kleines Hüngerchen hätte ich nämlich schon mitgebracht.“
– „Nun …“, meinte Schäfer-Elmayer gedehnt, während er sich eilig aus meiner Umarmung herauswand, „das Souper wird bald aufgetragen. Warum bedienen Sie sich einstweilen nicht einfach bei unseren köstlichen Amuse Geules?“ Mit einem anmutigen Fingerschnippen deutete er einer Servierdame, die prompt mit einem Silberteller voll Kaviarbrötchen, Spießchen und Rohköstchen herbeigeschwebt kam, während sich Elmayer auf ebenso leisen Sohlen entfernte. Offensichtlich glaubte der Tanzlehrer, mich auf kulinarischem Wege eine Weile ruhig stellen zu können.

Ich beäugte die mundgerechten Häppchen mit allen Anzeichen von Misstrauen. „Was’n das für Zeug?“, fragte ich lauernd, ohne etwas anzurühren. – „Ein kleiner Gruß aus der Küche“, replizierte das Serviermädchen artig, „leichte Gaumenfreuden zum Aperitif.“
– „Na, woll’n mal sehen“, murmelte ich barsch, griff widerwillig nach einem Käsespießchen mit Traube und schob es mir samt Zahnstocher in den Mund. Eine Weile kaute ich mit deutlich vernehmbarem Krachen auf dieser ungewöhnlichen Mischung herum, bevor ich den Brei aus Speiseresten und Sägemehl angewidert in ein Taschentuch spuckte. „Den Gaumen möchte ich sehen, der sich über so was freut“, schnauzte ich die arme Bedienstete an, die das ungustiöse Schauspiel mit weit aufgerissenen Augen verfolgt hatte. Dann rollte ich mein gefülltes Sacktuch zusammen, verschnürte es kunstvoll und stellte es neben die anderen Köstlichkeiten aufs Tablett zurück. „Gruß in die Küche“, rief ich grinsend, während die Servierdame fluchtartig das Weite suchte.

Da sich Thomas Schäfer-Elmayer gerade einem weit entfernt stehenden Grüppchen zugewandt hatte, sah ich mich dazu gezwungen, mich bei den anderen Besuchern auf eigene Faust vorzustellen. Mit einem Gläschen Schaumwein in jeder Hand steuerte ich wahllos einen der Stehtische an und gesellte mich zu den dort versammelten Gästen. „Grüß euch, ich bin der Rudi“, sagte ich in möglichst unbedarftem Tonfall, schlürfte lautstark ein Glas Schampus hinunter und streckte dann dem nächstbesten Gast in unsagbar penetranter Weise die frei gewordene Hand entgegen. Der betreffende Herr, allem Anschein nach ein Grandseigneur alter Schule, wirkte zwar peinlich berührt, war aber dennoch zum Schütteln meiner ungewaschenen Pranke bereit. Ich aber zog im letzten Augenblick meine Hand zurück – und fuhr mir stattdessen genießerisch durchs Haar, ein patentierter Move, den ich schon seit Volksschulzeiten nicht mehr eingesetzt hatte. „Ha, ha, reingefallen“, kicherte ich, um größtmögliche Infantilität bemüht, und drehte dem entsetzten Herrn eine lange Nase, als sei ich einer Wilhelm-Busch-Geschichte entsprungen. Thomas Schäfer-Elmayer blickte vom anderen Ende des Salons alarmiert zu uns herüber.

Ich, nicht faul, machte mich gleich ans nächste Grüppchen heran, eine Runde distinguierter Damen jenseits der 50, die plaudernd in einem Halbkreis standen. Mit einem großen Sprung platzte ich, einem Laubfrosch nicht unähnlich, mitten in die Gruppe hinein. „Hoch mit den Gläsern, Mädels“, krähte ich fröhlich und fuchtelte unkontrolliert mit meiner Sektflöte herum. Die feinen Ladys zuckten erschrocken zusammen und wandten sich dann pikiert von mir ab. „Um Himmels willen, hat der Mensch denn gar keine Manieren?“, entfuhr es einer von ihnen. „Allein wie er herumläuft! Sie, sind ja immer noch völlig nass!“ – „Darum trinke ich ja Henkel trocken“, gab ich glucksend zurück und brach über meinen eigenen Kalauer in schallendes Gelächter aus. Die Damen schwiegen eisig.

„Na gut, wenn Sie meinen …“. Mit gespieltem Schmollen stellte ich mein halbvolles Sektglas am Tischlein ab, packte meine durchweichte Krawatte und begann, sie in das Gläschen auszuwringen. „So, Sie sind Sie jetzt zufrieden?“, fragte ich gehässig und genehmigte mir einen kräftigen Schluck von der trüben Brühe.
„Mein Gott“, stieß eine der Frauen tonlos hervor. Ihre noble Blässe war noch um einiges nobler geworden. Eine zweite Dame bedeckte ihre Augen, um meinen Anblick nicht länger ertragen zu müssen. Alle schienen ernsthaft gegen eine Ohnmacht – oder gegen den Brechreiz – anzukämpfen.

„Wenn Ihnen das auch nicht passt, dann leihen Sie mir wenigstens den hier“, raunzte ich ungnädig und zeigte auf einen edlen Zwergpudel mit wollig-weißen Locken, der aus dem Handtäschchen einer Dame hervorlugte. „So ein lebendes Frotteetuch wollte ich schon immer mal ausprobieren.“ – „Unterstehen Sie sich!“, kreischte Frauchen empört. „Wenn Sie meiner kleinen Eufemia auch nur ein Haar krümmen …“ Sie ballte drohend ihre behandschuhte Faust.
– „Na, na, na“, sagte ich beschwichtigend, „dann lassen Sie Ihre Fußhupe halt stecken. Jetzt wollen wir erst mal einen heben.“ Ungerührt reckte ich mein Glas. „Und jetzt alle gemeinsam: Drei-zwo-eins: Zur Mitte, zur Titte, zum Sack, ZACK-ZACK!“

Das nicht eben lyrische „ZACK-ZACK“ hatte ich bewusst so laut gebrüllt, dass es der ganze Saal – also auch Schäfer-Elmayer – gehört haben musste. Und tatsächlich kam der Tanzlehrer nun quer durch den Raum auf mich zugestürmt. Ein leichter Anflug von Zornesröte lag auf seinem gepuderten Antlitz. „Rudolph“, presste er mühsam beherrscht hervor, „hätten Sie wohl die Ehre, einen Augenblick mit mir zu kommen?“ – „Klar, wieso nicht?“, entgegnete ich freundlich. „Obwohl ich es, mit Verlaub, nicht sehr höflich von Ihnen finde, dass Sie mich mitten aus einer so angeregten Konversation herausreiß—“. – „Kommen Sie, verdammt noch mal!“, fauchte Schäfer-Elmayer – so laut und aggressiv, dass ihm die umstehenden Gäste erschrockene Blicke zuwarfen. Einige begannen zu tuscheln.

Der Tanzlehrer, dem sein kleiner Auszucker sichtlich peinlich war, schaltete prompt auf Strahlemann zurück und pappte sich sein gewinnendstes Dr.-Best-Lächeln aufs Gesicht. Freundschaftlich hakte er sich bei mir unter und geleitete mich mit sanftem Zwang in eine ruhigere Ecke des Salons. „Ich weiß nicht, wie lange Sie ihr kleines Spielchen noch weitertreiben wollen“, stieß er leise zwischen zusammengepressten Grinsezähnen hervor, während ich neben ihm her zuckelte wie sein abgehalfterter Zwillingsbruder. „Aber wenn Sie glauben, dass ich Sie einfach expedieren werde, dann haben Sie sich geschnitten. Diese Schmach werden Sie mir nicht zufügen! Ein Thomas Schäfer-Elmayer wirft keine Gäste hinaus. Wer in der Casa Elmayeri zu Gast ist, der benimmt sich! Ob er will oder nicht. Dieses eherne Gesetz werden auch Sie nicht zu Fall bringen. Ab jetzt behalte ich Sie in meiner Nähe.“ Sein Griff schloss sich fester um meinen Arm. „Da vorne steht meine Gattin“, wisperte er. „Ich werde Sie nun bekannt machen. Und ich gehe davon aus, dass Sie wissen, was Sie zu tun haben.“ – „Seien Sie unbesorgt“, sagte ich lächelnd.

Wir näherten uns einer eleganten Dame in den besten Jahren, die in einem ausgesprochen aparten schwarzen Abendkleid an der Tür zum Speisezimmer stand. „Traute Agathe“, säuselte der Tanzlehrer mit seinem sonoren Bariton, „darf ich dir einen besonders lieben Gast vorstellen? Das ist Herr Rudolph, mein vorbildlichster Zögling. Rudolph, das ist meine liebe Ehefrau Agathe.“ – „Aha“, sagte ich teilnahmslos. Elmayer stieß mich unauffällig in die Seite. „Na gut, dann halt: Angenehm“, maulte ich lustlos und hielt der Dame des Hauses meine schlaffen Griffel entgegen. „Doch nicht so“, raunte mir der Tanzlehrer ins Ohr, „machen Sie gefälligst einen ordentlichen Diener“. – „Wieso ich?“, fragte ich so laut, dass es auch Agathe nicht überhören konnte, „soll sie doch erst einen Knicks machen.“ – „Sie wissen genau, dass man einen Knicks nur vor höhergestellten Persönlichkeiten macht“, zischte Schäfer-Elmayer, „also los, bewegen Sie endlich Ihre Birne nach unten.“ – „Ich kann nicht, ich habe es doch im Kreuz“, jammerte ich und warf der Dame des Hauses Mitleid heischende Blicke zu.

Der Tanzlehrer schnaubte empört, doch seine Gemahlin tätschelte ihm beruhigend die Schulter. „Sei nicht streng mit dem jungen Mann“, sagte sie huldvoll, „ich werde mich für heute auch mit einem Handkuss zufrieden geben.“ Mit einer graziösen Bewegung streckte sie mir ihre schlanke Hand entgegen. Ich betrachtete die mit Ringen und Armreifen bewehrte Extremität wie einen extraterrestrischen Tentakel und machte keine Anstalten, sie zu ergreifen, geschweige denn, dem Kussauftrag nachzukommen. „Nun machen Sie schon“, fuhr mich der Tanzlehrer unterdrückt an, „Sie haben es doch gehört.“

Ich seufzte schicksalsergeben. „Na dann mal her mit der Pfote“, murmelte ich und zog den ausgestreckten Arm unsanft in meine Richtung. „Ich hoffe, Sie halten etwas auf Hygiene“. Mit diesen charmanten Worten ließ ich meine geschürzten Lippen ungestüm auf Agathes Handrücken prallen. Und in dieser Stellung verharrte ich. Die Sekunden verflogen nur so. Nach einiger Zeit hörte ich, wie Schäfer-Elmayer sich räusperte. „Äh, Sie dürfen jetzt wieder loslassen“, flüsterte er. Ich aber dachte nicht daran. Ich konnte spüren, wie Agathens Hand unter meinen Lippen immer unruhiger wurde und versuchte, meinen Kussmund abzuschütteln. Doch ich hatte mich bereits festgesaugt wie ein Aal. Erst als mir Schäfer-Elmayer unsanft auf die Zehen trat, ließ ich von seiner Frau ab.

Agathe, die ihrer Rolle als souveräner Gastgeberin mit bewundernswerter Geduld treu blieb, tat, als sei nichts geschehen. „Ich habe schon viel von Ihnen gehört“, sagte sie freundlich, und massierte verstohlen das kreisrunde Kussmahl auf ihrem Handrücken. „Mein Gatte hat so oft von Ihnen erzählt.“ – „Tatsächlich?“, gab ich ruppig zurück. „Ich habe von Ihnen noch nie etwas gehört. Ihr Gatte hat Sie kein einziges Mal erwähnt.“
– „Thomas, ist das wahr?“, rief Agathe empört und maß ihren Gemahl mit einem strafenden Blick. – „Was für ein Unfug“, antwortete der Tanzlehrer aufbrausend, „du weißt doch ganz genau, dass ich bei jeder Gelegenheit in den höchsten Töne von dir —“. – „Du brauchst gar nicht laut mit mir zu werden, Thomas“, unterbrach Agathe schnippisch, „wir können dich alle sehr gut verstehen.“
– „Wissen Sie“, schaltete ich mich wieder ein, „manches Mal hatte ich bei den Kursen den Eindruck, dass Ihr Gatte im Allgemeinen kein gesteigertes Interesse an Frauen —“. – „Jetzt reicht’s mir aber“, fuhr mir Schäfer-Elmayer zornig über den Mund, „Sie werden sich auf der Stelle bei meiner Gattin entschuldigen.“ – „Wieso?“, fragte ich achselzuckend, „ich habe doch Sie beleidigt, Herr Elmayer“.

Gegen jede Etikette verstoßend, packte mich der Tanzlehrer an der Schulter, und holte mit der anderen Hand zum Schlag aus. Im letzten Moment besann er sich seiner guten Manieren, ließ den Arm wieder sinken und zupfte sich den verschobenen Kragen zurecht. Er atmete tief durch.
„Nun gut“, sagte er dann und bemühte sich, einigermaßen versöhnlich zu klingen, „ich werde diesen kleinen … Fauxpas noch einmal vergessen. Aber nur, wenn Sie sich augenblicklich am Riemen reißen und sich endlich benehmen wie ein Mann von Welt.“
– „Wenn Sie auf so was abgehen, okay“, erwiderte ich kulant. „Womit soll ich anfangen?“

– „Nun, als erstes könnten Sie der Dame des Hauses ein kleines Kompliment machen“, erklärte Schäfer-Elmayer, „so wie es sich in einem bürgerlichen Haushalt geziemt.“
– „Ich kann es ja mal versuchen“, sagte ich und begann Agathe langsam von Kopf bis Fuß zu mustern, wie ein Schneider, der Maß nimmt. „Hmm, gar nicht so einfach“, murmelte ich nach einer Weile und legte die Stirn in Falten. „Nun, Agathe“, sagte ich dann höflich, „zu Ihrer oberen Körperhälfte will mir im Moment nichts Rechtes einfallen. Und zu Ihren Beinen möchte ich mich in der Öffentlichkeit nicht äußern“. Ich legte eine kunstvolle Pause ein und sah dem Ehepaar Elmayer beim Erbleichen zu. „Aber“, fuhr ich dann feierlich fort, „was mir saumäßig imponiert, ist, dass Sie ungeachtet ihres schon etwas gesetzteren Alters – als Kavalier weiß ich, dass man eine Dame nicht nach Ihrem Geburtsdatum fragt, aber mit den Fünfziger Jahren dürfte ich wohl nicht so weit daneben liegen – dass Sie also trotz ihrer fortgeschrittenen Jahre immer noch einen derart prächtigen Knackarsch vorweisen können. Ich darf die Gelegenheit nützen, Ihnen dazu in aller Form zu gratulieren.“

Agathe und ihr Gatte waren sprachlos. Daher konnte ich unverdrossen fortfahren: „Erlauben Sie mir eine Frage, liebe Agathe“, sagte ich galant, „ist bei Ihnen eigentlich alles Natur? Oder hat an der einen oder anderen Stelle doch der liebe Onkel Doktor nachgeholfen? Keine Sorge, mir gegenüber können Sie ganz unbefangen sein. Ich kann ein Geheimnis für mich behalten.“ Ich vollführte eine Geste, als ob ich mir die Lippen zunähen würde.

Die Elmayers standen immer noch da wie vom Donner gerührt. „Ah, bevor ich es vergesse“, rief ich, um das unangenehme Schweigen zu durchbrechen, „ich habe Ihnen ein kleines Präsent mitgebracht.“ Ich begann, in meinen ausgebeulten Fracktaschen herum zu wühlen. „Wo habe ich sie bloß …“, brummte ich, während ich gebrauchte Taschentücher, leeres Kaugummipapier und ausgelutschte Apfelsinenkerne über den Boden verstreute. „Ah, da ist sie ja!“ Würdevoll zog ich eine durchaus lädierte Schachtel Pralinen aus der Tasche und brachte sie Frau Elmayer mit einigem Stolz dar. Agathe würdigte die armselige Ansammlung keines Blickes, schien aber etwas erwidern zu wollen.

„Nein, nein“, schnitt ich ihr großzügig das Wort ab, „Sie brauchen mir nicht zu danken. Ich musste mich für diese kleine Leckerei nicht in Unkosten stürzen. Sie stammt aus dem SW-Feinkostladen. S wie Schlecker, W wie Wühlkiste. Sie wissen schon: Verfallsdatum abgelaufen, Ware in Ordnung. Da musste ich gleich an Sie denken.“ – „Wie schön“, sagte die Gastgeberin indigniert.

– „Sie müssen verzeihen, dass ich bereits zugegriffen habe“, erläuterte ich unter Hinweis auf die halb leere Packung, „aber bei Süßem kann ich einfach nicht widerstehen. Ich bin nun mal eine rechte Naschkatze. Aber probieren Sie doch selbst.“ Ungeschickt fingerte ich eine leicht deformierte Schokokugel hervor und ließ das traurige Konfekt vor Agathes Nase tanzen. „Mund auf, Augen zu“, flüsterte ich verführerisch. – „Eher sterbe ich“, sagte Agathe ausdruckslos.
– „Ich könnte auch für dieses Zuckerwerk sterben“, sagte ich verträumt und begann die Pralinen genussvoll in mich hineinzustopfen. „Mmm, die sind aber wirklich schmackhaft …“.
Ungustiös mampfend trat ich auf Schäfer-Elmayer zu, der noch immer neben seiner Frau stand wie zur Salzsäule erstarrt. „Hauen Sie rein, alter Junge“, sagte ich freundschaftlich und wischte mir über den schokoladeverschmierten Mund, „was Besseres werden Sie in diesem Haus nicht kriegen.“

In diesem Moment fuhr wieder Leben in den Tanzlehrer. Mit einem unerwarteten rechten Haken schlug er mir die Pralinenschachtel aus der Hand – seine Augen funkelten vor Zorn und grimmiger Entschlossenheit.
„Ein Schäfer-Elmayer muss sich so etwas nicht bieten lassen“, knurrte er bedrohlich. „Nicht von einem armseligen Anarcho-Früchtchen wie Ihnen. Ich sitze am längeren Ast – und am höheren. Agathe!“ Seine Gattin, immer noch leicht weggetreten, schlug erschrocken die Hacken zusammen. „Lass’ sofort die Suppe auftragen. Wir fahren programmgemäß fort.“
Auch Frau Elmayer schien auf einmal wieder von gesellschaftlicher Energie durchpulst. Ohne mich eines weiteren Blickes zu würdigen, klatschte sie ein paar Mal in die Hände, bis sich das Personal um sie geschart hatte und begann, im Kommandoton Anweisungen auszugeben.

Der Tanzlehrer wandte sich derweil wieder an mich. „Machen Sie ruhig so weiter“, flüsterte er mir in einem Tonfall großbürgerlicher Herablassung ins ungewaschene Ohr. „Wenn Sie glauben, damit irgendetwas bezwecken zu können, bitte. Doch wenn Sie das tun, müssen Sie eine Kleinigkeit einkalkulieren“, seine Stimme klang plötzlich klirrend kalt, „nämlich, dass ich Sie vernichten werde. Sie wissen, ich bin ein Mann von Welt. Ich habe Beziehungen, Kontakte, Netzwerke, von denen Sie nicht einmal etwas ahnen. Wie sollten Sie auch? Sie sind ja nicht gesellschaftsfähig. Also glauben Sie mir: Ich könnte Sie im Handumdrehen sooo klein machen, mit Zylinderhut. Anders formuliert: Wenn Sie mein Haus heute Abend in Unfrieden verlassen, werden Sie in diesem Land nie wieder einen Fuß auf den Boden bekommen.“ Bei diesen Worten betrachtete er voll Abscheu meine Bergschuh-ähnlichen Quadratlatschen. „Ist Ihnen klar, was das heißt?“, fragte er mit durchdringender Stimme – „Absolut“, erwiderte ich. – „Und werden Sie sich dementsprechend verhalten?“ – „Das werde ich“, sagte ich ruhig.

Die Züge des Tanzlehrers entspannten sich. „Wusste ich doch, dass ich Sie zur Räson bringen würde. Ich bin schließlich noch mit jedem fertig geworden.“ Er grinste selbstzufrieden, im vollen Bewusstsein seiner Überlegenheit.
Ich räusperte mich zögernd. „Kann ich … irgendetwas tun, um Ihnen meine wahren Absichten deutlich zu machen?“, fragte ich hilfsbereit.
„Oh, aber gerne“, sagte Schäfer-Elmayer erfreut, „ich hätte da eine spannende Aufgabe für Sie.“ Der Tanzlehrer fasste mich an der Hand und zog mich zu einer buckligen alten Dame mit fingerdicken Brillengläsern und altmodischem Haardutt, die leicht orientierungslos durch den Saal wanderte. „Mutter“, sagte Elmayer laut und beugte sich zu der verhutzelten Frau hinunter, „dieser galante junge Herr“, er wies in meine Richtung, „wird dich nun zu deinem Platz im Speisesaal geleiten. Da freust du dich, gelt?“ – „Wie schön“, krächzte Oma Elmayer und winkte mir mit ihrem Krückstock freundlich zu.

„Ich verlasse mich auf Sie“, sagte Elmayer leise zu mir, warf mir einen letzten strengen Blick zu und enteilte dann in den Speisesaal, um die Vorbereitungen zu überwachen.

Vorschriftsmäßig bot ich der alten Vettel den Arm und ließ sie bei mir unterhaken. Ich führte sie artig in den Speisesaal – eine mächtige holzvertäfelte Jagdstube mit allerlei prächtigen Trophäen an der Wand – hielt ihr ritterlich die Tür auf und geleitete sie als perfekter Kavalier bis zu ihrem Sitzplatz. Die anderen Gäste, sie saßen bereits auf ihren Plätzen, warfen mir anerkennende Blicke zu. „Wunderbar haben Sie das gemacht“, lobte mich die alte Dame selbst und tätschelte mir mit ihren knorrigen Fingern den Handrücken. „Wenn Sie mir jetzt noch aus dem Mantel helfen würden …?“ Sie deutete auf den schweren Fuchspelz samt Pfote und Kopf, der ihr über die schmächtigen Schultern baumelte. – „Aber selbstverständlich“, meinte ich zuvorkommend und pflückte ihr das Kleidungsstück sanft vom gebeugten Körper. „Tausend Dank, Sie Engel“, sagte Großmütterchen und fuhr mir liebevoll durchs Haar, „wenn Sie ihn bitte dort drüben aufhängen würden.“
– „Sicher nicht“, sagte ich laut und vernehmlich.

Oma Elmayer blickte mich fassungslos an. „Was haben Sie da gerade gesagt?“, quäkte sie.
- „Ich habe gesagt, dass ich Ihren Mantel nicht aufhängen werde“, wiederholte ich gut gelaunt.
- „Aber wieso denn nicht?“, fragte die alte Dame konsterniert.
- „Weil ich ihn selber tragen werde“, erklärte ich fröhlich, während ich in den viel zu engen Pelzmantel schlüpfte, „ich wollte immer schon wissen wie es ist, ein totes Tier um den Hals zu tragen.“
- „Aber …“, japste Oma Elmayer.
- „Bereits in der Steinzeit haben Menschen Tierhäute getragen“, dozierte ich und fing an, den Mantel sorgfältig zuzuknöpfen, „Sie können sich ja sicher noch daran erinnern …“.
- „Was erlauben Sie sich“, kreischte die Alte und begann, hysterisch an der Fuchspfote zu zerren, „geben Sie ihn mir sofort zurück!“ Sie trommelte mit ihren knochigen Fäusten auf meinen Rücken ein. Von meinen Schmerzensschreien angelockt, stürzte Thomas Schäfer-Elmayer herbei.

„Sind Sie wahnsinnig geworden?“, fuhr er mich beinahe lautlos, aber umso furchteinflößender an, „verlassen Sie sofort Mutters Mantel – oder ich vergreife mich an Ihnen!“ Er packte mich brutal (wenn auch möglichst unauffällig) am Schlafittchen, schüttelte mich aus dem Pelz und zwang mich durch seinen eisernen Griff mit sich.
– „Meine Geduld ist ein für allemal zu Ende“, raunte er mir mit tödlichem Ernst in der Stimme zu, „Sie wollen es also auf die ganz harte Tour. Die können Sie haben, mein Lieber. Das Nachspiel wird für Sie … unaussprechlich sein. Aber eines schwöre ich Ihnen: Ich werde dieses Abendessen zu Ende führen – mit Ihnen an meiner Seite – und wenn es das Letzte ist, was ich tue.“
– „Dann sind wir uns ja einig“, keuchte ich.

Das große Galadiner verbrachte ich eingeklemmt zwischen Thomas Schäfer-Elmayer und Admiral von Clausewitz, einem grimmigen Weltkriegsveteranen und passionierten Jäger. Er trug einen altdeutschen Vornamen, zahlreiche Orden auf der Heldenbrust und einen monströsen Kaiser-Wilhelm-Bart im kantigen Feldherrengesicht.

Während der Frittatensuppe würdigte mich keiner der beiden Herren eines Blickes, geschweige denn eines Wortes. Auch ich verhielt mich ruhig – aus gutem Grund. Denn bei jedem Verstoß gegen die richtige Esstechnik – etwa beim geräuschvollen Versuch, die Frittaten wie Spaghetti in den Mund zu saugen – und wann immer ich etwas sagen wollte, durchzuckte mich sofort ein heftiger Schlag. Offensichtlich verbarg der Tanzlehrer unterm Tisch einen kleinen Elektroschocker, der ihn in die Lage versetzte, mich nach Belieben mit Stromstößen zu foltern.

Eine Zeitlang konnte mich Elmayer auf diese unmenschliche Weise im Zaum halten. Doch vor dem Hauptgang hatte ich mich bereits so an die pulsierenden Schmerzen gewöhnt, dass an neuen Schabernack zu denken war.

Admiral von Clausewitz war gerade dabei, dem Hausherren einige Schnurren aus längst vergangenen Jägerszeiten zu erzählen: „Seh’n Sie diesen kapitalen Sechzehnender?“, von Clausewitz deutete auf eine der zahllosen Trophäen an der Wand, „so ’nen Prachtkerl hatte ich anno Zwoundvierzig selbst vor der Flinte.“ – „Ob das nicht eher ein Russe war?“, fragte ich und klopfte dem Admiral jovial auf die Schulter. „Schließlich … Au!“ Mit einem kraftvollen Stromstoß brachte mich Elmayer zum Schweigen.
„Nu denn“, fuhr von Clausewitz nach einer Weile sichtlich verärgert fort, „’s war wirklich’n kolossaler Bursche. Da dacht’ ich mir, was so’n echter Waidmann ist, der hält immer feste druff. Und so …“ – „… sind Sie zum Eisernen Kreuz gekommen“, führte ich den Satz zu Ende. Dann setzte mich ein besonders langer und heftiger Schlag bis zur Hauptspeise außer Gefecht.

Vor meinen Augen tanzten bunte Schleier. Dennoch konnte ich die immer dickere Zornesader auf der Stirn des Admirals erkennen – und nahm mit noch größerer Genugtuung wahr, dass auch Schäfer-Elmayer bereits äußerst angeschlagen wirkte …

Um wieder zu Kräften zu kommen, sprach ich zwischen den Gängen in verstärktem Maße dem Rotwein zu. Zum Zeitpunkt, als sich der Admiral über seinen aristokratischen Stammbaum zu verbreitern begann, war ich schon wieder voll auf der Höhe.
„… und meine Großtante Amalie“, sagte von Clausewitz gerade, „heiratete 1848 den Freiherrn —“. „Kennen Sie den schon?“, unterbrach ich vorwitzig. „Wie nennt man das Vergehen, wenn ein Mann seine eigene Schwester ehelicht? Na? … Fürstenhochzeit!“ Über dieses zündende Bonmot brach ich in brüllendes Gelächter aus und klopfte mir prustend auf die Schenkel, bis ich von einer Kaskade von E-Schocks gestoppt wurde.

Mittlerweile war die halbe Tafel auf unsere wüste Auseinandersetzung aufmerksam geworden und harrte mit Spannung der Dinge, die da noch kommen mochten. Thomas Schäfer-Elmayer sah aus, als wolle er augenblicklich im Boden versinken. Dieser Anblick gab mir neue Kraft.

„Einen hätte ich noch“, wandte ich mich an Admiral von Clausewitz: „Sagt ein Graf zum anderen: ‚Sie, stimmt es, dass Ihr Bruder jetzt um seine eigene Tochter buhlt?’. Drauf der andere: „Lassen Sie gefälligst meine Mutter aus dem Spiel!“. So weit es meine Kräfte noch zuließen, lachte ich.
Von Clausewitz aber sprang wutentbrannt auf: „Das Maß ist voll“, rief er mit seiner donnernden Kommandostimme, „ich verlasse auf der Stelle dieses Tollhaus!“ Mit einem Ruck riss er sich die manierlich umgebundene Serviette vom Leib, warf sie Schäfer-Elmayer ins Gesicht und stürmte in Rage aus dem Speisesaal. „Sie sehen mich niemals wieder!“, rief er dem Hausherren noch zu. Dann fiel die Tür so heftig ins Schloss, dass der ganze Esstisch erzitterte.

Im Speisesaal herrschte betretenes Schweigen. Man hörte nur, wie Schäfer-Elmayer verzweifelt nach Luft schnappte. Doch bald gesellte sich zum röchelnden Atmen des Tanzlehrers ein völlig anderes, schmatzendes Geräusch:
Ich hatte mich tief über den Tisch gebeugt, das Gesicht ganz nah am Teller und begann, das gebratene Selchfleisch in mich hineinzuschlingen wie ein Pferd – ohne Besteck, dafür mit einem geradezu animalischen Gusto. Dazu trank ich Rotwein aus der Flasche. Während ich der Tischgesellschaft zuprostete, sagte ich mit vollem Mund Trinksprüche auf:

„Es trinkt der Mensch,
es säuft das Pferd,
bei mir, da ist es umgekehrt!“

Von Schäfer-Elmayer kam nur noch ein leises Wimmern. Heftige Weinkrämpfe schüttelten seine merklich gealterte Gestalt. Ich empfand fast so etwas wie Mitleid für ihn.
„Los, alter Knabe, jetzt saufen wir“, lallte ich und presste dem Tanzlehrer die Weinflasche an die farblosen Lippen. Doch Elmayer schien wie gelähmt. Der Rotwein rann ihm aus den schlaffen Mundwinkeln über das Kinn und tauchte sein blütenweißes Hemd in eine blutrote Farbe.
„Nun, seien Sie doch nicht so miesepetrig“, forderte ich den Tanzlehrer unwirsch auf und zwang ihn zu einem weiteren Schluck, „denken Sie immer daran:

Hast Du Wein in deiner Blutbahn,
kannst Du balzen wie ein Truthahn!

Also, lassen Sie sich gefälligst nicht so hängen!“ Ich begann, Schäfer-Elmayer heftig hin- und herzuschütteln. „Was sollen denn die Damen von Ihnen denken? Sehen Sie doch, wie viele wunderschöne Frauen heute Abend gekommen sind – und gerade Sie als Gastgeber müssen sich so daneben benehmen. Mit Ihnen kann man wirklich nirgendwo hingehen. Ich bin maßlos ent— … hallo!”

Augenblicklich ließ ich das Beuteln sein und nahm den Tanzlehrer mit verschwörerischem Lächeln beiseite. „Sehen Sie die Kleine da drüben?“ Ich zeigte auf eine reizvolle junge Dame mit rehbraunen Augen, die uns schräg gegenüber saß und deren kohlrabenschwarzes Haar aufs Wunderbarste mit ihrem schreckensbleichen Gesicht kontrastierte. „Der würde ich sofort aus dem Mantel helfen.“ Ich zwinkerte dem Mädchen zu wie ein schmieriger Macker auf dem Kietz. Dann knuffte ich den Tanzlehrer kumpelhaft in die Seite. „Bei der Kleinen würde ich gerne mal einen wegstecken“, flüsterte ich in aller gebotenen Geilheit.
Elmayer hob langsam die Augen und sah mich indigniert an: „Das ist meine Tochter.“

– „Na, umso besser“, rief ich fröhlich, „das macht die Sache bedeutend einfacher. Ich hätte mir Folgendes vorgestellt: So bald ich sie klargemacht habe, ziehe ich bei Ihrer Jüngsten ein und führe sie ehebaldigst zum Traualtar. Wahrscheinlich übernehme ich sogar ihren Familiennamen. Dann werde ich endlich zur Familie Elmayer gehören!“
– „Niemals“, schrie der Tanzlehrer mit zitternder Stimme. „Das werde ich nicht zulassen, Sie, Sie …“, er suchte mit letzter Kraft nach dem schlimmsten Kraftausdruck, den er finden konnte, „Sie … Arschkeks, Sie!“
– „Aber Thooomas, doch nicht vor den Kindern!“, kreischte Agathe schrill. Dann fiel sie hinterrücks in Ohnmacht.
„Aber Thomas“, wiederholte ich in vorwurfsvollem Ton, „wie können Sie vor Ihren Kindern nur so etwas sagen?“
Aber Thomas antwortete nicht mehr.

Ob er noch mitbekommen hat, wie ich mich beim Dessert quer über den säuberlich gedeckten Tisch übergab? Das vermag ich nicht zu beurteilen. Sicher ist, dass der Anblick meiner Magensäure, wie sie sich durch die teure Tischdecke fraß und das jahrhundertealte Edelholz beizte, einen Kenner wie ihn nicht kalt gelassen hätte.

Sicher ist auch, dass es für ihn keine Rettung mehr gab. Selbst wenn ich nicht mehr mit dreckigen Herrenwitzen für einiges Aufsehen gesorgt, nicht mehr in die Bowle uriniert und abschließend keinen Analverkehr mit einem ausgestopften Reh simuliert hätte, wäre es um den armen Tanzlehrer unweigerlich geschehen gewesen.

Auch so dauerte es eine ganze Weile, bis die anderen Gäste bemerkten, was geschehen war. Immerhin saß Thomas Schäfer-Elmayer genauso in seinem Sessel wie immer. Als er sich in der Konversation etwas zurückhaltender zeigte als sonst, dachte man zunächst an eine Ohnmacht – so etwas gehörte in diesen Kreisen schließlich zum guten Ton. Erst als das Riechsalz seine Wirkung verfehlte, schöpfte man einen schrecklichen Verdacht.

Die Ärzte benötigten eine Reihe aufwändiger Spezialuntersuchungen, um festzustellen, dass es sich in diesem Fall nicht um die übliche, kerzengerade Haltung des Tanzlehrers handelte – sondern um die Leichenstarre; dass sein Gesicht nicht die übliche noble Blässe trug – sondern das fahle Weiß des Todes. Die Diagnose der Mediziner: Tod durch Fremdschämen.

Von der Polizei ließ ich mich widerstandslos abführen. Als gelernter Gentleman wusste ich, wie ich mich zu benehmen hatte. Mein umfassendes Geständnis war ein Meisterstück gehobener Konversation. Mit meinem sprühenden Esprit und meinem herben Charme werde ich auch in den Strafanstalten den Mittelpunkt jeder Party bilden.

Ich weiß: Meine Strafe wird die höchste sein.
Doch ich bereue nichts.

Die Liga

doma

1. SZENE:
Ein rot-weiß gestreiftes Bierzelt am Stadtrand; Biertische und Bierbänke in endlosen Reihen; darauf, mit schweißnassen, aufgedunsenen Gesichtern, Maßkrug schwingend und Hendlhax’n zerkauend, der Pöbel. Alkoholdunst und Zigarettenrauch hängen wie schwerer, übel riechender Nebel über der Szenerie und verleihen ihr, bei aller Derbheit, eine gespenstische Note. Volkstümliche Musik im gamsigen Rein-Raus-Rhythmus illustriert die gleichermaßen bierselige wie aufgeheizte Stimmung. Überragt werden die turmhohen Lautsprecherboxen einzig von einem mächtigen Rednerpult an der Stirnseite des Zelts.
An dieses Pult tritt nun ein wuchtiges Mannsbild mit fleischigem Gesicht und weißer Joppe über dem karierten Trachtenhemd. Er räuspert sich geräuschvoll und umständlich. Sofort verstummt die Musik. Auch das Gelächter und Geplapper des Pöbels verebbt.
Erwartungsvolle Stille macht sich breit.

DER DEMAGOGE (spricht mit donnernde Stimme, seine ausholenden Gesten durchwühlen die schnapsgeschwängerte Luft): “Meine Damen und Herrn, liebe Gesinnungsgenossen! Wir haben uns heute zusammengefunden, weil die Situation un-trag-bar geworden ist. Wir haben uns an diesem Ort versammelt, weil wir nicht mehr länger schweigen wollen – und weil wir nicht mehr länger schweigen können. Mit einem Wort: Das Maß ist voll!”

ZWISCHENRUFE: “Jawohl! So isses!”

DER DEMAGOGE: “In wenigen Tagen ist es wieder so weit, liebe Mitstreiterinnen und Mitstreiter! In wenigen Tagen wird er wieder über uns hereinbrechen. Das ganze Jahr hindurch lässt er sich nicht blicken, scheut das Tageslicht und verbarrikadiert sich feige in seinem Bau. Aber einmal im Jahr, just dann, wenn der Lenz sein lustiges Röcklein anlegt, wenn die Vöglein wieder zu jubilieren beginnen und Mutter Natur ihren reichen Farbentopf über unsere schöne Heimat ergießt, wagt er sich aus seinem Versteck. Er schleicht auf sanften Pfoten. Heimlich, still und leise pirscht er sich heran – und genau dort, wo sonst unsere gesunden, pausbäckigen Kindlein stillvergnügt ihren unschuldigen Zerstreuungen nachgehen, mitten unter uns, schlägt er zu! In Massen, in Rudeln, in wilden Horden fällt er über unsere blühenden Beete und grünenden Gärten her – und hinterlässt nichts als eine Schneise der Verwüstung.”

Der Demagoge legt eine dramatische Pause ein, während derer der Pöbel gebannt den Atem anhält. Dann fährt er fort, wobei seine durchdringende Stimme immer lauter und seine Gestik immer bedrohlicher wird.

DER DEMAGOGE: “Was wir ihm zur Last legen ist keine Kleinigkeit, liebe Genossinnen und Genossen. Nein, es handelt sich dabei um schwer wiegende, strafrechtlich relevante Tatbestände: unbefugtes Betreten unserer Gärten, widerrechtliche Nutzung derselben als Lagerstätten für tierische Abfallprodukte und andere Rückstände in Tateinheit mit seelischer Grausamkeit durch das gezielte und massenhafte Zurücklassen von so nutzlosem Unrat wie der tausendsten Krawatte für Papa, einer neuen Pfanne für Mama oder Hosenträgern und warmen Socken für den Junior! Wir alle haben diese leidvolle Erfahrung gemacht, liebe Genossinnen und Genossen. Uns allen, wie wir hier sitzen, hat er übel mitgespielt. Wer? Sie wissen nur zu gut, von wem ich spreche, meine Damen und Herren. Mag er sich auch verstecken, mag er sich auch tarnen unter harmlos, ja geradezu niedlich klingenden Decknamen wie ‚Meister Lampe’, ‚Schlappohr’ oder … Mümmelmann (er spuckt angewidert aus), mag er sich auch noch so putzig und herzig geben – uns kann er damit nicht täuschen, oh nein, uns nicht! Wir sind ja nicht dumm, meine Lieben! Wir wissen, wie der Hase läuft – der OSTERHASE!“

DER PÖBEL: “Buh! Pfui!” (ein gellendes Pfeifkonzert ertönt).

DER DEMAGOGE (sich zunehmend in Rage redend): “Die Frechheit dieses schamlosen Gesellen kennt keine Grenzen, meine lieben Mitbürgerinnen und Mitbürger. Nicht genug damit, dass er die heimischen Gärten mit seinen Billigprodukten überschwemmt, sie mit minderwertigem Plunder überzieht, sie als illegale Mülldeponien missbraucht – nein, er kontaminiert sie auch noch ganz bewusst mit … fauligen Eiern! Damit ist wohl alles gesagt, meine lieben Landsleute. Ein Hase, der Eier legt – das ist doch einfach nur wider die Natur, , artfremd und hochgradig pervers. Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, dass die Multikulti-Gesellschaft gescheitert ist – hier ist er!”

DER PÖBEL (höhnisch): “Ja, genau!”

DER DEMAGOGE (mittlerweile selbst fast orgasmierend): “Und als ob das alles nicht schon schlimm genug wäre, meine Damen und Herren, erdreistet sich diese … langohrige Landplage auch noch, den ganzen Krempel als ‚Geschenke’ zu bezeichnen! So kann es nicht mehr weitergehen, meine lieben Mitbürgerinnen und Mitbürger!”

DER PÖBEL (lautstark applaudierend): “Jawoll! Schluss damit!”

DER DEMAGOGE: “Und bei alldem, liebe Genossinnen und Genossen, folgt dieser verderbte Vierbeiner einem ausgeklügelten, teuflischen Plan: Was glauben sie denn, meine Damen und Herren, warum der Osterhase jedes Jahr Millionen und Abermillionen an ranzigen Schoko-Nikoläusen aus minderwertiger Kakaomasse einschmelzen lässt, um sie dann eitel nach seinem eigenen Konterfei zu formen? Das hat nur einen einzigen Grund: Er will unsere körperliche und geistige Wehrkraft zersetzen! Im selben Moment, in dem dieses subversive Element unsere Kinder mit seinen Schoko- und Marzipanhäschen in träge, dekadente Fettwänste verwandelt, indoktriniert es sie auch innerlich, auf dass sie ihn, diesen … hoppelnden Hassprediger, verehren und anbeten sollen!
Und warum tut er das alles, dieser Haken schlagenden Tunichtgut? Weil er unsere Gesellschaft und unsere Kultur unterwandern will! Darin liegt auch der wahre Sinn seiner nutzlosen ‚Geschenke’: Er will Hass und Zwietracht in die Herzen der Menschen säen, er will einen Keil mitten durch unsere Familien treiben, um so nach und nach unser traditionelles Wertesystem zu unterminieren! Die westliche Zivilisation ist ihm verhasst – und er wird nicht eher ruhen, bis er sie zerstört hat! Ja, liebe Freunde, das und nichts anderes ist sein Ziel, genau da liegt der Hase im Pfeffer!”

EMPÖRTE ZWISCHENRUFE: “Richtig! So schaut’s aus! Die flauschige Sau, die!”

DER DEMAGOGE (bewusst leiser werdend, um sich dann umso mehr zu steigern): “Doch wenn man einmal einen von diesen niederträchtigen Nagern erwischt und es wagt, ihn darauf anzusprechen, was sagt er dann, der feine Herr Vierbeiner? (Er äfft eine typische Hasenstimme nach): ‚Mein Name ist Hase, ich weiß von nichts!’ Aber wir, liebe Schwestern und Brüder, wir wissen genau, was los ist!”

DER PÖBEL (grölend): “Richtig! Supa!”

DER DEMAGOGE (wischt sich den Schaum vom Mund): “Und daher frage ich euch, liebe Staatsbürgerinnen und Staatsbürger: Wie lange noch? Wie lange müssen wir uns diese Unverschämtheiten noch gefallen lassen? Wie lange noch müssen wir uns in unseren eigenen Gärten wie Fremde behandeln lassen? Wie lange dauert es noch, bis sich die aufrechten, wackeren, anständigen Bürger endlich zur Wehr setzen? Ich frage euch ein letztes Mal: Wie lange noch?”

DER PÖBEL (hilflos): “Wie lange noch? Wir haben keine Ahnung … Bitte, lieber Führer, sag es uns!”

DER DEMAGOGE (mit väterlichem Habitus): “Ich werde es euch sagen, meine Lieben: Nicht mehr lange! Denn jetzt ist der Zeitpunkt des Handelns gekommen. Jetzt ist der Augenblick da, an dem wir uns erheben und mit lauter, fester Stimme sagen müssen: Diese Sache ist nicht hasenrein!”

DER PÖBEL (johlend): “Bravo, bravo!”

DER DEMAGOGE (in beißendem Tonfall fortfahrend): “Leider ist es in unserer Gesellschaft des institutionalisierten Gutmenschentums, des … Tugendterrors und der Political Correctness so weit gekommen, dass man uns, den fleißigen und rechtschaffenen Bürgern, den Mund verbieten will! Man muss sich heute ja schon fast dafür entschuldigen, wenn man etwas gegen einen dieser langohrigen Asozialen sagt. Wenn man es wagt, die Stimme zu erheben und auf die eklatanten Missstände im osterhäsischen Bereich hinzuweisen, wird man gleich in ein Eck gestellt, ja sogar als ‚Ewiggestriger’ bezeichnet. So weit haben wir’s gebracht, meine Damen und Herren! So geht man mit der Generation um, die dieses Land aufgebaut hat. Aber nicht mit uns, liebe Mitstreiter! Denn wir, wir lassen uns nicht den Mund verbieten, wir schweigen nicht, oh nein! Wir werden es diesem, diesem … Tier schon zeigen! Wir bleiben Herr im eigenen Haus!”

DER PÖBEL: “Hört, hört!”

DER DEMAGOGE (immer aggressiver): “Auf eine Unterstützung der Regierung brauchen wir dabei allerdings nicht zu zählen, liebe Gesinnungsgenossen. Ha! Da könnten wir warten, bis wir schwarz werden! Diesen ganzen abgehobenen Bonzen und Privilegienrittern und den feinen Herrschaften in Brüssel sind unsere Sorgen und Nöte völlig egal. Der Kleine Mann wird mit dem Osterhasen-Problem ganz allein gelassen. Nein, nein, die Regierung hat uns oft genug enttäuscht. Ich sage euch eins, liebe Freunde: Wenn wir etwas erreichen wollen, dann müssen wir zur Selbsthilfe greifen. Wehren wir uns endlich!”

DER PÖBEL (kampfeslustig): “Recht so!”

DER DEMAGOGE (in ein feierliches Pathos verfallend): “Und genau das ist der Grund, liebe Kampfgefährten, warum wir heute, genau am Karfreitag des Kalenderjahres 2008, hier zusammengekommen sind. Heute beginnt eine neue Ära. Heute ist der Tag gekommen, an dem wir unsere Kräfte bündeln werden – hier am Gründungskonvent unserer neuen Bewegung!”

Mit diesen Worten tritt der Demagoge vor ein riesiges Schild, das wie ein dräuendes Damoklesschwert über dem Rednerpult baumelt und mit einem schwarzen Tuch verhüllt ist.
Er nimmt eine straffe Haltung an und räuspert sich noch einmal geräuschvoll.

DER DEMAGOGE: “Meine Damen und Herren, liebe Unterstützerinnen und Unterstützer, es ist auch für mich persönlich ein ganz besonderer Augenblick: Ich verkünde hiermit feierlich die Gründung unseres neuen Kampfverbandes – der ‚Liga zur Absetzung, Niederwerfung oder Gefangennahme des Osterhasen-Regimes’, kurz: ‚LANGOHR’!”

Mit einer großen, feierlichen Geste packt der Demagoge das schwarze Tuch und enthüllt das Logo der neuen Bewegung: Es zeigt einen riesigen schwarzen Stiefel, der einen stilisierten Osterhasen mit langen Nagezähnen und struppigem Fell gewaltsam über eine imaginäre Grenze hinausbefördert. Ein bewunderndes Raunen geht durchs Auditorium. Dann setzt tosender Applaus ein.

DER DEMAGOGE (den Pöbel mühsam im Zaum haltend): “Meine Damen und Herren, liebe Feinde des Osterhasen, ich darf noch einmal um eure Aufmerksamkeit bitten. Als selbst ernannter Präsident unserer Liga möchte ich euch nun noch einige grundlegende Informationen über unsere weitere Vorgangsweise vermitteln. Zunächst zu den Prinzipien unserer Bewegung: In unserem Kampf gegen zu groß geratene Kaninchen lassen wir uns im Wesentlichen von zwei Prinzipien leiten: 1.: Selbstjustiz; 2: Absolute Gnadenlosigkeit.”

DER PÖBEL: “Oho!”

DER DEMAGOGE: “In der praktischen Umsetzung bedeutet das, dass wir gleich hier vor Ort straff organisierte Bürgerwehren und bewaffnete Milizen bilden werden. Mit Hilfe dieser schlagkräftigen Einheiten werden wir das schlappohrige Scheusal jagen und erbarmungslos zur Strecke bringen. Wir werden diesen Angsthasen aufspüren, wir werden ihn aus seinen Löchern herausräuchern, wir werden ihn hetzen und wir werden nicht eher ruhen, bis auch der letzte dieser räudigen Rammler seiner gerechten Strafe zugeführt ist – und der Tierkörperverwertung!”

DER PÖBEL (wild durcheinander): „Jawoll!“; „So machen wir’s!“; „Nieder mit ihm!“, „Wir werden ihm die Löffel lang ziehen!“; „Hängt ihn auf den nächsten Baum!“; „Kreuzigt den Osterhasen!“; „Schnappt euch das Schlappohr!“; „Holt euch die Hasenschweine!“; „Heute schmausen wir Hasenpfeffer!“; „Nur ein toter Hase ist ein guter Hase!“; …

DER DEMAGOGE (mit einer herrischen Geste noch einmal für Schweigen sorgend): “Doch ich muss euch warnen, seid vorsichtig! Die Osterhasen-Mafia ist zu allem fähig. Diese falschen Hasen sind gut organisiert, raffiniert und hinterlistig, sie sind schwer zu erwischen, bewaffnet und möglicherweise gefährlich. Ihre häsische Arglist ist sprichwörtlich. Aber gemeinsam können wir sie schlagen – und zwar erschlagen!
Also los! Fangt sie – und bringt sie mir!”

DER VOLKSZORN: (erhebt sich).
Wie ein Mann steht der Pöbel von den Bierbänken auf, in einer einzigen wogenden, wallenden Bewegung. Es formiert sich ein bedrohlicher Lynchmob. Er bewaffnet sich mit Fackeln und Lunten, mit Heugabeln und Morgensternen, mit Sensen und Spießen, mit, Schlingen und Spitzhacken, mit abgesägten Schrotflinten und monströsen Bärenfallen, mit Kettensägen und Maschinengewehren, mit Hasengift und Gabelstaplern; zähnefletschende Bracken und Vorsteherhunde, denen Geifer und Sabber von den Lefzen trieft, werden von der Leine gelassen und nehmen sofort Fährte auf. Plündernd, mordend und brandschatzend zieht die Meute ihrer Wege.

2. SZENE:
Eine düsterer Hinterhof in einem der heruntergekommensten, abgewirtschaftesten Viertel der Stadt; aus der Ferne erhellt das Flackern brennender Häuser die mondlose Nacht; Schüsse gellen durch die Stille; überall liegen Hasenkadaver. Im dunkelsten Winkel des Hofes, dicht an die baufällige Wand einer Baracke gepresst, kauern drei ältere Herren. Sie tragen schäbige, abgewetzte Berufskleidung, sind unrasiert und generell von ungepflegter Erscheinung. Offenkundig handelt es sich um Obdachlose. Ihre roten Knollennasen zeugen von Jahrhunderte langem Alkoholmissbrauch. Alle drei haben große Säcke geschultert, die fast schon mit ihren Körpern verwachsen zu sein scheinen.

DER WEIHNACHTSMANN (vorsichtig um die Hausecke lugend): “Die Treibjagd hat begonnen.”

DER NIKOLAUS (seufzend): “Was sind das nur für Zeiten!”

KNECHT RUPRECHT: “Unter diesen Umständen kann man nicht arbeiten!”

DER WEIHNACHTSMANN: “Nein, so macht das keinen Spaß mehr.”

DER NIKOLAUS (hebt einen toten Hasen von der Straße auf): “Das berufliche Umfeld wird immer härter.”

KNECHT RUPRECHT: “Unsere Kollegen können einem wirklich Leid tun.” (Er streichelt dem toten Hasen zärtlich über sein blutverkrustetes Fell).

DER WEIHNACHTSMANN: “Die traditionelle Speditionsbranche hat keine Zukunft mehr.”

DER NIKOLAUS: “Für Zustelldienste alter Schule ist kein Platz mehr in dieser Welt.”

KNECHT RUPRECHT: “Unser Geschenksservice wird nicht mehr benötigt.”

DER WEIHNACHTSMANN: “Schlechte Zeiten für das Dienstleistungsgewerbe.”

DER NIKOLAUS: “Besonders für so alte Hasen wie uns.” (Die anderen beiden sehen ihn strafend an). “Oh, ’tschuldigung, wie pietätlos von mir.”

KNECHT RUPRECHT (auf einen weiteren Hasenkadaver deutend): “Heute er – morgen wir!”

DER WEIHNACHTSMANN (mit plötzlichem Entschluss): “Freunde, ich hau mich über die Häuser.”

DER NIKOLAUS: “Na und? Das machst du doch andauernd. Ist schließlich dein Beruf.”

DER WEIHNACHTSMANN: “Was ich damit sagen will: Ich hau den Hut – oder vielmehr die Zipfelmütze – drauf.”

KNECHT RUPRECHT: “Gute Idee.”

DER WEIHNACHTSMANN: “Ich werde versuchen, mich nach Lappland durchzuschlagen. Vielleicht bekomme ich dort politisches Asyl.”

DER NIKOLAUS: “Ich lass mich pensionieren und hau’ mich auf die Dominikanische.”

KNECHT RUPRECHT: “Und ich geh’ in die innere Emigration.”

DER NIKOLAUS UND DER WEIHNACHTSMANN (im Weggehen): “Und, was wird aus deinen Rentieren?” – “Ach, ich kenne da einen zuverlässigen Pferdemetzger” … (Ab).

KNECHT RUPRECHT (einsam zurückbleibend, wendet sich an das Theaterpublikum):
“Von draußt vom Walde komm ich her/
Ich muss euch sagen – ich kann nicht mehr!”

Feldmarschall Krause

doma

„Jemand zugestiegen?“ Mit einer automatisierten Bewegung öffnet der Schaffner die Schiebetür zum Abteil und linst herein. „Die Fahrscheine, bitte!“

Folgsam krame ich meine Monatskarte aus dem Geldbeutel hervor und überreiche sie ihm. „Und die Vorteilscard?“, fragt der Schaffner im professionell dauergenervten Tonfall des österreichischen Bürokraten. Nach einigem Suchen fördere ich das schmucke rote Kärtchen aus den Untiefen meines Portmonees zu Tage. Hurtig zupft mir der Schaffner die Vorteilscard aus der Hand, studiert sie eingehend, sieht mich prüfend an und vergleicht meine Züge mit dem Foto auf der Karte. „Das da sollst du sein?“, brummt er ebenso ungläubig wie unfreundlich.
- „Selbstverständlich“, erwidere ich, „das Foto ist leider schon etwas äl—”.
- „Studentenausweis!“, unterbricht mich der Beamte unwirsch.

„Ah, ein ganz Genauer“, denke ich, während ich bewusst langsam mein Kartenfach durchforste. Ich kann hören, wie der Zugbegleiter ungeduldig mit dem Fuß auf den Boden trommelt. „Na, das dauert aber …“, knurrt er.
– „Ja, ja“, murmle ich, um einen möglichst unfreundlichen Tonfall bemüht, und halte ihm dann endlich das Kärtchen hin. Mit einer hastigen Bewegung entreißt mir der Schaffner den Ausweis, gleicht das Foto mit jenem auf der Vorteilscard ab und mustert mich dann ein weiteres Mal durchdringend.

Trotzig mustere ich zurück. Seine seltsame Art beginnt mir schön langsam auf die Nerven zu gehen – ebenso wie seine ganze Erscheinung. Der Schaffner ist ein Mann in den so genannten „besten Jahren“, mit ungewöhnlich hoher Stirn, Seitenscheitel und unsteten Glubschaugen. Seine hochgezogenen Augenbrauen, die mit einem ungemütlichen Stirnrunzeln einhergehen und ein verstecktes Lächeln, das ständig über seine Mundwinkel zu huschen scheint, verleihen ihm eine Aura ausgesuchter Arroganz. Dazu passen auch seine frisch geschniegelte Uniform und die perfekten Bügelfalten seiner Hosen. „Ein echter Ungustl“, fasse ich im Geiste zusammen. „Nur gut, dass es bei mir nichts zu beanstanden gibt“.

Doch da habe ich mich offensichtlich zu früh gefreut: Der Schaffner macht nämlich keine Anstalten, mir meine Ausweise zurückzugeben. „Studienbestätigung!“, fordert er stattdessen, noch unfreundlicher als zuvor.
– „Äh, wozu?“, frage ich verständnislos zurück. „Sie haben doch gerade meinen Studentenausweis gesehen.“
– „Studienbestätigung!“, wiederholt der Schaffner im überheblichen Befehlston.
– „Glauben Sie, die trage ich immer mit herum?“, gebe ich patzig zurück. „Aber ich kann ja mal nachsehen, ob ich zufällig eine bei mir habe.“ Unwillig durchsuche ich meinen Geldbeutel und bringe nach einer Weile tatsächlich das gewünschte Dokument zum Vorschein. „Was wollen Sie denn überhaupt damit?“

– „Das lass mal meine Sorge sein“, antwortet der Schaffner herblassend, nimmt die Bestätigung an sich und beginnt, sie aufmerksam zu studieren. Plötzlich macht sich ein breites Grinsen auf seinem Gesicht breit. „Diplomstudium Politikwissenschaft?“, fragt er belustigt, ohne vom Dokument aufzusehen. „Was willst du denn damit anfangen?“
– „Erlauben Sie mal, das ist doch wohl meine Sache“, gebe ich verblüfft zurück.
–„Vielleicht“, antwortet der Schaffner, seine Heiterkeit nur mühsam verbergend, „aber eins muss dir klar sein: Weit wirst du es damit nicht bringen. Oder, was meinst du?“

Ich möchte gerade zur Antwort ansetzen und mich über seine unverschämte Anmaßung beschweren, als mir klar wird, dass die letzte Frage gar nicht mir gegolten hat, sondern meinem Sitznachbarn, dem der Schaffner nun – ich traue meinen Augen kaum – meine Studienbestätigung in die Hand drückt. „Schau dir das an!“, sagt der Schaffner glucksend. „Er studiert Politikwissenschaft!“ Der spöttische Tonfall und die gedehnte, übertriebene Betonung lassen keinen Zweifel daran, für wie lächerlich er diese Tatsache hält.
– „Ah, de sinnlosn Studentn“, knurrt mein Sitznachbar im kehligen Dialekt der hintersten Seitentäler, während er meine Studienbestätigung geringschätzig entgegennimmt. „De soin oamoi gscheid buggln geh’, mit ins oda mit da Fünfa-Partie. I sog oiwei: A echta Loda, der schwoaßt hoit nu wos zsomm!“

Fassungslos darüber, was hier gerade geschieht, starre ich meinen Sitznachbarn an: Er ist das, was man gemeinhin als „gestandenen Mann“ bezeichnet – also ein feister Fleischhauerlümmel von plumper, robuster Statur und geradezu krankhaft gesunder Gesichtsfarbe. Bis auf den aufgedunsenen Schädel steckt sein ganzer massiger Körper in einer blauen Arbeitermontur.

Statt mir endlich meine Dokumente zurückzugeben, wendet sich der Schaffner neuerlich an den ungeschlachten Metzgergesellen: „Ich habe sowieso nie verstanden, warum die feinen Herrn Studenten eine ermäßigte Bahnfahrt bekommen“, erläutert er, ohne mich dabei eines Blickes zu würdigen. „Die glauben wohl, sie sind etwas Besseres als wir, die wir im Schweiße unseres Angesichts das Gemeinwohl —“.
– „Bekomme ich jetzt endlich meine Ausweise zurück?“, fahre ich ungehalten dazwischen.
Der Schaffner schnellt herum und betrachtet mich mit einem süffisanten Lächeln: „Nur die Ruhe. Ich bin noch nicht fertig mit dir …“.

– „Was soll das heißen? Ich habe Ihnen doch schon alles gezeigt“, zische ich aufbrausend. „Und wie kommen Sie eigentlich dazu, meine persönlichen Dokumente einfach an wildfremde Menschen weiterzureichen?“ Ich deute auf den Schlachterburschen neben mir, der meine Studienbestätigung immer noch wie einen Fremdkörper in seinen Pranken hält.
„Moment mal, junger Mann, so nicht, ja?“ fährt mich der Schaffner an. „Du vergreifst dich entschieden im Tonfall. In diesem Zug bin ich der Chef, klar? Deswegen heißt es ja: Zugchef.“ Er lacht herzlich über seinen eigenen Witz. Dann verfinstert sich seine Miene augenblicklich wieder. „Und wo wir schon einmal dabei sind: Würdest du mir bitte deinen Personalausweis zeigen?“

– „Wie komme ich denn dazu?“, gebe ich, immer gereizter werdend, zurück: „Sie sind doch kein Polizist.“
– „Ach ja, richtig, wie dumm von mir! Wie konnte ich das nur vergessen?“, ruft der Schaffner in gespielter Zerknirschung. „Dann … wäre es dir also lieber, wenn ich die Polizei rufe?“
– „Wieso das denn wieder?“, frage ich entgeistert. „Ich habe mir doch überhaupt nichts zuschulden kommen lassen.“
– „Na dann“, sagt der Schaffner lächelnd. „Dann kannst du mir deinen Personalausweis ja ruhigen Gewissens zeigen!“.

Vor so viel Logik und Sturheit kapitulierend, hole ich mit einem resignativen Seufzer das geforderte Dokument aus der Brieftasche. Blitzschnell greift sich der Schaffner den Ausweis und beäugt ihn misstrauisch, wobei er sich das Papier so dicht vors Gesicht hält, als würde er gleich darin verschwinden wollen. „Der ist ja völlig zerknittert“, stellt er nach einer Weile in vorwurfsvollem Ton fest. „Den hat deine Mama wohl mitgewaschen, was? Mit so einem Fledderwerk kann ich leider nichts anfangen.“ Mir den solchermaßen verschmähten Personalausweis zurückzugeben, scheint für den Schaffner allerdings keine Option zu sein. „Jetzt wirst du mir wohl oder übel deinen Reisepass zeigen müssen“, meint er mit falschem Bedauern und unterstreicht seine als Feststellung getarnte Drohung mit einer fordernden Handbewegung.

Ich beschließe, ein weiteres Mal nachzugeben, um diese gleichermaßen skurrile wie erniedrigende Groteske so schnell wie möglich hinter mich zu bringen und halte dem Schaffner gehorsam meinen Pass entgegen. Auch dieses Dokument reißt mir der Zugbegleiter förmlich aus der Hand.
„Reicht es nicht, wenn ich Ihnen die Ausweise einfach zeige?“, frage ich kopfschüttelnd. – „Nein, nein, mit so billigen Tricks kommst du bei mir nicht durch“, sagt der Schaffner mit selbstgerechtem Grinsen. „Damit du dann deine Fingerchen über das Gültigkeitsdatum halten kannst, was? Ich kenne doch meine Pappenheimer!“ Genüsslich vertieft er sich in das Studium meines Reisepasses und steckt ihn dann zu den anderen Dokumenten in seine Brusttasche. „Und jetzt würde ich gerne deinen Führerschein sehen“.

Ich beginne ungläubig zu lachen, kurz davor, endgültig die Fassung zu verlieren. „Warum … in aller Welt wollen Sie jetzt auch noch meinen Führerschein sehen? Glauben Sie, ich will hier mitten im Zug mit dem Auto fahren?“
Der Schaffner sieht mich mit einer Mischung aus Mitleid und Verachtung an: „Bist wohl eine kleine Pointenschleuder, wie? Also los, du Spaßmacher, rück das Ding schon raus!“ Er streckt mir erwartungsvoll die Hand entgegen.

„Na gut“, sage ich betont ruhig, ziehe den Führerschein langsam und vorsichtig aus der Geldbörse und lasse ihn verführerisch durch meine Finger gleiten. Gebannt verfolgt der Schaffner jede meiner Bewegungen. Dann schnellt er ohne Vorwarnung nach vorn und schnappt gierig nach dem lachsrosa Lappen. Doch ich bin flinker, ziehe blitzschnell meine Hand zurück und lasse seinen begehrlichen Griff ins Leere klatschen.

„Was soll das?“, faucht der Schaffner. „Gib ihn mir!“
– „Geben Sie mir zuerst meine anderen Dokumente zurück“, zische ich und schirme den Führerschein mit meinem Körper ab.
– „Nun sei doch nicht so unvernünftig“, sagt der Schaffner beschwörend. „Mit deiner Widerborstigkeit machst du es für uns alle nur noch schwerer. Also los, raus damit!“ Er packt mich am Arm und versucht, meine Finger aufzubiegen, die sich krampfhaft um den Führerschein geschlossen haben. Mit einiger Mühe gelingt es ihm, eines rosa Zipfels habhaft zu werden. Doch ich gebe mich noch nicht geschlagen. Wir beginnen zu ziehen und zu zerren, mit wechselvollem Kampfesglück.

„Lass sofort aus!“, schnaubt der Schaffner.
– „Ich denke ja gar nicht daran“, keuche ich.
– „Na warte“, schreit der Schaffner. Mit einer ruckartigen Bewegung zerrt er meine Faust nach oben, bis direkt vor seinen Mund. „Wenn du nicht augenblicklich loslässt, dann beiße ich dich!“, röchelt er – und fletscht die Zähne so bedrohlich, dass ich den Führerschein unverzüglich fallen lasse.
„Na also, warum nicht gleich so?“, fragt der Zugbegleiter, nach Luft ringend, und begutachtet zufrieden seine Beute. Dann wendet er sich wieder mit zornfunkelnden Augen an mich: „Ich kann nur hoffen, dass du ab jetzt kooperativer sein wirst. Sonst werden wir zwei nicht viel Freude miteinander haben.“

– „Sagen Sie einmal, warum lassen Sie den Herrn Billeteur nicht einfach seine Arbeit machen?“, mischt sich nun auch die ältere Dame mir gegenüber ein, die dem seltsamen Treiben bisher missbilligend, aber immerhin schweigend zugesehen hat. „Er meint es doch nur gut mit Ihnen. Aber so, wie Sie sich hier echauffieren, werden Sie sich’s am Ende auch noch mit dem gutmütigsten Kontrollor verscherzen. Und dann möchte ich nicht in Ihrer Haut stecken, Sie …, Sie Wüstling, Sie!“ Drohend schwingt die Alte den Knauf ihres Regenschirms in meine Richtung und streicht sich mit der anderen Hand aufgeregt ihr onduliertes Haar zurecht. Ihr solariumgebräuntes Knittergesicht hat vor lauter Empörung einen beinahe cremefarbenen Teint angenommen.

Ich greife mir an den Kopf und starre sie fassungslos an. Irgendwie muss ich im völlig falschen Film gelandet sein …

„Um dir meinen guten Willen zu beweisen, werde ich dir dein aufmüpfiges Verhalten ausnahmsweise noch einmal durchgehen lassen“, meldet sich nun wieder, in versöhnlichem Tonfall, der Schaffner zu Wort, „Aber nur, wenn du mir jetzt schön artig deinen Videotheken-Ausweis überreichst.“
– „Das wird ja immer toller hier“, seufze ich kopfschüttelnd und vergrabe verzweifelt mein Gesicht in den Händen. „Aber bitte, wenn es Sie glücklich macht …“ Mit einer achtlosen Bewegung werfe ich dem Schaffner meine Euro-Video-Kundenkarte vor die Füße, völlig konsterniert.

„So gefällt mir das schon besser“, sagt der Schaffner und wiegt die Videotheken-Karte andächtig in seinen Händen. „Bist ein großer Filmfan, was?“
Ich weiß nicht, was ich auf diese in jeder Hinsicht bizarre Frage antworten soll und schweige. „Ich kann mir schon vorstellen, was so einer wie du für Filme schaut“, fährt der Zugchef mit spöttischem Unterton fort. „Wahrscheinlich nur so hirnwichserischen Kunstkram, hab’ ich Recht? Studentenfilme!“ Er bricht in schallendes Gelächter aus, von dem er sich nur mit Mühe wieder erholt. „Was mir jetzt noch fehlt zu meinem Glück …“, sagt er dann, während er sich die Tränen aus den Augenwinkeln wischt und immer wieder von glucksenden Lachern erschüttert wird, „ … ist deine Löwen Card.“

– „Meine … Löwen Card?“, frage ich verständnislos. Mir schwirrt nur noch der Kopf.
– „Na, diese Kundenkarte, von deinem Elektrohändler.“
– „Äh, wozu genau muss ein Schaffner die Kundenkarte meines Elektrohändlers kontrollieren?“
– „Spezialvorschrift!“, versetzt der Schaffner grinsend.
– „Hmmm, keine Ahnung, ob ich so etwas überhaupt besitze“, brumme ich, während ich mich vollkommen verwirrt in meinem – mittlerweile deutlich leichteren – Portmonee auf die Suche begebe.
– „Aber sicher doch“ sagt der Zugbegleiter zuversichtlich.

Und wirklich: Ganz unten in meinem Kartenfach, dort, wo seit Menschengedenken nie jemand hin gegriffen hat, findet sie sich – eine Kundenkarte, lichtblau und mit geschmackvollem Löwenemblem versehen, „die Karte für Ihren persönlichen Vorteil, mit bis zu 3 % Rückvergütung.“
„Woher zum Teufel …“, stammle ich und starre den Schaffner bass erstaunt an, „woher haben Sie gewusst, dass ich die in meiner Geldtasche habe?“
– „Oho, ich weiß so einiges über dich“, sagt der Schaffner lächelnd, zwinkert mir zu und lässt die Karte schwungvoll in seiner Brusttasche verschwinden. „Und jetzt“, fährt er plötzlich in vollkommen verändertem Tonfall fort, „zeig mir dein Knie!“

– „Was?“ Ich muss mich verhört haben. „Was haben Sie da gerade gesagt?“

– „Du hast mich schon richtig verstanden, Freundchen. Zeig’ mir dein Knie!“, wiederholt der Schaffner. Seine Stimme klingt auf einmal eiskalt.
– „Warum in aller Welt sollte ich das tun?“, frage ich, völlig perplex.
- „Weil ich es dir befehle“, sagt der Schaffner warnend.
- „Und wenn ich mich weigere?“
– „Das würde ich dir nicht raten, oh nein.“ Der Schaffner macht einen Schritt auf mich zu.
– „Sie …, Sie können mich nicht einfach dazu zwingen, Ihnen mein Knie zu zeigen!“, rufe ich kämpferisch.
– „Du wirst schon noch sehen, was ich alles kann!“, sagt der Schaffner drohend. „Also los, wird’s bald? Zeig mir endlich dein Knie!“
– „Kommt gar nicht in Frage!“, rufe ich.
– „Du bist nicht befugt, in einem Personenzug der Österreichischen Bundesbahnen zu reisen, wenn du dich weigerst, mir dein Knie zu zeigen!“, sagt der Schaffner, immer lauter werdend.
– „Sie sind ja vollkommen wahnsinnig“, stelle ich nüchtern fest. „Lassen Sie mich endlich in Ruhe!“
– „Du hast ja keine Ahnung, in was für Schwierigkeiten dich deine bockige Art noch bringen wird“, zischt der Schaffner mit mühsam unterdrücktem Zorn. „Ich warne dich ein letztes Mal: Zeig … mir … dein … verdammtes … Knie!“
– „Niemals“, flüstere ich.
– „Na gut …“, sagt der Schaffner tonlos. „Du lässt mir keine andere Wahl“.

Mit einer blitzartigen Bewegung stürzt er zu Boden, packt mich brutal am Knöchel und reißt mein linkes Hosenbein nach oben. Ich versuche, ihn wegzustoßen und nach ihm zu treten, doch schon hat er meinen anderen Knöchel ergriffen und schiebt auch mein zweites Hosenbein mit unwiderstehlicher Gewalt in die Höhe. Voller Genugtuung starrt er auf meine freigelegten Beine.
„Wusste ich es doch!“, ruft er triumphierend.

Ganz langsam, von einer dumpfen Vorahnung erfüllt, senke ich den Kopf und lasse meinen Blick vorsichtig an meinen Beinen entlang nach unten gleiten. Mir schwant Schreckliches. Ich habe plötzlich panische Angst vor dem, was ich gleich sehen werde.

Und tatsächlich: Der Schaffner hat Recht:
Meine Beine führen in einer perfekten Geraden ohne Unterbrechung von der Hüfte bis zum Boden. Kein Knie.

„Oje, oje, mein Lieber, jetzt haben wir beide ein wirkliches Problem“, sagt der Schaffner. Er ist wieder aufgestanden und hat sich mit verschränkten Armen ganz nahe vor mir aufgebaut, so dass sein langer Schatten mich vollkommen verdunkelt. Ein seltsames Lächeln spielt um seine Mundwinkel. „Hättest du vielleicht die Güte, mir zu verraten, wo dein Knie geblieben ist?“, fragt er mit einem rätselhaften Unterton in der Stimme.

– „Ich … ich … habe keine Ahnung“, stottere ich fassungslos. „Ich … kann es mir beim besten Willen selbst nicht erklären …“
– „Irgendeine Erklärung muss es aber geben“, meint der Zugchef belehrend. „Dinge passieren nicht einfach so. Also, ich frage dich noch einmal: Warum hast du kein Knie?“
– „Ich muss es … vergessen haben“, sage ich verzweifelt. Ich bin nahe daran, den Verstand zu verlieren.
Die alte Dame mir gegenüber schüttelt empört den Kopf: „Also, so eine Unverfrorenheit! Mir nichts dir nichts in den Zug einsteigen und dann nicht einmal das eigene Knie dabei haben … Ja, wo kommen wir denn dahin, frage ich Sie?“
– „Mia san decht ned bei die Neger“, bekräftigt der Metzgerlümmel am Nebensitz und gafft mich angewidert an.

„Aber …“, sage ich stockend, „so etwas kann doch jedem einmal passieren. Sein Knie zu Hause liegen zu lassen, ist doch kein Beinbruch … Und außerdem“, wende ich mich anklagend an den Schaffner, „warum haben Sie es eigentlich immer nur auf mich abgesehen? Wieso kontrollieren Sie nicht einmal die anderen Passagiere?“ Ich deute auf den Fleischhauer und die bronzefarbene Alte.
„Ich bin der festen Überzeugung, dass es bei den übrigen Fahrgästen knietechnisch nichts zu beanstanden gibt“, entgegnet der Schaffner. „Sind immerhin alles brave Bürger.“
– „Also, i hu des meinig oiwei bei mia!“, verkündet der Metzger fröhlich. Demonstrativ rollt er seine blauen Arbeitshosen nach oben und hält stolz sein rotes, verfettetes Knie in die Runde. Auch die alte Frau krempelt ihren grauen Überrock hoch, zieht ihre dicke Strumpfhose nach unten und entblößt selbstbewusst ihr faltiges Bein. Ihr Knie ist verwittert und verknöchert – aber es ist unzweifelhaft vorhanden. Ganz im Gegensatz zu meinem.

„Tja“, sagt der Schaffner lächelnd, „die anderen fahren bei mir alle gratis. Nur du musst bezahlen!“ Er zeigt mit dem ausgestreckten Finger auf mich.
„Wie viel?“, frage ich tonlos und zücke schicksalsergeben meinen Geldbeutel.
– „Gib her!“, sagt der Schaffner grob und grabscht nach meinem Portmonee. Hastig beginnt er, sich durch die Fächer zu wühlen. Rechnungen und Eintrittskarten segeln durch die Luft, Münzen prasseln zu Boden und rollen unter die Sitze. „Das reicht nicht!“, sagt er irgendwann barsch.
– „Aber wie ist das möglich?“, protestiere ich. „Ich war doch gerade heute erst auf der Bank!“ – „Es reicht deshalb nicht“, sagt der Schaffner eindringlich, „weil dein Geld bei mir nichts wert ist. Siehst du?“

Er zieht einen Hunderter aus meiner Geldtasche, hält ihn mir direkt vors Gesicht – und knüllt ihn dann vor meinen Augen zusammen. Ich bin sprachlos.
„Und … hepp!“, ruft der Schaffner. Er wirft das Papierkügelchen an mir vorbei dem Metzgergesellen zu. Vergeblich versuche ich, danach zu schnappen. Der Fleischhauer fängt das Bällchen geschickt und gibt es behände an die alte Dame weiter, die es wiederum elegant dem Schaffner zuwirft. So geht das Spielchen eine ganze Weile. Irgendwann gebe ich auf. „Wie soll ich denn bezahlen, wenn Sie mein Geld nicht wollen?“, frage ich schluchzend.

– „Nun“, erwidert der Schaffner bedächtig, „leider sind deine Verfehlungen viel zu schwerwiegend, als dass man sie jemals materiell aufwiegen könnte.“
– „Wirklich?“, schniefe ich, „gibt es denn keine andere Möglichkeit, den Schaden wieder gut zu machen?“
– „Bedauerlicherweise nein“, sagt der Schaffner ernst. „Für einen wie dich, der sich freiwillig ins Abseits stellt, ist kein Platz mehr bei uns. Wer draußen ist, ist draußen.“
– „Aber es tut mir doch Leid“, jammere ich. „Und … und es wird auch nie wieder vorkommen!“
– „Da hast du Recht“, sagt der Schaffner. „Und zwar weil du jetzt rausfliegst!“
– „Aber … Sie können mich doch nicht einfach so hinauswerfen“, wimmere ich leise.
– „Ach nein?“, fragt der Zugbegleiter grinsend. „Und wieso nicht? Ich bin der Schaffner. Und warum bin ich das? Weil ich hier an-schaffe!“
Er beginnt lauthals zu lachen. Die alte Frau fällt wiehernd mit ein und auch der Fleischhauer prustet los. „Eine grandiose Pointe!“, gratuliert die Alte, „los, gib’ mir fünf!“ Sie und der Schaffner schlagen ein. Das Gelächter will kein Ende nehmen.

„He, du Trantüte, lach doch ein wenig mit“, fordert mich der Schaffner Schenkel klopfend auf, „solange du noch etwas zu lachen hast!“ Er wischt sich den Schaum vom Mund. „Und jetzt“, sagt er dann, noch immer vor sich hin gackernd, „zurück zum Ernst des Lebens.“

Federnden Schritts durchmisst der Schaffner das Abteil. Vor der feuerroten Notbremse bleibt er stehen. „Das wollte ich schon immer einmal machen. Ich bin aufgeregt wie ein Schuljunge“, erzählt er vergnügt, an den Metzger und die braune Oma gewandt.
Und schon zieht er mit einem kräftigen Ruck die Notbremse nach unten.

Ein Quietschen, ein durchdringendes Kreischen, dann ein dauerhafter Signalton. Der Zug hält so abrupt, dass ich mit voller Wucht gegen die Abteiltür pralle – während der Schaffner kerzengerade stehen bleibt als sei er im Boden festgewachsen.

Mühsam rapple ich mich auf. Um mich herum dreht sich alles. Warmes Blut senkt sich wie ein roter Schleier über meine Augen, tropft auf den Fußboden, die Tür, die Sitze …

„Was fällt dir ein, hier alles vollzubluten?“, herrscht mich der Schaffner an. „Hast du nicht schon genug angerichtet? Nehmen deine Frechheiten denn niemals ein Ende?“
Ich antworte nicht.

Benommen und über die Maßen verwirrt, wie ich bin, versuche ich nicht einmal, die Flucht zu ergreifen, als der Schaffner nun mir riesigen Schritten und einem Besorgnis erregenden Flackern in den Augen auf mich zustürzt.
„Na warte, Freundchen“, grunzt er, „jetzt geht’s dir an den Kragen!“

Und er hält Wort: Mit beiden Händen fasst er mich, den Wehrlosen, an der Gurgel, schließt seine Finger wie einen Schraubstock um meine Kehle – und hebt mich im Würgegriff vom Boden auf. „Woher nimmt er diese Kräfte …?“, schießt mir noch durch den Kopf. „Und woher kann er wissen, dass mir schon die kleinste Berührung an der Kehle Höllenqualen bereitet?“
Dann wird der Schmerz so unerträglich, dass er alle anderen Gedanken und Gefühle verdrängt. Es fühlt sich an, als würde man mir bei lebendigem Leibe den Kopf abreißen, und ein tonnenschwerer Druck auf meiner Brust schnürt mir die Luft ab. Ich strample, um mich zu befreien, trete den Schaffner in die Leibesmitte und blute ihm nach Kräften seine Dienstkleidung voll. Vergeblich – er lockert seinen Zangengriff um keinen Millimeter. Widerstand ist zwecklos. Mir wird schwarz vor Augen, dann rot, dann grün und dann weiß …

Ein tiefes Weiß umgibt mich auch, als ich wieder zu mir komme – in der Böschung steckend, bis zum Hals im Schnee. Der Zug ist mitten auf der Strecke stehen geblieben, irgendwo im Nirgendwo.

Der Schaffner lehnt hoch über mir in der Zugtür und blickt hochmütig auf mich herab, ein schwarzer Schemen im Gegenlicht. Ich versuche, ihm zuzuwinken, doch ich kann meine Arme nicht bewegen. „Sie können mich doch nicht einfach hier zurücklassen“, möchte ich ihm zurufen, doch ich bringe nicht einmal ein Krächzen heraus.
Seltsamerweise scheint mich der Schaffner trotzdem genau verstanden zu haben, denn er beugt sich feixend zu mir herunter: „Natürlich kann ich dich hier zurücklassen“, erklärt er voll Zuversicht. „Es scheint mir sogar der ideale Ort für ein solches Unterfangen zu sein. Hier wird dich nämlich niemand finden. Denn hier halten keine Züge!“

– „Warum geben Sie mir nicht wenigstens meine Dokumente zurück?“, flehe ich voll Verzweiflung. Wiederum versagt mir meine Stimme den Dienst.
„Das würde dir so passen, wie?“, antwortet der Schaffner, der abermals jedes Wort verstanden hat. Mit einem grausamen Lächeln zieht er meine gesammelten Ausweise und Kärtchen aus der Tasche, hält sie ins Licht, damit ich sie noch einmal sehen kann und beginnt dann, ein Dokument nach dem anderen zu vernichten. Er zerreißt sie, zerkratzt sie genüsslich mit seinem Schlüsselbund und lässt sie mit dem Feuerzeug langsam verschmoren.

„Das war ja der Sinn der ganzen Sache“, sagt er schließlich. „Wir löschen jede Erinnerung an dich aus. Niemand wird wissen, dass du jemals existiert hast.“ Er grinst, winkt mir fröhlich zu und macht sich daran, die Zugtür zu verriegeln.

Im letzen Augenblick dreht er sich noch einmal zu mir um: „Und schönen Gruß an Feldmarschall Krause“, kichert er.

Dann schließt sich die Tür. Mein Zug ist abgefahren.

99 Kisten Bier. Eine tragikomische Punk-Posse

doma

Ein trostloser Kleinstadt-Bahnhof an einem trüben Herbstnachmittag: Draußen im strömenden Regen parken einige Taxis und warten auf die heimkehrenden Pendler. In der öden Bahnhofshalle herrscht kaum Betrieb. Vor dem unbesetzten Fahrkartenschalter stehen einige ratlose Touristen, eine ältliche Reinigungskraft wienert mit trägen Bewegungen vor sich hin.
Neben dem Eingang zum mickrigen Bahnhofsrestaurant lungern ein paar Jugendliche herum – drei Burschen, ein Mädchen – die durch Haartracht, hohes Schuhwerk und ebenso hohen Schmuddelfaktor unschwer als Oldschool-Bierpunks zu identifizieren sind. Einer von ihnen trägt eine verratzte Jeansjacke mit „The Exploited“-Aufnähern, die anderen fleckige T-Shirts mit den Schriftzügen „Punk’s not Dead“, „Voll Assi“ und „Hitler Bad – Vandals Good“. Sie trinken Dosenbier. Aus einem abgehalfterten Kassettenspieler dröhnt klassischer Deutschpunk.
Unweit von ihnen, auf einem unbequemen Plastiksessel, kauert ein junger Mann, lesend, Typ Vergleichende-Literaturwissenschaft-Student im vierten Abschnitt, mit schwarzem Rollkragenpullover und nerdiger Hornbrille mit dicken Gläsern – der Eierkopf-Punk. Dem ungeduldigen Trommeln seiner Füße und den regelmäßigen Blicken auf die Uhr ist zu entnehmen, dass er auf einen Zug wartet. Als aus dem Bahnhofslautsprecher plötzlich eine Durchsage erklingt, sieht er erwartungsfroh auf.

DER BAHNBEAMTE (in missmutigem, demotiviertem Tonfall, da offensichtlich gerade aus der verlängerten Mittagspause aufgestört): “Meine Damen und Herren, eine Verspätungsbekanntgabe: Eurocity 7-68, Kaiserin Maria Theresia, nach Mailand über Innsbruck und Brennero/Brenner, mit der planmäßigen Abfahrt um 16.05 Uhr von Bahnsteig 3ab ist wegen Abwarten eines Anschlusszuges voraussichtlich 30 bis 35 Minuten verspätet. Ich wiederhole …”

DER EIERKOPF-PUNK (ärgerlich): “Na geh … (Er legt seine Sartre-Biographie zur Seite und sieht sich unschlüssig um, offensichtlich auf der Suche nach einer anderen Möglichkeit, in der nächsten 30 bis 35 Minuten die Zeit totzuschlagen. Nach einigem Zaudern nähert er sich schließlich der Gruppe von Bierpunks und versucht, mit ihnen ins Gespräch zu kommen): Äh, hallo! Entschuldigung, ich möchte euch nicht stören, aber … äh, mein Zug kommt etwas später, … uuund da dachte ich mir, vielleicht, äh, könnte ich mich … in der Zwischenzeit … ja ein Weilchen zu euch … uuund ein wenig plaudern, äh, wenn das für euch okay ist?”

Die Bierpunks nehmen keinerlei Notiz von ihm, womöglich haben sie ihn wegen des laut aufgedrehten Kassettenspielers gar nicht gehört. Der Eierkopf-Punk zögert ein wenig, dann nimmt er einfach neben einem der Bierpunks am Boden Platz und bemüht sich, diesen in ein Zwiegespräch zu verwickeln.

DER EIERKOPF-PUNK: “Weil … ich höre nämlich selber viel Punk, und ich interessiere mich wirklich außerordentlich für seine diversen Dimensionen … gerade auch für die soziologischen Aspekte … letztes Semester habe ich auf der Uni sogar ein Referat dazu gehalten … das genaue Thema war: „Punk als subkulturelle Praxis“ – falls es dich interessiert. Und … da dachte ich mir, wann hat man schon mal Gelegenheit, mit einem richtigen Punk … äh, nicht wahr? (Lacht verlegen). Ich, äh, wollte immer schon mal wissen, wie das ein echter „Streetpunk“ so sieht, … was für dich eigentlich das Wesen von Punk ausmacht. Was ist für dich … Punk?”
(Er schaut den Bierpunk erwartungsvoll an).

Der Bierpunk würdigt sein Gegenüber keines Blickes. Stattdessen öffnet er mit lautem Zischen eine weitere Dose Bier. Er nimmt einen kräftigen Schluck, seufzt zufrieden und wischt sich dann genießerisch den Schaum von der vielfach durchstochenen Oberlippe.

DER EIERKOPF-PUNK (enthusiastisch): “Na denn, Prost! Aber zurück zur Frage nach dem Wesen von Punk: Vielleicht würde dich ja meine persönliche Sichtweise von Punk interessieren. Für mich bedeutet Punk … auf der einen Seite ein klares NEIN: Nein zu prätentiösem, aufgeblasenem Bombastrock, nein zu Kunsthandwerk und instrumenteller Virtuosität, nein zum herkömmlichen Rockverständnis. Auf der anderen Seite bedeutet Punk für mich … ein klares JA: Ja zu einer radikalen Zäsur in der Geschichte der populären Musik, ja zum Aufbrechen verkrusteter Strukturen, ja zum Do-it-yourself-Prinzip, ja zum Motto „Anyone can do it“, ja zur Zwei-Akkord-Ästhetik, ja zu bewusstem Dilettantismus, Amateur-Spirit und Independent-Ethos. Das ist für mich Punk!”

Stolz blickt er in die Runde, offensichtlich in der Hoffnung, die Bierpunks würden in irgendeiner Form auf seine begeisterten Ausführungen reagieren. Deren Interesse gilt aber nur dem Deutschpunk-Klassiker, dessen Refrain gerade aus dem alten Kassettenspieler dringt.

DIE BIERPUNKS (im Chor mitgrölend): „Saufen, saufen, Tag und Nacht/ saufen, bis der Schädel kracht/ Wir woll’n am Alk zu Grunde gehen/ ihr werdet das wohl nie verstehen …“

Sie heben die Bierdosen und prosten einander johlend zu. Der Eierkopf scheint für sie nicht zu existieren. Diese Tatsache hält ihn aber nicht davon ab, in seinen wissenschaftlichen Betrachtungen fortzufahren.

DER EIERKOPF-PUNK (in jovialem, pathetischem Tonfall, immer mehr in Fahrt kommend): “Musikhistorisch gesehen, gebührt euch Punks wirklich ein unschätzbares Verdienst: Ihr, ihr … habt den in … Konformismus und selbstverliebter Trägheit erstarrten Rock aus den Chefetagen der Großkonzerne wieder auf die Straße zurückgeholt, ihr habt ihn … den anonymen Geschäftemachern entrissen und ihn wieder zu seinen rebellischen Anfängen zurückgeführt, bei gleichzeitiger Negation der chauvinistischen Ideologie des Rockismus. Dafür ein großes … Dankeschön! Wobei ich persönlich ja glaube ja, dass Punk weniger eine bestimmte Musikrichtung ist, sondern eher eine grundsätzliche Geisteshaltung, eine … Attitüde. In diesem Sinne waren für mich eigentlich „The Velvet Underground“ oder Bob Dylan die ersten Punks. Ja, ich würde sogar so weit gehen, zu behaupten, dass bereits Arnold Schönberg oder Gustav Mahler in gewissem Sinne als geistige Urväter des Punk bezeichnet werden könnten: Künstlerische Kompromisslosigkeit, Mut zur Innovation, Radikalität. Das ist für mich Punk! … Oder wie seht ihr das?”

DIE BIERPUNKS (schwingen ihre Bierdosen und Fäuste im Takt der Musik und brüllen, den Eierkopf geflissentlich ignorierend): “Oi! Oi! Oi!”

Der Eierkopf-Punk wartet geduldig, bis der Schlachtgesang verstummt ist und wendet sich dann dem einzigen weiblichen Bierpunk in der Gruppe zu. Er nimmt im Schneidersitz neben ihr Platz, holt tief Luft und beginnt, in einem dozierenden Tonfall auf sie einzureden.

DER EIERKOPF-PUNK: “Ich persönlich habe mich ja in letzter Zeit fast nur noch mit feministischem Punk auseinandergesetzt, mit speziellem Fokus auf die so genannte „Riot Grrrl“-Bewegung der 90er Jahre, von den US-amerikanischen Ursprüngen mit Formationen wie „Bikini Kill“ bis hin zu europäischen Ablegern wie „Atari Teenage Riot“. Diese … radikale Ablehnung der Grundprinzipien männlich-sexistischen Musizierens, des Strebens nach Virtuosität und technischer Instrumentenbeherrschung und der …. prometheischen Männerphantasie einer Kontrolle der Umwelt durch die Technik, das hat mir schon sehr imponiert, muss ich sagen. Das ist für mich Punk! Wobei ich ja finde, dass sich gerade auch in der aktuellen Szene sehr viel tut, ich denke da nur an … „Le Tigre“, „Peaches“, „The Gossip“ oder wie sie alle heißen. Wobei ich persönlich ja besonders feministischen Punk aus dem deutschen Sprachraum schätze, beispielsweise Bands wie „Britta“ oder „Braut haut aufs Auge“ … Kennst du die?”

DER WEIBLICHE BIERPUNK (am Eierkopf vorbei ins Leere glotzend, im Takt der Musik mitwippend, skandierend): „99 Kisten Bier/ sind das Allerliebste mir.“

Aus dem Kassettenspieler ertönt nun die Punkhymne „Pflasterstein flieg“. Die Bierpunks stimmen lautstark mit ein. Vom zunehmenden Lärm aufgeschreckt, kommt aus dem Bahnhofsrestaurant plötzlich ein lässig-adretter Mittzwanziger geeilt, der bis dahin an einem Stehtischchen gleich beim Eingang gelehnt hat. Der junge Mann, vermutlich freier Mitarbeiter einer Werbeagentur, trägt geschmackvoll-gehobene Kleidung, einen asymmetrischem Emo-Haarschnitt und eine modische Umhängetasche. In der einen Hand hat er ein Tässchen Moccaccino mit Sahnehäubchen und Schokoplättchen, mit der anderen hält er sich ein teuer aussehendes Handy ans Ohr. Es ist … der Prosecco-Punk.

DER PROSECCO-PUNK (sich an die Bierpunks wendend): “Jungs, bitte! Ginge es vielleicht auch etwas leiser? Ich versuche gerade mit meinem Mädchen zu telefonieren. Sie hatte heute Morgen eine ganz, ganz wichtige BWL-Klausur und möchte mich jetzt kurz darüber updaten. Aber bei dem Lärm, den ihr da macht, verstehe ich kein Wort …”

Die Bierpunks starren den Prosecco-Punk finster an. Ihre Abneigung ist deutlich sichtbar.

DER PROSECCO-PUNK (in begütigendem Tonfall): “Nicht, dass wir uns falsch verstehen. Ich habe nichts gegen … äh, Leute wie euch. Ich habe ja früher selber gerne Punk gehört, „Blink 182”, „Good Charlotte” und wie sie alle heißen. Und mir gefällt auch dieses … Punk-Girlie gut, die, die jetzt so richtig auf politisch macht, wie heißt sie doch gleich, … ach ja, „Pink”. Da hab’ ich echt kein Problem damit. Und ich finde sogar eure „Iros“ als Mode-Accessoire ziemlich stylish. Aber dieses Gegröle, das muss doch nun wirklich nicht sein, oder? Na also …
(Er zieht sich wieder ins die Gaststätte zurück, das unterbrochene Telefongespräch fortsetzend). So Honey, jetzt geht’s wieder. Ich hab das mal eben rasch geklärt …”

In dem Moment, in dem der Prosecco-Punk aus dem Blickfeld verschwunden ist, beginnen die Bierpunks wieder lauthals zu grölen.

DIE BIERPUNKS: „Meine Mutter fängt stets an zu schrei’n/ Junge, lass das Saufen sein/ doch mir ist das scheißegal/ sterben tun wir alle mal.“

Inzwischen ist aus irgendeiner dunklen Ecke der Halle ein kleiner weißer Hund aufgetaucht, der eindeutig zur Gruppe der Bierpunks gehört, sich durch sein gepflegtes Auftreten aber deutlich von diesen abhebt. Im Gegensatz zu den Bierpunks scheint er sich sehr für den Eierkopf zu interessieren. Er macht Männchen, bellt und beginnt, den Eierkopf im Intimbereich zu beschnüffeln, was diesem sichtlich unangenehm ist.

EIN BIERPUNK (in die Hände klatschend): “Rotten, komm sofort her! Platz! (drohend): Rotten, hörst du schlecht? PLATZ!”
(Der kleine Hund, offensichtlich wohlerzogen, lässt vom Eierkopf ab, läuft zu seinem Herrchen und rollt sich nach einigen Streicheleinheiten brav vor dessen Füßen zusammen).

DIE BIERPUNKS (beginnen wieder zu singen): „Keine Regeln, kein System/ gib mir Punk – und zwar extrem.“

DER EIERKOPF-PUNK (euphorisch): “Ja! Genau! So muss es sein! Keine Regeln, kein System! Macht kaputt, was euch kaputt macht! Strikte Ablehnung von Hierarchien, egalitäres Prinzip, die Philosophie des Anarchischen, die Politik der individuellen und kollektiven Selbstermächtigung. Das ist für mich Punk!”

Die Bierpunks kümmern sich nach wie vor nicht um ihn, er scheint Luft für sie zu sein.

DER EIERKOPF-PUNK (unbeirrt): “Ich … habe übrigens überhaupt kein Problem damit, dass ihr mich ignoriert. Im Gegenteil, ich finde euer widerspenstiges Verhalten geradezu bewundernswert. Es zeugt von einer konsequent praktizierten Verweigerungshaltung, von einer Ethik des Nonkonformismus. Unbequem, unangepasst, unkorrumpierbar! Das ist für mich Punk! Einfach sein eigenes Ding durchziehen!”

EIN BIERPUNK (sich erstmals in Richtung des Eierkopfs wendend): “Durchziehen? Wir sind doch keine Scheiß-Hippies!”
Er wendet sich wieder ab.

Ein anderer Bierpunk, der augenscheinlich am meisten von allen getankt hat, erhebt sich mühsam vom Boden, kickt die eben geleerte Bierdose durch die Halle und beginnt, seine zerrissenen Hosentaschen zu durchwühlen. Nachdem er offensichtlich nicht gefunden hat, wonach er sucht, sieht er sich langsam in der Halle um. Schließlich fällt sein Blick auf das den Prosecco-Punk, der, immer noch telefonierend und an seinem Moccaccino nippend, an seinem Tischchen gleich neben der Tür in der Bahnhofsreste steht. Der Bierpunk betritt, leicht torkelnd, das Lokal und steuert auf den Prosecco-Punk zu.

DER ANGEHEITERTE BIERPUNK (lallend): “He Alter, haste mal ’ne Mark …, äh, ich meine, 50 Zent für mich?”

DER PROSECCO-PUNK (pikiert die Nase rümpfend): “Lass’ mich in Ruhe!”
Er versucht den schnorrenden Bierpunk mit einer arroganten Handbewegung zu verscheuchen. Dieser lässt sich aber nicht so einfach abwimmeln.

DER ANGEHEITERTE BIERPUNK: “Hör mal, ich brauch doch nur ’n paar Zent für ’ne klitzekleine Hülse. Nun komm doch …”

DER PROSECCO-PUNK (aufbrausend): “Ich habe doch gesagt, du sollst verschwinden! Hau endlich ab und lass mich telefonieren!”
(Er gibt dem Bierpunk einen leichten Schubs. Dieser schwankt kurz, kann aber mit Mühe das Gleichgewicht halten und stolpert neuerlich auf den Prosecco-Punk zu).

DER EIERKOPF-PUNK (hat inzwischen ebenfalls das Restaurant betreten und will die Situation beruhigen): “Warte, ich kann aushelfen.” (Er zückt die Geldtasche). “Hier hast du 50 Cent. Oder auch einen Euro, nimm dir einfach, was du brauchst.”

DER ANGEHEITERTE BIERPUNK (zornig): “Dich hab’ ich nicht gefragt!” (Er wendet sich vom Eierkopf ab und ein weiteres Mal dem Prosecco-Punk zu): “Also, Mann, wie sieht’s aus? Warum machste nicht ein bisschen Schotter locker?”

DER PROSECCO-PUNK (immer aggressiver): “Jetzt reicht’s mir aber langsam mit dir, du Radaubruder! Wenn du nicht sofort Land gewinnst, lasse dich rausschmeißen!”

Als der Bierpunk keine Anstalten macht, der Aufforderung Folge zu leisten, klappt der Prosecco-Punk entnervt sein Handy zu, knallt das Moccaccino-Tässchen auf den Tisch und winkt mit einer hektischen Bewegung die Bedienung zu sich. Die Thekenkraft, eine leicht verlebt wirkende, aber resolute Frau in ihren Vierzigern durchmisst mit energischen Schritten das Lokal und baut sich, die Hände in den Hüften, vor dem Tischchen auf.

DIE THEKENKRAFT: “Was ist denn hier los?”

DER PROSECCO-PUNK (voll Abscheu auf den schnorrenden Bierpunk deutend): “Dieser … dieses abgerissene Etwas da und seine ganze Meute draußen vor der Tür, die rauben mir schon die ganze Zeit den Nerv. Ich habe sie in aller Höflichkeit gebeten, ihr Gegröle zu unterlassen, weil ich ein wichtiges Ferngespräch führen muss. Aber glauben Sie, solche Typen interessiert das? Und jetzt hat einer von ihnen sogar noch die Chuzpe, mich mitten in einer Lokalität anzuschnorren und mich mit seiner Ausdünstung nach billigem Bier zu belästigen! Das muss ich mir als zahlender Kunde nun wirklich nicht bieten lassen!”

DIE THEKENKRAFT (packt den schnorrenden Bierpunk bei seiner Jeansjacke und zerrt ihn Richtung Ausgang): “Raus mit dir, du Sozialschmarotzer! Von dir lasse ich mir sicher nicht die Kundschaft vertreiben!”
Mit einem kräftigen Tritt in den Hintern befördert sie den Betrunkenen zur Tür hinaus.

DER ANGEHEITERTE BIERPUNK: “Aua! Aua!” (hält sich mit schmerzverzerrtem Gesicht das Gesäß).

DIE THEKENKRAFT (ihm nachrufend): “Und damit ihr’s nur wisst: Ich rufe jetzt die Polizei!”

DER EIERKOPF-PUNK (sich beschwichtigend an die Thekenkraft wendend): “Verstehen Sie doch! Diese jungen Menschen hier versuchen nur, ihren Lebensentwurf auszuleben, eine bewusste Gegenposition zu unserer oberflächlichen turbokapitalistischen Leistungsgesellschaft … Statt diesen Mut zu unterstützen und Freiräume zu schaffen —”

DIE THEKENKRAFT: “Und du fliegst gleich mit raus, du Psycherl!”
Sie packt den schmächtigen Eierkopf beim Schlafittchen.

In diesem Moment betritt die ganze Rotte Bierpunks das Bahnhofsrestaurant. Sie machen einen überaus bedrohlichen Eindruck. Einer von ihnen hat den kleinen weißen Hund dabei, der wütend knurrt und sich kaum noch an seinem Halsband festhalten lässt.

DIE BIERPUNKS (an den Prosecco-Punk gerichtet): “Du mieser Verräter! Wegen dir haben wir jetzt die Bullen am Hals! Los Rotten, schnapp’ dir den schmierigen Schnösel! Fass!”
Sie hetzen den kleinen Hund auf den Prosecco-Punk.

Der Kläffer startet los und stürzt sich zähnefletschend auf sein Opfer. Der Prosecco-Punk versucht sich mit einem Hechtsprung auf einen Tisch zu retten. Doch der Kläffer ist schneller, schnappt ihn am linken Bein und verbeißt sich genüsslich in der Designerhose des Prosecco-Punks.

DER PROSECCO-PUNK: “Oh nein! Meine Gucci-Hose!”

Er packt den Kläffer und versucht ihn von sich los zu reißen. Schließlich gelingt es ihm: Er ergreift das kleine Tier bei seinem Halsring und schleudert es mit voller Kraft von sich fort. Der Kläffer segelt jaulend durch die Luft, prallt mit voller Wucht gegen die Theke und bleibt wimmernd liegen. Die Bierpunks stürmen mit wütendem Geheul auf den Prosecco-Punk los. Eine wilde Verfolgungsjagd durch das ganze Lokal beginnt. Die Thekenkraft ist inzwischen in einen Nebenraum geflüchtet und verständigt die Polizei.

DER EIERKOPF-PUNK (dem Treiben ratlos zusehend, murmelnd): “Ist das noch Punk?”

In der Zwischenzeit ist in der Bahnhofshalle vor dem Lokal ein Rudel Dorfnazis aufgetaucht. Sie tragen streng gescheiteltes Haar, klobige Bergschuhe und „Lonsdale“-Pullover bzw. T-Shirts mit martialischen „Böhse Onkelz“-, „Skrewdriver“- und „In Extremo“-Aufdrucken. Aus dem Kassettenspieler der Bierpunks erklingt gerade der antifaschistische Punk-Gassenhauer „Deutschland muss sterben, damit wir leben können“. Die Dorfnazis packen das Gerät und zerschmettern es auf dem Boden. Dann stürmen sie das Bahnhofsrestaurant, wo die Bierpunks sich eben anschicken, den hinter dem Tresen verschanzten Prosecco-Punk mit halbvollen Bierdosen zu bombardieren.

DIE DORFNAZIS (mit alpenländischem Zungenschlag): “Ah, då san’s, de lincken Zecken!”

Sie ergreifen Stühle, Flaschen und Gläser und stürzen sich auf die Bierpunks. Die beiden Gruppen prallen aufeinander. Krachen, Klirren, Kampfgeschrei, tumultartige Zustände.

DIE BIERPUNKS (im Chor): „Doch wird werden siegen/ wenn die Steine fliegen …“

DIE DORFNAZIS (grunzend): “Wo stecken de Zecken?”

DER EIERKOPF-PUNK (will den Bierpunks zu Hilfe eilen, verheddert sich aber in seinen eigenen Schuhbändern, die sich aus der Öse gelöst haben, fällt ungeschickt zu Boden und bleibt benommen liegen).
Rund um ihn herum wird das Tohuwabohu immer schlimmer. Stühle fliegen durch die Luft, Bierdosen zerplatzen, Geschirr zerschellt. Der Lärm ist so groß, dass niemand die herannahenden Polizeisirenen hört.

Eine Horde Kleinstadtpolizisten stürmt die Bahnhofshalle und dann das Restaurant, angeführt von einem beleibten Wachtmeister mit walrossartigem Schnauzbart.

DER WACHTMEISTER (mit donnernder Stimme, in bemühtem Hochdeutsch): “Ja, was ist denn hier für ein Specktackel? Ja, wo samma denn?”

Die Dorfnazis und Bierpunks halten kurz im Kämpfen inne und blicken auf, beginnen dann aber sofort wieder, mit erhöhter Schlagzahl aufeinander einzuprügeln. Die Kleinstadtpolizisten zücken ihre Gummiknüppel und werfen sich nun ebenfalls ins Gefecht. Inzwischen ist auch die Thekenkraft wieder aufgetaucht und verwickelt den Eierkopf in eine wüste Schlägerei. Auch der Kläffer hat sich wieder aufgerappelt und mischt kräftig mit.
Die ganze Masse ballt sich zu einem riesigen Knäuel aus Gliedmaßen und Köpfen, alle Rufe und Schmerzensschreie verschmelzen zu einem einzigen Stimmengewirr.

DIE POLIZISTEN: “Im Namen des Gesetzes …”

DIE BIERPUNKS: „Haut die Bullen platt wie Stullen/ stampft die Polizei zu Brei …“

DIE DORFNAZIS: “Zecke, verrecke!”

DIE THEKENKRAFT: “Nimm das, du Freak!”

DER EIERKOPF-PUNK: “Meine Brille, meine Brille!”

DER KLÄFFER: “Wuff! Wuff!”

DIE BIERPUNKS: „Auch der letzte Bulle rennt/ wenn erstmal das Rathaus brennt.“

EIN GEBRECHLICHER GREIS (aus dem Nichts auftauchend): “Für Gott, Kaiser und Vaterland!”
Er stürzt sich mit seinem Krückstock ins Getümmel.

DIE BIERPUNKS: „Bomben bauen, Waffen klauen/ den Bullen auf die Fresse hauen.“

DER EIERKOPF-PUNK (triumphierend): “Jawohl, keinen Kniefall vor der Staatsgewalt! Widerstand, Zivilcourage, Systemkritik! Das ist für mich Pun—”
Mitten im Satz wird er von einer verirrten Dose „Skol“-Bier am Kopf getroffen und sinkt ohnmächtig in sich zusammen.

RIESENCHAOS (breitet sich aus). Das gesamte Restaurant und schließlich auch die angrenzende Bahnhofshalle versinken in einer Zerstörungsorgie von nahezu biblischen Ausmaßen. Aus einem Lautsprecher dringt, die ganze gespenstische Szenerie paradox untermalend, die glockenhelle, fröhliche Stimme von Chris Lohner.

CHRIS LOHNER: “Eurocity 7-68, Kaiserin Maria Theresia, nach Mailand über Innsbruck und Brennero/Brenner fährt in Kürze am Bahnsteig 3ab ein. Bitte – Vorsicht …”

Aus dem Leben eines Tragenichts

doma

„Ja, ich gestehe: Ich bin ein Flitzer.
Nur damit wir uns jetzt nicht falsch verstehen: Ich bin kein schmuddeliger Kinderschreck, der mitten im Park seinen abgewetzten Trenchcoat lüftet. Ich übertrage weder die Syphilis noch irgendwelche anderen ansteckenden Krankheiten. Ich bin auch kein bierbäuchiger FKK-Spießer an irgendeinem biederen Nacktbadestrand. Ich bin kein Exhibitionist wie jeder andere. Ich bin ein Künstler.

Man kann durchaus behaupten, dass mein Talent zur Nacktheit gewissermaßen angeboren ist, kam ich doch, wie übrigens die meisten anderen Kinder auch, vollkommen unbekleidet zur Welt. Die eigentliche Berufung zum flinken Körperkünstler ereilte mich dann jedoch in meiner Kindheit: Es war wieder einmal Badetag. Meine Mutter hatte mich bereits gewaltsam meiner Kleider entledigt und hielt den gefürchteten Waschlappen wie eine Waffe in der Hand. Doch im letzten Moment konnte ich mich der drohenden Badewanne durch einen spektakulären Fluchtversuch entziehen. Barfuß bis an den Hals suchte ich sprintend das Weite. Mein hüllenloser Husarenritt durch die Nachbarschaft sorgte verständlicherweise für einiges Aufsehen. Und ich merkte schon damals, dass ich gerne im Mittelpunkt stehe, besser gesagt: laufe. Und zwar am liebsten im Naturzustand.

Meinen ersten größeren öffentlicher Auftritt hatte ich allerdings erste Jahre später: Aus Protest gegen die faschistoide Uniformierung in Anzug, Krawatte und Ballkleid stattete ich meinem eigenen Maturaball einen ebenso kurzen wie textilfreien Besuch ab. Wenig überraschend sorgte ich damit für einen Riesenskandal in meinem reaktionären Umfeld – und dies, obwohl ich mich meine Knötchen ganz züchtig unter einem Feigenblatt verborgen hatte, wie es schon in der Heiligen Schrift, der Bibel für uns Exhibitionisten, dokumentiert ist.

Als Student nützte ich meine Begabung, um bei öffentlichkeitswirksamen Nackt-Demos gegen die Studiengebühren und für eine Demokratisierung der Hochschulen zu protestieren. Der Wissenschaft blieb ich auch nach meinem Studium als Lehrender verbunden. An der Donauuniversität in Krems leitete ich in den vergangenen Jahren unter anderem viel beachtete philosophische Grundlagenseminare über die „Die Phänomenologie des Flitzens“ oder „Die Selbstentblößung als schöpferischer Ausdruck individuellen Wollens bei Aristoteles, Schopenhauer und Hannah Arendt“. Natürlich bin ich bemüht, über all der Theorie die flitzerische Praxis nicht zu vernachlässigen.

Wenn Sie mich nach den persönlichen Highlights in meiner bewegten Flitzerkarriere fragen, weiß ich gar nicht recht, wo ich anfangen soll. Zu meinen schönsten Erinnerungen zählt aber sicher der Tag, als ich erstmals meinem großen Vorbild begegnete: Ernst Wilhelm „Ernie“ Wittig, bekannt als der „Flitzerkönig von Bielefeld“. Ich traf ihn rein zufällig beim unbedeckten Joggen in den weitläufigen Wäldern Nordrhein-Westfalens. Wir mussten gar nicht viele Worte wechseln, um im jeweiligen Gegenüber einen Gleichgesinnten zu erkennen.

In den folgenden Jahren hatte ich das Privileg, meinen exhibitionistischen Leidenschaften rund um den Globus frönen zu können. In London war ich ebenso unangemeldeter wie unangezogener Überraschungsgast beim feierlichen Thronjubiläum der Queen.
Auch beim Bundeskongress der Republikaner in Texas „zog ich frei“, wie wir in der Szene zu sagen pflegen.
Gerne denke ich auch an die Olympischen Spiele 2004 in Athen zurück: Dort flitzte ich, ganz dem olympischen Gedanken verpflichtet, mit einem Lorbeerzweig über der Leibesmitte durch das Leichtathletik-Stadion.

Viele Leute glauben, dass es sich beim Nacktsport um eine einzelgängerische Aktivität handle. Dabei ist das Flitzen – entgegen seinem landläufigen Image – eine sehr gesellige Freizeitbeschäftigung und fördert zweifellos die sozialen Kontakte.

Ich habe auf diese Weise sogar meine heutige Gattin kennen gelernt – beim großen Jahreskongress der Flitzerinnen und Flitzer in Castrop-Rauxel. Getraut wurden wir dann übrigens vom legendären Liverpooler Flitzerpriester Rev. Randolph Seymour, der seinen hervorragenden Ruf in der „streaker community“ darauf begründet, bei liturgischen Zeremonien nie mehr als seinen weißen Kragen zu tragen.

Seit einigen Jahren bin ich auch Obmann eines eigenen Vereins mit dem schönen österreichischen Namen „Die g’schwinden Nackerbatzeln“. Mit unseren ausländischen Partnerclubs – „Der königlich-bayerischen Liga für Freikörperaktivitäten“ und der „Società dei nudisti italiani“ – verbinden uns übrigens beste nachbarschaftliche Beziehungen. Gemeinsam veranstalten wir unter anderem große Faschingsumzüge. Unnötig zu erwähnen, dass alle Beteiligten am liebsten im Adams- oder Eva-Kostüm erscheinen.

In meiner verbliebenen Freizeit spiele ich Schlagzeug in einer linksradikalen Elektro-Punk-Band namens „Die nackten Tatsachen“, mit der ich spontane Überraschungskonzerte in Fußgängerzonen, Einkaufszentren und U-Bahn-Stationen gebe. Der Hut, in dem wir die freiwilligen Spenden sammeln, ist dabei das einzige Kleidungsstück.

Ganz wichtig ist mir beim Flitzen seit jeher der ideologische Überbau: Ich renne gegen Kleiderordnungen und vorherrschende Schönheitsideale an, versuche die gesellschaftliche Uniformität durch die authentische Uniform der Nacktheit ersetzen und betrachte mich als einen Botschafter der Freikörperkultur, der alle gesellschaftlichen Zwänge, moralischen Fesseln und lästigen Boxershorts abstreifen möchte.

Natürlich war mir von Anfang an bewusst, dass mein nackter Kampf gegen das Schweinesystem nicht folgenlos bleiben, sondern unweigerlich den Unmut der Obrigkeiten auf sich ziehen würde. Konflikte mit dem herrschenden System begleiten mich schon mein Leben lang.

Leider wurde auch eines meiner ambitioniertesten Projekte – eine exhibitionistische Exkursion mit interessierten Studierenden – von der Staatsgewalt zunichte gemacht. Nach einer wilden Verfolgungsjagd wurde ich von den Sicherheitskräften überwältigt, pudelnackt auf die nächste Polizeistation verfrachtet und wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses angezeigt.
Beim Urteilsspruch machte der Richter ein verschärftes Strafausmaß geltend, nachdem ich zum ersten Prozesstermin nur flüchtig erschienen war – und natürlich nicht gerade im Frack. Vor kurzem war ich dann der erste Häftling, der jemals splitterfasernackt aus einer österreichischen Justizvollzugsanstalt ausgebüchst ist – weswegen mir einige Monate zusätzlich aufgebrummt wurden.

Für die Zeit nach der Haft – von wo aus ich diese Zeilen schreibe – habe ich große Pläne: So würde es mich schon lange reizen, Gotteskrieger an den gefährlichen Plätzen dieser Erde zu provozieren – im Iran, in Saudi-Arabien, im Vatikan oder im Tiroler Oberland.
Außerdem feile ich bereits an einer Rede vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen in New York, wo ich die Sache der internationalen „Nude in Public“-Bewegung vorbringen möchte – natürlich so, wie Gott mich schuf.

Mein nächstes großes Ziel ist jedoch die Fußball-EM im eigenen Land. Ich sehe dieses sportliche Großereignis als einmalige Chance, die Traditionen und Leistungen der österreichischen Flitzerbewegung einer breiten Weltöffentlichkeit zu präsentieren. Mein Ticket für das Eröffnungsspiel habe ich bereits in der Tasche – auch wenn ich mir für das Spiel selbst noch einen anderen Aufbewahrungsort überlegen muss.

Für Sie mag all das, was ich ihnen erzählt habe, unverständlich oder gar anstößig sein, doch im Gegensatz zu anderen Menschen gebe ich mir nun einmal gerne die Blöße. Und wenn Sie mich einen ‚dahergelaufenen Exhibitionisten’ schimpfen, ist das ist für mich keine Beleidigung – denn es ist genau das, was ich tue.

Und ich werde es wieder tun.“