Lugenbauer und die Brandstifterin
astraIch habe die Lugibar abgefackelt. Jawohl. Angezündet habe ich sie, abbrennen lassen habe ich sie mit allem, was drin war. Mit allen, die drin waren.
Wie das klingt. So GRAUSAM.
Obwohl, wer war da schon noch drin. Eine Handvoll durchgeräucherte Altrocker, ein paar angesoffene Amtsschimmel, ein Rudel Mäzene. Und Lugi. War er da? Ja, er war da.
Schrecklich ist das. Furchtbar, werden die Leute sagen, FURCHTBAR…
Wie kann man nur. Aber ich hatte meine Gründe.
Ich kann schon die Schlagzeilen sehen. BRANDSTIFTER SCHLÄGT ZU: BARBESITZER STIRBT IN DEN FLAMMEN. Wunderbar… Schnell ins Bad. Ist mir übel.
Es würgt mich. Oje. Igitt.
Wasser. Viel Wasser.
Das tut gut.
Feuer. Rauch. Glutnester glosen. Menschen schreien.
Puls pocht im Hals. Raus, raus. Atmen. Tief atmen.
Stopp, Film im Kopf, STOPP.
Ich bin unschuldig.
Hat mich wer gesehen. Wer könnte mich gesehen haben. Wer. WER. Wo. In dem Chaos.
Feuerwehr. Rettung. Schaulustige. Rasende Reporter.
Jetzt keine Panik. Alles geht nach Plan.
Raus aus den Klamotten. Die stinken nach Qualm. Weg damit. O Gott, meine Haare. Die muss ich abschneiden. Wo ist die Schere. Ah, hier.
RRRSSSS. Das Geräusch, das eine Schere macht.
Lugi liebte es.
Lugi ist schuld.
Ja, er ist an allem schuld.
Wohin mit dem Plunder? Am besten ab in den in den Ofen damit. Haare, Kleider, das ganze alte ICH. Faszinierend, wie schnell das verbrennt.
So, jetzt genau aufpassen. Wie schaut das Passbild aus. MIST. Wo ist denn dieser Scheißpass jetzt. Ah. Hier. Gut. Also, dieses Bild schaut mir doch überhaupt nicht ähnlich. Geh bitte. Da hätte sich die Mitzi schon ein bisschen mehr Mühe geben können. Die hat doch eh so viele Pässe zusammengefladert. 5000 wollte sie haben für den Schas. Eine feine Freundin ist das. Na gut, andererseits hab ich mit ihr auch schon mehr als einmal ein gutes Geschäft gemacht.
So, als erstes die Haare neu. Dann nehm ich eben die blonde Perücke. Die Passtussi hat auch so eine Mähne. Blaue Kontaktlinsen und geht schon. AU. Das brennt. Ich hab immer noch Asche in den Augen.
Jahrelang hab ich immer brav mitexerziert. Damit ist jetzt SCHLUSS. Ein für alle Mal. Wo ist denn die Wimperntusche. Ah, hier. Immer schneller, immer höher, immer toller dreht sich das Karussell, bis es GLÜHT. Du treibst es zu bunt, Lugi, das fällt dir noch auf den Kopf. Äch bän näch aufn Kopf gefalln, äm Onderschied zo dir. Khähähä.
Dieses Lachen. Verschwinde, Lachen. DORT ist die Tür.
Es gibt dich nicht mehr.
Wie spät ist es jetzt. Was, schon zehn. Schnell, schnell. Altes Gwand anziehen und ab zum Bahnhof. Das kleine Schwarze, Stiefel. Ledermantel. Blöder Zufall. Diese Sachen hab ich auch am ersten Arbeitstag angehabt. Ist das jetzt ein OMEN oder was.
Ich war einfach zu NAIV. Damals, als ich bei Lugi angefangen hab. Die letzten Jahre dann nicht mehr so sehr. Hm. Wie hinterlasse ich das Haus. Am besten, es schaut so aus, als wär ich nur ausgegangen. So, vor allem die Schminksachen sollen hier herumkugeln. Zwei, drei Kleider breite ich aufs Bett. Und dann raus hier.
Schnell noch eine Notiz im Küchenkalender. MITZI 20 UHR ARABIA. Das ist plausibel. Ich und die Mitzi sind immer in der Arabia, wenn ich frei hab. Und heute hab ich definitiv frei.
Da sollen sich die Kieberanten erst mal reindrängen, in das Kitschbeisel, und dann in aller Ruhe die Mitzi ausfratscheln. Die hat eh keinen Tau von nix.
Handtasche. Pass. Flugticket. Bargeld. Alles da. Noch ein kurzer Rundgang durchs Haus. Herd aus. Musik aus. Ofen soll fertigbrennen. PASST.
Die armen Blumen. Die werden eingehen.
Äch hab dä Rockmusäk nach Kuhfstein gäbracht. Ohne mäch gäbs hier nur Blasmusäk und Biedermänner. Schon jätzt bän äch eine Lägändä. Khähähä.
Ja, Lugi, ja genau. Noch in dreißig Jahren werden sie dir in diesem Kaff die Kuschelrotz-Events widmen. Das Oberkreuzberger Nasenflöten-Orchester wird dir ein Requiem komponieren.
Was ist das für ein Lärm da draußen. VERDAMMT. Blaulicht. So früh hätt ich mit denen nicht gerechnet. Vielleicht hat mich doch wer gesehen. Zu blöd auch. Hätte mich schon für das Feuermachen verkleiden sollen.
Schnell durch die Terrassentür in den Garten. Scheiß-Schuhe. Zu eng zum Laufen. Wo ist der Zippverschluss. Aufmachen. Warum zittern meine Hände so.
Ab durch die Mitte.
Nein, nein, NEIN. Die dürfen mich nicht kriegen. Ich weigere mich. Den Lugi hätten sie kriegen sollen. Aber dafür haben sie von ihm einfach zu viel gekriegt, damals. Mir ist nichts anderes übrig geblieben. Ich habe die Dinge selbst in die Hand nehmen müssen.
Huh, ist das anstrengend. Mein HERZ. Gleich bin ich am Christkindlmarkt. Gut besucht heute. Optimal. Jetzt mische ich mich unter das Volk. Flanieren. Zwinkern. Strahlen wie ein Christbaum. Warum schaut denn die Frau da so komisch. Mist. Die Schuhe. Ups. Wissen Sie, das ist heuer modern. SSSIPP. Auch dieses Geräusch behagte Lugi sehr.
So. Banksitzen ist unauffälliger. Sitzenbleiben. Einatmen. Ausatmen. Eine Tschick anzünden. Keine Kieberei in Sicht. Gut.
Das Problem, das ich mit Lugi hatte, war nicht die Musik. Auch nicht seine Spleens und Marotten. Als Chef war er durchaus in Ordnung. Man musste nicht darben.
Und das eine oder andere arrangierte Stelldichein im Hinterzimmer war schon OK.
Vorausgesetzt, es hat sich finanziell gelohnt. Und das hat es sich meistens.
Sei nätt zu däm Macker, mein Mädchen. Der isn Goldesel.
Ja, Lugi, ja. Werd ich machen. Weißt eh, dass ich ein richtiges Zuckergoscherl sein kann. Khähähä. Kriechste dann n Stöck Zockerbrood von mir.
Und wenn’s nicht klappt, de Paitschä.
Saukalt ist es hier. Besser, ich steh auf. Einen Glühwein, bitte. Ja, ich weiß, fünf Schilling Becherpfand. Na dann, zum Wohl. Auf das Leben in Flucht. Picksüß, das Klumpert. Und EX.
Ich hatte auch kein Problem mit der SCHLEIMSPUR, die Lugi beim Anbiedern an kokaindünne Rockergattinnen oder weinselige Kulturstadträte hinterlassen hat.
Der Kampf um Subventionen ist schon immer ein heikles Geschäft gewesen.
Nein, das Hauptproblem ist ganz woanders gelegen.
Welchen Weg soll ich nehmen. Unterer Stadtplatz oder Marktgasse. Der Zug geht in einer Viertelstunde. Jetzt bloß nicht auffallen. Ich bin fast schon in der Zielgeraden.
SHIT. Da vor der Sparkasse. Die zwei Typen mit den dicken Augenbrauen. Warten die auf mich oder was. Schnell rein in den Hauseingang da. Verdammt. Was soll ich jetzt machen.
Das war ja das Unheimliche, als die damals beim Lugi aufgekreuzt sind. Wann war das noch mal. Vor zwei Jahren oder so muss das gewesen sein. Jedenfalls haben die urkomisch geredet. Und auf einmal fängt der Lugi auch an so zu reden. Wie so ein Steinzeitslang hat das geklungen. Eus katzi ASKATZASUNA. Oink zerbitzatzan du eskua. Bis heute geistert mir das im Schädel herum. Obwohl ich die Bedeutung nicht kenn.
Was war denn das jetzt, Lugi.
Das geht dichn feuchtn Kehricht an. Musste nich alles wissen.
Wamm. Tür zu.
Na schön, Lugi. Wenn du glaubst, ich bin auf der Brennsuppe daher geschwommen, dann BITTE. Aber wunder dich nicht, wenn das alles irgendwann auf dich zurückfällt.
Jedenfalls sind die zwei Steinzeit-Haberer immer wieder gekommen und jedes Mal noch länger geblieben. Auf konspirative Sitzungen im Separee.
Und ich glaub, der Lugi war auch ein bisserl naiv. Hat wohl nicht damit gerechnet, dass ich in seiner Abwesenheit zum Herumstierln anfang. Und was ich da so gefunden hab, war nicht von schlechten Eltern. Operation MORGENSCHWERT, hat es da geheißen. Siegreich in Barcelona. Rote Grütze in Saragossa. Plus Bombenbastler-Handbücher. Und LUGIBAR ist in Wirklichkeit keine Bar, sondern so ein baskisches Kaff, wo der Lugi mit seinen Eta-Genossen die ersten Coups geplant hat. Spätestens da hat es mir echt den Magen umgedreht. Dabei bin ich nicht unbedingt eine von der moralischen Sorte. Ich hab dem Lugi ja einiges zugetraut. Aber so einen kranken Scheiß nicht.
Und das Beste war dann, dass ich die ANIMIERDAME für die zwei Wilden hätt spielen sollen. Die waren ganz scharf auf mich. Also, ich hab aber auch meine Grenzen. Der Lugi hat ihnen dann als Trostpflaster zwei minderjährige Thai-Mädels besorgt. Danach war erst einmal Schluss. Nicht, dass sie es nicht immer wieder versucht hätten. Aber der Lugi hat ganz genau gewusst, da beißt er bei mir auf Granit.
Am ärgsten war dann mein kleiner Besuch bei der Polizei. Wollte zur Abwechslung mal was GUTES tun und hab ihnen das ganze Beweismaterial rübergeschoben.
Und des soima Eana iatz glam. Da Hea Lugnbauer is eabora Birga. Und wohea soin mia eigentlach wissn, daas ned Sie söwa a so a Terrorschlompm san und ins auf a foische Färte lockchn woin. Oiso, Sie pockn iatz des Kchraffewerch gonz schnö wiedarei und lossn si nimma bei ins blickchn.
Hommarins vastondtn.
Von da war es dann zum Benzinfass und den Streichhölzern nur mehr ein kurzer Weg. Leider hab ich die beiden Augenbrauen nicht erwischt. Als hätten sie es gerochen.
Zurück zur Gegenwart. Konzentrieren. ATMEN, tief atmen.
Susi fasst für Sie zusammen: Wir haben hier zwei smarte Terrorbrüder mit sexy Augenbrauen. Die sind nur im Doppelpack zu haben und können Ihnen so richtig einheizen. An ihrer Seite erwartet Sie ein romantisches Leben als Freiheitskämpfergattin. Und wenn Sie nicht spuren, dann gibt’s eine Kugel in den Kopf.
GO GO GO. Stiletto Run zum Taxistand. Au. Die Eisluft brennt im Hals. Wie der ärgste Calvados. Zum … huh … hah … Bahnhof, bitte. Schnell.
Ein Schuss. Bremsen quietschen. Fahren Sie, guter Mann. Lauter VERRÜCKTE sind heut unterwegs. Ist sicher nur ein Silvesterkracher. Jaja, ich versteh das schon, ich bin auch erschrocken. Trotzdem muss ich zum Zug. Meine Oma liegt im Spital.
Gott, meine Hände zittern. Herz, hör auf zu rasen. Das nützt doch auch nichts. Ruhig, ruhig, ruhig. Da, die Innbrücke. HOPP, HOPP, Taximann. 40 Schilling? Hier, der Rest ist für Sie. Doch, natürlich ist das nötig gewesen. Danke, auf nimmer Wiederschaun.
Sprint zum Bahnsteig. Stiegen runter, Stiegen rauf. ACHTUNG BAHNSTEIG 3. Eurocity Michelangelo nach München Hauptbahnhof fährt ein.
Rein ins Abteil, Vorhang zu, Licht aus. Tschick anheizen. Ah, ist das schön.
Eine Hürde ist noch. Nein, zwei.
Zugestiegen, bitte. PASSKONTROLLE.
So, jetzt Vorhang auf für den Augenaufschlag. Lächeln, Bauch rein, Brust raus.
Zum Glück sieht man das Herz nicht durch, das klopfende.
Guten Abend, Herr Zugführer. Bitte sehr.
Vielen Dank. Gute Fahrt.
Bin ich müde. Und hellwach zugleich. Kurz entspannen. Augen zu.
Mein Gott, die Augenbrauen. Da. Sie sind vorbeigegangen. HILFE. Die kommen sicher noch mal zurück. Wie kann man dieses Fenster aufmachen. Ich muss aus dem Zug springen.
Sehr geehrte Fahrgäste, in wenigen Minuten erreichen wir München Hauptbahnhof.
WAS. WO. WIE. Die zwei Bomberjungs sind hinter mir her. Nein. Ich hab nur geträumt.
Aussteigen. Taxi suchen. Zum Flughafen, bitte.
Das kanns doch nicht gewesen sein. Billig ist das. Ich komm mir vor wie das lebende Halbweltdamenklischee aus dem Dreigroschenroman. Mir gefällt aber nicht, dass die am Ende immer sterben müssen.
FREIHEIT. Köstlich. Die Weihnachtsbeleuchtung fliegt am Fenster vorbei. Ich fliege auch.
Weit weit weg. Wie schön. Yeah. Ich könnte schreien, singen, springen.
Flughofn, Obflughollee, die Dame. Ach so, ja, danke. Hier, 30 Mark. Stimmt so.
Ich schwebe zum Check-in. Zahnpastalächeln, FILM AB. Fensterplatz, Raucher bitte.
So, jetzt schnell zum Gate. Oh nein. Das kann nicht sein. Da steht Augenbraue eins.
Hat er mich gesehen. Nein, er schaut in die andere Richtung.
Glaubt wohl, ich flieg nach Bilbao. Schön blöd wär ich da.
Mist, er hat mich gesehen. Komisch. Alles ist wie in ZEITLUPE. Jetzt direkt durch die Schranke. Meine einzige Chance ist, dass er kein Ticket hat. Dann gewinne ich Zeit. Bis der dann auch einen Flugschein organisiert hat, bin ich schon über alle Berge. Scheiße Scheiße Scheiße. Er kramt in der Tasche. Nein, kein Ticket, aber eine Waffe. Ist der total irre. Jetzt rennt er in meine Richtung. Schnell durch die Sperre. Lächeln. Tun, als wär nichts.
Kurzer Blick zurück. Ja. Jetzt haben sie ihn geschnappt. Ok. Cool bleiben. Bis der dazu kommt, Blödsinn über mich zu quatschen, sitz ich schon längst im Flieger.
Da, Gate 29. READY FOR BORDING. Immer geradeaus.
Willkommen auf dem Lufthansaflug LH 951 nach Buenos Aires. Nehmen Sie sich bitte kurz Zeit, um sich mit den Sicherheitsvorkehrungen vertraut zu machen.
Nein, danke, brauch ich nicht. Ich hab schon alle Vorkehrungen getroffen.
Was ich trinken will? Egal, Hauptsache mit Alkohol.
Prost! Ich gehe, aber ich komme NIE wieder. Vielen Dank, dass Sie unser Gast waren.
Die Lugibar schließt für immer ihre Pforten. Wem Sie das zu verdanken haben?
Das ist ab sofort ein Geheimnis.
Aktenzeichen XY ungelöst.