Lugenbauer und die Brandstifterin

astra

Ich habe die Lugibar abgefackelt. Jawohl. Angezündet habe ich sie, abbrennen lassen habe ich sie mit allem, was drin war. Mit allen, die drin waren.
Wie das klingt. So GRAUSAM.
Obwohl, wer war da schon noch drin. Eine Handvoll durchgeräucherte Altrocker, ein paar angesoffene Amtsschimmel, ein Rudel Mäzene. Und Lugi. War er da? Ja, er war da.
Schrecklich ist das. Furchtbar, werden die Leute sagen, FURCHTBAR…
Wie kann man nur. Aber ich hatte meine Gründe.

Ich kann schon die Schlagzeilen sehen. BRANDSTIFTER SCHLÄGT ZU: BARBESITZER STIRBT IN DEN FLAMMEN. Wunderbar… Schnell ins Bad. Ist mir übel.
Es würgt mich. Oje. Igitt.
Wasser. Viel Wasser.
Das tut gut.

Feuer. Rauch. Glutnester glosen. Menschen schreien.
Puls pocht im Hals. Raus, raus. Atmen. Tief atmen.
Stopp, Film im Kopf, STOPP.
Ich bin unschuldig.

Hat mich wer gesehen. Wer könnte mich gesehen haben. Wer. WER. Wo. In dem Chaos.
Feuerwehr. Rettung. Schaulustige. Rasende Reporter.
Jetzt keine Panik. Alles geht nach Plan.

Raus aus den Klamotten. Die stinken nach Qualm. Weg damit. O Gott, meine Haare. Die muss ich abschneiden. Wo ist die Schere. Ah, hier.
RRRSSSS. Das Geräusch, das eine Schere macht.
Lugi liebte es.
Lugi ist schuld.
Ja, er ist an allem schuld.

Wohin mit dem Plunder? Am besten ab in den in den Ofen damit. Haare, Kleider, das ganze alte ICH. Faszinierend, wie schnell das verbrennt.

So, jetzt genau aufpassen. Wie schaut das Passbild aus. MIST. Wo ist denn dieser Scheißpass jetzt. Ah. Hier. Gut. Also, dieses Bild schaut mir doch überhaupt nicht ähnlich. Geh bitte. Da hätte sich die Mitzi schon ein bisschen mehr Mühe geben können. Die hat doch eh so viele Pässe zusammengefladert. 5000 wollte sie haben für den Schas. Eine feine Freundin ist das. Na gut, andererseits hab ich mit ihr auch schon mehr als einmal ein gutes Geschäft gemacht.

So, als erstes die Haare neu. Dann nehm ich eben die blonde Perücke. Die Passtussi hat auch so eine Mähne. Blaue Kontaktlinsen und geht schon. AU. Das brennt. Ich hab immer noch Asche in den Augen.

Jahrelang hab ich immer brav mitexerziert. Damit ist jetzt SCHLUSS. Ein für alle Mal. Wo ist denn die Wimperntusche. Ah, hier. Immer schneller, immer höher, immer toller dreht sich das Karussell, bis es GLÜHT. Du treibst es zu bunt, Lugi, das fällt dir noch auf den Kopf. Äch bän näch aufn Kopf gefalln, äm Onderschied zo dir. Khähähä.
Dieses Lachen. Verschwinde, Lachen. DORT ist die Tür.
Es gibt dich nicht mehr.

Wie spät ist es jetzt. Was, schon zehn. Schnell, schnell. Altes Gwand anziehen und ab zum Bahnhof. Das kleine Schwarze, Stiefel. Ledermantel. Blöder Zufall. Diese Sachen hab ich auch am ersten Arbeitstag angehabt. Ist das jetzt ein OMEN oder was.

Ich war einfach zu NAIV. Damals, als ich bei Lugi angefangen hab. Die letzten Jahre dann nicht mehr so sehr. Hm. Wie hinterlasse ich das Haus. Am besten, es schaut so aus, als wär ich nur ausgegangen. So, vor allem die Schminksachen sollen hier herumkugeln. Zwei, drei Kleider breite ich aufs Bett. Und dann raus hier.

Schnell noch eine Notiz im Küchenkalender. MITZI 20 UHR ARABIA. Das ist plausibel. Ich und die Mitzi sind immer in der Arabia, wenn ich frei hab. Und heute hab ich definitiv frei.
Da sollen sich die Kieberanten erst mal reindrängen, in das Kitschbeisel, und dann in aller Ruhe die Mitzi ausfratscheln. Die hat eh keinen Tau von nix.

Handtasche. Pass. Flugticket. Bargeld. Alles da. Noch ein kurzer Rundgang durchs Haus. Herd aus. Musik aus. Ofen soll fertigbrennen. PASST.
Die armen Blumen. Die werden eingehen.

Äch hab dä Rockmusäk nach Kuhfstein gäbracht. Ohne mäch gäbs hier nur Blasmusäk und Biedermänner. Schon jätzt bän äch eine Lägändä. Khähähä.

Ja, Lugi, ja genau. Noch in dreißig Jahren werden sie dir in diesem Kaff die Kuschelrotz-Events widmen. Das Oberkreuzberger Nasenflöten-Orchester wird dir ein Requiem komponieren.

Was ist das für ein Lärm da draußen. VERDAMMT. Blaulicht. So früh hätt ich mit denen nicht gerechnet. Vielleicht hat mich doch wer gesehen. Zu blöd auch. Hätte mich schon für das Feuermachen verkleiden sollen.
Schnell durch die Terrassentür in den Garten. Scheiß-Schuhe. Zu eng zum Laufen. Wo ist der Zippverschluss. Aufmachen. Warum zittern meine Hände so.
Ab durch die Mitte.

Nein, nein, NEIN. Die dürfen mich nicht kriegen. Ich weigere mich. Den Lugi hätten sie kriegen sollen. Aber dafür haben sie von ihm einfach zu viel gekriegt, damals. Mir ist nichts anderes übrig geblieben. Ich habe die Dinge selbst in die Hand nehmen müssen.

Huh, ist das anstrengend. Mein HERZ. Gleich bin ich am Christkindlmarkt. Gut besucht heute. Optimal. Jetzt mische ich mich unter das Volk. Flanieren. Zwinkern. Strahlen wie ein Christbaum. Warum schaut denn die Frau da so komisch. Mist. Die Schuhe. Ups. Wissen Sie, das ist heuer modern. SSSIPP. Auch dieses Geräusch behagte Lugi sehr.

So. Banksitzen ist unauffälliger. Sitzenbleiben. Einatmen. Ausatmen. Eine Tschick anzünden. Keine Kieberei in Sicht. Gut.

Das Problem, das ich mit Lugi hatte, war nicht die Musik. Auch nicht seine Spleens und Marotten. Als Chef war er durchaus in Ordnung. Man musste nicht darben.

Und das eine oder andere arrangierte Stelldichein im Hinterzimmer war schon OK.
Vorausgesetzt, es hat sich finanziell gelohnt. Und das hat es sich meistens.
Sei nätt zu däm Macker, mein Mädchen. Der isn Goldesel.
Ja, Lugi, ja. Werd ich machen. Weißt eh, dass ich ein richtiges Zuckergoscherl sein kann. Khähähä. Kriechste dann n Stöck Zockerbrood von mir.
Und wenn’s nicht klappt, de Paitschä.

Saukalt ist es hier. Besser, ich steh auf. Einen Glühwein, bitte. Ja, ich weiß, fünf Schilling Becherpfand. Na dann, zum Wohl. Auf das Leben in Flucht. Picksüß, das Klumpert. Und EX.

Ich hatte auch kein Problem mit der SCHLEIMSPUR, die Lugi beim Anbiedern an kokaindünne Rockergattinnen oder weinselige Kulturstadträte hinterlassen hat.
Der Kampf um Subventionen ist schon immer ein heikles Geschäft gewesen.
Nein, das Hauptproblem ist ganz woanders gelegen.

Welchen Weg soll ich nehmen. Unterer Stadtplatz oder Marktgasse. Der Zug geht in einer Viertelstunde. Jetzt bloß nicht auffallen. Ich bin fast schon in der Zielgeraden.

SHIT. Da vor der Sparkasse. Die zwei Typen mit den dicken Augenbrauen. Warten die auf mich oder was. Schnell rein in den Hauseingang da. Verdammt. Was soll ich jetzt machen.

Das war ja das Unheimliche, als die damals beim Lugi aufgekreuzt sind. Wann war das noch mal. Vor zwei Jahren oder so muss das gewesen sein. Jedenfalls haben die urkomisch geredet. Und auf einmal fängt der Lugi auch an so zu reden. Wie so ein Steinzeitslang hat das geklungen. Eus katzi ASKATZASUNA. Oink zerbitzatzan du eskua. Bis heute geistert mir das im Schädel herum. Obwohl ich die Bedeutung nicht kenn.
Was war denn das jetzt, Lugi.
Das geht dichn feuchtn Kehricht an. Musste nich alles wissen.
Wamm. Tür zu.

Na schön, Lugi. Wenn du glaubst, ich bin auf der Brennsuppe daher geschwommen, dann BITTE. Aber wunder dich nicht, wenn das alles irgendwann auf dich zurückfällt.

Jedenfalls sind die zwei Steinzeit-Haberer immer wieder gekommen und jedes Mal noch länger geblieben. Auf konspirative Sitzungen im Separee.

Und ich glaub, der Lugi war auch ein bisserl naiv. Hat wohl nicht damit gerechnet, dass ich in seiner Abwesenheit zum Herumstierln anfang. Und was ich da so gefunden hab, war nicht von schlechten Eltern. Operation MORGENSCHWERT, hat es da geheißen. Siegreich in Barcelona. Rote Grütze in Saragossa. Plus Bombenbastler-Handbücher. Und LUGIBAR ist in Wirklichkeit keine Bar, sondern so ein baskisches Kaff, wo der Lugi mit seinen Eta-Genossen die ersten Coups geplant hat. Spätestens da hat es mir echt den Magen umgedreht. Dabei bin ich nicht unbedingt eine von der moralischen Sorte. Ich hab dem Lugi ja einiges zugetraut. Aber so einen kranken Scheiß nicht.

Und das Beste war dann, dass ich die ANIMIERDAME für die zwei Wilden hätt spielen sollen. Die waren ganz scharf auf mich. Also, ich hab aber auch meine Grenzen. Der Lugi hat ihnen dann als Trostpflaster zwei minderjährige Thai-Mädels besorgt. Danach war erst einmal Schluss. Nicht, dass sie es nicht immer wieder versucht hätten. Aber der Lugi hat ganz genau gewusst, da beißt er bei mir auf Granit.

Am ärgsten war dann mein kleiner Besuch bei der Polizei. Wollte zur Abwechslung mal was GUTES tun und hab ihnen das ganze Beweismaterial rübergeschoben.
Und des soima Eana iatz glam. Da Hea Lugnbauer is eabora Birga. Und wohea soin mia eigentlach wissn, daas ned Sie söwa a so a Terrorschlompm san und ins auf a foische Färte lockchn woin. Oiso, Sie pockn iatz des Kchraffewerch gonz schnö wiedarei und lossn si nimma bei ins blickchn.
Hommarins vastondtn.

Von da war es dann zum Benzinfass und den Streichhölzern nur mehr ein kurzer Weg. Leider hab ich die beiden Augenbrauen nicht erwischt. Als hätten sie es gerochen.

Zurück zur Gegenwart. Konzentrieren. ATMEN, tief atmen.
Susi fasst für Sie zusammen: Wir haben hier zwei smarte Terrorbrüder mit sexy Augenbrauen. Die sind nur im Doppelpack zu haben und können Ihnen so richtig einheizen. An ihrer Seite erwartet Sie ein romantisches Leben als Freiheitskämpfergattin. Und wenn Sie nicht spuren, dann gibt’s eine Kugel in den Kopf.

GO GO GO. Stiletto Run zum Taxistand. Au. Die Eisluft brennt im Hals. Wie der ärgste Calvados. Zum … huh … hah … Bahnhof, bitte. Schnell.

Ein Schuss. Bremsen quietschen. Fahren Sie, guter Mann. Lauter VERRÜCKTE sind heut unterwegs. Ist sicher nur ein Silvesterkracher. Jaja, ich versteh das schon, ich bin auch erschrocken. Trotzdem muss ich zum Zug. Meine Oma liegt im Spital.

Gott, meine Hände zittern. Herz, hör auf zu rasen. Das nützt doch auch nichts. Ruhig, ruhig, ruhig. Da, die Innbrücke. HOPP, HOPP, Taximann. 40 Schilling? Hier, der Rest ist für Sie. Doch, natürlich ist das nötig gewesen. Danke, auf nimmer Wiederschaun.

Sprint zum Bahnsteig. Stiegen runter, Stiegen rauf. ACHTUNG BAHNSTEIG 3. Eurocity Michelangelo nach München Hauptbahnhof fährt ein.

Rein ins Abteil, Vorhang zu, Licht aus. Tschick anheizen. Ah, ist das schön.
Eine Hürde ist noch. Nein, zwei.

Zugestiegen, bitte. PASSKONTROLLE.
So, jetzt Vorhang auf für den Augenaufschlag. Lächeln, Bauch rein, Brust raus.
Zum Glück sieht man das Herz nicht durch, das klopfende.
Guten Abend, Herr Zugführer. Bitte sehr.
Vielen Dank. Gute Fahrt.

Bin ich müde. Und hellwach zugleich. Kurz entspannen. Augen zu.

Mein Gott, die Augenbrauen. Da. Sie sind vorbeigegangen. HILFE. Die kommen sicher noch mal zurück. Wie kann man dieses Fenster aufmachen. Ich muss aus dem Zug springen.

Sehr geehrte Fahrgäste, in wenigen Minuten erreichen wir München Hauptbahnhof.
WAS. WO. WIE. Die zwei Bomberjungs sind hinter mir her. Nein. Ich hab nur geträumt.
Aussteigen. Taxi suchen. Zum Flughafen, bitte.

Das kanns doch nicht gewesen sein. Billig ist das. Ich komm mir vor wie das lebende Halbweltdamenklischee aus dem Dreigroschenroman. Mir gefällt aber nicht, dass die am Ende immer sterben müssen.

FREIHEIT. Köstlich. Die Weihnachtsbeleuchtung fliegt am Fenster vorbei. Ich fliege auch.
Weit weit weg. Wie schön. Yeah. Ich könnte schreien, singen, springen.

Flughofn, Obflughollee, die Dame. Ach so, ja, danke. Hier, 30 Mark. Stimmt so.

Ich schwebe zum Check-in. Zahnpastalächeln, FILM AB. Fensterplatz, Raucher bitte.
So, jetzt schnell zum Gate. Oh nein. Das kann nicht sein. Da steht Augenbraue eins.
Hat er mich gesehen. Nein, er schaut in die andere Richtung.
Glaubt wohl, ich flieg nach Bilbao. Schön blöd wär ich da.

Mist, er hat mich gesehen. Komisch. Alles ist wie in ZEITLUPE. Jetzt direkt durch die Schranke. Meine einzige Chance ist, dass er kein Ticket hat. Dann gewinne ich Zeit. Bis der dann auch einen Flugschein organisiert hat, bin ich schon über alle Berge. Scheiße Scheiße Scheiße. Er kramt in der Tasche. Nein, kein Ticket, aber eine Waffe. Ist der total irre. Jetzt rennt er in meine Richtung. Schnell durch die Sperre. Lächeln. Tun, als wär nichts.

Kurzer Blick zurück. Ja. Jetzt haben sie ihn geschnappt. Ok. Cool bleiben. Bis der dazu kommt, Blödsinn über mich zu quatschen, sitz ich schon längst im Flieger.

Da, Gate 29. READY FOR BORDING. Immer geradeaus.

Willkommen auf dem Lufthansaflug LH 951 nach Buenos Aires. Nehmen Sie sich bitte kurz Zeit, um sich mit den Sicherheitsvorkehrungen vertraut zu machen.

Nein, danke, brauch ich nicht. Ich hab schon alle Vorkehrungen getroffen.
Was ich trinken will? Egal, Hauptsache mit Alkohol.

Prost! Ich gehe, aber ich komme NIE wieder. Vielen Dank, dass Sie unser Gast waren.
Die Lugibar schließt für immer ihre Pforten. Wem Sie das zu verdanken haben?
Das ist ab sofort ein Geheimnis.
Aktenzeichen XY ungelöst.

Das Kopfzimmer. Eine Bildstörung

astra

St. Cézaire, 15. März
Wenn dir die Zeit ausgeht, muss sich mehr ausgehen als sonst. Das Unnütze eher als das Brauchbare. Das Langsame eher als das Schnelle. Deshalb habe ich mir vorgenommen, ab sofort alles zu unterlassen, was weniger als drei Stunden dauert. So kam es auch, dass ich heute von acht bis acht am Dorfplatz saß und den Platanen beim Wachsen zuschaute.
Ich sah, wie der Morgentau die Blätter aufspannte. Gleich, nachdem sie erwacht waren, begannen sie Licht und Silberdunst zu atmen. Einige bekamen keine Luft mehr und fielen in Zeitlupe zu Boden. Gegen Mittag legte sich ein Safranhauch über alles, und die Baumkronen trieben wie Fischschwärme über den Himmel. Den ganzen Nachmittag schubsten sie Windböen hin und her. Abends wurde das Licht zäh wie Honig. Erst da kamen die Bäume allmählich zur Ruhe.
Während der Pastis vom Glas in die Blutbahn überwechselte, kehrten meine Gedanken schließlich doch zu dem unverschämten Wuchern hinter der rechten Schläfe zurück.
Warum wächst manches so schnell in den Tod hinein?

Callian, 17. März
In der Provence sind Olivgrün und Orangerot noch unschuldig. Heute lag ich auf dem Balkon in der Sonne und besoff mich mit Farben. Ein Schluck Lavendel. Ein Gläschen Mimosengelb. Ein Tropfen Azur. So lange, bis innen an den Augenlidern Feuerblumen keimten.
Du musst in dich gehen, meinte Jerôme, die Ausgehbekanntschaft. Hier, ich borge dir meine Maison für ein paar Tage. Das Gute an Jerôme war, dass man ihn nicht trösten musste, weil man ihn mit dem Sterben behelligt hatte. Wer weiß, wofür diese Gypset-Bars in Cannes gut sind. Aber manchmal sind dort Schlüssel für Häuser zu finden.
In meinem Kopf ist ein zugesperrtes Zimmer, in das niemand hinein kann. Dort quellen schrille Farben unter der Tür heraus. Ich habe es auf dem Tomogramm ganz genau gesehen. Danach war mir die Buntheit wochenlang vergällt. Auch Fremdwörter waren mir von dem Zeitpunkt an aufs Äußerste verhasst. Sie standen vor der Kopftür herum und tranken Tee mit den schrillen Farben und mit der neuen Sachlichkeit. Die wiederum war eine Frau in Weiß. Nur noch drei Monate zu leben, sagte sie. Austherapiert, meinte sie, und lächelte dienstmäßig.
Im Stillen beschloss ich, ab jetzt nur noch zu leben. Sie können schon gehen, wenn Sie wollen, sagte die neue Sachlichkeit, aber vorher müssen Sie hier unterschreiben.

Amsterdam, 21. März
Der Leidseplein pixelt. Hinter den beleuchteten Giebeln sind ein paar hohle Stellen ohne Boden und ohne Ende. Die Biertrinker tun so, als wäre nichts. Das Dunkle mundet ihnen nur, wenn sie nicht hinsehen. Die Pilzmischer wiederum achten bloß auf die schrillen Farben. Sie sind mir suspekt.
Habe nun mehr Muße für Betrachtungen, da mir das Geld ausgegangen ist. Immerhin ist es mir drei Tage lang gelungen, die Zeit homöopathisch zu dehnen. Seit dem Ende der Wirkung mische ich mich unter die Schausteller und schöpfe Mut aus der Gaukelei.
Know Thyself: Trip Interpretation, steht auf meinem Pappkarton. Manchen kann man wirklich mit jedem Unfug das Geld aus der Tasche ziehen. Mir soll’s recht sein. So komme ich schneller nach Malta.

Victoria, 25. März
Die Hügel von Gozo sind ein grüner Schwamm, der Gefühle aufsaugt. Reiseführer müssten die Feriengäste darauf hinweisen. Hassen Sie jemanden? Dann steigen Sie doch bitte auf den Festungsberg. Schwermütig? Ausflug zum Kuljat, sehr zu empfehlen. Ängstlich? Żebbuġ!
Heute lag ich auf dem Gipshut von Xweijni Bay und versalzte den Karamellstein gründlich mit Tränen. Später ging ich ins Restaurant und aß ein halbes Kaninchen, um das Ende der Brauchbarkeit zu feiern. Denken Sie positiv, hatte der Chef gesagt. Ich gehe davon aus, dass Sie in drei Monaten wieder einsatzfähig sind. Doch seit die Trauer im Fels versickert ist, finde ich Gefallen an der Nutzlosigkeit. Ein Dasein ohne Zweckbindung. Einfach nur da sein.
Beim Dessert schon wieder eine Bildstörung. Selbstzweck?

Marsalforn, 26. März
Heute Nacht besuchte mich die Angst. Was willst du, fragte ich. Dich, sagte sie und drängte mich zur Wand hin. Langsam drückte sie mir mit ihren Knochenfingern den Sauerstoff ab. Das kann nicht gut ausgehen, zischte sie. Sieh doch endlich den Tatsachen ins Auge.
Aufhören, schrie ich, loslassen. Ich kämpfte mich frei, rannte auf die Terrasse. Gierig sog ich mir die Lungen mit Salzluft voll. Bis zum Morgengrauen machte sich der Schlaf rar. Also beobachtete ich die Brandung, wie sie das Land vor und zurück bewegte.

Valletta, 28. März
Am Ausgang des Archäologischen Museums traf ich auf einen chinesischen Cellisten. Er spielte Bach. Ich hörte ihm lange zu. Die Schallwellen schwappten in meine Gehörgänge, überfluteten das Kopfzimmer und verwässerten die grellen Farben. Schließlich wurde das Ich auf die offene See hinausgeschwemmt, wo es sich im Salzwasser langsam auflöste.
Als der Musiker seinen Vortrag beendet hatte, lud ich ihn auf eine Schale Nudeln ein. Er gab mir die Visitenkarte seiner Großmutter. Medizin-Oma werde sie auch genannt. Die könne mir vielleicht helfen. Ich weiß nicht so recht, was ich davon halten soll. Vom Hoffen werde ich immer so dynamisch. Das passt mir nicht mehr ins Konzept.

Lantau, 3. April
Bin trotz Brechreiz der Zuversicht erlegen. Außerdem ist ohne eine letzte Chinareise kein würdiger Abgang möglich. Mit der Krankheit, die vor mir auf den Pflastersteinen ausgebreitet lag, brauchte ich keine drei Tage, um mir in der Republic Street das Fluggeld zusammenzuschnorren.
Heute besuchte ich das Kloster des kostbaren Lotos. Das Meer flirrte in Türkis, doch an manchen Stellen zeigten sich rosa Punkte. Die Buddhastatue hatte dunkle Streifen mit Abgrund dahinter. Versuchte die Tiefe zu ermessen, doch das schmerzte in den Augen.

Lantau, 4. April
Vormittags war ich am Strand. Ließ meine Schuhe in der Gischt stehen. So werden sie sich auch nach meinem Erlöschen noch bewegen. Wollte sicher gehen, dass sie ohne mich sein können.

Guilin, 7. April
Gebe Privatunterricht in Englisch, um mich über Wasser zu halten. Das Outgoing-Office der Fremdsprachenuniversität fragte an, ob ich eine Dauerstelle wolle. Ich lehnte dankend ab. Schließlich muss ich zu Medizin-Oma. Dies ist hiermit mein letzter Versuch, mich von jemandem heilen zu lassen.

Yangshuo, 10. April
Langsam geht mir der Wille aus. Tablettendosis erhöht. Bei einer Radtour am Jadedrachenfluss kam ich an einem Friedhof vorbei. Sehr schöne Lage. Gutes Fengshui: Im Rücken die Zuckerhutberge, nach vorne hin das saftige Flussblau. Vielleicht ist es gar nicht so übel, da unten zu liegen.

Yangshuo, 12. April
Wieder war die Angst auf Besuch, ohne dass ich sie eingeladen hätte. Karma, flüsterte sie mir ins Ohr. Tartarus. Höllenfeuer. Such dir eine Phantasie aus. Wird prompt geliefert. Himmel ist derzeit leider vergriffen. Eishände strichen über meinen Nacken. Kurz, bevor es zu spät war, taute ich auf und floh aus dem Zimmer.
Unten auf der Straße hatte der Nachtmarkt gerade angefangen. An den Ständen farbenfrohe Arrangements aus Gemüse, Fisch und Kleintierstücken. Die Ansicht zerfloss wie das Testbild auf einem alten Röhrenbildschirm.

Longsheng, 15. April
Ich sitze auf der Bergkuppe, unter mir klammern sich Reisterrassen an den Steilhang. Ein Riese muss sie mit seinen Händen gegraben haben und danach mit seiner Meerschaumpfeife Dampfwölkchen in die Luft gehängt haben.
Ich glaube, ich bin nur eine Figur in einem Computerspiel. Wenn ich blinzle, sehe ich neongrüne Polygone, dahinter Schwärze. Wer steuert mich?

Longsheng, 18. April
Endlich habe ich mich zu Medizin-Oma durchgefragt. Sie trägt einen Turban. Beim Anblick ihrer grellrosa Kleidung zuckte ich zusammen. Sie lächelte. Mein Enkelsohn hat mich schon angerufen, sagte sie.
Anschließend Pulsdiagnose. Was hast du da bloß für ein Zimmer im Kopf. Sie zuckte vor Schmerz zusammen und ließ mein Handgelenk los. Wir werden von der Milz-Energie ausgehen, sagte sie und drückte mir blassgelbe Pillen in die Hand. Drei Mal täglich vor dem Essen. Willst du Süßkartoffeln?

Longsheng, 29. April
Weniger Schmerzen. Bad in den heißen Quellen. Das Wasser besteht aus Kristallen, die ausweichen, wenn man sie einfangen will.

Longsheng, 5. Mai
Die Angst war wieder da. Lang nicht gesehen, sagte ich. Ich vergesse dich nicht, sagte sie. Was die anderen betrifft, bin ich mir da nicht so sicher. Ihre Faust senkte sich in meinen Magen. Wer denkt noch an dich. Für die bist du doch schon eine lebende Leiche. Ich rannte ins Badezimmer und spie die Faust aus. Geh auf dein Zimmer und vergiss nicht die Tür zu schließen, brüllte ich. Sonst vergesse ich mich.

Longsheng, 7. Mai
Medizin-Oma gibt mir die Behandlung gratis. Dafür muss ich Hühner füttern und mit den Enkeltöchtern Englisch lernen. Der Himmel flimmert.

Longsheng, 15. Mai
Fast schmerzfrei. Abreise. Habe einen Jahresvorrat gelbe Pillen im Gepäck. Ich hänge an unsichtbaren Fäden, die mich in die Höhe ziehen.

Kufstein, 29. Mai
Wieder zu Hause. Musste in Hongkong zwei Wochen auf der Straße Kinderporträts malen, um das Flugticket zu organisieren. Die ganze Stadt war eine einzige Pixelgrafik.
Habe beschlossen, den Sommer über ins Gebirge zu ziehen. Das Flimmern wandert mit. Vielleicht ist es doch kein Spiel.

Kaisertal, 2. Juni
Der Himmel ist ein gläserner Block, der über allem schwebt. Rot-grün-blaues Gewebe flattert an der Leine im Wind. Nein, umgekehrt: Die Schrift auf den Tüchern versetzt die Luft in Schwingung, sodass auch die Felsriesen ganz leise erzittern. Der Bach bewegt sich mit. Sein Rauschen erfüllt das Kopfzimmer. So wird das Ticken der Uhr im Gehörgang übertönt.
Nach der Aussöhnung mit den Farben darf sich das Abendrot vor meinen Augen aufs Tal senken und die Hügel durchscheinend machen. Ich bleibe hier sitzen, bis das Licht ausgeht. Wenn es so weit ist, werde ich die Augen weit öffnen.

We are. Are we?

astra

We are
We are part
We are part of the collective

Sleep is inefficient
Meditation is unsafe
Peace is wasteful

Fear is fuel
Greed is growth
Need is necessary

Humor is fruitless
Play is poison
Worship work!

You
You will be
You will be assimilated
Resistance is futile

Is it?

Luzia und der Fünfsterne-Hamam

astra

Ein psychohygienisches Dramolett in zwei Akten

I. Akt
Bühne: Die Protagonistin, stark geschminkt und lasziv gekleidet, sitzt auf einem roten Samtsofa und trägt ihren Monolog vor. Im Hintergrund laufen die von ihr erzählten Episoden als schwarz-weiß-rote Scherenschnitt-Dioramen ab.

Luzia ist mein werter Name.
Ich bin eine junge Dame
Welche tut, was ihr gefällt.
Anders als der Rest der Welt.

Nein, ich bin kein braves Mädchen
Im Getriebe Sand, nicht Rädchen
Zart und zotig, hold und heiß
Mein kleines Herz so kalt wie Eis.

Süße siebzehn, blondes Gift
Die, wenn Amors Pfeil sie trifft
In eine Boa sich verwandelt
und mit der Beute nicht verhandelt.
Alsdann rette sich, wer kann
Das Opfer ist gewiss ein Mann.

Nun liegt’s in der Natur der Sache
Das männliche Geschlecht, das Schwache
Kann dem Trieb nicht widerstehn
Muss deshalb früher von uns gehn.
Ob Bankdirektor oder Jäger
Psychologe, Schornsteinfeger

Nicht einer ist davor gefeit
Ein jeder fällt zu seiner Zeit
In Gruben, die er selbst gegraben.
Wollt sich doch nur am Obste laben
Äpfel, Birnen, Zwetschken stehlen
Arme Mädchenseelen quälen -

Alle hab ich sie gerächt
Die Trefferquote war nicht schlecht.

Einer war ein rechter Pascha
Mit Namen hieß er, glaub ich, Sascha
Der spielte gerne Kommandant
Ich schubste ihn vom Klippenrand.

Ein andrer wollte mich betrügen
Sich verstecken hinter Lügen
Ihm kocht’ ich Tafelspitz mit Kren
In seiner Soße war Arsen.

Der Nächste war ein Schlägertyp
Am Anfang tat er gar so lieb.
Später wurde es nicht besser
Da blieb mir nur das Fleischermesser.

Dann war da noch der Workaholic
Genügsam wollt er mich, und mollig
Beides wollte ich nicht sein
Ich stellte ihm am Berg das Bein.

Ein weiterer war fad wie Brot.
Da wurd’ ich bös, da sah ich rot.
Den Zorn bekam ich in den Griff
Mit Meuchelmord am Kreuzfahrtschiff.

Nicht zu vergessen der Sadist
Egomane, Pessimist
Er wollte meinen Willen brechen
Mit Stäbchen musst’ ich ihn erstechen.

Der letzte, der war paranoid
Hochneurotisch, schizoid
Ich nahm ihm die Tabletten weg

Er erhängte sich, oh Schreck.

II. Akt
Bühne: Die Hauptdarstellerin liegt in einem Whirlpool. Überall brennen rote Kerzen und Räucherstäbchen. Im Hintergrund wieder die Dioramen.

Dann kam der Tag, an den ich heute
Noch gerne denke: Große Beute!
Da ging ein Dämon mir ins Netz
Magnetismus: das Gesetz
Groß und schlank und schwarz und schön
Mit Flügeln, stattlich anzusehn.

Und ehe er sich’s recht versah
War ich seine Domina.

Doch halt: Ich konnte ihn nicht quälen
Zu ähnlich waren unsre Seelen
Auch er tat nur, was ihm gefiel
Das zeigte sich beim Liebesspiel.

Verdiente er es nun zu leben?
Das Todesurteil aufzuheben
Nein, das war ich nicht gewohnt
Männer werden nicht verschont.

Das Schicksal sollte dies entscheiden
Entweder das Band zerschneiden
Oder uns für immer binden
Weil kein besserer zu finden.

Um Dämons Hingabe zu testen
Würde ich mit Heizölresten
Ein Feuer legen in dem Haus
Und schreien dann: Hol mich hier raus!

Nun goss ich Kannen voll Benzin
Überall im Hause hin
Packte meine Siebensachen
Um dann die Flammen zu entfachen.

Beim letzten Tropfen justament
Kam er zurück: Falscher Moment!

Der Dämon, der war sensitiv
Doch eines war er nicht: naiv.

Er durchschaute mich sofort
Und brachte mich an einen Ort
Wie geschaffen für ein Mädchen
Das Sand sein will, kein keusches Rädchen.

Ein Hamam der ersten Güte
Und die Masseure – Gott behüte
Die verstanden ihre Kunst
So erwirbt man meine Gunst.

Rundherum ein Flammenmeer
Meterhoch, das wärmte sehr
Mein Herz, das einst so tief gefroren
Hat seine Frostigkeit verloren.

Dämons Brüder schürn die Glut
Wallend, wogend kocht mein Blut
Und siehe da, die Männerschar
Die ich ermordet wunderbar
Auch sie sind hier in neuer Tracht
Putzmänner sind sie: Welche Pracht.

Wer noch nie in der Hölle war
Zu empfehlen: Die Inferno-Bar.
Feuerwasser, Met und Wein
Diktatoren schenken ein.

Auch ein Stripclub ist vorhanden
Sollten später Sie dort landen
Sei zur Warnung nur gesagt
Sünder sind hier sehr gefragt.
Die Stripper sind Investmentbanker
Mädchenhändler oder Henker.

Ja, in der Hölle lässt sich’s leben
Böse Mädchen siegen eben.

Indes im Dampfbad-Hinterzimmer
Ich und Dämon: eins für immer.

Das Wüstenherz

astra

Ein Wintermärchen

Die Winterdämmerung tauchte die blauen Steinhäuser von Jodhpur in flüssiges Gold. Widerwillig, doch fröstelnd lösten sich die Sonnenstrahlen von der erstarrten Landschaft, die sie den ganzen Tag mit sanfter Bestimmtheit ausgeleuchtet hatten. Dann schwammen die Wolken herbei.

Schneeflocken tänzelten von den Flügeln des Berges herab, um sich sachte auf Sandelholzbäumen, Textilfabriken, Schafspelzen und Menschennasen niederzulassen.

Der Raja saß auf der Dachterrasse des Mehrangarh-Forts und überlegte. In seinen Nanofilzmantel gehüllt, fror er außen nicht. Doch sein Herz war seit langer Zeit von Eisblumen bedeckt, die langsam, aber sicher jedes noch so kleine Fünklein Wärme darin in Frost verwandelten. Nichts, gar nichts vermochte seine unterkühlte Seele mehr aufzutauen. Und wenn sein Innerstes kalt war, warum sollte er dann etwas gegen den unerbittlich vorrückenden Polarwinter unternehmen, der die einst blühende Wüstenstadt in eine frostige Ödnis verwandelte.

Gewiss, er spielte bisweilen mit der Idee, ob es nicht besser wäre, langsam an eine Neugründung in Äquatornähe zu denken. So mancher Zänker würde sich vermutlich dagegen wehren, seine ach so heiß geliebte Heimaterde nur wegen einiger Minusgrade im Juli aufzugeben. Doch die meisten seiner Schäfchen würden ihm sicherlich in besser beheizte Gefilde folgen.

Der Mundschenk brachte seinem Herrn noch einen Becher Gewürzwein. Kardamom, Zimt und Ingwer schmolzen duftende Blasen in das klirrende Gusseisen der Nacht.

„Mein Gebieter, ein verschrumpelter Wicht aus dem Norden wünscht Eure Abendruhe zu stören“, sagte der Diener, „mit der Begründung, es handle sich um eine Angelegenheit von äußerster Dringlichkeit. Soll ich ihn vorlassen oder besser gleich in den Holo-Kerker werfen?“

Wenngleich er für gewöhnlich ein gestrenger Herrscher war, stand dem Raja der Sinn nach ein wenig Zerstreuung und er erteilte den Befehl, dem Besucher eine fünfzehnminütige Audienz zu gewähren.

Die Bezeichnung „Wicht“ war wohl nicht ganz zutreffend. Die Hünengestalt, die sich vor dem achteckigen Thron verneigte, war ein mongolischer Bogenschütze mit reich verzierten Reitkleidern aus Mammuthaar. Genauer: Eine mandeläugige Bogenschützin mit hüftlangen Zöpfen.

„Eure Majestät, gestatten Sie einer durchfrorenen Gesandten von Khubilai Khan dem XXI., Ihnen die Holo-Botschaft des Himmelssohns zu überbringen. Verschlusssache, versteht sich“, verkündete sie mit einer Stimme, die an zerberstende Eisberge erinnerte.

Der Raja deutete mit einem leichten Kopfnicken an, dass dem Gesuch der Mongolin stattgegeben wurde.

Ein kurzes Knistern drang aus dem Emitter, und dann schwebte der Kopf des Khans wie ein zu groß geratener Leuchtkäfer im nächtlichen Schneetreiben. Die Projektion hatte einen Blaustich und war nicht ganz streifenfrei – kein Wunder bei diesem alten Gerät aus der Vorkriegszeit der Nuller Jahre.

Die Gesandte drückte auf Play. „Seid gegrüßt, geschätzter Schwager Roa Rajputen“ erklang es schnarrend aus der Kehle des Khans, „ich wende mich an Euch, um Euch in einer Herzenssache von höchster Bedeutung um Rat und Beistand zu ersuchen. Wie Ihr sicher wisst, pflegen die Temperaturen in unseren Breiten jedes Jahr um ein Viertelgrad zu sinken. Ihre Majestät können rechnerisch leicht nachvollziehen, wie wenig Zeit uns noch bleibt, bis unsere Jurten gänzlich im Schneesturm versinken. Schon jetzt hungern unsere Untertanen, erfrieren unsere Yaks. Das Schlimmste: Meine Lieblingskonkubine droht mich wegen eines Tropenprinzen zu verlassen. Nun geht an unseren windgebeutelten Herdfeuern die Kunde, dass es in der Thar-Wüste vor den Toren Eurer Stadt einen Ort gebe, an dem mittels eines mächtigen Kleinods, genannt das Wüstenherz, welches etwa auf halber Strecke zwischen Jodhpur und Bahawalpur im Sande schlummere, Abhilfe geschaffen werden könne. Dieses wundersame Juwel sei nämlich dazu in der Lage,  einen Wärmezauber auf unsere gefrierende Welt herabzusenken. Falls Euch trotz Eures schmerzlichen Verlustes noch an einer Wendung zum Besseren gelegen ist, so nehmt meine Gesandte und zugleich beste Bogenschützin, schickt sie in die Wüste, auf dass sie mit dem Wüstenherz in ihrer Satteltasche zurückkehre.“

Der Raja schwieg. Sein Blick verlor sich im silbernen Reigen der Schneesterne.

„So möge es sein“, sagte er nach einer fünfzehnminütigen Kunstpause. „Die Gesandte kann sich nun in ein Gastquartier zurückziehen und ihr Magnetschwebeross am Solarspeicher andocken. Beim ersten Tageslicht breche sie auf und komme nicht wieder, bevor nicht das Wüstenherz in ihren Besitz gelangt ist.“

Ohne ein weiteres Wort schwebte die Schützin von dannen.

Dem Morgenhimmel stieg die Röte eines neuen Tages in die schlaftrunkenen Wangen. Irgendwo krähte ein heiserer Hahn. Der Wind bedachte die gefrorenen Häupter der Dornbüsche mit tausend Bürstenstrichen.

Eine Staubwolke am Horizont kündete vom ordnungsgemäßen Aufbruch der Mongolin. Iolani, wie sie von den ihren genannt wurde, war es gewohnt, allein durch frostgepeitschte Ebenen zu reiten und exzentrische Oligarchen mit Informationen zu versorgen. Nach dem endgültigen Zusammenbruch der globalen Kommunikationsnetzwerke hatte sie lange Jahre im neozaristischen Russland als Botschafterin des Khans gedient und mehr als nur einmal Staatsgeheimnisse höchstpersönlich durch die sibirische Einöde transportiert. Die Mission Wüstenherz war in ihren
Augen ein weiteres Hirngespinst größenwahnsinniger Lokaldespoten, ein sinnloses Aufbegehren gegen das unaufhaltsame Vorrücken der Gletscher. Unaufhaltsam, ja. Und dennoch von ihresgleichen in Gang gesetzt.

Die Sonne kletterte behände über das Firmament und ließ sich am Ende erschöpft auf einer Wanderdüne bei Birsilpur nieder. Iolani beschloss es der Sonne gleichzutun und schlug an einem ausgetrockneten Flusslauf ihr Lager auf.

Bengalfüchse schnüffelten auf der Suche nach der immer knapper werdenden Nahrung an jedem raureifbedeckten Stein. Staubwirbel wiegten sich im Abendwind. In der Ferne heulte eine hungrige Wölfin.

Iolani starrte in die eisblauen Flammen ihres Gasbrenners und dachte über ihre Mission nach. Sie würde nun wohl wochen- und monatelang durch die menschenleere Dünenlandschaft stromern, opiumsüchtigen Nomaden gegen ein saftiges Bakschisch Informationen abpressen, jeden Stein umdrehen, Wölfe erschießen und noch mehr grässlichen Instantschafsmilchtee trinken.

„So kann es sein, genauso gut kann es aber auch anders sein“, krächzte eine uralte Stimme, „und übrigens: Ich habe HUNGER!“ Iolani wandte sich um und blickte direkt ins runzelige Angesicht ihrer alten Bekannten aus Russland, der Baba Yaga. „Was in aller Welt machst du denn hier?“ fragte sie und warf der Hexe einen Sack mit Brot und Trockenfleisch zu. Das Weiblein mit dem goldenen Nasenring und der weißen Mähne verschlang den gesamten Sackinhalt in Schwindel erregendem Tempo, wischte sich Mund und Finger an Iolanis Seidenschal ab und antwortete: „Mein bengalischer Bruder Kumbhakarna hat von dir geträumt und mir brühwarm davon berichtet. Da dachte ich, du könntest meine Hilfe ganz gut gebrauchen.“ „In der Tat“, meinte Iolani, „wenn du mir einen Rat geben könntest, wie ich ohne lang im Sand herumzuwühlen geradewegs zum Wüstenherz gelange, wäre ich dir sehr verbunden, gute Baba.“

„Woher soll ich das wissen?“ entgegnete diese und machte sich über Iolanis Käsevorrat her, nicht ohne zuvor einen kräftigen Schluck Milchschnaps genommen zu haben.

Die beiden Frauen schwiegen eine Weile und starrten gemeinsam ins Feuer.
Dann schlug Baba Yaga vor, sie möge doch den alten Dschinn von Lunkaransa aufsuchen. Der wisse immer weiter, wenn es um unerfüllbare Wünsche ginge. „Ein gewieftes Bürschchen auf seine Art“, meinte die Alte. Dann fingerte sie ein Hühnerknöchelchen aus ihrer Tasche, drückte es Iolani in die Hand und grinste breit, sodass ihre schiefen Zähne aufs Lieblichste im Feuerschein glänzten. „Ruf mich, wenn du weitere Hilfe nötig hast. Bis die Tage!“ Sie schwang sich auf ihren Mörser und ruderte durchs rotviolette Wüstengewölk davon.

Ein neuer Tag webte Goldfäden ins granatapfelfarbene Haar der Schäfchenwolken.
Eine Echse verspeiste eine Gottesanbeterin und nahm ihren nur mäßig vorgewärmten Sonnenbadeplatz auf einem Sandstein ein.

Als Iolani am Horizont die weißen Flügeltore von Lunkaransa erblickte, nahm sie eine geheime Abzweigung Richtung Nordosten. Siebenhundert Dornbüsche später war sie bei der Höhle des Dschinns angelangt. Dieser saß vor dem Eingang auf einem Teppich, in die Lektüre von Rumis gesammelten Werken vertieft.

Die Bogenschützin räusperte sich uns sprach: „Verzeiht, edler Dschinn, dass ich Euch zu so früher Stunde das Tageslicht stehle. Doch ich komme in höchster Not zu Euch. Verratet mir bitte, wo das viel gerühmte Wüstenherz verborgen ist.“

Der Dschinn blickte auf. „Das ist einfach. Der Brunnen von Birsilpur träumte, er sei ein Loch im Sand. Doch als er aufwachte, sah er, dass er der Ozean war, in dem das Herz der Welt schlägt.“

„Könnt Ihr mir das ein wenig näher erklären?“ fragte Iolani. Keine Reaktion. Der Dschinn hatte seine Lektüre fortgesetzt und würdigte sie nun keines Blickes mehr.
„Das musst du schon selbst auseinanderklamüsern“, murmelte er in seinen Ziegenbart.

Also schwang sich Iolani wieder auf ihr Ross und ritt geschwind nach Birsilpur, wo vor dem Stadttor tatsächlich ein verwitterter Brunnen aus dem safranfarbenen Staub ragte. Er war ausgetrocknet. Von wegen Ozean.

„Vieless isst anderss, alss ess auf den erssten Blick erscheint“, sagte eine leise Stimme, die wie Sandpapier durch ihre Gehörgänge schliff.
„Wer bist du?“ frage Iolani.

„Dass wirsst du noch früh genug begreifen. Spring hinein, tauch hinab und ssieh sselbst“, raspelte die Stimme in Iolanis Mittelohr, „worauf wartesst du noch?“

Ohne sich mit einer genaueren Abwägung der möglicherweise fatalen Folgen eines solchen Unterfangens aufzuhalten, sprang Iolani in den Brunnen.

Der Treibsand schwappte über ihrem Kopf zusammen. Behutsam öffnete sie ihre zusammengekniffenen Augen und – sie konnte sehen! Unter ihr erstreckte sich eine wundersame Meereslandschaft, wie sie wohl noch nie ein Menschenauge erblickt hatte. Ein Ozean aus Sand, durchsichtig wie Kristallglas, in dessen bernsteinfarbener Strömung leuchtend grünes Seegras wogte. Schwerelos schwebte Iolani inmitten saphirfarbener Fische.

Und sie konnte atmen, ein wenig schwerer zwar als gewöhnlich, doch schien sich der Wüstenstaub in ihren Lungen in köstlichste Sommerluft zu verwandeln. Sommerluft, ja. Eine Wärme, die Iolani seit ihrer Kindheit nicht mehr verspürt hatte, durchströmte ihre frostgeplagten Glieder.

Sie blickte nach oben. Sanft kräuselte sich die Oberfläche des Sandmeers in der Morgenbrise. Ein Wüstenschiff hinterließ seine Spuren, die konzentrische Kreise in den körnigen Spiegel zeichneten. Über ihrem Kopf glitt eine Schlange hinweg.

„Wer bist du“, fragte Iolani ein zweites Mal. „Wass denksst du?“, fragte die Stimme, „du weißßt ess doch schon längsst!“
Iolani tauchte in kräftigen Zügen hinab und rief: „Du bist das Wüstenherz!“
„Na endlich“, antwortete dieses und fragte, „Und jetzst denksst du, ich würde dir sso mirnichtss, dirnichtss helfen?“
„Natürlich“, entgegnete Iolani, „in deiner unendlichen Weisheit und Güte hast du sicher Erbarmen mit den frierenden Menschenkindern. Im Namen meiner Mitgeschöpfe: Schenk uns deine Wärme!“
„Warum ssollte ich dass tun? Alss ihr die Atombomben abgeworfen habt, da habt ihr auch nicht meinen Beistand erbeten!“ Der Schrei des Wüstenherzens tobte wie ein Sandsturm durch Iolanis Nebenhöhlen.
„Dann hilf doch wenigstens den Tieren, wenn du schon kein Mitleid mit den Zweibeinern hast!“ brüllte Iolani.

Stille. Ein Schwarm Medusen glitt vorüber. Ein blutrotes Glühen durchpulste das Sandmeer. Wie verträumte Silberglöckchen klingelte der Sand.

„Na gut. Aussnahmssweisse“, verkündete das Wüstenherz schließlich, „aber beim nächssten Atomkrieg knipsse ich euch alle Lichter auss, nur dass ihr ess wisst!“

Das Pulsieren schwoll an. Vulkanische Hitze stieg vom Ozeanboden auf und schlug Iolani in sengenden Wogen entgegen. So schnell sie konnte, schwamm sie Richtung Oberfläche, doch der Lavastrom kam immer näher. Ihre Fußsohlen glühten.

Mit letzter Kraft umfasste sie das Hühnerknöchelchen in ihrer Tasche. Sekunden später umfassten knochige Finger ihr Handgelenk und zogen sie mit einem kräftigen Ruck durch den Brunnenschacht nach oben. Iolani verlor das Bewusstsein.

Alle Geschöpfe der Wüste waren herausgekommen, um die Sonne zu begrüßen. Gierig tranken die Silberfüchse aus Schmelzwassertümpeln.

Blühende Kakteen schlürften den Nektar des Mittagslichts.

„Nastrowje“, krächzte die Baba Yaga und hielt der benommenen Iolani einen Becher Milchschnaps entgegen, „lass uns trinken auf die Rettung der Welt! Und gib mir zu essen! Ich rieche Lammfleisch in deiner Tasche!“

Iolani warf der fidelen Hexe die Dose mir dem Notvorrat zu. Leichten Herzens fing sie das wohlige Sonnenlicht in der hohlen Hand auf.

„Der Raja wird Augen machen!“ rief sie und tanzte auf ihren verbrannten Fußsohlen auf den Wellen des Wüstenmeeres.

Und weil sie nicht gestorben sind, sonnen sie sich noch heute.

Reflexionen im Hungerturm

astra

Eine Destruktionsanalyse

Immer noch denken viele, Seifenblasen seien durchsichtig. So mancher Zeitgenosse vertritt nach wie vor die irrige Ansicht, ein derartiges Gebilde bestehe lediglich aus einem dünnen Wasserfilm, an dessen Innenseite Seifenteilchen angelagert seien. Ferner wähnen sie sich in dem Glauben, eine Seifenblase setze sich aus nichts anderem als einer dem Wasser zugewandten hydrophilen Carboxylat-Gruppe und einem dem Wasser abgewandten hydrophoben Alkylrest zusammen.

Dem ist ganz gewiss nicht so. Der geneigte Leser möge sich nun zurücklehnen und im warmen Licht der Wahrheit baden, das sich in Bälde über ihn ergießen wird.

Vermittels eines von mir selbst ersonnenen Dimensionalspektrographen begann ich am 3. Feber unter der gefälligen Obhut des Wassermanns eine ganz und gar sonderbare Reise. Hätte ich gewusst, in welch unerquickliche Lage ich durch ebendiese gelangen würde, so hätte ich mein Ansinnen höchstwahrscheinlich noch einmal überdacht, hätte womöglich die Suche nach dem Lapis Philosophicus fortgesetzt so wie alle anderen meines Fachs. Doch für Reue ist es nun zu spät.

Ich hatte also mein Instrumentarium geeicht, meinen Messkoffer gepackt, meine Kinder ein letztes Mal auf die Stirn geküsst und meiner geliebten Gattin einige abschließende Ermahnungen erteilt. Meine Dienstboten hatte ich angewiesen, im Falle meines vorzeitigen Ablebens ihrem Tagewerk wie gewohnt nachzugehen, so, als sei nichts geschehen. Dem Gutsverwalter hatte ich aufgetragen, meine Liegenschaften weiterhin mit fester Hand zu bewirtschaften, so, als sei ich niemals fort gegangen.

Ich schloss die Tür zu meinem Laboratorium und befeuerte den Brenner. Schlohweiße Flämmchen leckten am Glaskolben. Sachte tauchte ich die Drahtschlinge in die Lauge, blies leicht auf die schillernde Membran, woraufhin sich eine kürbisgroße Blase bildete, die ich behutsam in der bereitliegenden Schale aus allerfeinstem Meißener Porzellan auffing.

Geschwind erzeugte ich noch einige weitere Blasen – Prachtexemplare, kann ich im Nachhinein voll Stolz behaupten – und setzte sie obendrauf, sodass am Ende eine wohlgeformte Pyramide aus Seifenkugeln zur rußgeschwärzten Decke meiner Forschungsstätte hinaufragte.

Dieses war der erste Streich gewesen, und der zweite – ein Geniestreich, muss ich ganz ohne falsche Bescheidenheit feststellen – folgte sogleich. Nun war der alles entscheidende Zeitpunkt gekommen. Munter knisterte das Feuerchen in meinem Werkstattofen, ungeduldig brodelte die Reagenzflüssigkeit, in hochroter Erwartung glühte der Alembik. Derweil setzte ich mir den Spektrographen auf den Kopf, nicht ohne zuvor mein Monokel im Messkoffer verstaut zu haben.

Ein Körnchen Alabaster und eine Entendaune waren die letzten, doch entscheidenden Ingredienzien für den Sud, der mein Leben verändern sollte.

Die Schnelligkeit des Steins, die träge Leichtigkeit der Daune setzten die Mechanik des Apparats in Gang. Ich implodierte in einem Spiralstrom aus verflüssigter Raumzeit.

Ein schwarzes, ein rotes, ein weißes Nichts umfingen mich und schleuderten mich hinaus aus der Zentrifuge des Allbekannten.

Stille. Milchiges Dunkel.

Ein Donnerschlag warf mich in die rissige Haut meines Selbst zurück. Da war ich, da lag ich auf der taufeuchten Grasnarbe mit einem Dimensionssprungmuskelkater in den müden Gliedern. Über mir ein Firmament mit Gestirnen aus flüssigem Opal.

Rund um mich erstreckte sich ein  mundgeblasener Kosmos, regenbogenschillernd und konkav. Eine fragile kleine Welt im Innern einer seifigen Sphäre.

Eine Wiese, Bäume. Ein verfallenes Wasserschloss, dessen morsches Tor wie eine Hasenscharte aus dem Burggraben ragte.

Hunde kläfften. Ein Bächlein murmelte. Ein wässriger Vollmond war im Begriff hinterm Horizont zu versinken.

Mit ächzenden Knochen und wimmernden Gelenken richtete ich mich auf, zündete meine Stirnlampe an und ging langsamen Schritts, doch frohen Mutes auf das Schlösschen zu. Unterwegs nahm ich allerhand Bodenproben.

Schon bald vernahm ich Gelächter und Gefiedel, Fußgetrappel und Hofdamengekreisch. Hinter den bröckeligen Mauern schien trotz der fortgeschrittenen Stunde eine recht fidele Abendgesellschaft im Gange zu sein.

Als ich mich dem Palast näherte, schlug lautstark eine ganze Hundemeute an. Ich war es gewohnt, mich vom Unbekannten nicht so schnell abschrecken zu lassen und schritt beherzt voran.

„Losungswort!“, knurrte der Torwächter, mehr Bulldogge als Mensch. „Boandlkroama“, knurrte ich meinerseits, woraufhin er mir sogleich Durchlass gewährte.

Der Thronsaal war Potpourri aus Erhabenheit und Dekadenz, Kerzenschein und Schimmelpilz, Prunk und Spülicht. Weihrauchschwaden mischten sich mit
Parfümduft, Fleischdampf und Hundeschweiß. Goldene Kelche standen voll Hühnerknochen, Bratensatz und Burgunderwein. Seidenglänzende Hofdamen hatten ihre Unterröcke auf die Kristallluster gehängt und tanzten mit den Prinzlingen ein letztes Menuett. In der Mitte thronte der Monarch, mit Hermelinmantel, wirrem Haar und trübem Blick, vom bunten Treiben sichtlich ermüdet.

Nicht ohne eine Magnetresonanzmessung des Saales vorgenommen zu haben, durchquerte ich die angeheiterte Menge und verneigte mich vor dem Herrscher.
„Eure Majestät, ich brachte, was Ihr wünschtet“, sagte ich mit fester Stimme, denn vor Aristokraten hatte ich noch nie Respekt gehabt. Ich reichte ihm ein winziges, sorgsam verkorktes Reagenzgläschen mit einer rubinrot schimmernden Flüssigkeit.
Wortlos nahm der König es entgegen, entkorkte das Behältnis und schüttete dessen Inhalt in seinen Weinkelch. Mit großen Schlucken leerte er sein Trinkgefäß.

Alles ging nach Plan. Während der Mann auf dem Thron dachte, er hätte soeben einen Wundertrank zu sich genommen, der ihn in der seit Jahrhunderten andauernden Blutfehde mit dem benachbarten Königreich unbesiegbar machen würde, war ich mir, wie es einem Forscher von Weltrang gebührt, über die nachfolgenden Ereignisse vollkommen im klaren.

In einer formvollendeten Sinuskurve hob sich das Schädeldach des Monarchen nach oben. Die Mauern warfen Blasen und die tanzende Menge wölbte sich halbkreisförmig Richtung Decke. Während sich die Szenerie zunehmend verflüssigte, wuchs eine kristallene Wendeltreppe aus dem rechten Ohr des Königs hervor. Ohne zurückzuschauen stieg ich auf dieser nach oben, auf eine helle Öffnung zu.

Wieder schwamm ich durch ein Meer aus Nichts.
Ein Trommelwirbel trieb mich zurück in meine sterbliche Hülle. Von unten herauf fiel ich in mein Ich hinein und schnappte gierig nach Luft.

Diesmal lag ich bäuchlings auf dem Marmorboden im Foyer einer Oligarchenvilla, die lädierte Nase in der vergoldeten Fuge zwischen den Mosaiksteinchen. Ein Diener wieselte mit dem Staubwedel auf mich zu und reinigte mich und mein Gepäck von Kopf bis Fuß, nicht ohne mir zuvor auf die Beine geholfen zu haben. Schmerzhaft, doch zuvorkommend.

„Bringe er mich zu seinem Herrn“, sagte ich mit sanfter Bestimmtheit, woraufhin mich der Dienstbote durch lange Wandelgänge mit Meerblick in den Bernsteinsalon brachte.

Dort saß er auf seinem Samtsofa, der Oligarch, die Sitzfläche ob seiner Leibesfülle fast gänzlich für sich einnehmend, umringt von Grazien, deren spärliche Oberbekleidung selbst mir als Agnostiker die Schamesröte ins Gesicht trieb.

„Großer Vorsitzender, ich brachte, was Ihr wünschtet“, sagte ich zu ihm mit fester Stimme, denn vor dem inkarnierten Mammon hatte ich noch nie Ehrfurcht verspürt, und reichte ihm ein wachsversiegeltes Glasröhrchen mit einer goldenen Flüssigkeit. Der Vorsitzende öffnete es sogleich und schüttete den Inhalt in sein Wodkaglas, um dieses in einem Zug auszuschlürfen, in dem Glauben, es handle sich um einen Zaubertrank, der ihm ewige Jugend, unerschöpfliche Manneskraft und unendlichen Reichtum verleihen würde.

Dass dies zu banal war, um wahr zu sein, wurde ihm erst bewusst, als ihm bereits eine gläserne Leiter aus dem Scheitel wuchs, das Bernsteinzimmer zu honiggelbem Sirup zerschmolz und die Grazien wie Kerzenwachs zu Boden tropften.

Leichterdings kletterte ich nach oben, nicht ohne zuvor eine Luftprobe gezogen zu haben. Nun war ich beinahe am Ziel meiner Reise angelangt. Durch eine kreisrunde Luke gelangte ich in die Höhle der Kristalle, mit Wänden aus Chrysoberyll, mannshohen Stalagmiten aus Amethyst und baumgroßen Stalaktiten aus reinstem Diamant.

Inmitten der glitzernden Pracht saß sie, die Herrscherin des zerbrechlichsten aller Reiche, die Königin der Flüchtigkeit, die Fürstin der Membranwelten. Sie trug ein Kleid aus Silbergespinst und Sphärenklängen, das ebenmäßige Antlitz von jadefarbenen Haarflammen umrahmt. Ich warf mich zu Boden. Nicht aus Ergebenheit, denn überirdische Anmut hatte mich noch nie eingeschüchtert, doch ich kannte die Gepflogenheiten und außerdem hatte ich ein Ziel.

„Wer hätte das gedacht. Der kleine Alchimist hat den Weg zu mir gefunden“, hieß sie mich willkommen und bedeutete mir mit einem Wink ihrer durchscheinenden Hand, ich möge mich erheben.

„Euer Durchlaucht, ich fühle mich außerordentlich geehrt durch Eure strahlende Präsenz und äußere vor Furcht zitternd und dennoch ganz geradeheraus mein Anliegen, sofern Ihr es erlaubt.“

„Fahrt fort“, antwortete sie.

„Die Menschen meiner Welt haben das Staunen verlernt“, begann ich, „da unsereins es gewohnt ist auf fester Erde und hartem Pflaster stampfenden Schrittes durchs Leben zu wandeln, umgeben von bleiernen Mauern, drückenden Dächern und erstickenden Pflichten, hat sich eine gewisse Trägheit breit gemacht, hat die Seuche der Freudlosigkeit um sich gegriffen. Nun hoffte ich im hauchfeinen Reich der Membranen das Element des Frohsinns ob dessen Vergänglichkeit zu isolieren und meinen trübsinnigen Mitmenschen in Form eines Trankes zugänglich zu machen.

„Nur zu gerne gewähre ich dem kleinen Tränkemischer diesen bescheidenen Wunsch“, sagte die Königin sanft, „gerne erlaube ich ihm auch noch einen Blick auf alle weiteren Mikrokosmen in meinem Reiche“, sprach sie und … in diesem Moment platzte die kleine Welt.

Man fand mich auf dem Boden in einer Lache aus dampfender Seifenlauge, um mich herum das Treibgut meiner Streifzüge im Reich der Blasen.

Die Königskrone. Der Siegelring des Oligarchen. Das Diadem der Kristallfürstin.

Natürlich hätte mir klar sein müssen, dass niemand und schon gar nicht die Schergen seiner kaiserlichen Majestät mir glauben würden, ich hätte diese Gegenstände in einer anderen Welt als der unseren mit reinem Gewisssen einzig und allein für wissenschaftliche Zwecke entwendet. Somit wurde ich ohne den langen Umweg über Folterkeller und Tribunal an Ort und Stelle wegen Diebstahls höfischer Insignien zum Tod im Hungerturm verurteilt.

Dabei hatte ich doch nur an die Zukunft der alichimistischen Forschung gedacht und ausschließlich für den Fortschritt der höheren Erkenntnis jene kostbaren Objekte in vorübergehenden Gewahrsam genommen. Die Zeit ist wohl noch zu jung für ein Genie meines Formats.

Nun denn, gehabt Euch wohl, geneigter Leser, denn meine Tage im Hungerturm sind gezählt. Bevor ich von Kachexie und Lichtlosigkeit dahingerafft werde, möchte ich Euch noch eines mit auf den Weg gehen: Nehmt nicht für bare Münze, was man Euch glauben machen will. Trinkt in vollen Zügen aus dem Kelch der Heiterkeit. Wissen ist Umnachtung, Wirklichkeit ein Wolkenkucksheim.

Ode à la lumière provençale

astra

Aurore
La divine

Séduite par le clair de lune
Sur un lit de thym sauvage

Concevait un enfant de lumière dorée

Nouri par la brume turquoise
Sur la brise ambrée des mimosas

Bericht einer Honigbiene im Juni

astra

Schwer beschwingt
Vom saftgrünen Kastanienschatten

Dessen Blütensonate
In meinem Sonnengeflecht verklingt

Schwimme ich im Atem des Sommers
Frei von Frost

Tyrolean Winter Elegy

astra

Creamy sunbeams

Gently stroking the Inn-side
Filling the frozen womb of the valley
With warmth

Leaveless treetips

Giggling in the light-blue breeze
Longing for the air of August

Das Genie

astra

Prolog:
Tierkreis
Oder
Der Funke im Ocker

Naïmi tauchte ihre Hände in die warme Asche des Kochfeuers. Die Nachtvögel schwiegen. Grellweiß zuckte der Zorn der Himmelsgeister über das schlafende Tal. Ihr Gebrüll hallte im Höhlenbauch wider. Wimmernd verkrochen sich die Sprösslinge der Sippe tiefer in ihren Fellsäcken. Die Alten kauten Birkenpech und summten im Takt der Trommeln. So hofften sie die Dämonen am Weltendach und in ihren Zahnhälsen gleichermaßen zu besänftigen.

Naïmi hatte keine Angst. Ihr hölzerner Jagdspeer steckte neben ihr im Kiesboden. Ein Rest Hirschblut klebte noch daran. Sollten die Unsterblichen nur toben. Sie und ihre Gefährten hatten genügend Frischfleisch für mehrere Tage erbeutet.

Als der kühle Atem des Regens in die Höhle drang, stand Naïmi auf. In den Händen spürte sie ein ameisenhaftes Kribbeln. Bunte Schattenbilder tanzten vor ihrem inneren Auge im Kreis. In ihrer Magengrube rotierte ein Feuerball. Mit einem Mal war sie hellwach.

Sie griff sich eine Fackel und ihren Lederbeutel und ging ins Höhleninnere. Aus ihrem Beutel nahm sie eine Handvoll Ockerpulver und mischte in einer Wasserlache die Farbpaste zurecht. Mit wenigen Strichen warf sie die Kontur eines mächtigen Geweihträgers an die glatte Felswand. Rundherum noch einige kleinere Tiere, flankiert von zwei Auerochsen.

Zufrieden musterte sie ihr Werk. Dann kehrte sie zu den anderen zurück, die schlaflos um das Feuer saßen und dem Lied der Wassertropfen lauschten. Naïmi setzte sich zu ihnen, nahm die Trommel und begann zu erzählen.

Schaltkreise
Oder
Die Tücken der Genialität

Fragen Sie mich nicht, wie sich ein schöpferischer Funke fortpflanzt. Ich weiß nur, dass meine Art schon lange existierte, bevor irgendwelche dahergelaufenen Primaten beschlossen, sich auf ihre Hinterbeine zu erheben und ein Bewusstsein zu kultivieren.

Es ist bitter, ein verkanntes Genie zu sein. Nicht, dass es mich nach Ruhm dürsten würde. Den Ruhm können sie sich ruhig behalten, die schaffensberauschten Hominiden, die Weltbeweger. Sollen sie sich ihren Ruhm doch aufs Brot schmieren, in den Tee schütten oder wahlweise ihre Affenhintern damit auswischen.

Worum es meinesgleichen geht, ist Gerechtigkeit. Es muss nicht unbedingt ein Stammplatz im Pantheon der Schreiberlinge sein oder ein Eintrag im Literatur-Brockhaus. Doch zumindest eine Erwähnung, ein Minimum an Anerkennung ohne mystische Verbrämung.

Musenkuss. Eros. Stimme Gottes. Von wegen! Ich verlange nicht mehr und nicht weniger als das Zugeständnis der Zweibeiner, dass ihre kreative Energie aus einer ganz besonderen Quelle stammt, die womöglich außerhalb ihres beschränkten Perzeptionshorizonts liegt.

Ja, ich und meine Leidensgenossen geben sie ihnen ein, die Eingebung. Na gut, natürlich bringen sie das eine oder andere Talent auch selbst mit. In ihrem mikroskopisch kleinen Geist findet sich so manche brauchbare Idee. Bunte Bilder bisweilen, ein hübsches Sammelsurium an surrealen Traumgeburten, ein blühender Garten bestechender Phantasien. Dies ist das Material, mit dem wir arbeiten.

Haben wir ein Individuum mit ausreichendem Potential erst einmal identifiziert, dann geht es ruck zuck. Schnell ein beliebiges Schreibgerät mit unserem göttlichen Odem behaucht, und schon können die ungeschliffenen Gedankengänge mittels beseeltem Medium directamente und in literarisch vollendeter Form aufs Papier gebracht werden. Oder wahlweise in einer Word-Datei abgelegt werden.

Die Geschmäcker sind da ganz verschieden. Nehmen wir zum Beispiel meinen Urgroßvater. Er ließ sich in der Füllfeder eines ziemlich lungenkranken Prager Versicherungsbeamten namens František nieder, um dessen bemerkenswerten Reichtum an grotesken Bilderwelten zu kanalisieren. Das Ergebnis kann sich durchaus sehen lassen.

Ich hingegen habe mich vollkommen der jungen Avantgarde verschrieben. Eine Zeitlang lebte ich in der mechanischen Schreibmaschine eines andauernd hustenden Zeitungsreporters mit Namen Thomas. Die Kooperation war durchaus erquickend, doch mit der Zeit wurde es mir dann zu anstrengend, ständig den wohlmeinenden Dompteur für bissige Satzgefüge zu spielen.

Schließlich machte ich das viel versprechende literarische Kollektiv um Klippo Kraftwerk ausfindig und nistete mich zum Zweck der inspirativen Infiltration meines Lieblingsmitglieds in einem schnieken rotschwarz gelackten Laptop ein. Fürwahr, mir war sofort klar, was sie für ein eitles Stück war. Würde der Funke auf sie überspringen? Würde sie sich von mir leiten lassen?

Während ich im Showroom des Elektromarktes vor mich hin dämmerte, streckte ich meine elektromagnetischen Fühler schon in ihre Richtung aus. Da war sie, die Traumverlorene, wanderte ein wenig orientierungslos zwischen den verschiedenen Geräten hin und her, verglich die Preise, die technischen Spezifikationen.

Da spürte sie mich in meinem Gehäuse. Und trat näher. Und zögerte. Und ging weiter. Ich glaubte schon, mich in ihr getäuscht zu haben. Doch sie kam zurück. Zielsicher und bereits auf bestem Wege zum fremd gesteuerten schriftstellerischen Erfolg. Astra, die Vielschreiberin, hatte mich gefunden.

In ein weitaus kataklystischeres Milieu gelangte meine Schwester, ein besonders gewitztes Fünkchen, das immer mit von der Partie sein wollte, wenn ich mal schnell in die unendliche Weite hinauszog. Sie erwählte nach reiflicher Überlegung den zackigen Militärkugelschreiber einer postfeministischen Weltenbummlerin zu ihrer neuen Heimstatt.

Oh, wie herrlich perlten von nun an gepfefferte Politphrasen überzuckert mit einem prickelnden Hauch Erotik auf das lose geschlichtete lavendelfarbene Recyclingpapier, das Giulia stets bei sich trug.

Harro hingegen war eine Zeitlang ziemlich bockig. Nachdem meine Cousine dritten Grades ihm via 1984er Apple Macintosh die unvergleichlich originelle Kunst des Method Writing eingeflüstert hatte, war diesem Schwängel nichts Besseres eingefallen, als auf den Kapverdischen Inseln der literarischen Abstinenz zu huldigen.

Doch meine herzige Base ließ nicht locker: Mit dem knisternden Sex-Appeal eines Mac Book Air gelang es ihr schlussendlich, den schreibblockierten Harro wieder in die heile Welt des frohen Schaffens zurückzuholen. Mögen sie gemeinsam lange glücklich sein!

Tina, die nachtaktive Wüstenblume, war lange nicht zu kriegen. Für mein Bruderherz, ein allerliebst glitzerndes Wölkchen Sternenstaub, gestaltete sich die Usurpation dann aber doch recht einfach. Auf einem spätsommerlichen Mezcal-Trip im Monument Valley fuhr er mit Karacho in Tinas linken Lackcowboystiefel und konnte sie damit nachhaltig am Kometenschweif ihres Unbewussten packen.

Fortan streute sie grazil auf allen ihren Wegen ein oder zwei Körnchen göttlicher Inspiration auf den Asphalt, und schon wuchsen in ihren toxischen Fußspuren zart duftende Hibiskusbüsche mit schlangenledernen Gedichtbändchen in den Großstadthimmel.

O Klippo, Hüter des Kollektivs. In einer schockgefrorenen niedersächsischen E-Gitarrenseite hielt sich deine eisige Muse in Form meiner jüngsten Schwester verborgen. Die Spärenmusik ihrer diamantenen Seele verwob sich mit deinem unterkühlten Intellekt zu einem kristallinen Wort- und Klangteppich, dessen raureifbedecktes Stakkato du sogleich auf den 27 Soundkarten in deinem Serverkühlschrank für die Nachwelt konserviertest. In stereo.

Dann war da noch dieser unerwartet einsichtige Außerirdische. Angesichts der einzigartigen Möglichkeiten kosmischer Synergie, die sich in einer Kooperation zwischen organischen und anorganischen Intelligenzen auftun, überließ Doma widerstandslos eines seiner fünf Gehirne meiner älteren Schwester und segelte fortan auf einem güldenen Meteoritenschauer dem Zenit seines Schaffens entgegen.

Mit der Besetzung einer blutroten Hahnenfeder samt dazu passender Tintenflasche war unser Werk vollendet. Buccan verfiel ihrem geschmeidigen Kiel sofort, als er in einem staubverschleierten Souk in Samarkand vom safranfarbenen Strahl ihres Lächelns gestreift wurde. Wie konnte er auch ahnen, dass es der jüngste Spross unseres genialischen Clans kosmischer Geistesblitze war, der da gleißendscharfe Eckzähne in das jungfräuliche Fleisch seiner reinen Schriftstellerseele schlug.

Sie sehen schon, wem der Ruhm gebührt. Eines Tages wird die Welt auf uns aufmerksam werden.