„Lassen Sie mich durch, ich bin Arzt!“
Mit medizinalem Habitus und forschen Bewegungen bahnte sich der junge Herr seinen Weg durch die Menge der Wartenden, die vor dem Kassahäuschen bereits eine lange Schlange bildeten. Der Circus Zanzani hatte seine zerzausten Zelte am Festplatz von Schnarzlreuth aufgeschlagen – und kein Bewohner des kleinen Bergdorfes wollte dieses gesellschaftliche Jahresereignis versäumen.
„Das klappt ja wieder wie am Schnürchen“, dachte der junge Herr zufrieden, während er mittels der eindringlich wiederholten Bitte, ihn doch durchzulassen, er sei schließlich Arzt, erfolgreich eine Bresche in die Schar der Wartenden schlug. Aber er hatte auch gar nichts anderes erwartet – die Arztnummer hatte bisher noch in jedem gottverlassenen wie gottesfürchtigen Nest funktioniert. Warum sollte sie also ausgerechnet hier in Schnarzlreuth nicht an- und einschlagen, bei dieser allem Anschein nach besonders provinziellen Mischung aus Tölpeln und Lumpen, Trampeln und Dirnen, Fleischhauern und Tagelöhnern, verhutzelten Greisen unbestimmbaren Geschlechts und Bauernbälgern pausbäckig-feisten Geblüts?
„Lassen Sie mich durch, ich bin Arzt!“, forderte der junge Herr ein weiteres Mal, so laut wie möglich und im sonorsten Dr. med.-Bariton, der ihm zu Gebote stand. Zugleich schob er sich selbstbewusst an den letzten Wartenden vorbei bis vors Kassahäuschen. Wie erhofft, hatten sein souveränes Auftreten und seine ärztliche Ausstrahlung beim versammelten Bauernvolk den tiefsten Eindruck hinterlassen. So tief, dass es niemanden zu stören schien, dass der junge Herr nun nichts weiter tat, als ein Billett zu lösen.
Nicht dass er an der Circusvorführung auch nur im Geringsten interessiert gewesen wäre. Trotz seiner jungen Jahre hatte er schon alles gesehen und gehört und gelesen, war ebenso welterfahren wie blasiert, ebenso urban wie gelangweilt, ebenso zynisch wie abgestumpft. Selbst ein viel berühmterer Circus als dieser (und jeder Circus war berühmter als dieser) hätte seinen Pulsschlag nicht im Mindesten erhöht.
Nein, dass er sich nie in einer Warteschlange einreihen musste, war nur ein angenehmer Nebeneffekt seines allabendlichen Ärztedaseins. In Wirklichkeit war es ihm um etwas ganz anderes zu tun: Die zurückgezogenen – und, wie er hoffte, auch adäquat zurückgebliebenen – Ureinwohner sollten ihm als Kontrastmittel dienen, um seine intellektuelle Überlegenheit umso heller strahlen zu lassen. Von diesen einfachen Gemütern erhoffte er sich das, was er am dringendsten benötigte: ein wenig Selbstbestätigung. Eigentlich ging es ihm aber um schnellen, verantwortungslosen Sex.
Und in diesem gnadenlosen Spiel der Hormone und Körpersäfte hatte er heute Abend gute Karten.
Er konnte sie beinahe körperlich spüren, diese heimlichen Blicke voll Bewunderung und Begierde, die die drallen Dorfschnepfen in diesem Moment bereits über seinen athletischen, dennoch über jeden Fitnesscenter-Verdacht erhabenen Chirurgen-Körper und sein kühn geschnittenes, zugleich verständnisvolles Anästhesisten-Antlitz gleiten ließen. Es würde ihm keine größeren Schwierigkeiten bereiten, eine (wer weiß, vielleicht auch zwei?) dieser schwerfälligen, aber gerade in ihrer rohen Plumpheit so ausgesprochen reizvollen Landpomeranzen aufzureißen, abzuschleppen und in irgendeinem Heuschober oder landhausmöblierten Schlafgemach nach allen Regeln der Liebeskunst flachzulegen. Deswegen war er schließlich hier.
Mit seinem feinen Sensorium – und vor allem mit einiger Befriedigung – nahm er die zarten Signale der weiblichen Landjugend auf, die von allen Seiten auf ihn einzuströmen begannen. Nun war es an der Zeit, den Testballon steigen zu lassen – einen halb kecken, halb schüchternen, in Summe also ganz und gar unwiderstehlichen Jungärzteblick, den er großzügig im ganzen Raum verteilte. So wenig er von Medizin verstand, so viel wusste er über die weibliche Psyche provinziellen Zuschnitts. „Arzt“ hieß das Zauberwort, der Schlüssel zu ländlichen Herzen und Keuschheitsgürteln. Die versammelten Jungbäuerinnen mochten noch so katholisch sein – wenn ein Gott in Weiß auftauchte, konnte Jesus einpacken.
Sein patentierter Augenausdruck, irgendwo zwischen Emergceny Room und Schlafzimmerblick, verfehlte seine (ebenfalls patentierte) Wirkung bei der Damenwelt nicht: Egal, ob die Angesehenen und dadurch Angesprochenen nun kicherten wie Schulmädchen oder lächelten wie die Mona Lisa von Schnarzlreuth, ob sie verlegen die Köpfe senkten oder sich gegenseitig in die Seite stießen, ob sie ihm lässig zuzwinkerten oder seinem Blick tapfer standhielten – die Botschaft, die sie ihm zusandten, war in allen Fällen dieselbe: Sie hatten angebissen.
Zufrieden taxierte der junge Herr die Fischlein, die da in traditioneller Tracht und Pracht an seinem Angelhaken baumelten: Leicht übergewichtig und ebenso leicht unterbelichtet – so waren sie ihm am liebsten.
Höchstwahrscheinlich, dachte er, während er Gesichter und Körpermaße gegeneinander abwog, hielten ihn die Schnarzlreuther Mädchen für den zukünftigen Dorfarzt: Wie seine stets sorgfältigen Recherchen im Vorfeld ergeben hatten, hatte sich der alte Hausarzt, ein gewisser Sigismund Ersatzreifen, im vergangenen Sommer eine Kugel durch den Kopf gejagt. Vermutlich hatte ihn der sprichwörtliche Schnarzlreuther Lichtmangel in Depression und Wahnsinn getrieben, die Sonne versank hier schon am frühen Nachmittag hinter den mächtigen Bergen. Jedenfalls hatte man bis jetzt keinen Nachfolger für seine Praxis gefunden.
Nun, sollten sie in ihm ruhig einen Abend lang ihren Traumdoktor sehen. Morgen früh würde er ohnehin aus diesem jämmerlichen Nest flüchten – und am Abend bereits das nächste ausnehmen. Das Angebot an schwerfälligen, aber leichtgläubigen Dorfbewohnerinnen war groß – ebenso wie seine Nachfrage.
Vielleicht würde es der Auserwählten das Herz brechen, am Morgen danach ganz alleine zu erwachen, ja, er hielt dies sogar für sehr wahrscheinlich, doch das war das Problem der Mädchen und nicht seines. Er hatte stets ausreichende Mengen an echten Schlafmitteln und falschen Telefonnummern in der Tasche, um einen gesicherten Rückzug seinerseits zu gewährleisten.
Angesichts dieser rosigen Aussichten – und der nicht minder rosigen Bäckchen und Lippen, die ihm aus allen Richtungen entgegenschimmerten – war dem jungen Herrn äußerst leicht ums steinerne Herz, als er den Zuschauerraum betrat. Sexueller Stratege, der er war, wartete er, bis sich die Ränge ein wenig gefüllt hatten und reihte sich dann genau zwischen zwei konkurrierenden Blöcken üppiger Dirndlträgerinnen ein. Das Licht ging aus, die Vorstellung konnte beginnen – nur den lästigen Circusabend musste er noch hinter sich bringen.
Der junge Herr war einigermaßen erleichtert, dass sich das Gros der potentiell paarungsbereiten Weibchen – und mit ihnen auch er selbst – in den hinteren Rängen der Tribüne angesiedelt hatte. Gegenüber den vorderen Reihen war hier das Risiko geringer, vom unvermeidlichen Zauberer oder vergleichbaren circensischen Plagegeistern auf die Bühne gebeten und dort vor aller Augen erniedrigt zu werden – was dem ärztlichen Charme und Glanz des jungen Herrn sicher einigermaßen abträglich gewesen wäre.
Die Vorführung geriet so erbärmlich, wie es einem Circus entsprach, der so tief gesunken war, dass er nun ganz hinauf musste – nämlich hinauf bis in die entlegensten Bergdörfer. Schnarzlreuth mit seinen 1.700 Metern über dem Meeresspiegel markierte den geographischen Höhepunkt und zugleich den kulturellen Tiefpunkt dieser traurigen Tournee.
Unter den schaurig-schiefen Fanfarenklängen eines abgehalfterten, aber auch abgefüllten Blechbläserquintetts, das man vermutlich aus Restbeständen der Heilsarmee zusammengeflickt hatte, betrat Circusdirektor Zanzani die überschaubare Manege. Zanzani entpuppte sich als zwielichtiger Schmierlappen, an dem wohl nur das Toupet echt war – nicht aber der Dalíesk gezwirbelte, pomadetriefende Schnurrbart, nicht die viel zu großen Zähne, über deren strahlendes Weiß sich jeder White-Power-Aktivist schwarz geärgert hätte, und am allerwenigsten der italienische Akzent.
Im leiernden Singsang eines ausrangierten Jahrmarktsbudenbesitzers führte Direktor Zanzani durch den Abend, um, wie er es formulierte, eine „grandissima sensazione“ nach der anderen zu präsentieren.
Den armseligen Auftakt machte eine Tierrevue, deren zweibeinige und vierbeinige Protagonisten allesamt schon bessere Tage gesehen hatten – aber bestimmt keine schlechteren: Da war ein rachitischer Seehund, der einen kleinen roten Ball auf seiner zittrigen Schnauze balancierte (vermutlich war Klebstoff im Spiel); da war ein angejahrter Ackergaul, auf dessen Rücken eine ebenso abgelebte Artistin verzweifelte Voltigierversuche vollführte (den jungen Herrn erinnerte es eher an Seniorengymnastik); da war außerdem ein offensichtlich völlig blinder Elefant, der mit seinem kotverkrusteten Körper mehrfach die Begrenzungen der Manege rammte, nur um sich am Ende den altersschwachen Rüssel zwischen den Zeltstangen einzuklemmen; und zum krönenden Abschluss war da ein arthritischer, fußlahmer Löwe, den der glatzköpfige Dompteur – allem Anschein nach ein perverser Sadist und verkappter Tierschänder – nur mit roher Gewalt durch einen brennenden Reifen bugsieren konnte (von springen konnte angesichts der angegriffenen Physis des Löwen ohnehin keine Rede sein). Da man für diesen unvergleichlichen Programmpunkt sämtliche verfügbaren Nebelmaschinen angeworfen hatte, war es im Übrigen nicht auszuschließen, dass der zottelige, zahnlose Löwen in Wirklichkeit aus zwei zotteligen, zahnlosen Greisen in einem Löwenkostüm bestand.
Doch mochte dem sein, wie ihm wollte, eines stand nun fest: So erbarmungswürdig konnte eine Vorstellung gar nicht sein, dass sie das ausgehungerte Provinzpublikum nicht mit frenetischem Applaus und lautem Gejohle quittiert hätte.
Die dichten Nebelschwaden, die nun von der Bühne in Richtung Zuschauerraum waberten, nützte der junge Herr, um endlich mit seinen Sitznachbarinnen auf Tuchfühlung zu gehen. Du seiner langjährigen Berufserfahrung als praktizierender Facharzt für Doktorspiele wusste er, wie man scheinbar unabsichtliche Berührungen mit absichtsvollen Komplimenten und verstohlene Blicke mit anzüglichen Ärztewitzen so kombinierte und variierte, dass man dem schönen Geschlecht rasch näher kam. Um sicher zu gehen, operierte er mehrgleisig, zunächst nach links und rechts, später auch nach vorne und hinten.
Während zwei gut abgehangene Trapezkünstler die ersten tollkühnen Schwünge durch die Circusluft vollführten – die künstlichen Hüftgelenke krachten wie frische Kaisersemmeln – hatte der junge Herr bereits eine Hand auf dem nackten Oberschenkel zu seiner Linken untergebracht. Nur wenig später – der undurchsichtige Zauberer hatte dem Schnarzlreuther Bürgermeister gerade die Armandbanduhr entwendet – war er auch zu seiner Rechten fündig geworden. Und noch ehe der Magier die Uhr wieder aus seinem Zylinder hervorgezaubert hatte – zum allgemeinen Gaudium, versteht sich – hatte der junge Mann seinen Aktionsradius auf die erste gut gefüllte Bluse ausgeweitet.
Im selben Augenblick als sich in der Manege ein gebrechlicher Schlangenmensch und eine betagte Schlangenfrau verknoteten (wahrscheinlich musste man sie hinterher mit der Bergeschere aus sich selbst befreien), verhakten sich die Beine des jungen Herrn mit denen der jungen Dame, die vor ihm saß. Den Auftritt des berüchtigten Kraftmeiers Samson – einer ehemaligen osteuropäischen Schwerathletin mit brummender Bassstimme und beachtlichem Bartwuchs, die in einem hautengen, altmodisch gestreiften Athletendress steckte und mit ihrem Bizeps Stahlketten sprengte – konnte der junge Herr ganz entspannt verfolgen. Schließlich ruhte sein Kopf zu diesem Zeitpunkt bereits auf dem einladend-ausladenden Dekolletee seiner Hinterdame.
Vor dem Finale furioso, das der vorbestrafte Clown Pippo und sein Assistent, ein rassistischer Liliputaner namens Norbert, bestreiten sollten, hielt der junge Herr bereits bei einem Griff unter den Trachtenrock, zwei zärtlich geneigten Köpfchen an seiner Schulter, drei ausführlich begrapschten Brüsten und vier wollüstig geflüsterten Zusagen, das interessante Gespräch nach der Vorstellung unter vier Augen fortsetzen zu wollen. Er hatte also die Qual der Wahl …
A propos Qual: Zwischen ihm und den ersten Zungenküssen lagen noch Pippo und Norbert, ein Possenreißer und ein Zwerg – zwei Minderheiten, die dem jungen Herrn gleichermaßen verhasst waren.
Der Clown Pippo, ein mürrischer Griesgram und ausgewiesener Menschenfeind, der wie jeder Angehörige seiner traurigen Zunft zu Schwermut, Jähzorn und Trunksucht neigte, war gleichwohl der Publikumsliebling schlechthin. Das Publikum begrüßte jede seiner Volten mit wieherndem Lachen und großzügigem Szenenapplaus – egal, ob er über seine viel zu großen Schuhe stolperte, auf seinem viel zu kleinen Fahrrad durch die Manege flitzte, mit der Nelke im Knopfloch Wasser verspritzte oder den xenophoben Liliputaner mit Juckpulver und Schachtelteufeln traktierte. An seiner Popularität war nicht zu rütteln – trotz des deutlich sichtbaren Gummibandes, mit dem seine Lustige Rote Nase befestigt war, trotz der der deutlich riechbaren Schnapsfahne, die bei jedem „Ätschibätsch“ oder „Hihihi“ durch das Circuszelt wehte, und trotz Pippos krankhafter Schweißausbrüche, die dafür sorgten, dass die weiße Schminke des Brachialkomikers bereits nach wenigen Späßen den Bach hinunterging.
Mochte Norbert auch mit launigen Gastarbeiterparodien punkten – der unumschränkte Star des Abends hieß Pippo, da waren sich die Zuschauer einig. Irgendetwas – vielleicht der Schalk in seinem Nacken, vielleicht der Alk in seinem Magen – trieb den Clown von einem komischen Höhepunkt zum nächsten. Dieser Faxenmacher war einfach immer für eine Überraschung gut, man konnte nie wissen, was er als nächstes anstellen würde.
Als ob es noch eines Beweises bedurft hätte, fasste sich Pippo plötzlich an die Brust, brach mit einem heiseren Schrei zusammen und begann, sich röchelnd auf dem Boden hin- und herzuwälzen, dass die Sägespäne nur so staubten. Das Publikum bog sich vor Lachen und bedachte die spektakuläre Einlage mit euphorischem Applaus! Was für ein Hauptspaß! Was für ein Erzschelm!
Dass nun auf einmal Direktor Zanzani in die Manege stürmte und sich über den zusammengekrümmten Pippo beugte, bekam der junge Herr nicht einmal am Rande mit. Zu sehr war er mit der anspruchsvollen Aufgabe beschäftigt, die reschen Jungbäuerinnenhände, die sich von allen Seiten seinem Schritt näherten, so zu koordinieren, dass keine etwas von ihren Nebenbuhlerinnen mitbekommen würde. Auch dem kleinen Norbert, der wie ein Gummiball auf- und abhüpfte und dazu kreischte wie ein Baby am Spieß, ließ er zunächst keine ausreichende Beachtung zuteil werden. Wie gesagt, er hatte alle Hände voll zu tun.
Aus seinem diffizilen Manual- und Sexualmanagement wurde der junge Herr erst aufgeschreckt, als sich Direktor Zanzani vollkommen aufgelöst – und vollkommen akzentfrei – an die Circuszuschauer wandte: „Ein Arzt! Ist hier ein Arzt im Publikum?“
Noch im selben Augenblick löste sich ein halbes Dutzend Hände vom Körper des jungen Herrn, Hände, die nun in die Höhe schnellten und sich in riesige Zeigefinger verwandelten. „Hier! Hier sitzt ein Arzt!“, riefen die Mädchen aufgeregt und deuteten, zitternd vor Erregung, auf ihren zum Eiszapfen erstarrten Sitznachbarn.
Hunderte Köpfe fuhren herum, in Dutzenden Augen blitzte Erkennen auf und zahllose Stimmen erhoben sich aus dem Auditorium. „Sieh doch nur!“ „Wo?“ „Der da drüben ist es!“ „Ach der, der ist aber hübsch!“ „Der junge Herr ist Arzt!“ „Woher willst du das wissen?“ „Ich habe es doch selbst gehört.“ „Ich bin ganz in seiner Nähe gestanden!“ „Mir hat es sogar selbst gesagt: Lassen Sie mich durch, hat er gesagt, denn ich bin Arzt!“ „Mama, was ist ein Arzt?“ „Nun kommen Sie schon, Herr Doktor, ein Patient wartet auf Sie!“, „Gehen Sie nur rasch hinunter!“, „NUN GEHEN SIE DOCH SCHON!“ Die letzten und lautesten Aufrufe kamen von den Sitznachbarinnen des jungen Herren, die ihm ins Ohr brüllten, wie wild an seiner Kleidung zerrten und voller Ekstase seine Handgelenke umklammerten. Es hatte fast etwas von einem leidenschaftlichen Liebesspiel – aber für den jungen Herrn fühlte es sich eher an wie die Martern der Hölle.
Das ölig glänzende Antlitz des Circusdirektors hatte sich schlagartig aufgehellt (was, in anderer Hinsicht, übrigens auch auf das schreckensbleiche Gesicht des jungen Herrn zutraf). „Herr Doktor, Sie schickt der Himmel“, seufzte Zanzani voll Erleichterung ins Mikrophon, „ein Glück, dass Sie hier sind. Darf ich Sie nun bitten, zum armen Pippo in die Manege zu kommen und ohne weiterer Umschweife mit der Behandlung zu beginnen? Jede Sekunde zählt. Aber das wissen Sie ja selbst am besten.“
Auf einen kurzen Wink des Circusdirektors wurde der stärkste Scheinwerfer direkt auf den jungen Mann gerichtet. „Signore e signori“, rief Zanzani feierlich und fiel dabei kurzfristig in sein übertriebenes Circus-Italienisch zurück, „würden Sie nun wohl so freundlich sein, diesen jungen Herrn durchzulassen? Er ist Arzt“, fügte er erklärend hinzu.
Wie auf Kommando teilten sich die Stuhlreihen. Binnen Augenblicken entstand zwischen dem jungen Herrn und der Manege eine Schneise, durch die der Arzt auf schnellstem Wege zu seinem Patienten gelangen konnte. Dem jungen Herrn erschien die Schneise freilich eher wie ein bedrohliches Spalier, durch das er nun seinen letzten Gang antreten musste.
Benommen taumelte der junge Herr los. Langsam, wie ein Schlafwandler, der in einem bösen Traum gefangen ist, tappte er zwischen den Stuhlreihen hindurch, immer noch wie vom Donner gerührt. Seine Knie schlotterten, in seinen Ohren rauschte das Blut, er konnte keinen klaren Gedanken fassen – außer dem dringenden Bedürfnis, aufs Klo zu gehen. Instinktiv hatte er den Kopf eingezogen, dennoch trafen ihn die erwartungsvollen Blicke wie Feuerpfeile.
Erst als er den Clown erblickte, der sich leise wimmernd am Boden wand, die Hände in Todesqualen um den Brustkorb gekrampft, erwachte der junge Herr aus seiner Betäubung. Sein Gehirn nahm wieder den Betrieb auf – und wie um die verlorene Zeit wieder aufzuholen, arbeitete es nun mit doppelter Geschwindigkeit. Blitzschnell überschlug er seine Möglichkeiten: Er konnte natürlich versuchen, einige Alibi-Handgriffe an dem sterbenden Spaßmacher vorzunehmen, um, wenn schon nicht den Clown, so doch zumindest die Situation zu retten. Dagegen sprachen vor allem drei Dinge: Erstens lag der 12-stündige Erste-Hilfe-Kurs, den er gezwungenermaßen absolviert hatte, um endlich an den Führerschein zu kommen, mindestens zehn Jahre zurück (und schon damals hatte er sich bei Unfallsimulationen bis auf die Knochen blamiert).
Zweitens erschien es ihm, der er ein wahrer Kuss-Feinschmecker war, wenig reizvoll, an diesem zuckenden, spuckenden Etwas mit der roten Gumminase eine Mund-zu-Mund-Beatmung zu vollziehen (oder was immer sonst in einem Fall wie diesem angebracht war, von dem er nicht einmal wusste, um was für einen Fall es sich überhaupt handelte).
Drittens verabscheute er, wie jeder aufgeklärte Mensch, Clowns und ähnliche Witzbolde aus tiefster Seele – und er hatte nicht vor, das jetzt auf einmal zu ändern.
Also blieb nur die andere Option – die Hilfeleistung unterlassen, flüchten und den lustigen Pippo mitten in der Manege verrecken lassen. Das Porsche-Coupé des jungen Herrn stand gut versteckt hinter dem alten Sägewerk – mit etwas Glück konnte er es bis dorthin schaffen. Mit der geballten Durchzugskraft von 411 PS würde er diesen alpinen Albtraum rasch hinter sich lassen und sämtlichen Hinterwäldlern dieser Weltgegend für immer den Rücken kehren.
Aber dazu musste er handeln – und zwar jetzt.
„Ich hole nur schnell meine Instrumente aus dem Wagen“, sagte der junge Herr mit fester Stimme.
„Was für Instrumente?“, fragte Direktor Zanzani ungeduldig.
„Na, Sie wissen doch, was wir Ärzte immer mit uns herumführen“, entgegnete der junge Herr jovial, „Ärzte-Sachen eben. Ich habe den ganzen Kofferraum voll davon“.
„Ist das wirklich der richtige Zeitpunkt?“, fragte Zanzani, „Dieser Clown hier liegt im Sterben.“
„Keine Widerrede“, sagte der junge Herr freundlich, aber bestimmt, „ich bin hier der Arzt. Also lassen Sie mich jetzt bitte durch.“
Widerwillig murrend gab die Menge den Weg frei. Der junge Herr schritt rasch, aber ohne allzu offensichtliche Hast, dem Ausgang zu. Die wenigen Schritte erschienen ihm wie Kilometer, die stickige, erhitzte Circusluft drohte ihn zu ersticken. Als er endlich aus dem Circuszelt ins Freie trat, atmete er tief durch. Frische Nachtluft durchströmte seine Lungen. Im selben Moment begann er zu laufen.
Leider waren ihm einige besonders misstrauische Zirkusbesucher heimlich ins Freie gefolgt. Als sie ihn nun Hals über Kopf davonrennen sahen, wussten sie alles – und schlugen sofort Alarm. Zwei lang gezogene Pfiffe, mehr brauchte es nicht, um die Meute der Dorfbewohner aus dem Circuszelt zu holen und augenblicklich in Bereitschaft zu versetzen. „Fangt ihn!“, rief irgendwer – gefolgt von einem zustimmenden Grunzen aus hunderten Kehlen.
Das war das Jagdsignal – die Menschenhatz war eröffnet.
So langsam und träge die Dorfbewohner im Denken und Sprechen sein mochten, so rasch waren sie offenbar mit der Selbstjustiz bei der Hand. Als sich der junge Herr zum ersten Mal keuchend umdrehte, hatte sich bereits ein kleiner Stoßtrupp an seine Fersen geheftet – und dahinter folgte, wie eine schwarze Wand, der geballte Volkszorn der Dorfgemeinschaft.
Der nächste angstvolle Blick ergab ein noch viel schaurigeres Bild: Es musste mit dem Teufel zugegangen sein. Denn da waren plötzlich Sensen in den Händen der Dorfbewohner – und Mistgabeln und Spieße und Sicheln – ganz so, als habe der Landsturm von 1809 nie die Waffen gestreckt. Hunde wurden von der Leine gelassen, Suchtrupps schwärmten in alle Richtungen aus. Im flackernden Fackelschein tanzten wutverzerrte Fratzen. Und sie schrieen.
Trotz seines pfeifenden Atems und seiner polternden Schritte konnte der junge Mann jedes Wort verstehen: „Bringt ihn her!“ „Hängt ihn höher!“ „Spießt ihn auf!“ „Schlagt ihn zu Brei!“ „Schleift ihn zu Tode!“, „Überrollt ihn!“
Letztere Lynchtechnik begriff der junge Herr erst, als er hörte, wie kraftvolle Motoren und schwere Zugmaschinen in Gang gesetzt wurden. Offensichtlich wollten die ortsansässigen Jungbauern beweisen, dass die antriebsstarken Multifunktionstraktoren aus den Edelschmieden von Fendt oder John Deere nicht nur zur Feldarbeit und als Penisersatz dienten, sondern auch dazu, falsche Ärzte und Clownmörder zu Knochenmehl zu zermalmen.
Mit einem Schlag erlosch die gesamte Haus- und Straßenbeleuchtung. Bis auf die tastenden Lichtfinger der Traktoren und die orangen Lichtpunkte der Fackeln war es nun völlig finster. Binnen Sekunden hatte der junge Herr die Orientierung verloren. Seinen Wagen konnte er vergessen, den würde er im Leben nicht mehr finden – zumindest nicht in diesem Leben.
Kurz spielte der junge Herr mit dem Gedanken, seine Flucht querfeldein fortzusetzen. Doch die Aussichtslosigkeit eines solchen Unterfangens wurde ihm sofort und in aller Schmerzlichkeit bewusst: Das enge Hochtal war nach allen Seiten hin von schroffen Gebirgszügen umschlossen, Pässe oder Schluchten gab es nicht. Und der waffenstarrende Pöbel rückte immer näher: Immer enger schloss sich der Kreis – wie eine Schlinge um seinen Hals. Was sollte er also tun?
Es gab nur einen einzigen Ausweg: Er musste sich zu Fuß bis zur Brücke durchschlagen, die das kleine Bergdorf mit der Außenwelt verband – und zwar bevor ihm der mörderische Mob den Weg (und auch sonst noch so einiges) abschneiden konnte. Zum Glück war auf der Brücke – die aufgrund ihrer Schwindel erregenden Höhe übrigens sowohl bei Touristen als auch bei Selbstmördern lebhaften Anklang fand – zumindest noch die Notbeleuchtung intakt. So stand dem jungen Herrn das Ziel seines Lebens wenigstens klar vor Augen.
Ohne noch länger zu zaudern und zu zögern, rannte er los, rannte, wie er noch nie in seinem Leben gerannt war, denn genau das war es, worum er rannte. Sein Leben.
Doch so schnell er auch rannte, die anderen waren schneller. Sie hatten seinen allzu offensichtlichen Fluchtplan längst durchschaut, saßen ihm im Nacken wie der Schalk dem seligen Pippo und kamen Zug um Zugmaschine näher, mit heiseren Schreien und heiseren Motoren.
Irgendwie und irgendwann erreichte er doch noch die rettende Brücke. Mit monumentaler Macht überspannte sie den gähnenden Abgrund, ein in Beton gegossener Gigant. Im selben Moment hatten sie ihn eingeholt. Er war verloren.
Eigentlich kaum zu glauben, dachte er, während er im gleißenden Scheinwerferlicht seiner Verfolger auf die Brücke hinaus rannte wie auf einem weißen Teppich, kaum zu glauben, dass er hier sterben würde, ausgerechnet hier in Schnarzlreuth. Vor nicht einmal einer Stunde hatte er das Dorf gedanklich in „Schnaxlreuth“ umgetauft, seinen innigsten Gefühlen entsprechend. Nun würde er es – seinen innigsten Gefühlen entsprechend – noch einmal umtaufen müssen: in „Schnetzlreuth“.
Aber nur wenn sie ihn lebend bekamen – und genau das musste er verhindern.
Mit letzter Kraft stürzte er sich auf die Aussichtsplattform, auf der man bei Tageslicht einen wahrhaft majestätischen Panoramablick über die ganze Region genießen konnte. Doch nun war es Nacht. Daher standen auf der Plattform auch keine Reisegruppen oder Pensionistenvereine – nur eine etwas füllige junge Dame.
Ihr pechschwarzes Burgfräuleingewand und ihr nicht minder nachtschwarzes, gewissermaßen antiblondiertes Haar ließen das bleich geschminkte Mondgesicht besonders gut zur Geltung kommen. Vom gekalkten Gesicht hoben sich wiederum die dunklen Augenhöhlen und schwarzen Lippen auf das Geheimnisvollste ab. Und wie es sich für ein anständiges Mädchen aus der Schwarzen Szene gehörte, hatte der morbide Barockengel natürlich die beste Suizid-Position in Beschlag genommen: Dort, wo es am niedrigsten war, hatte die dunkle Dame das Brückengeländer erklommen. Und genau da stand sie nun, körperlich ebenso schwankend wie in ihren Selbstmordabsichten – und konnte sich einfach nicht entschließen.
Ungeduldig und, ja, auch ein wenig unsanft, packte der junge Herr die junge Dame am Schnürkorsett und pflückte sie, einer schwarzen Rose gleich, recht ungestüm vom Brückengeländer. „Lassen Sie mich durch, ich bin Arzt“, erklärte er der einigermaßen konsternierten Frau, nur um daraufhin mit erheblicher Mühe und erheblichem Todesmut ihre Position auf dem Geländer einzunehmen. Das entsetzliche Wutgeheul in seinem Rücken kam jedoch nicht von der verhinderten Selbstmörderin, sondern vom ländlichen Lynchmob mit seinen metallblitzenden Mordmaschinen.
Eine Sekunde, bevor ihn die ersten Bauernburschen packen und mit Äxten und Sägen, Spaten und Spießen, Zähnen und Klauen über ihn herfallen konnten, stürzte sich der junge Herr in die unendliche schwarze Tiefe.
(…)
Erstaunlich, was so ein Fettfleck noch alles mitbekommt.
Wer hätte beispielsweise gedacht, dass jemand, der wie eine ausgequetschte Senftube am Fuße eines Brückenpfeilers klebt, noch die Autoscheinwerfer spürt, die ihn abtasten? Dass er noch die Schaulustigen wahrnimmt, die sich um ihn scharen? Dass er auch das Blaulicht bemerkt, das plötzlich die Nacht durchzuckt? Dass er sogar den jungen Herrn verstehen kann, der sich nun den Weg durch die neugierige Menge bahnt? Dass er sogar den Satz wieder erkennt? „Lassen Sie mich durch, ich bin …“
Zugegeben, das Ende des Satzes hat er nicht mehr miterlebt. Aber er kann es sich denken. Oder auch nicht. Denn wir wissen nicht, ob Tote noch denken.
Ebensowenig können wir wissen, was sich noch in derselben Nacht in einer anderen Dimension zutragen wird. Wir sind also auf Spekulationen angewiesen: Vermutlich wird da ein junger Herr sein. Mit medizinalem Habitus und forschen Bewegungen bahnt er sich seinen Weg durch die Menge, die vor dem Kassahäuschen bereits eine lange Schlange bildet. Selbstbewusst schiebt er sich an den letzten Wartenden vorbei – und sagt zu Petrus, was er auch zu allen anderen gesagt hat.
Aber das müssen wir an dieser Stelle wohl nicht mehr wiederholen.