Prinzessin Shahjahani

Die Legende von Prinzessin Shajahani

Prinzessin Aashiyana Adhira Shajahani, die einzige Tochter des Maharadschas von Rajhastan, ist eine indische Schriftstellerin, Mystikerin und Heilige. Der Legende nach soll sie bis zu ihrem 29. Lebensjahr den Palast ihres Vaters nicht verlassen haben, bis ein schicksalhaftes Erlebnis ihr Leben von Grund auf veränderte und sie dazu bewog, dem Königshaus für immer den Rücken zu kehren.

Geboren in den mannigfaltigen Reichtum des indischen Großkönigs wurde ihr jede Ehre und Annehmlichkeit zuteil, die sich eine junge Prinzessin wünschen konnte: Sie schlief in Zimmern, die mit Bernstein, Achat und Lapislazuli ausgekleidet waren und wurde umsorgt von einer Heerschar von Zofen und Pagen, die sie jeden Tag in einem Zuber voll duftendem Rosenwasser badeten. Die meiste Zeit ihrer Kindheit verbrachte sie in den prächtigen Gärten rund um den Palast, wo sie im Flirren der tropischen Hitze mit den anderen Kindern des Palastes über das weiche Gras tollte und um die Statuen von Shiva und Vishnu Verstecken spielte. Im Spätsommer, wenn der süße schwere Duft der Orchideen die Luft erfüllte und die Magnolienbäume ihre perlfarbenen Blüten wie Schneeflocken auf das Gras regnen ließen, saß sie im Schatten des großen Tamariskenbaumes und ließ sich von der Gouvernante in höfischen Umgangsformen und den vedischen Schriften unterrichten. Wie gerne beobachtete sie dann der der alte Maharadscha von seiner Terrasse aus, wie sie mit ihrem stolz geschwungenen Mund die heiligen Verse nachsprach, während er selbst melancholisch in seinem Sessel ruhte und ihm seine Mätressen und Konkubinen Luft zufächelten und seine Minister wie eifrige Schnaken um ihn herum schwirrten.

Eines Tages – die Prinzessin war mittlerweile zu einer anmutigen, jungen Frau gereift und saß mit ihren Damen und Junkern beim Tee – fegte plötzlich ein Windstoß durch den Garten und stob so ungestüm über die Tafel hinweg, dass der kostbare, rosèfarbene Fächer der Prinzessin hinfort gerissen und bis über die Mauern des Palastes nach draußen geweht wurde. Ein junger, heißsporniger Edelmann aus dem fernen Kerala erbot sich sofort den Fächer für die Prinzessin zurückzuholen, aber diese lachte nur und mit einer Selbstgefälligkeit, die nur einer Prinzessin eigen sein durfte, gebot sie den Anwesenden zu schweigen und verließ unter den staunenden Gesichtern zum ersten Mal in ihrem Leben die schützenden Mauern des Palastes, in dessen märchenhaften Glanz sie bislang gelebt hatte.

Es war mittags, die heißeste Stunde des Tages, die Wachen schliefen und niemand bemerkte die Prinzessin, als sie durch das von zwei goldenen Phönixen gesäumte Tor des Palastes nach draußen schlich. Und welch Staunen und welche Überraschung überkam die Prinzessin, als sie in diese fremde Welt eintrat, die sich vor ihren Augen auftat und sie die vielen Gerüche und Geräusche hörte und schmeckte, die durch das Gewirr der staubigen Gassen und blaudurchwirkten Häuser Jodphurs schwappten. Männer in bunten Gewändern handelten mit Farben und Gewürzen und Schalen aus türkiser Jade, in denen sich Datteln und gebackene Maisfladen mit Honig befanden. Frauen breiteten auf Bastmatten ihre Waren aus, geschliffenes Glas aus Kaschmir, weiße Linnen zur Bestattung der Toten und wundersame Gefäße aus schwarz gebranntem Ton, aus denen ein leises Klagen nach draußen drang. In einem Haus begann jemand auf einer Bansuri zu spielen und ihr süßer Klang wehte durch ein Fenster ins Freie, wo er sich mit dem Lärm der Gasse vermischte. Die Prinzessin zuckte zusammen, als ein großer weißer Elefant sich trompetend in Bewegung setzte und Orangen aus einem Korb zu fressen begann.

Da sah sie ihren Fächer, der sich am Sims eines Fensters niedergelassen hatte und nahm ihn frohgemut an sich. Doch bevor sie mit ihm zurück in den Palast kehren konnte, strömten plötzlich kleine Kinder auf sie zu, die vom Hunger verzehrt und verkrüppelt waren und bleich lachende Opiumraucher schälten sich aus ihren Löchern, zusammen mit den Leprakranken und ausgestoßenen Hundsgesichtigen. Und die Prinzessin sah, wie sie sich mit den Mäusen um Brotkrumen zankten und ihre verwesenden Leichen in den Fluss geworfen und in einem zäh schwappenden Schlamm aus der Stadt gespült wurden, dem niemand nachblickte. Da wurde die Prinzessin sehr traurig und sie verschenkte all ihren Besitz: Den zierlichen Fächer aus Gaze, die kostbaren goldenen Armreife, ihre juwelenbesetzten Ringe und zuletzt sogar ihr wunderbares Kleid aus dem golddurchwirkten Damast, der mit Diamanten und Saphiren bestückt war. Sie hüllte sich in die Kleider der Armen und verließ die Stadt für immer.

Die nächsten Jahre saß sie betend im Schatten eines Pappelbaumes, fern von der Stadt, dort wo der Wind in den Blättern tanzt und sanft gewellte Hügel das Land mit ihren grünen Kuppen durchziehen. Vögel nisteten in ihrem Haar und Siebenschläfer schliefen auf ihrem Schoß. Im Sommer verbrannte sie die Sonne und im Winter peitschte sie der Regen, aber die Prinzessin lächelte nur, denn sie weilte längst in anderen Welten. Und lächelnd sah sie die bocksbeinigen Faune, die im Wald tanzten und das weiße Einhorn, das mit seinem zierlichen Hörnlein über die moosbedeckten Lichtungen trabte und sie sah auch die kleinen Geschöpfe mit den brennenden Augen, die in den Kronen der Bäume hockten und zwischen den Blättern hervorlugten.

Der alte Maharadscha, der ihr Vater war und sie als sein einziges Kind abgöttisch geliebt hatte, war wenige Monate nach ihrem Verschwinden an einem gebrochenen Herzen gestorben. Als die Prinzessin Jahre später sein Mausoleum am Rande der Wüste Thar aufsuchte und über seinem Grab heiße Tränen vergoss, da bohrte sich – genährt vom heißen Saft ihrer Tränen – ein einsamer Spross aus der Erde und entfaltete eine zierliche Blüte, die – zunächst noch weiß und bleich wie ein Leichentuch – mit der Zeit immer röter wurde und schließlich zur rötesten Rose ganz Indiens erblühte – fast so wie das geborstene, blutende Herz des Maharadschas, das darunter in der Erde ruhte. Und die Rose erstrahlte in einem wilden purpurnen Glanz, der heißer und röter war, als es der kostbarste Rubin in der Krone des Maharadschas je gewesen war.