Vier der Fünf Manifeste des Schreibclubs


1. Schreibclub’sches Manifest

Wer wir sind: Wir sind der gebündelte Strahl der Genialität, der die Nebelschwaden des Mittelmaßes durchpflügt und die Elementarteilchen zum Urknall anstiftet; wir sind der Kometenschauer, der das Herzblut des Planeten zum Siedepunkt treibt; wir sind die Brennstäbe, die beharrlich buchstabenschwangere Ursuppen befeuern, auf dass ihr dampfender Leib dunkelbunte Multiversen gebäre, deren Fruchtblasen in kristallinem Funkenregen zerbersten, emporgehoben in lichtblaue Höhen im Tanz der Sternschnuppen.

Was wir wollen: Wir streben nach der neurotischen Homöostase von Geschriebenem und zu Schreibendem, nach dem Ende der Entropie, nach der Neuschöpfung des Ausgeschöpften, nach der Revolution der Imagination; wir wollen hochstapeln, verballhornen, ausposaunen, bauchreden, anzetteln, herumstrolchen, behexen, herbeidichten, aufstacheln, entbrennen, beflügeln und nach getanem Werk ins Nirwana eingehen.

Woher wir kommen: Wir kommen aus dem Dunst der Spiralnebel, aus dem Atem der Weltseele, aus dem Äther des Werdenden.

Wohin wir gehen: Wir wagen uns vor in den Schlund des Abartigen, in den Brennkessel der Schnapsideen, ins Treibhaus der Lesefrüchte, auf den Spielplatz der Bücherskorpione, zum Wipfel des Absoluten.

Wen wir lieben: Wir glühen für die kreative Deutungsmacht des Kollektivs; wir hegen innigste Gefühle für die zartgrünen Sprösslinge unseres schöpferischen Geistes.

Wen wir hassen: Wir verabscheuen nationalsozialistische Lederhosenspießer, halbverweste Heldenorgler, bierbäuchige Betonköpfe und verkokste Verleger.

Wen wir bewundern: Wir huldigen dem Waldmenschen, Siggi Cruise, dem Urzeit-Sepp, Alice im Wunderland, dem Pantheon der Bierpunks und uns selbst.

Wen wir verachten: Wir schauen herab auf schnarchnasige Banausen, notgeile Sittenwächter, graue Herren, hoffnungslose Heimatdichter und literaturkritische Hosenträger.

Wie wir schreiben: Wir schreiben, wie wir wollen.

Wie wir ticken: In uns schwingt das Pendel des nie da Gewesenen.

Wofür wir leben: Wir haben uns gänzlich dem Streben nach Vollkommenheit gewidmet; in unseren Adern pulsiert die brennheiße Druckerschwärze makelloser Meistererzählungen.

Wofür wir sterben: Wir opfern uns jederzeit bereitwillig für die leuchtende Flamme der Phantasterei.

Was uns antörnt: Wir lassen uns becircen von molligen Metaphern, sinnlichen Sarkasmen, knusprigen Jamben, praller Prosa, brettharten Umbrüchen, schwellenden Textkörpern, hauchfeinen Strichpunkten und sehnsüchtigen Synonymen.

Was uns runterzieht: Nichts kann uns erschüttern, es sei denn, das erste Wort ist noch nicht geschrieben.

Was wir hoffen: Wir erträumen uns ein permanentes zerebrales Wetterleuchten, einen nie versiegenden Quell der Inspiration, einen Erzählstrom, der nach langer Reise durch fruchtbare Ebenen in den Ozean der Weltlegenden einmündet.

Was wir fürchten: Wir ängstigen uns vor den Reißzähnen des Kunstkommerzes, vor den Klauen der Gedankenlöscher, vor den Krallen der Zensoren, vor den Fettfalten der Dummköpfe.

Was uns den Atem nimmt: Wir drohen an den Fallstricken der Notwendigkeit zu ersticken; in der Not vereint hauen wir die zotigen Knoten mit scharfer Zunge entzwei.

Was wir fordern: Wir kämpfen für die progressive subjektive Entgrenzung des Ich.


2. Schreibclub’sches Manifest

Woher wir kommen:

Geboren im Schoße der Mutter Courage, die Kindheit auf einer herrenlosen Insel mit blutrünstigen Rabauken verbracht, die Jugend schmachtend unter Venedigs Balustraden verschwendet, kommen wir aus jeder Geschichte, unter deren Einfluss wir uns törichte Narren begaben und der wir uns zu formen gestatteten.

Wohin wir gehen:

Dorthin, wo man uns braucht…die Tinte auf unserem Pergament fließt in Sturzbächen durch phantasielose Gefilde, treibt emsig die klappernden Mühlräder an, die tosende Gischt reißt jeden Einhalt gebietenden Staudamm mit, befruchtet potentiellen Nährboden, stillt unerträglichen Durst und gibt den uferlosen Fischen stromauf und stromabwärts ein stimulierendes Daheim, um dann endlich in den Pfrillsee zu münden.

Was wir lieben:

Wir lieben den spontanen Bürgerschreck, die Schlachtung des gemästeten Leistungsschweins, die unerhörte Kolossalität der Chance, das tölpelhafte Ummawurschtln und die Verunglimpfung hochintelektuellen Eigentums.

Was wir hassen:

Wir hassen die fette Idylle und die wanstige Harmonie.

Was wir hoffen:

Im Manifeste nur das Beste.

Was wir fürchten:

Weder Tod noch Teufel doch ein bisschen die Arthritis.

Was uns runterzieht:

Geregelte Verhältnisse und der Kufa- Mann.


3. Schreibclub’sches Manifest

Wer wir sind:

wir sind die, die nicht lange fackeln, die lieber schreiben, statt nur zu reden, die ihre Ideen auf Servietten schmieren, auf Einkaufslisten und Beipackzettel, auf unbezahlte Rechnungen und ungewaschene handrücken, die solange herumfeilen und –fuhrwerken, bis alles sitzt, bis wir selbst plötzlich sitzen, und zwar an deinem Nebentisch – und dann hauen wir dir alles um die Ohren

Was wir wollen:

Wir wollen uns mut machen, statt uns schlechtzumachen, wir wollen uns anregen statt uns immer nur aufzuregen, wir wollen solidarisch sein und nicht solipsistisch, wir wollen inspirieren und transpirieren statt imitieren und transkribieren, bis die, die es nie kapieren, am heftigsten orgasmieren.

Woher wir kommen:

Wir kommen von dort, wo die Einbildungskraft regiert, weil sie die Einbildung vom thron gestoßen hat, wo das Pathos echt ist und die Farben bunt, wo die Wendungen dramatisch sind und die abgründe tief, wo die Zoten noch zotig und die träume noch traumhaft sind.

Wohin wir gehen:

wir gehen in den bauch des Walfischs, in das herz der Finsternis, in das Auge des Sturms, in die brüllende schlacht, in den feurigen Schlund – und dort essen wir ein eis.

Wen wir lieben:

Wir lieben die Muse, die uns um den verstand bringt, den fiebrigen Schub, der uns den schlaf raubt, die zündende Idee, die uns Feuer unterm Arsch macht, wir lieben die wirbelnden Wortkasakaden, die sich über uns ergießen, wir lieben die Ironie als eine form des Idealismus, den Zyniker als romantiker und die innere Zerrissenheit, wir lieben den radikalen Bruch, der gerade dort ausbleibt, wo man ihn erwartet.

Wen wir hassen:

Wir hassen schreibende Selbstdarsteller und lesende Lackaffen, Dichterfürsten, die sich selbst die Krone aufsetzen und so genannte literarische Autoritäten, die über andere richten, aber immer nur sich selbst meinen;

Wir hassen alles prätentiöse – die schwere, getragene Prosa, die unter der last ihrer eigenen Gedanken zusammenkracht, die aufgeblähte Befindlichkeitslyrik, die Größe behauptet und doch nur kleinkariert ist, die jammerlappige Larmoyanz, die an sich und der Welt zu leiden vorgibt, aber weder sich noch die Welt verändern will,

Wir hassen die Kunsthandwerker und Techniker, die schreiben mit Maschinschreiben verwechseln, die in ihrer Schreibwerkstatt schwitzen und Verse schmieden, mit Massband und Laubsäge, mit Lötkolben und Kabelbinder, mit ihrem Authentizitätsfimmel und ihrer Faktenhuberei;

Wir hassen die Spezialisten, die fürs Schreiben eine Ausbildung, eine Lizenz und einen Grund verlangen, die Blender, deren Selbstbewusstsein umso grösser ist, je weniger es sich rechtfertigen lässt, die glänzenden Oberflächen, hinter denen sich das blanke nichts auftut;

Wir hassen die Selbstzufriedenen und Satten, die Heiteren und maßvollen, die fein ziselierten Zuckerbäcker, die alles auslachen, was sie nicht verstehen.

Wen wir bewundern:

Wir bewundern die Idealisten und Utopisten, die Kinder und die Narren, die unmäßigen und Unvernünftigen, die Unsicheren und Unschuldigen, die Unangepassten und unbequemen, die Unzufriedenen und Unentwegten, die, die nicht um jeden preis cool sein wollen – und es gerade deshalb sind, die, die sich von niemandem vorschreiben lassen – am wenigsten von sich selbst die, die auch das wollen, was sie angeblich nicht können und dürfen;

Wir bewundern das Larger than life, das anything goes, das Do It Yourself – und das Einfachdraufgeschissen.

Wen wir verachten:

Wir verachten langweilige Lesebühnen und kleingeistiges Konkurrenzdenken, provinzielle Beschränktheit und vorauseilenden gehorsam, falschen Traditionalismus und echte Freunderlwirtschaft;

Wir verachten literarische Männerbündler und Vereinsmeier, die ihre gestrigen Gartenzwerge und gedrechselten Gedichtlein im Schrebergarten ihrer eigenen Borniertheit zur schau stellen und ihre überzüchteten Zwergpudel und Pitbulls am geistigen Innufer spazieren führen.

Wie wir schreiben:

Wir schreiben simultan – hellwach und verträumt, lieblich und finster, logisch und verwirrend, übersichtlich und labyrinthisch, ehrlich und geflunkert, erfrischend und erschöpfend, heißgekocht und eisgekühlt, kristallklar und naturtrüb, facettenreich und monoton, nüchtern und berauscht, harmlos und toxisch, weinselig und bierernst, liebevoll und gewalttätig, einfühlsam und verständnislos, sehnsuchtsvoll und desinteressiert, leidenschaftlich und gefühlsarm, vordergründig und hinterhältig, durchgeistigt und körperbetont, himmlisch und Luziferisch, klassisch und modern, romanisch und gotisch, barock und … schnörkellos, menschlich und maschinenhaft, naiv und berechnend, ätherisch und derb, wuchtig und zart, erhaben und respektlos, niedlich und krass, geil und frigide, anziehend und ausziehend, stubenrein und strassenköter, magnetisch und abstoßend, knisternd und prickelnd, unmäßig und unflätig, hart, aber herzlich, komisch und koSmisch.

Wie wir ticken:

Wir ticken wie der lustige kleine Wecker im Kinderzimmer, der mit seinen herzigen roten Ohren wackelt – und in Wahrheit eine Bombe ist.

Wofür wir leben:

Wir Leben für den Sinn in der Sinnlosigkeit, für die Magie hinter der Realität, für die grenzenlose Illusion, für die kostbaren Sekunden zwischen Blitz und Donner, für den Geruch von frischem erdreich im Frühjahr, für den einen Moment, in dem die Zeit keine objektive Größe mehr ist.

Wofür wir sterben:

Wir sterben für das Gefühl der Leichtigkeit, wenn alles geschafft ist – der Satz, der text, das leben.

Was uns antörnt:

Die schönen, drallen, saftig-feisten, welthaltigen Wörter, die vor dem inneren Auge einen ganzen Film ablaufen lassen – geschrieben, gedreht und produziert in einer einzigen ewigen Sekunde.

Was uns runterzieht:

Die Trägheit im Kopf, das Blei in den gliedern, das Graue im Grauen, das Dumpfe im Stumpfen, die Pragmatiker und die Praktiker, die Desillusionierten und Abgeklärten, die Schwerkraft der Vernunft.

Was wir hoffen:

Wir hoffen auf Halluzination und Hypnose, auf die plötzliche Begeisterung und die euphorische Energie, auf die traumwandlerische Sicherheit, wenn auf einmal alles von selbst geht, auf die blase, die niemals platzt.

Was wir fürchten:

Wir fürchten das Versiegen der Quelle, das große Vergessen, den irreversiblen Datenverlust, den Zwang, den wir uns auferlegen, das weiße Blatt in uns selbst;

Wir fürchten den Moment, in dem uns nichts mehr überraschen kann, das „I´ve seen it all“, die totale Übersättigung, die völlige Abstumpfung, die absolute Lustlosigkeit, das Abfinden mit der Realität, das Ende der Utopie.

Was uns den Atem nimmt:

Die heiße Luft um uns herum, die plötzlich implodiert, der frische Wind, der uns mit einem mal umbraust, uns durchweht und erfrischt, Der große Zerstäuber, den wir selbst entfesselt haben, der uns umwirft und uns mit sich davon trägt – mit unbekanntem Ziel.

Was wir fordern:

Der Schreibclub muss sich immer weiterdrehen. Eines Tages wird er stehen bleiben, wird sich aus seiner Umlaufbahn lösen und in die Sonne fallen. Doch noch ist es nicht soweit.


4. Schreibclub’sches Manifest

Dem Gemüsesuppentopf entdampft, aufgestiegen bis zum Alpenhauptkamm und als stürmischer Fön ins Unterinntal hinabgebraust, bewirkt unser Bund freudscher Menschen farbig kursive Gegröllawinen am laufenden Band.

Wir recken unsere Hälse zur Vogelschau, verabscheuen jedoch passionierte Falkner. Wir satteln das streundende Getier und erfreuen uns dennoch am Wildwuchs. Man mag fast meinen, wir alle sind zur Hälfte schizophren.

Regelmäßig werden dem abgestumpften, gelangweilt ins Nichts blickenden Weltenbürger heiße Ohrwaschelrennen kredenzt, um seinem verhärmten Körper intensive Eruptionen körpereigener Drogen aufzuzwingen. Komplett ausradiert, wird die Unlust von einem anhaltenden, freischwebenden Glückstaumel fett überschrieben. Und das alles ist lediglich Nebenwirkung.

Gegen das was der Schreibclub eigentlich forciert sind Menschenrechte nichts.